Die Schlacht von Muret 1213

1209 begann auf Drängen des Papstes Innozenz III. ein Kreuzzug, der nicht das Heilige Land als Ziel haben sollte. In Südfrankreich hatte sich die religiöse Bewegung der Katharer entwickelt. Sie sahen sich selbst als die wahren Christen, hatten aber keine komplett einheitliche Lehre, da sie in verschiedene Gruppen aufgespalten waren. Gemeinsam war ihnen, dass sie die materielle Welt grundsätzlich als Böse ansahen. Die Seelen waren demnach auf der Erde gefangen und die Katharer strebten danach, diese zu erlösen und den Himmel zu erreichen. Das Alte Testament lehnten sie ab, da sie im dort beschriebenen Gott ein in der materiellen Welt verhaftetes und damit böses Wesen sahen. Interessant ist zudem, dass Frauen bei den Katharern geistliche Ämter ausüben konnten – ein starker Gegensatz zur römischen Kirche.

Papst Innozenz III.

Papst Innozenz III.

Anhänger dieser Glaubensrichtung fanden sich in allen gesellschaftlichen Schichten.  Dazu gehörten auch hochrangige Adlige, wie der Graf von Toulouse, Raimund VI. Obwohl die Bewegung von der Kirche als ketzerisch eingestuft wurde, konnten die Geistlichen vor Ort nicht auf die Unterstützung der weltlichen Obrigkeit zählen. Aus diesem Grund war die Kirche gezwungen, zu einem bewaffneten Kreuzzug aufzurufen. Aus ihrer Sicht handelte es sich bei jeder Form um eine Krankheit, die die Christenheit ernsthaft bedrohte. Wir können hier also durchaus von ernst gemeinter Besorgnis ausgehen, nicht von reinem Streben nach Machterhaltung.

Der geistliche Autor Peter von les Vaux-de-Cernay hat einen detaillierten Bericht des gesamten Albigenserkreuzzugs verfasst. In diesem Artikel soll es um eine bedeutsame Schlacht gehen, die für den weiteren Verlauf des Kreuzzuges nicht ohne Bedeutung sein sollte und einige interessante Einblicke in die Kriegführung des hohen Mittelalters möglich macht – die Schlacht von Muret.

Alles habe damit begonnen, dass der spanische König Peter von Aragon mit einem Heer in die Gascogne einmarschiert sei, um dem Grafen von Toulouse zu Hilfe zu kommen. Er habe sein Heer mit den Truppen der Grafen von Toulouse, des Comminges und von Foix vereinigt und mit der Belagerung der Stadt Muret begonnen, welche sich am Fluss Garonne befindet. Eine vorgelagerte Befestigungsanlage haben die Angreifer schnell einnehmen können, woraufhin sich die Verteidiger zurückziehen mussten. Dies habe vor allem daran gelegen, dass sie deutlich in der Unterzahl gewesen seien. [1] Zur selben Zeit habe sich der Anführer der Kreuzfahrer, der Graf Simon von Montfort, 65 Kilometer von Muret entfernt befunden, um Kämpfer und Vorräte zur Verstärkung der Stadt zu sammeln – er sei bereits davon ausgegangen, dass es bald belagert würde.[2]

Kurz nachdem der Graf von der Belagerung erfahren habe, sei seine Frau nach Carcassonne aufgebrochen. Dort habe sie so viele Ritter um sich gesammelt, wie es ihr möglich gewesen sei. Zusätzlich habe sie den Vicomte von Payen überzeugen können, sich ihr anzuschließen – obwohl sein 40 tägiger Dienst eigentlich schon zu Ende war und er ohne Konsequenzen in die Heimat hätte abziehen können. Diese Truppen haben sich nun nach Fanjeaux begeben, während Simon von Montfort mit seinen Begleitern in die Nähe von Boulbonne gezogen sei, wo er in einem Zisterzienserkloster die Hilfe des Herrn erbeten habe. Bei ihm haben sich sieben Bischöfe und drei Äbte befunden, die der Erzbischof von Narbonne ausgewählt habe, um mit dem König von Aragon zu verhandeln. Außerdem habe er 30 französische Ritter bei sich gehabt.[3]

Am nächsten Morgen sei die Messe gefeiert und gebeichtet  worden. Danach seien die Kreuzfahrer aufgebrochen, um Muret zu Hilfe zu kommen. Zudem seien die Anführer des gegnerischen Heeres durch die Bischöfe exkommuniziert worden. Während der Annäherung an das feindliche Heer seien die Truppen in drei Abteilungen aufgeteilt worden, entsprechend der Heiligen Dreifaltigkeit. So habe man sich Auterive genähert, einer befestigten Stellung zwischen dem alten Standort und Muret. Obwohl Wetter und Terrain günstig für einen Überraschungsangriff der Belagerer gewesen seien, habe man das Gebiet ohne Gegenwehr durchqueren können.[4]

Schließlich habe man sich Muret genähert. Die Belagerer haben sich auf der anderen Flussseite befunden. Da es bereits Abend gewesen sei und die Truppen des Grafen von Montfort vom Marsch ermüdet gewesen seien, habe der Graf nicht sofort angreifen lassen, sondern stattdessen Gesandte zu den Belagerern geschickt, um sie zum Aufgeben zu bewegen.[5] Am nächsten Morgen haben die Kreuzfahrer Muret betreten. Es seien lediglich noch für einen Tag Vorräte in der Stadt gewesen. Daher sei es nicht länger möglich gewesen, sich zu verschanzen.[6]

Am Morgen des nächsten Tages habe man die Messe abgehalten und sich anschließend beraten, wie man den Feind am besten angreifen könne. Die sich deutlich in der Unterzahl befindenden Verteidiger haben sich daraufhin gerüstet und ihre Pferde bestiegen. Auf Anweisung des Grafen seien für den Angriff nur Berittene vorgesehen gewesen. [7] Bevor die Ritter Muret verlassen haben, seien sie durch den Bischof von Comminges gesegnet worden. Auch ihre Sünden seien ihnen komplett vergeben worden.[8]

Während die Verteidiger das Schlachtfeld betreten haben, seien sie von den Geistlichen in der Kirche durch Gebete unterstützt worden. Trotz der deutlichen Überzahl der Feinde habe die erste Schlachtreihe der Ritter mit großer Zuversicht frontal angegriffen, dicht gefolgt von der zweiten Reihe. Während dieses Angriffes sei der König von Aragon gefallen. Der Autor merkt kritisch an, dass er sich in einem nicht gekennzeichneten Harnisch in der zweiten Schlachtreihe der Belagerer befunden habe.

Der Graf von Montfort habe inzwischen bemerkt, dass seine ersten beiden Schlachtreihen bereits außer Sicht gewesen seien, da sie sich weit innerhalb des gegnerischen Heeres befunden haben. Daraufhin habe er mit seinen Truppen die linke Flanke der Belagerer angegriffen. Er sei allerdings durch einen Graben von diesen getrennt gewesen. So habe er erst angreifen können, nachdem er einen Durchgang durch diesen gefunden habe. Obwohl er sofort von mehreren harten Schlägen getroffen worden sei, habe er sich mit seinen Truppen langsam voran gekämpft und viele Feinde getötet.[9] In der Zwischenzeit haben die Bürger von Toulouse versucht, Muret einzunehmen. Dies sei ihnen aber nicht gelungen, da die siegreichen Ritter rechtzeitig wieder zurückgekehrt seien und viele von ihnen getötet haben.[10] Nach der Schlacht habe sich Graf Simon von Montfort zu dem inzwischen vollständig geplünderten Körper des Peter von Aragon führen lassen, um den Tod des Monarchen zu betrauern.[11]

Dieser Bericht enthält einige interessante Details, auf die an dieser Stelle näher eingegangen werden soll. Zunächst einmal scheint die Sicherung bereits eroberter Städte nicht einfach gewesen zu sein. Obwohl eine Belagerung Murets wahrscheinlich erschien, mussten in relativ weiter Entfernung zunächst neue Truppen ausgehoben und Vorräte beschafft werden. Interessant ist, dass dies nicht nur durch männliche Adlige möglich war. Auch die Gräfin von Montfort hatte die Befugnis, eine Armee aufzustellen und dieser Befehle zu erteilen. Wir können aber davon ausgehen, dass sich ihre Autorität auf die ihres Mannes stützte. Dennoch, die mittelalterliche Frau war weit davon entfernt, nur den Haushalt zu führen.

Das Vertrauen auf Gott war einer der zentralen Aspekte in der Kriegführung des Mittelalters. Die starke Betonung bei Peter von les Vaux-de-Cernay liegt aber vor allem darin begründet, dass es sich um einen geistlichen Autor handelt, der einen Kreuzzugsbericht verfasste. Gerade, weil dieser in einem christlichen Gebiet durchgeführt wurde, bedurfte es immer wieder besonderer Rechtfertigungen.

Die Strategie der Kreuzfahrer entsprach dem, was im 13. Jahrhundert üblich war. Zunächst musste man sich der belagerten Stadt nähern. Sie hatten Glück, dass sie im Sumpfland vor Auterive nicht  durch feindliche Kämpfer aufgehalten wurden. Da sich die Belagerer deutlich in der Überzahl befanden, hätte eine Entdeckung dem Rettungsversuch schnell ein Ende machen können. Auch konnten die Truppen des Grafen relativ ungehindert Muret betreten. Da die Vorräte aber aufgebraucht waren, konnte man keiner langen Belagerung mehr standhalten. Ein Ausfall war die letzte Möglichkeit eine Entscheidung herbei zu führen, bevor die Verteidiger vor Hunger zu sehr geschwächt waren.

Die Staffelung der Armee in drei Abteilungen war typisch für das hohe Mittelalter. Ebenso üblich war der gefürchtete Sturmangriff der schwer gepanzerten Ritter, gegen den die Belagerer anscheinend kein Gegenmittel parat hatte. Außergewöhnlich ist der Tod Peters von Aragon. Normalerweise befanden sich die Anführer nicht in den vorderen Schlachtreihen – trotz allen Gottvertrauens. Auch waren sie in der Regel durch das Wappen und die Farben an ihren Harnischen deutlich erkennbar und wurden eher gefangen genommen als getötet. Entsprechend kritisch wird das Verhalten des Königs gesehen.

Der Angriff der Ritter scheint sehr effektiv gewesen zu sein. So schnell durchbrachen sie die feindlichen Linien, dass sie bald aus dem Blickfeld des Grafen verschwanden. Er griff mit seinen Begleitern an, um eine Umzingelung zu verhindern. Die schweren Treffer, die er unverletzt überstand, sind ein deutliches Zeichen für den guten Schutz, den die Rüstungen des 13. Jahrhunderts boten. Auch sehen wir am Beispiel der Bürger von Toulouse, dass auch Stadtbürger in den Krieg zogen.

Die Schlacht von Muret ist vor allem deswegen so interessant, weil hier ein sich deutlich in der Unterzahl befindendes aber sehr gut ausgebildetes, ausgerüstetes und diszipliniertes Heer,bestehend ausschließlich aus Rittern, ein weit größeres Aufgebot an gemischten Truppen deutlich besiegte. Dies lag vor allem am ersten Schockmoment des Aufpralls der dicht geschlossenen Reihen der Kreuzfahrer, die nicht aufgehalten werden konnten. Zudem wird auch der frühe Tod des Königs von Aragon eine demoralisierende Wirkung gehabt haben.  Letzten Endes war es wohl eine Mischung aus Ausbildung, Gottvertrauen und Mut bei gleichzeitiger Überraschung des Gegners und taktischem Geschick, die zum Sieg verhalf.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

 

[1] Vgl. Peter von les Vaux-de-Cernay. 446-448.

[2] Vgl. Ebd. 449.

[3] Vgl. Ebd. 450-451.

[4] Vgl. Ebd. 453-454.

[5] Vgl. Ebd. 455.

[6] Vgl. Ebd. 456.

[7] Vgl. Ebd. 458-460.

[8] Vgl. Ebd. 461.

[9] Vgl. Ebd. 463.

[10] Vgl. Ebd. 464.

[11] Vgl. Ebd. 465.

Quelle: Peter von les Vaux-de-Cernay: The History of the Albigensian Crusade, übers. von Tr. W.A. Sibly und M.D. Sibly, Woodbridge 2002.

 

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Irrtümer des Mittelalters: Die Kirche enthielt dem Volk gezielt Wissen vor

Hierbei handelt es sich um eines der gängigsten Vorurteile über das Mittelalter und die Kirche. Das Wissen der Antike vermoderte in den Bibliotheken der Kirche während das Volk gezielt dumm gehalten wurde, um Wiedersprüchen gegen die Lehre der Kirche vorzubeugen. Wenn man sich etwas näher mit dieser Thematik auseinandersetzt fällt aber auf, dass man dieses Thema wesentlich differenzierter betrachten muss.

Die römische Kirche war, besonders im frühen Mittelalter, alles andere als eine einheitliche Größe. Es gab zwar den Papst, den Bischof von Rom, der offiziell der höchstgestellte Geistliche Westeuropas war. Die oströmische Kirche verfolgte aber bereits ganz eigenen Lehren. Der westliche Klerus wurde bis zum Investiturstreit im 11. Jahrhundert größtenteils von den weltlichen Herrschern eingesetzt, nicht vom Papst. Und dann waren da noch die Unmengen an Einsiedlern und unabhängigen Klöstern. Ein berühmtes Beispiel ist der Orden der Cluniazenser, der von aller weltlichen und geistlichen Macht unabhängig war. Schon aus diesen Gründen wäre eine einheitliche Linie in der Zurückhaltung von Wissen sehr schwierig gewesen.

Die in diesem Blog bereits behandelte Karoligische Renaissance ist eigentlich das beste Beispiel dafür, das Wissen keineswegs zurückgehalten wurde. Das Gegenteil war der Fall. Es gab bereits vor dieser Erneuerung zahlreiche Schulen, nicht nur in Klöstern und Kathedralen. Hier wurde nicht nur der Klerus, sondern auch der Adel ausgebildet. Auch die Bauern hätten theoretisch diese Möglichkeit gehabt, aber es ist offensichtlich, dass diese aufgrund ihrer ganztägigen Arbeit kaum die Zeit dazu gefunden hätten. Karl der Große war sich aber durchaus bewusst, dass eine einheitliche Bildung und Ausbildung für ein Reich unerlässlich war. Die „artes liberales“, die sieben freien Künste (Trivium: Grammatik, Rhetorik, Dialektik; Quadrivium: Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie), wurden zwar nur an den Kloster- und Domschulen unterrichtet, es handelte sich hierbei aber um Künste, die nicht dem Gelderwerb dienten. Der einfache Mensch des Mittelalters benötigte sie also nicht. Diese Einordnung geht auf antike Philosophen zurück und war gut bekannt.

Auch die Texte der Antike waren nicht komplett verloren gegangen. Sie befanden sich sowohl in Klosterbibliotheken wie auch in privaten Sammlungen von Adligen. Sie waren damit kein Exklusivbesitz der Kirche. Dass der einfache Bauer oder Arbeiter hierfür keine Verwendung fand ist wenig verwunderlich wenn man sich vor Augen führt, wie hart und lang ihr Arbeitstag war.

Wir haben hier also eine Oberschicht aus adligen Familien, deren Abkömmlingen entweder eine geistliche oder weltliche Laufbahn einschlagen konnten. Diese Schicht vereinte Wissen, militärische, kulturelle und ökonomische Macht. Diese Machtstellung wurde erst durch die immer mächtiger werdenden Städte und die Kaufleute gefährdet. Mit einer Zurückhaltung des Wissens seitens der Kirche hat dies aber rein gar nichts zu tun. Das Wissen war da, konnte sich aber noch nicht so breit durch alle Schichten verbreiten wie dies heute der Fall ist. Es lagerte aber auch nicht in den Kellern der Klöster und Kirchen um es neugierigen Augen unzugänglich zu machen. Die karolingische Renaissance zeigte deutlich, dass es lediglichentsprechender Strukturen bedurfte, um das Wissen „an den Mann zu bringen“.

Ein gutes Beispiel dafür, dass die Bevölkerung gerade der Städte durchaus selbst denken konnte, waren die verschiedenen Bewegungen im 10. und 11. Jahrhundert, wie die Katharer und die Waldenser. Hier wurden nicht in erster Linie Geistliche aktiv, sondern Bürger in den Städten. Die Stadtkultur in Frankreich war mit dem Ende des römischen Reiches keineswegs verschwunden. Viele Städte existierten weiter. Das enge Zusammenleben vieler Menschen führte zu einem regen Austausch und Diskussionen. Diese Bevölkerung begann, sich zu emanzipieren von der führenden Oberschicht. Eigene Ideen und Überlegungen kamen auf. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Kirche aktiv, da sie diese neuen Bewegungen als Gefahr für sich selbst ansah. Die Päpste dieser Zeit handelten aber nicht deswegen so rigoros, weil sie die Verbreitung von Wissen kontrollieren wollten, sondern weil die Bewegungen eine Konkurrenz zur römischen Kirche darstellten. Die Bezeichung der katharischen Bewegung als Krankheit geht darauf zurück, dass die Kirche wirklich davon überzeugt war, dass die Christenheit in Gefahr war.

Abschließend ist zu sagen, dass die Kirche keineswegs die Politik verfolgte, durch das Zurückhalten von Wissen ihre Macht zu sichern. Viele Menschen hatten einfach keinen Zugang zur Bildung, weil die entsprechenden Strukturen nicht vorhanden waren und weil körperliche Arbeit den Großteil des Tages bestimmte. Wir können vielmehr eine elitäre Oberschicht erkennen, die aus Adel und Klerus bestand. Aufgrund ihres Reichtums war es ihnen überhaupt erst möglich, sich beispielsweise mit den „artes liberales“ zu beschäftigen.