Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 3 von 3

Sie haben in Teil eins und zwei dieser Serie erfahren, wie man sich im Mittelalter im Idealfall auf eine anstehende Belagerung vorbereitet hat. Sie wissen nun auch, wie der Proviant rationiert wurde und was getan werden musste, um die eigene Burg oder Stadt erfolgreich gegen Angriffe zu verteidigen. Doch was wurde getan, um der Angst, dem Terror und der ständigen Lebensgefahr zu begegnen?

Lesen Sie im dritten und letzten Teil dieser Serie, wie mit den enormen psychologischen Belastungen einer Belagerung umgegangen wurde.

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Belagerung einer Stadt, Holzschnitt von 1502

 

Überleben auf engstem Raum

Angst, Panik und Verzweiflung sind nur einige Beispiele für die extremen emotionalen Belastungen, die mit einer Belagerung einhergehen konnten. Die Verteidiger waren über einen relativ langen Zeitraum auf engstem Raum eingeschlossen. Ständig drohte Lebensgefahr. Zum einen durch immer neue Angriffe auf die Mauern, zum anderen durch den Beschuss durch die feindlichen Belagerungsmaschinen. Innerhalb der Befestigungen kursierten häufig Krankheiten. Verwundete und Kranke konnten meist nur notdürftig versorgt werden. Dazu kam, dass vieles von dem, was man sich lange Zeit aufgebaut hatte, jederzeit von der vollständigen Zerstörung bedroht war. Das schlimmste jedoch war die große Zahl der geliebten Menschen, die bereits Tod waren oder jederzeit den Tod finden konnten.

Wie Menschen auf derartige Belastungen reagieren, ist individuell verschieden. Dementsprechend gab es gleich mehrere Strategien, mit denen versucht wurde, das Ausbrechen von Panik oder Verrat von innen heraus zu verhindern.

Strategie 1 Abschreckung

Ein einziger Verräter innerhalb der Befestigung konnte diese bereits zu Fall bringen. Besonders dann, wenn er andere mit seinen Ideen ansteckte. Dementsprechend drakonisch waren die Strafen, die Verräter zu erwarten hatten. Folterinstrumente wurden noch vor Beginn der Belagerung öffentlich aufgestellt, um hier von vorneherein keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen.

Strategie 2 Ablenkung

Niemand kann über einen langen Zeitraum rund um die Uhr mit schrecklichen Eindrücken umgehen, ohne sich zumindest ab und zu davon abzulenken. Das wussten auch die Verteidiger des mittelalterlichen Neuss 1474/75. Obwohl sie bereits einige Zeit von der berüchtigten Armee des Burgunderherzogs Karl dem Kühnen belagert und beschossen wurden, richteten die Verteidiger inmitten des tödlichen Chaos fröhliche Reiterspiele aus. Das freudige Getöse wurde in der Stadt schließlich so laut, dass es auch einem englischen Söldner vor den Stadtmauern nicht verborgen blieb. Auf seine erstaunte Frage, wie die Neusser im Angesicht einer derartigen Bedrohung die Nerven für so etwas haben könnten, antworteten ihm die Wachen auf dem Mauern gelassen, dass man schließlich nicht die ganze Zeit in Angst leben könne. Dies habe auch der hartgesottene Söldner eingesehen und verstanden.

Strategie 3 Religion

Wohl kaum etwas kann Menschen stärker motivieren, als der Glaube an höhere Mächte. Wer einen Heiligen oder gar Gott auf seiner Seite glaubt, wird auch im Angesicht jeder noch so großen irdischen Bedrohung standhaft bleiben. Das galt in besonderem Masse für das Mittelalter. Kein Wunder also, dass religiösen Symbolen, Prozessionen und Gottesdiensten stets eine besondere Bedeutung zukam. Nicht selten war die Burgkapelle an der Stelle der Befestigung untergebracht, die der größten Gefahr ausgesetzt war. Reliquien wurden zu besonders hart umkämpften Mauerabschnitten getragen, um die Hilfe des Heiligen zu erflehen. Und besondere Reliquien, wie die heilige Lanze, dienten ganzen Heeren als Ankerpunkt im blutigen Chaos der Schlacht.

Strategie 4 Ein fähiger und angesehener Anführer

Jede Verteidigung stand und fiel mit den Fähigkeiten ihres Anführers. Eine charismatische Persönlichkeit, ausgestattet mit einer ausreichenden Machtfülle und einer entsprechenden Anzahl an loyalen Mitstreitern, konnte in schwierigen Situationen die Verteidiger motivieren und sie davon abhalten, aufzugeben. Denn immer verführerischer mutete einigen irgendwann der Gedanke an, das Leid und das Elend auf einen Schlag beenden zu können.

Der menschliche Faktor war entscheidend

Wie wir sehen, hing der Erfolg der Verteidigung von befestigten Stellungen maßgeblich von der Moral der Verteidiger ab. Neben einer ausreichenden Verpflegung und Ausrüstung spielte die psychologische Verfassung eine entscheidende Rolle. Diese in einem guten Zustand zu erhalten, stellte eine der größten Herausforderungen dar. Nicht immer fruchteten die getroffenen Maßnahmen. Viele Burgen und Städte fielen nicht, weil sie sich nicht mehr hätten halten können. Sie fielen, weil ihren Verteidigern die Lage ab einem gewissen Zeitpunkt als zu aussichtslos erschien.

Hiermit endet die dreiteile Serie über die erfolgreiche Verteidigung im Mittelalter. Sie wissen nun über die zentralen Aspekte der mittelalterlichen Verteidigungsstrategien Bescheid. Ich freue mich, dass Sie so interessiert mitgelesen haben. Wie hat es Ihnen gefallen? Haben Sie Fragen? Ich freue mich auf Ihre Anregungen!

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Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 2 von 3

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Belagerung von Orleans 1429

Selbst wenn sich eine Stadt im Mittelalter optimal auf eine drohende Belagerung vorbereitet hatte, war eine erfolgreiche Verteidigung keineswegs garantiert. Nun ging es darum, die Stadtmauern zu halten. Dies gelang aber nur dann, wenn die Verteidiger ausreichend mit Nahrung versorgt wurden und die Mauern weitgehend intakt blieben.

Lesen Sie im zweiten Teil dieser Serie, wie der Proviant rationiert wurde, welche Maßnahmen gegen Mineure ergriffen werden konnten und warum es für die Verteidiger so wichtig war, regelmäßige Ausfälle zu unternehmen.

1. Die Vorräte mussten reichen – oder wie Proviant rationiert wurde

Da man im Vorfeld bestenfalls erahnen konnte, wie lange eine Belagerung dauern würde, kam der strengen Rationierung der Vorräte eine entscheidende Bedeutung zu. Es war daher empfehlenswert, den gesamten Proviant an einem zentralen Ort zu lagern. Dieser war einfacher zu bewachen und vor Brandanschlägen zu schützen. Von hier aus konnten jeden Tag genau festgelegte Rationen an die eingeschlossenen Menschen verteilt werden.

Diese Vorgehensweise war insbesondere deswegen so wichtig, da im Falle von extremem Hunger der vernünftige Umgang mit den Vorräten kaum noch gewährleistet werden konnte. Nach einigen Wochen bei kleinsten Rationen und großen körperlichen und seelischen Anstrengungen wuchs der Hunger ins Unermessliche. Eine geplünderte Vorratskammer aber wäre das Ende jeder noch so gut vorbereiteten Verteidigung gewesen.

Der Neusser Stadtschreiber Christian Wierstraet schildert die Folgen mangelnder Verpflegung während der Belagerung von Neuss 1474/75 durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen sehr eindrücklich. Man sei schließlich dazu übergegangen, sogar die Schlachtrösser zu essen. In Anbetracht deren immensen Wertes lässt sich nur erahnen, wie sehr die Verteidiger unter Hunger gelitten haben müssen.

2. Mineure unter den Mauern – und wie man sie bekämpfte

Das Untergraben von Mauern stellte seit der Antike eine gängige Methode dar, diese zum Einsturz zu bringen. Dazu grub man einen Gang, den man direkt unter den Mauern zu einer Kammer erweiterte. Ließ man diese einstürzen oder entzündete hier ein Feuer, konnte dies die darüber liegenden Mauern kollabieren lassen. Allerdings waren die Verteidiger dieser Methode nicht schutzlos ausgeliefert. Zumindest dann nicht, wenn sie ebenfalls über fähige Mineure verfügten.

Zunächst kam es darauf an, Tunnel des Gegners rechtzeitig und einigermaßen präzise orten zu können. Dies gelang meist, indem die durch das Graben verursachten Erschütterungen erkannt wurden. Dies konnte beispielsweise durch kleine Glocken geschehen, die an der Mauer aufgestellt wurden. Einfacher war es, wenn sich der Feind beim Tarnen der Arbeiten keine besondere Mühe gab und die Erdarbeiten von der Mauer aus deutlich sichtbar waren.

War ein Tunnel erst einmal geortet, gruben die eigenen Mineure einen Gegenstollen. Sobald der feindliche Gang erreicht war, leitete man entweder Rauch hinein oder stellte den Gegner im Kampf. Ein Kampf unter Tage musste eine schreckliche Erfahrung gewesen sein. In der stickigen Enge der Stollen waren ausladende Bewegungen so gut wie unmöglich. Dafür konnte im Falle eines Sieges der Stollen zerstört und die Mauer vorerst gerettet werden.

3. Darum waren Ausfälle so wichtig

Alleine die Erfahrung, in einer Befestigung eingeschlossen zu sein, kann psychologisch ungeheuer belastend sein. So war es nicht nur aus strategischer Sicht wichtig, die Initiative zu behalten oder wiederzugewinnen. Diesem Zweck dienten Ausfälle. Die Verteidiger unternahmen immer wieder Angriffe aus der Befestigung heraus. Besonders bei nicht befestigten Lagern der Belagerer führten diese Überfälle immer wieder zu Erfolgen. Belagerungsmaschinen und Zelte konnten zerstört und manchmal sogar Beute gemacht werden. Für die Moral der Verteidiger unglaublich wichtige Faktoren. Immerhin machte man so immer wieder die Erfahrung, der Situation nicht komplett hilflos ausgeliefert zu sein.

Außerdem übten die Ausfälle Druck auf die Belagerer aus. Sie konnten sich eben nicht in ihrem Lager ausruhen und sicher fühlen. Ganz im Gegenteil: Stete Wachsamkeit war auch hier unerlässlich. Der Verlust von teuren Belagerungsmaschinen und Ausrüstung konnte zudem den Erfolg der ganzen Unternehmung ernsthaft gefährden. Noch schlimmer wurde es, wenn der Proviant betroffen war.

Lesen Sie im dritten und letzten Teil der Serie über den Umgang mit den Belastungen einer langen Belagerung und die Bewältigungsstrategien der Verteidiger.

Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 1 von 3

Eine Stadt musste im Mittelalter jederzeit mit Belagerungen rechnen. Insgesamt spielten sich die meisten bewaffneten Auseinandersetzungen dieser Zeit in diesem Rahmen ab. Die Belagerten befanden sich meist in einer sehr vorteilhaften Situation. Denn die Befestigungen und die strategisch günstige Lage vieler Städte verschaffte ihnen in der Regel einen deutlichen Vorteil. Zumindest dann, wenn die Vorbereitung stimmte.

Lesen Sie im ersten Teil dieser Serie, wie sich die Städter des Mittelalters auf eine drohende Belagerung vorbereiteten und welche Maßnahmen gegen Verräter ergriffen wurden.

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Belagerung von Orleans 1429

1. Die richtige Vorratshaltung

Um sich auf eine größere Belagerung vorbereiten zu können war es notwendig, rechtzeitig Bescheid zu wissen. Es lohnte sich also, die politische Lage und das Umland ständig im Auge zu behalten. Zeichnete sich dann eine Belagerung ab, konnten rechtzeitig alle notwendigen Vorräte eingelagert werden. Was sich dazu am besten eignet, schildert der Neusser Stadtschreiber Christian Wierstraet im 15. Jahrhundert:

  • Waffen, vor allem Armbrüste, Büchsen, Geschütze, Schwerter, Äxte und Spieße
  • im Spätmittelalter: Kohle, Salpeter und Schwefel zur Herstellung von Schwarzpulver
  • Viel Holz in unterschiedlichen Formaten – zum Bauen, Reparieren und für Pfeile
  • Ausreichend Arzneikräuter
  • Schaufeln – sehr wichtig, denn gegraben werden musste bei Belagerungen immer wieder
  • Wein, gesalzenes Fleisch und Speck, Butter und Käse, Erbsen, Honig, Öl, Kornfrucht, Trockenfisch und Salz; um „alle die wackeren und getreuen Gesellen auf Bollwerk und Wällen bei Kampfesmut [zu] halten“
  • Viel Brennholz
  • Steinkohle und Eisen
  • Leder1

Die Wasserversorgung war im Idealfall durch Brunnen oder Zisternen auf längere Zeit gesichert. Gleichzeitig empfehlen antike Autoren, alle Wasserquellen vor der Stadt zu vergiften – zumindest, wenn sich die zu verteidigende Stadt in einer generell wasserarmen Region befand.

Neben dem Anlegen von Vorräten empfahl es sich zudem, die hoffentlich vorhandenen Gräben um die Stadt in Stand zu setzen und idealerweise kleine Überraschungen für die anrückenden Feinde vorzubereiten.

2. Eigene Wurfmaschinen bauen oder reparieren

Diese Maschinen waren nicht nur für die Belagerer wichtig. Es konnte eine durchaus beachtliche psychologische Wirkung haben, zurückschießen zu können. Darüber hinaus konnten so Angriffe empfindlich gestört und feindliche Ausrüstung zerstört werden. Kleinere Wurfmaschinen oder später auch Kanonen wurden sogar auf Türmen aufgestellt.

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Trebuchet (Rekonstruktion)

3. Die Spreu vom Weizen trennen – oder der Umgang mit möglichen Verrätern

Keine Bedrohung war wohl während einer Belagerung größer als der oder die Verräter in den eigenen Reihen. Dabei musste es sich nicht zwangsläufig um einen geplanten Verrat handeln. Die psychologischen Belastungen einer Belagerung waren enorm. Da gab es immer mal wieder den ein oder anderen, der entkommen wollte – auch wenn das bedeutete, die Stadt aufzugeben oder in Gefahr zu bringen. Um mit dieser Bedrohung umgehen zu können, waren zwei Faktoren ausschlaggebend:

  • Die Verteidigung brauchte einen charismatischen, beliebten Anführer mit eigenen Kämpfern, die ihm unerschütterlich treu ergeben waren.
  • Zu Beginn einer Belagerung wurden meist Galgen und Rad öffentlich aufgestellt – eine deutliche Drohung an diejenigen, die die öffentliche Ordnung stören könnten.

Es handelte sich also um eine Kombination aus Abschreckung und positiver Motivation. Es war wichtig, in Panik geratene Menschen rechtzeitig zu isolieren. Ansonsten bestand die Gefahr, dass sich die Panik wie ein Lauffeuer ausbreitete. Wenn das geschah, war die Stadt so gut wie verloren. Daher war eine stete Achtsamkeit innerhalb der Bevölkerung notwendig, um eventuelle Warnzeichen rechtzeitig zu erkennen.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie der Proviant rationiert wurde, welche Maßnahmen gegen Mineure ergriffen werden konnten und warum es für die Verteidiger so wichtig war, regelmäßige Ausfälle zu unternehmen.

Quelle:

Wierstraet, Christian: Die Geschichte der Belagerung von Neuss. Faksimile der Erstausgabe bei Arnold ther Hoernen. Köln, 1476.

1Vgl. Wierstraet, Christian (1476). Z. 3130-4157.

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Die fida’i – Assassinen des Mittelalters

Spionage und Mord waren ihr Geschäft. Und sie waren so berühmt und berüchtigt, dass alleine die Erwähnung ihres Namens ausreichte, um politische Gegner in Angst und Schrecken zu versetzen. Um die Meuchelmörder des Mittelalters ranken sich dementsprechend zahlreiche Mythen und Legenden. Doch wer waren sie wirklich?

Die Assassinen aus dem Nahen Osten

Die Meuchelmörder entstanden aus der schiitischen Glaubensgemeinschaft der Nizari-Ismailiten. Diese existierte im 11. Jahrhundert in Syrien und Persien und war ein erklärter Feind der sunnitischen Seldschuken-Dynastie, die das byzantinische Reich in Atem hielt. Dank taktischem und kämpferischem Geschick gelang es ihnen, mehrere Bergfestungen zu erobern und zu halten. Im Gebirgszug des Dschebel Aansariye konnten sie sogar so etwas wie ein eigenes Herrschaftsgebiet aufbauen. Nun verfügten sie über eine Basis, von der aus sie ihre Operationen durchführen konnten.

Der Alte vom Berg

Der erste Anführer der Assassinen war Hasan-i Sabbah. Er führte die Attentäter von der Burg Alamut aus, die sich im Nordwesten des heutigen Iran befindet. Nach ihm übernahmen immer wieder Imame die Führung der Gruppe.

Sir John Mandeville berichtet in einem Text aus dem 13. Jahrhundert detailliert über die Methoden, mit denen Sabbah Anhänger für die sehr riskanten Attentatsversuche gewann. Er würde ihnen „einen gewissen Trunk“ verabreichen, der den Trinkenden in einen wundervollen Rausch versetzen würde. Nun würde er ihnen eröffnen, dass sie im Falle des Todes „in einem Paradies erwache[n]“ würden, „das hundertmal schöner sei als die Bergfestung, voll mit willigen Jungfrauen, mit denen er nach Belieben Sex haben werde, ohne dass sie ihre Jungfräulichkeit verlören“1.

Gezielte Attentate

Die Assassinen operierten nicht nur im Verborgenen. Sie legten außerdem Wert auf absolute Präzision. Es sollte stets nur die Zielperson getötet werden. Unbeteiligte sollten verschont bleiben. Diese Vorgehensweise spricht für ein überaus professionelles Vorgehen, dass sicherlich eine ganze Reihe von besonderen Techniken und Taktiken erforderte.

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Ermordung von Nizam al-Mulk durch einen Assassinen; 14. Jhd.; Topkapi Palace Museum, Cami Al Tebari TSMK, Inv. No. H. 1653, folio 360b

Die meisten Opfer waren sunnitische Muslime. Der englische König Richard Löwenherz bediente sich mehrmals der Dienste der Assassinen. Raimund II., Graf von Tripolis war eines der prominenten Opfer. Selbst Sultan Saladin war mehrmals Ziel von Attentaten, die jedoch allesamt scheiterten.

Das Bild der schrecklichen, orientalischen Assassinen

Es war auch die Unerschrockenheit der Attentäter, die sie so furchterregend machte. Wenn es der Auftrag erforderte, nahmen sie bereitwillig und jederzeit den Tod in Kauf. So erschienen sie ihren Gegnern und Opfern bald als weit größer und gefährlicher, als sie es tatsächlich waren. Schon bald reichte alleine die Drohung, ein in ein Kissen gestochener Dolch, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Es ist umstritten, ob es den gezielten Einsatz von Drogen wirklich gegeben hat. Ich halte dies jedoch durchaus für denkbar.

Das Ende

Dass auch die Assassinen nicht unbesiegbar waren, wurde schon bald deutlich. 1256 wurde Alamut durch die Mongolen zerstört, die in Syrien, Persien und Palästina einfielen. Der letzte Anführer, Imam Rukn al-Din Khurshah, wurde nach dem Sieg der Mongolen von Hülegü Khan hingerichtet. Die Assassinen in Syrien existierten jedoch noch bis ins 14. Jahrhundert und arbeiteten für den ägyptischen Sultan.

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Die Belagerung von Alamut 1256

Auch wenn die Legenden sie zu mehr machen, als sie tatsächlich waren: Die Assassinen waren durchaus eine professionell geführte Gruppe von Meuchelmördern, die ihren schrecklichen Ruf nicht zu Unrecht trug. Ihr fielen zahlreiche Menschen zum Opfer, bei denen es sich vor allem um wichtige Persönlichkeiten ihrer Zeit handelte. Die Assassinen überlebten die Wirren des Krieges in der umkämpften Region nicht allzu lange. Ihre Geschichten, Mythen und Legenden aber bestehen bis heute fort und dienen immer wieder als Vorbild in der modernen Pop-Kultur.

Literatur:

Larringtion, Carolyne. Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones. Darmstadt, 2016.

1cf. Larrington, Carolyne (2016). S. 199.

Diesen Artikel auf Spanisch lesen:

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Buchvorstellung: Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones

9783806233506_1470125528687_xxlLarrington, Carolyne: Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones. Übers. von Jörg Fündling. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2016.

„Dieses Buch zeigt, was passiert, wenn eine Spezialistin für mittelalterliche Literatur und Kultur sich die HBO-Serie Game of Thrones ansieht und George R.R. Martins Romanzyklus Das Lied von Eis und Feuer liest.“

Mit diesen Worten beginnt Carolyne Larrington ein Buch, das viele sehnsüchtig erwartet haben dürften. Historiker und Autoren historischer Romane sind seit langem gleichermaßen begeistert von der Verbindung von Fantasy und mittelalterlicher Geschichte, die in der populären Buch- und Fernsehserie auf einzigartige Art und Weise zu verschmelzen scheinen. Larrington widmet sich diesem Zusammenspiel und zeigt auf unterhaltsame Art und Weise interessante Parallelen und Unterschiede zwischen der Welt von Game of Thrones und der des realen Mittelalters auf.

Carolyne Larrington nimmt uns mit auf eine spannende Reise durch die Welt von Game of Thrones. Sie führt in bildhafter Sprache an die nur zu gut bekannten Orte in Westeros: Den kalten Norden, die von Hexenmeistern und Untoten durchstreiften Gebiete jenseits der Mauer, die Herzlande und den von Intrigen und Rivalitäten zerrissenen Westen und Süden der sieben Königslande. Sie überquert mit uns die Meerenge und erweckt die mysteriösen und fremdartigen Inseln und Länder des Ostens vor unserem inneren Auge zum Leben. Zwischendurch lässt sie uns immer wieder innehalten und schlägt in spannenden Exkursen den Bogen in die Realität des Mittelalters, die sich in manchen Punkten gar nicht so sehr von Westeros unterscheidet. Dabei zeigt die Autorin außerdem, dass viele der Geschichten, die sich die Menschen in Westeros in kalten Nächten ehrfürchtig an ihren Feuern erzählen, ursprünglich der Glaubens- und Sagenwelt des Mittelalters entspringen. Der Unterschied ist, dass sie in der Welt George R.R. Martins nach und nach zur Wirklichkeit werden.

Als Grundlage dienen Larrington nicht nur die bisher insgesamt sechs Staffeln der HBO-Fernsehserie. Erfreulicherweise nimmt sie zusätzlich immer wieder Bezug auf die Romanvorlage, die ja in einigen Punkten deutlich von der Serie abweicht. Ein Detail, dass besonders langjährigen Fans von „Ein Lied von Eis und Feuer“ sehr wichtig sein dürfte. Kleines, aber feines Detail am Rande: Carolyne Larrington hat sogar daran gedacht, mögliche Spoiler zu kennzeichnen und den Leser so rechtzeitig zu warnen.

„Winter is Coming“ ist ein Buch, dessen Lektüre sich nicht nur für eingefleischte Fans lohnen dürfte. Dank zahlreicher Bezüge zu unserer Geschichte und sogar zu den aktuellen Entwicklungen unserer Zeit ist dieses Buch alles andere als ein Ergänzungsband zu den Romanen oder zur Serie. Vielmehr handelt es sich um einen wissenschaftlich fundierten, hervorragend recherchierten Führer durch die mittelalterliche Geschichte, die Reiche von Game of Thrones und die in beiden Welten so wichtigen Glaubensrichtungen.

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Süße Düfte und sündhafter Gestank – Hygiene im Mittelalter

Hätten Sie gedacht, dass die Menschen des Mittelalters großen Wert auf Reinlichkeit gelegt haben? Dass üble Gerüche gar in Verdacht standen, tödliche Krankheiten auszulösen? Das Mittelalter wird nicht allzu häufig mit strengen Hygienestandards in Verbindung gebracht. Dabei waren Sauberkeit und ein gepflegtes Auftreten damals mindestens genauso wichtig wie heute.

Hygiene im Mittelalter und ihre Bedeutung für die Gesellschaft

„Die Beziehung zwischen Sauberkeit, Identität, Stolz und Achtsamkeit“1 war es, die das Thema Hygiene bereits im Mittelalter zu einem wichtigen Bestandteil des Alltagslebens machte. In einer Welt, in der die Menschen nichts von Keimen als Auslöser von Krankheiten wussten, spielten Gerüche eine umso bedeutendere Rolle. Zwar waren üble Gerüche in den meisten Bereichen nicht zu vermeiden. Doch wurden sie, so gut es ging, bekämpft. Es war den Menschen des Mittelalters überaus wichtig, ihre Häuser und ihr Erscheinungsbild in Ordnung zu halten.

Wie penibel auf Sauberkeit geachtet wurde

Die Häuser und ihr Interieur wurden sorgfältig sauber gehalten. Die Böden wurden regelmäßig gefegt, die Arbeitsplatten abgewischt. Die Textilien wurden in harter Handarbeit gewaschen und anschließend zum Trocknen ausgelegt. Das Geschirr wurde nach jedem Gebrauch gereinigt. Grundsätzlich galt: Aus wessen Haus üble Gerüche drangen, der war gesellschaftlich unten durch. Das galt ebenso für das persönliche Erscheinungsbild. Körper und Kleidung mussten nach Möglichkeit in bestem Zustand sein. Und beides sollte gut riechen, sofern die Menschen nicht gerade körperlich arbeiteten.

Die Badekultur des Mittelalters

Für die persönliche Hygiene spielte vor allem das Waschen von Händen und Füßen eine bedeutende Rolle. Gebadet wurde in Flüssen und Seen. Vollbäder in Bottichen waren möglich, aber relativ teuer. Der Besuch von speziellen Badehäusern war ebenfalls eine beliebte Variante, wobei diese häufig im Bereich der Bordelle anzusiedeln waren.

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Szene aus einem Badehaus. (Abbildung aus dem Factorum Dictorumque Memorabilium des Valerius Maximus, 15. Jahrhundert).

Mehrmals pro Jahr in einem eigenen Becken zu baden war vor allem den Adligen vorbehalten. Der Einsatz von Duftstoffen und speziellen Kräutern machte diese Bäder zu etwas ganz besonderem. Einige Königspaläste besaßen sogar bereits im Mittelalter eigene Badezimmer, die gerne und oft genutzt wurden.

Neben der allgemeinen Körperhygiene spielte das Waschen der Haare mittels spezieller Kräutermixturen eine wichtige Rolle. Hierfür wurden ebenfalls Becken und Schüsseln verwendet. Außerdem war regelmäßiges Kämmen unerlässlich. Denn nur wenn das Haar ordentlich lag, konnten daraus überhaupt erst Frisuren geformt werden.

Wurden im Mittelalter die Zähne geputzt?

Durchaus! Allerdings erfolgte die Zahnreinigung etwas anders, als dies heute der Fall ist. Das Kauen von Süßholz und frisch riechenden Gewürzen war durchaus üblich. Da die Menschen des Mittelalters allerdings nichts über Kariesbakterien wussten, ging es hier in erster Linie um den frischen Atem. Immerhin etwas, oder?

Wie wurde die Wäsche gewaschen?

Ein sauberer Körper braucht saubere Wäsche. Zu diesem Zweck waren in den Städten Wäschereien angesiedelt, die die Reinigung im großen Stil übernahmen. Neben dem Walken der Stoffe mit Urin wurden bereits verschiedene Seifen verwendet. Diese waren allerdings sehr aggressiv und für die Haut nicht besonders gut verträglich. Der Beruf des Wäschers war somit ein hartes, der Gesundheit nicht gerade zuträgliches Geschäft.

Das Mittelalter – eine schmutzige Epoche?

Die Menschen des Mittelalters waren nicht weniger auf Hygiene bedacht, als wir das heute sind. Dass nicht das gleiche Hygienelevel erreicht werden konnte wie dies in den römischen Städten der Antike der Fall war lag vor allem daran, dass häufig keine flächendeckende Infrastruktur an Abwasserkanälen und Wasserleitungen vorhanden war. Die Technologie war zwar bekannt und wurde in den Palästen teilweise angewandt. Für den einfachen Bürger war sie aber zu aufwendig und zu teuer. Eine wichtige Rolle spielte auch, dass die Menschen nichts von Viren und Bakterien wussten. Die Ausbreitung von Krankheiten wurde noch bis in das 18. Jahrhundert hinein an bestimmten Gerüchen festgemacht.

Dennoch: Für das gesellschaftliche Ansehen eines Menschen war ein gepflegtes und sauberes Auftreten bereits damals außerordentlich wichtig. Das galt gleichermaßen für den Körper, die Kleidung und das traute Heim. Der Mythos vom „dreckigen Mittelalter“ lässt sich also keineswegs bestätigen.

1cf. Mortimer, Ian (2015). S. 259.

Literatur:

Mortimer, Ian. Im Mittelalter. Handbuch für Zeitreisende. München, 2015.

Vorurteile und Selbstbewusstsein – Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter

Frauen „wie im Mittelalter“ zu behandeln klingt nicht gerade erstrebenswert. Dass es sich bei dieser Aussage oft um eine relativ inhaltsleere Floskel handelt, dürfte den meisten klar sein. Wie war es um die soziale Stellung der Frau im Mittelalter wirklich bestellt?

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter – wann und wo genau?

Zunächst muss der geographische und zeitliche Rahmen genauer definiert werden. Das mittelalterliche Europa gliederte sich in zahlreiche Gebiete mit durchaus unterschiedlichen Gebräuchen und Rechtsordnungen. Ich möchte mich in erster Linie auf das England des 14. Jahrhunderts konzentrieren.

Wie wurde die soziale Stellung im Mittelalter definiert?

Ein Mann war nicht einfach ein Mann. Er war Schmied, Ritter oder König. Die Frau dagegen wurde nicht ihrer Tätigkeit nach definiert, sondern ihrem Personenstand nach. War sie verheiratet, verwitwet oder noch unverheiratet? Gehörte sie vielleicht einem Nonnenkonvent an?

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Das Klosterleben bot Frauen ohne Ehemann eine weitere Perspektive. Millais – Das Tal der Stille. Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Stand innerhalb der Gesellschaft. Dieser richtete sich einzig und allein nach dem ihres Ehemannes. War sie unverheiratet, war die soziale Stellung des Vaters ausschlaggebend.

Die Wurzel allen Übels und der Ungleichheit…..

lag, wenig überraschend, in der Bibel. Das Naschen von der verbotenen Frucht und das Verführen von Adam bildeten nach christlicher Vorstellung den Ausgangspunkt allen Übels, dem die Menschheit seit der Vertreibung aus dem Paradies ausgesetzt ist. Frauen wurden dementsprechend nicht nur als schuldig angesehen, sondern ihnen wurde unterstellt, den Männer in so gut wie allen Bereichen deutlich unterlegen zu sein.

Die Sexualität trägt nicht gerade zum Verständnis bei

Vielmehr wird sie nicht oder nur unzureichend verstanden. Vor allem von den Männern nicht. Die Liste der überlieferten Vorurteile zu diesem Thema ist ebenso lang wie haarsträubend. So wurde davon ausgegangen, dass eine Frau ohne einen Orgasmus kein Kind bekommen konnte. Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, was diese Annahme für schwangere Vergewaltigungsopfer bedeutete. Noch schlimmer war es, wenn die Täter einer höheren Gesellschaftsschicht entstammten. Diese anzuklagen, hatte so gut wie nie eine Erfolgsaussicht.

Das Leiden der Leibeigenen

Das Wohlergehen der Frauen hing ganz wesentlich davon ab, in welche soziale Schicht sie einheirateten. Leibeigene führten im Mittelalter meist ein elendes Leben. Frauen erging es hier ganz besonders schlecht. Starb ihr Ehemann, wurde die Frau nicht selten von ihrem Herren weiter verheiratet. Diese Zwangshochzeiten fanden nicht nur willkürlich statt, die Frauen hatten auch kaum die Möglichkeit, sich gegen gewalttätige Ehemänner zu wehren. Sie mussten ihren Männern sexuell jederzeit gefügig sein. Sie konnten sich von ihnen trennen, allerdings verloren sie in diesem Fall all ihren Besitz und besaßen kaum die Möglichkeit, anderswo Anschluss zu finden.

Die soziale Stellung der Frau brachte dennoch nicht nur Nachteile mit sich

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Christina de Pisan, wurde nach dem Tod ihres Ehemannes 1390 eine berühmte Schreiberin.

So hart die Lebensbedingungen für Frauen im Mittelalter auch waren: Es konnte unter bestimmten Umständen durchaus von Vorteil sein, eine Frau zu sein. Auch wenn sie den Männern untergeordnet waren, konnten Frauen im Mittelalter durchaus Eigenständigkeit erreichen. Witwen durften beispielsweise das Handwerk oder das Geschäft ihres verstorbenen Gatten weiterführen. Zudem war es misshandelten Frauen möglich, ihre gewalttätigen Ehemänner vor dem Kirchengericht anzuklagen. Ein wichtiges Detail für kriminelle Paare: Wurden die Missetaten aufgedeckt, musste einzig der Mann dafür büßen. Die Frau konnte sich darauf berufen, nur auf Anweisung des Mannes gehandelt zu haben.

Frauen an den Herd?

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter wird heute oft abfällig damit kommentiert, dass sie sowieso nur für den Haushalt zuständig gewesen ist. Dieses Bild stammt allerdings vor allem aus den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Im Mittelalter bedeutete die Verantwortlichkeit für den Haushalt weit mehr, als dem müden Ehemann Abends ein schmackhaftes Essen zuzubereiten. Die Frau kümmerte sich häufig um alle Abläufe, die den Haushalt betrafen. Die Kontrolle der Vorratshaltung, der Bediensteten und des gesamten Hauses und eventuell vorhandener Außengebäude lag in den Händen der Ehefrau. Sie trug damit für nicht weniger die Verantwortung als für das langfristige Überleben des gesamten Personenverbandes.

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter – ein differenziertes Thema

Wir wir sehen, gibt es nicht den einen Umgang mit Frauen im Mittelalter. Vieles hing davon ab, in welcher sozialen Schicht sich die Frau befand. Einer Königin erging es meist wesentlich besser als einer Leibeigenen. Die Frauen des Mittelstandes hatten oft keine allzu üblen Aussichten, auch wenn Gleichberechtigung weder bekannt war noch angestrebt wurde. Gleichzeitig war es möglich, dass Frauen unter bestimmten Voraussetzungen eigenständig agierten und wichtige Positionen innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft einnahmen.

Wie so oft kommt es eben auf den Einzelfall an. Generell lässt sich aber sagen, dass die Menschen des Mittelalters von einem gleichberechtigten Leben weit entfernt waren. Wichtiger war die vorgegebene, göttliche Ordnung, die um jeden Preis beibehalten werden musste.

Literatur:

Mortimer, Ian. Im Mittelalter. Handbuch für Zeitreisende. München, 2015.