Buchvorstellung: „Willehalm und Arabel“ – nach Wolfram von Eschenbach

51jscvtkswl-_sx326_bo1204203200_Opladen, Gudrun: Willehalm und Arabel – nach Wolfram von Eschenbach. rethink verlag, Friedberg, 2015.

Eine ungewöhnliche Liebe gerät in das machtpolitische Räderwerk ihrer Zeit: Es ist die Liebe zwischen der sarazenischen Königin Arabel und dem christlichen Ritter und Markgrafen Willehalm, der in Arabien gefangen gehalten wird. Gemeinsam fliehen sie an die rettende Küste der Provence. Arabel tritt zum Christentum über und wird Willehalms rechtmäßige Frau. Doch die Rache ihres ersten Ehemanns Tibalt sowie ihres Vaters, des mächtigen Großkönigs Terramer, zieht ein Meer aus Flammen, Tränen und Blut nach sich.

Willehalm und Arabel ist die spannend zu lesende Neuerzählung des Willehalm von Wolfram von Eschenbach. Der große Dichter des Parzival schuf damit ein Werk, das zugleich Ritterepos, Heldenroman, Heiligenlegende, Liebesgeschichte und Schlachtengemälde ist: alt und doch modern, brutal und doch zärtlich, fremd und doch vertraut, märchenhaft und doch real – kurz, eine durch und durch menschliche Erzählung.

(Klappentext aus: „Willehalm und Arabel“)

  1. Altes Thema der Weltgeschichte und Literatur: Islam versus Christentum

    Der Kampf Orient gegen Okzident, Morgen- gegen Abendland, Islam gegen Christentum war und ist eines der großen Themen der Weltgeschichte und Literatur. Mit ihm beschäftigt sich auch das Ritterepos Willehalm des berühmten Parzival-Dichters Wolfram von Eschenbach (* um 1160-80; † um/nach 1220). Es erzählt von der Liebe zwischen dem christlichen Ritter Willehalm und der sarazenischen Königin Arabel – eine tragische Liebe, ein blutiger „Minnesang“, der zu zwei großen Schlachten und zu mit ihnen verbundenen riesigen und letztlich unbewältigten Verlusten führt. Dabei geht die Figur des Helden Willehalm (Guillaume d’Orange) auf den 1066 heilig gesprochenen Wilhelm von Aquitanien (* um 754; † 28. Mai 812) zurück, den Grafen von Toulouse und Herzog von Aquitanien. Wie sein literarisches Pendant kämpfte auch der historische Wilhelm im Auftrag Karls des Großen gegen die Sarazenen (793).

  2. Vergessene Perle aus der Schatzkiste der Höfischen Literatur

    Der Willehalm, der schon in seiner Entstehungszeit literarisch eine eher ungewöhnliche Mischung aus Ritterepos, Heldenroman, Heiligenlegende, Liebesgeschichte und Schlachtengemälde darstellte, wurde vor über 800 Jahren im Auftrag des Landgrafen Hermann I. von Thüringen (*1190; † 1217) verfasst. Für sein Werk übersetzte Wolfram eine alt-französische Vorlage (La Bataille d’Aliscans ) ins Deutsche und erzählte sie für sein höfisches Publikum in der damals üblichen Vortrags-Reimform neu – so erfolgreich, dass der Willehalm zu einem der beliebtesten Erzähltexte des Hochmittelalters, oder, modern ausgedrückt, zu einem echten Bestseller in Form vieler schöner Handschriften wurde. Im Unterschied zu Parzival ist das Werk jedoch inzwischen allgemein in Vergessenheit geraten, von seiner nach wie vor bestehenden Bedeutung innerhalb der Mediävistik einmal abgesehen.

  3. Weniger Kreuzzugsideologie als frühes humanistisches Dokument

    Eine mögliche Vernachlässigung des Stoffes könnte darin liegen, dass er offiziell als unvollendetes Fragment gilt, es also kein klassisches „Happy End“ im Willehalm gibt – im Unterschied zum Parzival bietet der Willehalm keine homogen christliche Ritterromantik, sondern stellt das Geschehen schonungslos als eine „Schlächterei“ dar, die man nur mit „Sterben und Ruin des Glücks“ bezahlen könne. Vor allem aber bezieht das Werk erstmals auch die Lebens- und Gefühlswelt der muslimischen „Heiden“ mit ein und wird dadurch zu einem frühen, aufklärerischen und humanistischen Dokument, das sich von der einseitig feindlich gesinnten Kreuzzugsideologie eines Rolandslieds wohltuend unterscheidet.

Willehalm und Arabel: Romanhafte Wiederentdeckung des Willehalm

Für mich als Autorin bildeten gerade das Fragmentarische des Willehalm und sein fehlendes Happy End den passenden Anknüpfungspunkt, um das Wolfram’sche Original mit seinen knapp 14.000 Verszeilen für den heutigen Leser wieder zugänglich zu machen. Willehalm und Arabel hält sich werktreu an die Vorlage, reduziert das umfangreiche Epos aber auf die Handlung, die ich in eine verständliche, romanhafte Form gegossen habe. Die Erzählung wurde 2016 vom „Leseforum Bayern“ deshalb auch als Schulbuch empfohlen. Versbeispiele aus den neun Büchern der mittelhochdeutschen Originalvorlage ergänzen die Neuerzählung, ein Nachwort, ein Anmerkungs-, Begriffs- und Namensverzeichnis erleichtern darüber hinaus die Orientierung. Vor allem aber kann ich den Lesern von „Willehalm und Arabel“ eines versprechen: eine authentische, ungewöhnliche und bestürzend aktuelle Reise in die Welt des Mittelalters zu erleben.

Gudrun Opladen

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Liebe und Lust im Mittelalter

Zwei Themen, die auf den ersten Blick eher in eine sehr bekannte Fernsehserie zu passen scheinen als in das prüde und gottesfürchtige Mittelalter. So scheint es zumindest auf den ersten Blick. Doch lebten auch im Mittelalter „ganz normale“ Menschen. Dürfen wir einem großen Teil der höfischen und theologischen Literatur also uneingeschränkt Glauben schenken?

Das höfische Ideal

Andauernde Verehrung und immer neue Annäherungsversuche, um dann doch nicht zum Zug zu kommen – so sah das Ideal in der höfischen Dichtung aus, zu sehen beispielsweise in der Manessischen Liederhandschrift. Selbst Demütigungen sollte der Verehrer geduldig hinnehmen. Er sollte dabei stets gepflegt und gut gekleidet auftreten. Es ging dabei vornehmlich um Selbstbeherrschung und Disziplin, beides unverzichtbare Eigenschaften für den Stand, der die Führungsrolle in der Gesellschaft beanspruchte.1

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„Von Obernburg“, Miniatur im Codex Manesse, fol. 342v

Dass es sich hierbei nicht um die Wirklichkeit handelte, muss sicher nicht gesondert hervorgehoben werden. Das Ideal lässt aber Rückschlüsse darauf zu, wie es in der Wirklichkeit ausgesehen hat. Gerade die sehr übersteigerte Darstellung die Selbstbeherrschung und des gepflegten Auftretens lässt hinsichtlich der wahren Verhältnisse einiges erahnen.

Lehnte die Kirche Liebe und Lust kategorisch ab?

Die römische Kirche vertrat gegenüber dem Liebesspiel, selbst dem verheirateter Paare, in der Tat eine ablehnende Haltung. Mal abgesehen davon, dass der Mann in der Liebesnacht den Manipulationsversuchen der Frau hilflos ausgeliefert sei galt die Sexualität als die allererste Sünde, die aus der Vertreibung aus dem Paradies resultierte.2

Doch gab es auch andere Stimmen:

„Die Überfülle der Erfreuung, die im Liebesvollzug gemäß seiner rechten Hinordnung ist, widerspricht nicht der Mitte der Tugend.“3 – Thomas von Aquin (1225 – 1274)

„Die Freude des Koitus ist nicht in sich lasterhaft, sondern natürlich und von Gott eingesetzt.“4 – Dionysius der Kartäuser (1403 – 1471)

Laut einigen Geistlichen war also Sexualität innerhalb der Ehe nicht zwangsläufig sündhaft.

Lust und Risiko

Doch selbst wenn es innerhalb der Geistlichkeit Stimmen gab, die dem Ausleben der Lust innerhalb der Ehe immerhin positive Aspekte abgewinnen konnten, Sex außerhalb der Ehe war ein ganz anderes Kapitel. Es gab ihn, doch waren damit stets Risiken verbunden – vor allem für die Frauen. Verhütungsmittel gab es zwar in Form von Salben, Tampons u.ä., aber wirklich zuverlässig wirkten diese nicht. Dasselbe lässt sich über die damals üblichen Abtreibungsmethoden sagen, die zudem nicht ungefährlich waren. Häufig wurden zu diesem Zweck pflanzliche Mittel verwendet. Schwangerschaften waren im Mittelalter stets riskant, doch eine außereheliche Schwangerschaft brachte weitere Probleme mit sich. Nicht selten starb die Mutter aufgrund von Komplikationen bei der Geburt des Kindes. Wenn sie überlebte, hatte es eine alleinstehende Mutter nicht leicht. Wirklich anerkannt wurde sie nirgends, häufig sogar verstoßen.5

Gleichgeschlechtliche Liebe

Homosexualität war auch im Mittelalter nichts neues, wohl aber die gesellschaftliche Reaktion darauf. Während sie in der Antike noch akzeptiert war und offen ausgelebt werden konnte, wurde sie im Mittelalter mit Auspeitschen, Verbannung oder gar Verbrennung bestraft. Verantwortlich für diese Sichtweise war vor allem die Kirche, die gleichgeschlechtliche Liebe als eine Form der Ketzerei betrachtete. Der Straftatbestand wurde als Sodomie definiert, basierend auf den biblischen Geschichten über die sündhafte Stadt Sodom. Berühmtestes Beispiel für den Vorwurf der Sodomie mit anschließendem Verbrennen auf dem Scheiterhaufen ist der Prozess gegen die Templer Anfang des 14. Jahrhunderts.

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Templer auf dem Scheiterhaufen; Illustration, anonyme Chronik, „Von der Schöpfung der Welt bis 1384″

Prostitution

Das älteste Gewerbe der Welt war auch im Mittelalter fast überall vertreten. Es handelte sich zwar nicht um einen besonders angesehenen Beruf, doch gab es reichlich Dirnen und die Nachfrage nach ihren Diensten war enorm. Es gab in so gut wie jeder Stadt Bordelle (damals Frauenhäuser genannt). Darüber hinaus boten auch „wilde“ Dirnen illegal ihre Dienste an, vor allem in Wirtshäusern und Badestuben. Geschlechtskrankheiten spielten übrigens noch keine bedeutende Rolle. Die Syphilis wurde beispielsweise erst von den Seeleuten des Kolumbus am Ende des 15. Jahrhunderts aus der Karibik eingeschleppt. Die Prostitution wurde von den Autoritäten durchaus geduldet. Es herrschte die Meinung vor, dass die Männer sich weniger an „ehrbaren“ Frauen vergehen würden, wenn sie ihre Triebe auf diese Art befriedigen konnten. So tolerierten sowohl die Kirche als auch die jeweiligen Herrscher die Anwesenheit der Dirnen. An Sonntagen oder während der Fastenzeit mussten allerdings alle Prostituierten die Stadt verlassen.6

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Monogrammist (Braunschweiger), 2. Viertel 16. Jahrhundert. Bordellszene. Öl/Eichenholz, 32,7 x 45,5 cm. Frankfurt, Städelsch. Kunstinstitut

Dirnen verdingten sich nicht nur in den Städten selbst, sondern auch an den Höfen der Adligen. Hier gab es darüber hinaus häufiger den Fall, dass Adlige außereheliche Verhältnisse mit Frauen eingingen, die beispielsweise als Bedienstete tätig waren.

Das Mittelalter – alles andere als prüde und nicht immer romantisch

Es ist nicht verwunderlich, dass in einer Zeit, in der das Leben meist kurz und hart war, Bedürfnisse trotz aller Verbote und Richtlinien möglichst ausgelebt wurden. Adel und Klerus waren sich dessen nicht nur bewusst, sie waren selbst Teil dieser Lebenswelt und gingen öffentlich Kompromisse ein, wo sie sie als sinnvoll erachteten. Es gab durchaus wahre Liebe, ausgelebte Lust, treusorgende Ehemänner und edle Frauen. Gleichzeitig gilt es im Hinblick auf das im Mittelalter vorherrschende Frauenbild zu beachten, dass Männer ihnen in der Regel rechtlich übergeordnet waren. Dazu kamen Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Menschen bisweilen keine andere Möglichkeit hatten, als den Wünschen ihrer Herren zu entsprechen. Es kam immer wieder zu Übergriffen, die meist nur schwer nachgewiesen und nur selten geahndet werden konnten- sofern sie dem Gesetz nach überhaupt als illegal eingestuft wurden. Auch der Umgang mit Homosexuellen erscheint (nicht nur) aus heutiger Sicht schrecklich.

1Vgl. Wand-Wittkowski, Christine (2016). S. 11-12.

2Vgl. Ebd. S. 15-16.

3cf. Ebd. S. 16.

4cf. Ebd.

5Vgl. Ebd. S. 22-23.

6Vgl. Ebd. S. 26-29.

Literatur: Wand-Wittkowski, Christine: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter. Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 2016.