William Marshal – Der größte aller Ritter

Ritter, Turnierchampion, Berater von fünf englischen Königen, schließlich einer der mächtigsten Barone Englands – und nicht zuletzt ein Ritter, der trotz zahlreicher Kämpfe und Schlachten erst im stolzen Alter von 72 Jahren eines natürlichen Todes starb. Wer war dieser Mann, der in einer brutalen und unsicheren Zeit nicht nur überlebte, sondern einen beachtlichen sozialen Aufstieg schaffte?

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Wappen William Marshals

Eine traumatische Kindheit

Die Startbedingungen waren alles andere als vielversprechend. Sein Vater, John Marshal, war ein berüchtigter Warlord, der im englischen Bürgerkrieg auf der Seite der Kaiserin Matilda gegen König Stephan ins Feld zog. Seine väterliche Liebe schien nicht allzu groß gewesen zu sein. Im Alter von nur fünf Jahren wurde William dem König als Garant für einen Waffenstillstand im Zuge der Belagerung von Newbury übergeben. John dachte jedoch nicht daran, sich an seine Zusagen zu halten. William wurde mehrmals vor die Mauern geführt und an den Galgen gestellt, um seinen Vater unter Druck zu setzen. Einmal sollte er gar mit einem Katapult in die Burg geschleudert werden. Auch wenn letztlich keines dieser schrecklichen Vorhaben in die Tat umgesetzt wurde, so müssen diese Erlebnisse für den kleinen Jungen traumatisch gewesen sein.1

Der junge Ritter

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Chateau de Tancarville

Als Zweitgeborener hatte William Marshal nur geringe Aussichten auf das väterliche Erbe. 1160, im Alter von 13 Jahren, reiste er daher nach Tancarville in der Normandie, um dort seine Ausbildung zum Ritter abzuschließen. 1166 wurde er zum Ritter geschlagen und hatte auch gleich Gelegenheit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Bei Neufchatel kam es zu einem durch Grenzstreitigkeiten ausgelösten Kampf, in dessen Verlauf sich der junge Ritter tapfer schlug. Doch Marshal musste lernen, dass ein Ritter nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen wurde. Er versäumte es, Gefangene zu machen, für die er Lösegeld hätte verlangen können. Außer Spott und Witzeleien seitens seiner Kampfgefährten musste er sich nun einem viel größeren Problem stellen: Obwohl den Tancarvilles verwandtschaftlich verbunden, wurde er aus dem Haushalt ausgeschlossen. Ein Ritter wurde eben nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen. Sein Besitz bestimmte letztlich, wer er war.2 Die „History of William Marshal“ vermerkt dazu: „You are what you have got, and no more than that.“3

Das Turnier als letzter Ausweg

Als mittelloser Ritter hatte William Marshal nur wenige Optionen. Er besaß noch keinen großen Namen, konnte also nicht darauf hoffen, von einem anderen Fürsten ohne weiteres in seine Dienste übernommen zu werden. Ihm blieb nur eine andere, wenn auch hochriskante Möglichkeit: Die Teilnahme an einem Turnier. Die Turniere dieser Zeit lassen sich nicht mit denen des späten Mittelalters oder der frühen Neuzeit vergleichen. Dies waren keine repräsentativen Veranstaltungen, auf denen sich der Adel in all seiner Pracht präsentierte. Im Grunde handelte es sich um Übungen für den Krieg. Verschiedene Gruppen kämpften mit scharfen Waffen auf einem Terrain, das nicht klar begrenzt war. Das Ganze konnte dabei durchaus länger dauern als nur einen Tag. Es ging jedoch nicht darum, den Gegner zu töten. Gefangene zu machen war das Ziel. Marshal kämpfte in seinem ersten Turnier bei Sainte Jamme ausgerechnet mit dem Aufgebot der Tancarvilles. Und er zeigte, dass er dazu gelernt hatte. Er machte zwei Ritter zu seinen Gefangenen, was ihm neben vier Schlachtrössern, diversen Packpferden und mehreren Rüstungen vor allem Respekt und Ansehen einbrachte.4

Im Dienst des Königshauses

Williams Erfolge machten ihn mit einem Schlag für die Fürsten interessant, die stets nach bekannten Rittern Ausschau hielten. So wurde er Teil des Gefolges des Patrick von Salisbury. Mit diesem begleitete er 1168 die englische Königin, Eleonore von Aquitanien, auf ihrer Reise nach Poitou. Die Gegend war berüchtigt für die dort schwelenden Konflikte. Und tatsächlich wurde die Gruppe von Rittern unter der Führung der Brüder Geoffrey und Guy von Lusignan5 angegriffen. William und der Rest der Ritter um Patrick von Salisbury stellten sich trotz ihrer geringen Zahl und nicht angelegten Rüstungen den Angreifern entgegen, um der Königin die Flucht zu ermöglichen. Patrick wurde getötet, Marshal geriet schwer verwundet in Gefangenschaft. Ausgelöst wurde er schließlich durch die Königin, die ihn kurz darauf in ihr persönliches Gefolge aufnahm.6

1170 wurde William Marshal zum „Tutor in Arms“ des jungen Königs Heinrich ernannt. Mit diesem sollte ihn letztlich eine langjährige und innige Freundschaft verbinden. Marshal war nicht nur Mentor des Königs, sondern nahm mit ihm überaus erfolgreich an einer Vielzahl von Turnieren teil. Er unterstützte ihn zudem in seinen zwei Rebellionen gegen seinen Vater, die jedoch scheiterten. Nach dem Tod Heinrichs 1183 reiste Marshal ins heilige Land, um den Mantel seines Herrn und Freundes nach Jerusalem zu bringen. Nach seiner Rückkehr trat er 1186 in den Haushalt König Heinrichs II. ein.7

Richard the Lionheart

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Richard Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jhd.

Richard, Sohn Heinrichs II., rebellierte ebenfalls gegen seinen Vater. Anders als sein Bruder Heinrich war Richard ein erfahrener Kommandeur. Er schaffte es schließlich, die Oberhand im Krieg zu gewinnen. 1189 nahm er Le Mans ein, die letzte Stadt des alten Königs. Dieser musste fliehen, um der Gefangennahme zu entgehen. William Marshal und William des Roches deckten den Rückzug ihres Herrn, der von seinem Sohn Richard verfolgt wurde. So kam es, dass Marshal und Richard Löwenherz direkt aufeinander trafen. William durchbohrte das Pferd Richards mit seiner Lanze, verschonte aber wohlweislich das Leben seines nur leicht gepanzerten Gegenübers. Heinrich II. entkam nach Chinon, wo er schließlich starb. William Marshal harrte bis zuletzt an seiner Seite aus.8

Richard Löwenherz nahm William noch im selben Jahr in seine Dienste auf und stimmte dessen Heirat mit Isabel von Clare zu. Dieser wurde somit der Herr von Striguil und damit ein Baron Englands. Mehr noch: Während Richards Kreuzzug ins Heilige Land diente William als Co-Justiciar Englands. Der einst mittellose Ritter hatte damit bereits jetzt einen sagenhaften Aufstieg erreicht.

William Marshal und König John

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König John, Darstellung aus dem 13. Jhd.

Richard wurde 1199 bei der Belagerung von Chalus von einem Armbrustbolzen tödlich getroffen. Sein Nachfolger wurde sein jüngerer Bruder John. Marshal wurde zum Earl von Pembroke ernannt. Der Titel des Earl besaß eine besondere Bedeutung. Er stammte noch aus angelsächsischer Zeit und hob Marshal auf eine deutlich höhere gesellschaftliche Stufe.

Die nächsten Jahre waren bestimmt durch die wachsenden Ambitionen des französischen Königs Philipp Augustus. Nach und nach vielen immer mehr Gebiete an Frankreich. 1202 führte Marshal die Verteidigung der Normandie an. Trotz aller Bemühungen vielen 1204 Rouen, Chateau Gaillard und die Normandie an die Franzosen. 1205 kam es zu Uneinigkeiten zwischen König John und William Marshal, der sich zunächst aus dem Umfeld des Hofes zurückziehen musste. Erst 1212 kehrte er an die Seite Johns zurück. 1215 begann die Rebellion der Barone gegen die als ungerecht empfundene Herrschaft des Königs. Diese erreichten noch im selben Jahr die Unterzeichnung der Magna Carta, die die Macht des Herrschers einschränken sollte.

1216 starteten die Franzosen unter ihrem König Louis eine Invasion Englands. Zu allem Überfluss starb der König noch im selben Jahr. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Heinrich III. William Marshal blieb auch dieses Mal dem Thron treu. Er wurde zum Wächter des Reiches ernannt und übernahm im Alter von 70 Jahren die Führung der englischen Armee.

Die letzte Schlacht

1217 war ein schicksalhaftes Jahr für England. Die Franzosen standen mit ihren Truppen fest auf englischem Boden. Unterstützt wurden sie von einigen Baronen, die sich auf die Seite des französischen Königs gestellt hatten. Doch die Engländer um William Marshal waren fest entschlossen, sie zu vertreiben. Bei Lincoln sollte es zur Entscheidung kommen. Durch eine geschickte Ablenkungstaktik war es den Engländern möglich, sich einen Weg in die Stadt zu bahnen. In der Folge kam es innerhalb der Mauern zu einer fürchterlichen Schlacht. Angeführt wurden die englischen Truppen von William Marshal höchstpersönlich, der mit seinem Sohn an der Spitze ritt. Zwischen Burg und Kathedrale kam es zu einem erbitterten Kampf. Die Schlacht entschied sich schließlich dadurch, dass die Franzosen in Panik gerieten und die Flucht antraten. Nur 200 französische Ritter sollen der anschließenden Verfolgung entkommen sein. Am 13. Juni wurde ein Friedensvertrag geschlossen und König Louis wurde gestattet, das Land mit seinen restlichen Truppen zu verlassen.9

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Die Schlacht von Lincoln, Illustration aus dem 13. Jhd.

Das Ende

William Marshal starb 1219, nur zwei Jahre nach der Schlacht von Lincoln, in Caversham Manor. Zuvor löste er ein Versprechen ein, dass er bereits 1180 gegeben hatte: Er trat dem Templerorden bei. Sein Freund und der Templermeister von England, Aimery von St. Maur, führte die notwendigen Riten durch. Nach seinem Tod wurde sein Körper zur Reading Abbey gebracht, wo eine erste Messe abgehalten wurde. Am 18. Mai wurde er in einer feierlichen Prozession in London zur Westminster Abbey überführt. Seine letzte Ruhe fand er schließlich am 20. Mai 1219 in der Temple Church in London. Seine Frau Isabel starb nur ein Jahr später. Sie wurde nicht älter als 45 Jahre.10

Die Karriere von William Marshal war beispiellos. Die Bezeichnung als der „größte aller Ritter“ bezieht sich dabei nicht nur auf seine Taten im Kampf, sondern auch auf seine Erfolge im politischen und materiellen Bereich. Seine Körpergröße, Kraft, Mut und sehr stabile Konstitution machten ihn zu einem geborenen Kämpfer in einer Zeit, in der dem bewaffneten Kampf eine große Bedeutung zukam. Seine Intelligenz und sein Verständnis für politische Zusammenhänge ermöglichtem ihm, auch auf der politischen Bühne eine erfolgreiche Rolle zu spielen. Er stand stets fest an der Seite derjenigen, denen er Treue und Freundschaft geschworen hatte. Eine Tatsache, die selbst von seinen Feinden respektiert wurde. Er besaß damit eine Kombination aus Eigenschaften, die so bei kaum einem anderen Menschen seiner Zeit vorhanden waren. Dazu kam, dass ihm bei mehreren Gelegenheiten das Glück unter die Arme griff. So kam es, dass ihn bereits seine Zeitgenossen als den größten aller Ritter in Erinnerung behielten.

Literatur:

Asbridge, Thomas: The Greatest Knight. The Remarkable Life of William Marshal, the Power behind five English Thrones. London, 2015.

1Vgl. Asbridge, Thomas (2015). S. 24-28.

2Vgl. Ebd. S. 54-58.

3Vgl. Ebd. S. 69.

4Vgl. Ebd. S. 63-69.

5Eben der Guy von Lusignan, der König von Jerusalem werden sollte und von Sultan Saladin in der Schlacht von Hattin besiegt wurde.

6Vgl. Ebd. S. 82-84.

7Vgl. Ebd. S. 384-385.

8Vgl. Ebd. S. 198-204.

9Vgl. Ebd. S. 353-361.

10Vgl. Ebd. S. 373-375.

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Die Schlacht von Hastings 1066 – Kampf um ein Königreich

Als die mittelalterlichen Königreiche Westeuropas das erste Mal in den Kontakt mit den Nordmännern kamen wird sich noch niemand hat vorstellen können, welch gewichtige Rollen ihre Anführer in der zukünftigen Politik spielen würden. Aus den Seeräubern wurden zunächst Armeen, von denen einige von den Königen des Frankenreichs angeworben wurden und denen zum Teil sogar Siedlungsgebiete zugesprochen wurden. Vermutlich 911 wurde Wikingern aus Dänemark und Norwegen das Gebiet der Normandie als Lehen zugesprochen. Ihren Namen erhielt dieser Landstrich von diesen Nordmännern, die sich größtenteils mit einheimischen Frauen vermählten.

Dänische Heere eroberten große Teile Englands und schufen dort eigene Reiche. Trotz andauerndem Abwehrkampf der Angelsachsen konnten die Dänen nicht mehr von der Insel vertrieben werden. 1013 führte der Dänenkönig Sven Gabelbart eine Invasion Englands an. Nach seinem Tod 1014 folgte ihm sein Sohn Knut nach. 1016 besiegte er den englischen König Edmund Ironside in der Schlacht von Assandun und ließ sich Weihnachten zum König krönen. Ein Jahr später heiratete er Emma von der Normandie, auf die der spätere Wilhelm der Eroberer seine Ansprüche auf den englischen Thron zurückführte. Knut starb 1035. Ihm folgten seine Söhne Harald und Hardiknut nach. Nach Hardiknuts Tod übernahm sein Stiefsohn Eduard der Bekenner die Krone. Dieser sollte bis zu seinem Tod 1066 König bleiben.

Auf seinem Totenbett soll Eduard Harold Godwinson zu seinem Nachfolger bestimmt waren. Wenig später wurde dieser vom Witan[1] in dieser Rolle bestätigt. Wilhelm der Eroberer ließ auf dem Teppich von Bayeux darstellen, dass Harold ihm zuvor den Eid geschworen habe, ihm im Streben nach dem englischen Thron zu unterstützen. Ob dies tatsächlich und vollständig freiwillig geschah, ist allerdings nicht nachzuweisen. Immerhin war Harold nach einem Schiffbruch kurzzeitig in die Gefangenschaft des normannischen Adligen Guy de Ponthieu geraten, aus der er von Wilhelm befreit wurde. Zudem befand sich Harolds Bruder in normannischer Geiselhaft. Auf jeden Fall stellte dieser Eidbruch einen wichtigen Legitimationsgrund für das spätere militärische Vorgehen Wilhelms dar.

Harald II. auf dem englischen Thron

Harald II. auf dem englischen Thron

Nach Harolds Krönung zu Harald II. musste sich der Angelsachse gegen eine Armee unter dem norwegischen König Harald III. Hardråde erwehren, die in Nordengland mit 300 Schiffen anlandete. Diese konnte aber in der Schlacht bei Stamford Bridge am 25. September 1066 besiegt werden. Zeit zur Erholung blieb nicht. Schon kurz nach der Schlacht erhielt Harald II. die Nachricht, dass die normannische Armee unter Wilhelm in See gestochen war. Dieser hatte sich zuvor abgesichert, indem er sich der Unterstützung des Papstes Alexander II. versicherte. Sogar eine von diesem gesegnete Flagge führte er mit sich. Wilhelms Heer soll insgesamt ca. 5-6.000 Mann umfasst haben, von denen allerdings nicht alle aus der Normandie kamen. Auch Söldner aus der Bretagne, Flandern und anderen Fürstentümern verstärkten Wilhelms Truppen. [2] Harald II. konnte auf ca. 4.000 Krieger zurückgreifen, darunter die berüchtigten Huscarls. Dies waren in Kettenhemd und Helm kämpfende Elitekrieger, die lange Äxte und Schilde einsetzten. Der größte Teil des angelsächsischen Heeres wurde aber durch die Fyrd gebildet, einfache Bauern, die Wehrdienst leisteten. Pferde waren den Angelsachsen zwar bekannt, allerdings stiegen sie vor einer Schlacht ab und kämpften zu Fuß. Auch Wilhelm stützte sich auf Lehnsaufgebote. Allerdings konnte er auf adlige Reiterkrieger und Söldner zurückgreifen.

Der Verlauf der bewaffneten Auseinandersetzung wurde aus normannischer Sicht in drei wichtigen Quellen festgehalten: Dem „Carmen de Hastingae Proelio“ von Guy, Bischof von Amiens (1068); der „Gesta Guillelmi“ des Wilhelm von Poitiers (1071-77) und auf dem Teppich von Bayeux, der zwischen 1077 und 1082 auf Anordnung von Wilhelms Bruder Bischof Odo geschaffen wurde. Direkt nach der Landung des normannischen Heeres an der Küste Südenglands ließ Wilhelm ein Fort errichten, um den Landeplatz und die Schiffe zu schützen. Zudem ließ er umliegende Dörfer plündern, um Harald II. zum Handeln zu zwingen.[3] Die angelsächsische Armee bezog auf dem Senlac-Hügel Position und bildete einen Schildwall. Wilhelm ließ sein Heer am Fuß des Hügels in drei Abteilungen antreten. Er selbst befand sich in der Mitte der Formation, in Gesellschaft seiner normannischen Gefolgsleute.[4]

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Eröffnet wurde die Schlacht durch normannische Bogen- und Armbrustschützen, die allerdings gegen den angelsächsischen Schildwall nicht viel ausrichten konnten. Auch der anschließende Reiterangriff wurde abgewehrt. Zunächst scheiterten zudem Versuche, die Angelsachsen durch vorgetäuschte Flucht zu einem Auflösen ihrer Formation zu bewegen.[5] Wilhelm von Poitiers beschreibt, dass diese Methode nach und nach allerdings zu Erfolgen geführt habe und der Schildwall so Lücken bekam.[6] Nach und nach wurde das Heer Haralds II. dezimiert, bis schließlich der König selbst durch einige normannische Reiter getötet wurde. Durch dieses dramatische Ereignis kippte die Stimmung in der angelsächsischen Armee, die sich schließlich auflöste und zur Flucht wandte.

Harald II. wird in der Schlacht getötet

Harald II. wird in der Schlacht getötet

Letzten Endes haben wir es den Schlachtverlauf betreffend nicht mit außergewöhnlichen stratgischen Winkelzügen zu tun. Der Schildwall der Angelsachsen wurde stets frontal angegriffen und konnte dementsprechend zunächst nicht überwunden werden. Die Angelsachsen machten keine Anstalten, ihre vorteilhafte Position auf dem Hügel aufzugeben. So war der Ausgang der Schlacht zu Beginn der Kampfhandlungen komplett offen. Entscheidend war, welche Seite ihre Disziplin am längsten aufrechterhalten konnte. Nicht zufällig waren die Huscarls zum großen Teil zwischen den kämpfenden Bauern positioniert. Beide Seiten waren sich außerdem darüber im Klaren, dass eine Niederlage schwerwiegende Folgen haben würde. Auch das normannische Heer war vor kritischen Momenten nicht gefeit. So konnte eine Flucht durch Wilhelms persönlichen Einsatz im letzten Moment verhindert werden. Er betont ausdrücklich, dass man England nur im Falle des Sieges lebend werde verlassen können.[7] Für Harald II. ging es mindestens um den Thron. Mit Gnade wird er nicht gerechnet haben. Am Ende löste sich der angelsächsische Schildwall mehr und mehr auf und es kam zu erbitterten Nahkämpfen, in die nun auch die normannischen Panzerreiter eingreifen konnten. Mit dem Tod Haralds II. war die Schlacht praktisch entschieden, ohne Anführer konnte die Armee nicht zusammen gehalten werden.

Wilhelm gibt sich seinen Truppen zu erkennen, um Gerüchte über seinen Tod zu zerstreuen

Wilhelm gibt sich seinen Truppen zu erkennen, um Gerüchte über seinen Tod zu zerstreuen (2. von links)

Am Ende des Tages war Wilhelm siegreich und viele Angelsachsen lagen tot auf dem Schlachtfeld. Der erste Schritt der Eroberung Englands war getan, viele sollten folgen. Der Eroberungszug würde noch einige Zeit dauern und viele weitere Menschenleben fordern, bis das Land unter normannischer Kontrolle war. Die Führungsschicht wurde nach und nach ausgetauscht und die einzelnen Gebiete durch den Bau von Burgen gesichert. Mit dem Domesday Book verschaffte Wilhelm I. England erstmals ein akkurates Grund- und Rechtsbuch, das die Grundlage bildete für ein effizientes Geld- und Steuerwesen auf der Insel. Auch wirkte es sich zentral auf die Rechtsprechung aus. Zudem wurden viele französische Vokabeln eingeführt, die sich auf die englische Sprache auswirken sollten. Wilhelm I. hatte zeitlebens mit Aufständen und Angriffen auf seinen Herrschaftsbereich zu kämpfen, unter anderem sogar mit Mitgliedern seiner Familie. Zudem musste er sich mit dem französischen König Philipp I. auseinandersetzen. Wilhelm starb am 09. September 1087 und wurde in Caen beigesetzt.

[1] Höchster Rat der Angelsachsen.

[2] Vgl. Plassmann, Alheydis (2008). S. 160-169.

[3] Vgl. Guy von Amiens. Z. 141-154.

[4] Vgl. Wilhelm von Poitiers. II, 16.

[5] Vgl. Guy von Amiens. Z. 414-447.

[6] Vgl. Wilhelm von Poitiers. II, 20.

[7] Vgl. Guy von Amiens. Z. 450-453.

Quellen:

Guy Bishop of Amiens. The Carmen De Hastingae Proelio. Bearb. V.H. Galbraith, R.A. Mynors, C.N.L. Brooke. London, 1972.

Wilhelm von Poitiers. Gesta Guilelmi. Bearb. und Übers. R.H.C. Davis, Marjorie Chibnall. Oxford, 1998.

Literatur:

Plassmann, Alheydis. Die Normannen. Erobern – Herrschen – Integrieren. Stuttgart, 2008.

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Die Fahrten der Wikinger im frühen Mittelalter in das Frankenreich und nach England – Raubzüge, Invasionen oder Entdeckungsfahrten?

Als 793 n.Chr. ein skandinavisches Langschiff vor der englischen Insel Lindisfarne scheinbar aus dem Nichts auftauchte und seine Mannschaft das dort errichtete Kloster plünderte sowie seine Mönche tötete oder versklavte war für die Menschen nicht absehbar, welches Ausmaß die weiteren Kontakte mit den Nordmännern noch annehmen sollte. Die Geschichte dieser Fahrten ist wohlbekannt. Die englischen Königreiche und das Frankenreich sollten die ersten Staatengebilde sein, die mit immer stärker werdenden Angriffen der Wikinger zu kämpfen hatten. Letzten Endes sollten ihre Langschiffe die Männer und Frauen aus dem hohen Norden bis weit nach Osten, Westen und Süden führen. Die Normandie, England, Sizilien, Byzanz, Kiew, Island, Irland, Grönland und sogar Neufundland – überall lassen sich Hinterlassenschaften der Wikinger finden. Doch um was ging es den Skandinaviern in erster Linie? Gold, Sklaven, Land oder das Entdecken neuer Handelswege – was war ihr Hauptmotiv für ihre durchaus riskanten Unternehmungen? Um diese Frage zu beantworten, soll in diesem Artikel der Schwerpunkt auf England und das Frankenreich gelegt werden. Beide Gebiete hatten besonders schwer unter den Einfällen der Wikinger zu leiden.

Interessanterweise war der Überfall auf das Kloster auf Lindisfarne nicht der erste Kontakt der Engländer mit den Wikingern. Laut den Chronisten des 9. Jahrhunderts erreichten drei Schiffe mit Nordleuten die Küste von Portland irgendwann zur Zeit des Königs Beorthric (786-802) als erstes England. Schon dieser Kontakt sei nicht friedlich verlaufen. Der ansässige Vogt habe mit ihnen handeln wollen, sie aber haben ihn getötet und die Siedlung geplündert.[1] Von diesen plündernden Verbänden sind der Forschung ca. 790 bekannt, die sich allerdings nicht alle in Richtung England aufmachten und unabhängig voneinander operierten. Sie konnten sich allerdings zweitweise zusammentun, um größere Ziele angreifen zu können.[2] Die Wikinger verbündeten sich bei Gelegenheit auch mit anderen Völkern und waren in der Lage, große Armeen ins Feld zu führen. So musste sich der westsächsische König Egbert 838 in der Schlacht bei Hingston Down in Cornwall einer Armee aus Wikingern und Kelten erwehren. Im Jahr 851 griff ein Verband aus 350 Schiffen erfolgreich Canterbury und London an.[3]

In den Jahren 865/66 überwinterte ein wohl noch größeres Wikingerheer in Ost-Anglia. Es setzte sich aus den Mitgliedern verschiedener Schiffsbesatzungen sowie mehreren Earls mit ihren Gefolgschaften zusammen. Dieses Heer hielt mehrere Jahre zusammen. Die Forschung geht von einer Größe von 2-3000 Mann aus. Auch die Anführer sind bekannt: Ivar der Knochenlose und Halfdan, beides Söhne des Ragnar Lodbrok. Nachdem sie eine Zeit lang durch England gezogen und Tribute erpresst hatten, eroberten sie 870 das komplette Ost-Anglia. In den eroberten Gebieten kam es bald zur Gründung von Siedlungen.[4]

Beispiel einer Wikingersiedlung

Beispiel einer Wikingersiedlung

Ernsthafte Gegenwehr erfolgte erst durch König Alfred von Wessex. Unter ihm gelang es englischen Truppen, die Dänen zurückzudrängen. Mit König Guttrom wurde die Grenzen zwischen den englischen Gebieten und dem Danelag offiziell festgelegt.[5] Damit war dem erneuten Auftauchen von Schiffen aus Skandinavien allerdings keineswegs ein Riegel vorgeschoben.[6] Noch im 10. und frühen 11. Jahrhundert kam es immer wieder zu Überfällen. 990/91 wurden Friedensverhandlungen mit der Normandie aufgenommen, von wo aus Normannen Plünderungen starteten. Noch im gleichen Jahr erschien eine riesige Wikingerflotte bei Folkstone, bestehend aus ca. 3.000 Mann auf 90 Schiffen. Dieses Heer blieb mehrere Jahre in England, besiegte eine englische Armee bei Malden und erzwang Tribut. 993 wurde Northumbria verwüstet, bis 1004 wurden immer wieder verschiedene Städte und Landesteile angegriffen. Erst die Hungersnot von 1005 sollte die Wikinger dazu bringen, nach Dänemark zurückzukehren. Doch bereits 1006 erreichte eine weitere Flotte die englischen Inseln, die man erst 1012 nach erheblichen Tributzahlungen wieder loswurde. [7] Ruhe hatten die gebeutelten Engländer damit immer noch nicht. 1013 begann der dänische König Sven Gabelbart mit einer Invasion. Tatsächlich gelang es ihm, König Aethelred ins Exil zu treiben. Gabelbart starb 1014, sein Sohn Knut folgte ihm nach. Aethelred gelang es zunächst, ihn zu vertreiben. Knut kehrte allerdings mit einer Flotte zurück und landete bei Sandwich. Nach dem Tod Aethelreds übernahm Edmund Ironside die Organisation der Verteidigung. Knut siegte letzten Endes und wurde als König anerkannt.[8]

König Alfred der Große

König Alfred der Große

Ungefähr zur selben Zeit wie England hatte auch das Frankenreich mit Wikingereinfällen zu kämpfen. Obwohl das Frankenreich keine Insel war, so war es dennoch zu einem nicht geringen Teil vom Meer umgeben. Zudem war es von gut schiffbaren Flüssen durchzogen. Perfekte Bedingungen für die Wikinger. Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass ausgerechnet das so mächtige Frankenreich es lange Zeit nicht vermochte, die Krieger aus dem Norden in die Schranken zu weisen. Allerdings war nach dem Tod Königs Ludwig im Juni 840 der Kampf um seinen Thron entbrannt. Seine Söhne Karl der Kahle, Ludwig der Deutsche und Lothar sowie deren Neffe Pippin II. stritten um das Erbe. Lothar heuerte gar Wikinger an. Im Gegenzug für Siedlungsrecht sollten sie ihm im Kampf beistehen.[9]

Die Wikinger bemerkten schnell, dass das Frankenreich voller reicher, aber ungeschützter Stätten war. Quentowik, Rouen, das Kloster von Saint-Wandrille und Nantes wurden geplündert, zahlreiche Tribute und Lösegelder erpresst.[10] Die Raubzüge waren nicht alleine auf das Frankenreich beschränkt. 844 segelten die Wikinger weit nach Süden und griffen al-Andalus und Galicien an. Auch der marokkanische Kleinstaat Nakur wurde überfallen und die Frauen des dortigen Hofes als Geiseln genommen.[11]

Wikinger

Ähnlich wie in England begannen die Wikinger bald damit, in den Gebieten zu überwintern, in denen sie zuvor geplündert hatten. Es entstanden Stützpunkte, von denen aus weitere Raubzüge unternommen werden konnten. Wie bereits erwähnt nutzten sie die zahlreichen Wasserwege, um auch weit entfernte Ziele anzusteuern. Durch die Stützpunkte war es außerdem möglich, nach und nach größere Heere zusammenzuziehen und dementsprechend schwierigere Ziele anzugreifen. Die Belagerung von Paris 885/86 legt hiervon Zeugnis ab.

Im 10. Jahrhundert begann sich schließlich effektiver Widerstand zu organisieren. König Karl schaffte es zum einen, innerhalb des fränkischen Adels einen gemeinsamen Widerstand zu organisieren. Zum anderen warb er immer wieder Wikingerkontingente an und spielte einzelne Gruppen gegeneinander aus. Die Siedlungspolitik spielte hier eine weitere zentrale Rolle. Bedeutenden Anführern und ihrer Gefolgschaft wurden reizvolle Gebiete und Titel versprochen, wenn sie im Gegenzug die Sicherheit garantierten, nicht mehr plünderten, zum Christentum konvertierten und dem König der Franken die Treue schworen. Da das Plündern inzwischen sehr viel riskanter war als es zu Beginn der Wikingereinfälle gewesen war, gingen viele Anführer auf diese Angebote ein. So entstand beispielsweise die Normandie.[12] Hier hatten schon früher Normannen ihre Stützpunkte aufgeschlagen. Nun gliederte man sie in das Frankenreich ein und machte so Feinde zu Verbündeten und schließlich zu Vasallen.

Am Beispiel der englischen Königreiche und des Frankenreichs wird deutlich, dass die Wikinger zunächst von den leicht zu erobernden Reichtümern beider Gebiete angelockt wurden. Dazu zählten bei weitem nicht nur die Klöster und Kirchen. Auch die Gefangennahme bedeutender Personen oder deren Angehörigen konnte nicht unerhebliche Lösegelder bedeuten. Tribute, um Frieden zu erkaufen, konnten ebenfalls schnell und relativ leicht erpresst werden. Darüber hinaus stellte die Versklavung gefangener Feinde einen wichtigen Punkt dar. Diese Menschen wurden insbesondere in Skandinavien und schließlich im Osten Europas verkauft. Dementsprechend waren Siedlungsgebiete und Handelswege von großer Bedeutung.

Die Wikinger kamen aus Ländern, in denen es weder viele Rohstoffe noch große Flächen urbares Land gab. Gleichzeitig hatten sie Seefahrt und Kriegführung perfektioniert. Kombiniert mit harten Lebensbedingungen und einer Religion, die den Kampf und insbesondere den Tod darin als positiv darstellte, hatten es Franken und Engländer mit äußerst gefährlichen und skrupellosen Gegnern zu tun, die sich aber auch als Söldner anwerben ließen. Gleichzeitig waren die Wikinger gute Bauern und Händler, die auf der Suche nach neuem Land waren. Ihnen müssen die von ihnen durchquerten, fruchtbaren Landstriche paradiesisch erschienen sein. Aus diesem Grund waren sie sicherlich auch bereit, entsprechend verlockende Angebote der westlichen Herrscher anzunehmen.

Bezüglich der Religion scheint es von Seiten der Wikinger keine besonderen Vorurteile gegeben zu haben. Während die Christen sie als Strafe und Sendboten des Teufels wahrnahmen, waren sie vor allem erfreut über die relativ ungeschützten Kirchenschätze. Gleichzeitig griffen sie jüdische und islamische Gebiete an. Es ging ihnen ums Geld, nicht um religiöse Debatten oder gar Missionierung. Skrupel im Umgang mit Gläubigen und Geistlichen hatten sie dementsprechend nicht. Sie waren lediglich sichere Quellen des Reichtums.

Erst, nachdem die Menschen in den betroffenen Gebieten gelernt hatten sich gegen Überfälle und Angriffe koordiniert und gemeinsam zu verteidigen sowie reizvolle Ziele besser zu befestigen, wurden die Raubzüge nach und nach immer weniger rentabel und vor allem zu riskant. So ging das Wikingerzeitalter nach und nach seinem Ende entgegen. Die hohe Flexibilität und zahlreichen Fähigkeiten der Nordmänner und -frauen führte aber dazu, dass die Skandinavier weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollten.

 

 

[1] Vgl. Keynes, Simon (2001). S. 60.

[2] Vgl. Ebd. S. 61.

[3] Vgl. Ebd. S. 62.

[4] Vgl. Ebd. S. 65.

[5] Vgl. Ebd. S. 66-67.

[6] Vgl. Ebd. S: 71.

[7] Vgl. Ebd. S. 83-85.

[8] Vgl. Ebd. S. 85-86.

[9] Vgl. Nelson, Janet L. S. 35.

[10] Vgl. Ebd. S. 36.

[11] Vgl. Ebd. S. 39.

[12] Vgl. End. S. 40-41.

Literatur:

Keynes, Simon. Die Wikinger in England (um 790-1016). In: Peter Sawyer (Hrsg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 58-92.

Nelson, Janet L. Das Frankenreich. In: Peter Sawyer (Hrsg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 29-57.

 

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