Waffen des Mittelalters: Brandsätze und Griechisches Feuer

Feuer: Lebenserhaltend und zerstörerisch zugleich. Ein Element, dass in der mittelalterlichen Kriegführung auf immer erfinderische Art und Weise Anwendung fand und mindestens so furchterregend war wie Schwerter und Äxte.

Der Ursprung des Feuers in der Kriegführung

Feuer wurde von der Menschheit seit jeher als Waffe eingesetzt. In der Antike kamen bereits sehr raffinierte Anwendungen zum Einsatz. Brennbare Pfeile und Katapultgeschosse waren gängige Praxis. Nicht nur gegen Armeen im Feld, selbst gegen mächtige Befestigungsanlagen entfaltete das Feuer seine zerstörerische Wirkung. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass auch die Krieger des Mittelalters auf das Feuer und verschiedene, brennbare Substanzen zurückgriffen.

Der Einsatz von Feuer gegen Befestigungen

Es gab mehrere Möglichkeiten, eine Mauer zum Einsturz zu bringen. Bestand sie aus Holz, konnte sie im Idealfall recht einfach in Brand gesteckt werden. Das galt ebenso für hölzerne Türen und Tore. Wurde Feuer in das Innere einer befestigten Siedlung geschleudert, konnten außerdem hölzerne Gebäude in Flammen aufgehen. Feuer stellte für jede Siedlung im Mittelalter die allergrößte Gefahr dar. Umso mehr wird deutlich, wie groß die Angst im Kriegsfall gewesen sein muss.

Tapisserie de Bayeux - Scène 19 : le siège de Dinan

Der Einsatz von Feuer gegen die hölzerne Mauer von Dinan, 1064. Darstellung auf dem Teppich von Bayeux.

Selbst Mauern aus Stein konnten einem Feuer zum Opfer fallen. Wurden Gänge unter die Mauern gegraben und dort ein großes Feuer entzündet, stürzte die Mauer nach einer Zeit in sich zusammen. Eine andere Methode sah vor, Löcher in die Wand zu bohren und heiße Luft hinein zu leiten. Zu diesem Zweck wurden Kohlen in tönernen Töpfen entzündet und die Hitze mit Hilfe von Eisenrohren in zuvor in die Mauer gebohrte Löcher geleitet. Dies führte schließlich dazu, dass die Steine platzten.1

Brennende Vögel und Katzen

Wie bereits erwähnt stellte ein Feuer innerhalb einer Siedlung stets eine große Gefahr dar. Die Quellen berichten in diesem Zusammenhang mit einigen sehr trickreichen, wenn auch brutalen Methoden, um eine Burg oder Stadt in Brand zu stecken.

Katzen und Vögel seien eingefangen und mit brennenden Materialien versehen worden. Die Autoren berichten weiterhin, dass die Tiere in Panik in ihre in der jeweiligen Befestigung befindlichen Unterschlüpfe fliehen würden und das Feuer sich dort ausbreiten könne.

Ob dies wirklich eine effektive Methode darstellte, kann heute nicht mehr eindeutig bewiesen werden.

Griechisches Feuer, arabische Naphta-Truppen und mongolische Granaten

Im 13. und 14. Jahrhundert tauchte in Europa das „Liber ignium ad comburendos hostes“ auf, verfasst von Marcus Graecus. In diesem Buch wird das berüchtigte Griechische Feuers erwähnt. Erfunden wurde diese extrem heiße und kaum zu löschende Substanz im siebten Jahrhundert von einem gewissen Callicinus und zunächst vor allem durch Byzanz verwendet. Die Byzantiner hüteten das Geheimnis der Herstellung mit allen Mitteln. Aus gutem Grund: Die Quellen berichten, dass Griechisches Feuer Stein und Eisen zu Staub werden lasse und selbst auf dem Wasser brennen würde. Zum Einsatz kam es vor allem auf den Schiffen der byzantinischen Marine. Aus einem bronzenen Rohr am Bug wurde das Feuer auf das feindliche Schiff gegossen.

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Einsatz des Griechischen Feuers zur See (12. Jhd.).

Es lassen sich außerdem Belege für kleinere Vorrichtungen finden, mit deren Hilfe griechisches Feuer von Soldaten im Nahkampf eingesetzt werden konnte. Diese sogenannte Hand-Siphons wurden ähnlich den modernen Flammenwerfern eingesetzt.

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 Darstellung aus dem Codex Vaticanus Graecus, 1605.

Hierfür waren neben den Byzantinern vor allem die Araber berüchtigt. In ihren Armeen kamen die sogenannten Naphta-Truppen zum Einsatz. Diese Spezialeinheiten waren in feuerfeste Kleidung gehüllt und schleuderten das Feuer in zerbrechlichen Gefäßen aus Ton, Glas oder Metall auf den Gegner. Sie wurden häufig zusammen mit Bogenschützen eingesetzt.2 Die Westeuropäer kamen mit dem Griechischen Feuer buchstäblich erstmals im Rahmen der Kreuzzüge in Berührung. Sie waren es, die es anschließend nach Europa importierten.

Griechisches Feuer wurde außerdem mit der Hilfe von Trebuchets auf Befestigungen geschleudert. Zu diesem Zweck wurde es in zerbrechliche Kugeln gefüllt, angezündet und verschossen. Diese Technik wurde u.a. von den Mongolen verwendet, die im 13.Jahrhundert große Teile Europas und Asiens eroberten.

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Ein Trebuchet schleudert ein brennendes Geschoss. Harper’s New Monthly Magazine, No. 2229, Juni, 1869.

Die Herstellung des Griechischen Feuers

Die Zusammensetzung des Griechischen Feuers ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Als Bestandteile von brennbaren Substanzen wurden im Mittelalter in erster Linie Teer, Terpentin, Petroleum, Öle, Schwefel, Wachs, Pech sowie die Fäkalien von Tauben und Schafen.3 Laut Marcus Graecus bestand das Griechische Feuer aus Schwefel, Pech, Petroleum, gewöhnlichem Öl, Sarcocolla und Sal Coctum. Letzteres ist besonders umstritten. Während die einen meinen, es würde sich um Salpeter handeln, halten es die anderen für normales Salz. Marcus Graecus erwähnt nicht, in welchem Mischverhältnis die Zutaten stehen müssen. Dafür nennt er die drei Wege, wie das Griechische Feuer gelöscht werden kann: Mit Urin, Essig und Sand.4 Es empfahl sich also im Vorfeld einer Belagerung, die entsprechenden Stoffe bereit zu halten und besonders gefährdete Stellen rechtzeitig zu imprägnieren.

Chemische Kriegführung im Mittelalter

Neben der Hitze stellten die giftigen Gase des Feuers eine ernstzunehmende Gefahr dar. Im 13. Jahrhundert wurden mit einer Mischung aus Schwefel und schwelender Kohle hochgiftige Gase erzeugt. Konrad Kyeser empfahl im 15. Jahrhundert Schwefel, Teer und zerstoßene Pferdehufe.5 Wurden diese Gase in eine Befestigung oder ein Lager geleitet, waren die Auswirkungen meist fatal.

Feuer und Schwarzpulver

Schwarzpulver wird aus Salpeter, Schwefel und Kohle hergestellt. Zutaten, die bereits bei der Herstellung der verschiedenen, brennbaren Substanzen verwendet wurden. Roger Bacon entdeckte die Mischung Mitte des 13. Jahrhunderts in Europa. Albertus Magnus entwickelte das Schwarzpulver 25 Jahre später dann noch einmal entscheidend weiter. Die neue Waffe war derart vielseitig einsetzbar, dass sie das Griechische Feuer in Europa weitgehend verdrängte. Neben der einfacheren Herstellung stellte vor allem die Explosivität des Pulvers einen bedeutenden Vorteil dar.

Hakenbuechse

Feuer und Explosionen – gängige Waffen des Mittelalters

Der Einsatz brennbarer und explosiver Substanzen auf den Schlachtfeldern des Mittelalters war nicht weniger ungewöhnlich als der von Schwertern und Bögen. Die Menschen nutzen das Feuer seid tausenden von Jahren. Seine Nutzung im Kampf war stets so naheliegend wie schrecklich für den Gegner. Letzten Endes verwendeten die Krieger des Mittelalters alles, was ihnen einen Vorteil und damit hoffentlich den Sieg verschaffte. Eine Strategie, die zur Entwicklung immer neuer Taktiken und Feuerwaffen führen sollte. Die Folgen sind heute nur zu gut bekannt.

1Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 191-192).

2Vgl. Ebd. S. 193-197.

3Vgl. Ebd. S. 192-193.

4Vgl. Ebd. S. 199.

5Vgl. Ebd. S. 202.

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.

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Der Kampf zur See im Mittelalter

Seeschlachten sind in der Militärgeschichte stets mit großem Interesse untersucht worden. Ob Antike oder Neuzeit – Aufzeichnungen über Taktik und Vorgehensweise sind zahlreich zu finden. Die Quellenlage für das Mittelalter ist weniger günstig. Dennoch möchte ich in diesem Artikel einen kleinen Überblick über die Seeschlacht im Mittelalter geben. Dabei muss unterschieden werden zwischen Früh-, Hoch- und Spätmittelalter und zudem der geografischen Region. Als Beispiel sollen hier zunächst die Wikinger dienen, erfahrene Krieger zur See und Pioniere im Schiffbau. Weiterhin ist die Zeit der Hanse von Bedeutung, hier insbesondere die Koggen und ihr Einsatz in Seegefechten. Schließlich möchte ich auf die Schiffe des späten Mittelalters eingehen, die zum Teil bereits einige Ähnlichkeiten mit den Schiffen des 18. und 19. Jahrhunderts aufwiesen.

Die Wikinger – Pioniere auf See

Wikinger

Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langboote

Im frühen Mittelalter gab es in Europa kein seefahrendes Volk, das auch nur entfernt mit den Wikingern verglichen werden kann. Die Langschiffe dieser erfahrenen und überaus erfolgreichen Krieger waren Meisterwerke der Schiffsbaukunst und taktisch äußerst vielseitig einsetzbar. Sie konnten nicht nur auf dem Meer, sonder aufgrund ihres geringen Tiefgangs auch in küstennahen Gebieten und sogar auf Flüssen eingesetzt werden. Sie waren dementsprechend für schnelle Anlandungen bestens geeignet. Auch Schlachten zwischen Wikingerflotten sind überliefert. Die unterschiedlich großen Schiffe wurden dazu aneinander vertäut und bildeten so hölzerne Plattformen, auf denen gekämpft wurde. Wer den Gegner im Nahkampf bezwingen konnte, gewann das gegnerische Schiff. In diesem Kontext gewinnen auch spielerische Übungen der Wikinger an Bedeutung, beispielsweise das Laufen auf den Rudern bei voller Fahrt.

 

Die Koggen – Schwimmende Festungen

Die Koggen des Hochmittelalters waren wesentlich schwerfälliger als die schnellen Langboote. Dementsprechend unterschied sich die Taktik, in deren Rahmen sie eingesetzt wurden. Koggen verfügten über relativ hohe Bordwände. Am Bug und am Heck befanden sich hölzerne Kastelle, die Schutz vor Geschossen boten. Auch vom geschützten Mastkorb aus wurde gekämpft. Der Kampf zwischen Koggen begann in der Regel damit, dass die Schiffe aufeinander zu segelten und versuchten, eine möglichst hohe Geschwindigkeit zu erreichen. Diese war wichtig, um dem Gegner einen möglichst heftigen Rammstoß zu verpassen und im besten Fall direkt zu versenken. Passierte dies nicht, kam es zunächst zu einem Schusswechsel mit Pfeilen, Bolzen und Büchsengeschossen. Anschließend wurden die Schiffe mit der Hilfe von Enterhaken fixiert und es kam zum Kampf Mann gegen Mann. Wichtig zu beachten ist, dass es beim Koggenbau keine Einheitsgröße gab. Das bedeutet, dass es durchaus bedeutende Größenunterschiede geben konnte und ein Kampf damit unter Umständen schon im Vorfeld entschieden war.

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Galeeren – nicht nur in der Antike eingesetzt

Insbesondere im Mittelmeer bildeten die Galeeren das Rückgrat byzantinischer, italienischer, spanischer/portugiesischer und sarazenischer Flotten. Wie ihre antiken Vorbilder wurden sie sowohl durch Segel als auch durch Ruder angetrieben und verfügten über einen Rammsporn am Bug. Im späten Mittelalter wurde auf ihnen auch Kanonen eingesetzt, die allerdings nur nach vorne bzw. hinten feuern konnten. Sie waren relativ schnell und wendig, allerdings auch anfällig für raue See. Dieser Schiffstyp wurde auch im 17. Jahrhundert noch eingesetzt. Das Hauptaugenmerk im Kampf lag bei den Galeeren darin, gegnerische Schiffe zu entern. Zu diesem Zweck befanden sich neben den Ruderern und Seeleuten zahlreiche Soldaten an Bord.

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Die Schlacht von Lepanto 1571

Das Spätmittelalter und die Weiterentwicklung des Schiffbaus

Mit der Einführung der Pulverwaffen veränderte sich die Taktik zur See nach und nach. Langbögen, Armbrüste und Handbüchsen waren nur der Anfang. Mit der Erfindung der Kanone boten sich für Schiffe ganz neue Möglichkeiten der Bewaffnung. Dazu waren allerdings zunächst neue Konstruktionsarten notwendig. Während die Galeeren wie bereits erwähnt nur nach vorne und hinten feuern konnten, setzten sich im Westen bald Schiffe durch, die ganze Breitseiten abfeuern konnten. Die Kanonen wurden dazu an der Schiffswand platziert, später dann auf mehreren übereinander liegenden Decks. Das diese Art der Konstruktion anfangs noch Probleme machte, lässt sich beispielsweise am Beispiel der Mary Rose, dem Flaggschiff des englischen Königs Heinrich VIII., zeigen. Bei einem scharfen Wendemanöver während der Schlacht von Solent 1545 drang durch eine der nah an der Wasserlinie liegenden Geschützluke Wasser ein. Das Schiff kenterte vor dem Augen des Königs.

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Die Mary Rose. Darstellung von 1546.

Auch nach Ende des Mittelalters kam es noch zu Unfällen, die in direkten Zusammenhang mit einer fehlerhaften Konstruktion gebracht werden können. 1628 sank die schwedische Galeone „Vasa“ auf ihrer Jungfernfahrt (nach ca. einem Kilometer), da ihr Schwerpunkt deutlich zu hoch lag. Briten und Holländer schafften es aber im 17. Jahrhundert, hochseetaugliche und schlagkräftige Schlachtschiffe zu bauen und einzusetzen. Mit ihnen Begann eine neue Ära der Kriegführung zur See.

Belagerungsmaschinen des Mittelalters – Der Trebuchet

Beim Angriff auf befestigte Stellungen bieten sich meist mehrere Möglichkeiten, diese zu überwinden. Bereits die Armeen der Antike verfügten hierfür über eine Vielzahl an Hilfsmitteln. Neben Leitern, Rammböcken, Rampen und Stollen stellten vor allem Wurfmaschinen wirksame Mittel dar, um entweder Bauwerke zu Fall zu bringen oder die feindliche Armee mit Geschossen auf dem Schlachtfeld zu begrüßen. Sie waren in der Lage schwere Projektile über weite Entfernungen zu schleudern und sollten für lange Zeit auf den Schlachtfeldern zu finden sein. Grund genug, einen genaueren Blick auf diese technisch hoch komplexen Maschinen zu werfen.

Die ersten „Trebuchets“ – noch per Hand betrieben

Unter den verschiedenen Wurfmaschinen nimmt der Trebuchet eine besonders prominente Stellung ein. Die ersten Maschinen dieser Art wurden in Byzanz und im nahen Osten gebaut und verwendet, bevor sie ihren Weg nach West- und Nordeuropa fanden. In Byzanz wurden die Katapulte „petraboles“ genannt. Diese funktionierten zunächst noch nicht durch Gegengewichte. Stattdessen wurde der Wurfarm durch Muskelkraft an am vorderen Teil des Wurfarmes angebrachte Seile nach unten gezogen und das Geschoss somit auf seinen unheilvollen Weg gebracht. Dabei spielte es eine wichtige Rolle, ob die Seile an der Vorderseite des Wurfarmes horizontal oder vertikal befestigt waren. Im ersten Fall war eine höhere Genauigkeit möglich, da die Kraft aller Seile gleichzeitig den Wurfarm erreichte. Bei einer vertikalen Befestigung war dagegen die Verwendung schwererer Projektile möglich – oder eine höhere Schussweite. Die beim Ziehen entwickelte Kraft wurde später noch durch erste, kleinere Gegengewichte erhöht. Das Gewicht eines einzelnen Projektils stieg von max. 30 kg auf 50 kg. Ab dem 12. Jahrhundert wurden fast nur noch Maschinen verwendet, die ausschließlich über Gegengewichte betrieben wurden. (Vgl. Nossov 2012, S. 164-169)

Der Trebuchet in Europa – Aufbau und Funktionsweise

Die Wurfmaschinen kamen erst im späten 12. Jahrhundert nach Europa. Diese Maschinen beeindrucken noch heute durch ihre geschickte Konstruktion, die mit Sicherheit von Experten vorgenommen werden musste. Ein stabiler Stand war unerlässlich. Zu diesem Zweck erhielt jeder Trebuchet ein solides hölzernes Fundament in Form einer Raute, aus der nach vorne und hinten noch einmal Pfosten herausragten. Mehrere Pfosten stützten nach oben hin die zwei Pfähle, zwischen denen der Wurfarm montiert wurde, wobei sich der längere Teil nach hinten erstreckte. Während vorne ein großes Gegengewicht angebracht wurde, befand sich am hinteren Ende des Arms die Schlinge für die Geschosse. Mit Hilfe von Flaschenzügen und Hebeln konnte der Wurfarm nach erfolgreichem Schuss wieder nach unten gezogen werden. In schussbereiter Position lag die Schlinge mit dem Geschoss in einer Schiene die dafür sorgte, dass der Schuss in möglichst gerader Linie nach vorne erfolgte. Löste die Geschützmannschaft den Wurfarm, zog das Gegengewicht den Wurfarm schnell nach oben. Die Schlinge mit dem Geschoss glitt durch ihre Schiene, schwang über den Wurfarm und entließ ihre tödliche Fracht hoffentlich in Richtung Feind. Der Wurfarm pendelte durch und war bereit für den nächsten Durchgang. (Vgl. Nossov 2012, S. 170/175)

Trebuchet (Rekonstruktion)

Trebuchet (Rekonstruktion)

Schussweite

Ähnlich beeindruckend wie das Erscheinungsbild sind die Abmessungen, Gewichte sowie die Schussleistung des Trebuchets. Im besten Fall konnten Geschosse mit einem Gewicht von 100 kg verschossen werden. In diesem Fall musste das Gegengewicht vier Tonnen schwer sein, um eine maximale Entfernung von 154 Metern zu erreichen. Neben dem Gegengewicht waren aber auch die Länge des Wurfarmes sowie die Form von Schlinge und Projektil entscheidend. (Vgl. Nossov 2012, S. 176-177)

Arten von Geschossen

Grundsätzlich konnte alles verschossen werden, was sich am Wurfarm anbringen ließ. Felsen, bearbeitete Steine, Brandbomben, Kadaver und auch Bienenkörbe lassen sich in den Quellen finden. Entscheiden war in erster Linie was durch den Beschuss erreicht werden sollte und was vor Ort vorhanden war oder herangeschafft werden konnte. Für die Zerstörung von Mauern waren runde Geschosse sinnvoll. Beim Beschuss einer Armee dagegen waren flächendeckende Methoden eine gute Idee, wobei auch hier Steine sehr effektiv sein konnten.

Ablösung durch Kanonen und Bombarden

Auch nach der Entdeckung des Schwarzpulvers in Europa im 14. Jahrhundert blieben die hölzernen Wurfmaschinen noch bis ins 15. Jahrhundert in Gebrauch, am Ende sogar Seite an Seite mit den Kanonen. Die effektive Schussentfernung der neuen Artillerie betrug allerdings im 15. Jahrhundert bereits 200 Meter und mehr. Außerdem wurde sie immer durchschlagskräftiger. Doch insbesondere in Sachen Schussfrequenz blieb der Trebuchet den Bombarden zunächst überlegen. Mit ihnen waren nur wenige Schuss pro Tag möglich. Darüber hinaus benötigte der Trebuchet kein Pulver, dass bei Belagerungen im Spätmittelalter regelmäßig knapp wurde. Letzten Endes war zu dieser Zeit aber bereits klar, welcher Waffe die Zukunft gehören würde. Ständige Weiterentwicklungen sorgten schließlich dafür, dass die Pulverwaffen ihre mittelalterlichen Vorgänger verdrängten.

Bombarden aus dem Jahr 1434; mit Steinkugeln

Bombarden aus dem Jahr 1434; mit Steinkugeln

 

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.

 

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Schwertkampf im europäischen Mittelalter – Fiktion und Realität

Wohl kaum eine  andere Waffe steht derart als Symbol für das Mittelalter als das Schwert. Jedes Kind kennt es und die meisten werden es in Form von Holzschwertern schon in einem jungen Alter in der Hand gehalten haben. Ein Ritter ohne Schwert wird für die meisten kaum vorstellbar sein – und war es übrigens auch im Mittelalter nicht. Bei einer derart hohen Bekanntheit ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Mythen um das Schwert ranken. Dabei handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen. Bereits in den Liedern und Geschichten des Mittelalters tauchen Schwerter mit auch heute noch bekannten Namen auf: Siegfrieds „Gram“, Dietrich von Berns „Mimung“, Rolands „Durendal“ und selbstverständlich „Excalibur“, das Schwert König Arturs (um nur einige zu nennen). Alle diese Schwerter tragen nicht nur Namen, sondern zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie allen anderen Waffen überlegen sind und ihren Trägern zu Ruhm und Ehre verhelfen. Geschmiedet werden sie in den Sagen entweder durch legendäre Schmiede oder gelangen durch göttliche Vorsehung oder gar Magie in die Hände ihres für sie vorgesehenen Helden. In der modernen Rezeption finden sich spektakuläre Choreographien, wie man sie aus Film, Theater oder Schaukämpfen kennt. Doch wie nahe kommen diese der mittelalterlichen Realität?

Tatsächlich besaßen gute Schwerter bereits im Mittelalter einen unschätzbaren Wert. Zu dieser Zeit gab es in Europa bereits eine Schmiedetradition, die viele Jahrhunderte in die Geschichte zurück reichte. Schon die alten Hochkulturen waren in der Lage, qualitativ hochwertige Waffen zu fertigen. Im Frühmittelalter waren Schwerter mit dem Schriftzug +VLFBERHT+ sehr begehrt, zunehmend auch bei den aus dem Norden in das Frankenreich einfallenden Wikingern. Interessant ist, dass sich immer wieder qualitativ schlechtere Fälschungen finden lassen, die wesentlich schneller brachen. Bei Ulfberht könnte es sich um einen bekannten Schmied handeln, der im Frankenreich tätig war und vielleicht als Vorbild für die legendären Schmiede aus den Geschichten diente.

Die Schwerter dieser Zeit waren in erster Linie für das Zuschlagen gedacht. Sie wurden mit einer Hand geführt, dazu verwendete man in der Regel einen Schild. Wurde zu Fuß gekämpft, bildeten die Krieger meist einen Schildwall. Dieser musste in einer Schlacht unbedingt geschlossen bleiben, wie sich am Beispiel der Schlacht von Hastings 1066 eindrücklich zeigte. Sobald die Angelsachsen ihre dichte Formation auflösten, wurden sie anfällig für gegnerischen Beschuss und Reiterangriffe. Da es sich beim Schwert um eine sehr teure Waffe handelte, wurde sie wahrscheinlich nur von reichen und hochrangigen Kriegern verwendet. Äxte und Speere waren weit günstiger und schneller zu produzieren. Allerdings spielt hier auch die Tradition eine Rolle. Die angelsächsischen Elitekrieger, die „húskarlar“, verwendeten beispielsweise mannshohe Äxte.

Im Hochmittelalter war das Schwert in erster Linie ein Symbol der Ritterschaft. Es wurden meist Einhänder verwendet, die stets am Gürtel getragen wurden. Zusätzlich zu den Schilden wurden ab dem 13. Jahrhundert Buckler verwendet. Hierbei handelt es sich um Faustschilde, die einen Durchmesser von ca. 30-35 cm besaßen. Das älteste bekannte Fechtbuch, das I.33, behandelt ausschließlich den Kampf mit dem einhändigen Schwert und dem Buckler.[1] Bei diesem Kampfstil kommen neben den Schlägen auch Stiche zum Einsatz. Zudem ist er nicht mehr primär auf den Kampf in einer Schlachtreihe ausgerichtet, sondern auf das Duell. Das einhändige Schwert war alles andere als plump und schwerfällig. Das durchschnittliche Gewicht lag bei unter einem Kilogramm. Somit sind hiermit schnelle und präzise Aktionen möglich.

Buckler

Buckler

Aus dem 14. Jahrhundert stammt das Fechtbuch, das heute als maßgeblich für die deutsche Schule gilt – die Aufzeichnungen des Fechtmeisters Johannes Liechtenauer. Er widmete sich in erster Linie dem Kampf mit dem langen Schwert. Diese Waffe ist ca. 120 cm lang, besitzt ein Parier und einen Griff, der für zwei Hände geeignet ist. Der Knauf kann verschiedene Formen haben. In alten Aufzeichnungen sind teilweise sogar Dornen erkennbar. Auch konnte das Parier angeschliffen sein. Bei den angewandten Techniken kommt nicht nur die Klinge zum Einsatz – insbesondere dann nicht, wenn gegen gepanzerte Gegner gekämpft wird. Das Gewicht der Schwerter variiert, beträgt im Regelfall aber ca. 1200-1800 Gramm. Die richtige Balance ist bei diesen spezialisierten Waffen ungemein wichtig. Im Gegensatz zum japanischen Katana, dass eher frontlastig ist, ist das europäische Langschwert um einen Punkt einige Zentimeter hinter dem Parier ausbalanciert. So lassen sich eine Vielzahl an Hieb- und Stichtechniken kontrolliert und schnell ausführen. Der Mythos vom schweren, kaum führbaren und langsamen Schwert ist also durchweg falsch. Auch die Schärfe weicht nicht von der des Katana ab. Im Gegensatz zu den Waffen der Samurai ist es mit dem europäischen Langschwert möglich, im sogenannten Halbschwert zu kämpfen. Der Fechter greift das Schwert am Griff und in der Mitte der Klinge. So ist es ihm möglich, sehr gezielte Stiche auszuführen oder auch Parier und Knauf einzusetzen. Diese Technik eignet sich somit vor allem für den Kampf gegen einen Gegner in Rüstung, die man mit einfachen Schwertschlägen nicht durchdringen konnte. Ring- und Wurftechniken runden das Repertoire des mittelalterlichen Kämpfers ab. Unzerstörbar waren weder das Langschwert noch das Katana. Beide waren wesentlich empfindlicher, als uns das die Geschichten und Filme glauben lassen möchten. Aus diesem Grund musste beim Parieren eines Schlages darauf geachtet werden, diesen mit der flachen Seite der Klinge aufzufangen, nicht mit der Schneide.

Halbschwert und Mordhau Augsburg Cod.I.6.4º.2 (Codex Wallerstein) 107v

Halbschwert und Mordhau
Augsburg Cod.I.6.4º.2 (Codex Wallerstein) 107v

 

 

Darstellung aus Talhoffers Fechtbuch

Darstellung aus Talhoffers Fechtbuch

Der große Unterschied zum Schaukampf ist, dass in einem richtigen Kampf der Gegner so schnell wie möglich bezwungen werden muss. Mit jeder Sekunde steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst getroffen zu werden. Schaukämpfe sind aber darauf ausgelegt, ein Publikum zu unterhalten. Stellen Sie sich einen Film vor, in dem die Kontrahenten nicht miteinander reden und sich Beleidigungen zurufen sondern der Kampf innerhalb von Sekunden zu Ende gebracht wird und auch die Bewegungen der Kämpfer nur in der Zeitlupe klar erkennbar wären – aus dramaturgischer Sicht meistens wohl problematisch, wenn auch realistisch. Auch der Schaukampf auf Mittelaltermärkten folgt diesem Prinzip. Aufzeichnungen über den Schaukampf sind schon aus dem 14. Jahrhundert bekannt.[2] Mit dem richtigen Schwertkampf hatte er aber damals schon wenig zu tun. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass man nicht zwischen gutem und schlechtem Schaukampf unterscheiden könnte. Es gibt viele sehr ansehnliche Choreographien und Shows.

Im Endeffekt verhält es sich mit dem Mythen rund um das Schwert und seine Verwendung wie mit allen anderen Verklärungen, die sich in der Welt finden lassen. Schwerter waren hochspezialisierte Waffen, die aufwendig und teuer herzustellen waren. Dabei waren sie nicht die unzerstörbaren Superwaffen, die man in den Geschichten so häufig findet. Kettenhemde und Rüstungen lassen sich durch Schnitte nicht durchdringen, Paraden mit der Schneide konnten schnell zu Scharten führen. Die Wirkung gegen ungepanzerte Ziele war allerdings verheerend. Das Schwert war zu jeder Zeit eine Waffe mit hohem Symbolwert. Neben den gebrauchstauglichen Schwertern gab es immer auch Zeremonialschwerter, die zu besonderen Anlässen verwendet wurden. Besonders hochwertige Schwerter waren anderen Waffen qualitativ deutlich überlegen. Gut möglich, dass so die Geschichten von den „Wunderschwertern“ entstanden. Die angewandten Techniken setzten auf eine routinierte, präzise und schnelle Ausführung. Weite Ausholbewegungen und langsame Schwünge sind in den Fechtbüchern nicht beschrieben. Das heißt nicht, dass so niemals gekämpft wurde. Die erhaltenen Fechtbücher wurden von Fechtmeistern verfasst. Es ist anzunehmen, dass es auch eine ganze Reihe weniger geübter Kämpfer gab. Die Kämpfe, die man in Filmen, im Theater oder bei Schaukämpfen sieht, zeigen meistens nicht die Techniken, die sich in den Fechtbüchern finden lassen. Sie sind nicht dazu gedacht, einen Kampf zu gewinnen, sondern zu unterhalten. So gut sie auch aussehen mögen, so nutzlos wären die meisten von ihnen in einem richtigen Kampf.

Die folgenden Videos sollen zeigen, wie die richtigen Techniken in der Praxis angewendet werden:

[1] Vgl. Schmidt, Herbert (2011). S. 16.

[2] Vgl. Ebd. S. 11.

Literatur:

Schmidt, Herbert. Schwertkampf. Der Kampf mit dem langen Schwert nach der deutschen Schule. 2. Auflage. Bad Aibling, 2011.

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Belagerungstechniken des Mittelalters : Der Krieg unter der Erde

 

Diese Methode zur Überwindung feindlicher Befestigungsanlagen stellte gleichzeitig eine der effektivsten als auch eine der gefährlichsten Strategien beim Angriff auf befestigte Orte dar. Das Graben von Stollen unter die Mauern war weniger anfällig für Beschuss von den Mauern, dafür war es alles andere als einfach, diese so anzulegen, dass man genau an die gewünschte Stelle gelangte. Zudem existierten einige Abwehrtechniken, die die Arbeit unter Tage lebensgefährlich machten.

Eine Vorstufe zu den Stollen unter der Erde stellte das Aushöhlen der Mauer dar. Dies geschah meist im Schutz von speziellen Schutzschilden, die hierzu am Fuß der Mauer aufgebaut wurden. Ziel war dabei nicht, eine Öffnung in die Mauer zu arbeiten. Stattdessen wurde in dem entstandenen Loch Feuer entzündet, um eine Bresche zu schlagen.[1]

Das tatsächliche Unterminieren von Wällen und Fundamenten war etwas komplizierter und konnte zu zwei verschiedenen Zwecken erfolgen. Man konnte entweder versuchen, einen Gang unter der Mauer zu graben, durch den die Angreifer in die Befestigung eindringen konnten oder es darauf anlegen, Gebäudeteile zum Einsturz zu bringen.

In beiden Fällen durften die Belagerten nicht bemerken, dass ein Stollen gegraben wurde. Geschah dies war nicht nur der Überraschungseffekt dahin, es konnten auch Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Bereits in der Antike konnten Gegenstollen gegraben werden. Erreichte man den Stollen des Feindes konnte man versuchen, diesen im Kampf Mann gegen Mann zu erobern und anschließend zu zerstören. Die Kämpfe unter der Erde müssen ganz besonders grausam gewesen sein. Man konnte oft nicht aufrecht stehen, es war dunkel, stickig und jederzeit konnten Teile des Ganges einstürzen oder zum Einsturz gebracht werden. Da die Gänge sehr schmal waren, konnten sich die Kämpfer nur hintereinander bewegen. Der vorderste von ihnen hatte im schlechtesten Fall einen bewaffneten Gegner vor sich und gleichzeitig den Rest seiner Truppe direkt hinter sich, immer nach vorne drängend. Bessere Chancen bestanden dann, wenn die Grabungsmannschaft des Feindes nichts vom Gegenstollen wusste. Dann konnte man überraschend einbrechen und die als Tunnelbauer eingesetzten Bergleute töten, bevor der Gegner eigenen Truppen in den Tunnel bringen konnte. Um den riskanten Kampf unter der Erde zu vermeiden, wurde häufig auf andere Mittel zurückgegriffen. Das Einleiten von heißem Öl, Wasser oder auch Rauch in das Tunnelsystem hatte meist tödliche Folgen.[2] Während der Belagerung von Neuss 1474/75 durch die burgundische Armee unter Karl dem Kühnen setzten die Verteidiger auch Sprengrohre und in kochendem Wasser erhitzte Fäkalien ein, um die Belagerer aus ihren Gräben zu vertreiben. Insbesondere letzteres erwies sich als außerordentlich effektiv.

Das Aufspüren der Tunnel war allerdings nicht einfach. Die Eingänge wurden durch hölzerne Bauwerke verdeckt, beispielsweise durch Palisaden oder auch Belagerungstürme. Die ausgehobene Erde musste unauffällig weggeschafft werden, um keinen Verdacht zu erregen. Manchmal wurde sie auch auf dem Boden des Tunnels festgestampft.[3] Dennoch gab es einige Methoden, die den Quellen nach zu urteilen häufig zum Erfolg führten. In der Antike legte man bronzene Schilde auf den Boden, um die Tunnelarbeiten akustisch zu orten. Hierzu eigneten sich auch Kupfergefäße. Im Mittelalter verwendete man mit Wasser gefüllte Schüsseln und/oder kleine Glocken. Doch auch diese Methoden waren nicht immer zuverlässig. Insbesondere dann nicht, wenn die Belagerer mehrere Tunnel gruben – von denen aber nicht alle in die Befestigung führten, sondern lediglich vom Hauptstollen ablenken sollten.[4]

Konnte der Stollen nicht rechtzeitig aufgespürt und zerstört werden, befand sich die belagerte Befestigung in größter Gefahr. Es konnten entweder Belagerer unbemerkt in die Stadt oder Burg gelangen und die Tore von innen öffnen oder die Fundamente der Mauern zerstört und diese damit zu Fall gebracht werden. Dies erreichte man dadurch, dass man den neu geschaffenen Hohlraum zunächst mit Holzbalken abstützte, ihn mit brennbarem Material füllte und dieses anzündete. Im späten Mittelalter konnte auch Schwarzpulver eingesetzt werden. Die Balken und der Hohlraum brachen ein und schufen im Idealfall eine breite Bresche, durch die man die Befestigungsanlagen stürmen konnte.[5] Schafften es die Verteidiger nicht, den ersten Angriff abzuwehren und die Bresche provisorisch mit Holz und Steinen zu verschließen, war die Einnahme nur noch eine Frage der Zeit.

Dieser Gefahr konnte man bereits beim Planen und Anlegen der Befestigungsanlagen vorbeugen. Reichten die Fundamente der Mauern zu tief, konnten sie nicht untergraben werden. Wassergräben stellten ebenfalls einen guten Schutz dar, wenn man sie nicht abgraben konnte.

Die Technik des Unterminierens feindlicher Stellungen sollte weit über das Mittelalter hinaus Anwendung finden. Sie wurde in größerem Stil im amerikanischen Sezessionskrieg und in den beiden Weltkriegen verwendet. Die Weiterentwicklung der Sprengstoffe und Waffen sollte hier noch zu weit schrecklicheren Ergebnissen führen, als sie im Mittelalter möglich waren.

 

[1] Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 123.

[2] Vgl. Ebd. S. 131.

[3] Vgl. Ebd. S. 124-125.

[4] Vgl. Ebd. S. 129.

[5] Vgl. Ebd. S. 127/130.

 

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A fully illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics, Guilford, 2012.

 

In eigener Sache:“Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

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Die Entwicklung der Feuerwaffen im Mittelalter

Hakenbuechse

Mit Pulver betriebene Waffen sind keine Erfindung des späten 15. Jahrhunderts. Verschiedene Rezepte für Schießpulver gab es in Europa seit dem 13. Jahrhundert, auch wenn es zunächst nur für den Antrieb von Raketen verwendet wurde. Roger Bacon (1214 – 1292)[1] beschrieb bereits, welch großer Schrecken durch den Krach und die Lichtblitze durch das Pulver ausgelöst werden konnte. Einige Zeit später ging man dazu über, Bolzen mit Hilfe des Schießpulvers aus vasenförmigen Gefäßen zu verschießen.

Diese Waffen erfreuten sich bereits früh großer Beliebtheit und sie befanden sich recht bald auch in Besitz verschiedener Städte. Die Leistungsfähigkeit und Präzision dieser Handfeuerwaffen waren wohl wesentlich höher, als häufig vermutet. In Tests wurde ermittelt, dass bereits eine effektive Kampfentfernung von 200-300 Meter möglich war und auf 20 Metern mühelos 1,5 mm starker Stahl durchschlagen werden konnte. Das 15. Jahrhundert brachte weitere, leistungsfördernde Weiterentwicklungen wie Haken, bessere Schäfte und Luntenschlösser.[2]

Die rasante Weiterentwicklung der verschiedenen Techniken, ob nun zum Angriff oder zur Abwehr bestimmt, war vor allem ein Ergebnis der ständig schwelenden Rivalitäten zwischen den Mächten Europas. Insbesondere der vermehrte Einsatz von schweren Kanonen führte dazu, dass die Mauern der Burgen und Städte verstärkt werden mussten.[3]

Bombarden aus dem Jahr 1434; mit Steinkugeln

Bombarden aus dem Jahr 1434; mit Steinkugeln

Die verschiedenen Weiterentwicklungen führten nach und nach zu einer Professionalisierung des Krieges. Das Schießpulver musste im richtigen Verhältnis gemischt werden, beim Aufbau der Kanonen auf den richtigen Winkel, die Windrichtung und die Entfernung geachtet werden. Zu diesem Zweck war es immer stärker notwendig, im Kriegsfall Spezialisten anzuwerben, die den steigenden Anforderungen gewachsen waren.[4]

Das Mischverhältnis des Schwarzpulvers unterlag immer wieder Veränderungen. Während das von Roger Bacon Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelte Pulver eher zum Anzünden geeignet war als zum Explodieren. 25 Jahre später erst wurde das Mischverhältnis von Albertus Magnus entscheidend verbessert. Das optimale Verhältnis beträgt 75% Salpeter, 10% Schwefel und 15% Kohle. Das burgundische Schwarzpulver bestand im 15. Jahrhundert aus 71,4% Salpeter, 21,4% Schwefel und 7,1% Kohle.[5]

Die Verbreitung der Feuerwaffen nahm einen rasanten Verlauf. 1326/27 wurden sie in Italien und England erstmals verwendet, 1338/39 in Frankreich, 1342 in Spanien und 1346 im Norden des Reiches. Im späten 15. Jahrhundert wurden besonders große Kanonen, die Bombarden, in Frankreich, Spanien, Italien und den Niederlanden entwickelt und gebaut. Auch wenn diese Geschütze bei optimalem Gebrauch und perfekt gemischtem Pulver bereits weiter als 1.000 Meter schießen konnten, so verwendeten die Kanoniere häufig wesentlich weniger Pulver als möglich, um einer Explosion des Geschützes vorzubeugen. Daher wurden sie häufig 200-250 Meter vor der belagerten Befestigung aufgebaut und durch spezielle Schilde von feindlichem Beschuss abgeschirmt. Als Geschosse wurden steinerne Kugeln verwendet. Die Schussfrequenz war allerdings gering, für die großen Geschütze kann man mit maximal sieben Schuss pro Tag rechnen.[6]

Die Belagerungsartillerie war zu Anfang demnach noch nicht allzu effektiv, so dass parallel weiterhin Katapulte eingesetzt wurden.[7] Eine Verbesserung erfolgte erst am Ende des 14. Jahrhunderts. Im 15. Jahrhundert wurden erstmals große Bombarden und Mörser eingesetzt, für deren Produktion vor allem die Eisenverarbeitung grundlegend war. Von nun an lösten sie die Katapulte endgültig ab.

Doch nicht nur bei Belagerungen, auch in der Feldschlacht wurden in dieser Zeit Geschütze eingesetzt. Die burgundische Armee setzte im 15. Jahrhundert Feld- und Salvengeschütze ein. Im gleichen Zuge wurden die bereits angesprochenen Handfeuerwaffen in immer größeren Stückzahlen hergestellt.


[1] Erfinder des Schwarzpulvers in Europa; vgl. Nossov, Konstantin (2012), S. 205.

[2] Vgl. Strickhausen, Gerd (2006). S. 47-57.

[3] Vgl. Ohler, Norbert (2000). S. 4.

[4] Vgl. Ebd. S. 5.

[5] Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 205-206.

[6] Vgl. Ebd. S. 209-222.

[7] Vgl. Prestwich, Michael (2010). S. 185.

 

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Belagerungstechniken des Mittelalters: Der Rammbock

Der Rammbock ist ein ähnlich altes Belagerungsgerät wie die Leiter. Er existierte in verschiedenen Formen bereits seit der frühen Antike. Namensgebend scheint in der Tat seine Verwendungsweise gewesen sein. Er diente zum Niederrammen der feindlichen Befestigungen. Dabei waren nicht nur die Tore Angriffsziele, sondern auch die Mauern. Während einfache Anlagen schnell durchbrochen werden konnten (z.B. Palisaden), erforderten mit Mörtel errichtete Mauern etwas mehr Zeit. Wenn ein entsprechend großer Rammbock hier lange genug am Werk war, lockerte sich mit der Zeit der Mörtel und die Mauer konnte in sich zusammenbrechen. In diesem Fall musste der Rammbock allerdings gut gegen Angriffe durch die Verteidiger geschützt werden.

Während bei Sturmangriffen meist kleinere und leichtere Varianten verwendet wurden, die schnell durch die Angreifer herangetragen werden konnten, gab es spezielle Versionen für einen längerfristigen Einsatz an den feindlichen Befestigungsanlagen. Diese waren meistens mit Seilen an einem hölzernen Gestell befestigt. Dieses wurde dann häufig mit Holz verkleidet, dass wiederum mit feuchten Tierfellen überzogen wurde, um den Rammbock und die ihn bewegenden Truppen vor Feuerpfeilen zu schützen. Außerdem gab es Varianten, bei denen der Rammbock an einem Gestell befestigt war, dass in etwa die Höhe der feindlichen Mauer hatte. Hiermit sollten vor allem die schützenden Zinnen niedergerissen werden, hinter denen die Schützen in Deckung gehen konnten. Um einen Rammbock erfolgreich einsetzen zu können war es unbedingt notwendig, einen eventuell vorhandenen Graben aufzufüllen. War dies nicht zu bewerkstelligen, konnte man den Fuß der Mauer nicht erreichen.

Die Verteidiger hatten mehrere Möglichkeiten, sich gegen einen Angriff dieser Art zur Wehr zu setzen. Wie schon erwähnt, war ein nur schwer oder überhaupt nicht abzugrabender oder aufzuschüttender Wassergraben der beste Schutz. Die Tore wurden vor allem durch flankierende Türme und später durch den sogenannten Zwinger geschützt. In beiden Fällen war es möglich, die Angreifer nicht nur von oben, sondern auch von der Seite mit Geschossen einzudecken. Es war auch ratsam, den Fuß der Mauer bei fehlendem Graben an beiden Seiten mit einem Erdwall zu verstärken. So war der Fuß der Mauer geschützt. Auch erfüllte dieser zusätzliche Wall eine stützende Funktion. Des weiteren waren die größeren Rammböcke in der Phase des Heranführens ein gutes Ziel für die Wurfmaschinen und später die Kanonen der Verteidiger. Vegetius empfiehlt außerdem den Einsatz von Polstern, die von der Mauer herab gelassen wurden, um die Wucht des Aufschlags zu dämpfen. Man konnte auch versuchen, den Rammbock mit einem Seil einzufangen und ihn dann mit Hilfe vieler Soldaten auf der Mauer umzukippen. Die gleiche Funktion erfüllten der sog. Wolf, der ebenfalls bei Vegetius beschrieben wird. Hierbei handelte es sich um eiserne Haken an Seilen, mit denen man die gesamte Konstruktion anheben und umkippen konnte. Auch war es praktikabel, an hölzernen Kränen befestigte, mit schweren Steinen gefüllte Körbe auf den Rammbock fallen zu lassen. Danach konnte man diese wieder heraufziehen und wiederrum hinabfallen lassen. Durch ihr hohes Gewicht konnte man hiermit auch die schützenden Holzkonstruktionen eines gepanzerten Rammbocks durchdringen. Es war zudem möglich, die gesamte Konstruktion mit Öl zu übergießen und dieses dann anzuzünden. Gelang dennoch ein Durchbruch war es gut, wenn die Verteidiger vorher eine zweite Befestigung hinter dem Mauerabschnitt oder Tor errichtet hatten, sobald hier ein Durchbruch erwartet wurde. Die durch die Bresche stürmenden Angreifer befanden sich dann in einer wirklich gefährlichen Situation, da sie sich nun in einer Art Zwinger befanden, in dem sie von mehreren Richtungen unter Feuer genommen werden konnten und aus dem sie so schnell nicht entkommen konnten.

Literatur:

Nossov, Konstantin. Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Lyons Press Paperback edition 2012. Guilford, 2005.

 

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