Die Wikinger und Alfred der Große

Im Jahr 871 n. Chr. beherrschten die Wikinger beinahe ganz England. Die „Great Heathen Army“, angeführt von Ivar dem Knochenlosen und seinem Bruder Halfdan, hatte seit 865 n. Chr. weite Teile der britischen Inseln gewaltsam unter ihre Kontrolle gebracht. König Aelle, der König von Northumbria, war von ihnen 869 getötet worden. Edmund, der Herrscher von East-Anglia nur ein Jahr später. An ihrer Stelle waren englische Vasallenkönige eingesetzt worden, die vollständig unter der Kontrolle der Sieger standen. Das Königreich Wessex, angeführt von Alfred dem Großen, leistete ihnen jedoch erbitterten und schließlich erfolgreichen Widerstand.

Im ersten Artikel dieser zweiteiligen Serie haben wir gesehen, wie die „Great Heathen Army“ beinahe ganz England erobern konnte. Lesen Sie nun im zweiten und letzten Teil, wie es dem legendären englischen König Alfred dem Großen gelang, der als unbesiegbar geltenden Streitmacht aus Skandinavien Einhalt zu gebieten.

Die Wikinger greifen wieder an

Nach ihren ersten Erfolgen konnten die Wikinger relativ gefahrlos auf englischem Boden überwintern. Angespornt durch die Siegesmeldungen fanden sich immer mehr abenteuerlustige und beutehungrige Nordmänner, die die zweitägige Überfahrt von Dänemark nur zu gerne auf sich nahmen um sich ihren Landsleuten anzuschließen. Es gelang ihnen nach einer kurzen, aber heftigen Offensive im Jahr 871, Wessex zu einem Friedensvertrag zu zwingen.1 Die vollständige Eroberung des Königreiches musste jedoch auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Das Wikingerheer schlug sein Lager vorerst in Repton auf. Von dort aus eroberte es 874 Mercia, bevor sie sich in zwei Gruppen teilte. Halfdan zog mit seinen Männern Richtung Norden, wo sie Land eroberten und damit begannen, Landwirtschaft zu betreiben..2 Die dort gegründeten Siedlungen sollten noch lange Zeit Bestand haben und die Grundlage für das sogenannte „Danelag“ werden sollte – ein Gebiet, das für lange Zeit immer neuen Siedlern aus Skandinavien als Heimat dienen sollte.

Rekonstruierte Häuser im Wikingermuseum Haithabu

Haithabu in Schleswig – Rekonstruierte Wikinger-Häuser

Neue Invasionen von Wessex

Wessex war nun wieder in ernsthafter Gefahr. Ein großes Wikingerheer begann 875 eine zwei Jahre dauernde Invasion. Im Laufe dieses Ereignisses entschieden sich jedoch immer mehr Nordmänner dazu, Höfe zu errichten und zu Siedlern zu werden.3 Kein Wunder: In ihrer Heimat mussten die Skandinavier mit kargen Böden und einem unbarmherzigen Klima zurechtkommen. Hier, auf der britischen Hauptinsel, lagen die Verhältnisse gänzlich anders. Die Zustände hier mussten den Männern aus dem rauen Norden geradezu paradiesisch erschienen sein. Und wer Land bestellte, musste nicht immer und immer wieder sein Leben in der Schlacht riskieren. Deutliche Vorteile für die Familiengründung hatte diese Lebensweise außerdem.

Im Jahr 878 startete eine so deutlich verringerte Streitmacht eine dritte Invasion von Wessex. Dieses Mal konnten sie König Alfred sogar ins Exil in die Sümpfe von Somerset treiben. Dort sollte er jedoch nicht lange bleiben.

Alfred erobert sein Königreich zurück

Der englische König war keineswegs dazu bereit, sich mit seinen anfänglichen Niederlagen abzufinden. In nur wenigen Wochen sammelte er ein beeindruckendes Heer um sich und stellte die Wikinger bei Edington in Wiltshire zur Schlacht. Dieses Mal triumphierten die verbissen kämpfenden Engländer. Die Wikinger mussten sich in ihr befestigtes Lager zurückziehen, wo sie belagert wurden. Schließlich mussten sie ausgehungert aufgeben. Die Anführer der Nordmänner ließen sich daraufhin Taufen und die Kämpfe fanden (vorerst) ihr Ende.4 Es ist anzunehmen, dass viele Angehörige des Heeres dem Vorbild ihrer Anführer folgten – eine wichtige Voraussetzung für die nun stattfindende Integration der Skandinavier, die in den meisten Fällen zu Siedlern wurden.

Alfred war das gelungen, was für viele seiner Vorgänger tödlich oder im Exil geendet hatte: Die Wikinger aufzuhalten. Er war der letzte König, der einer vollständigen Eroberung Englands durch die Nordmänner noch im Weg stand. Durch sein entschlossenes Handeln konnte er verhindern, dass sich sein Heer vollständig auflöste. Stattdessen vermochte er es, neue Hoffnung und neuen Kampfgeist in den Herzen seiner Männer zu erwecken.

Die Skandinavier hatten dem Land dennoch dauerhaft ihren Stempel aufgedrückt. Mit ihren zahlreichen Siedlungen sollten sie großen kulturellen Einfluss auf die englische Geschichte nehmen. Viele vermischten sich schließlich mit der einheimischen Bevölkerung. Und noch heute lassen die nordisch klingenden Ortsnamen (endend auf -by) auf dem Gebiet des ehemaligen Danelags den Einfluss der Wikinger erkennen.

Literatur:

Keynes, Simon: Die Wikinger in England (um 790-1016). In: Sawyer, Peter (Hrsg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. Hamburg, 2008.

1Vgl. Keynes, Simon (2008). S. 64.

2Vgl. Ebd. S. 65.

3Vgl. Ebd., S. 65-66.

4Vgl. Ebd. S. 67.

Advertisements

Die „Great Heathen Army“ – oder wie die Wikinger um ein Haar ganz England eroberten

„A.D. 865. This year sat the heathen army in the isle of Thanet,

and made peace with the men of Kent, who promised money

therewith; but under the security of peace, and the promise of

money, the army in the night stole up the country, and overran

all Kent eastward.1

Mit diesen Worten wird in der Anglo-Saxon Chronicle der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen beschrieben, die weitreichende Folgen sowohl für England als auch für Skandinavien haben sollten. Im Jahr 865 erreichte die sogenannte „Great Heathen Army“ England. Erleben Sie in dieser Serie hautnah mit, wie die Wikinger durch mehrere englische Königreiche zogen, Tribute einforderten und Könige zu Fall brachten, bevor ihnen schließlich doch noch Einhalt geboten werden konnte.

Wikinger

Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langbooten.

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit der Frage, woher die „Great Heathen Army“ wahrscheinlich stammte, wer sie anführte und zeigt auf, wie sie in kurzer Zeit mehrere Königreiche zu Fall brachte.

Der Ursprung der „Great Heathen Army“

Über die genaue Herkunft und Zusammensetzung der Armee besteht in der Forschung bis heute keine Einigkeit. Einige meinen, es handelte sich um eine aus Dänemark stammende Armee. Andere Forscher vertreten die Ansicht, dass es sich um einen Zusammenschluss von Wikingern handelte, die zuvor im Frankenreich und in Irland aktiv waren. Als gesichert gilt nur, dass es sich um ein relativ großes Aufgebot gehandelt haben muss. Zum jetzigen Zeitpunkt wird von zwei- bis dreitausend Kriegern, Männern wie Frauen, ausgegangen. Angeführt wurde das Heer von mehreren, hochrangigen Wikingern. Dazu zählten Halfdan und Ivar der Knochenlose, beides Söhne des legendären Ragnar Lodbrok.

Kent, East-Anglia und Northumbria werden überrannt

Der Ansturm der Wikingerarmee scheint die englischen Herrscher gänzlich unvorbereitet getroffen zu haben. Zwar waren zuvor bereits Angriffe von Plünderern abgewehrt worden. Auf eine derart große Zahl von Angreifern war man aber offensichtlich nicht vorbereitet.

Nur ein Jahr nach der Eroberung von Kent befand sich das Heer bereits in East-Anglia, dass sich den Angreifern ergeben hatte. Strategisch besonders bedeutsam ist die Textstelle „they were soon horsed“. Sie besaßen nun Pferde für den Transport, für Aufklärung und den Einsatz im Kampf.

Die Wikinger blieben nicht in East-Anglia. 867 überschritten sie den Humber und begannen die Invasion von Northumbria. Begünstigt durch die Thronstreitigkeiten zwischen den Königen Osbert und Aella machten sie schnell Fortschritte und standen schließlich vor den Toren Yorks. Doch obwohl sich beide Herrscher im Angesicht der großen Bedrohung zusammenschlossen, konnten sie die Wikinger nicht bezwingen. Beide Könige fielen in der Schlacht und York wurde eingenommen.2

Mercia, Hilfe aus Wessex und eine überraschende Kapitulation

868 stießen die Wikinger weiter in Richtung Süden vor und fielen in Mercia ein. Ihr Winterlager schlugen sie bei Nottingham auf. König Burhred von Mercia wusste, dass er die Angreifer alleine nicht würde besiegen können. Er wandte sich hilfesuchend an Ethelred, den König von Wessex und dessen Sohn Alfred. Diese erklärten sich einverstanden. Doch schon kurz nachdem das englische Heer nach Mercia gezogen war stellte sich heraus, dass sich die Einwohner des Landes bereits unterworfen hatten. So kam es zunächst zu keinen größeren Kämpfen zwischen den beiden Heeren.3

Eine (vorläufige) Verschnaufpause

Wie die Wikinger konkret auf die Armee aus Wessex reagiert haben, wird in der Anglo-Saxon Chronicle nicht erwähnt. Überliefert ist aber Folgendes: Im Jahr 869, ein Jahr nach der Eroberung von Mercia, begab sich das Wikingerheer zurück nach York. Es sollte ein Jahr dauern, bis sich die Wikinger auf weitere Eroberungszüge begaben.

Es ist durchaus beachtlich, wie schnell und mühelos die Wikinger gleich mehrere englische Königreiche in die Knie zwangen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen zeigt der Zusammenschluss zu einem großen Heer (zumindest auf Zeit), dass sich die Wikinger der Bedeutung zahlenmäßiger Überlegenheit bewusst waren und sie zu nutzen wussten. Sie passten sich zudem flexibel neuen Gegebenheiten an. So besorgten sie sich kurzerhand Pferde und waren in der Lage, befestigte Stellungen zu belagern und einzunehmen. Ihr schnelles Vorgehen ließ den Herrschern dabei kaum Zeit für Vorbereitungen. Die englischen Armeen dieser Zeit, die sog. Fyrd, setzten sich aus der wehrpflichtigen Bevölkerung der jeweiligen Landesteile zusammen. Das waren weder professionelle Krieger, noch konnte man sie in kurzer Zeit versammeln. Dazu kam, dass den Wikingern in dieser Zeit ein schrecklicher Ruf vorauseilte. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit angesehen. Kein Wunder, dass die Kampfkraft der angelsächsischen Aufgebote zu dieser Zeit nicht wirklich gut war.

All dies sollte sich jedoch schon bald ändern. Insbesondere Alfred, der junge Thronfolger aus Wessex, sollte den Wikingern einiges mehr an Widerstand entgegensetzen.

 

2Vgl. Ebd.

3Vgl. Ebd.

Quelle:

http://omacl.org/Anglo/

Piraten des Mittelalters

Das drittälteste Gewerbe der Welt verhieß bereits seit der Antike all jenen ein Einkommen, die gewillt waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und anderen das ihre sowie ihre Besitztümer zu nehmen. Beute fanden die Seeräuber zu allen Zeiten reichlich, zur See wie an Land. Die grundsätzlichen Strukturen und Vorgehensweisen unterschieden sich im Mittelalter kaum von denen, die sich von 17. bis zum 18. Jahrhundert finden lassen- von der Waffentechnik einmal abgesehen.

Wikinger: Seeräuber des Nordens

Die Nordmänner waren wahre Meister der Kriegführung zur See und im Durchführen schneller Überfälle. Sogar Belagerungen und offene Schlachten fürchteten sie nicht. Ihre Unerschrockenheit brachte ihnen schnell einen furchterregenden Ruf ein. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden innerhalb der christlichen Königreiche betrachtet. Ihre Langschiffe waren allen anderen Schiffen ihrer Zeit weit voraus. Bei schneller Fahrt sorgte die Anordnung der Planken dafür, dass Luft unter den Rumpf geleitet wurde und sich dort zwischen Schiff und Wasser schob. So waren ungewöhnlich hohe Geschwindigkeiten erreichbar. Der geringe Tiefgang sorgte zudem dafür, dass die Wikinger selbst auf kleinen Flüssen Ziele erreichen konnten, die weit im Inland lagen.

Die Piratenschiffe des Mittelalters

Das Design der Langschiffe wurde von einigen Seefahrern noch lange Zeit beibehalten. Im Hoch- und Spätmittelalter wurde vor allem die Kogge verwendet, die in unterschiedlichen Größen gefertigt wurde. Dieser Schiffstyp besaß einen größeren Tiefgang als das Langschiff und konnte weit mehr Ladung aufnehmen. Es war zwar langsamer als die Langschiffe, dafür aber weit stabiler. An Bug, Heck sowie am Hauptmast befanden sich Plattformen, von denen aus gekämpft werden konnte. In einer Seeschlacht nahmen die Koggen zunächst Fahrt auf und rammten anschließend das gegnerische Schiff. Anschließend kam es zum Kampf Mann gegen Mann. In manchen Fällen wurden Koggen beim Aufprall derart beschädigt, dass sie sanken. Für die Piraten war dies, zumindest bei Kaperfahrten, jedoch nicht das gewünschte Ziel.

Kogge_stralsund

Kogge auf dem Siegel von Stralsund

Eustache le Moine – ein Mönch als Pirat

Eustache war ein flämischer Mönch, der im Auftrag der englischen Krone französische Schiffe überfiel. Er operierte vor allem von der englischen Südküste sowie den Kanalinseln aus. Seine Gier nach Beute ließ ihn jedoch bald auch englische Schiffe ins Visier nehmen. 1212 musste er aus England fliehen und stellte sich sogleich in den Dienst des französischen Königs Philipp II. In seinem Auftrag sollte er die geplante Invasion Englands anführen. In der folgenden Seeschlacht unterlag die französische Flotte allerdings. Eustache wurde gefangen genommen und noch auf See enthauptet.

EustaceTheMonk

Eustache in der Schlacht von Sandwich 1217. Chronica Majora des Matthäus Paris (1200–1259).

Die Vitalienbrüder

Im 14. und 15. Jahrhundert wurde der Nord- und Ostseeraum von einer Gruppe unsicher gemacht, die „Vitalienbrüder“ genannt wurde. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts taucht außerdem die Bezeichnung „Likedeeler“ auf, was so viel wie „Gleichteiler“ bedeutet. Die Beute könnte also zu gleichen Teilen unter der Besatzung aufgeteilt worden sein, ähnlich den späteren Piratengenerationen.

Ursprünglich handelte es sich bei dieser Gruppe um Söldner, die keinen Sold erhielten. Stattdessen waren sie selbst dafür verantwortlich, sich ihre Beute zu sichern. Dies war derart lohnenswert, dass sie sich dieser Beschäftigung auch außerhalb offizieller Kriegszüge widmeten. Wer nun denkt, es hätte sich hierbei ausnahmslos um namenlose Räuber gehandelt, liegt falsch. Eine nicht geringe Zahl rekrutierte sich aus dem Landadel des Nordens. Gödeke Michels, Klaus Störtebeker, Henning Wichmann, Klaus Scheld und Magister Wigbold sind nur ein paar namhafte Persönlichkeiten, die als Anführer auftraten. Zusammen mit nichtadeligen Piraten bildeten sie sogenannte Bruderschaften.

Die Vitalienbrüder operierten so gut wie immer in Kooperation mit Territorialherrschern. Sie waren sowohl im Auftrag von Mecklenburg als auch Dänemarks tätig. Im Nordseeraum arbeiteten sie vor allem mit den ostfriesischen Häuptlingen zusammen, die ebenfalls Piraterie betrieben.

Es liegt nahe, dass die Piraten immer wieder in Kontakt mit den Kaufleuten der Hanse kamen. Diese setzte zwar selbst immer mal wieder auf den Dienst der Seeräuber. Da jedoch immer mehr Schiffe der Hanse Opfer von Überfällen wurden wuchs mehr und mehr der Wunsch, dem Treiben der Piraten ein Ende zu setzen. Die Hanse setzte zu diesem Zweck immer wieder Friedensschiffe ein. Diese waren allerdings teuer, ihre Zahl dementsprechend klein. So blieb die Situation erst einmal, wie sie war.

Das Ende der Vitalienbrüder

Nur ein entschlossenes Vorgehen konnte der Piratenplage ein Ende bereiten. Dies war bekannt, doch musste erst der Leidensdruck hoch genug werden. Gotland, seit Ende des 14. Jahrhunderts eine reine Seeräuber-Insel, wurde 1398 durch eine Flotte des Deutschen Ordens eingenommen. Die Hanse übte unterdessen Druck auf die Ostfriesen aus, die schließlich ihre Unterstützung der Vitalienbrüder einstellten. Die Kaufleute rangen sich nun endlich dazu durch, eine Flotte auszurüsten. Diese stach von Lübeck aus in See und besiegte die Seeräuber auf der Osterems. Einige Anführer konnten zunächst entkommen, wurden aber später gestellt und getötet oder gefangen genommen. Am Leben gelassen wurde letztlich keiner der gefangenen Piraten. Die Städte wollten ein Exempel statuieren. Genutzt hat es freilich nichts. Auch nach dem Ende der Vitalienbrüder kam es immer wieder zu Überfällen auf Handelsschiffe.

Stoertebeker2

Klaus Störtebeker wird 1401 als Gefangener nach Hamburg gebracht. Nach einem Holzstich von Karl Gehrts (1877).

Die Ursachen der Piraterie

Die einen besitzen viel, die anderen wenig oder nichts. Wurde die Armut immer drängender, weckten offen zur Schau gestellter Reichtum und reiche Handelsverbindungen schon im Mittelalter Begehrlichkeiten. Dabei war es unerheblich, ob ein Seeräuber von adliger Abstammung war oder nicht. Ähnlich den Raubrittern zu Land sahen verarmte Adlige in der Piraterie eine Möglichkeit, mit Hilfe ihrer von Kindesbeinen an erlernten Fähigkeiten ihren Lebensunterhalt zu sichern. Eben diese Fähigkeiten sorgten dafür, dass sie die Raubzüge anführten und zur Anlaufstelle auch für viele Nichtadelige wurden, die ansonsten verhungert wären. So erklärt sich auch, warum aller Einsatz der Städte und Staaten nicht dazu führte, dass die Piraten restlos verschwanden. Es war zudem nicht besonders hilfreich, dass immer wieder Kaperbriefe vergeben wurden. All dies sollte nicht nur kein Ende finden, sondern sich viele Jahrhunderte fortsetzen – auf allen Meeren der Welt.

Grabhügel – Übergänge in die Anderswelt

Bestattungsriten sind so alt wie die Menschheit selbst. Schon die frühesten Menschen beerdigten ihre Toten und es gibt deutlich Hinweise darauf, dass auch der Glaube an ein Leben nach dem Tod seine Wurzeln in der Frühzeit der menschlichen Gesellschaften hat. Ein solcher Glaube ist nicht ohne Bedeutung für die Art der Bestattung. Insbesondere dann nicht, wenn ein physisches Weiterleben in der nächsten Welt erwartet wird. In einem solchen Fall macht es durchaus Sinn, dem Verstorbenen all die Dinge mit auf den Weg zu geben, die er auch im nächsten Leben benötigen wird. Auch im frühen Mittelalter lebten diese Traditionen in Europa fort.

Übergänge in die andere Welt

Bei den alten Religionen Nord- und Westeuropas spielten die Natur und insbesondere Naturphänomene besondere Rollen. Bäume, Flüsse, Seen, Wiesen – alles besaß eine spirituelle Bedeutung. Übergänge in die jenseitige Feld konnten sich an vielen Orten befinden. Besonders baten sich hier Höhlen an, die auch als Wohnorte von göttlichen Wesen dienen konnten. Mit Nebel bedeckte Wiesen konnten den Übergang in die Anderswelt kennzeichnen. Die Verbindung der Menschen dieser Zeit zur Natur war also eine ganz besondere. Es verwundert daher nicht, dass sich die Grabstätten dieser Zeit häufig innerhalb der Natur befanden. Ein deutlicher Unterschied zu den christlichen Gräbern des Mittelalters, die sich in der Regel in der direkten Nachbarschaft einer Kirche befanden. Eines haben aber beide Begräbnisformen gemeinsam: Es geht darum, sich in der Nähe besonderer, spiritueller Orte zu befinden um in das Leben nach dem Tod gelangen zu können.

Die Grabstätten der alten Welt

Monumentale Grabstätten lassen sich in allen Epochen der Menschheitsgeschichte und in allen Erdteilen finden. Im Bereich Nordeuropas wurden die Toten seit der Steinzeit häufig in Steingräbern oder unter Grabhügeln bestattet. Diese Tradition fand auch im frühen Mittelalter noch weite Verbreitung. Grabhügel war jedoch nicht gleich Grabhügel. Tacitus schreibt über die Germanen, sie hätten ihre Toten verbrannt und die Asche anschließend unter einem Hügel beigesetzt. Es sind aber auch beeindruckende Grabkammern aus Holz und Stein entdeckt worden, die neben dem unverbrannten Leichnam zahlreiche Grabbeigaben enthielten. Neben kostbaren Schmuckstücken, Waffen, Haushaltsgegenständen und sogar kompletten Streitwagen fanden die Archäologen auch geopferte Tiere und sogar Sklaven, die ihrem Herren mehr oder weniger freiwillig ins nächste Leben folgen sollten. Die Innenseiten der Grabkammern waren in besonderen Fällen mit kunstvollen Schnitzereien oder Gravuren verziert. Es wurde davon ausgegangen, dass der Tote körperlich wieder auferstehen wird und dann all das brauchen wird, was ihm bereits in seinem alten Leben lieb und teuer war. Dementsprechend richtete sich Umfang und Wert der Beigaben nach dem jeweiligen Status des Verstorbenen. Diese Form der Bestattung war dabei nicht für die Männer reserviert. Es wurden auch Gräber bedeutender Frauen gefunden, deren Grabbeigaben denen der Männer in nichts nachstanden. Die bedeutendsten Gräber konnten wahrlich beeindruckende Ausmaße annehmen. Es wurden Hügel mit bis zu 100 Meter Durchmesser und über 10 Meter Höhe gefunden.

SHIP_MED

Ausgrabung des Sutton Hoo-Schiffs, 1939

Besondere Formen der Grabhügel wurden für besonders bedeutende Wikingerherrscher und -herrscherinnen errichtet. Diese wichtigen Persönlichkeiten wurden mitsamt kompletter Langschiffe bestattet. Schiffe gehörten zu den wertvollsten Besitztümern eines Herrschers. Kein Wunder dass davon ausgegangen wurde, dass er dieses auch im nächsten Leben benötigen wird. Insbesondere den Ausgrabungen von Sutton Hoo in England und Oseberg in Norwegen ist zu verdanken, dass wir einen Einblick in dieses Bestattungsritual nehmen können. In einigen Fällen wurde das Schiff samt seiner wertvollen Ladung auch verbrannt, bevor es mit Erde überhäuft wurde. Die archäologischen Befunde decken sich dabei weitgehend mit den Überlieferungen von Augenzeugen wie Saxo Grammaticus und dem islamischen Gelehrten Ibn Fadlan.

Osebergschiff.jpg

Ausgrabung des Oseberg-Schiffs

Die Angst vor den lebenden Toten

Tod und Sterben waren seit jeher Themen, die nicht nur Anlass zur Trauer gaben, sondern auch Furcht auslösten. Insbesondere die Angst vor lebenden Toten spielte hier eine bedeutende Rolle. Insbesondere die Christen sahen in den alten Grabstätten Orte des Bösen. Besonders verbreitet war die Angst vor Grabunholden, die „draugr“ genannt wurden, was sich als „schädlicher Geist“ übersetzen lässt.

Vor Grabräubern schützten aber auch dieser Aberglauben nicht – viele Gräber wurden geplündert. Wohl auch einer der Gründe dafür, den Toten und seine Wertgegenstände zu verbrennen.

Die Christen und das Verschwinden der Grabhügel

Die Verbreitung des christlichen Glaubens bedeutete letztlich das Ende der alten Bestattungsriten. Die Toten wurden nun nur mit einem Totenhemd bekleidet in der Nähe der christlichen Kirchen begraben. Irdische Besitztümer konnten sie im Leben nach dem Tod ohnehin nicht gebrauchen. Das dennoch auch in christlichen Gräbern dieser Zeit teilweise noch Grabbeigaben gefunden wurden lässt aber darauf schließen, dass sich die alten Traditionen nicht sofort aus den Köpfen verbannen ließen und es einer gewissen Übergangszeit bedurfte, bevor die neuen Riten voll akzeptiert wurden.

Was blieb, sind beeindruckende Monumente einer Kultur, die fest von einem Leben nach dem Tod ausging. Diese Welt war nicht die letzte Station, sondern der Ausgangspunkt für eine Reise, die erst beginnt. Eine Vorstellung, die die Menschen bis in die heutige Zeit begleitet und im Umfeld der Religionen heute genauso aktuell ist wie in allen vergangenen Epochen der Menschheitsgeschichte.

Literatur:

Arnulf Krause: Die wirkliche Mittelerde. Tolkiens Mythologie und ihre Wurzeln im Mittelalter. Konrad Theiss Verlag GmbH, 2012.

Der Kampf zur See im Mittelalter

Seeschlachten sind in der Militärgeschichte stets mit großem Interesse untersucht worden. Ob Antike oder Neuzeit – Aufzeichnungen über Taktik und Vorgehensweise sind zahlreich zu finden. Die Quellenlage für das Mittelalter ist weniger günstig. Dennoch möchte ich in diesem Artikel einen kleinen Überblick über die Seeschlacht im Mittelalter geben. Dabei muss unterschieden werden zwischen Früh-, Hoch- und Spätmittelalter und zudem der geografischen Region. Als Beispiel sollen hier zunächst die Wikinger dienen, erfahrene Krieger zur See und Pioniere im Schiffbau. Weiterhin ist die Zeit der Hanse von Bedeutung, hier insbesondere die Koggen und ihr Einsatz in Seegefechten. Schließlich möchte ich auf die Schiffe des späten Mittelalters eingehen, die zum Teil bereits einige Ähnlichkeiten mit den Schiffen des 18. und 19. Jahrhunderts aufwiesen.

Die Wikinger – Pioniere auf See

Wikinger

Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langboote

Im frühen Mittelalter gab es in Europa kein seefahrendes Volk, das auch nur entfernt mit den Wikingern verglichen werden kann. Die Langschiffe dieser erfahrenen und überaus erfolgreichen Krieger waren Meisterwerke der Schiffsbaukunst und taktisch äußerst vielseitig einsetzbar. Sie konnten nicht nur auf dem Meer, sonder aufgrund ihres geringen Tiefgangs auch in küstennahen Gebieten und sogar auf Flüssen eingesetzt werden. Sie waren dementsprechend für schnelle Anlandungen bestens geeignet. Auch Schlachten zwischen Wikingerflotten sind überliefert. Die unterschiedlich großen Schiffe wurden dazu aneinander vertäut und bildeten so hölzerne Plattformen, auf denen gekämpft wurde. Wer den Gegner im Nahkampf bezwingen konnte, gewann das gegnerische Schiff. In diesem Kontext gewinnen auch spielerische Übungen der Wikinger an Bedeutung, beispielsweise das Laufen auf den Rudern bei voller Fahrt.

 

Die Koggen – Schwimmende Festungen

Die Koggen des Hochmittelalters waren wesentlich schwerfälliger als die schnellen Langboote. Dementsprechend unterschied sich die Taktik, in deren Rahmen sie eingesetzt wurden. Koggen verfügten über relativ hohe Bordwände. Am Bug und am Heck befanden sich hölzerne Kastelle, die Schutz vor Geschossen boten. Auch vom geschützten Mastkorb aus wurde gekämpft. Der Kampf zwischen Koggen begann in der Regel damit, dass die Schiffe aufeinander zu segelten und versuchten, eine möglichst hohe Geschwindigkeit zu erreichen. Diese war wichtig, um dem Gegner einen möglichst heftigen Rammstoß zu verpassen und im besten Fall direkt zu versenken. Passierte dies nicht, kam es zunächst zu einem Schusswechsel mit Pfeilen, Bolzen und Büchsengeschossen. Anschließend wurden die Schiffe mit der Hilfe von Enterhaken fixiert und es kam zum Kampf Mann gegen Mann. Wichtig zu beachten ist, dass es beim Koggenbau keine Einheitsgröße gab. Das bedeutet, dass es durchaus bedeutende Größenunterschiede geben konnte und ein Kampf damit unter Umständen schon im Vorfeld entschieden war.

Kogge_stralsund

Galeeren – nicht nur in der Antike eingesetzt

Insbesondere im Mittelmeer bildeten die Galeeren das Rückgrat byzantinischer, italienischer, spanischer/portugiesischer und sarazenischer Flotten. Wie ihre antiken Vorbilder wurden sie sowohl durch Segel als auch durch Ruder angetrieben und verfügten über einen Rammsporn am Bug. Im späten Mittelalter wurde auf ihnen auch Kanonen eingesetzt, die allerdings nur nach vorne bzw. hinten feuern konnten. Sie waren relativ schnell und wendig, allerdings auch anfällig für raue See. Dieser Schiffstyp wurde auch im 17. Jahrhundert noch eingesetzt. Das Hauptaugenmerk im Kampf lag bei den Galeeren darin, gegnerische Schiffe zu entern. Zu diesem Zweck befanden sich neben den Ruderern und Seeleuten zahlreiche Soldaten an Bord.

Battle_of_Lepanto_1571

Die Schlacht von Lepanto 1571

Das Spätmittelalter und die Weiterentwicklung des Schiffbaus

Mit der Einführung der Pulverwaffen veränderte sich die Taktik zur See nach und nach. Langbögen, Armbrüste und Handbüchsen waren nur der Anfang. Mit der Erfindung der Kanone boten sich für Schiffe ganz neue Möglichkeiten der Bewaffnung. Dazu waren allerdings zunächst neue Konstruktionsarten notwendig. Während die Galeeren wie bereits erwähnt nur nach vorne und hinten feuern konnten, setzten sich im Westen bald Schiffe durch, die ganze Breitseiten abfeuern konnten. Die Kanonen wurden dazu an der Schiffswand platziert, später dann auf mehreren übereinander liegenden Decks. Das diese Art der Konstruktion anfangs noch Probleme machte, lässt sich beispielsweise am Beispiel der Mary Rose, dem Flaggschiff des englischen Königs Heinrich VIII., zeigen. Bei einem scharfen Wendemanöver während der Schlacht von Solent 1545 drang durch eine der nah an der Wasserlinie liegenden Geschützluke Wasser ein. Das Schiff kenterte vor dem Augen des Königs.

AnthonyRoll-2_Mary_Rose.jpg

Die Mary Rose. Darstellung von 1546.

Auch nach Ende des Mittelalters kam es noch zu Unfällen, die in direkten Zusammenhang mit einer fehlerhaften Konstruktion gebracht werden können. 1628 sank die schwedische Galeone „Vasa“ auf ihrer Jungfernfahrt (nach ca. einem Kilometer), da ihr Schwerpunkt deutlich zu hoch lag. Briten und Holländer schafften es aber im 17. Jahrhundert, hochseetaugliche und schlagkräftige Schlachtschiffe zu bauen und einzusetzen. Mit ihnen Begann eine neue Ära der Kriegführung zur See.

Haithabu – Aufstieg und Fall einer nordeuropäischen Stadt

„Manche unserer Besucher wollen in diesem Museum die Welt von Haithabu als eine Abfolge bunter Bilder betrachten können, auf denen womöglich prachtvolle Wikingerhelden, hehre Frauen und viel Wikingervolk in effektvollen Szenen eines phantastischen Geschehens agieren.“1

Was Hildegard Elsner in ihrem Buch über das Museum Haithabu (dän./schwed. Hedeby) im heutigen Schleswig bereits in den frühen 90er Jahren geschrieben hat kann unverändert für alle Epochen gelten, in denen sich die Menschen mit den Völkern aus dem Norden beschäftigt haben. Auch moderne Darstellungen, wenngleich vordergründig um Authentizität bemüht, folgen zumeist den publikumswirksameren Präsentationsformen und Vorstellungen. Haithabu ist ein interessantes Beispiel dafür, wie die Menschen damals tatsächlich gelebt haben.

Gründung und erste Bautätigkeit

Ein genaues Gründungsdatum für die Siedlung lässt sich nicht ausmachen. Für 737 können erste Bautätigkeiten am Danewerk in der Region nachgewiesen werden, einem 30 km langen Wall- und Grabensystem zum Schutz vor Feinden aus dem Süden. 808 wurden Händler auf Befehl des dänischen Königs Göttrik nach Haithabu umgesiedelt. Ab 811 kann dann von einer geplanten Bautätigkeit in der Siedlung selbst sprechen.2 Das gesamte Stadtgebiet umfasste 24 ha.3

Blick auf das ehemalige Siedlungsgelände

Blick auf das ehemalige Siedlungsgelände

Wirtschaftliche Bedeutung

Aufgrund seiner Lage war Haithabu sowohl ein bedeutender Handels- als auch Militärstützpunkt. Regiert wurde es von einem sogenannten Wikgrafen, der vom König bestimmt wurde.4 Ihr Wachstum verdankt die Stadt vor allem dem Handel. Die Handelsrouten reichten bereits damals sehr weit, von Island im Nordosten bis Konstantinopel im Südwesten. Auch stießen die Händler aus dem Norden weit in den Osten vor, weit über Kiew hinaus. Transportiert wurden die Waren in großen Fässern. Entgegen mancher Vorstellungen wurde bereits mit Münzen bezahlt, die entweder gezählt (West- und Mitteleuropa) oder abgewogen (Ostseeraum) wurden. Sehr interessant sind die Preisverhältnisse. Während für ein Schwert 126 Gramm Silber fällig wurden, kostete eines mit Scheide bereits 478 Gramm. Für einen Schild mit Lanze wurde 137 Gramm gezahlt. Wer sich besser schützen wollte, musste tiefer in den Geldbeutel greifen: Ein Helm kostete 410 Gramm Silber, ein Kettenhemd 820. Eine solche Ausrüstung konnten sich nur die Reichsten leiten, zumeist Angehörige der Oberschicht. Neben Waren wurden auch Sklaven gehandelt, die entweder auf Raubzügen entführt wurden oder die Stadt auf Handelswegen erreichten.5

Handwerk und Alltag

Die Häuser in Haithabu wurden vor allem aus Holz und Lehm gebaut. Der Bau erfolgte entweder in Flecht- oder in Bohlenbauweise. Fenster gab es keine, dafür eine Feuerstelle und eine Aufteilung in mehrere Räume. Die Haushaltsgegenstände waren zum größte Teil aus Holz, Leder und gebranntem Ton gefertigt. Metalle finden sich fast ausschließlich bei Schmuck und Waffen, die sich nur die reicheren Einwohner leisten konnten.6 Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Schadstoffbelastung der Luft innerhalb eines solchen Hauses sehr hoch war – trotz des stetigen Luftzuges innerhalb der Räumlichkeiten.

Die Wege innerhalb der Stadt waren mit Holzbohlen gepflastert, auf denen die Einwohner auch bei nassem Wetter (was in dieser Region häufig vorkommt) relativ trockenen Fußes zu ihrem Ziel gelangen konnten.

Die Dinge des täglichen Lebens wurden in der Regel direkt vor Ort hergestellt. Garn wurde mit Hilfe von handbetriebenen und hängenden Spindeln hergestellt. Aus dem Garn wurden anschließend mittels Hoch- und Trittwebstühlen Stoffe gewebt. So aufwendig diese Arbeit auch war, sie verblasst noch im Vergleich zu den Leistungen der Kunst- und Waffenschmiede. Schmuckstücke wurden von Männern und Frauen getragen. Hergestellt wurden sie zumeist aus Bronze, die in entsprechende Formen gegossen und anschließend geschliffen wurde. Wirft man einen Blick auf die vielen kleinen Details auf den Stücken bekommt man einen Eindruck von dem für die Herstellung nötigen Geschick. Nicht weniger eindrucksvoll sind die Prunkschwerter, die in Gräbern entdeckt wurden. Neben den kunstvollen Einlegearbeiten an Griff und Parier sind auch die Klingen beeindruckend, die in aufwendigen Schmiedeverfahren hergestellt wurden. Der Stahl musste viele Male gefaltet werden, um vorhandene Verunreinigungen zu entfernen.7

Ernährung

Gegessen wurde in erster Linie das, was in der Region angebaut bzw. gefischt werden konnte. Die Jagd spielte nach archäologischen Erkenntnissen keine bedeutende Rolle mehr. In Haithabu gehörte dazu viel Fisch, der in den Gewässern um die Siedlung (insbesondere der Schlei) gefangen wurde. Funde deuten darauf hin, dass vor allem Hornhecht, Hering, Scholle und Dorsch verzehrt wurden. Milch und Fleisch lieferten Rinder, die damals allerdings kleiner waren als heute. Eine Kuh wog ca. 600 kg und konnte im Jahr in etwa 500 Liter Milch geben.8 Auch die Schafe waren kleiner als ihre heutigen Verwandten, allerdings auch deutlich widerstandsfähiger. Neben Fisch und Fleisch waren Roggen, Hirse und Lein die wichtigsten Nahrungsquellen. Als Ergänzung des Speiseplans wurden Beeren, Pilze, Haselnüsse und Bucheckern gesammelt. Als Getränk konnte Bier nachgewiesen werden.9

Religion und Missionierung

Entgegen einiger gängiger Vorstellungen erfolgte die Christianisierung Skandinaviens recht schnell. Dies galt insbesondere für Haithabu, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den christlichen Gebieten weiter im Süden befand. Bereits 850 wurde eine Kirche in der Siedlung gebaut. 934 wurde König Chnuba von Heinrich I. besiegt und zur Taufe gezwungen. 948 erfolgte schließlich die Gründung der Bistümer Haithabu, Ribe und Arhus.10 Interessant ist, dass trotz der Christianisierung alte und neue Religion eine Zeit lang friedlich nebeneinander existierten. So wurden Gussformen für christliche Kreuze gefunden, die auf der Rückseite Formen für Thorshämmer besaßen.11

Entsprechend des Glaubens gestalteten sich auch die Begräbnisse. So wurde sowohl ein eindrucksvolles Bootkammergrab inklusive prunkvoller Grabbeigaben entdeckt als auch christliche Gräber.12

Verteidigung

Es versteht sich von selbst, dass sich eine reiche Siedlung verteidigen können musste. Haithabu war von einem halbkreisförmigen Wall mit einer Länge von 1.300 Metern umgeben, auf dem sich eine Palisade befand.13 Wie schon die Preise für Waffen und Rüstung deutlich machen, dürfen wir uns die Ausrüstung der Krieger als recht spartanisch vorstellen. Eine komplette Ausrüstung dürfte nur von Mitgliedern der Oberschicht getragen worden sein. Dies gilt ebenso für Schwerter. Der normale Krieger zog eher leicht gerüstet in die Schlacht, mit Axt, Speer und Schild. Auch Bögen wurden effektiv eingesetzt.

Das Ende Haithabus

Nach und nach verlor die Siedlung immer weiter an Bedeutung. Im späten 10. Jahrhundert war die Region vor allem Austragungsort von Schlachten der deutschen Könige gegen die Dänen. Für 1020 können letzte Neubauten in Haithabu nachgewiesen werden. 1050 wurde es durch den norwegischen König Harald Hardrade zerstört, 1066 erneut durch westslawische Truppen. Es wurde nicht wieder neu errichtet. Stattdessen begann man mit dem Aufbau der Stadt Schleswig.14 Dort kann heute im Wikingermuseum Haithabu Einblick genommen werden in eine faszinierende Epoche nordeuropäischer Geschichte.

Was bleibt?

Letztlich zeigt die Geschichte Haithabus den wahren Charakter des mittelalterlichen Nordens. Eine Gesellschaft, in der sich friedlicher Handel und Eroberungszüge nicht ausschlossen, der Krieg aber nicht der allein bestimmende Faktor war. Ein großer Teil der Bevölkerung lebte vor allem von Landwirtschaft, Handel und Handwerk. Die oft so romantisch-rustikal dargestellten Häuser des Nordens waren dunkel, zugig und schadstoffbelastet. Das Christentum wurde recht schnell übernommen, ohne den alten Glauben an Odin und Thor sofort aufzugeben. Stattdessen gab es eine zeitweise Koexistenz der Religionen. Ressourcen waren stets knapp, insbesondere für die Herstellung von Waffen und Rüstungen. Das Bild des Drachenbootes, aus dem zahlreiche Krieger in voller Rüstung springen, kann also nicht stimmen. Vielmehr zogen die Wikinger mit relativ einfacher Ausrüstung in den Kampf. Genauso ist das Bild der unbesiegbaren Elitekrieger in den Bereich der Mythen und Legenden einzuordnen.

Dennoch ist es bemerkenswert, wie gut die Menschen in der rauen Umgebung überleben konnten. Auch zeugen die weitreichenden Handelsbeziehungen von einer Globalisierung, die bereits sehr modern anmutet. Auch die Existenz eines Münzsystems zeigt die Modernität des Handels.

Rekonstruierte Häuser im Wikingermuseum Haithabu

1cf. Elsner (1992). S. 7.

2Vgl. Ebd. S. 14.

3Vgl. Ebd. S. 13.

4Vgl. Ebd. S. 16.

5Vgl. Ebd. S. 96.

6Vgl. Ebd. 25ff.

7Vgl. Ebd. S. 39-66.

8Vgl. Ebd. S. 70-71.

9Vgl. Ebd. S. 69.

10Vgl. Ebd. S. 14.

11Vgl. Ebd. S. 86.

12Vgl. Ebd. S. 74-75.

13Vgl. Ebd. S. 13.

14Vgl. Ebd. S. 14.

Literatur:

Elsner, Hildegard. Wikinger Museum Haithabu: Schaufenster einer frühen Stadt. Neumünster, 1992.

In eigener Sache:“Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

x-click-but04

Wikingerbegräbnisse – Met und Kampf nach dem Tod?

Die Frage danach, was den Menschen nach dem Tod erwartet, ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Antwort darauf unterscheidet sich jedoch häufig, ist nach Religion und Kulturkreis verschieden. Noch schwieriger wird es, wenn sich im Laufe der Jahrhunderte religiöse Vorstellungen vermischen und den Blick auf die ursprüngliche Version erschweren. Wenn es um die Begräbnisse im vorchristlichen Skandinavien geht, tritt dieser Fall häufig ein. Heute begegnet dem Interessierten häufig das gängige Vorurteil, dass sich alle toten Wikinger in der Halle Odins in Walhalla wiederfinden werden, um immerwährend zu kämpfen und sich den Met aus riesigen Trinkhörnern in den Rachen zu schütten.

"Walhall" von Emil Doepler, 1905.

„Walhall“ von Emil Doepler, 1905.

In der Realität des Frühmittelalters sahen die Vorstellungen allerdings ein klein wenig anders aus. Nicht ein Leben nach dem Tod erschien wichtig, sondern die zu Lebzeiten vollbrachten Taten:

„Besitz stirbt, Sippen sterben,

Du selbst stirbst wie sie;

Eins weiß ich, Das ewig lebt;

Des Toten Tatenruhm.“1

Dies bedeutete jedoch nicht, dass es keinen Glauben an ein Leben nach dem Tod gegeben hätte. Es heißt aber, dass längst nicht alle darauf hoffen konnten, in Odins Methalle auf Ragnarök warten zu dürfen. Dieses Privileg war den ruhmreich im Kampf gefallenen Kriegern vorbehalten.2 Kein Wunder, schließlich waren für den Kampf am Ende der Welt die besten gerade gut genug. Dies stellte nebenbei bemerkt keine Diskriminierung von Frauen dar, die bei den Skandinaviern durchaus mit in den Kampf zogen.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Neben Walhalla existierte noch „Hel“, ein dunkler Ort, an dem die restlichen Toten ein ewiges Dasein fristen müssen.3 Auch wenn Hel sehr an das englische „Hell“ erinnert, handelte es sich nicht um eine Hölle nach christlichem Verständnis. Vielmehr geht es dort relativ unspektakulär zu, die Toten erwarten hier das Ende aller Zeiten. Einem stolzen Krieger wäre aber der Aufenthalt in Hel wohl ähnlich unerträglich vorgekommen.

Die frühen Skandinavier glaubten außerdem daran, dass sie in körperlicher Form ihr neues Leben antreten würden. Dies steht im Gegensatz zu christlichen Vorstellungen, die von einem Weiterleben der Seele ohne den Körper ausgehen. Als Konsequenz fanden sich in Wikingergräbern Grabbeigaben, wie man sie auch aus anderen Kulturkreisen kennt. Je höher der soziale Stand, desto besser waren die Gräber ausgestattet. Fürsten und Könige wurden in großen Grabhügeln bestattet, inklusive Langschiff, Pferden, Waffen, Schmuck, Hunden, Vieh, Dingen des alltäglichen Lebens und sogar von einigen Dienern begleitet.4 Diese wurden im Rahmen des Begräbnisses getötet. Dabei musste dies nicht immer unter Zwang geschehen. In vielen Fällen begleiteten sie ihre Herren freiwillig ins nächste Leben. Eine Entscheidung, die die Tiere freilich nicht treffen konnten.

Das Schiff musste nicht zwangsläufig in einen Grabhügel eingebettet werden. Der islamische Schreiber Ahmed ibn Fadlan beschreibt, dass das Schiff nach der entsprechenden Ausstattung mit Beigaben in Brand gesetzt wurde.

Es wurden aber nicht immer Grabhügel aufgeschüttet oder gar ganze Schiffe eingegraben bzw. verbrannt. Es gab auch den Brauch, aus großen Steinen Schiffsformen um ein Grab herum zu formen. Symbolisch sollten aber sowohl die richtigen Langschiffe als auch ihre Entsprechungen aus Stein den oder die Toten ins Jenseits bringen, wo es ihnen an nichts mangeln sollte.5 Die tapferen Krieger benötigten insbesondere ihre Waffen, um Odin an Ragnarök im letzten Kampf beistehen zu können.

"Kampf der untergehenden Götter" von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

„Kampf der untergehenden Götter“ von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

Die alten Bräuche verschwanden, nachdem sich das Christentum mehr und mehr in Skandinavien ausbreitete. Interessant sind die zahlreichen Parallelen, die es zu Kulturen des Altertums gibt. Schiffe für die Seelen finden sich beispielsweise auch bei den alten Pharaonen. Darstellungen von sogenannten Totenschiffen finden sich sogar später noch in der christlichen Mythologie. Die Ausstattung der Toten für das nächste Leben begegnet den Archäologen bei einer Vielzahl von Kulturen, wenn auch hier die alten Ägypter eines der bekanntesten Beispiele sind. Und auch beeindruckende Grabmonumente lassen sich überall auf der Welt finden. Das Führen des richtigen Lebens, das Vollbringen ruhmreicher und guter Taten war ebenso universell wichtig. Dennoch scheint insbesondere das Christentum eine große Faszination auf die Skandinavier ausgeübt zu haben. Die Verheißung eines ewigen Lebens in Seligkeit für alle Menschen, nicht nur für die tapferen Krieger, sowie die Abkehr von einer nicht unwesentlich durch Gewalt geprägten Glaubenswelt scheinen für die Skandinavier ähnlich reizvoll gewesen zu sein wie für die germanischen Stämme vor ihnen.

1cf. Sörensen (2001). S. 226.

2Vgl. Ebd. S. 226-227.

3Vgl. Ebd. S. 226.

4Vgl. Ebd. S. 227.

5Vgl. Ebd. S. 227-228.

Literatur:

Sörensen, Preben Meulengracht. Alte und neue Religion. In: Peter Sawyer (Hg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 212-234.