Liebe und Lust im Mittelalter

Zwei Themen, die auf den ersten Blick eher in eine sehr bekannte Fernsehserie zu passen scheinen als in das prüde und gottesfürchtige Mittelalter. So scheint es zumindest auf den ersten Blick. Doch lebten auch im Mittelalter „ganz normale“ Menschen. Dürfen wir einem großen Teil der höfischen und theologischen Literatur also uneingeschränkt Glauben schenken?

Das höfische Ideal

Andauernde Verehrung und immer neue Annäherungsversuche, um dann doch nicht zum Zug zu kommen – so sah das Ideal in der höfischen Dichtung aus, zu sehen beispielsweise in der Manessischen Liederhandschrift. Selbst Demütigungen sollte der Verehrer geduldig hinnehmen. Er sollte dabei stets gepflegt und gut gekleidet auftreten. Es ging dabei vornehmlich um Selbstbeherrschung und Disziplin, beides unverzichtbare Eigenschaften für den Stand, der die Führungsrolle in der Gesellschaft beanspruchte.1

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„Von Obernburg“, Miniatur im Codex Manesse, fol. 342v

Dass es sich hierbei nicht um die Wirklichkeit handelte, muss sicher nicht gesondert hervorgehoben werden. Das Ideal lässt aber Rückschlüsse darauf zu, wie es in der Wirklichkeit ausgesehen hat. Gerade die sehr übersteigerte Darstellung die Selbstbeherrschung und des gepflegten Auftretens lässt hinsichtlich der wahren Verhältnisse einiges erahnen.

Lehnte die Kirche Liebe und Lust kategorisch ab?

Die römische Kirche vertrat gegenüber dem Liebesspiel, selbst dem verheirateter Paare, in der Tat eine ablehnende Haltung. Mal abgesehen davon, dass der Mann in der Liebesnacht den Manipulationsversuchen der Frau hilflos ausgeliefert sei galt die Sexualität als die allererste Sünde, die aus der Vertreibung aus dem Paradies resultierte.2

Doch gab es auch andere Stimmen:

„Die Überfülle der Erfreuung, die im Liebesvollzug gemäß seiner rechten Hinordnung ist, widerspricht nicht der Mitte der Tugend.“3 – Thomas von Aquin (1225 – 1274)

„Die Freude des Koitus ist nicht in sich lasterhaft, sondern natürlich und von Gott eingesetzt.“4 – Dionysius der Kartäuser (1403 – 1471)

Laut einigen Geistlichen war also Sexualität innerhalb der Ehe nicht zwangsläufig sündhaft.

Lust und Risiko

Doch selbst wenn es innerhalb der Geistlichkeit Stimmen gab, die dem Ausleben der Lust innerhalb der Ehe immerhin positive Aspekte abgewinnen konnten, Sex außerhalb der Ehe war ein ganz anderes Kapitel. Es gab ihn, doch waren damit stets Risiken verbunden – vor allem für die Frauen. Verhütungsmittel gab es zwar in Form von Salben, Tampons u.ä., aber wirklich zuverlässig wirkten diese nicht. Dasselbe lässt sich über die damals üblichen Abtreibungsmethoden sagen, die zudem nicht ungefährlich waren. Häufig wurden zu diesem Zweck pflanzliche Mittel verwendet. Schwangerschaften waren im Mittelalter stets riskant, doch eine außereheliche Schwangerschaft brachte weitere Probleme mit sich. Nicht selten starb die Mutter aufgrund von Komplikationen bei der Geburt des Kindes. Wenn sie überlebte, hatte es eine alleinstehende Mutter nicht leicht. Wirklich anerkannt wurde sie nirgends, häufig sogar verstoßen.5

Gleichgeschlechtliche Liebe

Homosexualität war auch im Mittelalter nichts neues, wohl aber die gesellschaftliche Reaktion darauf. Während sie in der Antike noch akzeptiert war und offen ausgelebt werden konnte, wurde sie im Mittelalter mit Auspeitschen, Verbannung oder gar Verbrennung bestraft. Verantwortlich für diese Sichtweise war vor allem die Kirche, die gleichgeschlechtliche Liebe als eine Form der Ketzerei betrachtete. Der Straftatbestand wurde als Sodomie definiert, basierend auf den biblischen Geschichten über die sündhafte Stadt Sodom. Berühmtestes Beispiel für den Vorwurf der Sodomie mit anschließendem Verbrennen auf dem Scheiterhaufen ist der Prozess gegen die Templer Anfang des 14. Jahrhunderts.

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Templer auf dem Scheiterhaufen; Illustration, anonyme Chronik, „Von der Schöpfung der Welt bis 1384″

Prostitution

Das älteste Gewerbe der Welt war auch im Mittelalter fast überall vertreten. Es handelte sich zwar nicht um einen besonders angesehenen Beruf, doch gab es reichlich Dirnen und die Nachfrage nach ihren Diensten war enorm. Es gab in so gut wie jeder Stadt Bordelle (damals Frauenhäuser genannt). Darüber hinaus boten auch „wilde“ Dirnen illegal ihre Dienste an, vor allem in Wirtshäusern und Badestuben. Geschlechtskrankheiten spielten übrigens noch keine bedeutende Rolle. Die Syphilis wurde beispielsweise erst von den Seeleuten des Kolumbus am Ende des 15. Jahrhunderts aus der Karibik eingeschleppt. Die Prostitution wurde von den Autoritäten durchaus geduldet. Es herrschte die Meinung vor, dass die Männer sich weniger an „ehrbaren“ Frauen vergehen würden, wenn sie ihre Triebe auf diese Art befriedigen konnten. So tolerierten sowohl die Kirche als auch die jeweiligen Herrscher die Anwesenheit der Dirnen. An Sonntagen oder während der Fastenzeit mussten allerdings alle Prostituierten die Stadt verlassen.6

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Monogrammist (Braunschweiger), 2. Viertel 16. Jahrhundert. Bordellszene. Öl/Eichenholz, 32,7 x 45,5 cm. Frankfurt, Städelsch. Kunstinstitut

Dirnen verdingten sich nicht nur in den Städten selbst, sondern auch an den Höfen der Adligen. Hier gab es darüber hinaus häufiger den Fall, dass Adlige außereheliche Verhältnisse mit Frauen eingingen, die beispielsweise als Bedienstete tätig waren.

Das Mittelalter – alles andere als prüde und nicht immer romantisch

Es ist nicht verwunderlich, dass in einer Zeit, in der das Leben meist kurz und hart war, Bedürfnisse trotz aller Verbote und Richtlinien möglichst ausgelebt wurden. Adel und Klerus waren sich dessen nicht nur bewusst, sie waren selbst Teil dieser Lebenswelt und gingen öffentlich Kompromisse ein, wo sie sie als sinnvoll erachteten. Es gab durchaus wahre Liebe, ausgelebte Lust, treusorgende Ehemänner und edle Frauen. Gleichzeitig gilt es im Hinblick auf das im Mittelalter vorherrschende Frauenbild zu beachten, dass Männer ihnen in der Regel rechtlich übergeordnet waren. Dazu kamen Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Menschen bisweilen keine andere Möglichkeit hatten, als den Wünschen ihrer Herren zu entsprechen. Es kam immer wieder zu Übergriffen, die meist nur schwer nachgewiesen und nur selten geahndet werden konnten- sofern sie dem Gesetz nach überhaupt als illegal eingestuft wurden. Auch der Umgang mit Homosexuellen erscheint (nicht nur) aus heutiger Sicht schrecklich.

1Vgl. Wand-Wittkowski, Christine (2016). S. 11-12.

2Vgl. Ebd. S. 15-16.

3cf. Ebd. S. 16.

4cf. Ebd.

5Vgl. Ebd. S. 22-23.

6Vgl. Ebd. S. 26-29.

Literatur: Wand-Wittkowski, Christine: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter. Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 2016.

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Edle Helden und mutige Taten – das Idealbild des Ritters und die Realität

Um kaum eine andere soziale Schicht des Mittelalters ranken sich so viele Legenden wie um die Ritterschaft. Die Faszination, die von diesen berittenen Kämpfern ausgeht, hat seit dem Mittelalter nicht nachgelassen. Im Gegenteil: Das Bild des edlen oder auch des bösen Ritters wird auch in modernen Erzählungen immer wieder aufgegriffen. Aktuellstes Beispiel hierfür ist sicherlich die Star-Wars-Saga. Wie kam es zu dieser Faszination? Was machte den mittelalterlichen Ritter zum Vorbild immer neuer Erzählungen über den Kampf des Guten gegen das Böse? Wie sah die Realität aus? Was bedeutete es, dem Ritterstand anzugehören? Anlässlich neuer Forschungsergebnisse, basierend auf der Geschichte des englischen Ritters William Marshal, möchte ich in diesem Artikel einen Blick auf die mittelalterliche Realität werfen.

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Fränkische Panzerreiter

Ritter innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung

Die Entstehung des Ritterstandes in Europa war eng verknüpft mit dem Bedarf an ausgebildeten Reiterkriegern in der Spätantike und dem frühen Mittelalter. Sowohl Franken als auch die übrigen germanischen Stämme konnten dabei auf eine lange Tradition zurückblicken. Schon unter Gaius Julius Cäsar und später unter den römischen Kaisern rekrutierten sich die berittenen Hilfstruppen aus den Reihen der Germanen. Im Frankenreich waren es vor allem die Panzerreiter, die für den militärischen Erfolg verantwortlich waren. Ihre Ausrüstung war teuer. Dementsprechend benötigten sie entweder eigene Einkünfte aus Landbesitz oder Kriegsbeute, oder sie mussten von ihrem Lehnsherren ausgerüstet werden. Das Lehnssystem wurde lange Zeit als ein rein funktionelles Wirtschaftssystem bewertet. Neuere Forschungsergebnisse stellen jedoch die Bedeutung der freundschaftlichen Verbundenheit weit mehr in den Vordergrund. Ritter und Lehnsherr waren nicht nur durch einen gesellschaftlichen Vertrag aneinander gebunden, sondern pflegten eine weit persönlichere Beziehung. Der Lehnsherr rüstete seine Panzerreiter nicht nur aus und gewährte ihnen Anteil an der Kriegsbeute, sondern er legte auch Wert auf den Rat seiner Gefolgsleute. Dies unterschied die enge Gefolgschaft von Adligen zu einem höhergestellten Herren von dem der reinen Söldner, die einzig und allein für Geld kämpften. Der Ritter befand sich also stets in einem klar strukturierten Gesellschaftsgefüge, an dessen Regeln er sich zu halten hatte.

Die ritterlichen Spielregeln

Die soziale Stellung verpflichtet – das galt auch und ganz besonders für das Mittelalter. Von einem Ritter wurde erwartet, dass er mit den sozialen Spielregeln vertraut war. Diese Regeln wurden in den Sagen in besonderem Maße betont. Loyalität nahm einen besonderen Stellenwert ein. Allerdings nur so lange, wie sich der jeweilige Herr auch an die Spielregeln hielt. Der Ritter musste für seine treuen Dienste entsprechend entlohnt werden. Nicht nur mit Geld, sondern auch mit Landbesitz. Denn den Ritter definierten nicht nur seine Taten, sondern in besonderem Maße sein hierdurch gewonnener Reichtum. Ein schönes Beispiel nennt Thomas Asbridge in seinem Buch „The Greatest Knight“. William Marshal beweist in seiner ersten Schlacht seinen Mut und seine kämpferischen Fähigkeiten. Er versäumt es jedoch, Gefangene zu nehmen oder Beute zu machen. Die anderen Ritter verspotten ihn daraufhin ob seiner Armut. Im Anschluss wird er sogar von seinem Herrn verstoßen. Erst nachdem er bei Turnieren Ruhm und Reichtum gewonnen hatte, wurde er allseits respektiert. Dieses Beispiel zeigt, wie stark sich die Ritter über ihren Besitz definierten bzw. definiert wurden.

Lösegelder spielten in der ritterlichen Welt eine große Rolle. Selbst in einer Schlacht war es unüblich, gegnerische Adlige zu töten. Profitabler war es, sie gefangen zu nehmen und später gegen Zahlung eines entsprechend hohen Lösegeldes wieder freizulassen. Dabei mussten die entsprechenden Ritter nicht zwangsläufig direkt gefangen genommen werden. Es reichte theoretisch aus, wenn sich der Gegner ergab und versprach, sich zu einem bestimmten Datum als Gefangener an einem bestimmten Ort einzufinden. Hier wird eine weitere Spielregel deutlich: Das Einhalten des eigenen Ehrenwortes. Das Wort eines Ritters hatte Gewicht und er war gut beraten, es auch einzuhalten.

Das Töten eines anderen Adligen war also nicht das Ziel im ritterlichen Kampf. Dieses konnte gar als Mord gewertet werden – selbst, wenn es im Rahmen einer Schlacht geschah.

Der Ritter und das Christentum

Im Mittelalter spielte in der ritterlichen Welt der christliche Glauben eine wichtige Rolle. Die Ritter waren sich durchaus darüber im Klaren, dass ihr Auftrag im Widerspruch stand zu den christlichen Geboten. Gleichzeitig waren sowohl dem Adel als auch der Kirche die Notwendigkeit einer Kriegerschicht bewusst. Die Kirche versuchte, bestimmte Regeln aufzustellen. So galt das Töten eines Christen stets als Sünde, für das Buße geleistet werden musste. Wer einen Ungläubigen tötete, konnte dagegen mit dem ewigen Lohn im Paradies rechnen. So wurde versucht, die kriegerische Energie der Ritter auf die Feinde der Kirche zu lenken. Gleichzeitig sollte der Ritter die Kardinaltugenden besitzen und sein Leben ihnen entsprechend ausrichten: Klugheit, Weisheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit. Es sind insbesondere diese Tugenden, die in den späteren Jahrhunderten das Bild des Ritter prägen sollten.

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Darstellung eines Ritters, Mitte 13. Jahrhundert; Guilelmus Peraldus, Summa de virtutibus et vitiis

Die militärische Schlagkraft

Die Ritter waren unbestritten die schlagkräftigsten Einheiten auf den Schlachtfeldern des frühen und hohen Mittelalters. Dazu kam ihre Mobilität. Die einfachen Kämpfer der Lehnsaufgebote, die zu einem großen Teil aus der wehrfähigen Bevölkerung der jeweiligen Gebiete bestand, waren den seit ihrer Kindheit ausgebildeten Elitekriegern im Normalfall deutlich unterlegen. Ein Ritter konnte es durchaus mit einer deutlichen Übermacht aufnehmen, solange er nicht in die Enge getrieben oder in eine Falle gelockt wurde. Die speziell gezüchteten und ausgebildeten Schlachtrösser stellten hierbei einen entscheidenden Faktor da. Sie waren größer, leistungsfähiger und weit aggressiver als ihre zivilen Artgenossen. Sie in allen Lagen souverän zu beherrschen und von ihnen aus kämpfen zu können, erforderte jahrelanges Training. Der Ritter musste in der Lage sein, sie nur mit Hilfe seiner Beine lenken zu können und sich gleichzeitig im Sattel zu halten. Ritter und Pferd verschmolzen dabei zu einer Einheit. Doch damit war es noch nicht getan. Die Reiterkrieger kämpften nicht alleine, sondern im Verbund mit anderen Rittern. Bestimmte Formationen gab es dabei nicht unbedingt, wichtig war vor allem, dass sie dicht beieinander blieben und im Team arbeiteten. Heroische Einzeltaten gab es zwar, waren aber riskant. Besonders bekannt für entsprechende Aktionen waren die Ritterorden, die im Tod in der Schlacht gegen Ungläubige einen direkten Weg zu Gott sahen.

Wichtig war, dass sich die Angehörigen einer Gruppe im Getümmel einer Schlacht gegenseitig erkennen konnte. Farben, Wimpel und später die Wappen sorgten dafür, dass man nicht aus Versehen einen seiner Verbündeten angriff. Auch wurden Hornsignale verwendet, um Anweisungen zu übermitteln.

Neben seinen Fähigkeiten und seinem treuen Schlachtross musste sich der Ritter auf seine Ausrüstung verlassen können. Der berühmte Plattenpanzer aus Stahl tauchte dabei erst im Spätmittelalter auf. Davor schützten sich die Kämpfer mit Gambesons, Kettenpanzern und später mit durch Eisenplatten verstärkten Rüstungen. Besonderer Bedeutung kam dabei dem Schutz des Kopfes zu. Der Ritter des Hochmittelalters trug meist eine gepolsterte Haube, darüber eine Kettenhaube, eine Stahlhaube und darüber dann den eigentlichen Helm. Diese Konstruktion konnte auch härteren Treffern standhalten. Insgesamt scheinen die Rüstungen ihre Besitzer recht gut geschützt zu haben. Die Zahl der bei Turnieren oder Schlachten getöteten Ritter hielt sich normalerweise sehr in Grenzen. Weit weniger geschützt waren allerdings die Pferde. In den Quellen ist immer wieder zu lesen, dass Ritter in einer einzigen Schlacht gleich mehrere Pferde verloren. Die Tiere waren weitgehend ungepanzert und stellten daher verwundbare Ziele dar.

Taktik und Strategie

Während die Reiterei in der Antike vor allem zur Aufklärung und zum Plänkeln eingesetzt wurde, kam ihr im Mittelalter eine weit zentralere Rolle zu. Schlachten waren relativ selten. Die Befehlshaber mieden sie meist, da sie ein unkalkulierbares Risiko darstellten. Belagerungen und Raubzüge waren in der mittelalterlichen Kriegführung üblicher. Insbesondere bei letzterem kam den Rittern ihre hohe Mobilität zugute. Kam es dennoch zu einer größeren Schlacht, so wurde diese meist von Bogen- und Armbrustschützen eröffnet. Es folgte in der Regel der gefürchtete Sturmangriff der Ritter. Dieser war meist überaus effektiv. Die eng geschlossene Reihe sorgte dafür, dass die Reiter wie ein Block auf den Gegner trafen. Das Beben der Erde, der Anblick der schwer gepanzerten und waffenstarrenden Reiter und der anschließende Aufprall müssen ein schreckliches Erlebnis gewesen sein. Flucht war in diesem Augenblick übrigens keine Alternative – ein fliehendes Heer war leichte Beute für die schnellen Reiter. Kein Wunder, dass immer mehr nach Möglichkeiten gesucht wurde, solch einen Angriff abwehren zu können.

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Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

Die Grenzen der Ritter

Die Achillesverse für die Ritter waren vor allem Schusswaffen und fest geschlossene Formationen – und das nicht erst im Spätmittelalter. Insbesondere die Armbrust spielte hier eine wichtige Rolle. Sie war relativ einfach zu bedienen und besaß eine enorme Durchschlagskraft. Mit ihr konnten auch einfache Bauern einen Ritter töten. Probleme bereiteten den Rittern zunächst auch die berittenen Bogenschützen der Ungarn und später der Mongolen. Ihre Taktik der schnellen Überfälle in Verbindung mit Pfeilhageln sorgte für bedeutende Niederlagen europäischer Heere. Später waren es vor allem die Langbögen, die ganzen Ritterheeren zum Verhängnis wurden. Sie konnten sogar Plattenrüstungen durchschlagen und verletzten oder töteten die Pferde der Ritter. Piken und Hellebarden waren weitere Waffen, die insbesondere für den Einsatz gegen berittene Gegner entwickelt wurden. Mit ihnen war es möglich, Reiterangriffe zu stoppen und die Ritter von ihren Pferden zu holen. Die Böhmen setzten im Spätmittelalter vor allem Wagenburgen und Parvesen ein, um den Rittern widerstehen zu können. Zu dieser Zeit wurden bereits Feuerwaffen verwendet, die letztlich den Niedergang des Ritters auf dem Schlachtfeld besiegeln sollten.

Die Kavallerie

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Ulanenregiment 1914

Der Niedergang des Ritters auf dem Schlachtfeld am Ende des Mittelalters bedeutete keineswegs das Ende der berittenen Kämpfer. In den nachfolgenden Jahrhunderten spielte die Kavallerie weiterhin eine wichtige Rolle in der Kriegführung. Großangelegte Reiterangriffe gab es noch bis in den ersten Weltkrieg hinein. Doch nahm die kriegsentscheidende Bedeutung immer weiter ab, auch wenn dies von Romantikern und Nostalgikern noch lange Zeit bestritten wurde. Es zeigte sich immer deutlicher, dass die Reiter den modernen Feuerwaffen und befestigten Stellungen nicht mehr viel entgegensetzen konnten. Trauriger Höhepunkt dieser Verkennung militärischer Realität stellte der erste Weltkrieg dar. Es kam zu absurden Szenen, als Kavalleristen mit Lanzen und Säbeln Maschinengewehrstellungen angriffen. Die Verluste unter Reitern und Pferden stiegen in nie für möglich gehaltene Höhen.

 

Das Erbe der Ritter

Die romantische Verklärung ritterlicher Ideale lässt sich in beinahe allen Epochen nach dem Mittelalter finden. Nicht geringen Anteil daran haben die Sagen über die Ritter, die bereits im Mittelalter zu den Bestsellern zählten. Sie wurden immer wieder neu aufgeschrieben und ausgeschmückt. Diese waren wiederum beeinflusst von den Kardinaltugenden, deren Einhaltung den Rittern von der Kirche nahegelegt wurde. So entstand nach und nach ein Bild des Ritters, das nur noch wenig mit der Realität zu tun hatte. Es gab tatsächlich Regeln, die eingehalten werden sollten. In der Realität des Mittelalters wurden viele dieser Punkte aber immer wieder flexibel ausgelegt oder sogar missachtet. Es sollte zudem beachtet werden, dass der ritterliche Kodex vor allem innerhalb des Ritterstandes Anwendung fand. Nichtadlige konnten nicht darauf hoffen, von einem Ritter im Kampf geschont zu werden. Auch musste der Ritter ihnen gegenüber keine Versprechungen abgeben. Dementsprechend wenig Hemmungen legten wiederum die Nichtadligen im Kampf gegen Ritter an den Tag. Die verlustreichsten und brutalsten Schlachten fanden zumeist zwischen Adel und gewöhnlichen Kämpfern statt. Der Hundertjährige Krieg legt hierfür erschütternde Zeugnisse ab.