800 Jahre Magna Carta – Jubiläum einer legendären Urkunde

Die Geschichte von Robin Hood gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Geschichten aus der Zeit des Mittelalters. Ein Gesetzloser wider Willen, der mit Pfeil und Bogen gegen die Tyrannei König Johanns und die Willkürherrschaft des Sheriffs von Nottingham kämpft und für die Gleichheit der Menschen vor Gericht und eine gerechtere Verteilung der Reichtümer eintritt. Wie viele Sagen besitzt auch diese populäre Geschichte einen wahren Kern. Im England des 12. und 13. Jahrhunderts herrschten lange Zeit Zustände, die ein selbstbestimmtes Leben in Frieden beinahe unmöglich machten. Krieg und Willkür waren im England an der Tagesordnung. Niemand konnte sicher sein, sein Leben, seinen Besitz oder gar seine Angehörigen und Freunde vor dem mächtigen Arm eines Königs schützen zu können, dem es vor allem um Geld und Macht ging.

Am 15. Juni 1215 trat mit der Magna Carta in England ein Dokument in Kraft, dass auch 800 Jahre später noch große Beachtung findet. Weltweit wird sie immer wieder im Zusammenhang mit Bürgerrechten und dem Schutz vor Tyrannei zitiert. Kein Wunder, dass auch Hollywood diese Urkunde für sich entdeckt hat.. Auch die Verbindung mit der westlichen Demokratie findet sich immer wieder. Wie sie zustande kam, wie der Inhalt aussieht und inwiefern sie wirklich ein Dokument der Freiheit und Demokratie darstellt, soll in diesem Artikel näher beleuchtet werden.

Das Haus Anjou

Die Carta entstammt einer Zeit zahlreicher nationaler und internationaler Konflikte. In England war seit 1154 das Haus Anjou an der Macht. Heinrich II. war der Herrscher eines Reiches, das nicht nur England, sondern auch große Teile Frankreichs umfasste. Doch schon bald kam es zu Konflikten innerhalb dieser Herrschaft. Zum einen führte der König Krieg gegen seinen ehemaligen Kanzler und den Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket. Es ging vor allem um die geplante Einschränkung kirchlicher Privilegien. Becket wurde 1170 im Namen Heinrichs in seiner Kathedrale von Rittern des Königs ermordet. Ein ungeheuerlicher Vorgang, der dem Image des Königs nicht zuträglich war. Zu allem Überfluss musste sich Heinrich mit Rebellionen seiner Söhne sowie seiner Frau Eleonore von Aquitanien auseinandersetzen. Am 4. Juli 1189 musste er kapitulieren und seinen Sohn Richard als Alleinerben einsetzen. Zwei Tage später starb Heinrich II. in Chinon.1

Richard I. Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jahrhundert.

Richard I. Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jahrhundert.

Richard I. Löwenherz ist einer der bekanntesten englischen Könige – und einer der am meisten verehrten. Noch heute steht sein Reiterstandbild vor dem britischen Parlament. Dies ist erstaunlich, da sich Löwenherz kaum in England aufhielt. Das Land war für ihn vor allem Mittel zur Finanzierung seines Kreuzzugs in Heilige Land (1190-1192). Als Richard auf dem Rückweg von Leopold von Österreich gefangen genommen und an den deutschen Kaiser Heinrich VI. ausgeliefert worden war, betrug das Lösegeld 100.000 Pfund. Dieses musste durch die Erhebung einer Sondersteuer aufgebracht werden.

Nach einem kurzen Aufenthalt in England zog es Löwenherz daraufhin nach Frankreich, wo er gegen den französischen König Philipp Augustus zu Felde zog. Während der Belagerung der Burg Chalus wurde Richard von einem Armbrustbolzen getroffen und starb am 6. April an einer Wundinfektion.2 Sein jüngerer Bruder Johann Ohneland war nun der einzig verbliebene Sohn von Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien. Er begab sich 1206 mit einem Heer nach Frankreich, um die durch König Philipp eroberten Gebiete zurückzuerobern. Nach seiner Niederlage bei La Roche-aux-Moines musste Johann allerdings aufgeben und nach England zurückkehren. Die Ländereien auf dem Kontinent waren nun beinahe vollständig verloren. In seiner Heimat kam es bald zu einem Aufstand der Barone, ausgelöst durch eine als zu hoch angesehene Besteuerung und Eingriffe in die Machtbereiche der lokalen Herrscher. Auch mit der Kirche hatte sich Johann überworfen, war zeitweise sogar exkommuniziert – bis er sich letztlich in ein Lehnsverhältnis zu Papst Innozenz III. begab, um dessen Unterstützung zu erhalten. Nach langen und verlustreichen Kämpfen wurde am 15. Juni 1215 bei Runnymede ein Dokument aufgesetzt, dass Geschichte schreiben sollte.3

König Johann auf der Hirschjagd.

König Johann auf der Hirschjagd.

Magna Carta – die wichtigsten Inhalte

Die Magna Carta von 1215 (London, British Library, Cotton MS. Augustus II. 106).

Die Magna Carta von 1215 (London, British Library, Cotton MS. Augustus II. 106).

Die Carta besteht insgesamt aus 63 Abschnitten. Bereits im ersten wird sichtbar, dass Stephen Langton, der Erzbischof von Canterbury, maßgeblich an der Carta beteiligt war: Die Garantie der Freiheit der Kirche findet sich gleich zu Beginn der Urkunde. Besonders hervorgehoben wird, dass sich niemand in die Wahlen innerhalb der Kirche einmischen darf. Die nächsten Abschnitte beschäftigen sich mit den Erbschaftssteuern und den Regelungen die Vererbung von Land betreffend. Diese waren immer wieder Anlass für Auseinandersetzungen, da der König Erbschaften willkürlich besteuert hatte. Nun wurden genaue Grenzen festgelegt. Wenn der Erbe noch minderjährig war und einen Vormund besaß, sollte er zum Zeitpunkt der Volljährigkeit sein Erbe ohne Zahlungen an die Krone antreten dürfen. Besagter Vormund sollte außerdem dem zu vererbenden Land nicht mehr entziehen, als „vernünftig“ war. Auf diese Art sollte verhindert werden, dass ein Vormund einen Herrschaftsbereich ausbluten ließ, um sich selbst zu bereichern. Auch sollten Minderjährige nicht ohne das Wissen ihrer noch lebenden Verwandten verheiratet werden.

Auch die Problematik der Witwen wird behandelt. Nach dem Tod des Mannes sollte die Frau sowohl ihre Mitgift als auch ihr Erbe unverzüglich erhalten und nicht gegen ihren Willen neu verheiratet werden. Dieser Absatz richtete sich deutlich gegen die bisherige Willkür im Umgang mit Frauen, die ihre Männer im Krieg verloren hatten, plötzlich mittellos in Abhängigkeiten gerieten und so zum Spielball machthungriger Lords wurden.

Auch der Umgang mit Schuldnern hatte immer wieder zu Auseinandersetzungen geführt. Ehemals einflussreiche Familien waren verarmt und hatten ihre Ländereien verloren. So konnte der König Schulden der Krone gegenüber nach belieben als Druckmittel einsetzen. Das sollte nun eingeschränkt werden. So durfte seitens der Krone nicht einfach Land konfisziert werden, so lange das darauf befindliche Vieh zur Tilgung der Schulden ausreichte. Konnte der Schuldner tatsächlich nicht zahlen, mussten zunächst die Bürgen einspringen. Diese durften ihrerseits das Land so lange beschlagnahmen, bis sie ihr Geld vom Schuldner zurück erhalten hatten.

Schulden entstanden im England des 13. Jahrhunderts vor allem durch die hohe Besteuerung durch die Krone. Es verwundert daher nicht, dass die Barone auf Einschränkungen drängten. „Nullum scutagium vel auxiliium ponatur in regno nostro, nisi per commune consilium regni nostri“ – Keine Abgaben sollen erhoben werden ohne einen gemeinsamen Beschluss aller Mächtigen des Reiches. Ausnahmen sollte es nur für einen eventuell notwendig werdenden Freikauf des Königs aus Gefangenschaft geben sowie für den Ritterschlag des erstgeborenen Sohnes und die Hochzeit der erstgeborenen Tochter.

Auch der Einfluss der Händler Londons ist in der Carta sichtbar. So sollen Händler das gesamte Land sicher bereisen können, ohne übermäßig hohe Gebühren zahlen zu müssen. Dies sollte auch für Kriegszeiten gelten. Die Barone und Städte sollten zudem wieder Nutzungsrechte für Wälder und Gewässer erhalten.

Neben den Steuern und dem Handel war es vor allem die Rechtsprechung, die für Konflikte sorgte. In diesem Segment ist es vor allem ein Abschnitt der heraus sticht und ein wichtiger Grund für die spätere Berühmtheit der Carta werden sollte: Kein Mensch soll verhaftet, eingesperrt, für vogelfrei erklärt oder verbannt werden ohne dass ein Urteil seiner Standesgenossen in Übereinstimmung mit dem Gesetz über ihn gefällt worden ist. Auch sollte von nun an jede Anklage durch glaubwürdige Zeugen gestützt werden. In erster Linie ging es den Baronen ganz praktisch darum, der Willkür König Johanns und seiner Sheriffs einen Riegel vorzuschieben. Dazu zählte auch, dass die Dienstmänner des Königs nicht einfach Vieh und/oder Getreide konfiszieren durften, ohne dafür zu bezahlen. Ähnliches gilt für die willkürliche Nutzung von Transportmitteln, die sich nicht in ihrem Besitz befanden. Dies zeigt deutlich das Ausmaß an Willkür, das damals herrschte.

Es überrascht nicht, dass es den Baronen zusätzlich um Sicherheiten ging. Sie konnten sich keinesfalls sicher sein, dass der König oder seine Nachfolger die Carta wirklich beachten würden. Es wurden 25 Barone bestimmt, die über die Einhaltung der Bestimmungen wachen sollten. Ihnen wurde sogar das Recht eingeräumt, im Notfall gewaltsam gegen den König vorzugehen sowie Ländereien und Burgen einzunehmen.4 Dieser Passus wurde allerdings bereits in den neueren Ausgaben von 1216 und 1217 wieder gestrichen.5 Kein Wunder, legitimierten sie doch unter gewissen Umständen einen Bürgerkrieg und einen Aufstand gegen den König.

Fortführung und Ende des Bürgerkrieges

König Johann hatte sich mit der Kirche in der Vergangenheit zwar heftige Auseinandersetzungen geliefert, sich aber schließlich mit Papst Innozenz III. versöhnt und der Kirche sogar das Königreich England als Lehen übertragen. Johann bat den Papst nun, die Magna Carta für ungültig zu erklären. Eine Bitte, die der Papst unverzüglich nachkam. Er erklärte außerdem die Barone für Verräter und exkommunizierte einige von ihnen. Dieses Schicksal erwartete auch sämtliche Bürger Londons, die maßgeblich am Widerstand und der Verfassung der Magna Carta beteiligt waren. Der Bürgerkrieg tobte danach weiter. Selbst ausländische Machthaber versuchten, die Situation auszunutzen und ihrerseits König von England zu werden – allen voran die Könige von Frankreich und Schottland, die von englischen Baronen um Beistand ersucht worden waren. Die Waliser nutzten die Gelegenheit zu einem Aufstand. Johann bekämpfte seine Gegner zwar erfolgreich, starb aber am 18. Oktober 1216 am Dysenterie. Nachfolger wurde sein neunjähriger Sohn Heinrich III. Kurz nach seiner Krönung am 28. Oktober 1216 wurde die Magna Carta neu aufgesetzt sowie jedem aufständischen Baron Vergebung zugesichert, der sich dem neuen König anschloss. Am 20. Mai 1217 vernichtete eine englische Armee unter William Marshal Rebellen und französische Truppen bei Lincoln. Im August des selben Jahres wurde die französische Flotte in der Schlacht von Sandwich zerstört. Die Franzosen verließen schließlich gegen Zahlung einer Summe von 10.000 Mark England und der Frieden konnte wiederhergestellt werden.6

Papst Innozenz III. - Lehnsherr König Johanns und Gegner der Magna Carta.

Papst Innozenz III. – Lehnsherr König Johanns und Gegner der Magna Carta.

Die Bedeutung der Magna Carta für die Nachwelt

Was als Friedensvertrag begann, wurde nach Johanns Tod zu einer symbolischen Vereinbarung zwischen dem König und seinen Untertanen. Mit dem Wegfall der Kontrollfunktion der 25 Barone erlangte das Herrscherhaus nicht nur seine volle Souveränität zurück, es wurde auch die Gefahr eines neuerlichen Bürgerkrieges deutlich reduziert. Im Gegenzug wurde die Carta insbesondere in Krisenzeiten neu ausgestellt, um den guten Willen des Königs und seine Verbindung zum Volk zu symbolisieren. Tatsächlich in Gebrauch bleiben sollte das Dokument bis ins späte 15. Jahrhundert. Danach war es vor allem ein Symbol, dass bei Auseinandersetzungen zwischen König und Volk immer wieder wichtig wurde. Es stellte im Grunde einen Vertrag da. Der König erklärte sich damit einverstanden, bestimmte Grundsätze und Freiheiten zu achten und zu respektieren – wenn ihm das Volk ihm Gefolgschaft leistete und seine Steuern zahlte. Auch international fand und findet sie immer wieder große Beachtung, so beispielsweise im Rahmen der Unabhängigkeitsbestrebung der Vereinigten Staaten von Amerika im späten 18. Jahrhundert. Heutzutage wird die Magna Carta meist mit Freiheitsstreben, dem Kampf gegen Tyrannei und den Einsatz für demokratische Prozesse verbunden.7

Das Siegel des US-amerikanischen Bundesstaats Massachusetts 1775 - inklusive der Carta.

Das Siegel des US-amerikanischen Bundesstaats Massachusetts 1775.

Dabei war die Carta zu keiner Zeit ein Dokument, deren Verfasser sich jemals für eine Form der Demokratie ausgesprochen hätten. Diese Idee war zur Zeit ihrer Entstehung nicht einmal bekannt. Zudem hätten sich die Barone und Kleriker niemals für eine Demokratisierung ausgesprochen, hätten sie so doch so ihre eigene Machtgrundlage in Frage gestellt. Damals ging es vor allem um die Machtkämpfe innerhalb des Adels, der sich nicht von einem König über alle Maßen gängeln oder gar ruinieren lassen wollte. Sicherlich trafen die hohen Besteuerungen seit Heinrich II. das gesamte Volk, aber der mit Abstand größte Teil der Carta beschäftigt sich eindeutig mit Regelungen, die konkret den Adel und seine Lebensweise betreffen. Ihre Wirkung in den nachfolgenden Jahrhunderten war vor allem symbolischer und vorbildhafter Natur, ein Zeichen für die Hoffnungen der Menschen auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Sie ist aber auch ein Vertrag zwischen König und Volk, der die Grundlage bilden sollte für unser modernes Gesellschaftsverständnis. Kein Wunder also, dass die Magna Carta die Menschen auch nach 800 Jahren noch bewegt und fasziniert.

1Vgl. Aurell (2009). S. 76-77.

2Vgl. Ebd. S. 79-80.

3Vgl. Ebd. S. 81.

4Vgl. Ebd. S. 120-145.

5Vgl. Ebd. S. 103.

6Vgl. Ebd. S. 93-104.

7Vgl. Ebd. S. 101-116.

Literatur:

Aurell, Martin: Die ersten Könige aus dem Hause Anjou (1154-1216). In: Vollrath, Hanna; Fryde, Natalie (Hrsg.): Die englischen Könige im Mittelalter. Von Wilhelm dem Eroberer bis Richard III. 2., durchgesehene Auflage 2009. München, 2004.

Jones, Dan: Magna Carta. The Making and Legacy of the Great Charter. London, 2014.

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Die Schlacht von Muret 1213

1209 begann auf Drängen des Papstes Innozenz III. ein Kreuzzug, der nicht das Heilige Land als Ziel haben sollte. In Südfrankreich hatte sich die religiöse Bewegung der Katharer entwickelt. Sie sahen sich selbst als die wahren Christen, hatten aber keine komplett einheitliche Lehre, da sie in verschiedene Gruppen aufgespalten waren. Gemeinsam war ihnen, dass sie die materielle Welt grundsätzlich als Böse ansahen. Die Seelen waren demnach auf der Erde gefangen und die Katharer strebten danach, diese zu erlösen und den Himmel zu erreichen. Das Alte Testament lehnten sie ab, da sie im dort beschriebenen Gott ein in der materiellen Welt verhaftetes und damit böses Wesen sahen. Interessant ist zudem, dass Frauen bei den Katharern geistliche Ämter ausüben konnten – ein starker Gegensatz zur römischen Kirche.

Papst Innozenz III.

Papst Innozenz III.

Anhänger dieser Glaubensrichtung fanden sich in allen gesellschaftlichen Schichten.  Dazu gehörten auch hochrangige Adlige, wie der Graf von Toulouse, Raimund VI. Obwohl die Bewegung von der Kirche als ketzerisch eingestuft wurde, konnten die Geistlichen vor Ort nicht auf die Unterstützung der weltlichen Obrigkeit zählen. Aus diesem Grund war die Kirche gezwungen, zu einem bewaffneten Kreuzzug aufzurufen. Aus ihrer Sicht handelte es sich bei jeder Form um eine Krankheit, die die Christenheit ernsthaft bedrohte. Wir können hier also durchaus von ernst gemeinter Besorgnis ausgehen, nicht von reinem Streben nach Machterhaltung.

Der geistliche Autor Peter von les Vaux-de-Cernay hat einen detaillierten Bericht des gesamten Albigenserkreuzzugs verfasst. In diesem Artikel soll es um eine bedeutsame Schlacht gehen, die für den weiteren Verlauf des Kreuzzuges nicht ohne Bedeutung sein sollte und einige interessante Einblicke in die Kriegführung des hohen Mittelalters möglich macht – die Schlacht von Muret.

Alles habe damit begonnen, dass der spanische König Peter von Aragon mit einem Heer in die Gascogne einmarschiert sei, um dem Grafen von Toulouse zu Hilfe zu kommen. Er habe sein Heer mit den Truppen der Grafen von Toulouse, des Comminges und von Foix vereinigt und mit der Belagerung der Stadt Muret begonnen, welche sich am Fluss Garonne befindet. Eine vorgelagerte Befestigungsanlage haben die Angreifer schnell einnehmen können, woraufhin sich die Verteidiger zurückziehen mussten. Dies habe vor allem daran gelegen, dass sie deutlich in der Unterzahl gewesen seien. [1] Zur selben Zeit habe sich der Anführer der Kreuzfahrer, der Graf Simon von Montfort, 65 Kilometer von Muret entfernt befunden, um Kämpfer und Vorräte zur Verstärkung der Stadt zu sammeln – er sei bereits davon ausgegangen, dass es bald belagert würde.[2]

Kurz nachdem der Graf von der Belagerung erfahren habe, sei seine Frau nach Carcassonne aufgebrochen. Dort habe sie so viele Ritter um sich gesammelt, wie es ihr möglich gewesen sei. Zusätzlich habe sie den Vicomte von Payen überzeugen können, sich ihr anzuschließen – obwohl sein 40 tägiger Dienst eigentlich schon zu Ende war und er ohne Konsequenzen in die Heimat hätte abziehen können. Diese Truppen haben sich nun nach Fanjeaux begeben, während Simon von Montfort mit seinen Begleitern in die Nähe von Boulbonne gezogen sei, wo er in einem Zisterzienserkloster die Hilfe des Herrn erbeten habe. Bei ihm haben sich sieben Bischöfe und drei Äbte befunden, die der Erzbischof von Narbonne ausgewählt habe, um mit dem König von Aragon zu verhandeln. Außerdem habe er 30 französische Ritter bei sich gehabt.[3]

Am nächsten Morgen sei die Messe gefeiert und gebeichtet  worden. Danach seien die Kreuzfahrer aufgebrochen, um Muret zu Hilfe zu kommen. Zudem seien die Anführer des gegnerischen Heeres durch die Bischöfe exkommuniziert worden. Während der Annäherung an das feindliche Heer seien die Truppen in drei Abteilungen aufgeteilt worden, entsprechend der Heiligen Dreifaltigkeit. So habe man sich Auterive genähert, einer befestigten Stellung zwischen dem alten Standort und Muret. Obwohl Wetter und Terrain günstig für einen Überraschungsangriff der Belagerer gewesen seien, habe man das Gebiet ohne Gegenwehr durchqueren können.[4]

Schließlich habe man sich Muret genähert. Die Belagerer haben sich auf der anderen Flussseite befunden. Da es bereits Abend gewesen sei und die Truppen des Grafen von Montfort vom Marsch ermüdet gewesen seien, habe der Graf nicht sofort angreifen lassen, sondern stattdessen Gesandte zu den Belagerern geschickt, um sie zum Aufgeben zu bewegen.[5] Am nächsten Morgen haben die Kreuzfahrer Muret betreten. Es seien lediglich noch für einen Tag Vorräte in der Stadt gewesen. Daher sei es nicht länger möglich gewesen, sich zu verschanzen.[6]

Am Morgen des nächsten Tages habe man die Messe abgehalten und sich anschließend beraten, wie man den Feind am besten angreifen könne. Die sich deutlich in der Unterzahl befindenden Verteidiger haben sich daraufhin gerüstet und ihre Pferde bestiegen. Auf Anweisung des Grafen seien für den Angriff nur Berittene vorgesehen gewesen. [7] Bevor die Ritter Muret verlassen haben, seien sie durch den Bischof von Comminges gesegnet worden. Auch ihre Sünden seien ihnen komplett vergeben worden.[8]

Während die Verteidiger das Schlachtfeld betreten haben, seien sie von den Geistlichen in der Kirche durch Gebete unterstützt worden. Trotz der deutlichen Überzahl der Feinde habe die erste Schlachtreihe der Ritter mit großer Zuversicht frontal angegriffen, dicht gefolgt von der zweiten Reihe. Während dieses Angriffes sei der König von Aragon gefallen. Der Autor merkt kritisch an, dass er sich in einem nicht gekennzeichneten Harnisch in der zweiten Schlachtreihe der Belagerer befunden habe.

Der Graf von Montfort habe inzwischen bemerkt, dass seine ersten beiden Schlachtreihen bereits außer Sicht gewesen seien, da sie sich weit innerhalb des gegnerischen Heeres befunden haben. Daraufhin habe er mit seinen Truppen die linke Flanke der Belagerer angegriffen. Er sei allerdings durch einen Graben von diesen getrennt gewesen. So habe er erst angreifen können, nachdem er einen Durchgang durch diesen gefunden habe. Obwohl er sofort von mehreren harten Schlägen getroffen worden sei, habe er sich mit seinen Truppen langsam voran gekämpft und viele Feinde getötet.[9] In der Zwischenzeit haben die Bürger von Toulouse versucht, Muret einzunehmen. Dies sei ihnen aber nicht gelungen, da die siegreichen Ritter rechtzeitig wieder zurückgekehrt seien und viele von ihnen getötet haben.[10] Nach der Schlacht habe sich Graf Simon von Montfort zu dem inzwischen vollständig geplünderten Körper des Peter von Aragon führen lassen, um den Tod des Monarchen zu betrauern.[11]

Dieser Bericht enthält einige interessante Details, auf die an dieser Stelle näher eingegangen werden soll. Zunächst einmal scheint die Sicherung bereits eroberter Städte nicht einfach gewesen zu sein. Obwohl eine Belagerung Murets wahrscheinlich erschien, mussten in relativ weiter Entfernung zunächst neue Truppen ausgehoben und Vorräte beschafft werden. Interessant ist, dass dies nicht nur durch männliche Adlige möglich war. Auch die Gräfin von Montfort hatte die Befugnis, eine Armee aufzustellen und dieser Befehle zu erteilen. Wir können aber davon ausgehen, dass sich ihre Autorität auf die ihres Mannes stützte. Dennoch, die mittelalterliche Frau war weit davon entfernt, nur den Haushalt zu führen.

Das Vertrauen auf Gott war einer der zentralen Aspekte in der Kriegführung des Mittelalters. Die starke Betonung bei Peter von les Vaux-de-Cernay liegt aber vor allem darin begründet, dass es sich um einen geistlichen Autor handelt, der einen Kreuzzugsbericht verfasste. Gerade, weil dieser in einem christlichen Gebiet durchgeführt wurde, bedurfte es immer wieder besonderer Rechtfertigungen.

Die Strategie der Kreuzfahrer entsprach dem, was im 13. Jahrhundert üblich war. Zunächst musste man sich der belagerten Stadt nähern. Sie hatten Glück, dass sie im Sumpfland vor Auterive nicht  durch feindliche Kämpfer aufgehalten wurden. Da sich die Belagerer deutlich in der Überzahl befanden, hätte eine Entdeckung dem Rettungsversuch schnell ein Ende machen können. Auch konnten die Truppen des Grafen relativ ungehindert Muret betreten. Da die Vorräte aber aufgebraucht waren, konnte man keiner langen Belagerung mehr standhalten. Ein Ausfall war die letzte Möglichkeit eine Entscheidung herbei zu führen, bevor die Verteidiger vor Hunger zu sehr geschwächt waren.

Die Staffelung der Armee in drei Abteilungen war typisch für das hohe Mittelalter. Ebenso üblich war der gefürchtete Sturmangriff der schwer gepanzerten Ritter, gegen den die Belagerer anscheinend kein Gegenmittel parat hatte. Außergewöhnlich ist der Tod Peters von Aragon. Normalerweise befanden sich die Anführer nicht in den vorderen Schlachtreihen – trotz allen Gottvertrauens. Auch waren sie in der Regel durch das Wappen und die Farben an ihren Harnischen deutlich erkennbar und wurden eher gefangen genommen als getötet. Entsprechend kritisch wird das Verhalten des Königs gesehen.

Der Angriff der Ritter scheint sehr effektiv gewesen zu sein. So schnell durchbrachen sie die feindlichen Linien, dass sie bald aus dem Blickfeld des Grafen verschwanden. Er griff mit seinen Begleitern an, um eine Umzingelung zu verhindern. Die schweren Treffer, die er unverletzt überstand, sind ein deutliches Zeichen für den guten Schutz, den die Rüstungen des 13. Jahrhunderts boten. Auch sehen wir am Beispiel der Bürger von Toulouse, dass auch Stadtbürger in den Krieg zogen.

Die Schlacht von Muret ist vor allem deswegen so interessant, weil hier ein sich deutlich in der Unterzahl befindendes aber sehr gut ausgebildetes, ausgerüstetes und diszipliniertes Heer,bestehend ausschließlich aus Rittern, ein weit größeres Aufgebot an gemischten Truppen deutlich besiegte. Dies lag vor allem am ersten Schockmoment des Aufpralls der dicht geschlossenen Reihen der Kreuzfahrer, die nicht aufgehalten werden konnten. Zudem wird auch der frühe Tod des Königs von Aragon eine demoralisierende Wirkung gehabt haben.  Letzten Endes war es wohl eine Mischung aus Ausbildung, Gottvertrauen und Mut bei gleichzeitiger Überraschung des Gegners und taktischem Geschick, die zum Sieg verhalf.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

 

[1] Vgl. Peter von les Vaux-de-Cernay. 446-448.

[2] Vgl. Ebd. 449.

[3] Vgl. Ebd. 450-451.

[4] Vgl. Ebd. 453-454.

[5] Vgl. Ebd. 455.

[6] Vgl. Ebd. 456.

[7] Vgl. Ebd. 458-460.

[8] Vgl. Ebd. 461.

[9] Vgl. Ebd. 463.

[10] Vgl. Ebd. 464.

[11] Vgl. Ebd. 465.

Quelle: Peter von les Vaux-de-Cernay: The History of the Albigensian Crusade, übers. von Tr. W.A. Sibly und M.D. Sibly, Woodbridge 2002.

 

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