al-Andalus – Ort des Fortschritts und der Toleranz

Der Islam erfuhr nach seiner Entstehung, ca. 622 nach christlicher Zeitrechnung, eine rasante Ausbreitung. Bereits 710 erreichten die ersten muslimischen Truppen Spanien, siegten über die Westgoten und errichteten hier eine Provinz des Kalifats der Umayyaden – eine alte Familie, die ursprünglich aus Mekka stammte und ihre Abstammung auf den Propheten zurückführen konnte. Die Herrscher der neuen Provinz sollte sich selbst allerdings erst ab Mitte des 10. Jahrhunderts als Kalifen bezeichnen.1

Die islamische Welt im frühen Mittelalter.

Die islamische Welt im frühen Mittelalter.

Die Ausbreitung des Islam bedeutete nicht automatisch, dass der Großteil der Bevölkerung gleich zu Beginn konvertierte. Es fanden keine Zwangskonvertierungen statt. Stattdessen herrschte Zunächst eine kleine Gruppe von Muslimen über Christen und Juden, unterstützt von ausländischen Söldnern. Einwanderung gab es in den folgenden Jahrhunderten vor allem von nordafrikanischen Berbern, aber auch aus Syrien. Nach und nach konvertierten auch viele Alteingesessene zur neuen Religion.2 Dies dürfte sicherlich auch daran gelegen haben, dass die Annahme des muslimischen Glaubens vor allem gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile mit sich gebracht haben dürfte. Aber auch aufrichtige Überzeugung sollte nicht komplett außer Acht gelassen werden. Nach und nach entwickelte sich durch Einwanderung und Konvertierung eine vorwiegend muslimische Gemeinschaft. Dies bedeutete jedoch nicht, dass sich im gleichen Zuge Intoleranz gegenüber Andersgläubigen entwickeln sollte. Ganz im Gegenteil: Andere Glaubensrichtungen wurden toleriert. Auch Sunniten und Schiiten lebten in al-Andalus friedlich nebeneinander.3

Als Hauptstadt entwickelte sich nach und nach Cordoba. Der Kalif lebte in der königlichen Stadt Madinat al-Zahra, umgeben von einem engen Kreis an Beratern, der sich größtenteils aus Arabern rekrutierte. Das Land florierte, insbesondere durch neue Anbautechniken, die aus dem nahen Osten importiert wurden. Im Umland wurden vor allem Berber angesiedelt.4 Wissenschaft, Literatur, Medizin und Kunst erreichten bis dahin ungeahnte Höhepunkte. Für die Zeit seines Bestehens sollte al-Andalus, wie die muslimisch beherrschten Teile Spaniens auch genannt wurden, ein Ort der Toleranz und des Fortschritts sein. Die hier gewonnenen Erkenntnisse waren maßgeblich für die weitere Entwicklung auch Nordeuropas – insbesondere für die Scholastik.

Doch konnte sich auch al-Andalus nicht den Strömungen seiner Zeit verschließen. Schon im 8. Jahrhundert gab es Konflikte mit den christlichen Königreichen im Norden, insbesondere mit den Franken unter Karl dem Großen. Der Kriegszug des Kaisers nach Spanien konnte allerdings abgewehrt werden. Nach und nach entfernten sich die spanischen Muslime außerdem von den Lehren, die vor allem im nahen Osten praktiziert wurden und sehr viel radikaler waren. Im Laufe der Reconquista, der christlichen Rückeroberung Spaniens, geriet Cordoba letztlich genau zwischen Christen und Muslime, die jeweils einen Alleinvertretungsanspruch vertraten. Bereits in den Jahrzehnten zuvor war das Kalifat in Einzelstaaten zerfallen, die nach und nach durch die Kreuzfahrer erobert wurden. 1236 fiel schließlich Cordoba an die Christen. Abgeschlossen wurde die Reconquista aber erst 1492, als Emir Muhammad XII. Granada an Ferdinand II. von Aragon und Isabella I. übergab.

Übergabe Granadas 1492, Darstellung von 1882.

Übergabe Granadas 1492, Darstellung von 1882.

Al-Andalus dient als ein außergewöhnliches Beispiel für ein tolerantes Miteinander der Religionen in einer Zeit, mit der meist genau das Gegenteil verbunden wird. Es zeigt auch, welch großen Einfluss die sehr fortschrittliche islamische Welt im Mittelalter auf Europa hatte. Viele Entwicklungen wären ohne diesen Einfluss entweder nicht möglich gewesen oder erst sehr viel später erfolgt. Insbesondere das tolerante Klima in al-Andalus führte zu einer produktiven Kooperation zwischen allen Glaubensrichtungen, die es seitdem in dieser Form nicht mehr gegeben hat.

1Vgl. Hourani Albert (2005). S. 41.

2Vgl. Ebd. S. 41-42.

3Vgl. Ebd. S. 42.

4Vgl. Ebd. S. 42.

Literatur:

Hourani, Albert. A History of the Arap Peoples. London, 2005.

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Die islamische Stadt im Mittelalter

Wie im mittelalterlichen Europa spielten auch in den islamischen Teilen der damaligen Welt Städte eine bedeutende Rolle. Einige Städte in diesem Gebiet existierten schon lange vor dem Entstehen des Islam. Andere wurden neu gegründet. Der hierfür zugrunde liegende Prozess unterschied sich nicht wesentlich von dem Europas. Häufig entstanden neue Städte langsam aus Märkten, auf denen die Landbevölkerung Waren kaufte und verkaufte. Nach und nach siedelten sich Handwerker an, die ihre Erzeugnisse zum Kauf anboten. Entscheidend war, dass diese Orte verkehrsgünstig gelegen waren, entweder an den Routen der Karawanen, an Flüssen oder am Meer. Die meisten der islamischen Städte lagen allerdings nicht direkt an der See, da sie dort häufig zum Ziel von Piraten wurden. Damit eine Stadt auf lange Sicht florieren konnte, war aber vor allem eine gewisse Stabilität entscheidend. Im hohen Mittelalter beherbergten die großen Städte des Nahen Ostens weit mehr Einwohner, als in den europäischen Städten zu Hause waren. So lebten im Kairo des 14. Jahrhunderts ca. 250.000 Menschen, während zur gleichen Zeit Paris und Venedig ca. 100.000 Einwohner zählten. Die Städte Nordeuropas waren noch einmal deutlich kleiner.[1]

Der Aufbau der Städte folgte einem bestimmten Plan. Im Zentrum (dem „Madina“) befand sich die zentrale Moschee sowie das Haus des obersten Quadi. Diese Richter waren in einer Madrasa ausgebildet worden und in erster Linie dafür verantwortlich, Rechtsstreitigkeiten mit Hilfe der Shari‘a beizulegen.[2] Außerdem beherbergte das Zentrum Geschäfte, die Bücher und Kerzen zum Verkauf anboten. Beides war von entscheidender Bedeutung für die Ausübung der Religion. Wichtig war auch das zentrale Marktviertel (das „Suq‘), wo sich auch die feineren Geschäfte befanden, in denen beispielsweise gute Kleidung und Gewürze angeboten wurden. Die Wohnviertel befanden sich außerhalb des Zentrums. Diese verfügten meist über eigene Gotteshäuser, einen kleinen Markt und manchmal ein öffentliches Bad. Die von Gärten umgebenden Häuser der reicheren Stadtbewohner fand man in der Regel etwas weiter außerhalb. Ganz am Rande der Stadt, nahe der Mauern, lebten die Einwanderer. Zudem fand man hier und außerhalb der Stadtmauern auch die Friedhöfe.[3] War eine Stadt zugleich Herrschaftszentrum, besaß sie meist ein abgegrenztes Viertel, in dem sich der Palast befand. Hier hielt sich nicht nur die Herrscherfamilie samt ihren Bediensteten und Sklaven auf, sondern auch die Soldaten. Diese wurden häufig nicht nur deshalb nahe am Palast gehalten, damit sie für den Schutz des Herrschers sorgen konnten. Sie sollten zudem möglichst wenig mit äußeren Einflüssen in Berührung kommen, die sich negativ auf ihre Loyalität auswirken konnten.[4]

Qāitbāy-Zitadelle (spätes 15. Jahrhundert)

Qāitbāy-Zitadelle (spätes 15. Jahrhundert)

In den Städten lebten nicht nur Muslime. Auch Christen und Juden gab es in nicht geringer Zahl. Diese lebten nicht unbedingt in speziellen Vierteln, sondern konnten sich frei in den Städten bewegen. Es galten allerdings bestimmte Regeln. Zunächst mussten sie eine spezielle Steuer zahlen, die „Jizya“. Sie waren außerdem verpflichtet, ganz bestimmte Kleidung zu tragen, um ihren anderen Glauben deutlich zu machen. Auch durften sie keine Farben verwenden, die mit dem Islam in Verbindung standen. Das Tragen von Waffen, das Reiten von Pferden, das nicht genehmigte Bauen von Gotteshäusern bzw. das unerlaubte Reparieren bereits bestehender Gebäude war streng verboten. Streng waren auch die Gesetze, die sich auf die persönlichen Beziehungen zwischen Muslimen, Christen und Juden bezogen Ein Nicht-Muslim durfte nicht vom einem Muslim erben oder eine muslimische Frau heiraten. Einem Muslim hingegen war es durchaus erlaubt, eine Christin oder Jüdin zu heiraten. Christen und Juden spielten wichtige Rollen in bestimmten Handwerksberufen, im Fernhandel und sogar in der öffentlichen Verwaltung. Außerdem waren jüdische Ärzte sehr gefragt.[5]

Eine spezielle Stellung nahmen die Sklaven ein. Unter ihnen befanden sich vor allem Kriegsgefangene und auf Sklavenmärkten verkaufte Menschen. Auch war es möglich, in die Sklaverei hinein geboren zu werden. Die Stellung dieser Menschen war allerdings bei weitem nicht so schlecht, wie es beispielsweise bei den in den nordamerikanischen Südstaaten im 19. Jahrhundert eingesetzten Sklaven der Fall war. Sie besaßen zwar nicht die Recht eines freien Menschen, die Shari’a schrieb aber explizit vor, dass sie gerecht und freundlich behandelt werden sollten. Auch war ein Leben als Sklave nicht gleichbedeutend mit Chancenlosigkeit. Sie konnten eines Tages freigelassen werden und in einem solchen Fall sogar die Tochter des ehemaligen Meisters heiraten, wenn dieser zustimmte. Dies konnte durchaus passieren, da sich zwischen Meister und Sklave in einigen Fällen eine enge Beziehung entwickelte. Als Soldaten dienende Sklaven konnten es zu einer beeindruckenden Machtfülle bringen. Bekanntestes Beispiel hierfür sind die Mameluken, die von 1250 bis 1517 über Syrien und Ägypten herrschten. Sie waren ursprünglich Sklaven, die als Soldaten dienen sollten. Sie konvertierten schließlich zum Islam.[6]

Mameluke, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert

Mameluke, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert

Das Gesetz betreffen gab es einen bedeutenden Unterschied zwischen Stadt und Land. Allgemein üblich war die Anerkennung der Shari’a, die das Zusammenleben der Muslime regelte. In den Städten ergab sich allerdings das Problem, dass sie sich zwar umfangreich mit persönlichen Angelegenheiten befasst, nicht so sehr aber mit geschäftlichen Thematiken. Auch die Organisation innerhalb der Stadt wurde nicht hinreichend behandelt. Aus diesem Grund verließ man sich in diesen Angelegenheiten auf die „‘Ulama“. Dies waren Personen, die sich intensiv mit der Lehre der Religion befassten und in der Stadt für das Verfassen von geschäftlichen Texten und die Regelung von Geschäftsbeziehungen und Erbschaftsangelegenheiten  verantwortlich waren.[7]

Genau wie die europäischen Städte des Mittelalters war die arabische Stadt ein Ort des geschäftlichen und gesellschaftlichen Austausches. Das Umland war in erster Linie bedeutend, da von hier Rohstoffe und Menschen in die Stadt kamen. Das Einflussgebiet der Stadt musste daher nicht unbedingt sehr weit reichen. Außerhalb gab es wiederrum eine ganze Reihe von lokalen Machthabern und Stammesführern. Eine Einheit wurde in erster Linie durch den gemeinsamen Glauben geschaffen. Dies bedeutete aber nicht zwangsläufig, dass es keine Konflikte gab, wie es auch im christlichen Europa immer wieder der Fall war. Die arabischen Städte spielten eine bedeutende Rolle im Fernhandel, von dem auch die Europäer profitierten. Insbesondere einige italienische Städte, vor allem Venedig, handelten intensiv mit den am Mittelmeer liegenden Städten. Der Islam zeigte sich im Mittelalter vergleichsweise tolerant gegenüber Andersgläubigen. Auch wenn es immer wieder zu Konflikten kam, so waren sie in diesem Bereich doch offener, als es die christlichen Städte häufig waren. Ein weitgehend friedliches Nebeneinander von Moscheen, Synagogen und christlichen Kirchen gab es im Mittelalter zumindest nur im islamischen Herrschaftsbereich.

[1] Vgl. Hourani, Albert (1991). S. 109-111.

[2] Vgl. Ebd. S. 113-114.

[3] Vgl. Ebd. S. 122-123.

[4] Vgl. Ebd. S. 125.

[5] Vgl. Ebd. S. 117-119.

[6] Vgl. Ebd. S. 116-117.

[7] Vgl. Ebd. S. 114-115.

Literatur:

Hourani, Albert. A History of the Arab Peoples. London, 1991.

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