Der Reiterkrieger – Entstehung, Bedeutung und Mythos

Kaum ein Ideal war derart prägend für Europa wie das des edlen und tapferen Ritters. Noch heute begegnet uns dieses Bild in vielerlei Gestalt. Wissenschaft und Pop-Kultur beschäftigen sich gleichermaßen mit einem Ideal, dass sich über viele Jahrhunderte erhalten hat und heute, genau wie damals, Menschen in seinen Bann zieht.

Den Ritterstand gab es bereits in der Antike, auch wenn es sich hierbei nicht um Ritter im mittelalterlichen Sinne handelte. Doch bereits in Rom handelte es sich hierbei um Menschen, die besondere Privilegien genossen, über ein gewisses Vermögen verfügten und vor allem beritten waren.  Die Meister der Reiterei waren aber zu dieser Zeit andere. Vor allem die verschiedenen Reitervölker der östlichen Steppen, in der Spätantike allen voran die Hunnen, sind hier zu nennen. Pferde spielten außerdem für Kelten und Germanen eine wichtige Rolle. Insbesondere die Gallier verfügten über eine schlagkräftige Reiterei, während die Kelten Britanniens Streitwagen einsetzten. Die germanischen Ubier dienten bereits unter Gaius Julius Cäsar als berittene Hilfstruppen. Insbesondere die Römer waren auf derartige Hilfe angewiesen, da sie selbst über keine schlagkräftige Kavallerie verfügten. Diese frühe Kavallerie war allerdings noch nicht in der Lage, wuchtige Frontalangriffe auszuführen. Sie war in erster Linie für die Aufklärung, schnelle Überfälle und die Verfolgung fliehender Gegner zuständig. Auch diente sie als Plattform für Fernkampfangriffe. Die Germanen hatten die Technik perfektioniert, Speere vom Rücken der Pferde zu werfen. Sie ritten im Kreis, warfen ihre Speere und nahmen am anderen Ende des Kreises neue auf. So konnte ein kontinuierlicher Speerhagel aufrechterhalten werden.

Im Osten stießen die zu Fuß kämpfenden Legionen Roms an ihre Grenzen, als sie unter der Führung von Marcus Licinius Crassus 53 v.Chr. in das Partherreich einmarschierten und von berittenen Bogenschützen und schwer gepanzerten Reitern vernichtet wurden, obwohl sich diese in der Unterzahl befanden. Hier offenbarte sich bereits der deutliche strategische Vorteil, der sich in offenem Terrain durch Kavallerie erreichen ließ.

Kataphrakt der Sassaniden

Kataphrakt der Sassaniden, Spätantike

Die gepanzerten Reiter, auch Kataphrakte genannt, wurden zunächst von Parthern und Sarmaten eingesetzt. Diese wurden in der Spätantike auch von den Römern als Hilfstruppen angeworben. Später wurden sie insbesondere im oströmischen Reich und danach in Byzanz weiterentwickelt. Diese Reiter und ihre Pferde waren komplett in Schuppenpanzer gehüllt. Gekämpft wurde mit Lanze, Reiterschwert und  Schild. Aufgrund des hohen Gewichts der Ausrüstung waren sie allerdings nicht so schnell wie die leicht gepanzerten und wendigen leichten Reiter.

Römischer Kataphrakt

Römischer Kataphrakt

In Europa waren es vor allem die Hunnen, die mit einer gefährlichen Reiterei große Gebiete erobern konnten. Sie führten vor allem eine wichtige Neuerung ein: Den Steigbügel. Durch ihn wurde es möglich, sich auch ohne Hilfe der Hände auf dem Pferd zu halten. Auch gab er Angriffen mit der Lanze eine größere Wucht. Nach und nach entwickelten auch die germanischen Stämme ihre Reiterei weiter. Mit ihr war es möglich, weite Raubzüge in die römischen Provinzen zu unternehmen, die nur noch unzureichend durch schwache Grenzgarnisonen verteidigt wurden. Als Reaktion darauf nahmen die römischen Kaiser immer mehr germanische Verbände als Hilfstruppen in ihre Dienste und siedelten ganze Stämme auf römischem Gebiet an. Fürsten der Germanen übernahmen bald wichtige militärische Posten in der römischen Armee und damit in der Politik. Entgegen der Erwartungen der Kaiser führte dies jedoch nicht dazu, dass diese Anführer persönliche Feindschaften gegenüber anderen Stämmen vergaßen oder sich den Prämissen der römischen Politik komplett unterordneten.

Nach dem Fall des römischen Reiches übernahmen die einstigen Barbaren die Kontrolle über die ehemaligen Provinzen. Im Westen entstand das Frankenreich. Das Westgotenreich in Spanien war zu dieser Zeit bereits zusammengebrochen und von nordafrikanischen Muslimen in Besitz genommen worden. Nachdem Spanien unter ihrer Kontrolle stand, überquerten sie im 8. Jahrhundert die Pyrenäen und fielen im Frankenreich ein. Unter der Führung des fränkischen Hausmeiers Karl Martell stellten sich ihnen in drei verschiedenen Schlachten (Tour und Poitiers, Avignon, Fluss Berre) Truppen der Franken, Friesen, Sachsen und Langobarden entgegen. Sie waren letztlich in der Lage, die islamische Expansion in Westeuropa zu stoppen. Karl der Große unternahm 778 einen Feldzug nach Spanien. Zu bedeutenden Ergebnissen führte dieser nicht. Karl musste abziehen. Auf dem Rückweg wurde seine Nachhut von Basken eingekesselt und vernichtet – die Vorlage für das berühmte Rolandslied, dass die Schlacht zu einem heroischen Kampf gegen die Ungläubigen stilisiert. Interessanterweise werden aber auch die muslimischen Krieger zu einem nicht unerheblichen Teil als ritterliche Kämpfer dargestellt, die prachtvoll ausgestattet auf Pferden in die Schlacht ziehen.

Fränkische Reiter

Fränkische Reiter

Die Franken verfügten zu dieser Zeit bereits über die bekannten Panzerreiter. Dies waren Adlige, die in Kettenhemd und Helm mit Lanze, Schwert und Schild als Reiter in die Schlacht zogen. Diese Ausrüstung war sehr teuer. Zudem war ein hohes Maß an Können notwendig, um auf diese Weise effektiv kämpfen zu können. Das Feudalsystem ermöglichte es den Adligen, diesen Lebensstil zu finanzieren. Ihre jeweiligen Ländereien samt den dort arbeitenden Leibeigenen machten die Ausrüstung verschieden großer Kontingente möglich.

Bei der Eroberung Englands durch Wilhelm I. 1066 spielten die Panzerreiter eine wichtige strategische Rolle, wenngleich in der Schlacht von Hastings ihre Grenzen offenkundig wurden. Ihre direkten Angriffe auf den angelsächsischen Schildwall waren nicht erfolgreich. Dennoch, als sich die Formation des Feindes auflöste, brachte ihr Einsatz den Sieg über die zu Fuß kämpfenden Angelsachsen. Auf dem Teppich von Bayeux ist sehr schön zu sehen, wie die Reiter ausgerüstet waren und wie sie angriffen. Sie trugen ein knielanges Kettenhemd, einen Nasalhelm, bis zu den Knien reichende Langschilde sowie einhändige Schwerter und Lanzen, die zu dieser Zeit noch über dem Kopf gehalten wurden. Die Pferde selbst waren nicht gepanzert. Dies führte in der Schlacht zu Problemen. Oft wurden nicht die Kämpfer selbst verwundet, sondern deren Pferde getötet – mit unangenehmen Folgen für ihre Reiter.

Angriff der normannischen Panzerreiter

Angriff der normannischen Panzerreiter

Nach und nach entwickelte sich die Waffentechnik weiter. Die Rüstungen wurden immer umfangreicher. Zunächst wurde damit begonnen, exponierte Körperstellen mit Eisenplatten zu schützen. Aus der Antike war bereits der Schuppenpanzer bekannt. Im 13. Jahrhundert kam der Plattenrock in Gebrauch. Hier wurden Eisenplatten an der Innenseite eines Überwurfs angebracht, die den Torso schützen sollten. Zu dieser Zeit wurden zudem mehr und mehr geschlossene Helme verwendet. Nun begann sich auch die Entwicklung der Heraldik, um sich auch in voller Rüstung beim Turnier oder auf dem Schlachtfeld erkennen zu können. Die Entwicklung der Rüstungstechnik gipfelte in den herausragend gearbeiteten Plattenrüstungen des Spätmittelalters. Besonders Stücke aus Augsburg und Mailand waren bekannt und beliebt. Diese Rüstungen waren nicht nur ein hervorragender Schutz, sie waren auch sehr kunstvoll gearbeitet. Schließlich wollte der Ritter auch in der Schlacht gut aussehen. Diese Rüstungen waren nicht schwer zu tragen. Sie wurden auf Maß gefertigt und schränkten die Bewegungen nur unwesentlich ein.

Neben der Ausrüstung änderte sich auch die Strategie und Kampfesweise. Die Ritter entwickelten sich zu schweren Reitern, die in geschlossenen Reihen mit angelegten Lanzen angriffen. Wichtig war, dass die Reihen komplett geschlossen waren. Dies war die Hochzeit des Ritters im Krieg. Es gab zwar weiterhin Fußsoldaten und Bogenschützen, allerdings war der Ausgang der Schlacht in vielen Fällen vom Erfolg des Reiterangriffs abhängig. Die Wucht dieses Angriffs konnte die gegnerischen Reihen aufbrechen und eine Panik auslösen. Die Niederlage war dann meist nur noch eine Frage der Zeit. Dennoch sollte die Wirkung dieser Kampfweise nicht überbewertet werden. Klug agierenden Gegnern gelang es immer wieder, diese Sturmangriffe zu stoppen oder sie ins Leere laufen zu lassen. Ein bekanntes Beispiel für die Überschätzung der ritterlichen Schlagkraft stellt die Schlacht von Hattin dar. Sultan Saladin lockte die Armee der schwer gepanzerten Kreuzritter in die Wüste, machte die Wasserstellen unbrauchbar und ließ Hitze und Durst das gegnerische Heer schwächen. Danach war es für die leichten und wendigen Sarazenen ein leichtes, es zu vernichten.

Bereits im hohen Mittelalter kam es zu bedeutenden Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Infanteriewaffen. Die Entdeckung des Schwarzpulvers im 14. Jahrhundert führte zum Bau von Waffen, gegen die auch die besten Rüstungen wirkungslos waren. Armbrustschützen waren schon vorher die gefährlichsten Feinde für die Ritterschaft. Auch wenn sie eine geringe Schussfrequenz besaßen, waren die Bolzen dieser Waffe in der Lage, so gut wie jede Rüstung zu durchschlagen. Die Armbrust wurde also nicht zufällig im 12. Jahrhundert von kirchlicher Seite für den Einsatz gegen Christen verboten. Dies bedeutete jedoch nicht, dass sie daraufhin auch wirklich verschwand. Im Hundertjährigen Krieg erschien mit dem englischen Langbogen eine Waffe, die auf den ersten Blick nicht wirklich neu war. Bögen gehören zu den ältesten Waffen der Menschheit. Die Art, wie sie von den Engländern eingesetzt wurde sowie die besondere Spannkraft der Langbögen ermöglichten Siege über zahlenmäßig überlegende Armeen. Kriegsbögen verfügten in den meisten Fällen über eine Stärke von über 100 Pfund. Ein geübter Schütze war nicht nur zielsicher über weite Entfernungen, sondern konnte ca. 11 Pfeile pro Minute verschießen. In der Schlacht von Azincourt 1415 standen dem englischen König Heinrich V. 7.632 Langbogenschützen zur Verfügung.[1] Die französische Armee, die größtenteils zu Fuß über ein schlammiges Feld vorrückte, wurde also theoretisch in einer Minute mit 83.952 Pfeilen überschüttet. Diese Zahl wurde lediglich durch die nicht allzu reichhaltigen Vorräte an Munition begrenzt. Für die berittenen Franzosen kam erschwerend hinzu, dass die Bogenschützen angespitzte Pfähle vor sich in den Boden getrieben hatten, die den ersten und entscheidenden Aufprall der Reiter abwehren konnten.

Wagenburg, 15. Jahrhundert

Wagenburg, 15. Jahrhundert

So kam es zur sogenannten Infanterierevolution. Die Bedeutung des berittenen Kämpfers nahm ab, da die Fußsoldaten immer effektive Mittel und Wege fanden, die wuchtigen Angriffe der Ritter zu stoppen. Im Spätmittelalter wurden mit Pulver betriebene Schusswaffen in großem Stil verwendet. Die Böhmen erfanden die Wagenburg und spezielle Kriegswagen, die Schutz vor den Reitern boten. Im Boden verankerbare Pavesen ermöglichte es, schnell und jederzeit einen Schutzwall aufbauen zu können. Die Schweizer setzten auf eine Kombination aus langen Spießen und Hellebarden, mit denen Rüstungen durchschlagen und Reiter vom Pferd geholt werden konnten. Kriegshämmer waren eine weitere effektive Waffe gegen die Plattenrüstung. Auch die Kombination aus Pikenieren und Schützen stellte eine effektive Kombination dar, die auch nach dem Mittelalter noch Verwendung finden sollte.

Während die Schlachtfelder des späten Mittelalters mehr und mehr von Infanterie beherrscht wurden, nahm die Bedeutung der Turniere für den Adel deutlich zu. Die Tjoste im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert sind berühmt für ihre außergewöhnliche Pracht. Hier konnten die Ritter weiterhin ihren Traditionen nachgehen und sich als die Krieger darstellen, als die sie seit jeher in der Literatur dargestellt wurden.

Turnier in München, um 1500

Turnier in München, um 1500

Auch wenn die militärische Bedeutung der Ritter abnahm, sozial bildeten sie weiterhin eine elitäre Gruppe. Doch auch hier bekamen sie Konkurrenz, meist durch reiche Kaufleute. Selbst diese begannen nun, sich wie Ritter zu kleiden und eigenen Turniere abzuhalten Was sich aber erhielt und bis heute besteht ist der Mythos des Rittertums. Der oft zitierte Ehrenkodex der Ritter stellt Ehre, Pflichtgefühl, Minne und gottgefälliges Verhalten an erste Stelle. Auch wenn es diese Werte durchaus gegeben hat, sind sie durch die Literatur seit dem Mittelalter überhöht worden. Die Ritter des Mittelalters waren in erster Linie Krieger, die Menschen töteten und sich entsprechend ihres hohen Standes prachtvoll in Szene setzten. Interessant ist, dass sich der Mythos bis heute fast unverändert erhalten konnte und begeisterte Anhänger findet. Es scheint zu allen Zeiten ein großes Bedürfnis nach Menschen gegeben zu haben, die über dem Schlechten und den Abgründen der menschlichen Zivilisation stehen und dem Bösen mutig und entschlossen entgegen treten.

[1] Vgl. Ossenkop, Daniel (2011). S. 10.

In eigener Sache: “Das Mittelalter – Der Blog” ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

x-click-but04

Advertisements

Die Schlacht von Azincourt 1415

Als sich an einem feuchten Spätherbstmorgen des 25. Oktobers im Jahr 1415 zwei zu allem entschlossene Armeen nahe des kleinen französischen Örtchens Azincourt sammelten und formierten, bestand an dem Ausgang der bevorstehenden Schlacht kaum ein Zweifel. Auf der einen Seite standen die von langen Märschen und schlechter Ernährung geschwächten sowie an Dysenterie erkrankten Soldaten des englischen Königs Heinrich V. Ihnen gegenüber, nur einen schlammigen Acker entfernt, die Crème de la Crème des französischen Adels, bestens ausgerüstet und ernährt. Am Ende des Tages sollte der schlammige Boden mit dem Blut vieler Männer getränkt sein. Wie es dazu kam und wer schließlich den Sieg davontrug, soll in diesem Artikel beschrieben werden.

Zum Zeitpunkt der Schlacht von Azincourt tobte der Krieg schon 78 Jahre. Die englischen Könige hatten seit Wilhelm dem Eroberer, der England 1066 erobert hatte, auch Herrschaftsrechte in Frankreich und Lehensverpflichtungen dem König von Frankreich gegenüber. Der Ausgangspunkt für den Krieg war ein Streit um die französische Thronfolge. Nach dem Tod von Karl IV. erhob neben Philipp VI. auch Eduard III. Anspruch auf den Thron Frankreichs. Dies sollte zu einem Konflikt führen, der unzähligen Menschen das Leben kosten sollte, ohne das eine Seite eine wirkliche Entscheidung herbeiführen konnte.

Portrait Heinrichs V.

Portrait Heinrichs V.

Heinrich V. folgte in seiner Politik den Ansprüchen, die bereits seine Vorgänger formuliert hatten. Die englischen Farben waren zu dieser Zeit sogar eine Mischung aus der englischen wie der französischen Flagge. Nachdem eine politische Lösung, nämlich die Hochzeit mit der Tochter Karls VI., gescheitert war, bereitete Heinrich einen Feldzug vor. Bei der Rekrutierung seiner Armee konnte er auf das sogenannte Indenture-System zurückgreifen. Einzelne Befehlshaber samt ihrer Soldaten wurden auf der Basis eines Vertrages gegen Sold in den Dienst des Königs genommen.[1] Die Zusammensetzung der Armee ist interessant: Das Verhältnis von Men-at-Arms zu Langbogenschützen betrug laut den Musterungslisten 3:1.[2] Insgesamt brach Heinrich mit 11.248 Soldaten, Gewöhnlichen wie Adligen, nach Frankreich auf.[3]

Nach seiner Ankunft belagerte das Heer zunächst die Hafenstadt Harfleur. Es gelang den Engländern zwar, die Stadt einzunehmen, allerdings waren die Verluste enorm. Erschwerend kam hinzu, dass sich viele der Soldaten bereits zu diesem Zeitpunkt mit Dysenterie angesteckt hatten. Aufgrund der Verluste, der Krankheiten und schlechten Versorgung konnte es Heinrich V. nicht auf eine direkte Konfrontation mit der französischen Armee ankommen lassen. Stattdessen wollte er sich in das englische Calais durchschlagen. Die Franzosen waren ihm dabei ständig auf den Fersen. Schließlich verstellten sie ihm den direkten Weg nach Calais. Eine Umkehr war zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen. Das Heer war in 12 Tagen bereits mehr als 200 Meilen weit marschiert. 9.225 Männer waren noch einigermaßen kampffähig. Die Franzosen dagegen stellten sich mit ca. 12.000 Mann zum Kampf.[4]

Die französischen Adligen waren sehr zuversichtlich, die geschwächten Soldaten der Engländer leicht schlagen zu können. Auf der anderen Seite waren sich diese ihrer misslichen Lage durchaus bewusst. Sie wussten aber auch, dass ihnen keine andere Wahl blieb, als sich nach Calais durchzuschlagen. Die Adligen konnten vielleicht hoffen, irgendwann gegen Lösegeld freizukommen. Für die einfachen Soldaten würde eine Niederlage aber mit Sicherheit Folter und Tod bedeuten.

Das Schlachtfeld war übersichtlich. Es handelte sich lediglich um den bereits erwähnten, vom nächtlichen Regen durchnässten Acker, der auf beiden Seiten von Bäumen und Unterholz begrenzt wurde. Die englischen Men-at-Arms und Ritter formierten sich zu drei Blöcken. Die Langbogenschützen waren zum Teil zwischen den Nahkämpfern postiert. Die meisten von ihnen befanden sich aber an den Flanken, am Waldrand. Um sich vor Reiterangriffen zu schützen, hatten die Soldaten angespitzte Pfähle vor sich in den Boden getrieben.  Vor dem Beginn der Schlacht wurden insgesamt drei Messen abgehalten, um Gottes Unterstützung und die der Heiligen St. Georg sowie St. Crispian und St. Crispinian zu erhalten.[5]

Das französische Heer wurde nicht von Karl VI. befehligt. Der König litt seit 1392 unter einem geistigen Leiden, das ihn in unregelmäßigen Abständen den Verstand verlieren ließ.[6] Stattdessen wurde das Kommando vom  Connétable von Frankreich, Charles I. d’Albret und dem Marschall von Frankreich, Jean II. Le Maingre, übernommen. Die Franzosen verfügten zwar über einige Armbrustschützen, allerdings wurden diese hinter den eigenen Schlachtreihen postiert. So war es ihnen praktisch kaum möglich, effektiv in den Kampf einzugreifen. Im Zentrum befanden sich abgesessene Ritter, die in mehreren Reihen vorrücken sollten. Die hochrangigsten Adligen befanden sich in der ersten Schlachtreihe. An den Flanken stellten sich je 500 schwere Reiter auf, die die Bogenschützen der Engländer niedermachen sollten.

Heinrich V. in der Schlacht; Gemälde von 1915

Heinrich V. in der Schlacht; Gemälde von 1915

Der Schlachtverlauf ist in den Quellen von Augenzeugen gut dokumentiert. Eröffnet wurde die Schlacht von den Langbogenschützen. Es folgte der Angriff der französischen Reiter. Dieser führte allerdings nicht zum Erfolg. Sie gerieten zunächst in den Pfeilhagel der Engländer. Insbesondere die Pferde waren hierfür verwundbar. In der dichten Formation war es unmöglich, stürzenden Reitern auszuweichen. Diejenigen, die die Reihen der Bogenschützen erreichten, wurden von den Pfählen aufgehalten und von den durchaus zum Nahkampf fähigen Schützen niedergemacht. Die in der Mitte marschierenden Truppen der Franzosen gerieten nun ins Kreuzfeuer. Von allen Seiten prasselte der Pfeilhagel auf die Kämpfer ein. Die Adligen waren zwar mit den besten Rüstungen ihrer Zeit ausgestattet, aber auch diese boten nur einen begrenzten Schutz. Dazu kam, dass selbst ein abgewehrter Pfeil mit einer beachtlichen Wucht auf die Rüstung traf und diese auf den Körper übertrug. Zu allem Überfluss mussten die Franzosen durch beinahe kniehohen Schlamm waten und über die Gefallenen steigen. Am Ende dieses beschwerlichen Weges warteten die englischen Nahkämpfer. Nach dem ersten Aufprall und den daraus resultierenden Toten wurde der Kampf immer heftiger und schwieriger. Nach und nach fielen immer mehr Männer und bildeten ein zusätzliches Hindernis für die Angreifer. Nachdem die Langbogenschützen ihre Pfeile verschossen hatten, griffen sie zu ihren Schwertern, Hämmern und Äxten und griffen die Flanken der Franzosen an. Nach und nach wurde die zahlenmäßig überlegene französische Armee so in die Defensive gedrängt, bis sich die Kämpfer schließlich ergaben oder zur Flucht wandten. Im Schlachtverlauf wurden mehrere Gefangene gemacht. Einige von ihnen wurden getötet, nachdem der englische Tross von einigen Franzosen angegriffen wurde. Nach Aussage des englischen Chronisten hätte sonst die Gefahr bestanden, dass die Gefangenen wieder in den Kampf eingreifen.[7]

Das Ergebnis der Schlacht war für Frankreich katastrophal. Viele der einflussreichsten Adligen waren gefallen, darunter auch einer der Befehlshaber der Armee, Charles d’Albret. Heinrich V. stand der Weg nach Paris offen. Es ist anzunehmen, dass er aufgrund des schlechten Zustandes seiner Armee und der nicht vorhandenen Nachschubwege davon absah, eine Belagerung der Stadt zu riskieren. Stattdessen marschierte er mit seinen Truppen nach Calais und kehrte nach England zurück.

Die Schlacht von Azincourt ist ein gutes Beispiel dafür, dass nicht immer die Größe einer Armee über den Ausgang einer Schlacht entschied. Dieser Fakt war auch im Mittelalter durchaus bekannt. Dennoch verließen sich die Franzosen auf ihre Zahl. Es ist sicher nicht falsch, ihnen eine gewisse Überheblichkeit zuzuschreiben. Dieser Eindruck wird noch durch ihr ungestümes Vorgehen verstärkt, obwohl sie doch alle Trümpfe in der Hand hielten. Das adlige Selbstverständnis trug ebenfalls dazu bei, dass viele der wichtigsten Männer des Landes an diesem Tag den Tod fanden. Sie unterschätzten insbesondere die Langbogenschützen, die nicht dem Adelsstand angehörten. Diese aber waren Elitesoldaten, die es im Kampf durchaus mit ihnen aufnehmen konnten. Die Kombination aus englischen Adligen , die Seite an Seite mit den Schützen kämpften, führte schließlich zum Erfolg.

Für Heinrich war der Sieg ein dringend benötigter Erfolg, der propagandistisch entsprechend ausgenutzt wurde. Dies war zwingend notwendig. Der König musste den noch wackligen Herrschaftsanspruch der Familie Lancaster festigen. Sein eigentliches Ziel, die Herrschaft über Frankreich, konnte er nicht erreichen. Durch diesen so unwahrscheinlichen Sieg konnte Heinrich V. aber eindeutig belegen, dass Gott auf seiner Seite stand. Dass folgende Agincourt-Carol wurde eigens für den triumphalen Einzug des Königs in London geschrieben:

Agincourtcarol

[1] Vgl. Curry, Anne (1994). S. 41-42.

[2] Vgl. Ebd. S. 45.

[3] Vgl. Curry, Anne (2010). S. 76.

[4] Vgl. Ebd. S. 228-233.

[5] Vgl. Curry, Anne (2010). S. 236.

[6] Vgl. Müller, Heribert (1996). S. 303.

[7] Vgl. Gesta Henrici Quinti. Kapitel 12/13.

In eigener Sache: „Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

x-click-but04

Quelle:

Gesta Henrici Quinti. The Deeds of Henry the Fith. Über. Und Bearb. von Frank Taylor, John S. Roskell. (Oxford Medieval Texts). London, 1975.

Literatur:

Curry, Anne: Agincourt. A New History. The Mill (u.a.), 2010.

Curry, Anne: English Armies in the Fifteenth Century. In: Arms, Armies and Fortifications in the Hundred Years War. Woodbidge, 1994. S. 40-45.

Müller, Heribert: Karl VI. (1380-1422). In: Joachim Ehlers, Heribert Müller, Bernd Schneidmüller (Hrsg.):Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. München, 1996. S. 303-320.