Piraten des Mittelalters

Das drittälteste Gewerbe der Welt verhieß bereits seit der Antike all jenen ein Einkommen, die gewillt waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und anderen das ihre sowie ihre Besitztümer zu nehmen. Beute fanden die Seeräuber zu allen Zeiten reichlich, zur See wie an Land. Die grundsätzlichen Strukturen und Vorgehensweisen unterschieden sich im Mittelalter kaum von denen, die sich von 17. bis zum 18. Jahrhundert finden lassen- von der Waffentechnik einmal abgesehen.

Wikinger: Seeräuber des Nordens

Die Nordmänner waren wahre Meister der Kriegführung zur See und im Durchführen schneller Überfälle. Sogar Belagerungen und offene Schlachten fürchteten sie nicht. Ihre Unerschrockenheit brachte ihnen schnell einen furchterregenden Ruf ein. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden innerhalb der christlichen Königreiche betrachtet. Ihre Langschiffe waren allen anderen Schiffen ihrer Zeit weit voraus. Bei schneller Fahrt sorgte die Anordnung der Planken dafür, dass Luft unter den Rumpf geleitet wurde und sich dort zwischen Schiff und Wasser schob. So waren ungewöhnlich hohe Geschwindigkeiten erreichbar. Der geringe Tiefgang sorgte zudem dafür, dass die Wikinger selbst auf kleinen Flüssen Ziele erreichen konnten, die weit im Inland lagen.

Die Piratenschiffe des Mittelalters

Das Design der Langschiffe wurde von einigen Seefahrern noch lange Zeit beibehalten. Im Hoch- und Spätmittelalter wurde vor allem die Kogge verwendet, die in unterschiedlichen Größen gefertigt wurde. Dieser Schiffstyp besaß einen größeren Tiefgang als das Langschiff und konnte weit mehr Ladung aufnehmen. Es war zwar langsamer als die Langschiffe, dafür aber weit stabiler. An Bug, Heck sowie am Hauptmast befanden sich Plattformen, von denen aus gekämpft werden konnte. In einer Seeschlacht nahmen die Koggen zunächst Fahrt auf und rammten anschließend das gegnerische Schiff. Anschließend kam es zum Kampf Mann gegen Mann. In manchen Fällen wurden Koggen beim Aufprall derart beschädigt, dass sie sanken. Für die Piraten war dies, zumindest bei Kaperfahrten, jedoch nicht das gewünschte Ziel.

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Kogge auf dem Siegel von Stralsund

Eustache le Moine – ein Mönch als Pirat

Eustache war ein flämischer Mönch, der im Auftrag der englischen Krone französische Schiffe überfiel. Er operierte vor allem von der englischen Südküste sowie den Kanalinseln aus. Seine Gier nach Beute ließ ihn jedoch bald auch englische Schiffe ins Visier nehmen. 1212 musste er aus England fliehen und stellte sich sogleich in den Dienst des französischen Königs Philipp II. In seinem Auftrag sollte er die geplante Invasion Englands anführen. In der folgenden Seeschlacht unterlag die französische Flotte allerdings. Eustache wurde gefangen genommen und noch auf See enthauptet.

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Eustache in der Schlacht von Sandwich 1217. Chronica Majora des Matthäus Paris (1200–1259).

Die Vitalienbrüder

Im 14. und 15. Jahrhundert wurde der Nord- und Ostseeraum von einer Gruppe unsicher gemacht, die „Vitalienbrüder“ genannt wurde. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts taucht außerdem die Bezeichnung „Likedeeler“ auf, was so viel wie „Gleichteiler“ bedeutet. Die Beute könnte also zu gleichen Teilen unter der Besatzung aufgeteilt worden sein, ähnlich den späteren Piratengenerationen.

Ursprünglich handelte es sich bei dieser Gruppe um Söldner, die keinen Sold erhielten. Stattdessen waren sie selbst dafür verantwortlich, sich ihre Beute zu sichern. Dies war derart lohnenswert, dass sie sich dieser Beschäftigung auch außerhalb offizieller Kriegszüge widmeten. Wer nun denkt, es hätte sich hierbei ausnahmslos um namenlose Räuber gehandelt, liegt falsch. Eine nicht geringe Zahl rekrutierte sich aus dem Landadel des Nordens. Gödeke Michels, Klaus Störtebeker, Henning Wichmann, Klaus Scheld und Magister Wigbold sind nur ein paar namhafte Persönlichkeiten, die als Anführer auftraten. Zusammen mit nichtadeligen Piraten bildeten sie sogenannte Bruderschaften.

Die Vitalienbrüder operierten so gut wie immer in Kooperation mit Territorialherrschern. Sie waren sowohl im Auftrag von Mecklenburg als auch Dänemarks tätig. Im Nordseeraum arbeiteten sie vor allem mit den ostfriesischen Häuptlingen zusammen, die ebenfalls Piraterie betrieben.

Es liegt nahe, dass die Piraten immer wieder in Kontakt mit den Kaufleuten der Hanse kamen. Diese setzte zwar selbst immer mal wieder auf den Dienst der Seeräuber. Da jedoch immer mehr Schiffe der Hanse Opfer von Überfällen wurden wuchs mehr und mehr der Wunsch, dem Treiben der Piraten ein Ende zu setzen. Die Hanse setzte zu diesem Zweck immer wieder Friedensschiffe ein. Diese waren allerdings teuer, ihre Zahl dementsprechend klein. So blieb die Situation erst einmal, wie sie war.

Das Ende der Vitalienbrüder

Nur ein entschlossenes Vorgehen konnte der Piratenplage ein Ende bereiten. Dies war bekannt, doch musste erst der Leidensdruck hoch genug werden. Gotland, seit Ende des 14. Jahrhunderts eine reine Seeräuber-Insel, wurde 1398 durch eine Flotte des Deutschen Ordens eingenommen. Die Hanse übte unterdessen Druck auf die Ostfriesen aus, die schließlich ihre Unterstützung der Vitalienbrüder einstellten. Die Kaufleute rangen sich nun endlich dazu durch, eine Flotte auszurüsten. Diese stach von Lübeck aus in See und besiegte die Seeräuber auf der Osterems. Einige Anführer konnten zunächst entkommen, wurden aber später gestellt und getötet oder gefangen genommen. Am Leben gelassen wurde letztlich keiner der gefangenen Piraten. Die Städte wollten ein Exempel statuieren. Genutzt hat es freilich nichts. Auch nach dem Ende der Vitalienbrüder kam es immer wieder zu Überfällen auf Handelsschiffe.

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Klaus Störtebeker wird 1401 als Gefangener nach Hamburg gebracht. Nach einem Holzstich von Karl Gehrts (1877).

Die Ursachen der Piraterie

Die einen besitzen viel, die anderen wenig oder nichts. Wurde die Armut immer drängender, weckten offen zur Schau gestellter Reichtum und reiche Handelsverbindungen schon im Mittelalter Begehrlichkeiten. Dabei war es unerheblich, ob ein Seeräuber von adliger Abstammung war oder nicht. Ähnlich den Raubrittern zu Land sahen verarmte Adlige in der Piraterie eine Möglichkeit, mit Hilfe ihrer von Kindesbeinen an erlernten Fähigkeiten ihren Lebensunterhalt zu sichern. Eben diese Fähigkeiten sorgten dafür, dass sie die Raubzüge anführten und zur Anlaufstelle auch für viele Nichtadelige wurden, die ansonsten verhungert wären. So erklärt sich auch, warum aller Einsatz der Städte und Staaten nicht dazu führte, dass die Piraten restlos verschwanden. Es war zudem nicht besonders hilfreich, dass immer wieder Kaperbriefe vergeben wurden. All dies sollte nicht nur kein Ende finden, sondern sich viele Jahrhunderte fortsetzen – auf allen Meeren der Welt.

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Wikingerbegräbnisse – Met und Kampf nach dem Tod?

Die Frage danach, was den Menschen nach dem Tod erwartet, ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Antwort darauf unterscheidet sich jedoch häufig, ist nach Religion und Kulturkreis verschieden. Noch schwieriger wird es, wenn sich im Laufe der Jahrhunderte religiöse Vorstellungen vermischen und den Blick auf die ursprüngliche Version erschweren. Wenn es um die Begräbnisse im vorchristlichen Skandinavien geht, tritt dieser Fall häufig ein. Heute begegnet dem Interessierten häufig das gängige Vorurteil, dass sich alle toten Wikinger in der Halle Odins in Walhalla wiederfinden werden, um immerwährend zu kämpfen und sich den Met aus riesigen Trinkhörnern in den Rachen zu schütten.

"Walhall" von Emil Doepler, 1905.

„Walhall“ von Emil Doepler, 1905.

In der Realität des Frühmittelalters sahen die Vorstellungen allerdings ein klein wenig anders aus. Nicht ein Leben nach dem Tod erschien wichtig, sondern die zu Lebzeiten vollbrachten Taten:

„Besitz stirbt, Sippen sterben,

Du selbst stirbst wie sie;

Eins weiß ich, Das ewig lebt;

Des Toten Tatenruhm.“1

Dies bedeutete jedoch nicht, dass es keinen Glauben an ein Leben nach dem Tod gegeben hätte. Es heißt aber, dass längst nicht alle darauf hoffen konnten, in Odins Methalle auf Ragnarök warten zu dürfen. Dieses Privileg war den ruhmreich im Kampf gefallenen Kriegern vorbehalten.2 Kein Wunder, schließlich waren für den Kampf am Ende der Welt die besten gerade gut genug. Dies stellte nebenbei bemerkt keine Diskriminierung von Frauen dar, die bei den Skandinaviern durchaus mit in den Kampf zogen.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Neben Walhalla existierte noch „Hel“, ein dunkler Ort, an dem die restlichen Toten ein ewiges Dasein fristen müssen.3 Auch wenn Hel sehr an das englische „Hell“ erinnert, handelte es sich nicht um eine Hölle nach christlichem Verständnis. Vielmehr geht es dort relativ unspektakulär zu, die Toten erwarten hier das Ende aller Zeiten. Einem stolzen Krieger wäre aber der Aufenthalt in Hel wohl ähnlich unerträglich vorgekommen.

Die frühen Skandinavier glaubten außerdem daran, dass sie in körperlicher Form ihr neues Leben antreten würden. Dies steht im Gegensatz zu christlichen Vorstellungen, die von einem Weiterleben der Seele ohne den Körper ausgehen. Als Konsequenz fanden sich in Wikingergräbern Grabbeigaben, wie man sie auch aus anderen Kulturkreisen kennt. Je höher der soziale Stand, desto besser waren die Gräber ausgestattet. Fürsten und Könige wurden in großen Grabhügeln bestattet, inklusive Langschiff, Pferden, Waffen, Schmuck, Hunden, Vieh, Dingen des alltäglichen Lebens und sogar von einigen Dienern begleitet.4 Diese wurden im Rahmen des Begräbnisses getötet. Dabei musste dies nicht immer unter Zwang geschehen. In vielen Fällen begleiteten sie ihre Herren freiwillig ins nächste Leben. Eine Entscheidung, die die Tiere freilich nicht treffen konnten.

Das Schiff musste nicht zwangsläufig in einen Grabhügel eingebettet werden. Der islamische Schreiber Ahmed ibn Fadlan beschreibt, dass das Schiff nach der entsprechenden Ausstattung mit Beigaben in Brand gesetzt wurde.

Es wurden aber nicht immer Grabhügel aufgeschüttet oder gar ganze Schiffe eingegraben bzw. verbrannt. Es gab auch den Brauch, aus großen Steinen Schiffsformen um ein Grab herum zu formen. Symbolisch sollten aber sowohl die richtigen Langschiffe als auch ihre Entsprechungen aus Stein den oder die Toten ins Jenseits bringen, wo es ihnen an nichts mangeln sollte.5 Die tapferen Krieger benötigten insbesondere ihre Waffen, um Odin an Ragnarök im letzten Kampf beistehen zu können.

"Kampf der untergehenden Götter" von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

„Kampf der untergehenden Götter“ von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

Die alten Bräuche verschwanden, nachdem sich das Christentum mehr und mehr in Skandinavien ausbreitete. Interessant sind die zahlreichen Parallelen, die es zu Kulturen des Altertums gibt. Schiffe für die Seelen finden sich beispielsweise auch bei den alten Pharaonen. Darstellungen von sogenannten Totenschiffen finden sich sogar später noch in der christlichen Mythologie. Die Ausstattung der Toten für das nächste Leben begegnet den Archäologen bei einer Vielzahl von Kulturen, wenn auch hier die alten Ägypter eines der bekanntesten Beispiele sind. Und auch beeindruckende Grabmonumente lassen sich überall auf der Welt finden. Das Führen des richtigen Lebens, das Vollbringen ruhmreicher und guter Taten war ebenso universell wichtig. Dennoch scheint insbesondere das Christentum eine große Faszination auf die Skandinavier ausgeübt zu haben. Die Verheißung eines ewigen Lebens in Seligkeit für alle Menschen, nicht nur für die tapferen Krieger, sowie die Abkehr von einer nicht unwesentlich durch Gewalt geprägten Glaubenswelt scheinen für die Skandinavier ähnlich reizvoll gewesen zu sein wie für die germanischen Stämme vor ihnen.

1cf. Sörensen (2001). S. 226.

2Vgl. Ebd. S. 226-227.

3Vgl. Ebd. S. 226.

4Vgl. Ebd. S. 227.

5Vgl. Ebd. S. 227-228.

Literatur:

Sörensen, Preben Meulengracht. Alte und neue Religion. In: Peter Sawyer (Hg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 212-234.

Die Fahrten der Wikinger im frühen Mittelalter in das Frankenreich und nach England – Raubzüge, Invasionen oder Entdeckungsfahrten?

Als 793 n.Chr. ein skandinavisches Langschiff vor der englischen Insel Lindisfarne scheinbar aus dem Nichts auftauchte und seine Mannschaft das dort errichtete Kloster plünderte sowie seine Mönche tötete oder versklavte war für die Menschen nicht absehbar, welches Ausmaß die weiteren Kontakte mit den Nordmännern noch annehmen sollte. Die Geschichte dieser Fahrten ist wohlbekannt. Die englischen Königreiche und das Frankenreich sollten die ersten Staatengebilde sein, die mit immer stärker werdenden Angriffen der Wikinger zu kämpfen hatten. Letzten Endes sollten ihre Langschiffe die Männer und Frauen aus dem hohen Norden bis weit nach Osten, Westen und Süden führen. Die Normandie, England, Sizilien, Byzanz, Kiew, Island, Irland, Grönland und sogar Neufundland – überall lassen sich Hinterlassenschaften der Wikinger finden. Doch um was ging es den Skandinaviern in erster Linie? Gold, Sklaven, Land oder das Entdecken neuer Handelswege – was war ihr Hauptmotiv für ihre durchaus riskanten Unternehmungen? Um diese Frage zu beantworten, soll in diesem Artikel der Schwerpunkt auf England und das Frankenreich gelegt werden. Beide Gebiete hatten besonders schwer unter den Einfällen der Wikinger zu leiden.

Interessanterweise war der Überfall auf das Kloster auf Lindisfarne nicht der erste Kontakt der Engländer mit den Wikingern. Laut den Chronisten des 9. Jahrhunderts erreichten drei Schiffe mit Nordleuten die Küste von Portland irgendwann zur Zeit des Königs Beorthric (786-802) als erstes England. Schon dieser Kontakt sei nicht friedlich verlaufen. Der ansässige Vogt habe mit ihnen handeln wollen, sie aber haben ihn getötet und die Siedlung geplündert.[1] Von diesen plündernden Verbänden sind der Forschung ca. 790 bekannt, die sich allerdings nicht alle in Richtung England aufmachten und unabhängig voneinander operierten. Sie konnten sich allerdings zweitweise zusammentun, um größere Ziele angreifen zu können.[2] Die Wikinger verbündeten sich bei Gelegenheit auch mit anderen Völkern und waren in der Lage, große Armeen ins Feld zu führen. So musste sich der westsächsische König Egbert 838 in der Schlacht bei Hingston Down in Cornwall einer Armee aus Wikingern und Kelten erwehren. Im Jahr 851 griff ein Verband aus 350 Schiffen erfolgreich Canterbury und London an.[3]

In den Jahren 865/66 überwinterte ein wohl noch größeres Wikingerheer in Ost-Anglia. Es setzte sich aus den Mitgliedern verschiedener Schiffsbesatzungen sowie mehreren Earls mit ihren Gefolgschaften zusammen. Dieses Heer hielt mehrere Jahre zusammen. Die Forschung geht von einer Größe von 2-3000 Mann aus. Auch die Anführer sind bekannt: Ivar der Knochenlose und Halfdan, beides Söhne des Ragnar Lodbrok. Nachdem sie eine Zeit lang durch England gezogen und Tribute erpresst hatten, eroberten sie 870 das komplette Ost-Anglia. In den eroberten Gebieten kam es bald zur Gründung von Siedlungen.[4]

Beispiel einer Wikingersiedlung

Beispiel einer Wikingersiedlung

Ernsthafte Gegenwehr erfolgte erst durch König Alfred von Wessex. Unter ihm gelang es englischen Truppen, die Dänen zurückzudrängen. Mit König Guttrom wurde die Grenzen zwischen den englischen Gebieten und dem Danelag offiziell festgelegt.[5] Damit war dem erneuten Auftauchen von Schiffen aus Skandinavien allerdings keineswegs ein Riegel vorgeschoben.[6] Noch im 10. und frühen 11. Jahrhundert kam es immer wieder zu Überfällen. 990/91 wurden Friedensverhandlungen mit der Normandie aufgenommen, von wo aus Normannen Plünderungen starteten. Noch im gleichen Jahr erschien eine riesige Wikingerflotte bei Folkstone, bestehend aus ca. 3.000 Mann auf 90 Schiffen. Dieses Heer blieb mehrere Jahre in England, besiegte eine englische Armee bei Malden und erzwang Tribut. 993 wurde Northumbria verwüstet, bis 1004 wurden immer wieder verschiedene Städte und Landesteile angegriffen. Erst die Hungersnot von 1005 sollte die Wikinger dazu bringen, nach Dänemark zurückzukehren. Doch bereits 1006 erreichte eine weitere Flotte die englischen Inseln, die man erst 1012 nach erheblichen Tributzahlungen wieder loswurde. [7] Ruhe hatten die gebeutelten Engländer damit immer noch nicht. 1013 begann der dänische König Sven Gabelbart mit einer Invasion. Tatsächlich gelang es ihm, König Aethelred ins Exil zu treiben. Gabelbart starb 1014, sein Sohn Knut folgte ihm nach. Aethelred gelang es zunächst, ihn zu vertreiben. Knut kehrte allerdings mit einer Flotte zurück und landete bei Sandwich. Nach dem Tod Aethelreds übernahm Edmund Ironside die Organisation der Verteidigung. Knut siegte letzten Endes und wurde als König anerkannt.[8]

König Alfred der Große

König Alfred der Große

Ungefähr zur selben Zeit wie England hatte auch das Frankenreich mit Wikingereinfällen zu kämpfen. Obwohl das Frankenreich keine Insel war, so war es dennoch zu einem nicht geringen Teil vom Meer umgeben. Zudem war es von gut schiffbaren Flüssen durchzogen. Perfekte Bedingungen für die Wikinger. Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass ausgerechnet das so mächtige Frankenreich es lange Zeit nicht vermochte, die Krieger aus dem Norden in die Schranken zu weisen. Allerdings war nach dem Tod Königs Ludwig im Juni 840 der Kampf um seinen Thron entbrannt. Seine Söhne Karl der Kahle, Ludwig der Deutsche und Lothar sowie deren Neffe Pippin II. stritten um das Erbe. Lothar heuerte gar Wikinger an. Im Gegenzug für Siedlungsrecht sollten sie ihm im Kampf beistehen.[9]

Die Wikinger bemerkten schnell, dass das Frankenreich voller reicher, aber ungeschützter Stätten war. Quentowik, Rouen, das Kloster von Saint-Wandrille und Nantes wurden geplündert, zahlreiche Tribute und Lösegelder erpresst.[10] Die Raubzüge waren nicht alleine auf das Frankenreich beschränkt. 844 segelten die Wikinger weit nach Süden und griffen al-Andalus und Galicien an. Auch der marokkanische Kleinstaat Nakur wurde überfallen und die Frauen des dortigen Hofes als Geiseln genommen.[11]

Wikinger

Ähnlich wie in England begannen die Wikinger bald damit, in den Gebieten zu überwintern, in denen sie zuvor geplündert hatten. Es entstanden Stützpunkte, von denen aus weitere Raubzüge unternommen werden konnten. Wie bereits erwähnt nutzten sie die zahlreichen Wasserwege, um auch weit entfernte Ziele anzusteuern. Durch die Stützpunkte war es außerdem möglich, nach und nach größere Heere zusammenzuziehen und dementsprechend schwierigere Ziele anzugreifen. Die Belagerung von Paris 885/86 legt hiervon Zeugnis ab.

Im 10. Jahrhundert begann sich schließlich effektiver Widerstand zu organisieren. König Karl schaffte es zum einen, innerhalb des fränkischen Adels einen gemeinsamen Widerstand zu organisieren. Zum anderen warb er immer wieder Wikingerkontingente an und spielte einzelne Gruppen gegeneinander aus. Die Siedlungspolitik spielte hier eine weitere zentrale Rolle. Bedeutenden Anführern und ihrer Gefolgschaft wurden reizvolle Gebiete und Titel versprochen, wenn sie im Gegenzug die Sicherheit garantierten, nicht mehr plünderten, zum Christentum konvertierten und dem König der Franken die Treue schworen. Da das Plündern inzwischen sehr viel riskanter war als es zu Beginn der Wikingereinfälle gewesen war, gingen viele Anführer auf diese Angebote ein. So entstand beispielsweise die Normandie.[12] Hier hatten schon früher Normannen ihre Stützpunkte aufgeschlagen. Nun gliederte man sie in das Frankenreich ein und machte so Feinde zu Verbündeten und schließlich zu Vasallen.

Am Beispiel der englischen Königreiche und des Frankenreichs wird deutlich, dass die Wikinger zunächst von den leicht zu erobernden Reichtümern beider Gebiete angelockt wurden. Dazu zählten bei weitem nicht nur die Klöster und Kirchen. Auch die Gefangennahme bedeutender Personen oder deren Angehörigen konnte nicht unerhebliche Lösegelder bedeuten. Tribute, um Frieden zu erkaufen, konnten ebenfalls schnell und relativ leicht erpresst werden. Darüber hinaus stellte die Versklavung gefangener Feinde einen wichtigen Punkt dar. Diese Menschen wurden insbesondere in Skandinavien und schließlich im Osten Europas verkauft. Dementsprechend waren Siedlungsgebiete und Handelswege von großer Bedeutung.

Die Wikinger kamen aus Ländern, in denen es weder viele Rohstoffe noch große Flächen urbares Land gab. Gleichzeitig hatten sie Seefahrt und Kriegführung perfektioniert. Kombiniert mit harten Lebensbedingungen und einer Religion, die den Kampf und insbesondere den Tod darin als positiv darstellte, hatten es Franken und Engländer mit äußerst gefährlichen und skrupellosen Gegnern zu tun, die sich aber auch als Söldner anwerben ließen. Gleichzeitig waren die Wikinger gute Bauern und Händler, die auf der Suche nach neuem Land waren. Ihnen müssen die von ihnen durchquerten, fruchtbaren Landstriche paradiesisch erschienen sein. Aus diesem Grund waren sie sicherlich auch bereit, entsprechend verlockende Angebote der westlichen Herrscher anzunehmen.

Bezüglich der Religion scheint es von Seiten der Wikinger keine besonderen Vorurteile gegeben zu haben. Während die Christen sie als Strafe und Sendboten des Teufels wahrnahmen, waren sie vor allem erfreut über die relativ ungeschützten Kirchenschätze. Gleichzeitig griffen sie jüdische und islamische Gebiete an. Es ging ihnen ums Geld, nicht um religiöse Debatten oder gar Missionierung. Skrupel im Umgang mit Gläubigen und Geistlichen hatten sie dementsprechend nicht. Sie waren lediglich sichere Quellen des Reichtums.

Erst, nachdem die Menschen in den betroffenen Gebieten gelernt hatten sich gegen Überfälle und Angriffe koordiniert und gemeinsam zu verteidigen sowie reizvolle Ziele besser zu befestigen, wurden die Raubzüge nach und nach immer weniger rentabel und vor allem zu riskant. So ging das Wikingerzeitalter nach und nach seinem Ende entgegen. Die hohe Flexibilität und zahlreichen Fähigkeiten der Nordmänner und -frauen führte aber dazu, dass die Skandinavier weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollten.

 

 

[1] Vgl. Keynes, Simon (2001). S. 60.

[2] Vgl. Ebd. S. 61.

[3] Vgl. Ebd. S. 62.

[4] Vgl. Ebd. S. 65.

[5] Vgl. Ebd. S. 66-67.

[6] Vgl. Ebd. S: 71.

[7] Vgl. Ebd. S. 83-85.

[8] Vgl. Ebd. S. 85-86.

[9] Vgl. Nelson, Janet L. S. 35.

[10] Vgl. Ebd. S. 36.

[11] Vgl. Ebd. S. 39.

[12] Vgl. End. S. 40-41.

Literatur:

Keynes, Simon. Die Wikinger in England (um 790-1016). In: Peter Sawyer (Hrsg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 58-92.

Nelson, Janet L. Das Frankenreich. In: Peter Sawyer (Hrsg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 29-57.

 

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Schiffe und Seefahrt der Wikinger

Die Wikinger waren das bedeutendste seefahrende Volk des frühen Mittelalters. Ihre Fähigkeiten in Schiffbau, Seefahrt und Kriegführung zur See sollten lange Zeit unübertroffen und bis in unsere heutige Zeit hinein Vorbild bleiben. Nur so war es den Wikingern möglich, ihre berühmten Fahrten zu unternehmen oder erfolgreich Seeräuberei zu betreiben. Dabei beschränkten sich ihre Fähigkeiten längst nicht nur auf den Krieg. Viel wichtiger waren Entdeckung, Besiedlung und Handel. Nicht nur in der damals bekannten Welt erreichten sie so jeden Winkel, sie überquerten gar den Atlantik und gründeten die erste europäische Siedlung in Neufundland. Auch kamen sie lange vor Christoph Kolumbus in Kontakt mit den amerikanischen Ureinwohnern. Doch was machte ihre Schiffe derart besonders?

Die Geschichte der skandinavischen Seefahrt reicht zurück bis in die Bronzezeit, in der noch Kanus eingesetzt wurden. Diese wurden noch nicht über den Wind angetrieben, sondern durch Muskelkraft. Gedacht waren sie in erster Linie für den Einsatz auf Binnengewässern. Das früheste nachgewiesene Boot dieser Art ist das Hjortspring-Boot, das in Dänemark gefunden wurde und aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammt. Es war 19 Meter lang und zwei Meter breit. Angetrieben wurde es durch 24 Paddler. Ruder wurden erstmals bei Booten aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. nachgewiesen.[1]

Segel besaßen diese frühen Schiffe noch nicht. Diese werden zum ersten Mal in einem Bericht von Sidonius Appolinaris aus dem Jahr 743 n. Chr. erwähnt. Aufschluss über die Konstruktionsweise gibt das Oseberg-Schiff, dass aus dem Jahr 820 n. Chr.  stammen soll. Das Schiff war 21,5 Meter lang, 5,2 Meter breit und 1,4 Meter hoch. Der Mast war vor mittschiffs auf dem Kielschwein angebracht. Ein Mastpartner stützte ihn dabei zusätzlich. Als zusätzliche Sicherungen gab es zahlreiche Taue und Wanten, um den Mast auch seitlich abzustützen und so der Kraft des Windes etwas entgegen zu setzen. Von besonderer Bedeutung war die Mastfischplatte. Auf dieser saß der Mast auf. Sie hatte die Aufgabe, das Gewicht des Mastes und die Kraft des auf das Segel wirkenden Windes auf eine breite Fläche zu übertragen. Die Länge der Platte musste dabei an die Länge des Schiffes angepasst werden, um eine Überbelastung zu vermeiden.[2]

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Der Bau der Schiffe oblag erfahrenen Baumeistern, die von Anfang an nach einer klaren Vorstellung arbeiten ließen. Zunächst wurde  der Kiel angelegt. Anschließend fügte man die Planken nach und nach hinzu. Danach erst brachte man die inneren Bauelemente an. Während bei den frühen Schiffen die Planken noch mit Seilen verbunden wurden, verwendete man später Nieten. Das Bauholz wurde mit Äxten bearbeitet. Da die Wikinger keine Sägen kannten, mussten die Baumstämme zuvor mit Keilen gespalten werden. Auch wenn man Hobel verwendete, konnte man mit Hilfe der Äxte bereits eine sehr glatte Oberfläche herstellen. Zusätzlich kamen kleine Handbohrer und Schnitzwerkzeuge zum Einsatz. Man vermutet, dass zum Bestimmen von Längen Senkbleie verwendet wurden. Nieten und Anker bestanden aus Eisen und mussten in Schmieden hergestellt werden.[3]

Gebaut wurde dabei nicht nur ein Schiffstyp. Für verschiedene Aufgaben wurden unterschiedliche Schiffe eingesetzt. Aus den Kriegskanus entwickelten sich zunächst die bekannten Kriegsschiffe, die lang und schlank waren. Mit ihnen konnten große Geschwindigkeiten erreicht werden, auch konnten sie durch ihren geringen Tiefgang Flüsse und Seen befahren. Angetrieben wurden sie durch Segel und Ruder, gelenkt durch ein Steuerruder am Heck. Die Maße konnten variieren. Für den Transport von Waren und längere Reisen auf dem offenen Meer wurden später Frachtschiffe, die Knorren, entwickelt. Sie waren breiter und besaßen mehr Tiefgang.[4]

Bei der Schifffahrt ist es unerlässlich, navigieren zu können. In der Anfangszeit wurde häufig noch mit Hilfe von Landmarken navigiert. Hierzu durfte man sich aber nicht zu weit von der Küste entfernen. Wenn die Wikinger weiter vom Land entfernt waren, nutzten sie die Sonne und andere Sterne dazu, sich zu orientieren. Als Hilfe konnten auch Seevögel dienen, die sich in der Nähe von Land aufhalten. Auch führten manche Seefahrer eigene Vögel mit, die sie fliegen ließen und ihnen quasi folgten. Die Tiere folgten ihrem inneren Kompass, um an Land zu gelangen. Wichtig waren auch Erfahrungswerte über Winde und Strömungen, an denen sich die Wikinger orientieren konnten. So war es ihnen auch möglich, das Wetter für die kommenden Tage vorauszusagen. Als einzig wirklich belegtes technisches Hilfsmittel gilt das Lot, mit dem nahe der Küste Wassertiefen bestimmt werden konnten.[5]

Die wikingische Seemannschaft war in ihrer Zeit einzigartig und überaus erfolgreich. Nur durch sie gelang es den skandinavischen Völkern, ihre Heimatländer zu verlassen und in unbekannte Breiten vorzustoßen. Sie orientierten sich dabei nicht an festgeschriebenen Plänen, sondern griffen auf die mündlich überlieferten Erfahrungen anderer Seefahrer zurück. Gerade dies macht es so schwierig, die damals verwendeten Methoden zu rekonstruieren, auch wenn die experimentelle Archäologie hier bereits Großes geleistet hat. So konnte in Tests herausgefunden werden, dass durch die Anordnung der Planken bei schnellen Fahrten Luft unter das Langschiff gesogen wurde und es so ein klein wenig aus dem Wasser hob und den Widerstand verringerte. Für diese frühe Epoche eine unglaubliche Leistung.


[1] Vgl. Bill, Jan (2001). S. 193-194.

[2] Vgl. Ebd. S. 195-197.

[3] Vgl. Ebd. S. 203-206.

[4] Vgl. Ebd. S. 198-200.

[5] Vgl. Ebd. S. 207-209.

Literatur:

Bill Jan. Schiffe und Seemannschaft. In: Sawyer, Peter (Hg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 192-211.

 

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