Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 3 von 3

Sie haben in Teil eins und zwei dieser Serie erfahren, wie man sich im Mittelalter im Idealfall auf eine anstehende Belagerung vorbereitet hat. Sie wissen nun auch, wie der Proviant rationiert wurde und was getan werden musste, um die eigene Burg oder Stadt erfolgreich gegen Angriffe zu verteidigen. Doch was wurde getan, um der Angst, dem Terror und der ständigen Lebensgefahr zu begegnen?

Lesen Sie im dritten und letzten Teil dieser Serie, wie mit den enormen psychologischen Belastungen einer Belagerung umgegangen wurde.

belagerung_holzschnitt_1502

Belagerung einer Stadt, Holzschnitt von 1502

 

Überleben auf engstem Raum

Angst, Panik und Verzweiflung sind nur einige Beispiele für die extremen emotionalen Belastungen, die mit einer Belagerung einhergehen konnten. Die Verteidiger waren über einen relativ langen Zeitraum auf engstem Raum eingeschlossen. Ständig drohte Lebensgefahr. Zum einen durch immer neue Angriffe auf die Mauern, zum anderen durch den Beschuss durch die feindlichen Belagerungsmaschinen. Innerhalb der Befestigungen kursierten häufig Krankheiten. Verwundete und Kranke konnten meist nur notdürftig versorgt werden. Dazu kam, dass vieles von dem, was man sich lange Zeit aufgebaut hatte, jederzeit von der vollständigen Zerstörung bedroht war. Das schlimmste jedoch war die große Zahl der geliebten Menschen, die bereits Tod waren oder jederzeit den Tod finden konnten.

Wie Menschen auf derartige Belastungen reagieren, ist individuell verschieden. Dementsprechend gab es gleich mehrere Strategien, mit denen versucht wurde, das Ausbrechen von Panik oder Verrat von innen heraus zu verhindern.

Strategie 1 Abschreckung

Ein einziger Verräter innerhalb der Befestigung konnte diese bereits zu Fall bringen. Besonders dann, wenn er andere mit seinen Ideen ansteckte. Dementsprechend drakonisch waren die Strafen, die Verräter zu erwarten hatten. Folterinstrumente wurden noch vor Beginn der Belagerung öffentlich aufgestellt, um hier von vorneherein keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen.

Strategie 2 Ablenkung

Niemand kann über einen langen Zeitraum rund um die Uhr mit schrecklichen Eindrücken umgehen, ohne sich zumindest ab und zu davon abzulenken. Das wussten auch die Verteidiger des mittelalterlichen Neuss 1474/75. Obwohl sie bereits einige Zeit von der berüchtigten Armee des Burgunderherzogs Karl dem Kühnen belagert und beschossen wurden, richteten die Verteidiger inmitten des tödlichen Chaos fröhliche Reiterspiele aus. Das freudige Getöse wurde in der Stadt schließlich so laut, dass es auch einem englischen Söldner vor den Stadtmauern nicht verborgen blieb. Auf seine erstaunte Frage, wie die Neusser im Angesicht einer derartigen Bedrohung die Nerven für so etwas haben könnten, antworteten ihm die Wachen auf dem Mauern gelassen, dass man schließlich nicht die ganze Zeit in Angst leben könne. Dies habe auch der hartgesottene Söldner eingesehen und verstanden.

Strategie 3 Religion

Wohl kaum etwas kann Menschen stärker motivieren, als der Glaube an höhere Mächte. Wer einen Heiligen oder gar Gott auf seiner Seite glaubt, wird auch im Angesicht jeder noch so großen irdischen Bedrohung standhaft bleiben. Das galt in besonderem Masse für das Mittelalter. Kein Wunder also, dass religiösen Symbolen, Prozessionen und Gottesdiensten stets eine besondere Bedeutung zukam. Nicht selten war die Burgkapelle an der Stelle der Befestigung untergebracht, die der größten Gefahr ausgesetzt war. Reliquien wurden zu besonders hart umkämpften Mauerabschnitten getragen, um die Hilfe des Heiligen zu erflehen. Und besondere Reliquien, wie die heilige Lanze, dienten ganzen Heeren als Ankerpunkt im blutigen Chaos der Schlacht.

Strategie 4 Ein fähiger und angesehener Anführer

Jede Verteidigung stand und fiel mit den Fähigkeiten ihres Anführers. Eine charismatische Persönlichkeit, ausgestattet mit einer ausreichenden Machtfülle und einer entsprechenden Anzahl an loyalen Mitstreitern, konnte in schwierigen Situationen die Verteidiger motivieren und sie davon abhalten, aufzugeben. Denn immer verführerischer mutete einigen irgendwann der Gedanke an, das Leid und das Elend auf einen Schlag beenden zu können.

Der menschliche Faktor war entscheidend

Wie wir sehen, hing der Erfolg der Verteidigung von befestigten Stellungen maßgeblich von der Moral der Verteidiger ab. Neben einer ausreichenden Verpflegung und Ausrüstung spielte die psychologische Verfassung eine entscheidende Rolle. Diese in einem guten Zustand zu erhalten, stellte eine der größten Herausforderungen dar. Nicht immer fruchteten die getroffenen Maßnahmen. Viele Burgen und Städte fielen nicht, weil sie sich nicht mehr hätten halten können. Sie fielen, weil ihren Verteidigern die Lage ab einem gewissen Zeitpunkt als zu aussichtslos erschien.

Hiermit endet die dreiteile Serie über die erfolgreiche Verteidigung im Mittelalter. Sie wissen nun über die zentralen Aspekte der mittelalterlichen Verteidigungsstrategien Bescheid. Ich freue mich, dass Sie so interessiert mitgelesen haben. Wie hat es Ihnen gefallen? Haben Sie Fragen? Ich freue mich auf Ihre Anregungen!

Advertisements

Die Bedeutung der Gemeinschaft im Mittelalter

So lange es Menschen gibt, so lange leben sie in Gemeinschaften zusammen. Alleine dauerhaft zu überleben ist nur den wenigsten Überlebenskünstlern wirklich geglückt. Die Bedeutung der Gemeinschaft für den Einzelnen ist daher auch für das Verständnis des Mittelalters von ausgesprochener Relevanz. Denn gerade in harten Zeiten kann es sehr von Vorteil sein, sich auf die Unterstützung einer Gruppe verlassen zu können.

Die Familie

Die mittelalterliche Familie konnte sehr unterschiedlich aussehen, je nachdem, in welcher sozialen Schicht sie sich befand. Im Gegensatz zur modernen Kleinfamilie umfasste der mittelalterliche Familienverband eine weit größere Zahl an Personen. Neben Vater, Mutter und Kindern lebten auch Großeltern, Diener und Knechte in einem Haushalt zusammen. Wer dabei wen heiratete, lag meist im Ermessen einer bestimmten Autorität. Bei Freien war dies in der Regel der Vater, der Verhandlungen über die Verheiratung seiner Töchter führte. Bei Unfreien wurde dies häufig vom jeweiligen Lehnsherr übernommen. Diese Verhandlungen waren enorm wichtig. Durch eine geschickte Heiratspolitik war es möglich, den eigenen sozialen Stand deutlich zu verbessern. Davon profitierten dann wiederum die Kinder, die aus der Verbindung hervorgingen. Die Eltern konnten sich hingegen auf die Unterstützung durch ihre erwachsenen Kinder verlassen. Der Fortbestand der Familie wurde entscheidend dadurch bestimmt, wo sie sich im Gesellschaftsverband verortete und natürlich davon, dass genug Nachkommen gezeugt wurden, die das Kindesalter überlebten.

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Dorf und Stadt

Das Mittelalter war eine agrarisch geprägte Epoche. Die meisten Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft. In Ermangelung modernen Maschinen war hier, neben der Zugkraft der Ochsen, die menschliche Arbeitskraft entscheidend. Hiervon waren auch die Kinder nicht ausgenommen. Sie lernten bereits früh, wie die Felder bewirtschaftet und Vieh gehalten wurde.

In der Stadt waren vor allem Handwerk und Handel Triebkräfte des wirtschaftlichen Erfolges. Doch auch hier wurden die Kinder bereits frühzeitig zur Arbeit herangezogen. Die Städte waren im Hochmittelalter auf ständigen Zuzug und möglichst hohe Geburtenraten angewiesen, um die durch Krankheiten verursachten Verluste auszugleichen. Dies gilt insbesondere für die Zeit der Pest, die Millionen von Menschen das Leben kostete. Im Spätmittelalter griffen viele Städte bzw. ihre Herren hingegen auf Geburtenkontrolle zurück. Es wurde genau bestimmt, wer Kinder bekommen durfte und wer nicht. So sollte die Bevölkerungszahl auf einem Niveau gehalten werden, dass aus dem Umland versorgt werden konnte.

Die Hanse - Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Die Hanse – Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Innerhalb der Städte bildeten sich wiederum kleinere Gemeinschaften. Handwerksbetriebe schlossen sich zu Zünften zusammen, um die Interessen eines bestimmten Handwerkszweiges besser vertreten zu können. Händler verbanden sich neben ihren Gilden sogar über die Grenzen der Stadt hinweg, um ihre Geschäfte schnellerer und sicherer abwickeln zu können. Die Ebene der Kooperation orientierte sich dabei an den einzelnen Interessen und den Vorteilen, die sie ihren Mitgliedern bringen konnte.

Der Gemeinschaft kam stets die größte Bedeutung zu. Der Einzelne hatte sich dem Wohl dieser unterzuordnen. Es war ein schwerwiegendes Verbrechen, die Sicherheit der Gemeinschaft in Gefahr zu bringen. Wer in einer Siedlung Brände legte oder einen Aufstand gegen die bestehende Ordnung anzettelte, machte sich aus der Sicht der damaligen Zeit schwerer Verbrechen gegen die gottgegebene Ordnung schuldig. Die Strafen vielen entsprechend drakonisch aus. Letztlich konnten diese Gemeinschaften nur durch eine klare Ordnung und funktionierende Sicherheitssysteme überleben. Die Menschen wussten, dass der Zusammenhalt das Überleben ihrer Familien sicherte.

Die Stände

Die drei Stände des Mittelalters – Beter, Kämpfer und Bauern – waren ebenfalls Gemeinschaften. Es gab bestimmte Insignien, die die Zugehörigkeit anzeigten. Der Umgang der Standesgenossen miteinander und das Verhalten gegenüber den anderen Ständen waren klar geregelt. So sollte sichergestellt werden, dass jeder Stand die ihm zugedachten Aufgaben erfüllte und Konflikte zwischen den Ständen vermieden wurden. Jeder sollte seinen Platz kennen und sich dementsprechend in die Gemeinschaft einbringen. Es ist hinlänglich bekannt, dass dieses ideale Bild nicht immer der Realität entsprach. Dennoch gab es klare Regeln, die zu einem großen Teil auch so angewandt wurden.

Die Verteidigung der Gemeinschaft und der Schutz durch die Gemeinschaft

Kam es zu Angriffen von außen, war jedes wehrfähige Mitglied einer Gemeinschaft dazu verpflichtet, sich an der Verteidigung zu beteiligen. Letztlich waren alle vom Angriff betroffen, daher war es nur konsequent, dass alle zusammen hielten um ihr Leben und ihre Besitztümer zu verteidigen. Hierbei machte es in der Praxis kaum einen Unterschied, ob es sich um Bauern oder um Adlige handelte. So ist aus dem Neusser Krieg von 1474/75 überliefert, dass burgundische Söldner beim Plündern durch wütende Bauern vertrieben wurden. Auch die Frauen beteiligten sich an der Verteidigung. Wenn sie nicht selbst zu den Waffen griffen (was sie durchaus taten), versorgten sie die Kämpfenden und Verwundeten oder bezahlten Söldner, die für sie kämpften.

Die Städte verteidigten sich aber nicht nur gegen angreifende Feinde. Sie schützten auch ihre Mitglieder. Beispielsweise, indem sie in Gefangenschaft oder Sklaverei geratene Bürger freikauften. Auch konnte sich ein Bürger stets darauf berufen, einer bestimmten Stadt zugehören. Das konnte seinem Wort ein gewisses Gewicht verleihen. Umso schlimmer wog die Verbannung. Der Einzelne war plötzlich schutzlos und musste sich schnellstmöglich ein neues soziales Umfeld suchen, um zu überleben.

Dieses Umfeld konnte der Einzelne unter Umständen bei anderen Ausgestoßenen finden, die sich ihrerseits organisiert hatten. Bekannte Beispiele sind die Geächteten, die gar keine andere Wahl hatten, als sich gegenseitig zu unterstützen. Im späten Mittelalter bestand auch die Möglichkeit, sich einer der Söldnerkompanien anzuschließen und im Krieg sein Glück zu suchen.

Die Bedeutung einer effektiven Führung

Wie wir gesehen haben, ist für das Funktionieren jeder Gemeinschaft eine entsprechende Führung unerlässlich. Ohne klare Regeln und ein System, dass für deren Einhaltung sorgt, wäre jede Form der Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt gewesen. Dies ist ein Grund dafür, dass ein Aufbegehren gegen die bestehende Ordnung als schweres Verbrechen gewertet wurde. Gleichzeitig waren auch die Anführer stets in der Pflicht, gute Entscheidungen zu treffen. Idealerweise sollten sie die gesamte Gemeinschaft nicht nur erhalten, sondern auch zum Heil führen. Herrscher, die aus purem Eigennutz handelten, wurden in der Literatur daher häufig negativ beurteilt. So konnte auch ein König oder Kaiser nicht einfach das tun, was er wollte. Er musste sich stets auch der Interessen seiner Vasallen bewusst sein und sie in seine Entscheidungen einbeziehen. Tat er dies nicht, riskierte er Widerstand, Ablehnung und die Verweigerung von Unterstützung ihm wichtiger Vorhaben. Untergebene und Herren befanden sich also in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, auch wenn eine Hierarchie für das Funktionieren der mittelalterlichen Welt unabdingbar war.

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Wie wichtig war die Gemeinschaft für die Menschen?

Kein Mensch kann ganz alleine überleben. Das galt zu allen Zeiten. Umso weniger überrascht ist, dass auch das Mittelalter eine ganze Reihe von Organisationsformen kannte, die den Menschen das Überleben sicherten und ihnen half, sich bestimmte Vorteile zu verschaffen. Wer seine Gemeinschaft verlor, schwebte in großer Gefahr. Ohne Unterstützung hatte er es außerordentlich schwer, in der harten Welt des Mittelalters zu überleben. Auch die höheren Stände waren auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. Auffällig ist, dass der Einhaltung bestehender Regeln und Gesetze großer Wert beigemessen wurde. Das Zusammenleben der Gemeinschaft musste geregelt sein, um zu funktionieren. Geriet diese in Unruhe oder nahmen Regelbrüche zu, geriet das gesamte Gemeinschaftsgefüge in Gefahr. Dass das den schnellen Untergang bedeuten konnte, war den Menschen also durchaus klar. Die Gemeinschaften waren dabei nicht unbedingt nach außen abgeschlossen. Sie funktionierten immer in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt.

Die islamische Stadt im Mittelalter

Wie im mittelalterlichen Europa spielten auch in den islamischen Teilen der damaligen Welt Städte eine bedeutende Rolle. Einige Städte in diesem Gebiet existierten schon lange vor dem Entstehen des Islam. Andere wurden neu gegründet. Der hierfür zugrunde liegende Prozess unterschied sich nicht wesentlich von dem Europas. Häufig entstanden neue Städte langsam aus Märkten, auf denen die Landbevölkerung Waren kaufte und verkaufte. Nach und nach siedelten sich Handwerker an, die ihre Erzeugnisse zum Kauf anboten. Entscheidend war, dass diese Orte verkehrsgünstig gelegen waren, entweder an den Routen der Karawanen, an Flüssen oder am Meer. Die meisten der islamischen Städte lagen allerdings nicht direkt an der See, da sie dort häufig zum Ziel von Piraten wurden. Damit eine Stadt auf lange Sicht florieren konnte, war aber vor allem eine gewisse Stabilität entscheidend. Im hohen Mittelalter beherbergten die großen Städte des Nahen Ostens weit mehr Einwohner, als in den europäischen Städten zu Hause waren. So lebten im Kairo des 14. Jahrhunderts ca. 250.000 Menschen, während zur gleichen Zeit Paris und Venedig ca. 100.000 Einwohner zählten. Die Städte Nordeuropas waren noch einmal deutlich kleiner.[1]

Der Aufbau der Städte folgte einem bestimmten Plan. Im Zentrum (dem „Madina“) befand sich die zentrale Moschee sowie das Haus des obersten Quadi. Diese Richter waren in einer Madrasa ausgebildet worden und in erster Linie dafür verantwortlich, Rechtsstreitigkeiten mit Hilfe der Shari‘a beizulegen.[2] Außerdem beherbergte das Zentrum Geschäfte, die Bücher und Kerzen zum Verkauf anboten. Beides war von entscheidender Bedeutung für die Ausübung der Religion. Wichtig war auch das zentrale Marktviertel (das „Suq‘), wo sich auch die feineren Geschäfte befanden, in denen beispielsweise gute Kleidung und Gewürze angeboten wurden. Die Wohnviertel befanden sich außerhalb des Zentrums. Diese verfügten meist über eigene Gotteshäuser, einen kleinen Markt und manchmal ein öffentliches Bad. Die von Gärten umgebenden Häuser der reicheren Stadtbewohner fand man in der Regel etwas weiter außerhalb. Ganz am Rande der Stadt, nahe der Mauern, lebten die Einwanderer. Zudem fand man hier und außerhalb der Stadtmauern auch die Friedhöfe.[3] War eine Stadt zugleich Herrschaftszentrum, besaß sie meist ein abgegrenztes Viertel, in dem sich der Palast befand. Hier hielt sich nicht nur die Herrscherfamilie samt ihren Bediensteten und Sklaven auf, sondern auch die Soldaten. Diese wurden häufig nicht nur deshalb nahe am Palast gehalten, damit sie für den Schutz des Herrschers sorgen konnten. Sie sollten zudem möglichst wenig mit äußeren Einflüssen in Berührung kommen, die sich negativ auf ihre Loyalität auswirken konnten.[4]

Qāitbāy-Zitadelle (spätes 15. Jahrhundert)

Qāitbāy-Zitadelle (spätes 15. Jahrhundert)

In den Städten lebten nicht nur Muslime. Auch Christen und Juden gab es in nicht geringer Zahl. Diese lebten nicht unbedingt in speziellen Vierteln, sondern konnten sich frei in den Städten bewegen. Es galten allerdings bestimmte Regeln. Zunächst mussten sie eine spezielle Steuer zahlen, die „Jizya“. Sie waren außerdem verpflichtet, ganz bestimmte Kleidung zu tragen, um ihren anderen Glauben deutlich zu machen. Auch durften sie keine Farben verwenden, die mit dem Islam in Verbindung standen. Das Tragen von Waffen, das Reiten von Pferden, das nicht genehmigte Bauen von Gotteshäusern bzw. das unerlaubte Reparieren bereits bestehender Gebäude war streng verboten. Streng waren auch die Gesetze, die sich auf die persönlichen Beziehungen zwischen Muslimen, Christen und Juden bezogen Ein Nicht-Muslim durfte nicht vom einem Muslim erben oder eine muslimische Frau heiraten. Einem Muslim hingegen war es durchaus erlaubt, eine Christin oder Jüdin zu heiraten. Christen und Juden spielten wichtige Rollen in bestimmten Handwerksberufen, im Fernhandel und sogar in der öffentlichen Verwaltung. Außerdem waren jüdische Ärzte sehr gefragt.[5]

Eine spezielle Stellung nahmen die Sklaven ein. Unter ihnen befanden sich vor allem Kriegsgefangene und auf Sklavenmärkten verkaufte Menschen. Auch war es möglich, in die Sklaverei hinein geboren zu werden. Die Stellung dieser Menschen war allerdings bei weitem nicht so schlecht, wie es beispielsweise bei den in den nordamerikanischen Südstaaten im 19. Jahrhundert eingesetzten Sklaven der Fall war. Sie besaßen zwar nicht die Recht eines freien Menschen, die Shari’a schrieb aber explizit vor, dass sie gerecht und freundlich behandelt werden sollten. Auch war ein Leben als Sklave nicht gleichbedeutend mit Chancenlosigkeit. Sie konnten eines Tages freigelassen werden und in einem solchen Fall sogar die Tochter des ehemaligen Meisters heiraten, wenn dieser zustimmte. Dies konnte durchaus passieren, da sich zwischen Meister und Sklave in einigen Fällen eine enge Beziehung entwickelte. Als Soldaten dienende Sklaven konnten es zu einer beeindruckenden Machtfülle bringen. Bekanntestes Beispiel hierfür sind die Mameluken, die von 1250 bis 1517 über Syrien und Ägypten herrschten. Sie waren ursprünglich Sklaven, die als Soldaten dienen sollten. Sie konvertierten schließlich zum Islam.[6]

Mameluke, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert

Mameluke, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert

Das Gesetz betreffen gab es einen bedeutenden Unterschied zwischen Stadt und Land. Allgemein üblich war die Anerkennung der Shari’a, die das Zusammenleben der Muslime regelte. In den Städten ergab sich allerdings das Problem, dass sie sich zwar umfangreich mit persönlichen Angelegenheiten befasst, nicht so sehr aber mit geschäftlichen Thematiken. Auch die Organisation innerhalb der Stadt wurde nicht hinreichend behandelt. Aus diesem Grund verließ man sich in diesen Angelegenheiten auf die „‘Ulama“. Dies waren Personen, die sich intensiv mit der Lehre der Religion befassten und in der Stadt für das Verfassen von geschäftlichen Texten und die Regelung von Geschäftsbeziehungen und Erbschaftsangelegenheiten  verantwortlich waren.[7]

Genau wie die europäischen Städte des Mittelalters war die arabische Stadt ein Ort des geschäftlichen und gesellschaftlichen Austausches. Das Umland war in erster Linie bedeutend, da von hier Rohstoffe und Menschen in die Stadt kamen. Das Einflussgebiet der Stadt musste daher nicht unbedingt sehr weit reichen. Außerhalb gab es wiederrum eine ganze Reihe von lokalen Machthabern und Stammesführern. Eine Einheit wurde in erster Linie durch den gemeinsamen Glauben geschaffen. Dies bedeutete aber nicht zwangsläufig, dass es keine Konflikte gab, wie es auch im christlichen Europa immer wieder der Fall war. Die arabischen Städte spielten eine bedeutende Rolle im Fernhandel, von dem auch die Europäer profitierten. Insbesondere einige italienische Städte, vor allem Venedig, handelten intensiv mit den am Mittelmeer liegenden Städten. Der Islam zeigte sich im Mittelalter vergleichsweise tolerant gegenüber Andersgläubigen. Auch wenn es immer wieder zu Konflikten kam, so waren sie in diesem Bereich doch offener, als es die christlichen Städte häufig waren. Ein weitgehend friedliches Nebeneinander von Moscheen, Synagogen und christlichen Kirchen gab es im Mittelalter zumindest nur im islamischen Herrschaftsbereich.

[1] Vgl. Hourani, Albert (1991). S. 109-111.

[2] Vgl. Ebd. S. 113-114.

[3] Vgl. Ebd. S. 122-123.

[4] Vgl. Ebd. S. 125.

[5] Vgl. Ebd. S. 117-119.

[6] Vgl. Ebd. S. 116-117.

[7] Vgl. Ebd. S. 114-115.

Literatur:

Hourani, Albert. A History of the Arab Peoples. London, 1991.

In eigener Sache: „Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

x-click-but04

Stadt und Burg Linn im Mittelalter – Geschichte einer mittelalterlichen Siedlung

Burg Linn

IMG_5485

Diese Burg war zunächst der Adelsfamilie derer von Linn. Sie wurde in mehreren Ausbaustufen errichtet. Um 1150 wurde eine Motte aufgeschüttet und auf ihr ein steinerner Wohnturm errichtet. Dieser wurde dann, wie es üblich war, mit einer Holzpalisade umgeben. Um 1190 ersetzte die Familie von Linn die Palisade durch eine sechseckige Ringmauer mit Türmen, eine Konstruktion, wie sie für den Niederrhein eigentlich ungewöhnlich ist. Man geht davon aus, dass Otto von Linn sich im Zuge seiner Teilnahme am Kreuzzug Friedrich Barbarossas von byzantinischen Vorbildern inspirieren ließ. 1290, jetzt in der Hand der Grafen von Kleve, erfolgte ein frühgotischer Ausbau der Burg. 1480 folgte schließlich der spätgotische Ausbau und der Bau der Außenmauer. Der Burg kamen dabei im Laufe der Zeit unterschiedliche Aufgaben zu. Sie diente als Adels- und Gerichtssitz, als Witwensitz für Mechthild von Geldern, als Verwaltungszentrum und als Gefängnis.[1]

Die Zehntscheune der Burg

Die Zehntscheune der Burg

Die Burg befand sich von bis 1188 in Besitz der Herren von Linn, bis sie von diesen für 100 Mark an den Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg (1167-1191) verkauft wurde, der sie ihnen als Lehen verlieh. Urkundlich sind die Herren von Linn erwähnt. Nach dem Aussterben des Adelsgeschlechtes ging das Lehen nach 1245 an die Grafen von Kleve. Es umfasste neben der Burg noch den Drenkerhof, den Beeckerhof und den Borgerhof in Ossum. Die Burg diente jetzt einem Amtmann der Klever Grafen als Sitz, der hier auch zu Gericht saß. 1270 befanden sich hier zusätzlich 16 Landschöffen. Zusätzlich wurden die Einkünfte aus der Grundherrschaft hier verwaltet. Als der letzte Graf von Kleve, Johann, 1368 starb, fiel das Lehen zurück an Kurköln. Die Witwe des Grafen, Mechthild von Geldern, wollte die Burg und ihre Ländereien aber nicht kampflos aufgeben und wurde hierbei vom Herrn von Strünkede tatkräftig unterstützt. Da dieser hierdurch in Geldnöte geriet begann er, von Burg Linn aus Kaufleute und Kirchengüter zu überfallen. Als Reaktion hierauf begannen am 7.8.1377 der Erzbischof Friedrich von Köln, Herzog Wenzel von Luxemburg, Brabant und Limburg, Herzog Wilhelm II. von Jülich und Geldern, Graf Adolf von Kleve-Mark und die Städte Köln und Aachen die Burg zu belagern. Ihr Aufgebot umfasste  240 Reiter und 48 Schützen, außerdem sollten drei Belagerungstürme errichtet werden. Es kam allerdings nicht zum Angriff, da es zu einer friedlichen Einigung kam. Im Jahr 1377 kam es allerdings erneut zu Konflikten, als der deutsche Kaiser am 29.11.1377 Wilhelm II. von Jülich mit Geldern und Zutphen belehnte. Mechthild, abermals mit der Unterstützung durch von Strünkede, wehrte sich mit kriegerischen Mitteln. Zur Finanzierung von Strünkedes Einsatz verpfändete Mechthild die Burg, Stadt und das Land am 7.3.1378 für 6000 Goldschilde, später die Linner Objekte mit allen Hoheitsrechten für 45.000 Goldschilde an den Kölner Erzbischof (mit dem dieses Mal kein Konflikt bestand). Nach langen und brutalen Auseinandersetzungen wurde von Strünkede von Wilhelm II. besiegt und gefangen genommen. Mechthild musste daher am 24.3.1379 auf das Herzogtum Geldern und die Grafschaft Zutphen verzichten. Linn fiel letztlich an den Kölner Erzbischof, nachdem  Graf Adolf von Kleve darauf verzichtet hatte.[2]

Es fällt auf, dass es sich bei Burg Linn anscheinend keineswegs um ein rein repräsentatives Bauwerk handelt. Die sorgfältigen Belagerungsvorbereitungen zeigen deutlich, dass sie auch wehrtechnisch ein bedeutendes Bauwerk war. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle kurz auf die Bauweise eingehen, die man auch heute noch sehr schön im Museum Burg Linn betrachten kann. In ihrer frühesten Form bestand sie, wie bereits erwähnt, lediglich aus einem Wohnturm, der mit einer Palisade umgeben war. Zur Abwehr eines organisierten Angriffs war diese Konstruktion nur bedingt geeignet. Die sechseckige Mauer mit ihrem Schalentürmen an den Ecken dagegen war eine ausgereifte Wehrkonstruktion. Die Mauer war sehr viel höher und stabiler als die Palisade. Außerdem konnte der Fuß der Mauer von den Ecktürmen aus unter Beschuss genommen werden. Im Zuge des gotischen Ausbaus erhielt die Burg neben dem Palas vor allem Bergfried und Zwinger. Diese Ausbauten erhöhten ihre Wirksamkeit deutlich. Das Tor war jetzt wesentlich besser geschützt und der Bergfried ermöglichte neben einer guten Rundumsicht auf das Land auch einen letzten Rückzugsort. Die im Zuge des spätgotischen Ausbaus hinzugekommene Ringmauer fügte der Burg eine vorgelagerte Verteidigungsebene hinzu. Dass Burg Linn später, sogar zur Zeit der Schwarzpulverwaffen, mit Schanzen versehen und weiter genutzt wurde zeigt deutlich, dass sie ihre Wehrhaftigkeit über einen langen Zeitraum hinweg bewahren konnte.[3]

Zugang zur Vorburg

Zugang zur Vorburg

Die Ortschaft Linn

Neben der militärstrategischen Bedeutung ist, wie bei Burgen allgemein, die wirtschaftliche und soziale Seite der Entwicklung interessant. Schon in ihrer frühesten Entwicklungsstufe hatte die Burg einen entscheidenden Einfluss auf die Urbarmachung des umliegenden Landes. Landausbau, Rodung und Siedlung gingen von Burg Linn aus.  Eine wichtige Voraussetzung für die Gründung von Wasserburgen wie Burg Linn war ein geschlossener Besitz von Feldern und Weiden, die für die Versorgung herangezogen werden konnten. Auch  Wirtschaftshöfe und Wirtschaftsgebäude gehörten dazu. Angebaut wurden Hafer, Hirse, Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel, Erbsen, Lein sowie Buchweizen; Kirsche, Pflaume, Pfirsich, Schlehe, Zwetschge, Birne, Apfel, Edelkastanie und Traube. Allgemein üblich war Dreifelderwirtschaft, davon abweichend die rheinische Zweifelderwirtschaft als Zwischenschritt zur neuzeitlichen Fruchtwechselwirtschaft. Auch die Viehzucht spielte eine wichtige Rolle: vor allem Schwein, danach Rind, Schaf und Ziege. Fischteiche erweiterten das Nahrungsangebot weiter. All diese Besitzungen waren nicht nur für die Versorgung essentiell, sie warfen auch gute Gewinne ab. Es gab Einnahmen aus Waldbewirtschaftung (Holz und Wild) sowie  aus Pacht, dem Zehnten und von Halfenhöfen. Außerdem konnten überschüssige Waren auf dem Kölner Markt verkauft werden. Für die Herren der rheinischen Wasserburgen entwickelte sich bald eine überregionale Geldwirtschaft, anders als für viele Adlige auf Höhenburgen. Erst als es ab dem 13. Jahrhundert zu einer Abwanderung in die Städte kam, eine Klimaveränderung einsetzte und zahlreiche Kriege manche Landstriche verwüsteten wurden viele ländliche Siedlungen aufgegeben.[4]

Die Stadt Linn entstand planmäßig, d.h. ihre Anlage erfolgte nach einem bestimmten Plan. Dies war alleine schon deswegen sinnvoll, da Baugrund, Verkehrs- und Schutzlage berücksichtigt werden mussten. Die Burg war schon vorhanden und musste integriert werden. Die Lage von Kirche und Rathaus wurde im Vorfeld festgelegt, das gesamt Stadtareal parzelliert. Im Fall von Linn war ein quadratisches Areal von 7,6 ha vorgesehen, wobei die Bebauung erst nach und nach erfolgte. Zu Verteidigungszwecken wurden zunächst Gräben und Wälle errichtet, die Stadtmauer aus Stein wurde erst im 14. Jahrhundert erbaut.[5]  Die Burg wurde in die Stadtbefestigung von Anfang an mit einbezogen.[6]

Linn befand sich damit in guter Gesellschaft. Die Städte des Mittelalters waren keine kompletten Neuentwicklungen sondern eine Mischung aus der antiken Stadt und neuen Ideen als Reaktion auf neue Erfordernisse. Die Germanen siedelten und gründeten häufig dort, wo es bereits Strukturen gab und es ist bekannt, dass die vor Ort lebenden Menschen sich häufig mit den Neuankömmlingen arrangierten und mit ihnen zusammenarbeiteten.[7]

Auch im Bereich der Geldwirtschaft fanden Entwicklungen statt. Diese war absolut unverzichtbar, um einen effektiven Handel zu ermöglichen. Bereits zur Merowingerzeit gab es verschiedene Münzen. Im 8. – 11. Jahrhundert wurde mit Denar oder Pfennig bezahlt. Im 12. Jahrhundert verlor das Geld an Bedeutung und der Tauschhandel mit Waren verbreitete sich, zumindest im Auslandshandel. In der Region selbst wurde weiterhin mit Geld bezahlt. Hierbei wurden häufig Teilstücke verwendet, genannt Hälbling (Obolus) und Vierling (Quadrans). Die Münzen wurden in den Städten geprägt, die das Recht hierzu besaßen. Die Geltung dieser war jedoch örtlich und zeitlich begrenzt. Für Köln und Berg galt folgende Umrechnung:

 

144 schwere Pfennige = 12 Schillinge = 1 Mark Silber; 240 leichte Pfennige = 20 Schillinge = 1 Pfund Silber

 

Im 14. Jahrhundert entstand eine neue Währung. Aus Italien und Frankreich wurde die Großmünze Groschen (nummus grossus) übernommen und der französische tournois (grossus turonensis) ab 1266 nachgeahmt. Außerdem kam es zur Eingliederung der Goldgroschen in das Geldsystem am Rhein.[8]

Passend zum Geldsystem gab es ein sehr umständliches Zollsystem. Aufgrund der zahlreichen Herrschaftsgebiete gab es eine Vielzahl an Zöllen. Dies behinderte den Handel, tat ihm aber keinen Abbruch.[9]

 


[1]    Vgl. Klümpen Hegmans, Johanna (1993) S. 36-45.

[2]    Vgl. Feinendegen, Reinhard; Vogt, Hans (1998). S. 423-432.

[3]    Vgl. Klümpen Hegmans, Johanna (1993) S. 36-38.

[4]    Vgl. Ott, Hanns (1984) S. 62-66.

[5]    Vgl. Klümpen Hegmans, Johanna (1993) S. 58-59.

[6]    Vgl. Friedrich, Reinhard (2010) S. 258.

[7]    Vgl. Ennen, Edith (1972) S. 32-80.

[8]    Vgl. Heppe, Karl Bernd (1984) S. 119-124.

[9]    Vgl. Walz, Rainer (1984) S. 109-118.

 

In eigener Sache: „Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

x-click-but04

Die mittelalterliche Stadt und das Stadtrecht

Die Stadt als Siedlungsform war keine Erfindung des Mittelalters. Die Städte in Europa entwickelten sich auf der Grundlage der griechischen polis und der römischen colonia bzw. castra. Die Stadt unterlag aber während des Mittelalters einer Vielzahl wichtiger Entwicklungen und wies bestimmte Charakteristika auf. Städte konnten verschiedene Funktionen und Formen besitzen. Monofunktionale Städte waren auf eine einzige Funktion ausgerichtet, beispielsweise den Bergbau. Diese Städte hatten meist nur wenige oder gar keine Verbindungen mit ihrem Umland. Polyfunktionale Siedlungen dagegen besaßen vielschichtige Bedeutungen. Diese Städte hatten nicht nur mit ihrem Umland zu tun, sondern je nach Größe und Bedeutung auch mit weiter entfernten Gebieten, anderen Städten und Herrschern. Wichtig waren hier vor allem der Handel und das Gewerbe, wobei der Handel die wichtigere Rolle einnahm. Für den Handel war vor allem die Lage der Stadt wichtig, beispielsweise die Anbindung an die Handelswege über Land und Wasser.

Darüber hinaus dienten bedeutende Städte als Verwaltungs- und Regierungssitze eines Landes oder auch einer bestimmten Region, abhängig von den jeweiligen politischen Entscheidungen der Herrscher. Neben Wirtschaft und Politik spielten Städte wichtige Rollen in Bildung und Religion, wenn sie geistliche Sitze, Bibliotheken und Universitäten beherbergten. Sie konnten auch Wallfahrtsorte sein, wenn sie Reliquien von Heiligen aufbewahrten oder an einem religiös bedeutendem Ort lagen.[1]

Die Städte im mittelalterlichen Europa unterschieden sich deutlich von den Siedlungen auf dem Land. Sie besaßen das Stadtrecht, was ihnen eine ganze Reihe von Rechten einräumte. Dieses Recht erhielten sie entweder direkt bei ihrer Gründung oder nach einiger Entwicklungszeit, wenn eine Siedlung zur Stadt erhoben wurde. Zentraler Aspekt des Stadtrechts waren die Freiheit ihrer Bürger sowie deren Recht auf Grundbesitz und die Vererbung ihrer Besitztümer. Auch die Gerichtsbarkeit lag bei den Bürgern.[2]

Für die Zukunft sollte das Stadtrecht des Mittelalters entscheidende Entwicklungen anstoßen. Das Recht auf Handel und Kredit, das Arbeitsrecht, Strafrecht sowie Prozessrecht haben ihren Ursprung im mittelalterlichen Stadtrecht.[3]


[1] Vgl. LexMA. Bd. 8, Sp. 29-32.

[2] Vgl. LexMA. Bd. 8, Sp. 24.

[3] Vgl. LexMA. Bd. 8, Sp. 26.

Ratssitzung aus dem Codex Monacensis

Ratssitzung aus dem Codex Monacensis

 

In eigener Sache: „Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

x-click-but04