War die mittelalterliche Technik des Burgenbaus römischen Ursprungs?

Bereits die Römer errichteten beeindruckende Befestigungsanlagen. Ob der Hadrianswall, der obergermanisch-raetische Limes oder die Stadtmauern römischer Siedlungen – es könnte nahe liegen, hier den Ursprung für die Burgen und Mauern des Mittelalters zu suchen. Ganz so einfach ist die Sache freilich nicht.

Zunächst einmal sind Befestigungsanlagen keine Erfindung der Römer. Man baute sie lange, bevor das kleine Dorf am Tiber zur Weltmacht aufstieg. Und sie wurden lange nach dem Ende des Imperium Romanum erbaut. Die Grundprinzipien blieben dabei immer gleich. Orte mit natürlichen Hindernissen boten sich für den Bau von Befestigungen genauso an wie die Lage an Flüssen, wichtigen Straßen, Bergpässen und in Städten. Dabei erwies sich eine rechteckige Grundform meist als besonders effektiv – sofern die natürlichen Gegebenheiten dies zuließen. Diese Grundprinzipien sollten auch das Mittelalter hindurch Bestand haben.

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Die Saalburg – im 19. Jahrhundert rekonstruiert.

Unterschiedliche Strategien

Schützende Mauern besaßen für die Römer eine etwas andere Bedeutung als für die Menschen des Mittelalters. Sie dienten zwar bereits in der Antike dazu, Feinden das Vorankommen zu erschweren. Nicht umsonst war es in der Legion üblich, befestigte Marschlager für die sichere Übernachtung zu errichten. Und die große Stadtmauer Roms entstand durchaus als direkte Folge der Plünderung durch die Gallier im 4. Jhd. v.Chr. Die gesamte Taktik der römischen Armee war allerdings auf die offene Feldschlacht ausgerichtet.

Die Heerführer des Mittelalters mieden offene Schlachten aufgrund ihrer Unberechenbarkeit in den meisten Fällen. Belagerungen waren dementsprechend häufiger. Damit besaßen Burgen und Stadtmauern eine weit größere Bedeutung. Sie entschieden nun direkt über Sieg und Niederlage. Die Verteidiger mussten zudem in der Lage sein, lange Zeit ohne die Rettung durch ein Ersatzheer auszuharren.

Weiternutzung römischer Bauten

Doch auch, wenn die Anforderungen inzwischen andere waren: An verschiedenen Orten wurden die römischen Bauten zunächst weiterhin genutzt und später ausgebaut. So behielt Köln seine römische Stadtmauer, bis sie durch zeitgemäße Bauten Stück für Stück ersetzt wurde. Auch Burgen wurden teilweise auf den Ruinen früherer Kastelle errichtet – nicht zuletzt, weil die von den Römern gewählten Standorte strategisch immer noch sinnvoll waren. Wenn die baulichen Hinterlassenschaften des Weltreiches nicht mehr aktiv genutzt wurden, dienten sie meist als Steinbruch. So erging es auch der Colonia Ulpia Traiana, die das Baumaterial für das mittelalterliche Xanten lieferte.

Die Mauern der Antike = Die Mauern des Mittelalters?

Es wäre also nicht richtig, den römischen Befestigungen jeglichen Einfluss auf den Burgenbau des Mittelalters abzusprechen. Allerdings sollte bedacht werden, dass sich die Strategien des antiken Roms und der Reiche des Mittelalters deutlich voneinander unterschieden. Während die Römer ihre Feinde gerne im Feld stellten und über ein gut erschlossenes Hinterland verfügten, befanden sich die Burgen des Mittelalters häufig in einer deutlich abgelegeneren Lage. Es konnte bisweilen lange dauern, bis Verstärkung eintraf. Sie mussten also deutlich stärker befestigt und wesentlich autarker sein, als dies beispielsweise bei römischen Kastellen der Fall war. Ein gutes Beispiel ist die Schildmauer, die die Burgen vor Beschuss schützen sollte – nachgewiesenermaßen eine Erfindung des Mittelalters. Also: Römische Einflüsse gab es. Direktes Vorbild für den Burgenbau waren die römischen Befestigungen jedoch in den meisten Fällen eher nicht.

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Hohensalzburg

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Überlegungen zum Burgenbau in Westeuropa

Der Bau einer Burg war kein einfaches Unterfangen. Schon im Vorfeld musste genau überlegt werden, wo man die Burg errichten wollte und zu welchem Zweck. Die Form der Burg musste dem jeweiligen Gelände angepasst werden. Idealtypisch bestand eine Burg aus einem Palas, dem Bergfried oder einem Wohnturm, einer Zisterne, mehreren Neben- und Wirtschaftsgebäuden. Ein Bergfried findet sich allerdings nicht in allen Burgen. Das Tor wurde häufig durch Türme gesichert.1 Im Frühmittelalter wurde meistens ein quadratischer Wohnturm auf einer Motte errichtet. Bei einer Motte handelt es sich um eine künstlich aufgeschütteten Erdhügel. Um die Motte herum wurde dann zusätzlich eine Palisade oder Holzmauer errichtet. Bis in die Salierzeit hinein lassen sich Holzburgen finden. Seit dem 9. und 10. Jahrhundert sind auch Höhenburgen als Wohnsitze bekannt, Türme seit dem 11. Jahrhundert.2 Die Motte entwickelte sich wahrscheinlich aus dem befestigten Adelssitz. Besonders häufig ist sie im Flachland, in dem Erhebungen erst künstlich geschaffen werden mussten. Sie waren in der Frühzeit des Burgenbaus eher flach und wurden erst ab dem 12. Jahrhundert höher aufgeschüttet. Bis dahin blieben hölzerne oder steinerne Wohntürme, teilweise sogar ohne Motte, der Normalfall.3

Das 12. und 13. Jahrhundert schließlich gilt als die klassische Zeit des Burgenbaus. Interessant ist, dass der Hauptfokus zumeist auf der repräsentativen Wirkung der Burg lag und nicht so sehr auf ihrer Wehrhaftigkeit. Der eigene Stand sollte durch den Bau signalisiert werden, Belagerungen waren eher die Ausnahme. Die Errichtung einer Burg war dabei immer ein lokaler Vorgang. Wo eine Burg errichtet wurde war ganz unterschiedlich. Es gab Burgen, die etwas abgelegen auf Bergen oder in Wäldern lagen. Andere wurden in der Nähe eines Dorfes gebaut, wieder andere in der Stadt.4 Durch die Kreuzzüge kamen byzantinische, armenische, spätantike und islamische Einflüsse nach Nordeuropa. Schießscharten wurden beispielsweise aus dem Orient übernommen.5

Im Spätmittelalter veränderten sich die Burgen nochmals. Sie wurden größer und stärker befestigt. Parallel hierzu entwickelten sich aber auch befestigte Paläste und Residenzburgen. Vorburgen wurden errichtet, in denen Wirtschaftsgebäude, Gärten und Gehöfte zusammengefasst werden konnten. Zwinger, Fallgitter und Zugbrücken schützten die Tore. Auf den Angriffsseiten der Burgen wurden häufig Schildmauern errichtet, die durch ihre Dicke und Höhe vor allem Geschosse abfangen sollten. Außerdem kamen Ringmauern mit Flankierungstürmen in Mode. Auch finden sich jetzt regelmäßig Schießscharten und eigenständige Palastbauten innerhalb der Burg.6

Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass es auch im Mittelalter die Technologie der Wasserleitungen gab. Teilweise wurden sogar Burgen hiermit ausgestattet, wenn man auch eine zweite Wasserquelle innerhalb der Burg für den Belagerungsfall benötigte.7

Die Genehmigung zum Bau einer Burg musste der König erteilen, er verfügte über das sogenannte „Burgenbauregal“. Im Laufe der Zeit verlieh er es aber an immer mehr Fürsten, die es ihrerseits weiter verliehen. Als dann die Königsmacht immer schwächer wurde und die regionalen Fürsten erstarkten, sahen diese das Recht, Burgen zu bauen, als Symbol ihrer Herrschaft an.

1Vgl. Großmann, G. Ulrich (2005) S. 81-84.

2Vgl. Böhme, Wolfgang (1999) S. 54-77.

3Vgl. Biller, Thomas (1993) S.112-115.

4Vgl. Meckseper, Cord (1999) S. 83-104.

5Vgl. Hofrichter, Hartmut (1999) S. 104-108.

6 Vgl. Großmann, G. Ulrich (2005) S. 169-180.

7Vgl. Grewe, Klaus (1991) S. 32-36.

Sekundärliteratur:

Biller, Thomas. Die Adelsburg in Deutschland. Entstehung, Form und Bedeutung. München, 1993.

Böhme, Horst Wolfgang u.a. (Hg.). Burgen in Mitteleuropa. Ein Handbuch. Band 1. Bauformen und Entwicklung.Stuttgart, 1999.

Grewe, Klaus. Wasserversorgung und -entsorgung im Mittelalter. Ein technikgeschichtlicher Überblick. (Die Wasserversorgung im Mittelalter. (Geschichte der Wasserversorgung Band 4)). Mainz, 1991. S. 11-86.

Großmann, G. Ulrich. Burgen in Europa. Regensburg, 2005.

Hofrichter, Hartmut. Einflüsse durch Kreuzfahrerburgen. (Böhme, Horst Wolfgang u.a. (Hg.). Burgen in Mitteleuropa. Ein Handbuch. Band 1. Bauformen und Entwicklung.Stuttgart, 1999). S. 104-108.

Meckseper, Cord. Burgenbau im 12./13. Jahrhundert. (Böhme, Horst Wolfgang u.a. (Hg.). Burgen in Mitteleuropa. Ein Handbuch. Band 1. Bauformen und Entwicklung.Stuttgart, 1999). S. 83-104.


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Die mittelalterliche Burg

Turmburg

Turmburg

Die Burg – wohl eines der markantesten und eindruckvollsten Bauwerke des Mittelalters. Gleichzeitig ist sie auch das Bauwerk, welches heute am ehesten mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht wird. Daher überrascht es nicht, dass sie noch heute die Fantasie beflügelt und in allen Größen und Formen in der Literatur, im Film und auf Bildern zu finden ist. Dies gilt freilich nicht nur für unsere Zeit, sondern lässt sich bis in das frühe 19. Jahrhundert nachweisen. Doch was zeichnete eine mittelalterliche Burg wirklich aus? Wo treffen sich Fantasie und Wirklichkeit und was gehört wirklich in das Reich der Märchen und Legenden?

Motte Dinan auf dem Teppich von Bayeux

Motte Dinan auf dem Teppich von Bayeux

Befestigungswerke gab es nicht erst seit dem Mittelalter. Schon in der frühen Antike sind sie archäologisch und auf Abbildungen nachzuweisen. Schon die Sumerer bauten sie, und die Ägypter befestigten mit Burgen ihre Grenzen und Städte. Die Römer perfektionierten den Bau von Befestigungen und auch bei ihren Feinden, von den Kelten bis zu den Germanen, waren Kenntnisse hierzu vorhanden. Man sollte allerdings beachten, dass die Baukunst der Römer für den Raum des früheren Germaniens zunächst nicht als Vorlage diente. In diesem Bereich wurden die römischen Baukenntnisse erst im Hochmittelalter wiederentdeckt, vor allem durch Einflüsse aus dem Mittelmeerraum und aus Frankreich. Zu dieser Zeit wurden auch alte römische Anlagen in die Neubauten integriert.

Eine Neuentwicklung des Mittelalters war die sogenannte Adelsburg, also der befestigte Wohnsitz eines oder mehrerer Adligen und dessen Familie. Aber nicht alle Burgen waren in erster Linie auf die Verteidigung gegen eine Belagerung ausgerichtet. Viel wichtiger war die Repräsentation und die hiermit verbundene Sicherung des eigenen Status. Einige Burgen, wie eine Untersuchung in Frankreich und Großbritannien ergeben hat, waren aus wehrtechnischer Sicht sogar komplett ungeeignet für den Krieg. Auch konnte eine Burg an sich das Umland oder auch einen Pass nicht sichern. Für solche Aufgaben wurden spezielle Befestigungsanlagen errichtet, beispielsweise eine Passsperre. Diese Anlagen mussten dann aber auch über eine große Garnison verfügen. Diese besaßen die Adelsburgen in der Regel nicht. Meist ließ sich die Burgbesatzung an zwei Händen abzählen, meist noch durch Wachhunde und Gänse (die ja für ihre Aufmerksamkeit bekannt sind) unterstützt.

Slavenburg Raddusch

Slavenburg Raddusch

Dennoch fand man auf nahezu allen Burgen mehr oder weniger gut ausgestattete Waffenkammern für den Verteidigungsfall. Umliegende Höfe wurden häufig in das direkte Umfeld der Burg verlegt und befestigt. Hieraus entstanden dann Vorburgen. Die Burg selbst verfügte meist über eigene Wirtschaftsgebäude und eine Zisterne, dazu über einen Palas (Wohngebäude) und in manchen Fällen über einen Bergfried. Dieser befand sich meist auf der Seite, auf der die meisten Angriffe erwartet wurden. Mit der zunehmenden Durchschlagskraft von Belagerungswaffen ging man dazu über, zusätzlich auf dieser Seite eine sogenannte Schildmauer zu errichten (ab dem 14. Jhd.). Diese sollte Geschosse abfangen und war zu diesem Zweck besonders hoch und dick. Die Tore waren zunächst einfach gehalten und wurden mit Querbalken gesichert. Im späten Mittelalter wurden sie durch eiserne Schlösser, Beschläge und vor allem durch Hängebrücken, Fallgitter und Tortürme gesichert. Die Mauern verfügten idealerweise über mehrere Türme, aus denen der Fuß der Mauer beschossen werden konnte.

Die Architektur der Burg richtete sich sowohl nach dem Gelände als auch nach den Anforderungen. Okkupationsburgen, wie die Burgen der Normannen in England oder die Kreuzfahrerburgen, mussten vor allem eine große Garnison aufnehmen können und Angriffen großer Heere standhalten können. Die Adelsburgen, wie schon erwähnt, dienten der Rückversicherung und Repräsentation. Stadtburgen dienten vor allem als Verwaltungssitz in den Städten. Neben den unregelmäßigen Burgen finden sich aber auch rechteckig oder quadratisch angelegte Anlagen, der Kastelltyp. Eine Besonderheit stellt die Pfalz dar, die zeitweilige Residenz zur Zeit des Wanderkönigtums.

Viel wichtiger als als militärischer Stützpunkt war die Adelsburg aber als wirtschaftliches, soziales und administratives Zentrum der jeweiligen Region. Hier saß der Burgvogt oder Burggraf, der auch für die Verwaltung aller zur Burg gehörigen Güter zuständig war. Zudem waren viele Burgen auch Gerichtssitz und Gefängnis. In einigen Fällen gab es auch Burgen, die zur Lagerung von Gütern verwendet wurden. Die mittelalterliche Burg konnte also ganz unterschiedliche Aufgaben haben. Bei der Wirtschaft handelte es sich meistens um Naturalwirtschaft. Geld spielte nur in den Städten eine wichtige Rolle.

Die Adelsburgen verloren mit dem Ende des Mittelalters an Bedeutung. In allen oben genannten Punkten liefen ihnen die Städte, mit denen sich die Adligen schon lange in Konkurrenz befunden hatten, nun endgültig den Rang ab. Die Geldwirtschaft setzte sich endgültig duch. Die Burgen wurden nach und nach zu palastähnlichen Anlagen umfunktioniert und entwickelten sich nach und nach zu Schlössern. Die meisten Burgen wurden aber aufgegeben.

Viele der Burgen, die sich heute stolz erheben, stammen gar nicht aus dem Mittelalter. Ein Großteil dieser Bauwerke wurde im 19. Jahrhundert errichtet, als romantische Vorstellungen vom Mittelalter, der großen und strahlenden Zeit der Deutschen, vorherrschten und propagiert wurden, um die nationale Einheit vorranzutreiben. Der Besitz von alten Ruinen galt in dieser Zeit ebenfalls als „schick“. Die Originale sind rar geworden. Wer einmal den Bau einer Burg live verfolgen möchte, kann dies im französischen Guedelon tun. Hier wird eine Burg mit mittelalterlichen Bautechniken errichtet.

Sekundärliteratur:

Großmann, Ulrich G.: Burgen in Europa. Regensburg, 2005.

Piper, Otto: Burgenkunde. Bauwesen und Geschichte. Dritte Auflage München, 1912. Nachdruck. Köln, 2011.

Zeune, Joachim: Burgen. Symbole der Macht. Ein neues Bild der mittelalterlichen Burg. Regensburg, 1996.

Urheber der Bilder:

Turmburg: Frank Sautter

Slavenburg Raddusch: http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Kurpfalzbilder.de


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