Piraten des Mittelalters

Das drittälteste Gewerbe der Welt verhieß bereits seit der Antike all jenen ein Einkommen, die gewillt waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und anderen das ihre sowie ihre Besitztümer zu nehmen. Beute fanden die Seeräuber zu allen Zeiten reichlich, zur See wie an Land. Die grundsätzlichen Strukturen und Vorgehensweisen unterschieden sich im Mittelalter kaum von denen, die sich von 17. bis zum 18. Jahrhundert finden lassen- von der Waffentechnik einmal abgesehen.

Wikinger: Seeräuber des Nordens

Die Nordmänner waren wahre Meister der Kriegführung zur See und im Durchführen schneller Überfälle. Sogar Belagerungen und offene Schlachten fürchteten sie nicht. Ihre Unerschrockenheit brachte ihnen schnell einen furchterregenden Ruf ein. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden innerhalb der christlichen Königreiche betrachtet. Ihre Langschiffe waren allen anderen Schiffen ihrer Zeit weit voraus. Bei schneller Fahrt sorgte die Anordnung der Planken dafür, dass Luft unter den Rumpf geleitet wurde und sich dort zwischen Schiff und Wasser schob. So waren ungewöhnlich hohe Geschwindigkeiten erreichbar. Der geringe Tiefgang sorgte zudem dafür, dass die Wikinger selbst auf kleinen Flüssen Ziele erreichen konnten, die weit im Inland lagen.

Die Piratenschiffe des Mittelalters

Das Design der Langschiffe wurde von einigen Seefahrern noch lange Zeit beibehalten. Im Hoch- und Spätmittelalter wurde vor allem die Kogge verwendet, die in unterschiedlichen Größen gefertigt wurde. Dieser Schiffstyp besaß einen größeren Tiefgang als das Langschiff und konnte weit mehr Ladung aufnehmen. Es war zwar langsamer als die Langschiffe, dafür aber weit stabiler. An Bug, Heck sowie am Hauptmast befanden sich Plattformen, von denen aus gekämpft werden konnte. In einer Seeschlacht nahmen die Koggen zunächst Fahrt auf und rammten anschließend das gegnerische Schiff. Anschließend kam es zum Kampf Mann gegen Mann. In manchen Fällen wurden Koggen beim Aufprall derart beschädigt, dass sie sanken. Für die Piraten war dies, zumindest bei Kaperfahrten, jedoch nicht das gewünschte Ziel.

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Kogge auf dem Siegel von Stralsund

Eustache le Moine – ein Mönch als Pirat

Eustache war ein flämischer Mönch, der im Auftrag der englischen Krone französische Schiffe überfiel. Er operierte vor allem von der englischen Südküste sowie den Kanalinseln aus. Seine Gier nach Beute ließ ihn jedoch bald auch englische Schiffe ins Visier nehmen. 1212 musste er aus England fliehen und stellte sich sogleich in den Dienst des französischen Königs Philipp II. In seinem Auftrag sollte er die geplante Invasion Englands anführen. In der folgenden Seeschlacht unterlag die französische Flotte allerdings. Eustache wurde gefangen genommen und noch auf See enthauptet.

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Eustache in der Schlacht von Sandwich 1217. Chronica Majora des Matthäus Paris (1200–1259).

Die Vitalienbrüder

Im 14. und 15. Jahrhundert wurde der Nord- und Ostseeraum von einer Gruppe unsicher gemacht, die „Vitalienbrüder“ genannt wurde. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts taucht außerdem die Bezeichnung „Likedeeler“ auf, was so viel wie „Gleichteiler“ bedeutet. Die Beute könnte also zu gleichen Teilen unter der Besatzung aufgeteilt worden sein, ähnlich den späteren Piratengenerationen.

Ursprünglich handelte es sich bei dieser Gruppe um Söldner, die keinen Sold erhielten. Stattdessen waren sie selbst dafür verantwortlich, sich ihre Beute zu sichern. Dies war derart lohnenswert, dass sie sich dieser Beschäftigung auch außerhalb offizieller Kriegszüge widmeten. Wer nun denkt, es hätte sich hierbei ausnahmslos um namenlose Räuber gehandelt, liegt falsch. Eine nicht geringe Zahl rekrutierte sich aus dem Landadel des Nordens. Gödeke Michels, Klaus Störtebeker, Henning Wichmann, Klaus Scheld und Magister Wigbold sind nur ein paar namhafte Persönlichkeiten, die als Anführer auftraten. Zusammen mit nichtadeligen Piraten bildeten sie sogenannte Bruderschaften.

Die Vitalienbrüder operierten so gut wie immer in Kooperation mit Territorialherrschern. Sie waren sowohl im Auftrag von Mecklenburg als auch Dänemarks tätig. Im Nordseeraum arbeiteten sie vor allem mit den ostfriesischen Häuptlingen zusammen, die ebenfalls Piraterie betrieben.

Es liegt nahe, dass die Piraten immer wieder in Kontakt mit den Kaufleuten der Hanse kamen. Diese setzte zwar selbst immer mal wieder auf den Dienst der Seeräuber. Da jedoch immer mehr Schiffe der Hanse Opfer von Überfällen wurden wuchs mehr und mehr der Wunsch, dem Treiben der Piraten ein Ende zu setzen. Die Hanse setzte zu diesem Zweck immer wieder Friedensschiffe ein. Diese waren allerdings teuer, ihre Zahl dementsprechend klein. So blieb die Situation erst einmal, wie sie war.

Das Ende der Vitalienbrüder

Nur ein entschlossenes Vorgehen konnte der Piratenplage ein Ende bereiten. Dies war bekannt, doch musste erst der Leidensdruck hoch genug werden. Gotland, seit Ende des 14. Jahrhunderts eine reine Seeräuber-Insel, wurde 1398 durch eine Flotte des Deutschen Ordens eingenommen. Die Hanse übte unterdessen Druck auf die Ostfriesen aus, die schließlich ihre Unterstützung der Vitalienbrüder einstellten. Die Kaufleute rangen sich nun endlich dazu durch, eine Flotte auszurüsten. Diese stach von Lübeck aus in See und besiegte die Seeräuber auf der Osterems. Einige Anführer konnten zunächst entkommen, wurden aber später gestellt und getötet oder gefangen genommen. Am Leben gelassen wurde letztlich keiner der gefangenen Piraten. Die Städte wollten ein Exempel statuieren. Genutzt hat es freilich nichts. Auch nach dem Ende der Vitalienbrüder kam es immer wieder zu Überfällen auf Handelsschiffe.

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Klaus Störtebeker wird 1401 als Gefangener nach Hamburg gebracht. Nach einem Holzstich von Karl Gehrts (1877).

Die Ursachen der Piraterie

Die einen besitzen viel, die anderen wenig oder nichts. Wurde die Armut immer drängender, weckten offen zur Schau gestellter Reichtum und reiche Handelsverbindungen schon im Mittelalter Begehrlichkeiten. Dabei war es unerheblich, ob ein Seeräuber von adliger Abstammung war oder nicht. Ähnlich den Raubrittern zu Land sahen verarmte Adlige in der Piraterie eine Möglichkeit, mit Hilfe ihrer von Kindesbeinen an erlernten Fähigkeiten ihren Lebensunterhalt zu sichern. Eben diese Fähigkeiten sorgten dafür, dass sie die Raubzüge anführten und zur Anlaufstelle auch für viele Nichtadelige wurden, die ansonsten verhungert wären. So erklärt sich auch, warum aller Einsatz der Städte und Staaten nicht dazu führte, dass die Piraten restlos verschwanden. Es war zudem nicht besonders hilfreich, dass immer wieder Kaperbriefe vergeben wurden. All dies sollte nicht nur kein Ende finden, sondern sich viele Jahrhunderte fortsetzen – auf allen Meeren der Welt.

Die Bedeutung der Gemeinschaft im Mittelalter

So lange es Menschen gibt, so lange leben sie in Gemeinschaften zusammen. Alleine dauerhaft zu überleben ist nur den wenigsten Überlebenskünstlern wirklich geglückt. Die Bedeutung der Gemeinschaft für den Einzelnen ist daher auch für das Verständnis des Mittelalters von ausgesprochener Relevanz. Denn gerade in harten Zeiten kann es sehr von Vorteil sein, sich auf die Unterstützung einer Gruppe verlassen zu können.

Die Familie

Die mittelalterliche Familie konnte sehr unterschiedlich aussehen, je nachdem, in welcher sozialen Schicht sie sich befand. Im Gegensatz zur modernen Kleinfamilie umfasste der mittelalterliche Familienverband eine weit größere Zahl an Personen. Neben Vater, Mutter und Kindern lebten auch Großeltern, Diener und Knechte in einem Haushalt zusammen. Wer dabei wen heiratete, lag meist im Ermessen einer bestimmten Autorität. Bei Freien war dies in der Regel der Vater, der Verhandlungen über die Verheiratung seiner Töchter führte. Bei Unfreien wurde dies häufig vom jeweiligen Lehnsherr übernommen. Diese Verhandlungen waren enorm wichtig. Durch eine geschickte Heiratspolitik war es möglich, den eigenen sozialen Stand deutlich zu verbessern. Davon profitierten dann wiederum die Kinder, die aus der Verbindung hervorgingen. Die Eltern konnten sich hingegen auf die Unterstützung durch ihre erwachsenen Kinder verlassen. Der Fortbestand der Familie wurde entscheidend dadurch bestimmt, wo sie sich im Gesellschaftsverband verortete und natürlich davon, dass genug Nachkommen gezeugt wurden, die das Kindesalter überlebten.

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Dorf und Stadt

Das Mittelalter war eine agrarisch geprägte Epoche. Die meisten Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft. In Ermangelung modernen Maschinen war hier, neben der Zugkraft der Ochsen, die menschliche Arbeitskraft entscheidend. Hiervon waren auch die Kinder nicht ausgenommen. Sie lernten bereits früh, wie die Felder bewirtschaftet und Vieh gehalten wurde.

In der Stadt waren vor allem Handwerk und Handel Triebkräfte des wirtschaftlichen Erfolges. Doch auch hier wurden die Kinder bereits frühzeitig zur Arbeit herangezogen. Die Städte waren im Hochmittelalter auf ständigen Zuzug und möglichst hohe Geburtenraten angewiesen, um die durch Krankheiten verursachten Verluste auszugleichen. Dies gilt insbesondere für die Zeit der Pest, die Millionen von Menschen das Leben kostete. Im Spätmittelalter griffen viele Städte bzw. ihre Herren hingegen auf Geburtenkontrolle zurück. Es wurde genau bestimmt, wer Kinder bekommen durfte und wer nicht. So sollte die Bevölkerungszahl auf einem Niveau gehalten werden, dass aus dem Umland versorgt werden konnte.

Die Hanse - Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Die Hanse – Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Innerhalb der Städte bildeten sich wiederum kleinere Gemeinschaften. Handwerksbetriebe schlossen sich zu Zünften zusammen, um die Interessen eines bestimmten Handwerkszweiges besser vertreten zu können. Händler verbanden sich neben ihren Gilden sogar über die Grenzen der Stadt hinweg, um ihre Geschäfte schnellerer und sicherer abwickeln zu können. Die Ebene der Kooperation orientierte sich dabei an den einzelnen Interessen und den Vorteilen, die sie ihren Mitgliedern bringen konnte.

Der Gemeinschaft kam stets die größte Bedeutung zu. Der Einzelne hatte sich dem Wohl dieser unterzuordnen. Es war ein schwerwiegendes Verbrechen, die Sicherheit der Gemeinschaft in Gefahr zu bringen. Wer in einer Siedlung Brände legte oder einen Aufstand gegen die bestehende Ordnung anzettelte, machte sich aus der Sicht der damaligen Zeit schwerer Verbrechen gegen die gottgegebene Ordnung schuldig. Die Strafen vielen entsprechend drakonisch aus. Letztlich konnten diese Gemeinschaften nur durch eine klare Ordnung und funktionierende Sicherheitssysteme überleben. Die Menschen wussten, dass der Zusammenhalt das Überleben ihrer Familien sicherte.

Die Stände

Die drei Stände des Mittelalters – Beter, Kämpfer und Bauern – waren ebenfalls Gemeinschaften. Es gab bestimmte Insignien, die die Zugehörigkeit anzeigten. Der Umgang der Standesgenossen miteinander und das Verhalten gegenüber den anderen Ständen waren klar geregelt. So sollte sichergestellt werden, dass jeder Stand die ihm zugedachten Aufgaben erfüllte und Konflikte zwischen den Ständen vermieden wurden. Jeder sollte seinen Platz kennen und sich dementsprechend in die Gemeinschaft einbringen. Es ist hinlänglich bekannt, dass dieses ideale Bild nicht immer der Realität entsprach. Dennoch gab es klare Regeln, die zu einem großen Teil auch so angewandt wurden.

Die Verteidigung der Gemeinschaft und der Schutz durch die Gemeinschaft

Kam es zu Angriffen von außen, war jedes wehrfähige Mitglied einer Gemeinschaft dazu verpflichtet, sich an der Verteidigung zu beteiligen. Letztlich waren alle vom Angriff betroffen, daher war es nur konsequent, dass alle zusammen hielten um ihr Leben und ihre Besitztümer zu verteidigen. Hierbei machte es in der Praxis kaum einen Unterschied, ob es sich um Bauern oder um Adlige handelte. So ist aus dem Neusser Krieg von 1474/75 überliefert, dass burgundische Söldner beim Plündern durch wütende Bauern vertrieben wurden. Auch die Frauen beteiligten sich an der Verteidigung. Wenn sie nicht selbst zu den Waffen griffen (was sie durchaus taten), versorgten sie die Kämpfenden und Verwundeten oder bezahlten Söldner, die für sie kämpften.

Die Städte verteidigten sich aber nicht nur gegen angreifende Feinde. Sie schützten auch ihre Mitglieder. Beispielsweise, indem sie in Gefangenschaft oder Sklaverei geratene Bürger freikauften. Auch konnte sich ein Bürger stets darauf berufen, einer bestimmten Stadt zugehören. Das konnte seinem Wort ein gewisses Gewicht verleihen. Umso schlimmer wog die Verbannung. Der Einzelne war plötzlich schutzlos und musste sich schnellstmöglich ein neues soziales Umfeld suchen, um zu überleben.

Dieses Umfeld konnte der Einzelne unter Umständen bei anderen Ausgestoßenen finden, die sich ihrerseits organisiert hatten. Bekannte Beispiele sind die Geächteten, die gar keine andere Wahl hatten, als sich gegenseitig zu unterstützen. Im späten Mittelalter bestand auch die Möglichkeit, sich einer der Söldnerkompanien anzuschließen und im Krieg sein Glück zu suchen.

Die Bedeutung einer effektiven Führung

Wie wir gesehen haben, ist für das Funktionieren jeder Gemeinschaft eine entsprechende Führung unerlässlich. Ohne klare Regeln und ein System, dass für deren Einhaltung sorgt, wäre jede Form der Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt gewesen. Dies ist ein Grund dafür, dass ein Aufbegehren gegen die bestehende Ordnung als schweres Verbrechen gewertet wurde. Gleichzeitig waren auch die Anführer stets in der Pflicht, gute Entscheidungen zu treffen. Idealerweise sollten sie die gesamte Gemeinschaft nicht nur erhalten, sondern auch zum Heil führen. Herrscher, die aus purem Eigennutz handelten, wurden in der Literatur daher häufig negativ beurteilt. So konnte auch ein König oder Kaiser nicht einfach das tun, was er wollte. Er musste sich stets auch der Interessen seiner Vasallen bewusst sein und sie in seine Entscheidungen einbeziehen. Tat er dies nicht, riskierte er Widerstand, Ablehnung und die Verweigerung von Unterstützung ihm wichtiger Vorhaben. Untergebene und Herren befanden sich also in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, auch wenn eine Hierarchie für das Funktionieren der mittelalterlichen Welt unabdingbar war.

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Wie wichtig war die Gemeinschaft für die Menschen?

Kein Mensch kann ganz alleine überleben. Das galt zu allen Zeiten. Umso weniger überrascht ist, dass auch das Mittelalter eine ganze Reihe von Organisationsformen kannte, die den Menschen das Überleben sicherten und ihnen half, sich bestimmte Vorteile zu verschaffen. Wer seine Gemeinschaft verlor, schwebte in großer Gefahr. Ohne Unterstützung hatte er es außerordentlich schwer, in der harten Welt des Mittelalters zu überleben. Auch die höheren Stände waren auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. Auffällig ist, dass der Einhaltung bestehender Regeln und Gesetze großer Wert beigemessen wurde. Das Zusammenleben der Gemeinschaft musste geregelt sein, um zu funktionieren. Geriet diese in Unruhe oder nahmen Regelbrüche zu, geriet das gesamte Gemeinschaftsgefüge in Gefahr. Dass das den schnellen Untergang bedeuten konnte, war den Menschen also durchaus klar. Die Gemeinschaften waren dabei nicht unbedingt nach außen abgeschlossen. Sie funktionierten immer in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt.

Das mittelalterliche Münzwesen – Überblick über Entstehung und Entwicklung

Wer heute in seine Geldbörse greift hat häufig die Wahl, mit welchen Zahlungsmitteln er bezahlen möchte. Uns modernen Menschen steht neben dem traditionellen Bargeld inzwischen vor allem der digitale Weg offen. Daneben gibt es aber noch eine Reihe ganz anderer Ideen zur Abwicklung von Zahlungen, beispielsweise die Internetwährung Bitcoin. Wir erleben hautnah eine Entwicklung, wie sie auch in den vorangegangenen Jahrhunderten immer wieder stattfand. Alte Wege des Bezahlens wurden immer wieder von neuen ergänzt oder gar ganz abgelöst. Dieser Artikel soll einen Überblick darüber geben, wie die mittelalterlichen Währungen entstanden, entwickelten und letztlich die Grundlage für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Europas bildeten.

Germanen und Römer: Zwei Wirtschaftssysteme treffen aufeinander

Als die germanischen Stämme östlich des Rheins in Kontakt mit dem römischen Reich traten kam es nicht nur zu Konflikten. Der Austausch von Waren spielte eine bedeutende Rolle in der Beziehung zwischen den so verschiedenen Welten. Hier trafen zwei verschiedene Wirtschaftssysteme aufeinander. Während die Römer bereits über ein Münzwesen verfügten, diente bei den Germanen zu dieser Zeit vor allem das Vieh als Zahlungsmittel. Im Laufe der Zeit lernten die Stämme, dass das Bezahlen von Waren mit Münzen durchaus seine Vorteile haben konnte. Tauschhandel mochte beim direkten Kontakt mit Nachbarn gut funktionieren, stieß aber spätestens beim Fernhandel an seine Grenzen. Kleine Münzen oder Barren ließen sich eben deutlich besser transportieren.

Römische Münzen

Die römische Republik hatte im dritten vorchristlichen Jahrhundert begonnen, Kupfer- und Bronzebarren als Zahlungsmittel einzuführen. Ihnen folgte der As nach, der häufig mit Götterbildern verziert war. Noch im selben Jahrhundert wurde auch Silber für die Münzprägung üblich – der sogenannte Quadrigatus entstand. Ihm folgte bald der Denar.

Nach dem Untergang der Republik und unter der Herrschaft der römischen Kaiser kam schließlich die Goldmünze auf, der Aureus. Den silbernen Denar gab es weiterhin, ebenso den As aus Kupfer. Dazu kam der bekannte Sesterz, der vielen auch aus den Asterix-Comics bekannt sein dürfte. Dieser wurde aus Messing hergestellt. Weniger bekannt dürfte der Dupondius sein. Während der Kaiserzeit war es üblich, die Münzen mit dem Profil des jeweiligen Kaisers zu versehen. So wurden die Münzen nicht nur zu einer Möglichkeit, Macht über bestimmte Gebiete zu symbolisieren. Sie helfen auch Archäologen recht zuverlässig bei der zeitlichen Zuordnung von Funden. Da jeder Kaiser bei Regierungsantritt eigene Münzen in Umlauf brachte, lassen sich Funde entsprechend der jeweiligen Regierungszeit gut datieren.

Römischer Sesterz

Römischer Sesterz

Die Wechselkurse stellten sich folgendermaßen dar: Ein Aureus war 25 Denare wert, die wiederum den Gegenwert von 100 Sesterzen besaßen. Für diese hätte der Händler 200 Dupondien bekommen, die er in 400 Asse hätte wechseln können. In der späten Kaiserzeit kamen mit Argenteus, Nummis und Follis neue Münzen hinzu.

Follis der Spätantike

Follis der Spätantike

Der Übergang zum Mittelalter

Als zur Zeit der Völkerwanderung ab dem Ende des 4. Jahrhunderts n.Chr. immer mehr Germanen nach Westen und Süden zogen und Gebiete von den Römern übernahmen, begannen auch sie mit dem Prägen von Münzen. Diese erste germanischen Eigenprägung nennt man auch den germanischen Brakteat. Dieser war nur auf einer Seite mit einer Prägung versehen. Auch übernahmen sie im Umlauf befindliche Münzen.

Dennoch blieb im frühen Mittelalter der Tauschhandel mit Naturalien in vielen Gebieten hauptsächlicher Bestandteil des Handels. Eine Ausnahme bildete Byzanz, welches das bestehende römische Münzsystem weiter nutzte und veränderte. Auch die nun islamischen Gebiete verwendeten Münzen: Den goldenen Dinar und den Dirhem aus Silber. Beim Bezahlvorgang wurden Münzen nicht abgezählt, wie es heute üblich ist – sie wurden abgewogen.

Münzen und ihre Bedeutung im Mittelalter

Die Bedeutung des Geldes für die Menschen war damals eine andere als heute. Ein gefüllter Geldbeutel bedeutete noch nicht, dass jemand gesellschaftlich aufsteigen konnte. Es war noch nicht einmal sicher, ob diese Münzen überall als Tauschmittel akzeptiert werden würden. Immerhin wurde in vielen Gebieten weiterhin mit Naturalien bezahlt. Die Bedeutung der Münzen für die Politik war allerdings sehr groß. Dies liegt vor allem darin begründet, dass das Recht zur Prägung seit der Antike dem jeweiligen Herrscher zustand. Dies war auch im Mittelalter der Fall. Es war eines der Regalien, der Rechte, die nur einem König zustanden und nur durch diesen auch jemand anderem gewährt werden konnten.

Dementsprechend waren es zunächst die Könige und Kaiser, die Münzreformen durchführten. Karl der Große machte die Erneuerung des Münzwesens zu einem Pfeiler seiner umfangreichen Reformen innerhalb seines Reiches. Unter ihm wurde der Silberdenar zur reichsweiten Währung.

Französischer Denar (Denier) aus dem frühen Mittelalter.

Französischer Denar (Denier) aus dem frühen Mittelalter.

Im Hochmittelalter (ab 1356) wurde das Münzregal neben dem König auch den Kurfürsten zugestanden. Nun war es jedem von ihnen möglich, in seinem Herrschaftsgebiet eigene Münzen zu prägen. Einzelne freie Städte hatten dieses Recht sogar schon früher erhalten. Das Ergebnis war eine große Vielfalt an Münzen, die erst mit der Reichsgründung 1871 und der damit verbundenen Vereinigung der deutschen Einzelstaaten ein Ende finden sollte.

Goldgulden aus dem Spätmittelalter.

Goldgulden aus dem Spätmittelalter.

Im Rheinland war der Albus gängiges Zahlungsmittel, im mittleren Deutschland und am Bodensee zahlte man mit dem Brakteat. Im Spätmittelalter war in Süddeutschland, der Schweiz und dem nördlichen Italien der sogenannte Batzen im Umlauf (benannt nach dem Bären, dem Wappentier von Bern). Neben dieser interessanten Münze gab es den Dicken und den Guldiner. Auch Heller und Groschen fanden eine weite Verbreitung. Während in Nordeuropa Münzen vor allem aus Silber hergestellt wurden, bediente man sich in Südeuropa auch Gold. Die Spanier kannten den Dobla, der östliche Mittelmeerraum den Dukat, den Floren und den Genovino d’oro. Dies waren die Währungen der italienischen Städte, die durch Handel und andere Transportdienstleistungen zu Reichtum und Macht gelangten. Im Heiligen Römischen Reich wurden diese Goldmünzen als Goldgulden übernommen. In Frankreich wurden der Denier und der Gros verwendet.1 Im englischen Raum wurde mit dem Penny bezahlt, der sich bis heute halten konnte. Dies gilt auch für den Dirhem im islamischen Raum. Auch die anderen Münzen blieben auch nach dem Ende des Mittelalters teilweise einige Jahrhunderte im Umlauf.

Albus aus dem späten 17. Jahrhundert.

Albus aus dem späten 17. Jahrhundert.

Es versteht sich von selbst, dass die Münzen nicht unbedingt in den Gebieten blieben, in denen sie geprägt wurden. Durch den Fernhandel gab es ein gewisses Maß an Geldaustausch auch zwischen weit entfernten Gebieten. Dies war kein allzu großes Problem, bestanden die Münzen doch tatsächlich aus richtigem Edelmetall. Werte gingen so zunächst nicht verloren. Erst als der Silberanteil geringer wurde und auch unedle Metalle bei der Prägung verwendet wurden stieg der Bedarf an detaillierten Wechselkursen und vor allem an Geldwechslern.

Bezahlen im Mittelalter – Naturalien oder Münzen?

Wir haben gesehen, dass es trotz des im Mittelalter immer noch weit verbreiteten Naturalientausches auch nach dem Ende des römischen Reiches eine große Zahl an Münzen gab. So unbedeutend sie zunächst für den Tauschhandel zwischen direkten Nachbarn war, so wichtig wurden sie für den Handel über weite Entfernungen. Für die Herrscher war das Münzregal zunächst vor allem Zeichen ihrer Macht. Sie folgten damit direkt der antiken Tradition. Das Lehnssystem an sich war zunächst nicht unbedingt auf Geld angewiesen, profitierte aber langfristig von dem sich immer weiter verdichtenden Handelsnetz. Insbesondere die freien Städte gelangten mit Hilfe der Münzen und dem hiervon begünstigten Fernhandel im hohen und späten Mittelalter zu großem Reichtum. Dies ermöglichte es ihren Bewohnern schließlich, dem Adel auf dem Land die Stirn zu bieten und eigene Armeen und Flotten auszurüsten. Somit bildeten sie den Ausgangspunkt für die Entwicklung, die bis in unsere Zeit anhalten sollte. Am Ende setzten sich die Münzen gegen den Tauschhandel mit Naturalien weitgehend durch. Ihre Vorteile überwogen deutlich.