War die mittelalterliche Technik des Burgenbaus römischen Ursprungs?

Bereits die Römer errichteten beeindruckende Befestigungsanlagen. Ob der Hadrianswall, der obergermanisch-raetische Limes oder die Stadtmauern römischer Siedlungen – es könnte nahe liegen, hier den Ursprung für die Burgen und Mauern des Mittelalters zu suchen. Ganz so einfach ist die Sache freilich nicht.

Zunächst einmal sind Befestigungsanlagen keine Erfindung der Römer. Man baute sie lange, bevor das kleine Dorf am Tiber zur Weltmacht aufstieg. Und sie wurden lange nach dem Ende des Imperium Romanum erbaut. Die Grundprinzipien blieben dabei immer gleich. Orte mit natürlichen Hindernissen boten sich für den Bau von Befestigungen genauso an wie die Lage an Flüssen, wichtigen Straßen, Bergpässen und in Städten. Dabei erwies sich eine rechteckige Grundform meist als besonders effektiv – sofern die natürlichen Gegebenheiten dies zuließen. Diese Grundprinzipien sollten auch das Mittelalter hindurch Bestand haben.

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Die Saalburg – im 19. Jahrhundert rekonstruiert.

Unterschiedliche Strategien

Schützende Mauern besaßen für die Römer eine etwas andere Bedeutung als für die Menschen des Mittelalters. Sie dienten zwar bereits in der Antike dazu, Feinden das Vorankommen zu erschweren. Nicht umsonst war es in der Legion üblich, befestigte Marschlager für die sichere Übernachtung zu errichten. Und die große Stadtmauer Roms entstand durchaus als direkte Folge der Plünderung durch die Gallier im 4. Jhd. v.Chr. Die gesamte Taktik der römischen Armee war allerdings auf die offene Feldschlacht ausgerichtet.

Die Heerführer des Mittelalters mieden offene Schlachten aufgrund ihrer Unberechenbarkeit in den meisten Fällen. Belagerungen waren dementsprechend häufiger. Damit besaßen Burgen und Stadtmauern eine weit größere Bedeutung. Sie entschieden nun direkt über Sieg und Niederlage. Die Verteidiger mussten zudem in der Lage sein, lange Zeit ohne die Rettung durch ein Ersatzheer auszuharren.

Weiternutzung römischer Bauten

Doch auch, wenn die Anforderungen inzwischen andere waren: An verschiedenen Orten wurden die römischen Bauten zunächst weiterhin genutzt und später ausgebaut. So behielt Köln seine römische Stadtmauer, bis sie durch zeitgemäße Bauten Stück für Stück ersetzt wurde. Auch Burgen wurden teilweise auf den Ruinen früherer Kastelle errichtet – nicht zuletzt, weil die von den Römern gewählten Standorte strategisch immer noch sinnvoll waren. Wenn die baulichen Hinterlassenschaften des Weltreiches nicht mehr aktiv genutzt wurden, dienten sie meist als Steinbruch. So erging es auch der Colonia Ulpia Traiana, die das Baumaterial für das mittelalterliche Xanten lieferte.

Die Mauern der Antike = Die Mauern des Mittelalters?

Es wäre also nicht richtig, den römischen Befestigungen jeglichen Einfluss auf den Burgenbau des Mittelalters abzusprechen. Allerdings sollte bedacht werden, dass sich die Strategien des antiken Roms und der Reiche des Mittelalters deutlich voneinander unterschieden. Während die Römer ihre Feinde gerne im Feld stellten und über ein gut erschlossenes Hinterland verfügten, befanden sich die Burgen des Mittelalters häufig in einer deutlich abgelegeneren Lage. Es konnte bisweilen lange dauern, bis Verstärkung eintraf. Sie mussten also deutlich stärker befestigt und wesentlich autarker sein, als dies beispielsweise bei römischen Kastellen der Fall war. Ein gutes Beispiel ist die Schildmauer, die die Burgen vor Beschuss schützen sollte – nachgewiesenermaßen eine Erfindung des Mittelalters. Also: Römische Einflüsse gab es. Direktes Vorbild für den Burgenbau waren die römischen Befestigungen jedoch in den meisten Fällen eher nicht.

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Hohensalzburg

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Waffen des Mittelalters: Brandsätze und Griechisches Feuer

Feuer: Lebenserhaltend und zerstörerisch zugleich. Ein Element, dass in der mittelalterlichen Kriegführung auf immer erfinderische Art und Weise Anwendung fand und mindestens so furchterregend war wie Schwerter und Äxte.

Der Ursprung des Feuers in der Kriegführung

Feuer wurde von der Menschheit seit jeher als Waffe eingesetzt. In der Antike kamen bereits sehr raffinierte Anwendungen zum Einsatz. Brennbare Pfeile und Katapultgeschosse waren gängige Praxis. Nicht nur gegen Armeen im Feld, selbst gegen mächtige Befestigungsanlagen entfaltete das Feuer seine zerstörerische Wirkung. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass auch die Krieger des Mittelalters auf das Feuer und verschiedene, brennbare Substanzen zurückgriffen.

Der Einsatz von Feuer gegen Befestigungen

Es gab mehrere Möglichkeiten, eine Mauer zum Einsturz zu bringen. Bestand sie aus Holz, konnte sie im Idealfall recht einfach in Brand gesteckt werden. Das galt ebenso für hölzerne Türen und Tore. Wurde Feuer in das Innere einer befestigten Siedlung geschleudert, konnten außerdem hölzerne Gebäude in Flammen aufgehen. Feuer stellte für jede Siedlung im Mittelalter die allergrößte Gefahr dar. Umso mehr wird deutlich, wie groß die Angst im Kriegsfall gewesen sein muss.

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Der Einsatz von Feuer gegen die hölzerne Mauer von Dinan, 1064. Darstellung auf dem Teppich von Bayeux.

Selbst Mauern aus Stein konnten einem Feuer zum Opfer fallen. Wurden Gänge unter die Mauern gegraben und dort ein großes Feuer entzündet, stürzte die Mauer nach einer Zeit in sich zusammen. Eine andere Methode sah vor, Löcher in die Wand zu bohren und heiße Luft hinein zu leiten. Zu diesem Zweck wurden Kohlen in tönernen Töpfen entzündet und die Hitze mit Hilfe von Eisenrohren in zuvor in die Mauer gebohrte Löcher geleitet. Dies führte schließlich dazu, dass die Steine platzten.1

Brennende Vögel und Katzen

Wie bereits erwähnt stellte ein Feuer innerhalb einer Siedlung stets eine große Gefahr dar. Die Quellen berichten in diesem Zusammenhang mit einigen sehr trickreichen, wenn auch brutalen Methoden, um eine Burg oder Stadt in Brand zu stecken.

Katzen und Vögel seien eingefangen und mit brennenden Materialien versehen worden. Die Autoren berichten weiterhin, dass die Tiere in Panik in ihre in der jeweiligen Befestigung befindlichen Unterschlüpfe fliehen würden und das Feuer sich dort ausbreiten könne.

Ob dies wirklich eine effektive Methode darstellte, kann heute nicht mehr eindeutig bewiesen werden.

Griechisches Feuer, arabische Naphta-Truppen und mongolische Granaten

Im 13. und 14. Jahrhundert tauchte in Europa das „Liber ignium ad comburendos hostes“ auf, verfasst von Marcus Graecus. In diesem Buch wird das berüchtigte Griechische Feuers erwähnt. Erfunden wurde diese extrem heiße und kaum zu löschende Substanz im siebten Jahrhundert von einem gewissen Callicinus und zunächst vor allem durch Byzanz verwendet. Die Byzantiner hüteten das Geheimnis der Herstellung mit allen Mitteln. Aus gutem Grund: Die Quellen berichten, dass Griechisches Feuer Stein und Eisen zu Staub werden lasse und selbst auf dem Wasser brennen würde. Zum Einsatz kam es vor allem auf den Schiffen der byzantinischen Marine. Aus einem bronzenen Rohr am Bug wurde das Feuer auf das feindliche Schiff gegossen.

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Einsatz des Griechischen Feuers zur See (12. Jhd.).

Es lassen sich außerdem Belege für kleinere Vorrichtungen finden, mit deren Hilfe griechisches Feuer von Soldaten im Nahkampf eingesetzt werden konnte. Diese sogenannte Hand-Siphons wurden ähnlich den modernen Flammenwerfern eingesetzt.

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 Darstellung aus dem Codex Vaticanus Graecus, 1605.

Hierfür waren neben den Byzantinern vor allem die Araber berüchtigt. In ihren Armeen kamen die sogenannten Naphta-Truppen zum Einsatz. Diese Spezialeinheiten waren in feuerfeste Kleidung gehüllt und schleuderten das Feuer in zerbrechlichen Gefäßen aus Ton, Glas oder Metall auf den Gegner. Sie wurden häufig zusammen mit Bogenschützen eingesetzt.2 Die Westeuropäer kamen mit dem Griechischen Feuer buchstäblich erstmals im Rahmen der Kreuzzüge in Berührung. Sie waren es, die es anschließend nach Europa importierten.

Griechisches Feuer wurde außerdem mit der Hilfe von Trebuchets auf Befestigungen geschleudert. Zu diesem Zweck wurde es in zerbrechliche Kugeln gefüllt, angezündet und verschossen. Diese Technik wurde u.a. von den Mongolen verwendet, die im 13.Jahrhundert große Teile Europas und Asiens eroberten.

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Ein Trebuchet schleudert ein brennendes Geschoss. Harper’s New Monthly Magazine, No. 2229, Juni, 1869.

Die Herstellung des Griechischen Feuers

Die Zusammensetzung des Griechischen Feuers ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Als Bestandteile von brennbaren Substanzen wurden im Mittelalter in erster Linie Teer, Terpentin, Petroleum, Öle, Schwefel, Wachs, Pech sowie die Fäkalien von Tauben und Schafen.3 Laut Marcus Graecus bestand das Griechische Feuer aus Schwefel, Pech, Petroleum, gewöhnlichem Öl, Sarcocolla und Sal Coctum. Letzteres ist besonders umstritten. Während die einen meinen, es würde sich um Salpeter handeln, halten es die anderen für normales Salz. Marcus Graecus erwähnt nicht, in welchem Mischverhältnis die Zutaten stehen müssen. Dafür nennt er die drei Wege, wie das Griechische Feuer gelöscht werden kann: Mit Urin, Essig und Sand.4 Es empfahl sich also im Vorfeld einer Belagerung, die entsprechenden Stoffe bereit zu halten und besonders gefährdete Stellen rechtzeitig zu imprägnieren.

Chemische Kriegführung im Mittelalter

Neben der Hitze stellten die giftigen Gase des Feuers eine ernstzunehmende Gefahr dar. Im 13. Jahrhundert wurden mit einer Mischung aus Schwefel und schwelender Kohle hochgiftige Gase erzeugt. Konrad Kyeser empfahl im 15. Jahrhundert Schwefel, Teer und zerstoßene Pferdehufe.5 Wurden diese Gase in eine Befestigung oder ein Lager geleitet, waren die Auswirkungen meist fatal.

Feuer und Schwarzpulver

Schwarzpulver wird aus Salpeter, Schwefel und Kohle hergestellt. Zutaten, die bereits bei der Herstellung der verschiedenen, brennbaren Substanzen verwendet wurden. Roger Bacon entdeckte die Mischung Mitte des 13. Jahrhunderts in Europa. Albertus Magnus entwickelte das Schwarzpulver 25 Jahre später dann noch einmal entscheidend weiter. Die neue Waffe war derart vielseitig einsetzbar, dass sie das Griechische Feuer in Europa weitgehend verdrängte. Neben der einfacheren Herstellung stellte vor allem die Explosivität des Pulvers einen bedeutenden Vorteil dar.

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Feuer und Explosionen – gängige Waffen des Mittelalters

Der Einsatz brennbarer und explosiver Substanzen auf den Schlachtfeldern des Mittelalters war nicht weniger ungewöhnlich als der von Schwertern und Bögen. Die Menschen nutzen das Feuer seid tausenden von Jahren. Seine Nutzung im Kampf war stets so naheliegend wie schrecklich für den Gegner. Letzten Endes verwendeten die Krieger des Mittelalters alles, was ihnen einen Vorteil und damit hoffentlich den Sieg verschaffte. Eine Strategie, die zur Entwicklung immer neuer Taktiken und Feuerwaffen führen sollte. Die Folgen sind heute nur zu gut bekannt.

1Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 191-192).

2Vgl. Ebd. S. 193-197.

3Vgl. Ebd. S. 192-193.

4Vgl. Ebd. S. 199.

5Vgl. Ebd. S. 202.

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.

Stadt und Burg Linn im Mittelalter – Geschichte einer mittelalterlichen Siedlung

Burg Linn

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Diese Burg war zunächst der Adelsfamilie derer von Linn. Sie wurde in mehreren Ausbaustufen errichtet. Um 1150 wurde eine Motte aufgeschüttet und auf ihr ein steinerner Wohnturm errichtet. Dieser wurde dann, wie es üblich war, mit einer Holzpalisade umgeben. Um 1190 ersetzte die Familie von Linn die Palisade durch eine sechseckige Ringmauer mit Türmen, eine Konstruktion, wie sie für den Niederrhein eigentlich ungewöhnlich ist. Man geht davon aus, dass Otto von Linn sich im Zuge seiner Teilnahme am Kreuzzug Friedrich Barbarossas von byzantinischen Vorbildern inspirieren ließ. 1290, jetzt in der Hand der Grafen von Kleve, erfolgte ein frühgotischer Ausbau der Burg. 1480 folgte schließlich der spätgotische Ausbau und der Bau der Außenmauer. Der Burg kamen dabei im Laufe der Zeit unterschiedliche Aufgaben zu. Sie diente als Adels- und Gerichtssitz, als Witwensitz für Mechthild von Geldern, als Verwaltungszentrum und als Gefängnis.[1]

Die Zehntscheune der Burg

Die Zehntscheune der Burg

Die Burg befand sich von bis 1188 in Besitz der Herren von Linn, bis sie von diesen für 100 Mark an den Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg (1167-1191) verkauft wurde, der sie ihnen als Lehen verlieh. Urkundlich sind die Herren von Linn erwähnt. Nach dem Aussterben des Adelsgeschlechtes ging das Lehen nach 1245 an die Grafen von Kleve. Es umfasste neben der Burg noch den Drenkerhof, den Beeckerhof und den Borgerhof in Ossum. Die Burg diente jetzt einem Amtmann der Klever Grafen als Sitz, der hier auch zu Gericht saß. 1270 befanden sich hier zusätzlich 16 Landschöffen. Zusätzlich wurden die Einkünfte aus der Grundherrschaft hier verwaltet. Als der letzte Graf von Kleve, Johann, 1368 starb, fiel das Lehen zurück an Kurköln. Die Witwe des Grafen, Mechthild von Geldern, wollte die Burg und ihre Ländereien aber nicht kampflos aufgeben und wurde hierbei vom Herrn von Strünkede tatkräftig unterstützt. Da dieser hierdurch in Geldnöte geriet begann er, von Burg Linn aus Kaufleute und Kirchengüter zu überfallen. Als Reaktion hierauf begannen am 7.8.1377 der Erzbischof Friedrich von Köln, Herzog Wenzel von Luxemburg, Brabant und Limburg, Herzog Wilhelm II. von Jülich und Geldern, Graf Adolf von Kleve-Mark und die Städte Köln und Aachen die Burg zu belagern. Ihr Aufgebot umfasste  240 Reiter und 48 Schützen, außerdem sollten drei Belagerungstürme errichtet werden. Es kam allerdings nicht zum Angriff, da es zu einer friedlichen Einigung kam. Im Jahr 1377 kam es allerdings erneut zu Konflikten, als der deutsche Kaiser am 29.11.1377 Wilhelm II. von Jülich mit Geldern und Zutphen belehnte. Mechthild, abermals mit der Unterstützung durch von Strünkede, wehrte sich mit kriegerischen Mitteln. Zur Finanzierung von Strünkedes Einsatz verpfändete Mechthild die Burg, Stadt und das Land am 7.3.1378 für 6000 Goldschilde, später die Linner Objekte mit allen Hoheitsrechten für 45.000 Goldschilde an den Kölner Erzbischof (mit dem dieses Mal kein Konflikt bestand). Nach langen und brutalen Auseinandersetzungen wurde von Strünkede von Wilhelm II. besiegt und gefangen genommen. Mechthild musste daher am 24.3.1379 auf das Herzogtum Geldern und die Grafschaft Zutphen verzichten. Linn fiel letztlich an den Kölner Erzbischof, nachdem  Graf Adolf von Kleve darauf verzichtet hatte.[2]

Es fällt auf, dass es sich bei Burg Linn anscheinend keineswegs um ein rein repräsentatives Bauwerk handelt. Die sorgfältigen Belagerungsvorbereitungen zeigen deutlich, dass sie auch wehrtechnisch ein bedeutendes Bauwerk war. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle kurz auf die Bauweise eingehen, die man auch heute noch sehr schön im Museum Burg Linn betrachten kann. In ihrer frühesten Form bestand sie, wie bereits erwähnt, lediglich aus einem Wohnturm, der mit einer Palisade umgeben war. Zur Abwehr eines organisierten Angriffs war diese Konstruktion nur bedingt geeignet. Die sechseckige Mauer mit ihrem Schalentürmen an den Ecken dagegen war eine ausgereifte Wehrkonstruktion. Die Mauer war sehr viel höher und stabiler als die Palisade. Außerdem konnte der Fuß der Mauer von den Ecktürmen aus unter Beschuss genommen werden. Im Zuge des gotischen Ausbaus erhielt die Burg neben dem Palas vor allem Bergfried und Zwinger. Diese Ausbauten erhöhten ihre Wirksamkeit deutlich. Das Tor war jetzt wesentlich besser geschützt und der Bergfried ermöglichte neben einer guten Rundumsicht auf das Land auch einen letzten Rückzugsort. Die im Zuge des spätgotischen Ausbaus hinzugekommene Ringmauer fügte der Burg eine vorgelagerte Verteidigungsebene hinzu. Dass Burg Linn später, sogar zur Zeit der Schwarzpulverwaffen, mit Schanzen versehen und weiter genutzt wurde zeigt deutlich, dass sie ihre Wehrhaftigkeit über einen langen Zeitraum hinweg bewahren konnte.[3]

Zugang zur Vorburg

Zugang zur Vorburg

Die Ortschaft Linn

Neben der militärstrategischen Bedeutung ist, wie bei Burgen allgemein, die wirtschaftliche und soziale Seite der Entwicklung interessant. Schon in ihrer frühesten Entwicklungsstufe hatte die Burg einen entscheidenden Einfluss auf die Urbarmachung des umliegenden Landes. Landausbau, Rodung und Siedlung gingen von Burg Linn aus.  Eine wichtige Voraussetzung für die Gründung von Wasserburgen wie Burg Linn war ein geschlossener Besitz von Feldern und Weiden, die für die Versorgung herangezogen werden konnten. Auch  Wirtschaftshöfe und Wirtschaftsgebäude gehörten dazu. Angebaut wurden Hafer, Hirse, Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel, Erbsen, Lein sowie Buchweizen; Kirsche, Pflaume, Pfirsich, Schlehe, Zwetschge, Birne, Apfel, Edelkastanie und Traube. Allgemein üblich war Dreifelderwirtschaft, davon abweichend die rheinische Zweifelderwirtschaft als Zwischenschritt zur neuzeitlichen Fruchtwechselwirtschaft. Auch die Viehzucht spielte eine wichtige Rolle: vor allem Schwein, danach Rind, Schaf und Ziege. Fischteiche erweiterten das Nahrungsangebot weiter. All diese Besitzungen waren nicht nur für die Versorgung essentiell, sie warfen auch gute Gewinne ab. Es gab Einnahmen aus Waldbewirtschaftung (Holz und Wild) sowie  aus Pacht, dem Zehnten und von Halfenhöfen. Außerdem konnten überschüssige Waren auf dem Kölner Markt verkauft werden. Für die Herren der rheinischen Wasserburgen entwickelte sich bald eine überregionale Geldwirtschaft, anders als für viele Adlige auf Höhenburgen. Erst als es ab dem 13. Jahrhundert zu einer Abwanderung in die Städte kam, eine Klimaveränderung einsetzte und zahlreiche Kriege manche Landstriche verwüsteten wurden viele ländliche Siedlungen aufgegeben.[4]

Die Stadt Linn entstand planmäßig, d.h. ihre Anlage erfolgte nach einem bestimmten Plan. Dies war alleine schon deswegen sinnvoll, da Baugrund, Verkehrs- und Schutzlage berücksichtigt werden mussten. Die Burg war schon vorhanden und musste integriert werden. Die Lage von Kirche und Rathaus wurde im Vorfeld festgelegt, das gesamt Stadtareal parzelliert. Im Fall von Linn war ein quadratisches Areal von 7,6 ha vorgesehen, wobei die Bebauung erst nach und nach erfolgte. Zu Verteidigungszwecken wurden zunächst Gräben und Wälle errichtet, die Stadtmauer aus Stein wurde erst im 14. Jahrhundert erbaut.[5]  Die Burg wurde in die Stadtbefestigung von Anfang an mit einbezogen.[6]

Linn befand sich damit in guter Gesellschaft. Die Städte des Mittelalters waren keine kompletten Neuentwicklungen sondern eine Mischung aus der antiken Stadt und neuen Ideen als Reaktion auf neue Erfordernisse. Die Germanen siedelten und gründeten häufig dort, wo es bereits Strukturen gab und es ist bekannt, dass die vor Ort lebenden Menschen sich häufig mit den Neuankömmlingen arrangierten und mit ihnen zusammenarbeiteten.[7]

Auch im Bereich der Geldwirtschaft fanden Entwicklungen statt. Diese war absolut unverzichtbar, um einen effektiven Handel zu ermöglichen. Bereits zur Merowingerzeit gab es verschiedene Münzen. Im 8. – 11. Jahrhundert wurde mit Denar oder Pfennig bezahlt. Im 12. Jahrhundert verlor das Geld an Bedeutung und der Tauschhandel mit Waren verbreitete sich, zumindest im Auslandshandel. In der Region selbst wurde weiterhin mit Geld bezahlt. Hierbei wurden häufig Teilstücke verwendet, genannt Hälbling (Obolus) und Vierling (Quadrans). Die Münzen wurden in den Städten geprägt, die das Recht hierzu besaßen. Die Geltung dieser war jedoch örtlich und zeitlich begrenzt. Für Köln und Berg galt folgende Umrechnung:

 

144 schwere Pfennige = 12 Schillinge = 1 Mark Silber; 240 leichte Pfennige = 20 Schillinge = 1 Pfund Silber

 

Im 14. Jahrhundert entstand eine neue Währung. Aus Italien und Frankreich wurde die Großmünze Groschen (nummus grossus) übernommen und der französische tournois (grossus turonensis) ab 1266 nachgeahmt. Außerdem kam es zur Eingliederung der Goldgroschen in das Geldsystem am Rhein.[8]

Passend zum Geldsystem gab es ein sehr umständliches Zollsystem. Aufgrund der zahlreichen Herrschaftsgebiete gab es eine Vielzahl an Zöllen. Dies behinderte den Handel, tat ihm aber keinen Abbruch.[9]

 


[1]    Vgl. Klümpen Hegmans, Johanna (1993) S. 36-45.

[2]    Vgl. Feinendegen, Reinhard; Vogt, Hans (1998). S. 423-432.

[3]    Vgl. Klümpen Hegmans, Johanna (1993) S. 36-38.

[4]    Vgl. Ott, Hanns (1984) S. 62-66.

[5]    Vgl. Klümpen Hegmans, Johanna (1993) S. 58-59.

[6]    Vgl. Friedrich, Reinhard (2010) S. 258.

[7]    Vgl. Ennen, Edith (1972) S. 32-80.

[8]    Vgl. Heppe, Karl Bernd (1984) S. 119-124.

[9]    Vgl. Walz, Rainer (1984) S. 109-118.

 

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Ein Leben als Ritter

Hartmann von Aue im Codex Manesse - Idealbild eines Ritters

Hartmann von Aue im Codex Manesse – Idealbild eines Ritters

Ein Traum vieler Jungen: Als Ritter in glänzender Rüstung in einer prächtigen Burg leben, von allen bewundert oder gefürchtet, unverwundbar und wehrhaft. Ein schöner Traum, der durch eine ganze Reihe von Rittergeschichten, Filme und Spiele weitere Nahrung erhält. Wirklich enden tut diese Vorstellung nicht, auch wenn man das Kindesalter längst hinter sich gelassen hat. Beim Ritter, seiner Burg und seinem Burgfräulein handelt es sich um Bilder, die sich auch bei vielen Erwachsenen finden lassen. Viele Filme greifen dies auf und kreieren Bilder, die den Zuschauern gefallen. Kaum ein Film oder Serie, der die wirklichen Lebensverhältnisse des Mittelalters darstellt. Wie würden Sie dazu stehen, als Ritter im Mittelalter zu leben?

Die Romantisierung des Mittelalters ist kein Phänomen allein unserer modernen Zeit. Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Romantiker damit, ein übertrieben schönes Bild vom Mittelalter zu zeichnen, meist als Gegenentwurf zu den Lebensbedingungen ihrer eigenen Epoche. Untersuchungen an mittelalterlichen Skeletten liefern uns weit realistischere Eindrücke aus dieser Zeit.

Ein besonders bekanntes Beispiel hierfür stellt der Ritter Sir John de Stricheley dar. Er starb am 10. Oktober 1341 im Alter von 25 Jahren.  Sein Skelett zeigt heute noch die Spuren seines kurzen aber zweifellos harten Lebens. Ihm waren im Kampf bereits mehrere Zähne ausgeschlagen worden, außerdem hatte er einen Treffer einer Schlachtaxt überlebt, wie uns sein Schädelknochen verrät.

Bei älteren Rittern stellte man außerdem diverse Verschleißerscheinungen fest. Besonders betroffen war die Wirbelsäule, die durch das jahrelange Reiten und das Tragen der schweren Ausrüstung verschlissen war. Darüber hinaus findet man auch immer wieder Hinweise auf schlechte Zähne. Kein Wunder wenn man bedenkt, welche Schäden diese im Kampf davontragen konnten. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, welche Schmerzen damit verbunden gewesen sein müssen.

Auf Feldzügen wurde das Überleben noch schwieriger. Otto von Linn, ein niedriger Adliger aus dem Rheinland, nahm am Kreuzzug Friedrich Barbarossas ins Heilige Land teil. Es ist überliefert, dass das Heer bei seinem Zug durch Anatolien sehr unter Hunger zu leiden hatte. Das Skelett Ottos zeigt deutliche Spuren dieser Hungersnot. An seinen Schienbeinen sind die sogenannten Harris’schen Linien zu erkennen. Diese treten vor allem dann auf, wenn ein Mensch in seiner Wachstumsphase eine Zeit lang unter starkem Hunger zu leiden hat. Zudem sind ihm die oberen Backenzähne ausgefallen, was auf Skorbut schließen lässt. Er überlebte aber und kehrte auf seine Burg zurück.

Auch Geschlechtskrankheiten spielten eine Rolle. Das berühmteste Beispiel hierfür ist mit Sicherheit der englische König Heinrich VIII. Wenn man seine Rüstung im Tower of London besichtigt fällt schnell eine spezielle Wölbung im Bereich der Genitalien auf. Diese war extra gefertigt worden, da der König unter der Syphilis litt. Den Frauen wird es nicht besser gegangen sein. Keine besonders romantischen Lebensumstände.

Das Leben auf der Burg war zwar auch nicht besonders bequem, allerdings immer noch etwas besser als das des Bauern in seiner Hütte. Wirklich zu beneiden war der Ritter allerdings nicht. Ganz im Gegenteil, ein Brief des Ritters Ulrich von Hutten an den Patrizier Willibald Pirckheimer aus dem Jahr 1518 verrät uns sehr gut, was ein Ritter dieser Zeit über seine Lebenssituation dachte:

„In den Städten könnt ihr nicht nur friedlich, sondern auch bequem leben, wenn ihr es euch vornehmt. Aber glaubst du, dass ich unter meinen Rittern jemals Ruhe finden werde? […] Man lebt auf dem Feld, im Wald und in den bekannten Burgen auf dem Berg. Die uns ernähren, sind bettelarme Bauern, […]. Der einkommende Ertrag ist, gemessen an der aufgewandten Mühe, geringfügig […]. Unterdessen gehen wir nicht einmal im Umkreis von zwei Joch ohne Waffen aus. Kein Dorf können wir unbewaffnet besuchen, auf Jagd und Fischfang nur in Eisen gehen.[…] Die Burg selbst […] ist nicht als angenehmer Aufenthalt, sondern als Festung gebaut. Sie ist von Mauer und Gräben umgeben, innen ist sie eng und durch Stallungen für Vieh und Pferde zusammengedrängt. Daneben liegen dunkle Kammern, vollgepfropft mit Geschützen, Pech, Schwefel und sonstigem Zubehör für Waffen und Kriegsgerät. […], und dann die Hunde und ihr Dreck, auch das – […] ein lieblicher Duft! Reiter kommen und gehen, darunter Räuber, Diebe und Wegelagerer.“ (Ulrichs von Hutten Schriften, hrsg. von Eduard Böcking, Bd. 1, Leipzig 1859, S. 201-203 Brief Nr. 90; Deutsche Schriften , übers. von Peter Ukena und Dietrich Kurze, München 1970).

Wie wir sehen, bewertete selbst ein mittelalterliche Ritter sein Leben recht kritisch als nicht besonders romantisch oder heroisch. Selbst die gewaltsamen Auseinandersetzungen sorgen anscheinend eher für Ungemach als für heroische Höhenflüge. Man sollte aber beachten, dass sich das Rittertum zu Beginn des 16. Jahrhunderts in einer anderen Phase befand als im Hochmittelalter. Die generellen Lebensumstände sahen aber sehr ähnlich aus.

Ich denke es ist deutlich geworden, dass ein Leben als mittelalterlicher Ritter so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was wir uns heute häufig darunter vorstellen. Aber würde sich ein Film, der dies wirklich realistisch darstellt, die Massen in die Kinos locken? Die historischen Romane scheinen sich hier zumindest leichter zu tun. Letzten Endes wollen wir unserer Realität einfach für eine gewisse Zeit entfliehen, ohne mit einer n0ch viel raueren Realität konfrontiert zu werden. Im realen Mittelalter leben würde wohl kaum jemand wollen.

Quellen:

 Ulrichs von Hutten Schriften, hrsg. von Eduard Böcking, Bd. 1, Leipzig 1859, S. 201-203 Brief Nr. 90; Deutsche Schriften , übers. von Peter Ukena und Dietrich Kurze, München 1970.

Internet:

http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-72327452.html (28.02.2013).

Literatur:

Borst, Arno. Lebensformen im Mittelalter. 5. Auflage 2010. Berlin, 2004.

 

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Höhlen- und Grottenburgen

Diese Art Burg ist im norddeutschen Raum weniger bekannt, dafür aber beispielsweise in der Schweiz und Frankreich sehr viel häufiger anzutreffen. Es handelt sich um eine Burg, die ganz oder teilweise in eine Höhle hinein gebaut wurde. Dieser Burgentyp trat vom 11. bis zum 15. Jahrhundert auf. Es versteht sich von selbst, dass die Höhle hierzu eine gewisse Größe haben musste. Grundsätzlich ist dieses Prinzip aber wenig überraschend. Die Menschheit nutzte Höhlen schon immer als Zufluchtsort. Dort ist man geschützt, man kann sie gut warm halten und man kann sie sehr gut bewachen.

Für die Verteidigung scheint diese Konstruktion auf den ersten Blick in der Tat sehr vorteilhaft zu sein. Die Burg ist nur von einer Seite zugänglich, außerdem ist es nicht so einfach, ihr Inneres mit Geschossen zu treffen. In den meisten Fällen ist sie auch nur schwer zugänglich, da die entsprechenden Höhlen sehr hoch gelegen sind. Auf der anderen Seite gibt es eine ganze Reihe von Nachteilen, die nicht zu unterschätzen sind. Die Belagerer müssen keinen Belagerungsring bilden und können alle Kräfte für den Angriff auf einer Seite massieren. Wer in einer solchen Burg eingeschlossen wurde, saß mehr noch als in „normalen“ Burgen in der Falle. Es sei denn, es gab Fluchttunnel. Wer aber schon einmal eine Höhle besucht hat weiß vielleicht, wie bedrückend diese auf einen Menschen wirken kann. Nun stellen Sie sich noch vor wie es wäre, hier längere Zeit festgesetzt zu sein. Darüber hinaus konnte man derartige Burgen in vielen Fällen einfach umgehen, da sie keine wichtigen Durchgänge blockierten.

Eine abseits in einer Höhle oder unter einem Überhang gelegene Burg sieht in erster Linie interessant und beeindruckend aus. Sie konnte auch durchaus als Rückzugsort oder Versteck dienen. Meistens hatten diese Burgen aber, wie die Adelsburgen des Flachlandes auch, administrative und repräsentative Funktion. In den Bergen boten sich manche Plätze eben gut an, um Höhlenburgen zu errichten. Diese Burgen besaßen in der Regel auch zugehörige Dörfer. Diese lagen meist, wie auch im Fall von Höhenburgen, am Fuß des Berges.

Die Höhle selbst wurde hierbei direkt in die Planung der Burg einbezogen. Entweder wurde der Höhleneingang mit einer Mauer und einem Tor verschlossen und das Innere dann mit Hilfe von Wänden unterteilt (die eigentliche Höhlenburg) oder es wurde ein eigenes Gebäude in einer Höhle gebaut (die sogenannte Grottenburg).

Diese Burgen sind deswegen so interessant, weil sie so anders sind, als die so bekannten Höhenburgen oder Wasserburgen. Diese liegen immer offen da, entweder in der Mitte einer Wasserfläche oder auf einer Anhöhe oder Berg. Sie streben geradezu in die Höhe. Grotten- und Höhlenburgen gehen den umgekehrten Weg, zurück in die Erde oder in den Berg hinein. Dem Betrachter bietet sich aber auch hier ein majestätisches und auch ein unheimliches Bild. Eine ganze Burg, welche in eine Höhle gebaut wurde, ist ein beeindruckender Anblick. Eine zur Burg direkt umfunktionierte Höhle wirkt beinahe wie die Luxusvariante der steinzeitlichen Höhle und spricht unsere archaischen Instinkte an. Eine Besichtigung lohnt sich aber in jedem Fall.

Sekundärliteratur:

Piper, Otto. Burgenkunde. Bauwesen und Geschichte. Unveränderter Nachdruck der dritten, vielfach verbesserten Auflage, München, 1912. Köln, 2011.

 

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Die mittelalterliche Burg

Turmburg

Turmburg

Die Burg – wohl eines der markantesten und eindruckvollsten Bauwerke des Mittelalters. Gleichzeitig ist sie auch das Bauwerk, welches heute am ehesten mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht wird. Daher überrascht es nicht, dass sie noch heute die Fantasie beflügelt und in allen Größen und Formen in der Literatur, im Film und auf Bildern zu finden ist. Dies gilt freilich nicht nur für unsere Zeit, sondern lässt sich bis in das frühe 19. Jahrhundert nachweisen. Doch was zeichnete eine mittelalterliche Burg wirklich aus? Wo treffen sich Fantasie und Wirklichkeit und was gehört wirklich in das Reich der Märchen und Legenden?

Motte Dinan auf dem Teppich von Bayeux

Motte Dinan auf dem Teppich von Bayeux

Befestigungswerke gab es nicht erst seit dem Mittelalter. Schon in der frühen Antike sind sie archäologisch und auf Abbildungen nachzuweisen. Schon die Sumerer bauten sie, und die Ägypter befestigten mit Burgen ihre Grenzen und Städte. Die Römer perfektionierten den Bau von Befestigungen und auch bei ihren Feinden, von den Kelten bis zu den Germanen, waren Kenntnisse hierzu vorhanden. Man sollte allerdings beachten, dass die Baukunst der Römer für den Raum des früheren Germaniens zunächst nicht als Vorlage diente. In diesem Bereich wurden die römischen Baukenntnisse erst im Hochmittelalter wiederentdeckt, vor allem durch Einflüsse aus dem Mittelmeerraum und aus Frankreich. Zu dieser Zeit wurden auch alte römische Anlagen in die Neubauten integriert.

Eine Neuentwicklung des Mittelalters war die sogenannte Adelsburg, also der befestigte Wohnsitz eines oder mehrerer Adligen und dessen Familie. Aber nicht alle Burgen waren in erster Linie auf die Verteidigung gegen eine Belagerung ausgerichtet. Viel wichtiger war die Repräsentation und die hiermit verbundene Sicherung des eigenen Status. Einige Burgen, wie eine Untersuchung in Frankreich und Großbritannien ergeben hat, waren aus wehrtechnischer Sicht sogar komplett ungeeignet für den Krieg. Auch konnte eine Burg an sich das Umland oder auch einen Pass nicht sichern. Für solche Aufgaben wurden spezielle Befestigungsanlagen errichtet, beispielsweise eine Passsperre. Diese Anlagen mussten dann aber auch über eine große Garnison verfügen. Diese besaßen die Adelsburgen in der Regel nicht. Meist ließ sich die Burgbesatzung an zwei Händen abzählen, meist noch durch Wachhunde und Gänse (die ja für ihre Aufmerksamkeit bekannt sind) unterstützt.

Slavenburg Raddusch

Slavenburg Raddusch

Dennoch fand man auf nahezu allen Burgen mehr oder weniger gut ausgestattete Waffenkammern für den Verteidigungsfall. Umliegende Höfe wurden häufig in das direkte Umfeld der Burg verlegt und befestigt. Hieraus entstanden dann Vorburgen. Die Burg selbst verfügte meist über eigene Wirtschaftsgebäude und eine Zisterne, dazu über einen Palas (Wohngebäude) und in manchen Fällen über einen Bergfried. Dieser befand sich meist auf der Seite, auf der die meisten Angriffe erwartet wurden. Mit der zunehmenden Durchschlagskraft von Belagerungswaffen ging man dazu über, zusätzlich auf dieser Seite eine sogenannte Schildmauer zu errichten (ab dem 14. Jhd.). Diese sollte Geschosse abfangen und war zu diesem Zweck besonders hoch und dick. Die Tore waren zunächst einfach gehalten und wurden mit Querbalken gesichert. Im späten Mittelalter wurden sie durch eiserne Schlösser, Beschläge und vor allem durch Hängebrücken, Fallgitter und Tortürme gesichert. Die Mauern verfügten idealerweise über mehrere Türme, aus denen der Fuß der Mauer beschossen werden konnte.

Die Architektur der Burg richtete sich sowohl nach dem Gelände als auch nach den Anforderungen. Okkupationsburgen, wie die Burgen der Normannen in England oder die Kreuzfahrerburgen, mussten vor allem eine große Garnison aufnehmen können und Angriffen großer Heere standhalten können. Die Adelsburgen, wie schon erwähnt, dienten der Rückversicherung und Repräsentation. Stadtburgen dienten vor allem als Verwaltungssitz in den Städten. Neben den unregelmäßigen Burgen finden sich aber auch rechteckig oder quadratisch angelegte Anlagen, der Kastelltyp. Eine Besonderheit stellt die Pfalz dar, die zeitweilige Residenz zur Zeit des Wanderkönigtums.

Viel wichtiger als als militärischer Stützpunkt war die Adelsburg aber als wirtschaftliches, soziales und administratives Zentrum der jeweiligen Region. Hier saß der Burgvogt oder Burggraf, der auch für die Verwaltung aller zur Burg gehörigen Güter zuständig war. Zudem waren viele Burgen auch Gerichtssitz und Gefängnis. In einigen Fällen gab es auch Burgen, die zur Lagerung von Gütern verwendet wurden. Die mittelalterliche Burg konnte also ganz unterschiedliche Aufgaben haben. Bei der Wirtschaft handelte es sich meistens um Naturalwirtschaft. Geld spielte nur in den Städten eine wichtige Rolle.

Die Adelsburgen verloren mit dem Ende des Mittelalters an Bedeutung. In allen oben genannten Punkten liefen ihnen die Städte, mit denen sich die Adligen schon lange in Konkurrenz befunden hatten, nun endgültig den Rang ab. Die Geldwirtschaft setzte sich endgültig duch. Die Burgen wurden nach und nach zu palastähnlichen Anlagen umfunktioniert und entwickelten sich nach und nach zu Schlössern. Die meisten Burgen wurden aber aufgegeben.

Viele der Burgen, die sich heute stolz erheben, stammen gar nicht aus dem Mittelalter. Ein Großteil dieser Bauwerke wurde im 19. Jahrhundert errichtet, als romantische Vorstellungen vom Mittelalter, der großen und strahlenden Zeit der Deutschen, vorherrschten und propagiert wurden, um die nationale Einheit vorranzutreiben. Der Besitz von alten Ruinen galt in dieser Zeit ebenfalls als „schick“. Die Originale sind rar geworden. Wer einmal den Bau einer Burg live verfolgen möchte, kann dies im französischen Guedelon tun. Hier wird eine Burg mit mittelalterlichen Bautechniken errichtet.

Sekundärliteratur:

Großmann, Ulrich G.: Burgen in Europa. Regensburg, 2005.

Piper, Otto: Burgenkunde. Bauwesen und Geschichte. Dritte Auflage München, 1912. Nachdruck. Köln, 2011.

Zeune, Joachim: Burgen. Symbole der Macht. Ein neues Bild der mittelalterlichen Burg. Regensburg, 1996.

Urheber der Bilder:

Turmburg: Frank Sautter

Slavenburg Raddusch: http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Kurpfalzbilder.de


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