Die Wikinger und Alfred der Große

Im Jahr 871 n. Chr. beherrschten die Wikinger beinahe ganz England. Die „Great Heathen Army“, angeführt von Ivar dem Knochenlosen und seinem Bruder Halfdan, hatte seit 865 n. Chr. weite Teile der britischen Inseln gewaltsam unter ihre Kontrolle gebracht. König Aelle, der König von Northumbria, war von ihnen 869 getötet worden. Edmund, der Herrscher von East-Anglia nur ein Jahr später. An ihrer Stelle waren englische Vasallenkönige eingesetzt worden, die vollständig unter der Kontrolle der Sieger standen. Das Königreich Wessex, angeführt von Alfred dem Großen, leistete ihnen jedoch erbitterten und schließlich erfolgreichen Widerstand.

Im ersten Artikel dieser zweiteiligen Serie haben wir gesehen, wie die „Great Heathen Army“ beinahe ganz England erobern konnte. Lesen Sie nun im zweiten und letzten Teil, wie es dem legendären englischen König Alfred dem Großen gelang, der als unbesiegbar geltenden Streitmacht aus Skandinavien Einhalt zu gebieten.

Die Wikinger greifen wieder an

Nach ihren ersten Erfolgen konnten die Wikinger relativ gefahrlos auf englischem Boden überwintern. Angespornt durch die Siegesmeldungen fanden sich immer mehr abenteuerlustige und beutehungrige Nordmänner, die die zweitägige Überfahrt von Dänemark nur zu gerne auf sich nahmen um sich ihren Landsleuten anzuschließen. Es gelang ihnen nach einer kurzen, aber heftigen Offensive im Jahr 871, Wessex zu einem Friedensvertrag zu zwingen.1 Die vollständige Eroberung des Königreiches musste jedoch auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Das Wikingerheer schlug sein Lager vorerst in Repton auf. Von dort aus eroberte es 874 Mercia, bevor sie sich in zwei Gruppen teilte. Halfdan zog mit seinen Männern Richtung Norden, wo sie Land eroberten und damit begannen, Landwirtschaft zu betreiben..2 Die dort gegründeten Siedlungen sollten noch lange Zeit Bestand haben und die Grundlage für das sogenannte „Danelag“ werden sollte – ein Gebiet, das für lange Zeit immer neuen Siedlern aus Skandinavien als Heimat dienen sollte.

Rekonstruierte Häuser im Wikingermuseum Haithabu

Haithabu in Schleswig – Rekonstruierte Wikinger-Häuser

Neue Invasionen von Wessex

Wessex war nun wieder in ernsthafter Gefahr. Ein großes Wikingerheer begann 875 eine zwei Jahre dauernde Invasion. Im Laufe dieses Ereignisses entschieden sich jedoch immer mehr Nordmänner dazu, Höfe zu errichten und zu Siedlern zu werden.3 Kein Wunder: In ihrer Heimat mussten die Skandinavier mit kargen Böden und einem unbarmherzigen Klima zurechtkommen. Hier, auf der britischen Hauptinsel, lagen die Verhältnisse gänzlich anders. Die Zustände hier mussten den Männern aus dem rauen Norden geradezu paradiesisch erschienen sein. Und wer Land bestellte, musste nicht immer und immer wieder sein Leben in der Schlacht riskieren. Deutliche Vorteile für die Familiengründung hatte diese Lebensweise außerdem.

Im Jahr 878 startete eine so deutlich verringerte Streitmacht eine dritte Invasion von Wessex. Dieses Mal konnten sie König Alfred sogar ins Exil in die Sümpfe von Somerset treiben. Dort sollte er jedoch nicht lange bleiben.

Alfred erobert sein Königreich zurück

Der englische König war keineswegs dazu bereit, sich mit seinen anfänglichen Niederlagen abzufinden. In nur wenigen Wochen sammelte er ein beeindruckendes Heer um sich und stellte die Wikinger bei Edington in Wiltshire zur Schlacht. Dieses Mal triumphierten die verbissen kämpfenden Engländer. Die Wikinger mussten sich in ihr befestigtes Lager zurückziehen, wo sie belagert wurden. Schließlich mussten sie ausgehungert aufgeben. Die Anführer der Nordmänner ließen sich daraufhin Taufen und die Kämpfe fanden (vorerst) ihr Ende.4 Es ist anzunehmen, dass viele Angehörige des Heeres dem Vorbild ihrer Anführer folgten – eine wichtige Voraussetzung für die nun stattfindende Integration der Skandinavier, die in den meisten Fällen zu Siedlern wurden.

Alfred war das gelungen, was für viele seiner Vorgänger tödlich oder im Exil geendet hatte: Die Wikinger aufzuhalten. Er war der letzte König, der einer vollständigen Eroberung Englands durch die Nordmänner noch im Weg stand. Durch sein entschlossenes Handeln konnte er verhindern, dass sich sein Heer vollständig auflöste. Stattdessen vermochte er es, neue Hoffnung und neuen Kampfgeist in den Herzen seiner Männer zu erwecken.

Die Skandinavier hatten dem Land dennoch dauerhaft ihren Stempel aufgedrückt. Mit ihren zahlreichen Siedlungen sollten sie großen kulturellen Einfluss auf die englische Geschichte nehmen. Viele vermischten sich schließlich mit der einheimischen Bevölkerung. Und noch heute lassen die nordisch klingenden Ortsnamen (endend auf -by) auf dem Gebiet des ehemaligen Danelags den Einfluss der Wikinger erkennen.

Literatur:

Keynes, Simon: Die Wikinger in England (um 790-1016). In: Sawyer, Peter (Hrsg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. Hamburg, 2008.

1Vgl. Keynes, Simon (2008). S. 64.

2Vgl. Ebd. S. 65.

3Vgl. Ebd., S. 65-66.

4Vgl. Ebd. S. 67.

Advertisements

Das Mittelalter und das Klima

Auch im Mittelalter spielte das Klima eine entscheidende Rolle, sogar mehr noch als dies auf unsere moderne Zeit zutrifft. Doch auch vieles, was uns heute Probleme bereitet, war in ähnlicher Form auch schon im Mittelalter zu finden. In erster Linie betrifft dies die Ernten, die damals wie heute maßgeblich vom Wetter beeinflusst werden. Ist es zu trocken, zu nass, zu kalt oder zu warm – die Konsequenzen für die Landwirtschaft sind jedes Mal negativ. In einer Zeit, in der das Land in erster Linie auf die Landwirtschaft ausgerichtet war und es keine besonders große Vorratshaltung gab, waren die Auswirkungen aber weit gravierender. Heute können wir notfalls auf Alternativen ausweichen, auch ist das Angebot an Fleisch wesentlich reichhaltiger. Durch die Globalisierung haben wir außerdem Zugriff auf andere Nahrungsressourcen, die ja auch im Normalfall reichlich importiert werden.

War der Mensch des Mittelalters mit einem Ausfall seiner Ernte konfrontiert, konnte ihm meistens nicht einmal seine Nachbarn helfen. Denn diese produzierten häufig nicht viel mehr, als sie selber zum Überleben und für eine erneute Aussaat benötigten. Das bedeutete, dass er weder selbst etwas zum Essen besaß, noch dass er Saatgut für die nächste Saison besaß. In einem solchen Fall blieb den Menschen meist keine andere Möglichkeit, als in die Städte abzuwandern und sich dort Arbeit zu suchen. Die Städte, die immer auf Zuzug angewiesen waren, nahmen diese Menschen in der Regel gerne auf. Die einzigen, die mehr oder weniger Überschüsse erwirtschafteten, waren die landwirtschaftlichen Betriebe der Klöster (vgl. den Artikel über die Zisterzienser).

Ein prominentes Beispiel für die Auswirkungen des Klimas ist die Besiedlung Grönlands durch die Wikinger ab dem Jahr 985. Schon der Name, der ins Deutsche übersetzt „Grünland“ bedeutet, zeigt deutlich, dass es dort etwas anders aussah als heute. Aufgrund der insgesamt höheren Durchschnittstemperatur der Erde war der Süden des Landes eisfrei und von grünen Wiesen bedeckt, auf denen die Wikinger Ackerbau und Viehzucht betreiben konnten. Siedler soll es hier noch bis zum Ende des 12. Jahrhunderts gegeben haben. Einen letzten Besuch aus Europa gab es um das Jahr 1350, allerdings ist von dieser Fahrt überliefert, dass sie keine Überlebenden in den verfallenen Siedlungen mehr vorfand. In der Forschung ist man sich inzwischen relativ sicher, dass die Siedler in Schwierigkeiten gerieten, als die weltweite Durchschnittstemperatur im 11. und 12. Jahrhundert abfiel und damit Landwirtschaft in Grönland immer schwieriger und letzten Endes unmöglich wurde. Auch schien es gewaltsame Konflikte mit den Inuit gegeben zu haben, die einige der Siedlungen auslöschten.

Auch in Europa selbst hatten diese Klimaveränderungen große Auswirkungen. Im 13. Jahrhundert erwärmte sich das Klima in Europa, was zu höheren Ernten und damit zu einem sprunghaften Bevölkerungswachstum führte. Dieses hielt bis zum Jahr 1348 an, dem Beginn der großen Pestepidemie in Europa. Nach dieser Zeit kam es dann wieder zu einem Abfall der Temperatur. Zur Zeit des Bevölkerungswachstums lag die Durchschnittstemperatur ca. um zwei Grad höher als dies heute der Fall ist.

Wie zu sehen ist, gab es mehrere Klimaveränderungen im Laufe des Mittelalters. Aufgrund der höheren Abhängigkeit der Menschen von der Natur hatten sie sehr viel gravierendere Auswirkungen auf die Menschheit, als dies heute der Fall ist. Aber wie wir immer wieder sehen, sind auch wir nicht gegen die Auswirkungen von Veränderungen im Klima immun.


Flattr this