Piraten des Mittelalters

Das drittälteste Gewerbe der Welt verhieß bereits seit der Antike all jenen ein Einkommen, die gewillt waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und anderen das ihre sowie ihre Besitztümer zu nehmen. Beute fanden die Seeräuber zu allen Zeiten reichlich, zur See wie an Land. Die grundsätzlichen Strukturen und Vorgehensweisen unterschieden sich im Mittelalter kaum von denen, die sich von 17. bis zum 18. Jahrhundert finden lassen- von der Waffentechnik einmal abgesehen.

Wikinger: Seeräuber des Nordens

Die Nordmänner waren wahre Meister der Kriegführung zur See und im Durchführen schneller Überfälle. Sogar Belagerungen und offene Schlachten fürchteten sie nicht. Ihre Unerschrockenheit brachte ihnen schnell einen furchterregenden Ruf ein. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden innerhalb der christlichen Königreiche betrachtet. Ihre Langschiffe waren allen anderen Schiffen ihrer Zeit weit voraus. Bei schneller Fahrt sorgte die Anordnung der Planken dafür, dass Luft unter den Rumpf geleitet wurde und sich dort zwischen Schiff und Wasser schob. So waren ungewöhnlich hohe Geschwindigkeiten erreichbar. Der geringe Tiefgang sorgte zudem dafür, dass die Wikinger selbst auf kleinen Flüssen Ziele erreichen konnten, die weit im Inland lagen.

Die Piratenschiffe des Mittelalters

Das Design der Langschiffe wurde von einigen Seefahrern noch lange Zeit beibehalten. Im Hoch- und Spätmittelalter wurde vor allem die Kogge verwendet, die in unterschiedlichen Größen gefertigt wurde. Dieser Schiffstyp besaß einen größeren Tiefgang als das Langschiff und konnte weit mehr Ladung aufnehmen. Es war zwar langsamer als die Langschiffe, dafür aber weit stabiler. An Bug, Heck sowie am Hauptmast befanden sich Plattformen, von denen aus gekämpft werden konnte. In einer Seeschlacht nahmen die Koggen zunächst Fahrt auf und rammten anschließend das gegnerische Schiff. Anschließend kam es zum Kampf Mann gegen Mann. In manchen Fällen wurden Koggen beim Aufprall derart beschädigt, dass sie sanken. Für die Piraten war dies, zumindest bei Kaperfahrten, jedoch nicht das gewünschte Ziel.

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Kogge auf dem Siegel von Stralsund

Eustache le Moine – ein Mönch als Pirat

Eustache war ein flämischer Mönch, der im Auftrag der englischen Krone französische Schiffe überfiel. Er operierte vor allem von der englischen Südküste sowie den Kanalinseln aus. Seine Gier nach Beute ließ ihn jedoch bald auch englische Schiffe ins Visier nehmen. 1212 musste er aus England fliehen und stellte sich sogleich in den Dienst des französischen Königs Philipp II. In seinem Auftrag sollte er die geplante Invasion Englands anführen. In der folgenden Seeschlacht unterlag die französische Flotte allerdings. Eustache wurde gefangen genommen und noch auf See enthauptet.

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Eustache in der Schlacht von Sandwich 1217. Chronica Majora des Matthäus Paris (1200–1259).

Die Vitalienbrüder

Im 14. und 15. Jahrhundert wurde der Nord- und Ostseeraum von einer Gruppe unsicher gemacht, die „Vitalienbrüder“ genannt wurde. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts taucht außerdem die Bezeichnung „Likedeeler“ auf, was so viel wie „Gleichteiler“ bedeutet. Die Beute könnte also zu gleichen Teilen unter der Besatzung aufgeteilt worden sein, ähnlich den späteren Piratengenerationen.

Ursprünglich handelte es sich bei dieser Gruppe um Söldner, die keinen Sold erhielten. Stattdessen waren sie selbst dafür verantwortlich, sich ihre Beute zu sichern. Dies war derart lohnenswert, dass sie sich dieser Beschäftigung auch außerhalb offizieller Kriegszüge widmeten. Wer nun denkt, es hätte sich hierbei ausnahmslos um namenlose Räuber gehandelt, liegt falsch. Eine nicht geringe Zahl rekrutierte sich aus dem Landadel des Nordens. Gödeke Michels, Klaus Störtebeker, Henning Wichmann, Klaus Scheld und Magister Wigbold sind nur ein paar namhafte Persönlichkeiten, die als Anführer auftraten. Zusammen mit nichtadeligen Piraten bildeten sie sogenannte Bruderschaften.

Die Vitalienbrüder operierten so gut wie immer in Kooperation mit Territorialherrschern. Sie waren sowohl im Auftrag von Mecklenburg als auch Dänemarks tätig. Im Nordseeraum arbeiteten sie vor allem mit den ostfriesischen Häuptlingen zusammen, die ebenfalls Piraterie betrieben.

Es liegt nahe, dass die Piraten immer wieder in Kontakt mit den Kaufleuten der Hanse kamen. Diese setzte zwar selbst immer mal wieder auf den Dienst der Seeräuber. Da jedoch immer mehr Schiffe der Hanse Opfer von Überfällen wurden wuchs mehr und mehr der Wunsch, dem Treiben der Piraten ein Ende zu setzen. Die Hanse setzte zu diesem Zweck immer wieder Friedensschiffe ein. Diese waren allerdings teuer, ihre Zahl dementsprechend klein. So blieb die Situation erst einmal, wie sie war.

Das Ende der Vitalienbrüder

Nur ein entschlossenes Vorgehen konnte der Piratenplage ein Ende bereiten. Dies war bekannt, doch musste erst der Leidensdruck hoch genug werden. Gotland, seit Ende des 14. Jahrhunderts eine reine Seeräuber-Insel, wurde 1398 durch eine Flotte des Deutschen Ordens eingenommen. Die Hanse übte unterdessen Druck auf die Ostfriesen aus, die schließlich ihre Unterstützung der Vitalienbrüder einstellten. Die Kaufleute rangen sich nun endlich dazu durch, eine Flotte auszurüsten. Diese stach von Lübeck aus in See und besiegte die Seeräuber auf der Osterems. Einige Anführer konnten zunächst entkommen, wurden aber später gestellt und getötet oder gefangen genommen. Am Leben gelassen wurde letztlich keiner der gefangenen Piraten. Die Städte wollten ein Exempel statuieren. Genutzt hat es freilich nichts. Auch nach dem Ende der Vitalienbrüder kam es immer wieder zu Überfällen auf Handelsschiffe.

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Klaus Störtebeker wird 1401 als Gefangener nach Hamburg gebracht. Nach einem Holzstich von Karl Gehrts (1877).

Die Ursachen der Piraterie

Die einen besitzen viel, die anderen wenig oder nichts. Wurde die Armut immer drängender, weckten offen zur Schau gestellter Reichtum und reiche Handelsverbindungen schon im Mittelalter Begehrlichkeiten. Dabei war es unerheblich, ob ein Seeräuber von adliger Abstammung war oder nicht. Ähnlich den Raubrittern zu Land sahen verarmte Adlige in der Piraterie eine Möglichkeit, mit Hilfe ihrer von Kindesbeinen an erlernten Fähigkeiten ihren Lebensunterhalt zu sichern. Eben diese Fähigkeiten sorgten dafür, dass sie die Raubzüge anführten und zur Anlaufstelle auch für viele Nichtadelige wurden, die ansonsten verhungert wären. So erklärt sich auch, warum aller Einsatz der Städte und Staaten nicht dazu führte, dass die Piraten restlos verschwanden. Es war zudem nicht besonders hilfreich, dass immer wieder Kaperbriefe vergeben wurden. All dies sollte nicht nur kein Ende finden, sondern sich viele Jahrhunderte fortsetzen – auf allen Meeren der Welt.

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Das mittelalterliche Münzwesen – Überblick über Entstehung und Entwicklung

Wer heute in seine Geldbörse greift hat häufig die Wahl, mit welchen Zahlungsmitteln er bezahlen möchte. Uns modernen Menschen steht neben dem traditionellen Bargeld inzwischen vor allem der digitale Weg offen. Daneben gibt es aber noch eine Reihe ganz anderer Ideen zur Abwicklung von Zahlungen, beispielsweise die Internetwährung Bitcoin. Wir erleben hautnah eine Entwicklung, wie sie auch in den vorangegangenen Jahrhunderten immer wieder stattfand. Alte Wege des Bezahlens wurden immer wieder von neuen ergänzt oder gar ganz abgelöst. Dieser Artikel soll einen Überblick darüber geben, wie die mittelalterlichen Währungen entstanden, entwickelten und letztlich die Grundlage für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Europas bildeten.

Germanen und Römer: Zwei Wirtschaftssysteme treffen aufeinander

Als die germanischen Stämme östlich des Rheins in Kontakt mit dem römischen Reich traten kam es nicht nur zu Konflikten. Der Austausch von Waren spielte eine bedeutende Rolle in der Beziehung zwischen den so verschiedenen Welten. Hier trafen zwei verschiedene Wirtschaftssysteme aufeinander. Während die Römer bereits über ein Münzwesen verfügten, diente bei den Germanen zu dieser Zeit vor allem das Vieh als Zahlungsmittel. Im Laufe der Zeit lernten die Stämme, dass das Bezahlen von Waren mit Münzen durchaus seine Vorteile haben konnte. Tauschhandel mochte beim direkten Kontakt mit Nachbarn gut funktionieren, stieß aber spätestens beim Fernhandel an seine Grenzen. Kleine Münzen oder Barren ließen sich eben deutlich besser transportieren.

Römische Münzen

Die römische Republik hatte im dritten vorchristlichen Jahrhundert begonnen, Kupfer- und Bronzebarren als Zahlungsmittel einzuführen. Ihnen folgte der As nach, der häufig mit Götterbildern verziert war. Noch im selben Jahrhundert wurde auch Silber für die Münzprägung üblich – der sogenannte Quadrigatus entstand. Ihm folgte bald der Denar.

Nach dem Untergang der Republik und unter der Herrschaft der römischen Kaiser kam schließlich die Goldmünze auf, der Aureus. Den silbernen Denar gab es weiterhin, ebenso den As aus Kupfer. Dazu kam der bekannte Sesterz, der vielen auch aus den Asterix-Comics bekannt sein dürfte. Dieser wurde aus Messing hergestellt. Weniger bekannt dürfte der Dupondius sein. Während der Kaiserzeit war es üblich, die Münzen mit dem Profil des jeweiligen Kaisers zu versehen. So wurden die Münzen nicht nur zu einer Möglichkeit, Macht über bestimmte Gebiete zu symbolisieren. Sie helfen auch Archäologen recht zuverlässig bei der zeitlichen Zuordnung von Funden. Da jeder Kaiser bei Regierungsantritt eigene Münzen in Umlauf brachte, lassen sich Funde entsprechend der jeweiligen Regierungszeit gut datieren.

Römischer Sesterz

Römischer Sesterz

Die Wechselkurse stellten sich folgendermaßen dar: Ein Aureus war 25 Denare wert, die wiederum den Gegenwert von 100 Sesterzen besaßen. Für diese hätte der Händler 200 Dupondien bekommen, die er in 400 Asse hätte wechseln können. In der späten Kaiserzeit kamen mit Argenteus, Nummis und Follis neue Münzen hinzu.

Follis der Spätantike

Follis der Spätantike

Der Übergang zum Mittelalter

Als zur Zeit der Völkerwanderung ab dem Ende des 4. Jahrhunderts n.Chr. immer mehr Germanen nach Westen und Süden zogen und Gebiete von den Römern übernahmen, begannen auch sie mit dem Prägen von Münzen. Diese erste germanischen Eigenprägung nennt man auch den germanischen Brakteat. Dieser war nur auf einer Seite mit einer Prägung versehen. Auch übernahmen sie im Umlauf befindliche Münzen.

Dennoch blieb im frühen Mittelalter der Tauschhandel mit Naturalien in vielen Gebieten hauptsächlicher Bestandteil des Handels. Eine Ausnahme bildete Byzanz, welches das bestehende römische Münzsystem weiter nutzte und veränderte. Auch die nun islamischen Gebiete verwendeten Münzen: Den goldenen Dinar und den Dirhem aus Silber. Beim Bezahlvorgang wurden Münzen nicht abgezählt, wie es heute üblich ist – sie wurden abgewogen.

Münzen und ihre Bedeutung im Mittelalter

Die Bedeutung des Geldes für die Menschen war damals eine andere als heute. Ein gefüllter Geldbeutel bedeutete noch nicht, dass jemand gesellschaftlich aufsteigen konnte. Es war noch nicht einmal sicher, ob diese Münzen überall als Tauschmittel akzeptiert werden würden. Immerhin wurde in vielen Gebieten weiterhin mit Naturalien bezahlt. Die Bedeutung der Münzen für die Politik war allerdings sehr groß. Dies liegt vor allem darin begründet, dass das Recht zur Prägung seit der Antike dem jeweiligen Herrscher zustand. Dies war auch im Mittelalter der Fall. Es war eines der Regalien, der Rechte, die nur einem König zustanden und nur durch diesen auch jemand anderem gewährt werden konnten.

Dementsprechend waren es zunächst die Könige und Kaiser, die Münzreformen durchführten. Karl der Große machte die Erneuerung des Münzwesens zu einem Pfeiler seiner umfangreichen Reformen innerhalb seines Reiches. Unter ihm wurde der Silberdenar zur reichsweiten Währung.

Französischer Denar (Denier) aus dem frühen Mittelalter.

Französischer Denar (Denier) aus dem frühen Mittelalter.

Im Hochmittelalter (ab 1356) wurde das Münzregal neben dem König auch den Kurfürsten zugestanden. Nun war es jedem von ihnen möglich, in seinem Herrschaftsgebiet eigene Münzen zu prägen. Einzelne freie Städte hatten dieses Recht sogar schon früher erhalten. Das Ergebnis war eine große Vielfalt an Münzen, die erst mit der Reichsgründung 1871 und der damit verbundenen Vereinigung der deutschen Einzelstaaten ein Ende finden sollte.

Goldgulden aus dem Spätmittelalter.

Goldgulden aus dem Spätmittelalter.

Im Rheinland war der Albus gängiges Zahlungsmittel, im mittleren Deutschland und am Bodensee zahlte man mit dem Brakteat. Im Spätmittelalter war in Süddeutschland, der Schweiz und dem nördlichen Italien der sogenannte Batzen im Umlauf (benannt nach dem Bären, dem Wappentier von Bern). Neben dieser interessanten Münze gab es den Dicken und den Guldiner. Auch Heller und Groschen fanden eine weite Verbreitung. Während in Nordeuropa Münzen vor allem aus Silber hergestellt wurden, bediente man sich in Südeuropa auch Gold. Die Spanier kannten den Dobla, der östliche Mittelmeerraum den Dukat, den Floren und den Genovino d’oro. Dies waren die Währungen der italienischen Städte, die durch Handel und andere Transportdienstleistungen zu Reichtum und Macht gelangten. Im Heiligen Römischen Reich wurden diese Goldmünzen als Goldgulden übernommen. In Frankreich wurden der Denier und der Gros verwendet.1 Im englischen Raum wurde mit dem Penny bezahlt, der sich bis heute halten konnte. Dies gilt auch für den Dirhem im islamischen Raum. Auch die anderen Münzen blieben auch nach dem Ende des Mittelalters teilweise einige Jahrhunderte im Umlauf.

Albus aus dem späten 17. Jahrhundert.

Albus aus dem späten 17. Jahrhundert.

Es versteht sich von selbst, dass die Münzen nicht unbedingt in den Gebieten blieben, in denen sie geprägt wurden. Durch den Fernhandel gab es ein gewisses Maß an Geldaustausch auch zwischen weit entfernten Gebieten. Dies war kein allzu großes Problem, bestanden die Münzen doch tatsächlich aus richtigem Edelmetall. Werte gingen so zunächst nicht verloren. Erst als der Silberanteil geringer wurde und auch unedle Metalle bei der Prägung verwendet wurden stieg der Bedarf an detaillierten Wechselkursen und vor allem an Geldwechslern.

Bezahlen im Mittelalter – Naturalien oder Münzen?

Wir haben gesehen, dass es trotz des im Mittelalter immer noch weit verbreiteten Naturalientausches auch nach dem Ende des römischen Reiches eine große Zahl an Münzen gab. So unbedeutend sie zunächst für den Tauschhandel zwischen direkten Nachbarn war, so wichtig wurden sie für den Handel über weite Entfernungen. Für die Herrscher war das Münzregal zunächst vor allem Zeichen ihrer Macht. Sie folgten damit direkt der antiken Tradition. Das Lehnssystem an sich war zunächst nicht unbedingt auf Geld angewiesen, profitierte aber langfristig von dem sich immer weiter verdichtenden Handelsnetz. Insbesondere die freien Städte gelangten mit Hilfe der Münzen und dem hiervon begünstigten Fernhandel im hohen und späten Mittelalter zu großem Reichtum. Dies ermöglichte es ihren Bewohnern schließlich, dem Adel auf dem Land die Stirn zu bieten und eigene Armeen und Flotten auszurüsten. Somit bildeten sie den Ausgangspunkt für die Entwicklung, die bis in unsere Zeit anhalten sollte. Am Ende setzten sich die Münzen gegen den Tauschhandel mit Naturalien weitgehend durch. Ihre Vorteile überwogen deutlich.

Die Wikinger in Russland – Wegbereiter eines Weltreiches

Wenn man an die Wikinger denkt, hat man meist die Plünderung der Kirchen und Klöster Englands und des Frankenreichs vor Augen, die Fahrten nach Island, Grönland und Neufundland. Vor allem die Wikinger aus Dänemark und Norwegen waren es, die weit nach Westen vorstießen – Jahrhunderte vor Christoph Kolumbus. Doch wagten sich die Nordmänner – vor allem solche aus Schweden – von ca. 750 – 1050 weit nach Osten und Südosten vor.

Die Reisen der Wikinger

Die Reisen der Wikinger

Hier wurden sie zusammenfassend als „Rus“ bezeichnet, das sich wohl aus der finnischen Bezeichnung für die Schweden, „Ruotsi“, ableitete. Die Ostslawen sollen es zu „Rus“ verändert haben.[1]

Die in den Osten vordringenden Skandinavier hatten es im Gegensatz zu ihren Landsleuten im Western weniger mit offenem Meer und mehr mit Flüssen, Wäldern und vor allem den muslimischen Chazaren zu tun. Im Schwarzen Meer trafen sie zudem auf die Byzantiner, deren Schiffe durch den Einsatz des griechischen Feuers überaus gefährliche Gegner darstellten. Doch im Gegensatz zum Westen stellte sich der Handel im Osten als weit lukrativer heraus als Raubzüge. Dies führte dazu, dass neue Handelsposten und –wege entstanden. Langfristig entstanden so nach und nach neue Städte.[2] So wurde 750 in Staraja Ladoga am linken Wolgaufer eine Siedlung gegründet, die zunächst vor allem von Pelzhändlern aufgesucht wurde. Die in der umliegenden Wildnis erbeuteten Pelze wurden vor allem in die Chazaren-Hauptstadt Itil verkauft.[3]

Beispiel einer Wikingersiedlung

Beispiel einer Wikingersiedlung

Ab der Mitte des 9. Jahrhunderts gab es eine neue Welle neuer Entwicklungen auf dem Gebiet der Handelswege. Am Nordufer des Ilmensees entstand die Siedlung Rurikowo Gorodische. Die nähere Umgebung war gut für den Ackerbau geeignet. In der gleichen Zeit drangen Skandinavier weiter ins Innere Russlands vor, was sich vor allem anhand von Grabbeigaben belegen lässt. Bei Pskow entstand eine Siedlung, die in den 860ern zerstört wurde. Ab dem späten 9. Jahrhundert entstand hier eine größere Stadt mit einer multikulturellen Bevölkerung. Südlich des Bjelojesees wuchsen zwei weitere Handelszentren. Bei Krutik siedelten sich im 9. und 10. Jahrhundert Grobschmiede an. 40 Kilometer entfernt entstand im 10. Jahrhundert die Ansiedlung Bjeloseero.[4] An der Wolga war vor allem Sarskoje von Bedeutung. Gehandelt wurde sowohl im Westen als auch im Osten. Über Chazarien wurde in erster Linie mit der islamischen Welt gehandelt. Ein weiterer wichtiger Handelspartner war Byzanz. Im späten 9. Jahrhundert wurden die mittelasiatischen Samaniden bedeutsam, die zu dieser Zeit noch über große Silbervorkommen verfügen konnten. Auch handelte man mit dem Irak und den Iran.[5]

Zu einer besonders wichtigen Siedlung entwickelte sich Kiew im 9. Jahrhundert. Unter der Rurikiden-Dynastie wurde es zum Zentrum des Rus-Staates. Das Wachstum gründete sich vor allem auf den Handel mit dem Osten. Entscheidend war zudem die Kooperation mit den Chazaren, von denen sie Kiew quasi übernahmen. Von ca. 907-912 zwangen sie die Byzantiner durch einen Angriff auf Konstantinopel zum Zugeständnis, dort Handel treiben zu dürfen. Von 941-945 kam es zu Angriffen von Schiffen aus Kiew auf byzantinische Städte, die aber durch die byzantinischen Schiffe abgewehrt werden konnten. Dennoch wurde ein neuer Handelsvertrag unterzeichnet.[6]

Währenddessen entwickelte sich im Nordosten Russlands Nowgorod zu einem bedeutsamen Machtzentrum. Der Handel mit den Samaniden kam immer mehr zum Erliegen, da die Silberminen Mittelasiens zunehmend erschöpft waren. So wurde wieder einmal der Pelzhandel wichtig, außerdem Silber in Form angelsächsischer und deutscher Münzen. Der Handel lief nun in erster Linie über Schweden, aber auch Norddeutschland und Polen waren wichtig. Insgesamt wurde der Ostseehandel zu einem Stützpfeiler des Rus-Reiches. Die dort lebenden Skandinavier drangen sogar in das Weiße Meer und bis zur Kola-Halbinsel vor.[7]

Das „Ende“ der Skandinavier in Russland wird meistens im 11. Jahrhundert lokalisiert. Die Anfangs eingewanderten Nordmänner hatten sich längst mit den verschiedenen Völkern der jeweiligen Gebiete vermischt. Die jetzt noch neu hinzukommenden Skandinavier verdingten sich häufig als Söldner. Doch auch diese verloren zunehmend ihre Bedeutung, nachdem in der Schlacht von Listwen 1024 ein Söldnerkontingent durch berittene nomadische Hilfstruppen vernichtend geschlagen wurde. Die Zeit, in der Fußtruppen die Schlachtfelder beherrschten, war zunächst vorbei.[8]

Die in die Gebiete des heutigen Russlands einwandernden Skandinavier haben entscheidend dazu beigetragen, dem russischen Reich den Weg zu bereiten. Sie verschwanden dabei nicht plötzlich aus diesen Regionen, sondern vermischten sich mit den zahlreichen Kulturen, die bereits ansässig waren oder auch später dazu kamen. Auch wenn die Handelsbeziehungen nach Skandinavien bestehen blieben, war die große Einwanderung aus diesen Gebieten ab dem 11. Jahrhundert vorbei. Es waren neue Strukturen entstanden, die sich über die Zeit noch mehrmals wandeln sollten. Insgesamt ist die Besiedlung des Ostens durch die Seefahrer des Nordens ein beeindruckendes Beispiel für deren Willen und Fähigkeit, lange Distanzen zu überbrücken, neue Kontakte zu knüpfen und sich Gegebenheiten vor Ort zu Nutzen zu machen. Dabei setzten sie auf eine Kombination aus Handelsgeschick, Diplomatie und  Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen. Mittel, die auch nach ihrer Herrschaft von Bedeutung bleiben sollten – bis in die heutige Zeit.

Die Ausdehnung des Rus-Reiches im 11. Jhd. (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/da/KiewerRus.jpg, 20.02.2014).

Die Ausdehnung des Rus-Reiches im 11. Jhd.
(http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/da/KiewerRus.jpg, 20.02.2014).


[1] Vgl. Noonan, Thomas S. (2001). S. 144-145.

[2] Vgl. Ebd. S. 145.

[3] Vgl. Ebd. S. 151-152.

[4] Vgl. Ebd. S. 153.

[5] Vgl. Ebd. S. 154-157.

[6] Vgl. Ebd. S. 157-160.

[7] Vgl. Ebd. S. 160-163.

[8] Vgl. Ebd. S. 163-165.

Literatur:

Noonan, Thomas S. Skandinavier im europäischen Teil Rußlands. In: Peter Sawyer (Hg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000.

 

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