Das mittelalterliche Münzwesen – Überblick über Entstehung und Entwicklung

Wer heute in seine Geldbörse greift hat häufig die Wahl, mit welchen Zahlungsmitteln er bezahlen möchte. Uns modernen Menschen steht neben dem traditionellen Bargeld inzwischen vor allem der digitale Weg offen. Daneben gibt es aber noch eine Reihe ganz anderer Ideen zur Abwicklung von Zahlungen, beispielsweise die Internetwährung Bitcoin. Wir erleben hautnah eine Entwicklung, wie sie auch in den vorangegangenen Jahrhunderten immer wieder stattfand. Alte Wege des Bezahlens wurden immer wieder von neuen ergänzt oder gar ganz abgelöst. Dieser Artikel soll einen Überblick darüber geben, wie die mittelalterlichen Währungen entstanden, entwickelten und letztlich die Grundlage für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Europas bildeten.

Germanen und Römer: Zwei Wirtschaftssysteme treffen aufeinander

Als die germanischen Stämme östlich des Rheins in Kontakt mit dem römischen Reich traten kam es nicht nur zu Konflikten. Der Austausch von Waren spielte eine bedeutende Rolle in der Beziehung zwischen den so verschiedenen Welten. Hier trafen zwei verschiedene Wirtschaftssysteme aufeinander. Während die Römer bereits über ein Münzwesen verfügten, diente bei den Germanen zu dieser Zeit vor allem das Vieh als Zahlungsmittel. Im Laufe der Zeit lernten die Stämme, dass das Bezahlen von Waren mit Münzen durchaus seine Vorteile haben konnte. Tauschhandel mochte beim direkten Kontakt mit Nachbarn gut funktionieren, stieß aber spätestens beim Fernhandel an seine Grenzen. Kleine Münzen oder Barren ließen sich eben deutlich besser transportieren.

Römische Münzen

Die römische Republik hatte im dritten vorchristlichen Jahrhundert begonnen, Kupfer- und Bronzebarren als Zahlungsmittel einzuführen. Ihnen folgte der As nach, der häufig mit Götterbildern verziert war. Noch im selben Jahrhundert wurde auch Silber für die Münzprägung üblich – der sogenannte Quadrigatus entstand. Ihm folgte bald der Denar.

Nach dem Untergang der Republik und unter der Herrschaft der römischen Kaiser kam schließlich die Goldmünze auf, der Aureus. Den silbernen Denar gab es weiterhin, ebenso den As aus Kupfer. Dazu kam der bekannte Sesterz, der vielen auch aus den Asterix-Comics bekannt sein dürfte. Dieser wurde aus Messing hergestellt. Weniger bekannt dürfte der Dupondius sein. Während der Kaiserzeit war es üblich, die Münzen mit dem Profil des jeweiligen Kaisers zu versehen. So wurden die Münzen nicht nur zu einer Möglichkeit, Macht über bestimmte Gebiete zu symbolisieren. Sie helfen auch Archäologen recht zuverlässig bei der zeitlichen Zuordnung von Funden. Da jeder Kaiser bei Regierungsantritt eigene Münzen in Umlauf brachte, lassen sich Funde entsprechend der jeweiligen Regierungszeit gut datieren.

Römischer Sesterz

Römischer Sesterz

Die Wechselkurse stellten sich folgendermaßen dar: Ein Aureus war 25 Denare wert, die wiederum den Gegenwert von 100 Sesterzen besaßen. Für diese hätte der Händler 200 Dupondien bekommen, die er in 400 Asse hätte wechseln können. In der späten Kaiserzeit kamen mit Argenteus, Nummis und Follis neue Münzen hinzu.

Follis der Spätantike

Follis der Spätantike

Der Übergang zum Mittelalter

Als zur Zeit der Völkerwanderung ab dem Ende des 4. Jahrhunderts n.Chr. immer mehr Germanen nach Westen und Süden zogen und Gebiete von den Römern übernahmen, begannen auch sie mit dem Prägen von Münzen. Diese erste germanischen Eigenprägung nennt man auch den germanischen Brakteat. Dieser war nur auf einer Seite mit einer Prägung versehen. Auch übernahmen sie im Umlauf befindliche Münzen.

Dennoch blieb im frühen Mittelalter der Tauschhandel mit Naturalien in vielen Gebieten hauptsächlicher Bestandteil des Handels. Eine Ausnahme bildete Byzanz, welches das bestehende römische Münzsystem weiter nutzte und veränderte. Auch die nun islamischen Gebiete verwendeten Münzen: Den goldenen Dinar und den Dirhem aus Silber. Beim Bezahlvorgang wurden Münzen nicht abgezählt, wie es heute üblich ist – sie wurden abgewogen.

Münzen und ihre Bedeutung im Mittelalter

Die Bedeutung des Geldes für die Menschen war damals eine andere als heute. Ein gefüllter Geldbeutel bedeutete noch nicht, dass jemand gesellschaftlich aufsteigen konnte. Es war noch nicht einmal sicher, ob diese Münzen überall als Tauschmittel akzeptiert werden würden. Immerhin wurde in vielen Gebieten weiterhin mit Naturalien bezahlt. Die Bedeutung der Münzen für die Politik war allerdings sehr groß. Dies liegt vor allem darin begründet, dass das Recht zur Prägung seit der Antike dem jeweiligen Herrscher zustand. Dies war auch im Mittelalter der Fall. Es war eines der Regalien, der Rechte, die nur einem König zustanden und nur durch diesen auch jemand anderem gewährt werden konnten.

Dementsprechend waren es zunächst die Könige und Kaiser, die Münzreformen durchführten. Karl der Große machte die Erneuerung des Münzwesens zu einem Pfeiler seiner umfangreichen Reformen innerhalb seines Reiches. Unter ihm wurde der Silberdenar zur reichsweiten Währung.

Französischer Denar (Denier) aus dem frühen Mittelalter.

Französischer Denar (Denier) aus dem frühen Mittelalter.

Im Hochmittelalter (ab 1356) wurde das Münzregal neben dem König auch den Kurfürsten zugestanden. Nun war es jedem von ihnen möglich, in seinem Herrschaftsgebiet eigene Münzen zu prägen. Einzelne freie Städte hatten dieses Recht sogar schon früher erhalten. Das Ergebnis war eine große Vielfalt an Münzen, die erst mit der Reichsgründung 1871 und der damit verbundenen Vereinigung der deutschen Einzelstaaten ein Ende finden sollte.

Goldgulden aus dem Spätmittelalter.

Goldgulden aus dem Spätmittelalter.

Im Rheinland war der Albus gängiges Zahlungsmittel, im mittleren Deutschland und am Bodensee zahlte man mit dem Brakteat. Im Spätmittelalter war in Süddeutschland, der Schweiz und dem nördlichen Italien der sogenannte Batzen im Umlauf (benannt nach dem Bären, dem Wappentier von Bern). Neben dieser interessanten Münze gab es den Dicken und den Guldiner. Auch Heller und Groschen fanden eine weite Verbreitung. Während in Nordeuropa Münzen vor allem aus Silber hergestellt wurden, bediente man sich in Südeuropa auch Gold. Die Spanier kannten den Dobla, der östliche Mittelmeerraum den Dukat, den Floren und den Genovino d’oro. Dies waren die Währungen der italienischen Städte, die durch Handel und andere Transportdienstleistungen zu Reichtum und Macht gelangten. Im Heiligen Römischen Reich wurden diese Goldmünzen als Goldgulden übernommen. In Frankreich wurden der Denier und der Gros verwendet.1 Im englischen Raum wurde mit dem Penny bezahlt, der sich bis heute halten konnte. Dies gilt auch für den Dirhem im islamischen Raum. Auch die anderen Münzen blieben auch nach dem Ende des Mittelalters teilweise einige Jahrhunderte im Umlauf.

Albus aus dem späten 17. Jahrhundert.

Albus aus dem späten 17. Jahrhundert.

Es versteht sich von selbst, dass die Münzen nicht unbedingt in den Gebieten blieben, in denen sie geprägt wurden. Durch den Fernhandel gab es ein gewisses Maß an Geldaustausch auch zwischen weit entfernten Gebieten. Dies war kein allzu großes Problem, bestanden die Münzen doch tatsächlich aus richtigem Edelmetall. Werte gingen so zunächst nicht verloren. Erst als der Silberanteil geringer wurde und auch unedle Metalle bei der Prägung verwendet wurden stieg der Bedarf an detaillierten Wechselkursen und vor allem an Geldwechslern.

Bezahlen im Mittelalter – Naturalien oder Münzen?

Wir haben gesehen, dass es trotz des im Mittelalter immer noch weit verbreiteten Naturalientausches auch nach dem Ende des römischen Reiches eine große Zahl an Münzen gab. So unbedeutend sie zunächst für den Tauschhandel zwischen direkten Nachbarn war, so wichtig wurden sie für den Handel über weite Entfernungen. Für die Herrscher war das Münzregal zunächst vor allem Zeichen ihrer Macht. Sie folgten damit direkt der antiken Tradition. Das Lehnssystem an sich war zunächst nicht unbedingt auf Geld angewiesen, profitierte aber langfristig von dem sich immer weiter verdichtenden Handelsnetz. Insbesondere die freien Städte gelangten mit Hilfe der Münzen und dem hiervon begünstigten Fernhandel im hohen und späten Mittelalter zu großem Reichtum. Dies ermöglichte es ihren Bewohnern schließlich, dem Adel auf dem Land die Stirn zu bieten und eigene Armeen und Flotten auszurüsten. Somit bildeten sie den Ausgangspunkt für die Entwicklung, die bis in unsere Zeit anhalten sollte. Am Ende setzten sich die Münzen gegen den Tauschhandel mit Naturalien weitgehend durch. Ihre Vorteile überwogen deutlich.

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