Die „Great Heathen Army“ – oder wie die Wikinger um ein Haar ganz England eroberten

„A.D. 865. This year sat the heathen army in the isle of Thanet,

and made peace with the men of Kent, who promised money

therewith; but under the security of peace, and the promise of

money, the army in the night stole up the country, and overran

all Kent eastward.1

Mit diesen Worten wird in der Anglo-Saxon Chronicle der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen beschrieben, die weitreichende Folgen sowohl für England als auch für Skandinavien haben sollten. Im Jahr 865 erreichte die sogenannte „Great Heathen Army“ England. Erleben Sie in dieser Serie hautnah mit, wie die Wikinger durch mehrere englische Königreiche zogen, Tribute einforderten und Könige zu Fall brachten, bevor ihnen schließlich doch noch Einhalt geboten werden konnte.

Wikinger

Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langbooten.

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit der Frage, woher die „Great Heathen Army“ wahrscheinlich stammte, wer sie anführte und zeigt auf, wie sie in kurzer Zeit mehrere Königreiche zu Fall brachte.

Der Ursprung der „Great Heathen Army“

Über die genaue Herkunft und Zusammensetzung der Armee besteht in der Forschung bis heute keine Einigkeit. Einige meinen, es handelte sich um eine aus Dänemark stammende Armee. Andere Forscher vertreten die Ansicht, dass es sich um einen Zusammenschluss von Wikingern handelte, die zuvor im Frankenreich und in Irland aktiv waren. Als gesichert gilt nur, dass es sich um ein relativ großes Aufgebot gehandelt haben muss. Zum jetzigen Zeitpunkt wird von zwei- bis dreitausend Kriegern, Männern wie Frauen, ausgegangen. Angeführt wurde das Heer von mehreren, hochrangigen Wikingern. Dazu zählten Halfdan und Ivar der Knochenlose, beides Söhne des legendären Ragnar Lodbrok.

Kent, East-Anglia und Northumbria werden überrannt

Der Ansturm der Wikingerarmee scheint die englischen Herrscher gänzlich unvorbereitet getroffen zu haben. Zwar waren zuvor bereits Angriffe von Plünderern abgewehrt worden. Auf eine derart große Zahl von Angreifern war man aber offensichtlich nicht vorbereitet.

Nur ein Jahr nach der Eroberung von Kent befand sich das Heer bereits in East-Anglia, dass sich den Angreifern ergeben hatte. Strategisch besonders bedeutsam ist die Textstelle „they were soon horsed“. Sie besaßen nun Pferde für den Transport, für Aufklärung und den Einsatz im Kampf.

Die Wikinger blieben nicht in East-Anglia. 867 überschritten sie den Humber und begannen die Invasion von Northumbria. Begünstigt durch die Thronstreitigkeiten zwischen den Königen Osbert und Aella machten sie schnell Fortschritte und standen schließlich vor den Toren Yorks. Doch obwohl sich beide Herrscher im Angesicht der großen Bedrohung zusammenschlossen, konnten sie die Wikinger nicht bezwingen. Beide Könige fielen in der Schlacht und York wurde eingenommen.2

Mercia, Hilfe aus Wessex und eine überraschende Kapitulation

868 stießen die Wikinger weiter in Richtung Süden vor und fielen in Mercia ein. Ihr Winterlager schlugen sie bei Nottingham auf. König Burhred von Mercia wusste, dass er die Angreifer alleine nicht würde besiegen können. Er wandte sich hilfesuchend an Ethelred, den König von Wessex und dessen Sohn Alfred. Diese erklärten sich einverstanden. Doch schon kurz nachdem das englische Heer nach Mercia gezogen war stellte sich heraus, dass sich die Einwohner des Landes bereits unterworfen hatten. So kam es zunächst zu keinen größeren Kämpfen zwischen den beiden Heeren.3

Eine (vorläufige) Verschnaufpause

Wie die Wikinger konkret auf die Armee aus Wessex reagiert haben, wird in der Anglo-Saxon Chronicle nicht erwähnt. Überliefert ist aber Folgendes: Im Jahr 869, ein Jahr nach der Eroberung von Mercia, begab sich das Wikingerheer zurück nach York. Es sollte ein Jahr dauern, bis sich die Wikinger auf weitere Eroberungszüge begaben.

Es ist durchaus beachtlich, wie schnell und mühelos die Wikinger gleich mehrere englische Königreiche in die Knie zwangen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen zeigt der Zusammenschluss zu einem großen Heer (zumindest auf Zeit), dass sich die Wikinger der Bedeutung zahlenmäßiger Überlegenheit bewusst waren und sie zu nutzen wussten. Sie passten sich zudem flexibel neuen Gegebenheiten an. So besorgten sie sich kurzerhand Pferde und waren in der Lage, befestigte Stellungen zu belagern und einzunehmen. Ihr schnelles Vorgehen ließ den Herrschern dabei kaum Zeit für Vorbereitungen. Die englischen Armeen dieser Zeit, die sog. Fyrd, setzten sich aus der wehrpflichtigen Bevölkerung der jeweiligen Landesteile zusammen. Das waren weder professionelle Krieger, noch konnte man sie in kurzer Zeit versammeln. Dazu kam, dass den Wikingern in dieser Zeit ein schrecklicher Ruf vorauseilte. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit angesehen. Kein Wunder, dass die Kampfkraft der angelsächsischen Aufgebote zu dieser Zeit nicht wirklich gut war.

All dies sollte sich jedoch schon bald ändern. Insbesondere Alfred, der junge Thronfolger aus Wessex, sollte den Wikingern einiges mehr an Widerstand entgegensetzen.

 

2Vgl. Ebd.

3Vgl. Ebd.

Quelle:

http://omacl.org/Anglo/

William Marshal – Der größte aller Ritter

Ritter, Turnierchampion, Berater von fünf englischen Königen, schließlich einer der mächtigsten Barone Englands – und nicht zuletzt ein Ritter, der trotz zahlreicher Kämpfe und Schlachten erst im stolzen Alter von 72 Jahren eines natürlichen Todes starb. Wer war dieser Mann, der in einer brutalen und unsicheren Zeit nicht nur überlebte, sondern einen beachtlichen sozialen Aufstieg schaffte?

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Wappen William Marshals

Eine traumatische Kindheit

Die Startbedingungen waren alles andere als vielversprechend. Sein Vater, John Marshal, war ein berüchtigter Warlord, der im englischen Bürgerkrieg auf der Seite der Kaiserin Matilda gegen König Stephan ins Feld zog. Seine väterliche Liebe schien nicht allzu groß gewesen zu sein. Im Alter von nur fünf Jahren wurde William dem König als Garant für einen Waffenstillstand im Zuge der Belagerung von Newbury übergeben. John dachte jedoch nicht daran, sich an seine Zusagen zu halten. William wurde mehrmals vor die Mauern geführt und an den Galgen gestellt, um seinen Vater unter Druck zu setzen. Einmal sollte er gar mit einem Katapult in die Burg geschleudert werden. Auch wenn letztlich keines dieser schrecklichen Vorhaben in die Tat umgesetzt wurde, so müssen diese Erlebnisse für den kleinen Jungen traumatisch gewesen sein.1

Der junge Ritter

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Chateau de Tancarville

Als Zweitgeborener hatte William Marshal nur geringe Aussichten auf das väterliche Erbe. 1160, im Alter von 13 Jahren, reiste er daher nach Tancarville in der Normandie, um dort seine Ausbildung zum Ritter abzuschließen. 1166 wurde er zum Ritter geschlagen und hatte auch gleich Gelegenheit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Bei Neufchatel kam es zu einem durch Grenzstreitigkeiten ausgelösten Kampf, in dessen Verlauf sich der junge Ritter tapfer schlug. Doch Marshal musste lernen, dass ein Ritter nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen wurde. Er versäumte es, Gefangene zu machen, für die er Lösegeld hätte verlangen können. Außer Spott und Witzeleien seitens seiner Kampfgefährten musste er sich nun einem viel größeren Problem stellen: Obwohl den Tancarvilles verwandtschaftlich verbunden, wurde er aus dem Haushalt ausgeschlossen. Ein Ritter wurde eben nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen. Sein Besitz bestimmte letztlich, wer er war.2 Die „History of William Marshal“ vermerkt dazu: „You are what you have got, and no more than that.“3

Das Turnier als letzter Ausweg

Als mittelloser Ritter hatte William Marshal nur wenige Optionen. Er besaß noch keinen großen Namen, konnte also nicht darauf hoffen, von einem anderen Fürsten ohne weiteres in seine Dienste übernommen zu werden. Ihm blieb nur eine andere, wenn auch hochriskante Möglichkeit: Die Teilnahme an einem Turnier. Die Turniere dieser Zeit lassen sich nicht mit denen des späten Mittelalters oder der frühen Neuzeit vergleichen. Dies waren keine repräsentativen Veranstaltungen, auf denen sich der Adel in all seiner Pracht präsentierte. Im Grunde handelte es sich um Übungen für den Krieg. Verschiedene Gruppen kämpften mit scharfen Waffen auf einem Terrain, das nicht klar begrenzt war. Das Ganze konnte dabei durchaus länger dauern als nur einen Tag. Es ging jedoch nicht darum, den Gegner zu töten. Gefangene zu machen war das Ziel. Marshal kämpfte in seinem ersten Turnier bei Sainte Jamme ausgerechnet mit dem Aufgebot der Tancarvilles. Und er zeigte, dass er dazu gelernt hatte. Er machte zwei Ritter zu seinen Gefangenen, was ihm neben vier Schlachtrössern, diversen Packpferden und mehreren Rüstungen vor allem Respekt und Ansehen einbrachte.4

Im Dienst des Königshauses

Williams Erfolge machten ihn mit einem Schlag für die Fürsten interessant, die stets nach bekannten Rittern Ausschau hielten. So wurde er Teil des Gefolges des Patrick von Salisbury. Mit diesem begleitete er 1168 die englische Königin, Eleonore von Aquitanien, auf ihrer Reise nach Poitou. Die Gegend war berüchtigt für die dort schwelenden Konflikte. Und tatsächlich wurde die Gruppe von Rittern unter der Führung der Brüder Geoffrey und Guy von Lusignan5 angegriffen. William und der Rest der Ritter um Patrick von Salisbury stellten sich trotz ihrer geringen Zahl und nicht angelegten Rüstungen den Angreifern entgegen, um der Königin die Flucht zu ermöglichen. Patrick wurde getötet, Marshal geriet schwer verwundet in Gefangenschaft. Ausgelöst wurde er schließlich durch die Königin, die ihn kurz darauf in ihr persönliches Gefolge aufnahm.6

1170 wurde William Marshal zum „Tutor in Arms“ des jungen Königs Heinrich ernannt. Mit diesem sollte ihn letztlich eine langjährige und innige Freundschaft verbinden. Marshal war nicht nur Mentor des Königs, sondern nahm mit ihm überaus erfolgreich an einer Vielzahl von Turnieren teil. Er unterstützte ihn zudem in seinen zwei Rebellionen gegen seinen Vater, die jedoch scheiterten. Nach dem Tod Heinrichs 1183 reiste Marshal ins heilige Land, um den Mantel seines Herrn und Freundes nach Jerusalem zu bringen. Nach seiner Rückkehr trat er 1186 in den Haushalt König Heinrichs II. ein.7

Richard the Lionheart

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Richard Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jhd.

Richard, Sohn Heinrichs II., rebellierte ebenfalls gegen seinen Vater. Anders als sein Bruder Heinrich war Richard ein erfahrener Kommandeur. Er schaffte es schließlich, die Oberhand im Krieg zu gewinnen. 1189 nahm er Le Mans ein, die letzte Stadt des alten Königs. Dieser musste fliehen, um der Gefangennahme zu entgehen. William Marshal und William des Roches deckten den Rückzug ihres Herrn, der von seinem Sohn Richard verfolgt wurde. So kam es, dass Marshal und Richard Löwenherz direkt aufeinander trafen. William durchbohrte das Pferd Richards mit seiner Lanze, verschonte aber wohlweislich das Leben seines nur leicht gepanzerten Gegenübers. Heinrich II. entkam nach Chinon, wo er schließlich starb. William Marshal harrte bis zuletzt an seiner Seite aus.8

Richard Löwenherz nahm William noch im selben Jahr in seine Dienste auf und stimmte dessen Heirat mit Isabel von Clare zu. Dieser wurde somit der Herr von Striguil und damit ein Baron Englands. Mehr noch: Während Richards Kreuzzug ins Heilige Land diente William als Co-Justiciar Englands. Der einst mittellose Ritter hatte damit bereits jetzt einen sagenhaften Aufstieg erreicht.

William Marshal und König John

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König John, Darstellung aus dem 13. Jhd.

Richard wurde 1199 bei der Belagerung von Chalus von einem Armbrustbolzen tödlich getroffen. Sein Nachfolger wurde sein jüngerer Bruder John. Marshal wurde zum Earl von Pembroke ernannt. Der Titel des Earl besaß eine besondere Bedeutung. Er stammte noch aus angelsächsischer Zeit und hob Marshal auf eine deutlich höhere gesellschaftliche Stufe.

Die nächsten Jahre waren bestimmt durch die wachsenden Ambitionen des französischen Königs Philipp Augustus. Nach und nach vielen immer mehr Gebiete an Frankreich. 1202 führte Marshal die Verteidigung der Normandie an. Trotz aller Bemühungen vielen 1204 Rouen, Chateau Gaillard und die Normandie an die Franzosen. 1205 kam es zu Uneinigkeiten zwischen König John und William Marshal, der sich zunächst aus dem Umfeld des Hofes zurückziehen musste. Erst 1212 kehrte er an die Seite Johns zurück. 1215 begann die Rebellion der Barone gegen die als ungerecht empfundene Herrschaft des Königs. Diese erreichten noch im selben Jahr die Unterzeichnung der Magna Carta, die die Macht des Herrschers einschränken sollte.

1216 starteten die Franzosen unter ihrem König Louis eine Invasion Englands. Zu allem Überfluss starb der König noch im selben Jahr. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Heinrich III. William Marshal blieb auch dieses Mal dem Thron treu. Er wurde zum Wächter des Reiches ernannt und übernahm im Alter von 70 Jahren die Führung der englischen Armee.

Die letzte Schlacht

1217 war ein schicksalhaftes Jahr für England. Die Franzosen standen mit ihren Truppen fest auf englischem Boden. Unterstützt wurden sie von einigen Baronen, die sich auf die Seite des französischen Königs gestellt hatten. Doch die Engländer um William Marshal waren fest entschlossen, sie zu vertreiben. Bei Lincoln sollte es zur Entscheidung kommen. Durch eine geschickte Ablenkungstaktik war es den Engländern möglich, sich einen Weg in die Stadt zu bahnen. In der Folge kam es innerhalb der Mauern zu einer fürchterlichen Schlacht. Angeführt wurden die englischen Truppen von William Marshal höchstpersönlich, der mit seinem Sohn an der Spitze ritt. Zwischen Burg und Kathedrale kam es zu einem erbitterten Kampf. Die Schlacht entschied sich schließlich dadurch, dass die Franzosen in Panik gerieten und die Flucht antraten. Nur 200 französische Ritter sollen der anschließenden Verfolgung entkommen sein. Am 13. Juni wurde ein Friedensvertrag geschlossen und König Louis wurde gestattet, das Land mit seinen restlichen Truppen zu verlassen.9

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Die Schlacht von Lincoln, Illustration aus dem 13. Jhd.

Das Ende

William Marshal starb 1219, nur zwei Jahre nach der Schlacht von Lincoln, in Caversham Manor. Zuvor löste er ein Versprechen ein, dass er bereits 1180 gegeben hatte: Er trat dem Templerorden bei. Sein Freund und der Templermeister von England, Aimery von St. Maur, führte die notwendigen Riten durch. Nach seinem Tod wurde sein Körper zur Reading Abbey gebracht, wo eine erste Messe abgehalten wurde. Am 18. Mai wurde er in einer feierlichen Prozession in London zur Westminster Abbey überführt. Seine letzte Ruhe fand er schließlich am 20. Mai 1219 in der Temple Church in London. Seine Frau Isabel starb nur ein Jahr später. Sie wurde nicht älter als 45 Jahre.10

Die Karriere von William Marshal war beispiellos. Die Bezeichnung als der „größte aller Ritter“ bezieht sich dabei nicht nur auf seine Taten im Kampf, sondern auch auf seine Erfolge im politischen und materiellen Bereich. Seine Körpergröße, Kraft, Mut und sehr stabile Konstitution machten ihn zu einem geborenen Kämpfer in einer Zeit, in der dem bewaffneten Kampf eine große Bedeutung zukam. Seine Intelligenz und sein Verständnis für politische Zusammenhänge ermöglichtem ihm, auch auf der politischen Bühne eine erfolgreiche Rolle zu spielen. Er stand stets fest an der Seite derjenigen, denen er Treue und Freundschaft geschworen hatte. Eine Tatsache, die selbst von seinen Feinden respektiert wurde. Er besaß damit eine Kombination aus Eigenschaften, die so bei kaum einem anderen Menschen seiner Zeit vorhanden waren. Dazu kam, dass ihm bei mehreren Gelegenheiten das Glück unter die Arme griff. So kam es, dass ihn bereits seine Zeitgenossen als den größten aller Ritter in Erinnerung behielten.

Literatur:

Asbridge, Thomas: The Greatest Knight. The Remarkable Life of William Marshal, the Power behind five English Thrones. London, 2015.

1Vgl. Asbridge, Thomas (2015). S. 24-28.

2Vgl. Ebd. S. 54-58.

3Vgl. Ebd. S. 69.

4Vgl. Ebd. S. 63-69.

5Eben der Guy von Lusignan, der König von Jerusalem werden sollte und von Sultan Saladin in der Schlacht von Hattin besiegt wurde.

6Vgl. Ebd. S. 82-84.

7Vgl. Ebd. S. 384-385.

8Vgl. Ebd. S. 198-204.

9Vgl. Ebd. S. 353-361.

10Vgl. Ebd. S. 373-375.

Die Rosenkriege 1461-1485 – York gegen Lancaster

Im späten Mittelalter war England bereits von vielen verschiedenen Dynastien regiert worden. Friedlich ging es dabei selten zu. Was aber später als die Zeit der Rosenkriege bekannt werden sollte, war eine der blutigsten Auseinandersetzungen um den Thron, die das Land bis dahin erlebt hatte. Dieser Konflikt, in dessen Zentrum die Adelsfamilien York und Lancaster standen, sollte nicht nur England nachhaltig prägen, sondern auch Eingang finden in die Literatur der kommenden Jahrhunderte. Auch unsere heutige Kultur wird noch von den Rosenkriegen beeinflusst. Die Waringham-Reihe der bekannten Schriftstellering Rebecca Gable und die Reihe „A Song of Ice and Fire“ von George R.R. Martin sind nur zwei Beispiele aus dem Bereich der Literatur. Dazu kommen noch entsprechende TV- und Filmumsetzungen. Doch was macht gerade diesen Konflikt derart faszinierend?

Die Familien York und Lancaster

Jede gute Geschichte braucht charismatische oder unverwechselbare Akteure. Diese hatten sowohl Lancaster als auch York zu bieten. Genau wichtig sind die Geschichten von Liebe, Freundschaft aber auch Verrat. Auch davon lassen sich in den Rosenkriegen einige finden. Beide Adelshäuser waren Nebenlinien der Plantagenets.[1] Somit konnten beide Familien einen legitimen Anspruch auf den englischen Thron ableiten. Den beiden Familien wird die Verwendung von Rosen als Abzeichen nachgesagt, von denen die Auseinandersetzungen dieser Zeit ihren Namen haben. Die weiße Rose für York, die rote für Lancaster. Ob die Rosen tatsächlich die offiziellen Abzeichen waren, lässt sich aber nicht zweifelsfrei beweisen.[2]

Das Vorspiel

Auch wenn der König von England eine große Machtfülle besaß, konnte er nicht ohne die Unterstützung der mächtigen Adelsfamilien des Landes regieren. Sie besaßen große Ländereien, viel Geld und waren in der Lage, eigene Heere aufzustellen. Für die Rosenkriege sind neben den Lancasters besonders drei von ihnen von Bedeutung: Neville, York und Mortimer. Die Yorks konnten theoretisch über Anne Mortimer und ihren Ehemann Richard, Graf von Cambridge dabei gleich doppelt Anspruch auf den Thron erheben. Das sie dies zunächst nicht taten, lag wohl vor allem an den außenpolitischen Erfolgen der Lancasters im Hundertjährigen Krieg.[3]

Aus der Ehe zwischen Anna und Richard ging Richard Plantagenet hervor, der sich später mit der Enkelin Johannes von Gent, Cecily Neville, vermählte. Er war Herzog von York und später Protektor von England.[4]

Heinrich VI.

Heinrich VI.

Margarete von Anjou

Margarete von Anjou

Währenddessen verschlechterte sich die Lage der englischen Truppen in Frankreich erheblich. Unter Jeanne d’Arc gelang es den Franzosen, Gebiete von den Engländern zurück zu erobern. Am englischen Hof kam es zu Zerwürfnissen. Heinrich VI. machte den Fehler, seine beiden Ratgeber Heinrich Beaufort und Wilhelm de la Pole über allen anderen zu favorisieren, was zu Widerständen, insbesondere seitens des Herzogs von Gloucester, führte. Dieser wurde 1447 verhaftet und starb wenig später. Zu allem Überfluss erhoben sich 1450 die Bauern und Handwerker der Grafschaft Kent. Doch nicht nur das einfache Volk revoltierte, auch Teile des Landadels schlossen sich ihnen an. Auch wenn die Rebellion noch im gleichen Jahr zusammenbrach so wurde doch deutlich, dass es nicht nur im Adel, sondern auch im einfachen Volk rumorte. Durch all diese Wirren bestärkt trat nun Richard Plantagenet die Bühne des Geschehens. Er schaffte es, sich als Vertreter der öffentlichen Meinung und als entschiedener Kritiker der Hofpartei um Heinrich VI. darzustellen. Zur selben Zeit wurde immer deutlicher, dass Heinrich VI. an einer ernsthaften Geisteskrankheit litt. Neben Richard erhoben nun auch die Beauforts Anspruch auf den Thron. Richard Plantagenet wies sie allerdings darauf hin, dass Heinrich IV. sämtliche Ansprüche ihrer Familie für nichtig hatte erklären lassen. Es kam zu militärischen Konfrontationen in den Jahren 1450 und 1452, in denen es York jedoch nicht gelang, die Oberhand zu gewinnen.1453 überwarf sich der Earl of Somerset mit dem Grafen von Warwick, Richard Neville. Dieser schloss sich daraufhin York an. Richard Plantagenet gelang es schließlich, Protektor von England und Vorsitzender des königlichen Rates zu werden.[5]

Der Krieg

Der Friede sollte allerdings nicht von langer Dauer sein. 1455 kam es zur Schlacht von St. Albans zwischen York und Somerset, die die Yorkisten für sich entscheiden konnten. Der Herzog von Somerset wurde getötet.[6] Insgesamt sollte es noch 13 weitere Schlachten geben. An erfahrenen Söldnern mangelte es nicht. Nach den zahlreichen Niederlagen in Frankreich waren zahlreiche arbeitslose Soldaten nach England zurückgekehrt. Dazu kamen noch die Adligen des Landes, die entsprechend des Lehnssystems im Kriegsfall ihren Gefolgschaftspflichten nachkommen mussten. Zumindest diese konnten in mittelalterlichen Schlachten im Falle der Niederlage im Normalfall gegen ein Lösegeld freikommen. In den Rosenkriegen ging es allerdings häufig um die Anschuldigung des Verrats. Die Urteile der Sieger wurden daher meist direkt nach der Schlacht vollstreckt. Besser erging es Heinrich VI., der nach der Schlacht von Northampton 1460 von Warwick gefangen genommen und im Tower of London inhaftiert wurde. Dies bedeutete jedoch nicht, dass Richard Plantagenet zum König gekrönt wurde – das Parlament und die königlichen Räte lehnten dies strikt ab. Stattdessen erkannte Heinrich VI. am 31.10.1460 Richard als Erben an und ernannte ihn zum Prinzen von Wales. Doch noch im selben Jahr, am 30.12.1460, wurde Richard in der Schlacht von Wakefield von Truppen der Lancasters getötet. Sein zweiter Sohn Edmund wurde wenig später ermordet. Richards Haupt wurde mit einer Papierkrone versehen und neben dem seines Sohnes und dem des ebenfalls gefallenen Richard Neville in York öffentlich zur Schau gestellt. Richards Nachfolger wurde der 18-jährige Eduard, der zwei Monate später die Lancasters in der Schlacht bei Mortimer’s Cross besiegte. Allerdings war Richard Neville (der älteste Sohn des Grafen von Warwick) von durch Margarete von Anjou geführte Waliser und Schotten geschlagen worden. Es gelang Warwick und Eduard aber, diese Armee in der Schlacht von Towton 1461 zu vernichten und die Lancasters ins schottische Exil zu treiben. Mit der Krönung Eduards am 28.06.1461 waren die Yorks zunächst einmal am Ziel.[7]

Elisabeth Woodville und Eduard IV.

Elisabeth Woodville und Eduard IV.

Eduard IV. heiratete Elisabeth Woodville, was dem Privy Council im September 1464 verkündet wurde. Ein harter Schlag für Warwick, der bereits 1461 plante, den König mit Bonne von Savoyen, der Schwägerin des französischen Königs, zu vermählen. Die komplett ohne sein Zutun oder Rat durchgeführte Hochzeit war nicht nur eine öffentliche Demütigung für den Grafen, der König heiratete zudem deutlich unter seinem Stand. Dementsprechend brachte die Verbindung keine politischen oder militärischen Vorteile.[8]

Warwick verlor am Hof immer mehr an Ansehen, bis es schließlich zum Bruch mit dem König kam. 1469 begab er sich mit seiner Familie nach Calais. Von dort aus plante er seine Aktionen gegen Eduard IV. Er verfolgte das Ziel, den mit seiner Tochter Isabella verheirateten Georg, Herzog von Clarence (den Bruder Eduards) zum König zu machen. In England wurden am 26.07. von Graf Rivers Woodville und dessen Sohn John geführte Truppen besiegt und beide auf Anweisung Warwicks hingerichtet. Der König wurde von Erzbischof Georg Neville von York gefangen genommen. Warwick musste ihn allerdings wieder freilassen, da er es nicht schaffte, ohne königliche Anweisung die Ordnung im Land wiederherzustellen. Auch wenn Warwick zunächst nicht in unmittelbarer Gefahr war, musste er die Unterstützung der alten Königin, Margarete von Anjou, suchen. Vermittelt vom französischen König Ludwig XI. war es ihm 1470 möglich, Frieden mit der ehemaligen Feindin zu schließen. Warwicks jüngste Tochter Anna wurde mit Margaretes Sohn Eduard verheiratet, um das Bündnis zu besiegeln.

Richard Neville, Graf von Warwick

Richard Neville, Graf von Warwick

Von Ludwig XI. militärisch unterstützt setzte Warwick nach England über. Eduard IV. war zunächst gezwungen, ins Exil zu gehen. Warwick leitete inzwischen die Wiedereinsetzung von Heinrich VI. ein und versuchte, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Eduard wurde öffentlich als Usurpator verurteilt, alle seine Beschlüsse für ungültig erklärt und Georg als Nachfolger Heinrichs bestimmt. Dennoch war die Krone für Eduard noch nicht verloren. Viele Menschen im Land waren ihm gewogen. Außerdem hatte ihm seine Frau bereits 1453 einen Sohn und Thronfolger geboren. Nicht zuletzt konnte er auf die Unterstützung Karls des Kühnen zählen.[9] Der Herzog zählte zu den reichsten und mächtigsten Fürsten Europas und unterstützte seinen Schwager mit finanziellen Mitteln und einer großen Flotte, mit der Eduard 1471 nach England übersetzte. Er versöhnte sich mit seinem Bruder Georg und marschierte in Richtung London. Zwei entscheidende Schlachten sollten folgen. Bei Barnet wurde Warwick getötet. In der Schlacht von Tewkesbury starb Heinrichs Sohn. Der alte König kam am 21. Mai 1471 unter bis heute unklaren Umständen im Tower of London ums Leben.[10] Mit seinem Tod endete die direkte Linie des Hauses Lancaster.

Das Ende

Die Rosenkriege endeten nicht mit dem Sieg und dem Tod der wichtigsten Lancastrianer bei Tewkesbury. Eduard IV. konnte aber bis zu seinem Tod 1483 in relativem Frieden regieren und England eine neue Blütezeit bescheren. Noch im selben Jahr übernahm sein Sohn Richard III. die Regentschaft. Doch obwohl seit Tewkesbury viele Jahre vergangen waren, waren noch nicht alle Lancasters ausgelöscht. Heinrich Tudor, rechtzeitig ins Exil geflohen, landete am 7. August 1485 mit französischen und walisischen Söldnern in England. In der folgenden Schlacht von Bosworth wurde das zahlenmäßig stärkere Heer Richards geschlagen und der König getötet. Der Sieger bestieg als Heinrich VII. als erster König der Tudor-Dynastie den Thron. Er heiratete Elisabeth von York, eine Tochter Elisabeth Woodvilles und Eduards IV.[11] Somit wurden die Linien der Yorks und Lancasters schließlich vereint und die Rosenkriege endgültig beendet.

Schlacht von Tewkesbury

Schlacht von Tewkesbury

[1] Vgl.Vollrath, Hanna; Fryde, Natalie (Hg.) (2009). S. 236-237.

[2] Vgl. Wagner, John A. (2001). S. 294f.

[3] Vgl. Brodt, Bärbel (2009). S. 190-191.

[4] Vgl. Vollrath, Hanna; Fryde, Natalie (Hg.) (2009) S. 237.

[5] Vgl. Brodt, Bärbel (2009). S. 193-195.

[6] Vgl. Ebd. S. 195.

[7] Vgl. Ebd. S. 195-199.

[8] Vgl. Ebd. S. 201-203.

[9] Vgl. Ebd. S. 204-208.

[10] Vgl. Ebd. S. 209.

[11] Vgl. Ebd. S. 225-226.

Literatur:

Brodt, Bärbel: Das Haus York und die Rosenkriege (1461-1485). In: Volllrath, Hanna; Fryde, Natalie (Hrgs.): Die englischen Könige im Mittelalter. Von Wilhelm dem Eroberer bis Richard III. 2., durchgesehene Auflage 2009. München, 2004. S. 186-226.

Krieger, Karl-Friedrich: Das Haus Lancaster (1377-1461). In: Volllrath, Hanna; Fryde, Natalie (Hrgs.): Die englischen Könige im Mittelalter. Von Wilhelm dem Eroberer bis Richard III. 2., durchgesehene Auflage 2009. München, 2004. S. 150-185.

Volllrath, Hanna; Fryde, Natalie (Hrgs.): Die englischen Könige im Mittelalter. Von Wilhelm dem Eroberer bis Richard III. 2., durchgesehene Auflage 2009. München, 2004.

Wagner, John A.: Encyclopedia of the Wars of the Roses. Santa Barbara, 2001.

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Die Schlacht von Azincourt 1415

Als sich an einem feuchten Spätherbstmorgen des 25. Oktobers im Jahr 1415 zwei zu allem entschlossene Armeen nahe des kleinen französischen Örtchens Azincourt sammelten und formierten, bestand an dem Ausgang der bevorstehenden Schlacht kaum ein Zweifel. Auf der einen Seite standen die von langen Märschen und schlechter Ernährung geschwächten sowie an Dysenterie erkrankten Soldaten des englischen Königs Heinrich V. Ihnen gegenüber, nur einen schlammigen Acker entfernt, die Crème de la Crème des französischen Adels, bestens ausgerüstet und ernährt. Am Ende des Tages sollte der schlammige Boden mit dem Blut vieler Männer getränkt sein. Wie es dazu kam und wer schließlich den Sieg davontrug, soll in diesem Artikel beschrieben werden.

Zum Zeitpunkt der Schlacht von Azincourt tobte der Krieg schon 78 Jahre. Die englischen Könige hatten seit Wilhelm dem Eroberer, der England 1066 erobert hatte, auch Herrschaftsrechte in Frankreich und Lehensverpflichtungen dem König von Frankreich gegenüber. Der Ausgangspunkt für den Krieg war ein Streit um die französische Thronfolge. Nach dem Tod von Karl IV. erhob neben Philipp VI. auch Eduard III. Anspruch auf den Thron Frankreichs. Dies sollte zu einem Konflikt führen, der unzähligen Menschen das Leben kosten sollte, ohne das eine Seite eine wirkliche Entscheidung herbeiführen konnte.

Portrait Heinrichs V.

Portrait Heinrichs V.

Heinrich V. folgte in seiner Politik den Ansprüchen, die bereits seine Vorgänger formuliert hatten. Die englischen Farben waren zu dieser Zeit sogar eine Mischung aus der englischen wie der französischen Flagge. Nachdem eine politische Lösung, nämlich die Hochzeit mit der Tochter Karls VI., gescheitert war, bereitete Heinrich einen Feldzug vor. Bei der Rekrutierung seiner Armee konnte er auf das sogenannte Indenture-System zurückgreifen. Einzelne Befehlshaber samt ihrer Soldaten wurden auf der Basis eines Vertrages gegen Sold in den Dienst des Königs genommen.[1] Die Zusammensetzung der Armee ist interessant: Das Verhältnis von Men-at-Arms zu Langbogenschützen betrug laut den Musterungslisten 3:1.[2] Insgesamt brach Heinrich mit 11.248 Soldaten, Gewöhnlichen wie Adligen, nach Frankreich auf.[3]

Nach seiner Ankunft belagerte das Heer zunächst die Hafenstadt Harfleur. Es gelang den Engländern zwar, die Stadt einzunehmen, allerdings waren die Verluste enorm. Erschwerend kam hinzu, dass sich viele der Soldaten bereits zu diesem Zeitpunkt mit Dysenterie angesteckt hatten. Aufgrund der Verluste, der Krankheiten und schlechten Versorgung konnte es Heinrich V. nicht auf eine direkte Konfrontation mit der französischen Armee ankommen lassen. Stattdessen wollte er sich in das englische Calais durchschlagen. Die Franzosen waren ihm dabei ständig auf den Fersen. Schließlich verstellten sie ihm den direkten Weg nach Calais. Eine Umkehr war zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen. Das Heer war in 12 Tagen bereits mehr als 200 Meilen weit marschiert. 9.225 Männer waren noch einigermaßen kampffähig. Die Franzosen dagegen stellten sich mit ca. 12.000 Mann zum Kampf.[4]

Die französischen Adligen waren sehr zuversichtlich, die geschwächten Soldaten der Engländer leicht schlagen zu können. Auf der anderen Seite waren sich diese ihrer misslichen Lage durchaus bewusst. Sie wussten aber auch, dass ihnen keine andere Wahl blieb, als sich nach Calais durchzuschlagen. Die Adligen konnten vielleicht hoffen, irgendwann gegen Lösegeld freizukommen. Für die einfachen Soldaten würde eine Niederlage aber mit Sicherheit Folter und Tod bedeuten.

Das Schlachtfeld war übersichtlich. Es handelte sich lediglich um den bereits erwähnten, vom nächtlichen Regen durchnässten Acker, der auf beiden Seiten von Bäumen und Unterholz begrenzt wurde. Die englischen Men-at-Arms und Ritter formierten sich zu drei Blöcken. Die Langbogenschützen waren zum Teil zwischen den Nahkämpfern postiert. Die meisten von ihnen befanden sich aber an den Flanken, am Waldrand. Um sich vor Reiterangriffen zu schützen, hatten die Soldaten angespitzte Pfähle vor sich in den Boden getrieben.  Vor dem Beginn der Schlacht wurden insgesamt drei Messen abgehalten, um Gottes Unterstützung und die der Heiligen St. Georg sowie St. Crispian und St. Crispinian zu erhalten.[5]

Das französische Heer wurde nicht von Karl VI. befehligt. Der König litt seit 1392 unter einem geistigen Leiden, das ihn in unregelmäßigen Abständen den Verstand verlieren ließ.[6] Stattdessen wurde das Kommando vom  Connétable von Frankreich, Charles I. d’Albret und dem Marschall von Frankreich, Jean II. Le Maingre, übernommen. Die Franzosen verfügten zwar über einige Armbrustschützen, allerdings wurden diese hinter den eigenen Schlachtreihen postiert. So war es ihnen praktisch kaum möglich, effektiv in den Kampf einzugreifen. Im Zentrum befanden sich abgesessene Ritter, die in mehreren Reihen vorrücken sollten. Die hochrangigsten Adligen befanden sich in der ersten Schlachtreihe. An den Flanken stellten sich je 500 schwere Reiter auf, die die Bogenschützen der Engländer niedermachen sollten.

Heinrich V. in der Schlacht; Gemälde von 1915

Heinrich V. in der Schlacht; Gemälde von 1915

Der Schlachtverlauf ist in den Quellen von Augenzeugen gut dokumentiert. Eröffnet wurde die Schlacht von den Langbogenschützen. Es folgte der Angriff der französischen Reiter. Dieser führte allerdings nicht zum Erfolg. Sie gerieten zunächst in den Pfeilhagel der Engländer. Insbesondere die Pferde waren hierfür verwundbar. In der dichten Formation war es unmöglich, stürzenden Reitern auszuweichen. Diejenigen, die die Reihen der Bogenschützen erreichten, wurden von den Pfählen aufgehalten und von den durchaus zum Nahkampf fähigen Schützen niedergemacht. Die in der Mitte marschierenden Truppen der Franzosen gerieten nun ins Kreuzfeuer. Von allen Seiten prasselte der Pfeilhagel auf die Kämpfer ein. Die Adligen waren zwar mit den besten Rüstungen ihrer Zeit ausgestattet, aber auch diese boten nur einen begrenzten Schutz. Dazu kam, dass selbst ein abgewehrter Pfeil mit einer beachtlichen Wucht auf die Rüstung traf und diese auf den Körper übertrug. Zu allem Überfluss mussten die Franzosen durch beinahe kniehohen Schlamm waten und über die Gefallenen steigen. Am Ende dieses beschwerlichen Weges warteten die englischen Nahkämpfer. Nach dem ersten Aufprall und den daraus resultierenden Toten wurde der Kampf immer heftiger und schwieriger. Nach und nach fielen immer mehr Männer und bildeten ein zusätzliches Hindernis für die Angreifer. Nachdem die Langbogenschützen ihre Pfeile verschossen hatten, griffen sie zu ihren Schwertern, Hämmern und Äxten und griffen die Flanken der Franzosen an. Nach und nach wurde die zahlenmäßig überlegene französische Armee so in die Defensive gedrängt, bis sich die Kämpfer schließlich ergaben oder zur Flucht wandten. Im Schlachtverlauf wurden mehrere Gefangene gemacht. Einige von ihnen wurden getötet, nachdem der englische Tross von einigen Franzosen angegriffen wurde. Nach Aussage des englischen Chronisten hätte sonst die Gefahr bestanden, dass die Gefangenen wieder in den Kampf eingreifen.[7]

Das Ergebnis der Schlacht war für Frankreich katastrophal. Viele der einflussreichsten Adligen waren gefallen, darunter auch einer der Befehlshaber der Armee, Charles d’Albret. Heinrich V. stand der Weg nach Paris offen. Es ist anzunehmen, dass er aufgrund des schlechten Zustandes seiner Armee und der nicht vorhandenen Nachschubwege davon absah, eine Belagerung der Stadt zu riskieren. Stattdessen marschierte er mit seinen Truppen nach Calais und kehrte nach England zurück.

Die Schlacht von Azincourt ist ein gutes Beispiel dafür, dass nicht immer die Größe einer Armee über den Ausgang einer Schlacht entschied. Dieser Fakt war auch im Mittelalter durchaus bekannt. Dennoch verließen sich die Franzosen auf ihre Zahl. Es ist sicher nicht falsch, ihnen eine gewisse Überheblichkeit zuzuschreiben. Dieser Eindruck wird noch durch ihr ungestümes Vorgehen verstärkt, obwohl sie doch alle Trümpfe in der Hand hielten. Das adlige Selbstverständnis trug ebenfalls dazu bei, dass viele der wichtigsten Männer des Landes an diesem Tag den Tod fanden. Sie unterschätzten insbesondere die Langbogenschützen, die nicht dem Adelsstand angehörten. Diese aber waren Elitesoldaten, die es im Kampf durchaus mit ihnen aufnehmen konnten. Die Kombination aus englischen Adligen , die Seite an Seite mit den Schützen kämpften, führte schließlich zum Erfolg.

Für Heinrich war der Sieg ein dringend benötigter Erfolg, der propagandistisch entsprechend ausgenutzt wurde. Dies war zwingend notwendig. Der König musste den noch wackligen Herrschaftsanspruch der Familie Lancaster festigen. Sein eigentliches Ziel, die Herrschaft über Frankreich, konnte er nicht erreichen. Durch diesen so unwahrscheinlichen Sieg konnte Heinrich V. aber eindeutig belegen, dass Gott auf seiner Seite stand. Dass folgende Agincourt-Carol wurde eigens für den triumphalen Einzug des Königs in London geschrieben:

Agincourtcarol

[1] Vgl. Curry, Anne (1994). S. 41-42.

[2] Vgl. Ebd. S. 45.

[3] Vgl. Curry, Anne (2010). S. 76.

[4] Vgl. Ebd. S. 228-233.

[5] Vgl. Curry, Anne (2010). S. 236.

[6] Vgl. Müller, Heribert (1996). S. 303.

[7] Vgl. Gesta Henrici Quinti. Kapitel 12/13.

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Quelle:

Gesta Henrici Quinti. The Deeds of Henry the Fith. Über. Und Bearb. von Frank Taylor, John S. Roskell. (Oxford Medieval Texts). London, 1975.

Literatur:

Curry, Anne: Agincourt. A New History. The Mill (u.a.), 2010.

Curry, Anne: English Armies in the Fifteenth Century. In: Arms, Armies and Fortifications in the Hundred Years War. Woodbidge, 1994. S. 40-45.

Müller, Heribert: Karl VI. (1380-1422). In: Joachim Ehlers, Heribert Müller, Bernd Schneidmüller (Hrsg.):Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. München, 1996. S. 303-320.

Die Schlacht von Hastings 1066 – Kampf um ein Königreich

Als die mittelalterlichen Königreiche Westeuropas das erste Mal in den Kontakt mit den Nordmännern kamen wird sich noch niemand hat vorstellen können, welch gewichtige Rollen ihre Anführer in der zukünftigen Politik spielen würden. Aus den Seeräubern wurden zunächst Armeen, von denen einige von den Königen des Frankenreichs angeworben wurden und denen zum Teil sogar Siedlungsgebiete zugesprochen wurden. Vermutlich 911 wurde Wikingern aus Dänemark und Norwegen das Gebiet der Normandie als Lehen zugesprochen. Ihren Namen erhielt dieser Landstrich von diesen Nordmännern, die sich größtenteils mit einheimischen Frauen vermählten.

Dänische Heere eroberten große Teile Englands und schufen dort eigene Reiche. Trotz andauerndem Abwehrkampf der Angelsachsen konnten die Dänen nicht mehr von der Insel vertrieben werden. 1013 führte der Dänenkönig Sven Gabelbart eine Invasion Englands an. Nach seinem Tod 1014 folgte ihm sein Sohn Knut nach. 1016 besiegte er den englischen König Edmund Ironside in der Schlacht von Assandun und ließ sich Weihnachten zum König krönen. Ein Jahr später heiratete er Emma von der Normandie, auf die der spätere Wilhelm der Eroberer seine Ansprüche auf den englischen Thron zurückführte. Knut starb 1035. Ihm folgten seine Söhne Harald und Hardiknut nach. Nach Hardiknuts Tod übernahm sein Stiefsohn Eduard der Bekenner die Krone. Dieser sollte bis zu seinem Tod 1066 König bleiben.

Auf seinem Totenbett soll Eduard Harold Godwinson zu seinem Nachfolger bestimmt waren. Wenig später wurde dieser vom Witan[1] in dieser Rolle bestätigt. Wilhelm der Eroberer ließ auf dem Teppich von Bayeux darstellen, dass Harold ihm zuvor den Eid geschworen habe, ihm im Streben nach dem englischen Thron zu unterstützen. Ob dies tatsächlich und vollständig freiwillig geschah, ist allerdings nicht nachzuweisen. Immerhin war Harold nach einem Schiffbruch kurzzeitig in die Gefangenschaft des normannischen Adligen Guy de Ponthieu geraten, aus der er von Wilhelm befreit wurde. Zudem befand sich Harolds Bruder in normannischer Geiselhaft. Auf jeden Fall stellte dieser Eidbruch einen wichtigen Legitimationsgrund für das spätere militärische Vorgehen Wilhelms dar.

Harald II. auf dem englischen Thron

Harald II. auf dem englischen Thron

Nach Harolds Krönung zu Harald II. musste sich der Angelsachse gegen eine Armee unter dem norwegischen König Harald III. Hardråde erwehren, die in Nordengland mit 300 Schiffen anlandete. Diese konnte aber in der Schlacht bei Stamford Bridge am 25. September 1066 besiegt werden. Zeit zur Erholung blieb nicht. Schon kurz nach der Schlacht erhielt Harald II. die Nachricht, dass die normannische Armee unter Wilhelm in See gestochen war. Dieser hatte sich zuvor abgesichert, indem er sich der Unterstützung des Papstes Alexander II. versicherte. Sogar eine von diesem gesegnete Flagge führte er mit sich. Wilhelms Heer soll insgesamt ca. 5-6.000 Mann umfasst haben, von denen allerdings nicht alle aus der Normandie kamen. Auch Söldner aus der Bretagne, Flandern und anderen Fürstentümern verstärkten Wilhelms Truppen. [2] Harald II. konnte auf ca. 4.000 Krieger zurückgreifen, darunter die berüchtigten Huscarls. Dies waren in Kettenhemd und Helm kämpfende Elitekrieger, die lange Äxte und Schilde einsetzten. Der größte Teil des angelsächsischen Heeres wurde aber durch die Fyrd gebildet, einfache Bauern, die Wehrdienst leisteten. Pferde waren den Angelsachsen zwar bekannt, allerdings stiegen sie vor einer Schlacht ab und kämpften zu Fuß. Auch Wilhelm stützte sich auf Lehnsaufgebote. Allerdings konnte er auf adlige Reiterkrieger und Söldner zurückgreifen.

Der Verlauf der bewaffneten Auseinandersetzung wurde aus normannischer Sicht in drei wichtigen Quellen festgehalten: Dem „Carmen de Hastingae Proelio“ von Guy, Bischof von Amiens (1068); der „Gesta Guillelmi“ des Wilhelm von Poitiers (1071-77) und auf dem Teppich von Bayeux, der zwischen 1077 und 1082 auf Anordnung von Wilhelms Bruder Bischof Odo geschaffen wurde. Direkt nach der Landung des normannischen Heeres an der Küste Südenglands ließ Wilhelm ein Fort errichten, um den Landeplatz und die Schiffe zu schützen. Zudem ließ er umliegende Dörfer plündern, um Harald II. zum Handeln zu zwingen.[3] Die angelsächsische Armee bezog auf dem Senlac-Hügel Position und bildete einen Schildwall. Wilhelm ließ sein Heer am Fuß des Hügels in drei Abteilungen antreten. Er selbst befand sich in der Mitte der Formation, in Gesellschaft seiner normannischen Gefolgsleute.[4]

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Eröffnet wurde die Schlacht durch normannische Bogen- und Armbrustschützen, die allerdings gegen den angelsächsischen Schildwall nicht viel ausrichten konnten. Auch der anschließende Reiterangriff wurde abgewehrt. Zunächst scheiterten zudem Versuche, die Angelsachsen durch vorgetäuschte Flucht zu einem Auflösen ihrer Formation zu bewegen.[5] Wilhelm von Poitiers beschreibt, dass diese Methode nach und nach allerdings zu Erfolgen geführt habe und der Schildwall so Lücken bekam.[6] Nach und nach wurde das Heer Haralds II. dezimiert, bis schließlich der König selbst durch einige normannische Reiter getötet wurde. Durch dieses dramatische Ereignis kippte die Stimmung in der angelsächsischen Armee, die sich schließlich auflöste und zur Flucht wandte.

Harald II. wird in der Schlacht getötet

Harald II. wird in der Schlacht getötet

Letzten Endes haben wir es den Schlachtverlauf betreffend nicht mit außergewöhnlichen stratgischen Winkelzügen zu tun. Der Schildwall der Angelsachsen wurde stets frontal angegriffen und konnte dementsprechend zunächst nicht überwunden werden. Die Angelsachsen machten keine Anstalten, ihre vorteilhafte Position auf dem Hügel aufzugeben. So war der Ausgang der Schlacht zu Beginn der Kampfhandlungen komplett offen. Entscheidend war, welche Seite ihre Disziplin am längsten aufrechterhalten konnte. Nicht zufällig waren die Huscarls zum großen Teil zwischen den kämpfenden Bauern positioniert. Beide Seiten waren sich außerdem darüber im Klaren, dass eine Niederlage schwerwiegende Folgen haben würde. Auch das normannische Heer war vor kritischen Momenten nicht gefeit. So konnte eine Flucht durch Wilhelms persönlichen Einsatz im letzten Moment verhindert werden. Er betont ausdrücklich, dass man England nur im Falle des Sieges lebend werde verlassen können.[7] Für Harald II. ging es mindestens um den Thron. Mit Gnade wird er nicht gerechnet haben. Am Ende löste sich der angelsächsische Schildwall mehr und mehr auf und es kam zu erbitterten Nahkämpfen, in die nun auch die normannischen Panzerreiter eingreifen konnten. Mit dem Tod Haralds II. war die Schlacht praktisch entschieden, ohne Anführer konnte die Armee nicht zusammen gehalten werden.

Wilhelm gibt sich seinen Truppen zu erkennen, um Gerüchte über seinen Tod zu zerstreuen

Wilhelm gibt sich seinen Truppen zu erkennen, um Gerüchte über seinen Tod zu zerstreuen (2. von links)

Am Ende des Tages war Wilhelm siegreich und viele Angelsachsen lagen tot auf dem Schlachtfeld. Der erste Schritt der Eroberung Englands war getan, viele sollten folgen. Der Eroberungszug würde noch einige Zeit dauern und viele weitere Menschenleben fordern, bis das Land unter normannischer Kontrolle war. Die Führungsschicht wurde nach und nach ausgetauscht und die einzelnen Gebiete durch den Bau von Burgen gesichert. Mit dem Domesday Book verschaffte Wilhelm I. England erstmals ein akkurates Grund- und Rechtsbuch, das die Grundlage bildete für ein effizientes Geld- und Steuerwesen auf der Insel. Auch wirkte es sich zentral auf die Rechtsprechung aus. Zudem wurden viele französische Vokabeln eingeführt, die sich auf die englische Sprache auswirken sollten. Wilhelm I. hatte zeitlebens mit Aufständen und Angriffen auf seinen Herrschaftsbereich zu kämpfen, unter anderem sogar mit Mitgliedern seiner Familie. Zudem musste er sich mit dem französischen König Philipp I. auseinandersetzen. Wilhelm starb am 09. September 1087 und wurde in Caen beigesetzt.

[1] Höchster Rat der Angelsachsen.

[2] Vgl. Plassmann, Alheydis (2008). S. 160-169.

[3] Vgl. Guy von Amiens. Z. 141-154.

[4] Vgl. Wilhelm von Poitiers. II, 16.

[5] Vgl. Guy von Amiens. Z. 414-447.

[6] Vgl. Wilhelm von Poitiers. II, 20.

[7] Vgl. Guy von Amiens. Z. 450-453.

Quellen:

Guy Bishop of Amiens. The Carmen De Hastingae Proelio. Bearb. V.H. Galbraith, R.A. Mynors, C.N.L. Brooke. London, 1972.

Wilhelm von Poitiers. Gesta Guilelmi. Bearb. und Übers. R.H.C. Davis, Marjorie Chibnall. Oxford, 1998.

Literatur:

Plassmann, Alheydis. Die Normannen. Erobern – Herrschen – Integrieren. Stuttgart, 2008.

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Die Schlacht von Muret 1213

1209 begann auf Drängen des Papstes Innozenz III. ein Kreuzzug, der nicht das Heilige Land als Ziel haben sollte. In Südfrankreich hatte sich die religiöse Bewegung der Katharer entwickelt. Sie sahen sich selbst als die wahren Christen, hatten aber keine komplett einheitliche Lehre, da sie in verschiedene Gruppen aufgespalten waren. Gemeinsam war ihnen, dass sie die materielle Welt grundsätzlich als Böse ansahen. Die Seelen waren demnach auf der Erde gefangen und die Katharer strebten danach, diese zu erlösen und den Himmel zu erreichen. Das Alte Testament lehnten sie ab, da sie im dort beschriebenen Gott ein in der materiellen Welt verhaftetes und damit böses Wesen sahen. Interessant ist zudem, dass Frauen bei den Katharern geistliche Ämter ausüben konnten – ein starker Gegensatz zur römischen Kirche.

Papst Innozenz III.

Papst Innozenz III.

Anhänger dieser Glaubensrichtung fanden sich in allen gesellschaftlichen Schichten.  Dazu gehörten auch hochrangige Adlige, wie der Graf von Toulouse, Raimund VI. Obwohl die Bewegung von der Kirche als ketzerisch eingestuft wurde, konnten die Geistlichen vor Ort nicht auf die Unterstützung der weltlichen Obrigkeit zählen. Aus diesem Grund war die Kirche gezwungen, zu einem bewaffneten Kreuzzug aufzurufen. Aus ihrer Sicht handelte es sich bei jeder Form um eine Krankheit, die die Christenheit ernsthaft bedrohte. Wir können hier also durchaus von ernst gemeinter Besorgnis ausgehen, nicht von reinem Streben nach Machterhaltung.

Der geistliche Autor Peter von les Vaux-de-Cernay hat einen detaillierten Bericht des gesamten Albigenserkreuzzugs verfasst. In diesem Artikel soll es um eine bedeutsame Schlacht gehen, die für den weiteren Verlauf des Kreuzzuges nicht ohne Bedeutung sein sollte und einige interessante Einblicke in die Kriegführung des hohen Mittelalters möglich macht – die Schlacht von Muret.

Alles habe damit begonnen, dass der spanische König Peter von Aragon mit einem Heer in die Gascogne einmarschiert sei, um dem Grafen von Toulouse zu Hilfe zu kommen. Er habe sein Heer mit den Truppen der Grafen von Toulouse, des Comminges und von Foix vereinigt und mit der Belagerung der Stadt Muret begonnen, welche sich am Fluss Garonne befindet. Eine vorgelagerte Befestigungsanlage haben die Angreifer schnell einnehmen können, woraufhin sich die Verteidiger zurückziehen mussten. Dies habe vor allem daran gelegen, dass sie deutlich in der Unterzahl gewesen seien. [1] Zur selben Zeit habe sich der Anführer der Kreuzfahrer, der Graf Simon von Montfort, 65 Kilometer von Muret entfernt befunden, um Kämpfer und Vorräte zur Verstärkung der Stadt zu sammeln – er sei bereits davon ausgegangen, dass es bald belagert würde.[2]

Kurz nachdem der Graf von der Belagerung erfahren habe, sei seine Frau nach Carcassonne aufgebrochen. Dort habe sie so viele Ritter um sich gesammelt, wie es ihr möglich gewesen sei. Zusätzlich habe sie den Vicomte von Payen überzeugen können, sich ihr anzuschließen – obwohl sein 40 tägiger Dienst eigentlich schon zu Ende war und er ohne Konsequenzen in die Heimat hätte abziehen können. Diese Truppen haben sich nun nach Fanjeaux begeben, während Simon von Montfort mit seinen Begleitern in die Nähe von Boulbonne gezogen sei, wo er in einem Zisterzienserkloster die Hilfe des Herrn erbeten habe. Bei ihm haben sich sieben Bischöfe und drei Äbte befunden, die der Erzbischof von Narbonne ausgewählt habe, um mit dem König von Aragon zu verhandeln. Außerdem habe er 30 französische Ritter bei sich gehabt.[3]

Am nächsten Morgen sei die Messe gefeiert und gebeichtet  worden. Danach seien die Kreuzfahrer aufgebrochen, um Muret zu Hilfe zu kommen. Zudem seien die Anführer des gegnerischen Heeres durch die Bischöfe exkommuniziert worden. Während der Annäherung an das feindliche Heer seien die Truppen in drei Abteilungen aufgeteilt worden, entsprechend der Heiligen Dreifaltigkeit. So habe man sich Auterive genähert, einer befestigten Stellung zwischen dem alten Standort und Muret. Obwohl Wetter und Terrain günstig für einen Überraschungsangriff der Belagerer gewesen seien, habe man das Gebiet ohne Gegenwehr durchqueren können.[4]

Schließlich habe man sich Muret genähert. Die Belagerer haben sich auf der anderen Flussseite befunden. Da es bereits Abend gewesen sei und die Truppen des Grafen von Montfort vom Marsch ermüdet gewesen seien, habe der Graf nicht sofort angreifen lassen, sondern stattdessen Gesandte zu den Belagerern geschickt, um sie zum Aufgeben zu bewegen.[5] Am nächsten Morgen haben die Kreuzfahrer Muret betreten. Es seien lediglich noch für einen Tag Vorräte in der Stadt gewesen. Daher sei es nicht länger möglich gewesen, sich zu verschanzen.[6]

Am Morgen des nächsten Tages habe man die Messe abgehalten und sich anschließend beraten, wie man den Feind am besten angreifen könne. Die sich deutlich in der Unterzahl befindenden Verteidiger haben sich daraufhin gerüstet und ihre Pferde bestiegen. Auf Anweisung des Grafen seien für den Angriff nur Berittene vorgesehen gewesen. [7] Bevor die Ritter Muret verlassen haben, seien sie durch den Bischof von Comminges gesegnet worden. Auch ihre Sünden seien ihnen komplett vergeben worden.[8]

Während die Verteidiger das Schlachtfeld betreten haben, seien sie von den Geistlichen in der Kirche durch Gebete unterstützt worden. Trotz der deutlichen Überzahl der Feinde habe die erste Schlachtreihe der Ritter mit großer Zuversicht frontal angegriffen, dicht gefolgt von der zweiten Reihe. Während dieses Angriffes sei der König von Aragon gefallen. Der Autor merkt kritisch an, dass er sich in einem nicht gekennzeichneten Harnisch in der zweiten Schlachtreihe der Belagerer befunden habe.

Der Graf von Montfort habe inzwischen bemerkt, dass seine ersten beiden Schlachtreihen bereits außer Sicht gewesen seien, da sie sich weit innerhalb des gegnerischen Heeres befunden haben. Daraufhin habe er mit seinen Truppen die linke Flanke der Belagerer angegriffen. Er sei allerdings durch einen Graben von diesen getrennt gewesen. So habe er erst angreifen können, nachdem er einen Durchgang durch diesen gefunden habe. Obwohl er sofort von mehreren harten Schlägen getroffen worden sei, habe er sich mit seinen Truppen langsam voran gekämpft und viele Feinde getötet.[9] In der Zwischenzeit haben die Bürger von Toulouse versucht, Muret einzunehmen. Dies sei ihnen aber nicht gelungen, da die siegreichen Ritter rechtzeitig wieder zurückgekehrt seien und viele von ihnen getötet haben.[10] Nach der Schlacht habe sich Graf Simon von Montfort zu dem inzwischen vollständig geplünderten Körper des Peter von Aragon führen lassen, um den Tod des Monarchen zu betrauern.[11]

Dieser Bericht enthält einige interessante Details, auf die an dieser Stelle näher eingegangen werden soll. Zunächst einmal scheint die Sicherung bereits eroberter Städte nicht einfach gewesen zu sein. Obwohl eine Belagerung Murets wahrscheinlich erschien, mussten in relativ weiter Entfernung zunächst neue Truppen ausgehoben und Vorräte beschafft werden. Interessant ist, dass dies nicht nur durch männliche Adlige möglich war. Auch die Gräfin von Montfort hatte die Befugnis, eine Armee aufzustellen und dieser Befehle zu erteilen. Wir können aber davon ausgehen, dass sich ihre Autorität auf die ihres Mannes stützte. Dennoch, die mittelalterliche Frau war weit davon entfernt, nur den Haushalt zu führen.

Das Vertrauen auf Gott war einer der zentralen Aspekte in der Kriegführung des Mittelalters. Die starke Betonung bei Peter von les Vaux-de-Cernay liegt aber vor allem darin begründet, dass es sich um einen geistlichen Autor handelt, der einen Kreuzzugsbericht verfasste. Gerade, weil dieser in einem christlichen Gebiet durchgeführt wurde, bedurfte es immer wieder besonderer Rechtfertigungen.

Die Strategie der Kreuzfahrer entsprach dem, was im 13. Jahrhundert üblich war. Zunächst musste man sich der belagerten Stadt nähern. Sie hatten Glück, dass sie im Sumpfland vor Auterive nicht  durch feindliche Kämpfer aufgehalten wurden. Da sich die Belagerer deutlich in der Überzahl befanden, hätte eine Entdeckung dem Rettungsversuch schnell ein Ende machen können. Auch konnten die Truppen des Grafen relativ ungehindert Muret betreten. Da die Vorräte aber aufgebraucht waren, konnte man keiner langen Belagerung mehr standhalten. Ein Ausfall war die letzte Möglichkeit eine Entscheidung herbei zu führen, bevor die Verteidiger vor Hunger zu sehr geschwächt waren.

Die Staffelung der Armee in drei Abteilungen war typisch für das hohe Mittelalter. Ebenso üblich war der gefürchtete Sturmangriff der schwer gepanzerten Ritter, gegen den die Belagerer anscheinend kein Gegenmittel parat hatte. Außergewöhnlich ist der Tod Peters von Aragon. Normalerweise befanden sich die Anführer nicht in den vorderen Schlachtreihen – trotz allen Gottvertrauens. Auch waren sie in der Regel durch das Wappen und die Farben an ihren Harnischen deutlich erkennbar und wurden eher gefangen genommen als getötet. Entsprechend kritisch wird das Verhalten des Königs gesehen.

Der Angriff der Ritter scheint sehr effektiv gewesen zu sein. So schnell durchbrachen sie die feindlichen Linien, dass sie bald aus dem Blickfeld des Grafen verschwanden. Er griff mit seinen Begleitern an, um eine Umzingelung zu verhindern. Die schweren Treffer, die er unverletzt überstand, sind ein deutliches Zeichen für den guten Schutz, den die Rüstungen des 13. Jahrhunderts boten. Auch sehen wir am Beispiel der Bürger von Toulouse, dass auch Stadtbürger in den Krieg zogen.

Die Schlacht von Muret ist vor allem deswegen so interessant, weil hier ein sich deutlich in der Unterzahl befindendes aber sehr gut ausgebildetes, ausgerüstetes und diszipliniertes Heer,bestehend ausschließlich aus Rittern, ein weit größeres Aufgebot an gemischten Truppen deutlich besiegte. Dies lag vor allem am ersten Schockmoment des Aufpralls der dicht geschlossenen Reihen der Kreuzfahrer, die nicht aufgehalten werden konnten. Zudem wird auch der frühe Tod des Königs von Aragon eine demoralisierende Wirkung gehabt haben.  Letzten Endes war es wohl eine Mischung aus Ausbildung, Gottvertrauen und Mut bei gleichzeitiger Überraschung des Gegners und taktischem Geschick, die zum Sieg verhalf.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

 

[1] Vgl. Peter von les Vaux-de-Cernay. 446-448.

[2] Vgl. Ebd. 449.

[3] Vgl. Ebd. 450-451.

[4] Vgl. Ebd. 453-454.

[5] Vgl. Ebd. 455.

[6] Vgl. Ebd. 456.

[7] Vgl. Ebd. 458-460.

[8] Vgl. Ebd. 461.

[9] Vgl. Ebd. 463.

[10] Vgl. Ebd. 464.

[11] Vgl. Ebd. 465.

Quelle: Peter von les Vaux-de-Cernay: The History of the Albigensian Crusade, übers. von Tr. W.A. Sibly und M.D. Sibly, Woodbridge 2002.

 

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