Die 12 Artikel von Memmingen

1525 – ein Schicksalsjahr für die Bauern im Heiligen Römischen Reich. In Schwaben, am Ober- und Mittelrhein, Franken, Thüringen, Salzburg und Tirol erhoben sich mehrere hunderttausend Bauern gegen ihre Herren. In Memmingen formulieren sie die sogenannten 12 Artikel – die erste Proklamation der Menschenrechte in Europa, über 200 Jahre vor der französischen Revolution. Doch wie sahen die Forderungen im einzelnen aus?

Die Forderungen der Bauern

Das Ziel der Bauern war eine gerechtere Lebensordnung nach dem Vorbild der Bibel. Es sollte Schluss sein mit dem Willkür des Adels, unter dem besonders die Leibeigenen zu leiden hatten. In Memmingen legten sie 1525 12 Artikel vor, in denen sie ihre Forderungen auf den Punkt brachten:

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Flugschrift von 1525, aus: Otto Henne am Rhyn: Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Zweiter Band, Berlin 1897, S.21

 

  1. Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu wählen und ihn zu entsetzen (abzusetzen), wenn er sich ungebührlich verhält. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können.

    Die Bauern beziehen sich hier klar und deutlich auf die Reformation. Das Heil könne nur durch den wahren Glauben erlangt werden, zu dem man nur durch die Befolgung der Schrift gelangen könne. Zudem sollte hier der Bevormundung durch die hohe Geistlichkeit Einhalt geboten werden.

  2. Von dem großen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger Überschuss soll für die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll abgetan (aufgegeben) werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.

    Hierbei handelt es sich um die Forderung nach Entlastung übertriebener Abgaben. Zudem sollte der große Zehnt in Gänze dem Dorf zugute kommen. Vorher wurden die Abgaben häufig zweckentfremdet.

  3. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Eigenleute (Leibeigene) gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.

    Leibeigenschaft und Freiheit im christlichen Sinne passten aus Sicht der Bauern nicht zusammen. Ganz anders formulierte dies übrigens Dr. Martin Luther. Seiner Meinung nach sei zu unterscheiden zwischen dem Geist des Menschen und dessen leiblicher Gestalt. Nur für den christlichen Geist sei die Freiheit vorgesehen, von der in der Bibel die Rede ist. Der irdische Mensch müsse sich aber der göttlichen Ordnung beugen.

  4. Ist es unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.

    Nur wer sich selbst versorgen kann, ist auch wirklich frei. Andernfalls bliebe er stets in Abhängigkeit von anderen Menschen. Kein Wunder also, dass diesem Artikel eine sehr hohe Bedeutung zukommt.

  1. Haben sich die Herrschaften die Hölzer (Wälder) alleine angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher alle Hölzer, die nicht erkauft sind (gemeint sind ehemalige Gemeindewälder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten), der Gemeinde wieder heimfallen (zurückgegeben werden), damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.

    Auch hier: Die Versorgung der Bauern müsse aus eigener Kraft möglich sein.

  2. Soll man der Dienste (Frondienste) wegen, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, ein ziemliches Einsehen haben (sie ziemlich reduzieren), wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.

  3. Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht über das bei der Verleihung festgesetzte Maß hinaus erhöhen. (Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war durchaus üblich.)

    Die Bauern litten sehr unter der harten, körperlichen Arbeit. Ihre Herren setzten sie in vielen Fällen über die Leistungsgrenze hinaus ein. Dies sollte nun ein Ende haben.

  4. Können viele Güter die Pachtabgabe nicht ertragen. Ehrbare Leute sollen diese Güter besichtigen und die Gült nach Billigkeit neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.

    Gerechter Lohn für harte Arbeit: Diese Forderung ist heute noch so aktuell wie damals!

  5. Werden der große Frevel (Gerichtsbußen) wegen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben (Erhöhungen von Strafen und Willkür bei der Verurteilung waren üblich). Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe zu strafen, darnach die Sache gehandelt ist, und nicht nach Gunst.

    Die Bauern forderten hier das Recht auf einen fairen Prozess. Im 16. Jahrhundert entschied häufig die Qualität der Kontakte darüber über das Strafmaß. Das Vertrauen in das Rechtssystem wurde so zerstört.

  6. Haben etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören (Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen.

  7. Soll der Todfall (eine Art Erbschaftssteuer) ganz und gar abgetan werden, und nimmermehr sollen Witwen und Waisen also schändlich wider Gott und Ehre beraubt werden.

    Starb ein Leibeigener, stand dem Lehnsherren die Hälfte des Besitzes zu. Für die ohnehin schon armen Hinterbliebenen war dies nicht nur eine unerträgliche Ungerechtigkeit, sondern eine direkte Bedrohung ihrer Existenz.

  8. Ist unser Beschluss und endliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären …, von denen wollen wir abstehen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und es befände sich hernach, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von Stund an tot und ab sein. Desgleichen wollen wir uns aber auch vorbehalten haben, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären.

Was die Bauern hier forderten war nicht weniger als die Abschaffung der alten Ordnung zugunsten einer neuen, gerechteren Verteilung der Güter und einer gerechteren Behandlung. Wahrhaft revolutionäre Gedanken! Umso bedrohlicher musste sie von den Herrschern wahrgenommen werden. Dies erklärt das schnelle und brutale Vorgehen gegen die Aufständischen.

Erreichten die Bauern ihre Ziele?

Der deutsche Bauernkrieg endete 1525 mit vernichtenden Niederlagen mehrerer Bauernheere auf deutschem Boden. Gegen die erfahrenen und hervorragend ausgerüsteten Söldner der Fürsten konnten die Bauern nichts ausrichten. Die Folgen der Niederlage waren verheerend. Über 100.000 Bauern waren getötet worden. Die Anführer wurde öffentlich gefoltert, verurteilt und hingerichtet. Wer nicht gefasst wurde, wurde für vogelfrei erklärt. Die Vertreter der alten Ordnung hatten triumphiert. Sie sollte noch über 300 Jahre Bestand haben – bis zur deutschen Revolution von 1848/49.

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Martin Luther – Kindheit, Jugend und der Eintritt ins Kloster

christian-1296370_1280Vor einem halben Jahrtausend veränderte ein Mann mit der Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache die Welt nachhaltig: Martin Luther. Er ist vor allem als Reformator bekannt. Als mutiger Mönch, der der mächtigen römischen Kirche und dem Kaiser Karl V. mutig die Stirn bot. Doch nur wer Luthers Herkunft kennt kann beurteilen, warum er tat, was er tat – und wie aus einem einfachen Mönch der größte Widersacher des mächtigen Papstes werden konnte.

Lesen Sie im ersten Teil der Reihe, wie Martin Luthers Kindheit und Jugend aussahen, wie er an die Universität ging und sich anschließend für ein entbehrungsreiches Leben im Kloster entschied.

Vom Jungen aus einfachen Verhältnissen zum Mönch

Anfangs deutete kaum etwas darauf hin, dass aus dem Jungen aus einfachen Verhältnissen eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte werden sollte. Geboren wurde Martin Luther am 10. November 1483 im thüringischen Eisleben. Sein Vater war Bergmann, seine Mutter einfache Hausfrau. Doch trotz ihrer einfachen Verhältnisse lernte der junge Luther Lesen und Schreiben. Sein Alltag war, wie auch der seiner Altersgenossen, von Gewalt geprägt. Schläge waren sowohl im Elternhaus als auch in der Schule an der Tagesordnung. Mit 14 Jahren ging er auf eine Schule in Magdeburg, wo er allerdings nur ein Jahr lang blieb.Von dort ging es nach Eisenach. Geld besaß er meistens nicht. Was er zum Leben brauchte, musst er erbetteln. Einzig eine gewisse Ursula Cotta sorgte einige Jahre etwas besser für ihn. Sein Vater schickte in 1501 schließlich auf die Universität von Erfurt, wo er 1502 den Bakkalaureus und 1505 den Magister erwarb. Doch sollte er geglaubt haben, nun eine ruhigere Lebensphase erreicht zu haben, hätte er sich getäuscht. Mehrere Krankheiten, eine Pestwelle und der Einschlag eines Blitzes in seiner unmittelbaren Nähe sorgten dafür, dass sich Martin Luther ins Augustiner-Kloster in Erfurt begab und sich für ein Leben als einfacher Mönch entschied. Dort befolgte er für viele Jahre pflichtbewusst die strengen Klosterregeln.1

Folgen für sein weiteres Leben

Leid, Schmerz, Krankheiten und Mangel prägten Luthers Kindheit und Jugend. Erfahrungen, die sein späteres Leben ebenso prägen sollten wie seinen Umgang mit Herausforderungen und Problemen. Er lernte früh, sich durchzusetzen und sein (Über)leben auch in Notlagen zu sichern. Gleichzeitig werden ihn die harschen Bedingungen kaum unbeeindruckt gelassen haben. Dafür spricht auch, dass er sich schließlich in ein Kloster begab und sich zunächst von der Welt außerhalb der Klostermauern abwandte. Doch auch hier sollte er keineswegs eine heile Welt vorfinden.

Was ihn schließlich dazu bewegte, sich gegen die Kirche zu stellen, dazu mehr im nächsten Artikel dieser Serie.

Literatur: Febvre, Lucien. Martin Luther. Herausgegeben und übersetzt von Peter Schöttler. Frankfurt am Main, 1996.

1Vgl. Febvre, Lucien (1996). S. 25-27.