Die „Great Heathen Army“ – oder wie die Wikinger um ein Haar ganz England eroberten

„A.D. 865. This year sat the heathen army in the isle of Thanet,

and made peace with the men of Kent, who promised money

therewith; but under the security of peace, and the promise of

money, the army in the night stole up the country, and overran

all Kent eastward.1

Mit diesen Worten wird in der Anglo-Saxon Chronicle der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen beschrieben, die weitreichende Folgen sowohl für England als auch für Skandinavien haben sollten. Im Jahr 865 erreichte die sogenannte „Great Heathen Army“ England. Erleben Sie in dieser Serie hautnah mit, wie die Wikinger durch mehrere englische Königreiche zogen, Tribute einforderten und Könige zu Fall brachten, bevor ihnen schließlich doch noch Einhalt geboten werden konnte.

Wikinger

Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langbooten.

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit der Frage, woher die „Great Heathen Army“ wahrscheinlich stammte, wer sie anführte und zeigt auf, wie sie in kurzer Zeit mehrere Königreiche zu Fall brachte.

Der Ursprung der „Great Heathen Army“

Über die genaue Herkunft und Zusammensetzung der Armee besteht in der Forschung bis heute keine Einigkeit. Einige meinen, es handelte sich um eine aus Dänemark stammende Armee. Andere Forscher vertreten die Ansicht, dass es sich um einen Zusammenschluss von Wikingern handelte, die zuvor im Frankenreich und in Irland aktiv waren. Als gesichert gilt nur, dass es sich um ein relativ großes Aufgebot gehandelt haben muss. Zum jetzigen Zeitpunkt wird von zwei- bis dreitausend Kriegern, Männern wie Frauen, ausgegangen. Angeführt wurde das Heer von mehreren, hochrangigen Wikingern. Dazu zählten Halfdan und Ivar der Knochenlose, beides Söhne des legendären Ragnar Lodbrok.

Kent, East-Anglia und Northumbria werden überrannt

Der Ansturm der Wikingerarmee scheint die englischen Herrscher gänzlich unvorbereitet getroffen zu haben. Zwar waren zuvor bereits Angriffe von Plünderern abgewehrt worden. Auf eine derart große Zahl von Angreifern war man aber offensichtlich nicht vorbereitet.

Nur ein Jahr nach der Eroberung von Kent befand sich das Heer bereits in East-Anglia, dass sich den Angreifern ergeben hatte. Strategisch besonders bedeutsam ist die Textstelle „they were soon horsed“. Sie besaßen nun Pferde für den Transport, für Aufklärung und den Einsatz im Kampf.

Die Wikinger blieben nicht in East-Anglia. 867 überschritten sie den Humber und begannen die Invasion von Northumbria. Begünstigt durch die Thronstreitigkeiten zwischen den Königen Osbert und Aella machten sie schnell Fortschritte und standen schließlich vor den Toren Yorks. Doch obwohl sich beide Herrscher im Angesicht der großen Bedrohung zusammenschlossen, konnten sie die Wikinger nicht bezwingen. Beide Könige fielen in der Schlacht und York wurde eingenommen.2

Mercia, Hilfe aus Wessex und eine überraschende Kapitulation

868 stießen die Wikinger weiter in Richtung Süden vor und fielen in Mercia ein. Ihr Winterlager schlugen sie bei Nottingham auf. König Burhred von Mercia wusste, dass er die Angreifer alleine nicht würde besiegen können. Er wandte sich hilfesuchend an Ethelred, den König von Wessex und dessen Sohn Alfred. Diese erklärten sich einverstanden. Doch schon kurz nachdem das englische Heer nach Mercia gezogen war stellte sich heraus, dass sich die Einwohner des Landes bereits unterworfen hatten. So kam es zunächst zu keinen größeren Kämpfen zwischen den beiden Heeren.3

Eine (vorläufige) Verschnaufpause

Wie die Wikinger konkret auf die Armee aus Wessex reagiert haben, wird in der Anglo-Saxon Chronicle nicht erwähnt. Überliefert ist aber Folgendes: Im Jahr 869, ein Jahr nach der Eroberung von Mercia, begab sich das Wikingerheer zurück nach York. Es sollte ein Jahr dauern, bis sich die Wikinger auf weitere Eroberungszüge begaben.

Es ist durchaus beachtlich, wie schnell und mühelos die Wikinger gleich mehrere englische Königreiche in die Knie zwangen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen zeigt der Zusammenschluss zu einem großen Heer (zumindest auf Zeit), dass sich die Wikinger der Bedeutung zahlenmäßiger Überlegenheit bewusst waren und sie zu nutzen wussten. Sie passten sich zudem flexibel neuen Gegebenheiten an. So besorgten sie sich kurzerhand Pferde und waren in der Lage, befestigte Stellungen zu belagern und einzunehmen. Ihr schnelles Vorgehen ließ den Herrschern dabei kaum Zeit für Vorbereitungen. Die englischen Armeen dieser Zeit, die sog. Fyrd, setzten sich aus der wehrpflichtigen Bevölkerung der jeweiligen Landesteile zusammen. Das waren weder professionelle Krieger, noch konnte man sie in kurzer Zeit versammeln. Dazu kam, dass den Wikingern in dieser Zeit ein schrecklicher Ruf vorauseilte. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit angesehen. Kein Wunder, dass die Kampfkraft der angelsächsischen Aufgebote zu dieser Zeit nicht wirklich gut war.

All dies sollte sich jedoch schon bald ändern. Insbesondere Alfred, der junge Thronfolger aus Wessex, sollte den Wikingern einiges mehr an Widerstand entgegensetzen.

 

2Vgl. Ebd.

3Vgl. Ebd.

Quelle:

http://omacl.org/Anglo/

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Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 3 von 3

Sie haben in Teil eins und zwei dieser Serie erfahren, wie man sich im Mittelalter im Idealfall auf eine anstehende Belagerung vorbereitet hat. Sie wissen nun auch, wie der Proviant rationiert wurde und was getan werden musste, um die eigene Burg oder Stadt erfolgreich gegen Angriffe zu verteidigen. Doch was wurde getan, um der Angst, dem Terror und der ständigen Lebensgefahr zu begegnen?

Lesen Sie im dritten und letzten Teil dieser Serie, wie mit den enormen psychologischen Belastungen einer Belagerung umgegangen wurde.

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Belagerung einer Stadt, Holzschnitt von 1502

 

Überleben auf engstem Raum

Angst, Panik und Verzweiflung sind nur einige Beispiele für die extremen emotionalen Belastungen, die mit einer Belagerung einhergehen konnten. Die Verteidiger waren über einen relativ langen Zeitraum auf engstem Raum eingeschlossen. Ständig drohte Lebensgefahr. Zum einen durch immer neue Angriffe auf die Mauern, zum anderen durch den Beschuss durch die feindlichen Belagerungsmaschinen. Innerhalb der Befestigungen kursierten häufig Krankheiten. Verwundete und Kranke konnten meist nur notdürftig versorgt werden. Dazu kam, dass vieles von dem, was man sich lange Zeit aufgebaut hatte, jederzeit von der vollständigen Zerstörung bedroht war. Das schlimmste jedoch war die große Zahl der geliebten Menschen, die bereits Tod waren oder jederzeit den Tod finden konnten.

Wie Menschen auf derartige Belastungen reagieren, ist individuell verschieden. Dementsprechend gab es gleich mehrere Strategien, mit denen versucht wurde, das Ausbrechen von Panik oder Verrat von innen heraus zu verhindern.

Strategie 1 Abschreckung

Ein einziger Verräter innerhalb der Befestigung konnte diese bereits zu Fall bringen. Besonders dann, wenn er andere mit seinen Ideen ansteckte. Dementsprechend drakonisch waren die Strafen, die Verräter zu erwarten hatten. Folterinstrumente wurden noch vor Beginn der Belagerung öffentlich aufgestellt, um hier von vorneherein keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen.

Strategie 2 Ablenkung

Niemand kann über einen langen Zeitraum rund um die Uhr mit schrecklichen Eindrücken umgehen, ohne sich zumindest ab und zu davon abzulenken. Das wussten auch die Verteidiger des mittelalterlichen Neuss 1474/75. Obwohl sie bereits einige Zeit von der berüchtigten Armee des Burgunderherzogs Karl dem Kühnen belagert und beschossen wurden, richteten die Verteidiger inmitten des tödlichen Chaos fröhliche Reiterspiele aus. Das freudige Getöse wurde in der Stadt schließlich so laut, dass es auch einem englischen Söldner vor den Stadtmauern nicht verborgen blieb. Auf seine erstaunte Frage, wie die Neusser im Angesicht einer derartigen Bedrohung die Nerven für so etwas haben könnten, antworteten ihm die Wachen auf dem Mauern gelassen, dass man schließlich nicht die ganze Zeit in Angst leben könne. Dies habe auch der hartgesottene Söldner eingesehen und verstanden.

Strategie 3 Religion

Wohl kaum etwas kann Menschen stärker motivieren, als der Glaube an höhere Mächte. Wer einen Heiligen oder gar Gott auf seiner Seite glaubt, wird auch im Angesicht jeder noch so großen irdischen Bedrohung standhaft bleiben. Das galt in besonderem Masse für das Mittelalter. Kein Wunder also, dass religiösen Symbolen, Prozessionen und Gottesdiensten stets eine besondere Bedeutung zukam. Nicht selten war die Burgkapelle an der Stelle der Befestigung untergebracht, die der größten Gefahr ausgesetzt war. Reliquien wurden zu besonders hart umkämpften Mauerabschnitten getragen, um die Hilfe des Heiligen zu erflehen. Und besondere Reliquien, wie die heilige Lanze, dienten ganzen Heeren als Ankerpunkt im blutigen Chaos der Schlacht.

Strategie 4 Ein fähiger und angesehener Anführer

Jede Verteidigung stand und fiel mit den Fähigkeiten ihres Anführers. Eine charismatische Persönlichkeit, ausgestattet mit einer ausreichenden Machtfülle und einer entsprechenden Anzahl an loyalen Mitstreitern, konnte in schwierigen Situationen die Verteidiger motivieren und sie davon abhalten, aufzugeben. Denn immer verführerischer mutete einigen irgendwann der Gedanke an, das Leid und das Elend auf einen Schlag beenden zu können.

Der menschliche Faktor war entscheidend

Wie wir sehen, hing der Erfolg der Verteidigung von befestigten Stellungen maßgeblich von der Moral der Verteidiger ab. Neben einer ausreichenden Verpflegung und Ausrüstung spielte die psychologische Verfassung eine entscheidende Rolle. Diese in einem guten Zustand zu erhalten, stellte eine der größten Herausforderungen dar. Nicht immer fruchteten die getroffenen Maßnahmen. Viele Burgen und Städte fielen nicht, weil sie sich nicht mehr hätten halten können. Sie fielen, weil ihren Verteidigern die Lage ab einem gewissen Zeitpunkt als zu aussichtslos erschien.

Hiermit endet die dreiteile Serie über die erfolgreiche Verteidigung im Mittelalter. Sie wissen nun über die zentralen Aspekte der mittelalterlichen Verteidigungsstrategien Bescheid. Ich freue mich, dass Sie so interessiert mitgelesen haben. Wie hat es Ihnen gefallen? Haben Sie Fragen? Ich freue mich auf Ihre Anregungen!

Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 2 von 3

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Belagerung von Orleans 1429

Selbst wenn sich eine Stadt im Mittelalter optimal auf eine drohende Belagerung vorbereitet hatte, war eine erfolgreiche Verteidigung keineswegs garantiert. Nun ging es darum, die Stadtmauern zu halten. Dies gelang aber nur dann, wenn die Verteidiger ausreichend mit Nahrung versorgt wurden und die Mauern weitgehend intakt blieben.

Lesen Sie im zweiten Teil dieser Serie, wie der Proviant rationiert wurde, welche Maßnahmen gegen Mineure ergriffen werden konnten und warum es für die Verteidiger so wichtig war, regelmäßige Ausfälle zu unternehmen.

1. Die Vorräte mussten reichen – oder wie Proviant rationiert wurde

Da man im Vorfeld bestenfalls erahnen konnte, wie lange eine Belagerung dauern würde, kam der strengen Rationierung der Vorräte eine entscheidende Bedeutung zu. Es war daher empfehlenswert, den gesamten Proviant an einem zentralen Ort zu lagern. Dieser war einfacher zu bewachen und vor Brandanschlägen zu schützen. Von hier aus konnten jeden Tag genau festgelegte Rationen an die eingeschlossenen Menschen verteilt werden.

Diese Vorgehensweise war insbesondere deswegen so wichtig, da im Falle von extremem Hunger der vernünftige Umgang mit den Vorräten kaum noch gewährleistet werden konnte. Nach einigen Wochen bei kleinsten Rationen und großen körperlichen und seelischen Anstrengungen wuchs der Hunger ins Unermessliche. Eine geplünderte Vorratskammer aber wäre das Ende jeder noch so gut vorbereiteten Verteidigung gewesen.

Der Neusser Stadtschreiber Christian Wierstraet schildert die Folgen mangelnder Verpflegung während der Belagerung von Neuss 1474/75 durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen sehr eindrücklich. Man sei schließlich dazu übergegangen, sogar die Schlachtrösser zu essen. In Anbetracht deren immensen Wertes lässt sich nur erahnen, wie sehr die Verteidiger unter Hunger gelitten haben müssen.

2. Mineure unter den Mauern – und wie man sie bekämpfte

Das Untergraben von Mauern stellte seit der Antike eine gängige Methode dar, diese zum Einsturz zu bringen. Dazu grub man einen Gang, den man direkt unter den Mauern zu einer Kammer erweiterte. Ließ man diese einstürzen oder entzündete hier ein Feuer, konnte dies die darüber liegenden Mauern kollabieren lassen. Allerdings waren die Verteidiger dieser Methode nicht schutzlos ausgeliefert. Zumindest dann nicht, wenn sie ebenfalls über fähige Mineure verfügten.

Zunächst kam es darauf an, Tunnel des Gegners rechtzeitig und einigermaßen präzise orten zu können. Dies gelang meist, indem die durch das Graben verursachten Erschütterungen erkannt wurden. Dies konnte beispielsweise durch kleine Glocken geschehen, die an der Mauer aufgestellt wurden. Einfacher war es, wenn sich der Feind beim Tarnen der Arbeiten keine besondere Mühe gab und die Erdarbeiten von der Mauer aus deutlich sichtbar waren.

War ein Tunnel erst einmal geortet, gruben die eigenen Mineure einen Gegenstollen. Sobald der feindliche Gang erreicht war, leitete man entweder Rauch hinein oder stellte den Gegner im Kampf. Ein Kampf unter Tage musste eine schreckliche Erfahrung gewesen sein. In der stickigen Enge der Stollen waren ausladende Bewegungen so gut wie unmöglich. Dafür konnte im Falle eines Sieges der Stollen zerstört und die Mauer vorerst gerettet werden.

3. Darum waren Ausfälle so wichtig

Alleine die Erfahrung, in einer Befestigung eingeschlossen zu sein, kann psychologisch ungeheuer belastend sein. So war es nicht nur aus strategischer Sicht wichtig, die Initiative zu behalten oder wiederzugewinnen. Diesem Zweck dienten Ausfälle. Die Verteidiger unternahmen immer wieder Angriffe aus der Befestigung heraus. Besonders bei nicht befestigten Lagern der Belagerer führten diese Überfälle immer wieder zu Erfolgen. Belagerungsmaschinen und Zelte konnten zerstört und manchmal sogar Beute gemacht werden. Für die Moral der Verteidiger unglaublich wichtige Faktoren. Immerhin machte man so immer wieder die Erfahrung, der Situation nicht komplett hilflos ausgeliefert zu sein.

Außerdem übten die Ausfälle Druck auf die Belagerer aus. Sie konnten sich eben nicht in ihrem Lager ausruhen und sicher fühlen. Ganz im Gegenteil: Stete Wachsamkeit war auch hier unerlässlich. Der Verlust von teuren Belagerungsmaschinen und Ausrüstung konnte zudem den Erfolg der ganzen Unternehmung ernsthaft gefährden. Noch schlimmer wurde es, wenn der Proviant betroffen war.

Lesen Sie im dritten und letzten Teil der Serie über den Umgang mit den Belastungen einer langen Belagerung und die Bewältigungsstrategien der Verteidiger.

Waffen des Mittelalters: Brandsätze und Griechisches Feuer

Feuer: Lebenserhaltend und zerstörerisch zugleich. Ein Element, dass in der mittelalterlichen Kriegführung auf immer erfinderische Art und Weise Anwendung fand und mindestens so furchterregend war wie Schwerter und Äxte.

Der Ursprung des Feuers in der Kriegführung

Feuer wurde von der Menschheit seit jeher als Waffe eingesetzt. In der Antike kamen bereits sehr raffinierte Anwendungen zum Einsatz. Brennbare Pfeile und Katapultgeschosse waren gängige Praxis. Nicht nur gegen Armeen im Feld, selbst gegen mächtige Befestigungsanlagen entfaltete das Feuer seine zerstörerische Wirkung. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass auch die Krieger des Mittelalters auf das Feuer und verschiedene, brennbare Substanzen zurückgriffen.

Der Einsatz von Feuer gegen Befestigungen

Es gab mehrere Möglichkeiten, eine Mauer zum Einsturz zu bringen. Bestand sie aus Holz, konnte sie im Idealfall recht einfach in Brand gesteckt werden. Das galt ebenso für hölzerne Türen und Tore. Wurde Feuer in das Innere einer befestigten Siedlung geschleudert, konnten außerdem hölzerne Gebäude in Flammen aufgehen. Feuer stellte für jede Siedlung im Mittelalter die allergrößte Gefahr dar. Umso mehr wird deutlich, wie groß die Angst im Kriegsfall gewesen sein muss.

Tapisserie de Bayeux - Scène 19 : le siège de Dinan

Der Einsatz von Feuer gegen die hölzerne Mauer von Dinan, 1064. Darstellung auf dem Teppich von Bayeux.

Selbst Mauern aus Stein konnten einem Feuer zum Opfer fallen. Wurden Gänge unter die Mauern gegraben und dort ein großes Feuer entzündet, stürzte die Mauer nach einer Zeit in sich zusammen. Eine andere Methode sah vor, Löcher in die Wand zu bohren und heiße Luft hinein zu leiten. Zu diesem Zweck wurden Kohlen in tönernen Töpfen entzündet und die Hitze mit Hilfe von Eisenrohren in zuvor in die Mauer gebohrte Löcher geleitet. Dies führte schließlich dazu, dass die Steine platzten.1

Brennende Vögel und Katzen

Wie bereits erwähnt stellte ein Feuer innerhalb einer Siedlung stets eine große Gefahr dar. Die Quellen berichten in diesem Zusammenhang mit einigen sehr trickreichen, wenn auch brutalen Methoden, um eine Burg oder Stadt in Brand zu stecken.

Katzen und Vögel seien eingefangen und mit brennenden Materialien versehen worden. Die Autoren berichten weiterhin, dass die Tiere in Panik in ihre in der jeweiligen Befestigung befindlichen Unterschlüpfe fliehen würden und das Feuer sich dort ausbreiten könne.

Ob dies wirklich eine effektive Methode darstellte, kann heute nicht mehr eindeutig bewiesen werden.

Griechisches Feuer, arabische Naphta-Truppen und mongolische Granaten

Im 13. und 14. Jahrhundert tauchte in Europa das „Liber ignium ad comburendos hostes“ auf, verfasst von Marcus Graecus. In diesem Buch wird das berüchtigte Griechische Feuers erwähnt. Erfunden wurde diese extrem heiße und kaum zu löschende Substanz im siebten Jahrhundert von einem gewissen Callicinus und zunächst vor allem durch Byzanz verwendet. Die Byzantiner hüteten das Geheimnis der Herstellung mit allen Mitteln. Aus gutem Grund: Die Quellen berichten, dass Griechisches Feuer Stein und Eisen zu Staub werden lasse und selbst auf dem Wasser brennen würde. Zum Einsatz kam es vor allem auf den Schiffen der byzantinischen Marine. Aus einem bronzenen Rohr am Bug wurde das Feuer auf das feindliche Schiff gegossen.

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Einsatz des Griechischen Feuers zur See (12. Jhd.).

Es lassen sich außerdem Belege für kleinere Vorrichtungen finden, mit deren Hilfe griechisches Feuer von Soldaten im Nahkampf eingesetzt werden konnte. Diese sogenannte Hand-Siphons wurden ähnlich den modernen Flammenwerfern eingesetzt.

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 Darstellung aus dem Codex Vaticanus Graecus, 1605.

Hierfür waren neben den Byzantinern vor allem die Araber berüchtigt. In ihren Armeen kamen die sogenannten Naphta-Truppen zum Einsatz. Diese Spezialeinheiten waren in feuerfeste Kleidung gehüllt und schleuderten das Feuer in zerbrechlichen Gefäßen aus Ton, Glas oder Metall auf den Gegner. Sie wurden häufig zusammen mit Bogenschützen eingesetzt.2 Die Westeuropäer kamen mit dem Griechischen Feuer buchstäblich erstmals im Rahmen der Kreuzzüge in Berührung. Sie waren es, die es anschließend nach Europa importierten.

Griechisches Feuer wurde außerdem mit der Hilfe von Trebuchets auf Befestigungen geschleudert. Zu diesem Zweck wurde es in zerbrechliche Kugeln gefüllt, angezündet und verschossen. Diese Technik wurde u.a. von den Mongolen verwendet, die im 13.Jahrhundert große Teile Europas und Asiens eroberten.

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Ein Trebuchet schleudert ein brennendes Geschoss. Harper’s New Monthly Magazine, No. 2229, Juni, 1869.

Die Herstellung des Griechischen Feuers

Die Zusammensetzung des Griechischen Feuers ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Als Bestandteile von brennbaren Substanzen wurden im Mittelalter in erster Linie Teer, Terpentin, Petroleum, Öle, Schwefel, Wachs, Pech sowie die Fäkalien von Tauben und Schafen.3 Laut Marcus Graecus bestand das Griechische Feuer aus Schwefel, Pech, Petroleum, gewöhnlichem Öl, Sarcocolla und Sal Coctum. Letzteres ist besonders umstritten. Während die einen meinen, es würde sich um Salpeter handeln, halten es die anderen für normales Salz. Marcus Graecus erwähnt nicht, in welchem Mischverhältnis die Zutaten stehen müssen. Dafür nennt er die drei Wege, wie das Griechische Feuer gelöscht werden kann: Mit Urin, Essig und Sand.4 Es empfahl sich also im Vorfeld einer Belagerung, die entsprechenden Stoffe bereit zu halten und besonders gefährdete Stellen rechtzeitig zu imprägnieren.

Chemische Kriegführung im Mittelalter

Neben der Hitze stellten die giftigen Gase des Feuers eine ernstzunehmende Gefahr dar. Im 13. Jahrhundert wurden mit einer Mischung aus Schwefel und schwelender Kohle hochgiftige Gase erzeugt. Konrad Kyeser empfahl im 15. Jahrhundert Schwefel, Teer und zerstoßene Pferdehufe.5 Wurden diese Gase in eine Befestigung oder ein Lager geleitet, waren die Auswirkungen meist fatal.

Feuer und Schwarzpulver

Schwarzpulver wird aus Salpeter, Schwefel und Kohle hergestellt. Zutaten, die bereits bei der Herstellung der verschiedenen, brennbaren Substanzen verwendet wurden. Roger Bacon entdeckte die Mischung Mitte des 13. Jahrhunderts in Europa. Albertus Magnus entwickelte das Schwarzpulver 25 Jahre später dann noch einmal entscheidend weiter. Die neue Waffe war derart vielseitig einsetzbar, dass sie das Griechische Feuer in Europa weitgehend verdrängte. Neben der einfacheren Herstellung stellte vor allem die Explosivität des Pulvers einen bedeutenden Vorteil dar.

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Feuer und Explosionen – gängige Waffen des Mittelalters

Der Einsatz brennbarer und explosiver Substanzen auf den Schlachtfeldern des Mittelalters war nicht weniger ungewöhnlich als der von Schwertern und Bögen. Die Menschen nutzen das Feuer seid tausenden von Jahren. Seine Nutzung im Kampf war stets so naheliegend wie schrecklich für den Gegner. Letzten Endes verwendeten die Krieger des Mittelalters alles, was ihnen einen Vorteil und damit hoffentlich den Sieg verschaffte. Eine Strategie, die zur Entwicklung immer neuer Taktiken und Feuerwaffen führen sollte. Die Folgen sind heute nur zu gut bekannt.

1Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 191-192).

2Vgl. Ebd. S. 193-197.

3Vgl. Ebd. S. 192-193.

4Vgl. Ebd. S. 199.

5Vgl. Ebd. S. 202.

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.

Edle Helden und mutige Taten – das Idealbild des Ritters und die Realität

Um kaum eine andere soziale Schicht des Mittelalters ranken sich so viele Legenden wie um die Ritterschaft. Die Faszination, die von diesen berittenen Kämpfern ausgeht, hat seit dem Mittelalter nicht nachgelassen. Im Gegenteil: Das Bild des edlen oder auch des bösen Ritters wird auch in modernen Erzählungen immer wieder aufgegriffen. Aktuellstes Beispiel hierfür ist sicherlich die Star-Wars-Saga. Wie kam es zu dieser Faszination? Was machte den mittelalterlichen Ritter zum Vorbild immer neuer Erzählungen über den Kampf des Guten gegen das Böse? Wie sah die Realität aus? Was bedeutete es, dem Ritterstand anzugehören? Anlässlich neuer Forschungsergebnisse, basierend auf der Geschichte des englischen Ritters William Marshal, möchte ich in diesem Artikel einen Blick auf die mittelalterliche Realität werfen.

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Fränkische Panzerreiter

Ritter innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung

Die Entstehung des Ritterstandes in Europa war eng verknüpft mit dem Bedarf an ausgebildeten Reiterkriegern in der Spätantike und dem frühen Mittelalter. Sowohl Franken als auch die übrigen germanischen Stämme konnten dabei auf eine lange Tradition zurückblicken. Schon unter Gaius Julius Cäsar und später unter den römischen Kaisern rekrutierten sich die berittenen Hilfstruppen aus den Reihen der Germanen. Im Frankenreich waren es vor allem die Panzerreiter, die für den militärischen Erfolg verantwortlich waren. Ihre Ausrüstung war teuer. Dementsprechend benötigten sie entweder eigene Einkünfte aus Landbesitz oder Kriegsbeute, oder sie mussten von ihrem Lehnsherren ausgerüstet werden. Das Lehnssystem wurde lange Zeit als ein rein funktionelles Wirtschaftssystem bewertet. Neuere Forschungsergebnisse stellen jedoch die Bedeutung der freundschaftlichen Verbundenheit weit mehr in den Vordergrund. Ritter und Lehnsherr waren nicht nur durch einen gesellschaftlichen Vertrag aneinander gebunden, sondern pflegten eine weit persönlichere Beziehung. Der Lehnsherr rüstete seine Panzerreiter nicht nur aus und gewährte ihnen Anteil an der Kriegsbeute, sondern er legte auch Wert auf den Rat seiner Gefolgsleute. Dies unterschied die enge Gefolgschaft von Adligen zu einem höhergestellten Herren von dem der reinen Söldner, die einzig und allein für Geld kämpften. Der Ritter befand sich also stets in einem klar strukturierten Gesellschaftsgefüge, an dessen Regeln er sich zu halten hatte.

Die ritterlichen Spielregeln

Die soziale Stellung verpflichtet – das galt auch und ganz besonders für das Mittelalter. Von einem Ritter wurde erwartet, dass er mit den sozialen Spielregeln vertraut war. Diese Regeln wurden in den Sagen in besonderem Maße betont. Loyalität nahm einen besonderen Stellenwert ein. Allerdings nur so lange, wie sich der jeweilige Herr auch an die Spielregeln hielt. Der Ritter musste für seine treuen Dienste entsprechend entlohnt werden. Nicht nur mit Geld, sondern auch mit Landbesitz. Denn den Ritter definierten nicht nur seine Taten, sondern in besonderem Maße sein hierdurch gewonnener Reichtum. Ein schönes Beispiel nennt Thomas Asbridge in seinem Buch „The Greatest Knight“. William Marshal beweist in seiner ersten Schlacht seinen Mut und seine kämpferischen Fähigkeiten. Er versäumt es jedoch, Gefangene zu nehmen oder Beute zu machen. Die anderen Ritter verspotten ihn daraufhin ob seiner Armut. Im Anschluss wird er sogar von seinem Herrn verstoßen. Erst nachdem er bei Turnieren Ruhm und Reichtum gewonnen hatte, wurde er allseits respektiert. Dieses Beispiel zeigt, wie stark sich die Ritter über ihren Besitz definierten bzw. definiert wurden.

Lösegelder spielten in der ritterlichen Welt eine große Rolle. Selbst in einer Schlacht war es unüblich, gegnerische Adlige zu töten. Profitabler war es, sie gefangen zu nehmen und später gegen Zahlung eines entsprechend hohen Lösegeldes wieder freizulassen. Dabei mussten die entsprechenden Ritter nicht zwangsläufig direkt gefangen genommen werden. Es reichte theoretisch aus, wenn sich der Gegner ergab und versprach, sich zu einem bestimmten Datum als Gefangener an einem bestimmten Ort einzufinden. Hier wird eine weitere Spielregel deutlich: Das Einhalten des eigenen Ehrenwortes. Das Wort eines Ritters hatte Gewicht und er war gut beraten, es auch einzuhalten.

Das Töten eines anderen Adligen war also nicht das Ziel im ritterlichen Kampf. Dieses konnte gar als Mord gewertet werden – selbst, wenn es im Rahmen einer Schlacht geschah.

Der Ritter und das Christentum

Im Mittelalter spielte in der ritterlichen Welt der christliche Glauben eine wichtige Rolle. Die Ritter waren sich durchaus darüber im Klaren, dass ihr Auftrag im Widerspruch stand zu den christlichen Geboten. Gleichzeitig waren sowohl dem Adel als auch der Kirche die Notwendigkeit einer Kriegerschicht bewusst. Die Kirche versuchte, bestimmte Regeln aufzustellen. So galt das Töten eines Christen stets als Sünde, für das Buße geleistet werden musste. Wer einen Ungläubigen tötete, konnte dagegen mit dem ewigen Lohn im Paradies rechnen. So wurde versucht, die kriegerische Energie der Ritter auf die Feinde der Kirche zu lenken. Gleichzeitig sollte der Ritter die Kardinaltugenden besitzen und sein Leben ihnen entsprechend ausrichten: Klugheit, Weisheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit. Es sind insbesondere diese Tugenden, die in den späteren Jahrhunderten das Bild des Ritter prägen sollten.

Peraldus_Knight

Darstellung eines Ritters, Mitte 13. Jahrhundert; Guilelmus Peraldus, Summa de virtutibus et vitiis

Die militärische Schlagkraft

Die Ritter waren unbestritten die schlagkräftigsten Einheiten auf den Schlachtfeldern des frühen und hohen Mittelalters. Dazu kam ihre Mobilität. Die einfachen Kämpfer der Lehnsaufgebote, die zu einem großen Teil aus der wehrfähigen Bevölkerung der jeweiligen Gebiete bestand, waren den seit ihrer Kindheit ausgebildeten Elitekriegern im Normalfall deutlich unterlegen. Ein Ritter konnte es durchaus mit einer deutlichen Übermacht aufnehmen, solange er nicht in die Enge getrieben oder in eine Falle gelockt wurde. Die speziell gezüchteten und ausgebildeten Schlachtrösser stellten hierbei einen entscheidenden Faktor da. Sie waren größer, leistungsfähiger und weit aggressiver als ihre zivilen Artgenossen. Sie in allen Lagen souverän zu beherrschen und von ihnen aus kämpfen zu können, erforderte jahrelanges Training. Der Ritter musste in der Lage sein, sie nur mit Hilfe seiner Beine lenken zu können und sich gleichzeitig im Sattel zu halten. Ritter und Pferd verschmolzen dabei zu einer Einheit. Doch damit war es noch nicht getan. Die Reiterkrieger kämpften nicht alleine, sondern im Verbund mit anderen Rittern. Bestimmte Formationen gab es dabei nicht unbedingt, wichtig war vor allem, dass sie dicht beieinander blieben und im Team arbeiteten. Heroische Einzeltaten gab es zwar, waren aber riskant. Besonders bekannt für entsprechende Aktionen waren die Ritterorden, die im Tod in der Schlacht gegen Ungläubige einen direkten Weg zu Gott sahen.

Wichtig war, dass sich die Angehörigen einer Gruppe im Getümmel einer Schlacht gegenseitig erkennen konnte. Farben, Wimpel und später die Wappen sorgten dafür, dass man nicht aus Versehen einen seiner Verbündeten angriff. Auch wurden Hornsignale verwendet, um Anweisungen zu übermitteln.

Neben seinen Fähigkeiten und seinem treuen Schlachtross musste sich der Ritter auf seine Ausrüstung verlassen können. Der berühmte Plattenpanzer aus Stahl tauchte dabei erst im Spätmittelalter auf. Davor schützten sich die Kämpfer mit Gambesons, Kettenpanzern und später mit durch Eisenplatten verstärkten Rüstungen. Besonderer Bedeutung kam dabei dem Schutz des Kopfes zu. Der Ritter des Hochmittelalters trug meist eine gepolsterte Haube, darüber eine Kettenhaube, eine Stahlhaube und darüber dann den eigentlichen Helm. Diese Konstruktion konnte auch härteren Treffern standhalten. Insgesamt scheinen die Rüstungen ihre Besitzer recht gut geschützt zu haben. Die Zahl der bei Turnieren oder Schlachten getöteten Ritter hielt sich normalerweise sehr in Grenzen. Weit weniger geschützt waren allerdings die Pferde. In den Quellen ist immer wieder zu lesen, dass Ritter in einer einzigen Schlacht gleich mehrere Pferde verloren. Die Tiere waren weitgehend ungepanzert und stellten daher verwundbare Ziele dar.

Taktik und Strategie

Während die Reiterei in der Antike vor allem zur Aufklärung und zum Plänkeln eingesetzt wurde, kam ihr im Mittelalter eine weit zentralere Rolle zu. Schlachten waren relativ selten. Die Befehlshaber mieden sie meist, da sie ein unkalkulierbares Risiko darstellten. Belagerungen und Raubzüge waren in der mittelalterlichen Kriegführung üblicher. Insbesondere bei letzterem kam den Rittern ihre hohe Mobilität zugute. Kam es dennoch zu einer größeren Schlacht, so wurde diese meist von Bogen- und Armbrustschützen eröffnet. Es folgte in der Regel der gefürchtete Sturmangriff der Ritter. Dieser war meist überaus effektiv. Die eng geschlossene Reihe sorgte dafür, dass die Reiter wie ein Block auf den Gegner trafen. Das Beben der Erde, der Anblick der schwer gepanzerten und waffenstarrenden Reiter und der anschließende Aufprall müssen ein schreckliches Erlebnis gewesen sein. Flucht war in diesem Augenblick übrigens keine Alternative – ein fliehendes Heer war leichte Beute für die schnellen Reiter. Kein Wunder, dass immer mehr nach Möglichkeiten gesucht wurde, solch einen Angriff abwehren zu können.

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Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

Die Grenzen der Ritter

Die Achillesverse für die Ritter waren vor allem Schusswaffen und fest geschlossene Formationen – und das nicht erst im Spätmittelalter. Insbesondere die Armbrust spielte hier eine wichtige Rolle. Sie war relativ einfach zu bedienen und besaß eine enorme Durchschlagskraft. Mit ihr konnten auch einfache Bauern einen Ritter töten. Probleme bereiteten den Rittern zunächst auch die berittenen Bogenschützen der Ungarn und später der Mongolen. Ihre Taktik der schnellen Überfälle in Verbindung mit Pfeilhageln sorgte für bedeutende Niederlagen europäischer Heere. Später waren es vor allem die Langbögen, die ganzen Ritterheeren zum Verhängnis wurden. Sie konnten sogar Plattenrüstungen durchschlagen und verletzten oder töteten die Pferde der Ritter. Piken und Hellebarden waren weitere Waffen, die insbesondere für den Einsatz gegen berittene Gegner entwickelt wurden. Mit ihnen war es möglich, Reiterangriffe zu stoppen und die Ritter von ihren Pferden zu holen. Die Böhmen setzten im Spätmittelalter vor allem Wagenburgen und Parvesen ein, um den Rittern widerstehen zu können. Zu dieser Zeit wurden bereits Feuerwaffen verwendet, die letztlich den Niedergang des Ritters auf dem Schlachtfeld besiegeln sollten.

Die Kavallerie

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Ulanenregiment 1914

Der Niedergang des Ritters auf dem Schlachtfeld am Ende des Mittelalters bedeutete keineswegs das Ende der berittenen Kämpfer. In den nachfolgenden Jahrhunderten spielte die Kavallerie weiterhin eine wichtige Rolle in der Kriegführung. Großangelegte Reiterangriffe gab es noch bis in den ersten Weltkrieg hinein. Doch nahm die kriegsentscheidende Bedeutung immer weiter ab, auch wenn dies von Romantikern und Nostalgikern noch lange Zeit bestritten wurde. Es zeigte sich immer deutlicher, dass die Reiter den modernen Feuerwaffen und befestigten Stellungen nicht mehr viel entgegensetzen konnten. Trauriger Höhepunkt dieser Verkennung militärischer Realität stellte der erste Weltkrieg dar. Es kam zu absurden Szenen, als Kavalleristen mit Lanzen und Säbeln Maschinengewehrstellungen angriffen. Die Verluste unter Reitern und Pferden stiegen in nie für möglich gehaltene Höhen.

 

Das Erbe der Ritter

Die romantische Verklärung ritterlicher Ideale lässt sich in beinahe allen Epochen nach dem Mittelalter finden. Nicht geringen Anteil daran haben die Sagen über die Ritter, die bereits im Mittelalter zu den Bestsellern zählten. Sie wurden immer wieder neu aufgeschrieben und ausgeschmückt. Diese waren wiederum beeinflusst von den Kardinaltugenden, deren Einhaltung den Rittern von der Kirche nahegelegt wurde. So entstand nach und nach ein Bild des Ritters, das nur noch wenig mit der Realität zu tun hatte. Es gab tatsächlich Regeln, die eingehalten werden sollten. In der Realität des Mittelalters wurden viele dieser Punkte aber immer wieder flexibel ausgelegt oder sogar missachtet. Es sollte zudem beachtet werden, dass der ritterliche Kodex vor allem innerhalb des Ritterstandes Anwendung fand. Nichtadlige konnten nicht darauf hoffen, von einem Ritter im Kampf geschont zu werden. Auch musste der Ritter ihnen gegenüber keine Versprechungen abgeben. Dementsprechend wenig Hemmungen legten wiederum die Nichtadligen im Kampf gegen Ritter an den Tag. Die verlustreichsten und brutalsten Schlachten fanden zumeist zwischen Adel und gewöhnlichen Kämpfern statt. Der Hundertjährige Krieg legt hierfür erschütternde Zeugnisse ab.

Konrad Kyesers Ideen für den Krieg – Die Darstellungen aus dem Bellifortis in Talhoffers Fechtbuch

Die am weitesten verbreiteten Vorstellungen über den Krieg im Mittelalter entstammen dem Frühmittelalter. Häufig wird dazu tendiert, diese einfach auf die Zeit des Spätmittelalters anzuwenden. Die aus dieser Zeit erhaltenden Kriegsbücher und Quellen zu Schlachten und Belagerungen zeigen aber, dass sich die Strategie im Krieg und die Waffentechnik zu dieser Zeit bereits wesentlich weiterentwickelt hatten. Insbesondere die Bücher zur Kriegs- und Kampftechnik sind ausgesprochen interessant und zeigen bisweilen Gerätschaften, die seltsam modern und exotisch anmuten.

In diesem Artikel sollen einige der Geräte und Ideen aus dem Fechtbuch von Hans Talhoffer vorgestellt werden. Talhoffer wurde 1410-15 in Schwaben geboren.[1] Er war ein versierter Kämpfer, der anfangs als Schirmmeister für adligen Nachwuchs tätig war. Von 1443 bis 1467 entstanden seine bis heute bekannten Fechtbücher, die er von zwei Schreibern sowie mehreren Malern herstellen ließ.[2] Hier soll es konkret um das Werk mit der Bezeichnung MS Thott.290.2º gehen. Es wurden 1459 fertig gestellt und befindet sich heute im Bestand der Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen, Dänemark.[3] Talhoffer gehörte den Marxbrüdern an, einer Bruderschaft aus Fechtern, die sich jährlich in Frankfurt traf.[4] Für diesen Artikel sind allerdings weniger seine Anleitungen für das Fechten von Bedeutung sondern die bildlichen Darstellungen Konrad Kyesers, die in das Fechtbuch übernommen wurden. Diese stammen aus dem „Bellifortis“, dass Kyeser am Ende des 14. Jahrhunderts verfasst hatte und die Hans Talhoffer in sein Fechtbuch übernahm.[5]

Das Überqueren von Gewässern

Viele mittelalterliche Befestigungen waren nicht nur durch Mauern, sondern auch durch Wassergräben geschützt. Diese zu überwinden war daher unumgänglich, wenn man einen Angriff ausführen wollte. Auch auf dem Marsch war es für Armeen notwendig, Wasserläufe schnell überqueren zu können. Nicht immer existierte eine Brücke und wenn doch, befand sie sich unter Umständen unter der Kontrolle des Feindes.

Folio 14v - Die Überwindung von Gewässern für einzelne Personen

Folio 14v – Die Überwindung von Gewässern für einzelne Personen

Folio 14v zeigt mehrere Möglichkeiten, ein Gewässer zu überqueren. Ein an einem Kran befestigter Korb ermöglicht es, immer einen Menschen hinüber zu heben. Auch wird eine ausfahrbare Schwimmbrücke gezeigt, die durch luftgefüllte Säcke über Wasser gehalten wird. Im Vordergrund ist eine Person zu sehen, die einen Schwimmring um die Hüften trägt und ihn ständig aufpusten muss, um nicht unterzugehen. Dieser Ring wird im Detail auf Folio 26r dargestellt. Auch die Idee der Schwimmflügel gab es schon im ausgehenden 14. Jahrhundert, wie Folio 27r beweist.

In der Tat wurden im Spätmittelalter Schwimmbrücken verwendet. Der burgundische Geschichtsschreiber Jean Molinet beschreibt in seinen „Chroniques“ eindrucksvoll, wie die Burgunder unter Karl dem Kühnen sie bei der Belagerung von Neuss 1474/75 einsetzten und mit ihrer Hilfe sogar ganze Wasserwege absperren konnten.[6]

Besonders interessant sind die dargestellten Möglichkeiten, zu tauchen. Folio 43v, 44r sowie 45r zeigen uns Schnorchel und Taucheranzüge. Laut Beschreibung sollten sie aus Leder hergestellt sein und mit Harz abgedichtet. Die Sauerstoffversorgung erfolgt durch mit Luft gefüllte Säcke oder Schnorchel. Diese Anzüge sind laut Beschreibung ausdrücklich dazu gedacht, unter Wasser laufen zu können.

Folio 44r - Ein Taucheranzug aus dem Mittelalter

Folio 44r – Ein Taucheranzug aus dem Mittelalter

Das Erstürmen von Befestigungen

Nach dem Überwinden der Wassergräben wollten noch die Mauern erklommen oder zum Einsturz gebracht werden. Hierfür wird zunächst die Blide empfohlen.[7] Neben diesem altbekannten Katapult finden sich modernere Büchsen.[8] Auch gibt es verschiedene Schutzschirme und fahrbare Tunnel, um am Fuß der Mauer geschützt arbeiten zu können.[9] Auch diverse Leitern und Rampen finden sich unter den Abbildungen.[10] Spannend sind diverse Aufzugskonstruktionen. Auf 33v wird ein Aufzug zum Teil durch Muskel- zum Teil durch Windkraft betrieben. Beim Modell auf 34r werden eine oder mehrere Personen mit Hilfe von zwei Flaschenzügen nach oben befördert. 35r zeigt einen auf einem Boot aufgebauten Aufzug, der durch Wasserkraft betrieben werden soll. Um sich dem Mauern zu nähern werden zudem große Körbe aus gehärtetem Leder empfohlen, unter denen mehrere Männer Platz finden sollen.[11]

Folio 34r - Aufzug mit Flaschenzügen

Folio 34r – Aufzug mit Flaschenzügen

Verteidigung von Burg, Stadt und Feldlager

Nicht nur für die Belagerer, auch für die Belagerten werden Vorschläge gemacht. Besonders interessant ist die auf Folio 24v gezeigte Idee, an der höchsten Stelle der Befestigung ein Feuer unter einer roten Kuppel aus Glas brennen zu lassen und so alles in ein unheimliches rotes Licht zu tauchen. Dies soll dazu dienen, den Feind in Angst zu versetzen. Ob dies tatsächlich so umgesetzt wurde und ob es funktionierte, lässt sich allerdings nicht nachweisen.

Folio 24v - Oben auf dem Turm ist die rote Glaskuppel zu sehen.

Folio 24v – Oben auf dem Turm ist die rote Glaskuppel zu sehen.

Weniger ungewöhnlich erscheint da der Vorschlag, die Tore mit Polstern zu schützen oder Zelte mit angespitzten Holzpfählen zu umgeben, um nächtlichen Überraschungen vorzubeugen.[12]

Gerätschaften für die Schlacht

Die offene Feldschlacht stellte in der Regel ein kaum kalkulierbares Risiko dar. Kein Wunder also, dass es zahlreiche Überlegungen gab, die Kämpfer bestmöglich zu schützen. Kriegswägen wurden erstmals von den Böhmen im 15. Jahrhundert im großen Stil eingesetzt. In Talhoffers Fechtbuch finden sie sich ebenfalls. So ist auf Folio 15v zu sehen, wie mehrere Kämpfer auf einem rollenden Fort in die Schlacht gezogen werden. 37v zeigt eine Art mittelalterlichen Panzerkampfwagen. An der Seite angebrachte Speere sollen Gegner fernhalten, während die zu beiden Seiten zeigenden Büchsen den Fernkampf ermöglichen.

Folio 37v - Der Kriegswagen ist zweidimensional dargestellt.

Folio 37v – Der Kriegswagen ist zweidimensional dargestellt.

Zudem werden mehrere mit stählernen Dornen und Klingen versehene Wägen gezeigt, die von einer erhöhten Stellung aus in die gegnerischen Reihen geschickt werden sollten, um diese aufzubrechen.[13] Sehr exotisch mutet der sogenannte Krebs auf Folio 38r an. Der Beschreibung nach soll dieser geschmiedet sein und an einem Ende über einen Ring verfügen. Ich nehme an, dass dieser dazu dienen sollte, den schweren Krebs mit Hilfe eines Zugtieres in Bewegung zu setzen. Über die Einsatzmöglichkeiten lässt sich aber nur spekulieren. So könnte versucht worden sein, den Krebs in die gegnerische Formation fahren zu lassen. Es wäre auch möglich gewesen, ihn gegen einen berittenen Angriff einzusetzen und die gegnerischen Pferde zum Stürzen zu bringen. Ob er überhaupt zum Einsatz kam, bleibt jedoch fraglich – nicht zuletzt aufgrund der riesigen Menge an Eisen, dass zur Herstellung nötig gewesen wäre. Auch wäre sein Einsatz unnötig kompliziert gewesen.

Folio 38r - Der Krebs

Folio 38r – Der Krebs

Die mittelalterliche Sauna

Die Idee, Räume zu beheizen, ist sehr alt. Jeder kennt sicherlich die komplexen Heizungsanlagen der Römer. Dieses Wissen verschwand nicht mit dem Untergang des weströmischen Reiches. Einige mittelalterliche Klöster, wie beispielsweise das Kloster Ebstorf in Niedersachsen, verfügten über eine Heizung. Luft wurde mit Hilfe von Feuer erhitzt und über ein Leitungssystem in den Fußboden geleitet. Auch Wasser konnte so erhitzt werden, wie Folio 41r zeigt. Sogar die Sauna war im Mittelalter bekannt. 31v zeigt eine Holzhütte, die durch einen Ofen beheizt wird. Zusätzlich wird die Verwendung von den Heilkräutern Baldrian, Bertram und Eindorn empfohlen. Helfen soll die Sauna gegen die „Gebrechen der Glieder und des Fusses“ sowie gegen das „Zittern der Glieder“.

Folio 31v

Folio 31v

Das Mittelalter – eine dunkle Zeit?

Wir sehen in diesem Werk eine Vielzahl von Erfindungen, die bereits eine hohe Komplexität bei gleichzeitiger Praxisorientiertheit aufweisen. Es fällt auf, dass die meisten von ihnen sich auf den Krieg beziehen. Dies verwundert nicht, immerhin waren sowohl Konrad Kyeser als auch Hans Talhoffer in erster Linie Soldaten. Sie wussten sehr gut, was im Krieg funktionierte. Kyeser hatte aber auch viele neue Ideen, die er in seinem Werk aufzeichnen ließ und die später von Talhoffer bereitwillig übernommen wurden. Dementsprechend finden sich alte und neue Ideen Seite an Seite. Die Konzepte von Kyeser muten an einigen Stellen ungewöhnlich modern an. Erstaunlich wenn man ihre Entstehungszeit, das Ende des 14. Jahrhunderts, bedenkt. Allerdings war die Technik im 14. und 15. Jahrhundert tatsächlich weit fortschrittlicher, als sie häufig dargestellt wird. Die angewandten Prinzipien nutzen sehr intelligent die Energie von Mensch und Tier, die Kraft von Wasser, Feuer, Luft und Erde. Schwarzpulver war bereits seit dem späten 14. Jahrhundert bekannt und wurde häufig eingesetzt. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei einigen der dargestellten Gerätschaften um Konzeptzeichnungen handelte, deren tatsächliche Existenz sich nicht sicher nachweisen lässt.

[1] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer (02.01.2015).

[2] Vgl. elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2008/3604/pdf/Fechtbuch.pdf (02.01.2015). S. 140.

[3] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Talhoffer_Fechtbuch_%28MS_Thott.290.2%C2%BA%29 (02.01.2015).

[4] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Marxbr%C3%BCder (02.01.2015).

[5] Vgl. commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bellifortis (03.01.2015).

[6] Vgl. Ossenkop, Daniel (2014). S. 66.

[7] Vgl. Folio 16v.

[8] Vgl. Folio 42v, 43r.

[9] Vgl. Folio 19v, 20r, 20v, 22v, 34v.

[10] Vgl. Folio 17r, 18r, 18v, 21v, 27v, 28r, 40v.

[11] Vgl. Foto 23v.

[12] Vgl. Folio 24r, 25r.

Quelle:

wiktenauer.com/wiki/Talhoffer_Fechtbuch_%28MS_Thott.290.2%C2%BA%29 (02.01.2015).

 

Internet:

commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bellifortis (03.01.2015).

wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer (02.01.2015).

wiktenauer.com/wiki/Marxbr%C3%BCder (02.01.2015).

 

Literatur:

elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2008/3604/pdf/Fechtbuch.pdf (02.01.2015).

Ossenkop, Daniel. Die Belagerung von Neuss im 15. Jahrhundert. Die Verteidigung der Stadtrechte gegen einen Herzog. Hamburg, 2014.

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[13] Vgl. Folio 23r, 36v, 38v, 39r.

Der Reiterkrieger – Entstehung, Bedeutung und Mythos

Kaum ein Ideal war derart prägend für Europa wie das des edlen und tapferen Ritters. Noch heute begegnet uns dieses Bild in vielerlei Gestalt. Wissenschaft und Pop-Kultur beschäftigen sich gleichermaßen mit einem Ideal, dass sich über viele Jahrhunderte erhalten hat und heute, genau wie damals, Menschen in seinen Bann zieht.

Den Ritterstand gab es bereits in der Antike, auch wenn es sich hierbei nicht um Ritter im mittelalterlichen Sinne handelte. Doch bereits in Rom handelte es sich hierbei um Menschen, die besondere Privilegien genossen, über ein gewisses Vermögen verfügten und vor allem beritten waren.  Die Meister der Reiterei waren aber zu dieser Zeit andere. Vor allem die verschiedenen Reitervölker der östlichen Steppen, in der Spätantike allen voran die Hunnen, sind hier zu nennen. Pferde spielten außerdem für Kelten und Germanen eine wichtige Rolle. Insbesondere die Gallier verfügten über eine schlagkräftige Reiterei, während die Kelten Britanniens Streitwagen einsetzten. Die germanischen Ubier dienten bereits unter Gaius Julius Cäsar als berittene Hilfstruppen. Insbesondere die Römer waren auf derartige Hilfe angewiesen, da sie selbst über keine schlagkräftige Kavallerie verfügten. Diese frühe Kavallerie war allerdings noch nicht in der Lage, wuchtige Frontalangriffe auszuführen. Sie war in erster Linie für die Aufklärung, schnelle Überfälle und die Verfolgung fliehender Gegner zuständig. Auch diente sie als Plattform für Fernkampfangriffe. Die Germanen hatten die Technik perfektioniert, Speere vom Rücken der Pferde zu werfen. Sie ritten im Kreis, warfen ihre Speere und nahmen am anderen Ende des Kreises neue auf. So konnte ein kontinuierlicher Speerhagel aufrechterhalten werden.

Im Osten stießen die zu Fuß kämpfenden Legionen Roms an ihre Grenzen, als sie unter der Führung von Marcus Licinius Crassus 53 v.Chr. in das Partherreich einmarschierten und von berittenen Bogenschützen und schwer gepanzerten Reitern vernichtet wurden, obwohl sich diese in der Unterzahl befanden. Hier offenbarte sich bereits der deutliche strategische Vorteil, der sich in offenem Terrain durch Kavallerie erreichen ließ.

Kataphrakt der Sassaniden

Kataphrakt der Sassaniden, Spätantike

Die gepanzerten Reiter, auch Kataphrakte genannt, wurden zunächst von Parthern und Sarmaten eingesetzt. Diese wurden in der Spätantike auch von den Römern als Hilfstruppen angeworben. Später wurden sie insbesondere im oströmischen Reich und danach in Byzanz weiterentwickelt. Diese Reiter und ihre Pferde waren komplett in Schuppenpanzer gehüllt. Gekämpft wurde mit Lanze, Reiterschwert und  Schild. Aufgrund des hohen Gewichts der Ausrüstung waren sie allerdings nicht so schnell wie die leicht gepanzerten und wendigen leichten Reiter.

Römischer Kataphrakt

Römischer Kataphrakt

In Europa waren es vor allem die Hunnen, die mit einer gefährlichen Reiterei große Gebiete erobern konnten. Sie führten vor allem eine wichtige Neuerung ein: Den Steigbügel. Durch ihn wurde es möglich, sich auch ohne Hilfe der Hände auf dem Pferd zu halten. Auch gab er Angriffen mit der Lanze eine größere Wucht. Nach und nach entwickelten auch die germanischen Stämme ihre Reiterei weiter. Mit ihr war es möglich, weite Raubzüge in die römischen Provinzen zu unternehmen, die nur noch unzureichend durch schwache Grenzgarnisonen verteidigt wurden. Als Reaktion darauf nahmen die römischen Kaiser immer mehr germanische Verbände als Hilfstruppen in ihre Dienste und siedelten ganze Stämme auf römischem Gebiet an. Fürsten der Germanen übernahmen bald wichtige militärische Posten in der römischen Armee und damit in der Politik. Entgegen der Erwartungen der Kaiser führte dies jedoch nicht dazu, dass diese Anführer persönliche Feindschaften gegenüber anderen Stämmen vergaßen oder sich den Prämissen der römischen Politik komplett unterordneten.

Nach dem Fall des römischen Reiches übernahmen die einstigen Barbaren die Kontrolle über die ehemaligen Provinzen. Im Westen entstand das Frankenreich. Das Westgotenreich in Spanien war zu dieser Zeit bereits zusammengebrochen und von nordafrikanischen Muslimen in Besitz genommen worden. Nachdem Spanien unter ihrer Kontrolle stand, überquerten sie im 8. Jahrhundert die Pyrenäen und fielen im Frankenreich ein. Unter der Führung des fränkischen Hausmeiers Karl Martell stellten sich ihnen in drei verschiedenen Schlachten (Tour und Poitiers, Avignon, Fluss Berre) Truppen der Franken, Friesen, Sachsen und Langobarden entgegen. Sie waren letztlich in der Lage, die islamische Expansion in Westeuropa zu stoppen. Karl der Große unternahm 778 einen Feldzug nach Spanien. Zu bedeutenden Ergebnissen führte dieser nicht. Karl musste abziehen. Auf dem Rückweg wurde seine Nachhut von Basken eingekesselt und vernichtet – die Vorlage für das berühmte Rolandslied, dass die Schlacht zu einem heroischen Kampf gegen die Ungläubigen stilisiert. Interessanterweise werden aber auch die muslimischen Krieger zu einem nicht unerheblichen Teil als ritterliche Kämpfer dargestellt, die prachtvoll ausgestattet auf Pferden in die Schlacht ziehen.

Fränkische Reiter

Fränkische Reiter

Die Franken verfügten zu dieser Zeit bereits über die bekannten Panzerreiter. Dies waren Adlige, die in Kettenhemd und Helm mit Lanze, Schwert und Schild als Reiter in die Schlacht zogen. Diese Ausrüstung war sehr teuer. Zudem war ein hohes Maß an Können notwendig, um auf diese Weise effektiv kämpfen zu können. Das Feudalsystem ermöglichte es den Adligen, diesen Lebensstil zu finanzieren. Ihre jeweiligen Ländereien samt den dort arbeitenden Leibeigenen machten die Ausrüstung verschieden großer Kontingente möglich.

Bei der Eroberung Englands durch Wilhelm I. 1066 spielten die Panzerreiter eine wichtige strategische Rolle, wenngleich in der Schlacht von Hastings ihre Grenzen offenkundig wurden. Ihre direkten Angriffe auf den angelsächsischen Schildwall waren nicht erfolgreich. Dennoch, als sich die Formation des Feindes auflöste, brachte ihr Einsatz den Sieg über die zu Fuß kämpfenden Angelsachsen. Auf dem Teppich von Bayeux ist sehr schön zu sehen, wie die Reiter ausgerüstet waren und wie sie angriffen. Sie trugen ein knielanges Kettenhemd, einen Nasalhelm, bis zu den Knien reichende Langschilde sowie einhändige Schwerter und Lanzen, die zu dieser Zeit noch über dem Kopf gehalten wurden. Die Pferde selbst waren nicht gepanzert. Dies führte in der Schlacht zu Problemen. Oft wurden nicht die Kämpfer selbst verwundet, sondern deren Pferde getötet – mit unangenehmen Folgen für ihre Reiter.

Angriff der normannischen Panzerreiter

Angriff der normannischen Panzerreiter

Nach und nach entwickelte sich die Waffentechnik weiter. Die Rüstungen wurden immer umfangreicher. Zunächst wurde damit begonnen, exponierte Körperstellen mit Eisenplatten zu schützen. Aus der Antike war bereits der Schuppenpanzer bekannt. Im 13. Jahrhundert kam der Plattenrock in Gebrauch. Hier wurden Eisenplatten an der Innenseite eines Überwurfs angebracht, die den Torso schützen sollten. Zu dieser Zeit wurden zudem mehr und mehr geschlossene Helme verwendet. Nun begann sich auch die Entwicklung der Heraldik, um sich auch in voller Rüstung beim Turnier oder auf dem Schlachtfeld erkennen zu können. Die Entwicklung der Rüstungstechnik gipfelte in den herausragend gearbeiteten Plattenrüstungen des Spätmittelalters. Besonders Stücke aus Augsburg und Mailand waren bekannt und beliebt. Diese Rüstungen waren nicht nur ein hervorragender Schutz, sie waren auch sehr kunstvoll gearbeitet. Schließlich wollte der Ritter auch in der Schlacht gut aussehen. Diese Rüstungen waren nicht schwer zu tragen. Sie wurden auf Maß gefertigt und schränkten die Bewegungen nur unwesentlich ein.

Neben der Ausrüstung änderte sich auch die Strategie und Kampfesweise. Die Ritter entwickelten sich zu schweren Reitern, die in geschlossenen Reihen mit angelegten Lanzen angriffen. Wichtig war, dass die Reihen komplett geschlossen waren. Dies war die Hochzeit des Ritters im Krieg. Es gab zwar weiterhin Fußsoldaten und Bogenschützen, allerdings war der Ausgang der Schlacht in vielen Fällen vom Erfolg des Reiterangriffs abhängig. Die Wucht dieses Angriffs konnte die gegnerischen Reihen aufbrechen und eine Panik auslösen. Die Niederlage war dann meist nur noch eine Frage der Zeit. Dennoch sollte die Wirkung dieser Kampfweise nicht überbewertet werden. Klug agierenden Gegnern gelang es immer wieder, diese Sturmangriffe zu stoppen oder sie ins Leere laufen zu lassen. Ein bekanntes Beispiel für die Überschätzung der ritterlichen Schlagkraft stellt die Schlacht von Hattin dar. Sultan Saladin lockte die Armee der schwer gepanzerten Kreuzritter in die Wüste, machte die Wasserstellen unbrauchbar und ließ Hitze und Durst das gegnerische Heer schwächen. Danach war es für die leichten und wendigen Sarazenen ein leichtes, es zu vernichten.

Bereits im hohen Mittelalter kam es zu bedeutenden Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Infanteriewaffen. Die Entdeckung des Schwarzpulvers im 14. Jahrhundert führte zum Bau von Waffen, gegen die auch die besten Rüstungen wirkungslos waren. Armbrustschützen waren schon vorher die gefährlichsten Feinde für die Ritterschaft. Auch wenn sie eine geringe Schussfrequenz besaßen, waren die Bolzen dieser Waffe in der Lage, so gut wie jede Rüstung zu durchschlagen. Die Armbrust wurde also nicht zufällig im 12. Jahrhundert von kirchlicher Seite für den Einsatz gegen Christen verboten. Dies bedeutete jedoch nicht, dass sie daraufhin auch wirklich verschwand. Im Hundertjährigen Krieg erschien mit dem englischen Langbogen eine Waffe, die auf den ersten Blick nicht wirklich neu war. Bögen gehören zu den ältesten Waffen der Menschheit. Die Art, wie sie von den Engländern eingesetzt wurde sowie die besondere Spannkraft der Langbögen ermöglichten Siege über zahlenmäßig überlegende Armeen. Kriegsbögen verfügten in den meisten Fällen über eine Stärke von über 100 Pfund. Ein geübter Schütze war nicht nur zielsicher über weite Entfernungen, sondern konnte ca. 11 Pfeile pro Minute verschießen. In der Schlacht von Azincourt 1415 standen dem englischen König Heinrich V. 7.632 Langbogenschützen zur Verfügung.[1] Die französische Armee, die größtenteils zu Fuß über ein schlammiges Feld vorrückte, wurde also theoretisch in einer Minute mit 83.952 Pfeilen überschüttet. Diese Zahl wurde lediglich durch die nicht allzu reichhaltigen Vorräte an Munition begrenzt. Für die berittenen Franzosen kam erschwerend hinzu, dass die Bogenschützen angespitzte Pfähle vor sich in den Boden getrieben hatten, die den ersten und entscheidenden Aufprall der Reiter abwehren konnten.

Wagenburg, 15. Jahrhundert

Wagenburg, 15. Jahrhundert

So kam es zur sogenannten Infanterierevolution. Die Bedeutung des berittenen Kämpfers nahm ab, da die Fußsoldaten immer effektive Mittel und Wege fanden, die wuchtigen Angriffe der Ritter zu stoppen. Im Spätmittelalter wurden mit Pulver betriebene Schusswaffen in großem Stil verwendet. Die Böhmen erfanden die Wagenburg und spezielle Kriegswagen, die Schutz vor den Reitern boten. Im Boden verankerbare Pavesen ermöglichte es, schnell und jederzeit einen Schutzwall aufbauen zu können. Die Schweizer setzten auf eine Kombination aus langen Spießen und Hellebarden, mit denen Rüstungen durchschlagen und Reiter vom Pferd geholt werden konnten. Kriegshämmer waren eine weitere effektive Waffe gegen die Plattenrüstung. Auch die Kombination aus Pikenieren und Schützen stellte eine effektive Kombination dar, die auch nach dem Mittelalter noch Verwendung finden sollte.

Während die Schlachtfelder des späten Mittelalters mehr und mehr von Infanterie beherrscht wurden, nahm die Bedeutung der Turniere für den Adel deutlich zu. Die Tjoste im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert sind berühmt für ihre außergewöhnliche Pracht. Hier konnten die Ritter weiterhin ihren Traditionen nachgehen und sich als die Krieger darstellen, als die sie seit jeher in der Literatur dargestellt wurden.

Turnier in München, um 1500

Turnier in München, um 1500

Auch wenn die militärische Bedeutung der Ritter abnahm, sozial bildeten sie weiterhin eine elitäre Gruppe. Doch auch hier bekamen sie Konkurrenz, meist durch reiche Kaufleute. Selbst diese begannen nun, sich wie Ritter zu kleiden und eigenen Turniere abzuhalten Was sich aber erhielt und bis heute besteht ist der Mythos des Rittertums. Der oft zitierte Ehrenkodex der Ritter stellt Ehre, Pflichtgefühl, Minne und gottgefälliges Verhalten an erste Stelle. Auch wenn es diese Werte durchaus gegeben hat, sind sie durch die Literatur seit dem Mittelalter überhöht worden. Die Ritter des Mittelalters waren in erster Linie Krieger, die Menschen töteten und sich entsprechend ihres hohen Standes prachtvoll in Szene setzten. Interessant ist, dass sich der Mythos bis heute fast unverändert erhalten konnte und begeisterte Anhänger findet. Es scheint zu allen Zeiten ein großes Bedürfnis nach Menschen gegeben zu haben, die über dem Schlechten und den Abgründen der menschlichen Zivilisation stehen und dem Bösen mutig und entschlossen entgegen treten.

[1] Vgl. Ossenkop, Daniel (2011). S. 10.

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