Die Bedeutung der Gemeinschaft im Mittelalter

So lange es Menschen gibt, so lange leben sie in Gemeinschaften zusammen. Alleine dauerhaft zu überleben ist nur den wenigsten Überlebenskünstlern wirklich geglückt. Die Bedeutung der Gemeinschaft für den Einzelnen ist daher auch für das Verständnis des Mittelalters von ausgesprochener Relevanz. Denn gerade in harten Zeiten kann es sehr von Vorteil sein, sich auf die Unterstützung einer Gruppe verlassen zu können.

Die Familie

Die mittelalterliche Familie konnte sehr unterschiedlich aussehen, je nachdem, in welcher sozialen Schicht sie sich befand. Im Gegensatz zur modernen Kleinfamilie umfasste der mittelalterliche Familienverband eine weit größere Zahl an Personen. Neben Vater, Mutter und Kindern lebten auch Großeltern, Diener und Knechte in einem Haushalt zusammen. Wer dabei wen heiratete, lag meist im Ermessen einer bestimmten Autorität. Bei Freien war dies in der Regel der Vater, der Verhandlungen über die Verheiratung seiner Töchter führte. Bei Unfreien wurde dies häufig vom jeweiligen Lehnsherr übernommen. Diese Verhandlungen waren enorm wichtig. Durch eine geschickte Heiratspolitik war es möglich, den eigenen sozialen Stand deutlich zu verbessern. Davon profitierten dann wiederum die Kinder, die aus der Verbindung hervorgingen. Die Eltern konnten sich hingegen auf die Unterstützung durch ihre erwachsenen Kinder verlassen. Der Fortbestand der Familie wurde entscheidend dadurch bestimmt, wo sie sich im Gesellschaftsverband verortete und natürlich davon, dass genug Nachkommen gezeugt wurden, die das Kindesalter überlebten.

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Dorf und Stadt

Das Mittelalter war eine agrarisch geprägte Epoche. Die meisten Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft. In Ermangelung modernen Maschinen war hier, neben der Zugkraft der Ochsen, die menschliche Arbeitskraft entscheidend. Hiervon waren auch die Kinder nicht ausgenommen. Sie lernten bereits früh, wie die Felder bewirtschaftet und Vieh gehalten wurde.

In der Stadt waren vor allem Handwerk und Handel Triebkräfte des wirtschaftlichen Erfolges. Doch auch hier wurden die Kinder bereits frühzeitig zur Arbeit herangezogen. Die Städte waren im Hochmittelalter auf ständigen Zuzug und möglichst hohe Geburtenraten angewiesen, um die durch Krankheiten verursachten Verluste auszugleichen. Dies gilt insbesondere für die Zeit der Pest, die Millionen von Menschen das Leben kostete. Im Spätmittelalter griffen viele Städte bzw. ihre Herren hingegen auf Geburtenkontrolle zurück. Es wurde genau bestimmt, wer Kinder bekommen durfte und wer nicht. So sollte die Bevölkerungszahl auf einem Niveau gehalten werden, dass aus dem Umland versorgt werden konnte.

Die Hanse - Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Die Hanse – Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Innerhalb der Städte bildeten sich wiederum kleinere Gemeinschaften. Handwerksbetriebe schlossen sich zu Zünften zusammen, um die Interessen eines bestimmten Handwerkszweiges besser vertreten zu können. Händler verbanden sich neben ihren Gilden sogar über die Grenzen der Stadt hinweg, um ihre Geschäfte schnellerer und sicherer abwickeln zu können. Die Ebene der Kooperation orientierte sich dabei an den einzelnen Interessen und den Vorteilen, die sie ihren Mitgliedern bringen konnte.

Der Gemeinschaft kam stets die größte Bedeutung zu. Der Einzelne hatte sich dem Wohl dieser unterzuordnen. Es war ein schwerwiegendes Verbrechen, die Sicherheit der Gemeinschaft in Gefahr zu bringen. Wer in einer Siedlung Brände legte oder einen Aufstand gegen die bestehende Ordnung anzettelte, machte sich aus der Sicht der damaligen Zeit schwerer Verbrechen gegen die gottgegebene Ordnung schuldig. Die Strafen vielen entsprechend drakonisch aus. Letztlich konnten diese Gemeinschaften nur durch eine klare Ordnung und funktionierende Sicherheitssysteme überleben. Die Menschen wussten, dass der Zusammenhalt das Überleben ihrer Familien sicherte.

Die Stände

Die drei Stände des Mittelalters – Beter, Kämpfer und Bauern – waren ebenfalls Gemeinschaften. Es gab bestimmte Insignien, die die Zugehörigkeit anzeigten. Der Umgang der Standesgenossen miteinander und das Verhalten gegenüber den anderen Ständen waren klar geregelt. So sollte sichergestellt werden, dass jeder Stand die ihm zugedachten Aufgaben erfüllte und Konflikte zwischen den Ständen vermieden wurden. Jeder sollte seinen Platz kennen und sich dementsprechend in die Gemeinschaft einbringen. Es ist hinlänglich bekannt, dass dieses ideale Bild nicht immer der Realität entsprach. Dennoch gab es klare Regeln, die zu einem großen Teil auch so angewandt wurden.

Die Verteidigung der Gemeinschaft und der Schutz durch die Gemeinschaft

Kam es zu Angriffen von außen, war jedes wehrfähige Mitglied einer Gemeinschaft dazu verpflichtet, sich an der Verteidigung zu beteiligen. Letztlich waren alle vom Angriff betroffen, daher war es nur konsequent, dass alle zusammen hielten um ihr Leben und ihre Besitztümer zu verteidigen. Hierbei machte es in der Praxis kaum einen Unterschied, ob es sich um Bauern oder um Adlige handelte. So ist aus dem Neusser Krieg von 1474/75 überliefert, dass burgundische Söldner beim Plündern durch wütende Bauern vertrieben wurden. Auch die Frauen beteiligten sich an der Verteidigung. Wenn sie nicht selbst zu den Waffen griffen (was sie durchaus taten), versorgten sie die Kämpfenden und Verwundeten oder bezahlten Söldner, die für sie kämpften.

Die Städte verteidigten sich aber nicht nur gegen angreifende Feinde. Sie schützten auch ihre Mitglieder. Beispielsweise, indem sie in Gefangenschaft oder Sklaverei geratene Bürger freikauften. Auch konnte sich ein Bürger stets darauf berufen, einer bestimmten Stadt zugehören. Das konnte seinem Wort ein gewisses Gewicht verleihen. Umso schlimmer wog die Verbannung. Der Einzelne war plötzlich schutzlos und musste sich schnellstmöglich ein neues soziales Umfeld suchen, um zu überleben.

Dieses Umfeld konnte der Einzelne unter Umständen bei anderen Ausgestoßenen finden, die sich ihrerseits organisiert hatten. Bekannte Beispiele sind die Geächteten, die gar keine andere Wahl hatten, als sich gegenseitig zu unterstützen. Im späten Mittelalter bestand auch die Möglichkeit, sich einer der Söldnerkompanien anzuschließen und im Krieg sein Glück zu suchen.

Die Bedeutung einer effektiven Führung

Wie wir gesehen haben, ist für das Funktionieren jeder Gemeinschaft eine entsprechende Führung unerlässlich. Ohne klare Regeln und ein System, dass für deren Einhaltung sorgt, wäre jede Form der Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt gewesen. Dies ist ein Grund dafür, dass ein Aufbegehren gegen die bestehende Ordnung als schweres Verbrechen gewertet wurde. Gleichzeitig waren auch die Anführer stets in der Pflicht, gute Entscheidungen zu treffen. Idealerweise sollten sie die gesamte Gemeinschaft nicht nur erhalten, sondern auch zum Heil führen. Herrscher, die aus purem Eigennutz handelten, wurden in der Literatur daher häufig negativ beurteilt. So konnte auch ein König oder Kaiser nicht einfach das tun, was er wollte. Er musste sich stets auch der Interessen seiner Vasallen bewusst sein und sie in seine Entscheidungen einbeziehen. Tat er dies nicht, riskierte er Widerstand, Ablehnung und die Verweigerung von Unterstützung ihm wichtiger Vorhaben. Untergebene und Herren befanden sich also in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, auch wenn eine Hierarchie für das Funktionieren der mittelalterlichen Welt unabdingbar war.

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Wie wichtig war die Gemeinschaft für die Menschen?

Kein Mensch kann ganz alleine überleben. Das galt zu allen Zeiten. Umso weniger überrascht ist, dass auch das Mittelalter eine ganze Reihe von Organisationsformen kannte, die den Menschen das Überleben sicherten und ihnen half, sich bestimmte Vorteile zu verschaffen. Wer seine Gemeinschaft verlor, schwebte in großer Gefahr. Ohne Unterstützung hatte er es außerordentlich schwer, in der harten Welt des Mittelalters zu überleben. Auch die höheren Stände waren auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. Auffällig ist, dass der Einhaltung bestehender Regeln und Gesetze großer Wert beigemessen wurde. Das Zusammenleben der Gemeinschaft musste geregelt sein, um zu funktionieren. Geriet diese in Unruhe oder nahmen Regelbrüche zu, geriet das gesamte Gemeinschaftsgefüge in Gefahr. Dass das den schnellen Untergang bedeuten konnte, war den Menschen also durchaus klar. Die Gemeinschaften waren dabei nicht unbedingt nach außen abgeschlossen. Sie funktionierten immer in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt.

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