Die „Great Heathen Army“ – oder wie die Wikinger um ein Haar ganz England eroberten

„A.D. 865. This year sat the heathen army in the isle of Thanet,

and made peace with the men of Kent, who promised money

therewith; but under the security of peace, and the promise of

money, the army in the night stole up the country, and overran

all Kent eastward.1

Mit diesen Worten wird in der Anglo-Saxon Chronicle der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen beschrieben, die weitreichende Folgen sowohl für England als auch für Skandinavien haben sollten. Im Jahr 865 erreichte die sogenannte „Great Heathen Army“ England. Erleben Sie in dieser Serie hautnah mit, wie die Wikinger durch mehrere englische Königreiche zogen, Tribute einforderten und Könige zu Fall brachten, bevor ihnen schließlich doch noch Einhalt geboten werden konnte.

Wikinger

Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langbooten.

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit der Frage, woher die „Great Heathen Army“ wahrscheinlich stammte, wer sie anführte und zeigt auf, wie sie in kurzer Zeit mehrere Königreiche zu Fall brachte.

Der Ursprung der „Great Heathen Army“

Über die genaue Herkunft und Zusammensetzung der Armee besteht in der Forschung bis heute keine Einigkeit. Einige meinen, es handelte sich um eine aus Dänemark stammende Armee. Andere Forscher vertreten die Ansicht, dass es sich um einen Zusammenschluss von Wikingern handelte, die zuvor im Frankenreich und in Irland aktiv waren. Als gesichert gilt nur, dass es sich um ein relativ großes Aufgebot gehandelt haben muss. Zum jetzigen Zeitpunkt wird von zwei- bis dreitausend Kriegern, Männern wie Frauen, ausgegangen. Angeführt wurde das Heer von mehreren, hochrangigen Wikingern. Dazu zählten Halfdan und Ivar der Knochenlose, beides Söhne des legendären Ragnar Lodbrok.

Kent, East-Anglia und Northumbria werden überrannt

Der Ansturm der Wikingerarmee scheint die englischen Herrscher gänzlich unvorbereitet getroffen zu haben. Zwar waren zuvor bereits Angriffe von Plünderern abgewehrt worden. Auf eine derart große Zahl von Angreifern war man aber offensichtlich nicht vorbereitet.

Nur ein Jahr nach der Eroberung von Kent befand sich das Heer bereits in East-Anglia, dass sich den Angreifern ergeben hatte. Strategisch besonders bedeutsam ist die Textstelle „they were soon horsed“. Sie besaßen nun Pferde für den Transport, für Aufklärung und den Einsatz im Kampf.

Die Wikinger blieben nicht in East-Anglia. 867 überschritten sie den Humber und begannen die Invasion von Northumbria. Begünstigt durch die Thronstreitigkeiten zwischen den Königen Osbert und Aella machten sie schnell Fortschritte und standen schließlich vor den Toren Yorks. Doch obwohl sich beide Herrscher im Angesicht der großen Bedrohung zusammenschlossen, konnten sie die Wikinger nicht bezwingen. Beide Könige fielen in der Schlacht und York wurde eingenommen.2

Mercia, Hilfe aus Wessex und eine überraschende Kapitulation

868 stießen die Wikinger weiter in Richtung Süden vor und fielen in Mercia ein. Ihr Winterlager schlugen sie bei Nottingham auf. König Burhred von Mercia wusste, dass er die Angreifer alleine nicht würde besiegen können. Er wandte sich hilfesuchend an Ethelred, den König von Wessex und dessen Sohn Alfred. Diese erklärten sich einverstanden. Doch schon kurz nachdem das englische Heer nach Mercia gezogen war stellte sich heraus, dass sich die Einwohner des Landes bereits unterworfen hatten. So kam es zunächst zu keinen größeren Kämpfen zwischen den beiden Heeren.3

Eine (vorläufige) Verschnaufpause

Wie die Wikinger konkret auf die Armee aus Wessex reagiert haben, wird in der Anglo-Saxon Chronicle nicht erwähnt. Überliefert ist aber Folgendes: Im Jahr 869, ein Jahr nach der Eroberung von Mercia, begab sich das Wikingerheer zurück nach York. Es sollte ein Jahr dauern, bis sich die Wikinger auf weitere Eroberungszüge begaben.

Es ist durchaus beachtlich, wie schnell und mühelos die Wikinger gleich mehrere englische Königreiche in die Knie zwangen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen zeigt der Zusammenschluss zu einem großen Heer (zumindest auf Zeit), dass sich die Wikinger der Bedeutung zahlenmäßiger Überlegenheit bewusst waren und sie zu nutzen wussten. Sie passten sich zudem flexibel neuen Gegebenheiten an. So besorgten sie sich kurzerhand Pferde und waren in der Lage, befestigte Stellungen zu belagern und einzunehmen. Ihr schnelles Vorgehen ließ den Herrschern dabei kaum Zeit für Vorbereitungen. Die englischen Armeen dieser Zeit, die sog. Fyrd, setzten sich aus der wehrpflichtigen Bevölkerung der jeweiligen Landesteile zusammen. Das waren weder professionelle Krieger, noch konnte man sie in kurzer Zeit versammeln. Dazu kam, dass den Wikingern in dieser Zeit ein schrecklicher Ruf vorauseilte. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit angesehen. Kein Wunder, dass die Kampfkraft der angelsächsischen Aufgebote zu dieser Zeit nicht wirklich gut war.

All dies sollte sich jedoch schon bald ändern. Insbesondere Alfred, der junge Thronfolger aus Wessex, sollte den Wikingern einiges mehr an Widerstand entgegensetzen.

 

2Vgl. Ebd.

3Vgl. Ebd.

Quelle:

http://omacl.org/Anglo/

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Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 3 von 3

Sie haben in Teil eins und zwei dieser Serie erfahren, wie man sich im Mittelalter im Idealfall auf eine anstehende Belagerung vorbereitet hat. Sie wissen nun auch, wie der Proviant rationiert wurde und was getan werden musste, um die eigene Burg oder Stadt erfolgreich gegen Angriffe zu verteidigen. Doch was wurde getan, um der Angst, dem Terror und der ständigen Lebensgefahr zu begegnen?

Lesen Sie im dritten und letzten Teil dieser Serie, wie mit den enormen psychologischen Belastungen einer Belagerung umgegangen wurde.

belagerung_holzschnitt_1502

Belagerung einer Stadt, Holzschnitt von 1502

 

Überleben auf engstem Raum

Angst, Panik und Verzweiflung sind nur einige Beispiele für die extremen emotionalen Belastungen, die mit einer Belagerung einhergehen konnten. Die Verteidiger waren über einen relativ langen Zeitraum auf engstem Raum eingeschlossen. Ständig drohte Lebensgefahr. Zum einen durch immer neue Angriffe auf die Mauern, zum anderen durch den Beschuss durch die feindlichen Belagerungsmaschinen. Innerhalb der Befestigungen kursierten häufig Krankheiten. Verwundete und Kranke konnten meist nur notdürftig versorgt werden. Dazu kam, dass vieles von dem, was man sich lange Zeit aufgebaut hatte, jederzeit von der vollständigen Zerstörung bedroht war. Das schlimmste jedoch war die große Zahl der geliebten Menschen, die bereits Tod waren oder jederzeit den Tod finden konnten.

Wie Menschen auf derartige Belastungen reagieren, ist individuell verschieden. Dementsprechend gab es gleich mehrere Strategien, mit denen versucht wurde, das Ausbrechen von Panik oder Verrat von innen heraus zu verhindern.

Strategie 1 Abschreckung

Ein einziger Verräter innerhalb der Befestigung konnte diese bereits zu Fall bringen. Besonders dann, wenn er andere mit seinen Ideen ansteckte. Dementsprechend drakonisch waren die Strafen, die Verräter zu erwarten hatten. Folterinstrumente wurden noch vor Beginn der Belagerung öffentlich aufgestellt, um hier von vorneherein keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen.

Strategie 2 Ablenkung

Niemand kann über einen langen Zeitraum rund um die Uhr mit schrecklichen Eindrücken umgehen, ohne sich zumindest ab und zu davon abzulenken. Das wussten auch die Verteidiger des mittelalterlichen Neuss 1474/75. Obwohl sie bereits einige Zeit von der berüchtigten Armee des Burgunderherzogs Karl dem Kühnen belagert und beschossen wurden, richteten die Verteidiger inmitten des tödlichen Chaos fröhliche Reiterspiele aus. Das freudige Getöse wurde in der Stadt schließlich so laut, dass es auch einem englischen Söldner vor den Stadtmauern nicht verborgen blieb. Auf seine erstaunte Frage, wie die Neusser im Angesicht einer derartigen Bedrohung die Nerven für so etwas haben könnten, antworteten ihm die Wachen auf dem Mauern gelassen, dass man schließlich nicht die ganze Zeit in Angst leben könne. Dies habe auch der hartgesottene Söldner eingesehen und verstanden.

Strategie 3 Religion

Wohl kaum etwas kann Menschen stärker motivieren, als der Glaube an höhere Mächte. Wer einen Heiligen oder gar Gott auf seiner Seite glaubt, wird auch im Angesicht jeder noch so großen irdischen Bedrohung standhaft bleiben. Das galt in besonderem Masse für das Mittelalter. Kein Wunder also, dass religiösen Symbolen, Prozessionen und Gottesdiensten stets eine besondere Bedeutung zukam. Nicht selten war die Burgkapelle an der Stelle der Befestigung untergebracht, die der größten Gefahr ausgesetzt war. Reliquien wurden zu besonders hart umkämpften Mauerabschnitten getragen, um die Hilfe des Heiligen zu erflehen. Und besondere Reliquien, wie die heilige Lanze, dienten ganzen Heeren als Ankerpunkt im blutigen Chaos der Schlacht.

Strategie 4 Ein fähiger und angesehener Anführer

Jede Verteidigung stand und fiel mit den Fähigkeiten ihres Anführers. Eine charismatische Persönlichkeit, ausgestattet mit einer ausreichenden Machtfülle und einer entsprechenden Anzahl an loyalen Mitstreitern, konnte in schwierigen Situationen die Verteidiger motivieren und sie davon abhalten, aufzugeben. Denn immer verführerischer mutete einigen irgendwann der Gedanke an, das Leid und das Elend auf einen Schlag beenden zu können.

Der menschliche Faktor war entscheidend

Wie wir sehen, hing der Erfolg der Verteidigung von befestigten Stellungen maßgeblich von der Moral der Verteidiger ab. Neben einer ausreichenden Verpflegung und Ausrüstung spielte die psychologische Verfassung eine entscheidende Rolle. Diese in einem guten Zustand zu erhalten, stellte eine der größten Herausforderungen dar. Nicht immer fruchteten die getroffenen Maßnahmen. Viele Burgen und Städte fielen nicht, weil sie sich nicht mehr hätten halten können. Sie fielen, weil ihren Verteidigern die Lage ab einem gewissen Zeitpunkt als zu aussichtslos erschien.

Hiermit endet die dreiteile Serie über die erfolgreiche Verteidigung im Mittelalter. Sie wissen nun über die zentralen Aspekte der mittelalterlichen Verteidigungsstrategien Bescheid. Ich freue mich, dass Sie so interessiert mitgelesen haben. Wie hat es Ihnen gefallen? Haben Sie Fragen? Ich freue mich auf Ihre Anregungen!

Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 2 von 3

SiegeOfOrleans1429

Belagerung von Orleans 1429

Selbst wenn sich eine Stadt im Mittelalter optimal auf eine drohende Belagerung vorbereitet hatte, war eine erfolgreiche Verteidigung keineswegs garantiert. Nun ging es darum, die Stadtmauern zu halten. Dies gelang aber nur dann, wenn die Verteidiger ausreichend mit Nahrung versorgt wurden und die Mauern weitgehend intakt blieben.

Lesen Sie im zweiten Teil dieser Serie, wie der Proviant rationiert wurde, welche Maßnahmen gegen Mineure ergriffen werden konnten und warum es für die Verteidiger so wichtig war, regelmäßige Ausfälle zu unternehmen.

1. Die Vorräte mussten reichen – oder wie Proviant rationiert wurde

Da man im Vorfeld bestenfalls erahnen konnte, wie lange eine Belagerung dauern würde, kam der strengen Rationierung der Vorräte eine entscheidende Bedeutung zu. Es war daher empfehlenswert, den gesamten Proviant an einem zentralen Ort zu lagern. Dieser war einfacher zu bewachen und vor Brandanschlägen zu schützen. Von hier aus konnten jeden Tag genau festgelegte Rationen an die eingeschlossenen Menschen verteilt werden.

Diese Vorgehensweise war insbesondere deswegen so wichtig, da im Falle von extremem Hunger der vernünftige Umgang mit den Vorräten kaum noch gewährleistet werden konnte. Nach einigen Wochen bei kleinsten Rationen und großen körperlichen und seelischen Anstrengungen wuchs der Hunger ins Unermessliche. Eine geplünderte Vorratskammer aber wäre das Ende jeder noch so gut vorbereiteten Verteidigung gewesen.

Der Neusser Stadtschreiber Christian Wierstraet schildert die Folgen mangelnder Verpflegung während der Belagerung von Neuss 1474/75 durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen sehr eindrücklich. Man sei schließlich dazu übergegangen, sogar die Schlachtrösser zu essen. In Anbetracht deren immensen Wertes lässt sich nur erahnen, wie sehr die Verteidiger unter Hunger gelitten haben müssen.

2. Mineure unter den Mauern – und wie man sie bekämpfte

Das Untergraben von Mauern stellte seit der Antike eine gängige Methode dar, diese zum Einsturz zu bringen. Dazu grub man einen Gang, den man direkt unter den Mauern zu einer Kammer erweiterte. Ließ man diese einstürzen oder entzündete hier ein Feuer, konnte dies die darüber liegenden Mauern kollabieren lassen. Allerdings waren die Verteidiger dieser Methode nicht schutzlos ausgeliefert. Zumindest dann nicht, wenn sie ebenfalls über fähige Mineure verfügten.

Zunächst kam es darauf an, Tunnel des Gegners rechtzeitig und einigermaßen präzise orten zu können. Dies gelang meist, indem die durch das Graben verursachten Erschütterungen erkannt wurden. Dies konnte beispielsweise durch kleine Glocken geschehen, die an der Mauer aufgestellt wurden. Einfacher war es, wenn sich der Feind beim Tarnen der Arbeiten keine besondere Mühe gab und die Erdarbeiten von der Mauer aus deutlich sichtbar waren.

War ein Tunnel erst einmal geortet, gruben die eigenen Mineure einen Gegenstollen. Sobald der feindliche Gang erreicht war, leitete man entweder Rauch hinein oder stellte den Gegner im Kampf. Ein Kampf unter Tage musste eine schreckliche Erfahrung gewesen sein. In der stickigen Enge der Stollen waren ausladende Bewegungen so gut wie unmöglich. Dafür konnte im Falle eines Sieges der Stollen zerstört und die Mauer vorerst gerettet werden.

3. Darum waren Ausfälle so wichtig

Alleine die Erfahrung, in einer Befestigung eingeschlossen zu sein, kann psychologisch ungeheuer belastend sein. So war es nicht nur aus strategischer Sicht wichtig, die Initiative zu behalten oder wiederzugewinnen. Diesem Zweck dienten Ausfälle. Die Verteidiger unternahmen immer wieder Angriffe aus der Befestigung heraus. Besonders bei nicht befestigten Lagern der Belagerer führten diese Überfälle immer wieder zu Erfolgen. Belagerungsmaschinen und Zelte konnten zerstört und manchmal sogar Beute gemacht werden. Für die Moral der Verteidiger unglaublich wichtige Faktoren. Immerhin machte man so immer wieder die Erfahrung, der Situation nicht komplett hilflos ausgeliefert zu sein.

Außerdem übten die Ausfälle Druck auf die Belagerer aus. Sie konnten sich eben nicht in ihrem Lager ausruhen und sicher fühlen. Ganz im Gegenteil: Stete Wachsamkeit war auch hier unerlässlich. Der Verlust von teuren Belagerungsmaschinen und Ausrüstung konnte zudem den Erfolg der ganzen Unternehmung ernsthaft gefährden. Noch schlimmer wurde es, wenn der Proviant betroffen war.

Lesen Sie im dritten und letzten Teil der Serie über den Umgang mit den Belastungen einer langen Belagerung und die Bewältigungsstrategien der Verteidiger.

Waffen des Mittelalters: Brandsätze und Griechisches Feuer

Feuer: Lebenserhaltend und zerstörerisch zugleich. Ein Element, dass in der mittelalterlichen Kriegführung auf immer erfinderische Art und Weise Anwendung fand und mindestens so furchterregend war wie Schwerter und Äxte.

Der Ursprung des Feuers in der Kriegführung

Feuer wurde von der Menschheit seit jeher als Waffe eingesetzt. In der Antike kamen bereits sehr raffinierte Anwendungen zum Einsatz. Brennbare Pfeile und Katapultgeschosse waren gängige Praxis. Nicht nur gegen Armeen im Feld, selbst gegen mächtige Befestigungsanlagen entfaltete das Feuer seine zerstörerische Wirkung. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass auch die Krieger des Mittelalters auf das Feuer und verschiedene, brennbare Substanzen zurückgriffen.

Der Einsatz von Feuer gegen Befestigungen

Es gab mehrere Möglichkeiten, eine Mauer zum Einsturz zu bringen. Bestand sie aus Holz, konnte sie im Idealfall recht einfach in Brand gesteckt werden. Das galt ebenso für hölzerne Türen und Tore. Wurde Feuer in das Innere einer befestigten Siedlung geschleudert, konnten außerdem hölzerne Gebäude in Flammen aufgehen. Feuer stellte für jede Siedlung im Mittelalter die allergrößte Gefahr dar. Umso mehr wird deutlich, wie groß die Angst im Kriegsfall gewesen sein muss.

Tapisserie de Bayeux - Scène 19 : le siège de Dinan

Der Einsatz von Feuer gegen die hölzerne Mauer von Dinan, 1064. Darstellung auf dem Teppich von Bayeux.

Selbst Mauern aus Stein konnten einem Feuer zum Opfer fallen. Wurden Gänge unter die Mauern gegraben und dort ein großes Feuer entzündet, stürzte die Mauer nach einer Zeit in sich zusammen. Eine andere Methode sah vor, Löcher in die Wand zu bohren und heiße Luft hinein zu leiten. Zu diesem Zweck wurden Kohlen in tönernen Töpfen entzündet und die Hitze mit Hilfe von Eisenrohren in zuvor in die Mauer gebohrte Löcher geleitet. Dies führte schließlich dazu, dass die Steine platzten.1

Brennende Vögel und Katzen

Wie bereits erwähnt stellte ein Feuer innerhalb einer Siedlung stets eine große Gefahr dar. Die Quellen berichten in diesem Zusammenhang mit einigen sehr trickreichen, wenn auch brutalen Methoden, um eine Burg oder Stadt in Brand zu stecken.

Katzen und Vögel seien eingefangen und mit brennenden Materialien versehen worden. Die Autoren berichten weiterhin, dass die Tiere in Panik in ihre in der jeweiligen Befestigung befindlichen Unterschlüpfe fliehen würden und das Feuer sich dort ausbreiten könne.

Ob dies wirklich eine effektive Methode darstellte, kann heute nicht mehr eindeutig bewiesen werden.

Griechisches Feuer, arabische Naphta-Truppen und mongolische Granaten

Im 13. und 14. Jahrhundert tauchte in Europa das „Liber ignium ad comburendos hostes“ auf, verfasst von Marcus Graecus. In diesem Buch wird das berüchtigte Griechische Feuers erwähnt. Erfunden wurde diese extrem heiße und kaum zu löschende Substanz im siebten Jahrhundert von einem gewissen Callicinus und zunächst vor allem durch Byzanz verwendet. Die Byzantiner hüteten das Geheimnis der Herstellung mit allen Mitteln. Aus gutem Grund: Die Quellen berichten, dass Griechisches Feuer Stein und Eisen zu Staub werden lasse und selbst auf dem Wasser brennen würde. Zum Einsatz kam es vor allem auf den Schiffen der byzantinischen Marine. Aus einem bronzenen Rohr am Bug wurde das Feuer auf das feindliche Schiff gegossen.

Greekfire-madridskylitzes1

Einsatz des Griechischen Feuers zur See (12. Jhd.).

Es lassen sich außerdem Belege für kleinere Vorrichtungen finden, mit deren Hilfe griechisches Feuer von Soldaten im Nahkampf eingesetzt werden konnte. Diese sogenannte Hand-Siphons wurden ähnlich den modernen Flammenwerfern eingesetzt.

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 Darstellung aus dem Codex Vaticanus Graecus, 1605.

Hierfür waren neben den Byzantinern vor allem die Araber berüchtigt. In ihren Armeen kamen die sogenannten Naphta-Truppen zum Einsatz. Diese Spezialeinheiten waren in feuerfeste Kleidung gehüllt und schleuderten das Feuer in zerbrechlichen Gefäßen aus Ton, Glas oder Metall auf den Gegner. Sie wurden häufig zusammen mit Bogenschützen eingesetzt.2 Die Westeuropäer kamen mit dem Griechischen Feuer buchstäblich erstmals im Rahmen der Kreuzzüge in Berührung. Sie waren es, die es anschließend nach Europa importierten.

Griechisches Feuer wurde außerdem mit der Hilfe von Trebuchets auf Befestigungen geschleudert. Zu diesem Zweck wurde es in zerbrechliche Kugeln gefüllt, angezündet und verschossen. Diese Technik wurde u.a. von den Mongolen verwendet, die im 13.Jahrhundert große Teile Europas und Asiens eroberten.

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Ein Trebuchet schleudert ein brennendes Geschoss. Harper’s New Monthly Magazine, No. 2229, Juni, 1869.

Die Herstellung des Griechischen Feuers

Die Zusammensetzung des Griechischen Feuers ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Als Bestandteile von brennbaren Substanzen wurden im Mittelalter in erster Linie Teer, Terpentin, Petroleum, Öle, Schwefel, Wachs, Pech sowie die Fäkalien von Tauben und Schafen.3 Laut Marcus Graecus bestand das Griechische Feuer aus Schwefel, Pech, Petroleum, gewöhnlichem Öl, Sarcocolla und Sal Coctum. Letzteres ist besonders umstritten. Während die einen meinen, es würde sich um Salpeter handeln, halten es die anderen für normales Salz. Marcus Graecus erwähnt nicht, in welchem Mischverhältnis die Zutaten stehen müssen. Dafür nennt er die drei Wege, wie das Griechische Feuer gelöscht werden kann: Mit Urin, Essig und Sand.4 Es empfahl sich also im Vorfeld einer Belagerung, die entsprechenden Stoffe bereit zu halten und besonders gefährdete Stellen rechtzeitig zu imprägnieren.

Chemische Kriegführung im Mittelalter

Neben der Hitze stellten die giftigen Gase des Feuers eine ernstzunehmende Gefahr dar. Im 13. Jahrhundert wurden mit einer Mischung aus Schwefel und schwelender Kohle hochgiftige Gase erzeugt. Konrad Kyeser empfahl im 15. Jahrhundert Schwefel, Teer und zerstoßene Pferdehufe.5 Wurden diese Gase in eine Befestigung oder ein Lager geleitet, waren die Auswirkungen meist fatal.

Feuer und Schwarzpulver

Schwarzpulver wird aus Salpeter, Schwefel und Kohle hergestellt. Zutaten, die bereits bei der Herstellung der verschiedenen, brennbaren Substanzen verwendet wurden. Roger Bacon entdeckte die Mischung Mitte des 13. Jahrhunderts in Europa. Albertus Magnus entwickelte das Schwarzpulver 25 Jahre später dann noch einmal entscheidend weiter. Die neue Waffe war derart vielseitig einsetzbar, dass sie das Griechische Feuer in Europa weitgehend verdrängte. Neben der einfacheren Herstellung stellte vor allem die Explosivität des Pulvers einen bedeutenden Vorteil dar.

Hakenbuechse

Feuer und Explosionen – gängige Waffen des Mittelalters

Der Einsatz brennbarer und explosiver Substanzen auf den Schlachtfeldern des Mittelalters war nicht weniger ungewöhnlich als der von Schwertern und Bögen. Die Menschen nutzen das Feuer seid tausenden von Jahren. Seine Nutzung im Kampf war stets so naheliegend wie schrecklich für den Gegner. Letzten Endes verwendeten die Krieger des Mittelalters alles, was ihnen einen Vorteil und damit hoffentlich den Sieg verschaffte. Eine Strategie, die zur Entwicklung immer neuer Taktiken und Feuerwaffen führen sollte. Die Folgen sind heute nur zu gut bekannt.

1Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 191-192).

2Vgl. Ebd. S. 193-197.

3Vgl. Ebd. S. 192-193.

4Vgl. Ebd. S. 199.

5Vgl. Ebd. S. 202.

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.

Belagerungstechniken des Mittelalters : Der Krieg unter der Erde

 

Diese Methode zur Überwindung feindlicher Befestigungsanlagen stellte gleichzeitig eine der effektivsten als auch eine der gefährlichsten Strategien beim Angriff auf befestigte Orte dar. Das Graben von Stollen unter die Mauern war weniger anfällig für Beschuss von den Mauern, dafür war es alles andere als einfach, diese so anzulegen, dass man genau an die gewünschte Stelle gelangte. Zudem existierten einige Abwehrtechniken, die die Arbeit unter Tage lebensgefährlich machten.

Eine Vorstufe zu den Stollen unter der Erde stellte das Aushöhlen der Mauer dar. Dies geschah meist im Schutz von speziellen Schutzschilden, die hierzu am Fuß der Mauer aufgebaut wurden. Ziel war dabei nicht, eine Öffnung in die Mauer zu arbeiten. Stattdessen wurde in dem entstandenen Loch Feuer entzündet, um eine Bresche zu schlagen.[1]

Das tatsächliche Unterminieren von Wällen und Fundamenten war etwas komplizierter und konnte zu zwei verschiedenen Zwecken erfolgen. Man konnte entweder versuchen, einen Gang unter der Mauer zu graben, durch den die Angreifer in die Befestigung eindringen konnten oder es darauf anlegen, Gebäudeteile zum Einsturz zu bringen.

In beiden Fällen durften die Belagerten nicht bemerken, dass ein Stollen gegraben wurde. Geschah dies war nicht nur der Überraschungseffekt dahin, es konnten auch Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Bereits in der Antike konnten Gegenstollen gegraben werden. Erreichte man den Stollen des Feindes konnte man versuchen, diesen im Kampf Mann gegen Mann zu erobern und anschließend zu zerstören. Die Kämpfe unter der Erde müssen ganz besonders grausam gewesen sein. Man konnte oft nicht aufrecht stehen, es war dunkel, stickig und jederzeit konnten Teile des Ganges einstürzen oder zum Einsturz gebracht werden. Da die Gänge sehr schmal waren, konnten sich die Kämpfer nur hintereinander bewegen. Der vorderste von ihnen hatte im schlechtesten Fall einen bewaffneten Gegner vor sich und gleichzeitig den Rest seiner Truppe direkt hinter sich, immer nach vorne drängend. Bessere Chancen bestanden dann, wenn die Grabungsmannschaft des Feindes nichts vom Gegenstollen wusste. Dann konnte man überraschend einbrechen und die als Tunnelbauer eingesetzten Bergleute töten, bevor der Gegner eigenen Truppen in den Tunnel bringen konnte. Um den riskanten Kampf unter der Erde zu vermeiden, wurde häufig auf andere Mittel zurückgegriffen. Das Einleiten von heißem Öl, Wasser oder auch Rauch in das Tunnelsystem hatte meist tödliche Folgen.[2] Während der Belagerung von Neuss 1474/75 durch die burgundische Armee unter Karl dem Kühnen setzten die Verteidiger auch Sprengrohre und in kochendem Wasser erhitzte Fäkalien ein, um die Belagerer aus ihren Gräben zu vertreiben. Insbesondere letzteres erwies sich als außerordentlich effektiv.

Das Aufspüren der Tunnel war allerdings nicht einfach. Die Eingänge wurden durch hölzerne Bauwerke verdeckt, beispielsweise durch Palisaden oder auch Belagerungstürme. Die ausgehobene Erde musste unauffällig weggeschafft werden, um keinen Verdacht zu erregen. Manchmal wurde sie auch auf dem Boden des Tunnels festgestampft.[3] Dennoch gab es einige Methoden, die den Quellen nach zu urteilen häufig zum Erfolg führten. In der Antike legte man bronzene Schilde auf den Boden, um die Tunnelarbeiten akustisch zu orten. Hierzu eigneten sich auch Kupfergefäße. Im Mittelalter verwendete man mit Wasser gefüllte Schüsseln und/oder kleine Glocken. Doch auch diese Methoden waren nicht immer zuverlässig. Insbesondere dann nicht, wenn die Belagerer mehrere Tunnel gruben – von denen aber nicht alle in die Befestigung führten, sondern lediglich vom Hauptstollen ablenken sollten.[4]

Konnte der Stollen nicht rechtzeitig aufgespürt und zerstört werden, befand sich die belagerte Befestigung in größter Gefahr. Es konnten entweder Belagerer unbemerkt in die Stadt oder Burg gelangen und die Tore von innen öffnen oder die Fundamente der Mauern zerstört und diese damit zu Fall gebracht werden. Dies erreichte man dadurch, dass man den neu geschaffenen Hohlraum zunächst mit Holzbalken abstützte, ihn mit brennbarem Material füllte und dieses anzündete. Im späten Mittelalter konnte auch Schwarzpulver eingesetzt werden. Die Balken und der Hohlraum brachen ein und schufen im Idealfall eine breite Bresche, durch die man die Befestigungsanlagen stürmen konnte.[5] Schafften es die Verteidiger nicht, den ersten Angriff abzuwehren und die Bresche provisorisch mit Holz und Steinen zu verschließen, war die Einnahme nur noch eine Frage der Zeit.

Dieser Gefahr konnte man bereits beim Planen und Anlegen der Befestigungsanlagen vorbeugen. Reichten die Fundamente der Mauern zu tief, konnten sie nicht untergraben werden. Wassergräben stellten ebenfalls einen guten Schutz dar, wenn man sie nicht abgraben konnte.

Die Technik des Unterminierens feindlicher Stellungen sollte weit über das Mittelalter hinaus Anwendung finden. Sie wurde in größerem Stil im amerikanischen Sezessionskrieg und in den beiden Weltkriegen verwendet. Die Weiterentwicklung der Sprengstoffe und Waffen sollte hier noch zu weit schrecklicheren Ergebnissen führen, als sie im Mittelalter möglich waren.

 

[1] Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 123.

[2] Vgl. Ebd. S. 131.

[3] Vgl. Ebd. S. 124-125.

[4] Vgl. Ebd. S. 129.

[5] Vgl. Ebd. S. 127/130.

 

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A fully illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics, Guilford, 2012.

 

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Das Herzogtum Burgund und das Heilige Römische Reich: Die Soester Fehde 1444-1449

Das Herzogtum Burgund entwickelte sich im späten Mittelalter zu einer bedeutenden Macht in Westeuropa. Besonders bedeutend wurde es unter Herzog Philipp dem Guten, der es zu einem der reichsten und einflussreichsten Mächte werden lassen sollte, wenn auch nur für eine relativ kurze Zeit. Aufgrund seiner dennoch nicht unwesentlichen Bedeutung möchte ich mich in einigen Artikeln näher mit diesem interessanten Reich und seinen nicht minder faszinierenden Herrschern etwas näher befassen.

Eine wichtige Episode in den Beziehungen zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Burgund stellt die Soester Fehde dar. Auslöser für diesen Konflikt war der Übertritt der Stadt Soest vom Erzstift Köln in die Herrschaft des Herzogs Johann von Kleve. Aus diesem Grund verhängte der deutsche Kaiser Friedrich III. am 15. Januar 1445 die Acht über die Stadt. Philipp von Burgund griff zunächst nicht aktiv in die Auseinandersetzung ein, sondern beschränkte sich bewusst auf die Rolle als neutraler Vermittler. Als Leiter der Verhandlungen zwischen dem Erzstift und dem Klever Herzog nahm er allerdings eine Position ein, die eigentlich lediglich einem deutschen König zugestanden hätte. Nach dem Scheitern der Verhandlungen änderte sich Philipps neutrale Haltung merklich. Insbesondere, als sich eine Koalition aus Köln, Trier und Frankreich unter sächsischer Beteiligung im Jahr 1445 formierte. Damit war erstmals burgundisches Territorium in Gefahr. Dies hatte zum Ergebnis, dass Johann von Kleve erstmals mit aktiver burgundischer Hilfe rechnen konnte.

Johann I. von Kleve (1419-1481)

Johann I. von Kleve (1419-1481)

Doch auch jetzt noch versuchte Philipp, den Kölner Erzbischof zum Einlenken zu bewegen, indem er ihm 1446 die volle erzbischöfliche Titulatur zustand. 1448 sandte der Papst schließlich die Kardinallegaten Nikolaus von Kues und Johann Carvajal, um einen Frieden zu vermitteln.

Die Folgen der Soester Fehde sollten entscheidend für die weitere Entwicklung im niederrheinischen Raum sein. Da der Kölner Erzbischof und seinen Verbündeten Soest nicht erobern konnten, blieben sie auf den Kosten für ihre zahlreichen Söldner sitzen. Dies führte zu einer finanziellen Schwächung des Erzstiftes. Zudem festigte sich das klevisch-burgundische Bündnis.[1]

Die hier zum Einsatz kommenden Söldner waren eigentlich angeworben worden, um auf der Seite Herzog Wilhelms III. von Sachsen gegen seinen Bruder Friedrich II. zu kämpfen. Doch bereits am 12. Mai 1447 kam es zu einem Waffenstillstand. Der Kölner Erzbischof Dietrich hatte bereits 1445 versucht, die Kurfürsten von Sachsen mit ihren böhmischen Söldnern zu einem Eingreifen in die Soester Fehde zu bewegen. Nach dem Abschluss des Waffenstillstandes unternahm er einen weiteren Versuch. Der Kölner beabsichtigte, die Söldner in seine Dienste zu nehmen und gegen seine Feinde einzusetzen. Wilhelm sollte insgesamt 12.000 Mann nach Westfalen bringen. Dietrich verpflichtete sich vertraglich, pro Söldner und Woche einen Gulden zu zahlen. Herzog Wilhelm verlangte 50.000 Gulden, einen Drittel der Beute und der Gefangenen. Auch musste ihm der Erzbischof zusichern, ihm in einem Streit mit dem Herzog Philipp von Burgund um 120.000 ungarische Gulden beizustehen. Herzog Wilhelm hätte sogar noch einen höheren Gewinn gemacht, da er von Dietrich für jeden einzelnen Söldner mehr erhielt, als er wiederrum diesem zu zahlen verpflichtet war. Allerdings musste Wilhelm zunächst zusätzlich zu den 6.000 böhmischen Söldnern weitere 6.000 Männer im Thüringen rekrutieren.[2]

Die Überführung des Heeres nach Westfalen war kein einfaches Unterfangen, zum einen aufgrund der zahlreichen verschiedenen Herrschaftsgebiete, zum anderen aufgrund der schwierigen Versorgungslage. Schnelle Erfolge waren dementsprechend wichtig. Am 14. Juni 1447 eroberte Dietrich Blomberg vom Grafen von Lippe, was weitere Städte dazu bewegte, Verhandlungen Vorzug vor Widerstand zu geben. Die hier erzwungenen Zahlungen und Proviantlieferungen sicherten schließlich die weitere Versorgung des Heeres. Vom 20. bis zum 29. Juni 1447 wurde Lippstadt mit 15.000 Mann belagert, allerdings erfolglos. Hierfür waren wohl u.a. Versorgungsschwierigkeiten verantwortlich, das Heer konnte aus der Umgebung nicht allzu lange versorgt werden. Doch trotz allem schaffte es der Erzbischof, mit seinen Truppen am 30. Juni vor Soest zu erscheinen. Doch obwohl ein erster Ausfall der Soester Reiter erfolgreich abgewehrt und das vor den Toren der Stadt gelegene Walburgis-Kloster eingenommen wurde, konnte Soest nicht erobert werden. Dies war für die Heerführer insofern besonders problematisch, als sie aufgrund der erwarteten aber nie erlangten reichen Beute aus der Hansestadt den Söldnern diverse große Versprechungen gemacht hatten. Ein Scheitern der Belagerung war nie eine Option gewesen. Dies war ein entscheidender Grund dafür, dass der Kölner Erzbischof und damit das Erzstift eine entscheidende finanzielle Schwächung erfuhr, nachdem die Belagerung am 21. Juli abgebrochen werden musste.[3]

Herzog Philipp der Gute von Burgund (1396-1467)

Herzog Philipp der Gute von Burgund (1396-1467)


[1] Vgl. Ehm-Schnocks, Petra (2002). S. 38-43.

[2] Vgl. Tresp, Uwe (2004). S. 139-143.

[3] Vgl. Ebd. S. 145-150.

Literatur:

Ehm-Schnocks, Petra. Burgund und das Reich. Spätmittelalterliche Außenpolitik am Beispiel der Regierung Karls des Kühnen (1465 – 1477). (Pariser historische Studien; 61). München, 2002.

Tresp, Uwe. Söldner aus Böhmen. Im Dienst deutscher Fürsten: Kriegsgeschäft und Heeresorganisation im 15. Jahrhundert. (Krieg in der Geschichte (KRiG); 19). Paderborn, 2004.

 

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Der mittelalterliche Herrscher – Im Krieg

In der mittelalterlichen Kriegfürung spielte der Herrscher eine zentrale Rolle. Begründet lag diese Rolle in der Geschichte. Anführer von Stämmen oder Staatengebilden mussten schon in der Antike eine Reihe von militärischen Fähigkeiten mitbringen, wenn sie als Herrscher akzeptiert werden wollten. Dieses Muster lässt sich überall erkennen, egal ob es sich um den ägyptischen Pharao oder einen germanischen Stammesfüherer handelte. Wie schon in meinem Beitrag über die Ausbildung der Herrscher zu sehen ist, wurden diese schon früh auf ihre Rolle als Heerführer vorbereitet.

Wichtig war vor allem, dass die Herrscher mit unbedingtem Gottvertrauen in den Krieg zogen. Der Gedanke an eine Niederlage durfte zumindest nach außen keine Rolle spielen. Immerhin waren die Augen aller Soldaten auf den Herrscher gerichtet. Er war nicht nur derjenige, der die militärischen Entscheidungen traf, sondern auch der religiöse Führer. Es oblag ihm, seiner Armee mit gutem Beispiel voranzugehen, sie anzuleiten und ihnen Vertrauen zu vermitteln. Dazu gehörte auch, selbst aktiv am Kampf teilzunehmen. In den Quellen wird häufig ein entsprechendes Bild vermittelt. Der optimale König musste sich demnach als fähiger Stratege und Krieger beweisen. Gute Beispiele hierfür sind das ,,Carmen de Hastingae Proelio“ sowie die ,,Gesta Henrici Quinit“. Erstere beschäftigt sich mit den Taten Wilhelms des Eroberers, letztere mit Heinrich V. und seinen Erfolgen im Kamf gegen die Franzosen, insbesondere bei Azincourt 1415.

Auffällig ist, dass die Autoren häufig bezug auf die Sagengestalten der Antike nehmen, beispielsweise Herkules. Aber auch die berühmten Generäle früherer Jahrhunderte werden immer wieder zu Vergleichen herangezogen. Zudem wird immer auf die Könige des alten Testaments Bezug genommen, die als stark und gerecht auftraten und ebenfalls Heerführer waren.

In der Realität wird es sicherlich so gewesen sein, dass die Herrscher aktiv am Kampfgeschehen teil nahm. Allerdings nicht in dem Maße, wie es in den Quellen dargestellt wurde. Er war zumeist von seiner Leibgarde umgeben, die um seinen Schutz bemüht war. Da er aber schon vor seinem Herrschaftsantritt auch in den Kampfkünsten unterrichtet wurde, wird er sicherlich kein schlechter Kämpfer gewesen zu sein. Es gab auch Ausnahmen. Manche Herrscher waren körperlich oder geistig einfach nicht in der Lage, aktiv an einer Schlacht teilzunehmen. Als Beispiel hierfür ist Karl VI., König von Frankreich, zu nennen. Dieser konnte aufgrund einer geistigen Erkrankung nicht an Schlachten teilnehmen.

Abschließend ist zu sagen, dass die mittelalterlichen Herrscher nicht nur Diplomaten, sondern auch Krieger und Strategen waren. Als Anführer mussten sie immer auch dem ritterlichen Ideal entsprechen. Und dieses beinhaltete nunmal auch den Kampf.

Daniel Ossenkop