William Marshal – Der größte aller Ritter

Ritter, Turnierchampion, Berater von fünf englischen Königen, schließlich einer der mächtigsten Barone Englands – und nicht zuletzt ein Ritter, der trotz zahlreicher Kämpfe und Schlachten erst im stolzen Alter von 72 Jahren eines natürlichen Todes starb. Wer war dieser Mann, der in einer brutalen und unsicheren Zeit nicht nur überlebte, sondern einen beachtlichen sozialen Aufstieg schaffte?

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Wappen William Marshals

Eine traumatische Kindheit

Die Startbedingungen waren alles andere als vielversprechend. Sein Vater, John Marshal, war ein berüchtigter Warlord, der im englischen Bürgerkrieg auf der Seite der Kaiserin Matilda gegen König Stephan ins Feld zog. Seine väterliche Liebe schien nicht allzu groß gewesen zu sein. Im Alter von nur fünf Jahren wurde William dem König als Garant für einen Waffenstillstand im Zuge der Belagerung von Newbury übergeben. John dachte jedoch nicht daran, sich an seine Zusagen zu halten. William wurde mehrmals vor die Mauern geführt und an den Galgen gestellt, um seinen Vater unter Druck zu setzen. Einmal sollte er gar mit einem Katapult in die Burg geschleudert werden. Auch wenn letztlich keines dieser schrecklichen Vorhaben in die Tat umgesetzt wurde, so müssen diese Erlebnisse für den kleinen Jungen traumatisch gewesen sein.1

Der junge Ritter

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Chateau de Tancarville

Als Zweitgeborener hatte William Marshal nur geringe Aussichten auf das väterliche Erbe. 1160, im Alter von 13 Jahren, reiste er daher nach Tancarville in der Normandie, um dort seine Ausbildung zum Ritter abzuschließen. 1166 wurde er zum Ritter geschlagen und hatte auch gleich Gelegenheit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Bei Neufchatel kam es zu einem durch Grenzstreitigkeiten ausgelösten Kampf, in dessen Verlauf sich der junge Ritter tapfer schlug. Doch Marshal musste lernen, dass ein Ritter nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen wurde. Er versäumte es, Gefangene zu machen, für die er Lösegeld hätte verlangen können. Außer Spott und Witzeleien seitens seiner Kampfgefährten musste er sich nun einem viel größeren Problem stellen: Obwohl den Tancarvilles verwandtschaftlich verbunden, wurde er aus dem Haushalt ausgeschlossen. Ein Ritter wurde eben nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen. Sein Besitz bestimmte letztlich, wer er war.2 Die „History of William Marshal“ vermerkt dazu: „You are what you have got, and no more than that.“3

Das Turnier als letzter Ausweg

Als mittelloser Ritter hatte William Marshal nur wenige Optionen. Er besaß noch keinen großen Namen, konnte also nicht darauf hoffen, von einem anderen Fürsten ohne weiteres in seine Dienste übernommen zu werden. Ihm blieb nur eine andere, wenn auch hochriskante Möglichkeit: Die Teilnahme an einem Turnier. Die Turniere dieser Zeit lassen sich nicht mit denen des späten Mittelalters oder der frühen Neuzeit vergleichen. Dies waren keine repräsentativen Veranstaltungen, auf denen sich der Adel in all seiner Pracht präsentierte. Im Grunde handelte es sich um Übungen für den Krieg. Verschiedene Gruppen kämpften mit scharfen Waffen auf einem Terrain, das nicht klar begrenzt war. Das Ganze konnte dabei durchaus länger dauern als nur einen Tag. Es ging jedoch nicht darum, den Gegner zu töten. Gefangene zu machen war das Ziel. Marshal kämpfte in seinem ersten Turnier bei Sainte Jamme ausgerechnet mit dem Aufgebot der Tancarvilles. Und er zeigte, dass er dazu gelernt hatte. Er machte zwei Ritter zu seinen Gefangenen, was ihm neben vier Schlachtrössern, diversen Packpferden und mehreren Rüstungen vor allem Respekt und Ansehen einbrachte.4

Im Dienst des Königshauses

Williams Erfolge machten ihn mit einem Schlag für die Fürsten interessant, die stets nach bekannten Rittern Ausschau hielten. So wurde er Teil des Gefolges des Patrick von Salisbury. Mit diesem begleitete er 1168 die englische Königin, Eleonore von Aquitanien, auf ihrer Reise nach Poitou. Die Gegend war berüchtigt für die dort schwelenden Konflikte. Und tatsächlich wurde die Gruppe von Rittern unter der Führung der Brüder Geoffrey und Guy von Lusignan5 angegriffen. William und der Rest der Ritter um Patrick von Salisbury stellten sich trotz ihrer geringen Zahl und nicht angelegten Rüstungen den Angreifern entgegen, um der Königin die Flucht zu ermöglichen. Patrick wurde getötet, Marshal geriet schwer verwundet in Gefangenschaft. Ausgelöst wurde er schließlich durch die Königin, die ihn kurz darauf in ihr persönliches Gefolge aufnahm.6

1170 wurde William Marshal zum „Tutor in Arms“ des jungen Königs Heinrich ernannt. Mit diesem sollte ihn letztlich eine langjährige und innige Freundschaft verbinden. Marshal war nicht nur Mentor des Königs, sondern nahm mit ihm überaus erfolgreich an einer Vielzahl von Turnieren teil. Er unterstützte ihn zudem in seinen zwei Rebellionen gegen seinen Vater, die jedoch scheiterten. Nach dem Tod Heinrichs 1183 reiste Marshal ins heilige Land, um den Mantel seines Herrn und Freundes nach Jerusalem zu bringen. Nach seiner Rückkehr trat er 1186 in den Haushalt König Heinrichs II. ein.7

Richard the Lionheart

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Richard Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jhd.

Richard, Sohn Heinrichs II., rebellierte ebenfalls gegen seinen Vater. Anders als sein Bruder Heinrich war Richard ein erfahrener Kommandeur. Er schaffte es schließlich, die Oberhand im Krieg zu gewinnen. 1189 nahm er Le Mans ein, die letzte Stadt des alten Königs. Dieser musste fliehen, um der Gefangennahme zu entgehen. William Marshal und William des Roches deckten den Rückzug ihres Herrn, der von seinem Sohn Richard verfolgt wurde. So kam es, dass Marshal und Richard Löwenherz direkt aufeinander trafen. William durchbohrte das Pferd Richards mit seiner Lanze, verschonte aber wohlweislich das Leben seines nur leicht gepanzerten Gegenübers. Heinrich II. entkam nach Chinon, wo er schließlich starb. William Marshal harrte bis zuletzt an seiner Seite aus.8

Richard Löwenherz nahm William noch im selben Jahr in seine Dienste auf und stimmte dessen Heirat mit Isabel von Clare zu. Dieser wurde somit der Herr von Striguil und damit ein Baron Englands. Mehr noch: Während Richards Kreuzzug ins Heilige Land diente William als Co-Justiciar Englands. Der einst mittellose Ritter hatte damit bereits jetzt einen sagenhaften Aufstieg erreicht.

William Marshal und König John

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König John, Darstellung aus dem 13. Jhd.

Richard wurde 1199 bei der Belagerung von Chalus von einem Armbrustbolzen tödlich getroffen. Sein Nachfolger wurde sein jüngerer Bruder John. Marshal wurde zum Earl von Pembroke ernannt. Der Titel des Earl besaß eine besondere Bedeutung. Er stammte noch aus angelsächsischer Zeit und hob Marshal auf eine deutlich höhere gesellschaftliche Stufe.

Die nächsten Jahre waren bestimmt durch die wachsenden Ambitionen des französischen Königs Philipp Augustus. Nach und nach vielen immer mehr Gebiete an Frankreich. 1202 führte Marshal die Verteidigung der Normandie an. Trotz aller Bemühungen vielen 1204 Rouen, Chateau Gaillard und die Normandie an die Franzosen. 1205 kam es zu Uneinigkeiten zwischen König John und William Marshal, der sich zunächst aus dem Umfeld des Hofes zurückziehen musste. Erst 1212 kehrte er an die Seite Johns zurück. 1215 begann die Rebellion der Barone gegen die als ungerecht empfundene Herrschaft des Königs. Diese erreichten noch im selben Jahr die Unterzeichnung der Magna Carta, die die Macht des Herrschers einschränken sollte.

1216 starteten die Franzosen unter ihrem König Louis eine Invasion Englands. Zu allem Überfluss starb der König noch im selben Jahr. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Heinrich III. William Marshal blieb auch dieses Mal dem Thron treu. Er wurde zum Wächter des Reiches ernannt und übernahm im Alter von 70 Jahren die Führung der englischen Armee.

Die letzte Schlacht

1217 war ein schicksalhaftes Jahr für England. Die Franzosen standen mit ihren Truppen fest auf englischem Boden. Unterstützt wurden sie von einigen Baronen, die sich auf die Seite des französischen Königs gestellt hatten. Doch die Engländer um William Marshal waren fest entschlossen, sie zu vertreiben. Bei Lincoln sollte es zur Entscheidung kommen. Durch eine geschickte Ablenkungstaktik war es den Engländern möglich, sich einen Weg in die Stadt zu bahnen. In der Folge kam es innerhalb der Mauern zu einer fürchterlichen Schlacht. Angeführt wurden die englischen Truppen von William Marshal höchstpersönlich, der mit seinem Sohn an der Spitze ritt. Zwischen Burg und Kathedrale kam es zu einem erbitterten Kampf. Die Schlacht entschied sich schließlich dadurch, dass die Franzosen in Panik gerieten und die Flucht antraten. Nur 200 französische Ritter sollen der anschließenden Verfolgung entkommen sein. Am 13. Juni wurde ein Friedensvertrag geschlossen und König Louis wurde gestattet, das Land mit seinen restlichen Truppen zu verlassen.9

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Die Schlacht von Lincoln, Illustration aus dem 13. Jhd.

Das Ende

William Marshal starb 1219, nur zwei Jahre nach der Schlacht von Lincoln, in Caversham Manor. Zuvor löste er ein Versprechen ein, dass er bereits 1180 gegeben hatte: Er trat dem Templerorden bei. Sein Freund und der Templermeister von England, Aimery von St. Maur, führte die notwendigen Riten durch. Nach seinem Tod wurde sein Körper zur Reading Abbey gebracht, wo eine erste Messe abgehalten wurde. Am 18. Mai wurde er in einer feierlichen Prozession in London zur Westminster Abbey überführt. Seine letzte Ruhe fand er schließlich am 20. Mai 1219 in der Temple Church in London. Seine Frau Isabel starb nur ein Jahr später. Sie wurde nicht älter als 45 Jahre.10

Die Karriere von William Marshal war beispiellos. Die Bezeichnung als der „größte aller Ritter“ bezieht sich dabei nicht nur auf seine Taten im Kampf, sondern auch auf seine Erfolge im politischen und materiellen Bereich. Seine Körpergröße, Kraft, Mut und sehr stabile Konstitution machten ihn zu einem geborenen Kämpfer in einer Zeit, in der dem bewaffneten Kampf eine große Bedeutung zukam. Seine Intelligenz und sein Verständnis für politische Zusammenhänge ermöglichtem ihm, auch auf der politischen Bühne eine erfolgreiche Rolle zu spielen. Er stand stets fest an der Seite derjenigen, denen er Treue und Freundschaft geschworen hatte. Eine Tatsache, die selbst von seinen Feinden respektiert wurde. Er besaß damit eine Kombination aus Eigenschaften, die so bei kaum einem anderen Menschen seiner Zeit vorhanden waren. Dazu kam, dass ihm bei mehreren Gelegenheiten das Glück unter die Arme griff. So kam es, dass ihn bereits seine Zeitgenossen als den größten aller Ritter in Erinnerung behielten.

Literatur:

Asbridge, Thomas: The Greatest Knight. The Remarkable Life of William Marshal, the Power behind five English Thrones. London, 2015.

1Vgl. Asbridge, Thomas (2015). S. 24-28.

2Vgl. Ebd. S. 54-58.

3Vgl. Ebd. S. 69.

4Vgl. Ebd. S. 63-69.

5Eben der Guy von Lusignan, der König von Jerusalem werden sollte und von Sultan Saladin in der Schlacht von Hattin besiegt wurde.

6Vgl. Ebd. S. 82-84.

7Vgl. Ebd. S. 384-385.

8Vgl. Ebd. S. 198-204.

9Vgl. Ebd. S. 353-361.

10Vgl. Ebd. S. 373-375.

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Edle Helden und mutige Taten – das Idealbild des Ritters und die Realität

Um kaum eine andere soziale Schicht des Mittelalters ranken sich so viele Legenden wie um die Ritterschaft. Die Faszination, die von diesen berittenen Kämpfern ausgeht, hat seit dem Mittelalter nicht nachgelassen. Im Gegenteil: Das Bild des edlen oder auch des bösen Ritters wird auch in modernen Erzählungen immer wieder aufgegriffen. Aktuellstes Beispiel hierfür ist sicherlich die Star-Wars-Saga. Wie kam es zu dieser Faszination? Was machte den mittelalterlichen Ritter zum Vorbild immer neuer Erzählungen über den Kampf des Guten gegen das Böse? Wie sah die Realität aus? Was bedeutete es, dem Ritterstand anzugehören? Anlässlich neuer Forschungsergebnisse, basierend auf der Geschichte des englischen Ritters William Marshal, möchte ich in diesem Artikel einen Blick auf die mittelalterliche Realität werfen.

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Fränkische Panzerreiter

Ritter innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung

Die Entstehung des Ritterstandes in Europa war eng verknüpft mit dem Bedarf an ausgebildeten Reiterkriegern in der Spätantike und dem frühen Mittelalter. Sowohl Franken als auch die übrigen germanischen Stämme konnten dabei auf eine lange Tradition zurückblicken. Schon unter Gaius Julius Cäsar und später unter den römischen Kaisern rekrutierten sich die berittenen Hilfstruppen aus den Reihen der Germanen. Im Frankenreich waren es vor allem die Panzerreiter, die für den militärischen Erfolg verantwortlich waren. Ihre Ausrüstung war teuer. Dementsprechend benötigten sie entweder eigene Einkünfte aus Landbesitz oder Kriegsbeute, oder sie mussten von ihrem Lehnsherren ausgerüstet werden. Das Lehnssystem wurde lange Zeit als ein rein funktionelles Wirtschaftssystem bewertet. Neuere Forschungsergebnisse stellen jedoch die Bedeutung der freundschaftlichen Verbundenheit weit mehr in den Vordergrund. Ritter und Lehnsherr waren nicht nur durch einen gesellschaftlichen Vertrag aneinander gebunden, sondern pflegten eine weit persönlichere Beziehung. Der Lehnsherr rüstete seine Panzerreiter nicht nur aus und gewährte ihnen Anteil an der Kriegsbeute, sondern er legte auch Wert auf den Rat seiner Gefolgsleute. Dies unterschied die enge Gefolgschaft von Adligen zu einem höhergestellten Herren von dem der reinen Söldner, die einzig und allein für Geld kämpften. Der Ritter befand sich also stets in einem klar strukturierten Gesellschaftsgefüge, an dessen Regeln er sich zu halten hatte.

Die ritterlichen Spielregeln

Die soziale Stellung verpflichtet – das galt auch und ganz besonders für das Mittelalter. Von einem Ritter wurde erwartet, dass er mit den sozialen Spielregeln vertraut war. Diese Regeln wurden in den Sagen in besonderem Maße betont. Loyalität nahm einen besonderen Stellenwert ein. Allerdings nur so lange, wie sich der jeweilige Herr auch an die Spielregeln hielt. Der Ritter musste für seine treuen Dienste entsprechend entlohnt werden. Nicht nur mit Geld, sondern auch mit Landbesitz. Denn den Ritter definierten nicht nur seine Taten, sondern in besonderem Maße sein hierdurch gewonnener Reichtum. Ein schönes Beispiel nennt Thomas Asbridge in seinem Buch „The Greatest Knight“. William Marshal beweist in seiner ersten Schlacht seinen Mut und seine kämpferischen Fähigkeiten. Er versäumt es jedoch, Gefangene zu nehmen oder Beute zu machen. Die anderen Ritter verspotten ihn daraufhin ob seiner Armut. Im Anschluss wird er sogar von seinem Herrn verstoßen. Erst nachdem er bei Turnieren Ruhm und Reichtum gewonnen hatte, wurde er allseits respektiert. Dieses Beispiel zeigt, wie stark sich die Ritter über ihren Besitz definierten bzw. definiert wurden.

Lösegelder spielten in der ritterlichen Welt eine große Rolle. Selbst in einer Schlacht war es unüblich, gegnerische Adlige zu töten. Profitabler war es, sie gefangen zu nehmen und später gegen Zahlung eines entsprechend hohen Lösegeldes wieder freizulassen. Dabei mussten die entsprechenden Ritter nicht zwangsläufig direkt gefangen genommen werden. Es reichte theoretisch aus, wenn sich der Gegner ergab und versprach, sich zu einem bestimmten Datum als Gefangener an einem bestimmten Ort einzufinden. Hier wird eine weitere Spielregel deutlich: Das Einhalten des eigenen Ehrenwortes. Das Wort eines Ritters hatte Gewicht und er war gut beraten, es auch einzuhalten.

Das Töten eines anderen Adligen war also nicht das Ziel im ritterlichen Kampf. Dieses konnte gar als Mord gewertet werden – selbst, wenn es im Rahmen einer Schlacht geschah.

Der Ritter und das Christentum

Im Mittelalter spielte in der ritterlichen Welt der christliche Glauben eine wichtige Rolle. Die Ritter waren sich durchaus darüber im Klaren, dass ihr Auftrag im Widerspruch stand zu den christlichen Geboten. Gleichzeitig waren sowohl dem Adel als auch der Kirche die Notwendigkeit einer Kriegerschicht bewusst. Die Kirche versuchte, bestimmte Regeln aufzustellen. So galt das Töten eines Christen stets als Sünde, für das Buße geleistet werden musste. Wer einen Ungläubigen tötete, konnte dagegen mit dem ewigen Lohn im Paradies rechnen. So wurde versucht, die kriegerische Energie der Ritter auf die Feinde der Kirche zu lenken. Gleichzeitig sollte der Ritter die Kardinaltugenden besitzen und sein Leben ihnen entsprechend ausrichten: Klugheit, Weisheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit. Es sind insbesondere diese Tugenden, die in den späteren Jahrhunderten das Bild des Ritter prägen sollten.

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Darstellung eines Ritters, Mitte 13. Jahrhundert; Guilelmus Peraldus, Summa de virtutibus et vitiis

Die militärische Schlagkraft

Die Ritter waren unbestritten die schlagkräftigsten Einheiten auf den Schlachtfeldern des frühen und hohen Mittelalters. Dazu kam ihre Mobilität. Die einfachen Kämpfer der Lehnsaufgebote, die zu einem großen Teil aus der wehrfähigen Bevölkerung der jeweiligen Gebiete bestand, waren den seit ihrer Kindheit ausgebildeten Elitekriegern im Normalfall deutlich unterlegen. Ein Ritter konnte es durchaus mit einer deutlichen Übermacht aufnehmen, solange er nicht in die Enge getrieben oder in eine Falle gelockt wurde. Die speziell gezüchteten und ausgebildeten Schlachtrösser stellten hierbei einen entscheidenden Faktor da. Sie waren größer, leistungsfähiger und weit aggressiver als ihre zivilen Artgenossen. Sie in allen Lagen souverän zu beherrschen und von ihnen aus kämpfen zu können, erforderte jahrelanges Training. Der Ritter musste in der Lage sein, sie nur mit Hilfe seiner Beine lenken zu können und sich gleichzeitig im Sattel zu halten. Ritter und Pferd verschmolzen dabei zu einer Einheit. Doch damit war es noch nicht getan. Die Reiterkrieger kämpften nicht alleine, sondern im Verbund mit anderen Rittern. Bestimmte Formationen gab es dabei nicht unbedingt, wichtig war vor allem, dass sie dicht beieinander blieben und im Team arbeiteten. Heroische Einzeltaten gab es zwar, waren aber riskant. Besonders bekannt für entsprechende Aktionen waren die Ritterorden, die im Tod in der Schlacht gegen Ungläubige einen direkten Weg zu Gott sahen.

Wichtig war, dass sich die Angehörigen einer Gruppe im Getümmel einer Schlacht gegenseitig erkennen konnte. Farben, Wimpel und später die Wappen sorgten dafür, dass man nicht aus Versehen einen seiner Verbündeten angriff. Auch wurden Hornsignale verwendet, um Anweisungen zu übermitteln.

Neben seinen Fähigkeiten und seinem treuen Schlachtross musste sich der Ritter auf seine Ausrüstung verlassen können. Der berühmte Plattenpanzer aus Stahl tauchte dabei erst im Spätmittelalter auf. Davor schützten sich die Kämpfer mit Gambesons, Kettenpanzern und später mit durch Eisenplatten verstärkten Rüstungen. Besonderer Bedeutung kam dabei dem Schutz des Kopfes zu. Der Ritter des Hochmittelalters trug meist eine gepolsterte Haube, darüber eine Kettenhaube, eine Stahlhaube und darüber dann den eigentlichen Helm. Diese Konstruktion konnte auch härteren Treffern standhalten. Insgesamt scheinen die Rüstungen ihre Besitzer recht gut geschützt zu haben. Die Zahl der bei Turnieren oder Schlachten getöteten Ritter hielt sich normalerweise sehr in Grenzen. Weit weniger geschützt waren allerdings die Pferde. In den Quellen ist immer wieder zu lesen, dass Ritter in einer einzigen Schlacht gleich mehrere Pferde verloren. Die Tiere waren weitgehend ungepanzert und stellten daher verwundbare Ziele dar.

Taktik und Strategie

Während die Reiterei in der Antike vor allem zur Aufklärung und zum Plänkeln eingesetzt wurde, kam ihr im Mittelalter eine weit zentralere Rolle zu. Schlachten waren relativ selten. Die Befehlshaber mieden sie meist, da sie ein unkalkulierbares Risiko darstellten. Belagerungen und Raubzüge waren in der mittelalterlichen Kriegführung üblicher. Insbesondere bei letzterem kam den Rittern ihre hohe Mobilität zugute. Kam es dennoch zu einer größeren Schlacht, so wurde diese meist von Bogen- und Armbrustschützen eröffnet. Es folgte in der Regel der gefürchtete Sturmangriff der Ritter. Dieser war meist überaus effektiv. Die eng geschlossene Reihe sorgte dafür, dass die Reiter wie ein Block auf den Gegner trafen. Das Beben der Erde, der Anblick der schwer gepanzerten und waffenstarrenden Reiter und der anschließende Aufprall müssen ein schreckliches Erlebnis gewesen sein. Flucht war in diesem Augenblick übrigens keine Alternative – ein fliehendes Heer war leichte Beute für die schnellen Reiter. Kein Wunder, dass immer mehr nach Möglichkeiten gesucht wurde, solch einen Angriff abwehren zu können.

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Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

Die Grenzen der Ritter

Die Achillesverse für die Ritter waren vor allem Schusswaffen und fest geschlossene Formationen – und das nicht erst im Spätmittelalter. Insbesondere die Armbrust spielte hier eine wichtige Rolle. Sie war relativ einfach zu bedienen und besaß eine enorme Durchschlagskraft. Mit ihr konnten auch einfache Bauern einen Ritter töten. Probleme bereiteten den Rittern zunächst auch die berittenen Bogenschützen der Ungarn und später der Mongolen. Ihre Taktik der schnellen Überfälle in Verbindung mit Pfeilhageln sorgte für bedeutende Niederlagen europäischer Heere. Später waren es vor allem die Langbögen, die ganzen Ritterheeren zum Verhängnis wurden. Sie konnten sogar Plattenrüstungen durchschlagen und verletzten oder töteten die Pferde der Ritter. Piken und Hellebarden waren weitere Waffen, die insbesondere für den Einsatz gegen berittene Gegner entwickelt wurden. Mit ihnen war es möglich, Reiterangriffe zu stoppen und die Ritter von ihren Pferden zu holen. Die Böhmen setzten im Spätmittelalter vor allem Wagenburgen und Parvesen ein, um den Rittern widerstehen zu können. Zu dieser Zeit wurden bereits Feuerwaffen verwendet, die letztlich den Niedergang des Ritters auf dem Schlachtfeld besiegeln sollten.

Die Kavallerie

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Ulanenregiment 1914

Der Niedergang des Ritters auf dem Schlachtfeld am Ende des Mittelalters bedeutete keineswegs das Ende der berittenen Kämpfer. In den nachfolgenden Jahrhunderten spielte die Kavallerie weiterhin eine wichtige Rolle in der Kriegführung. Großangelegte Reiterangriffe gab es noch bis in den ersten Weltkrieg hinein. Doch nahm die kriegsentscheidende Bedeutung immer weiter ab, auch wenn dies von Romantikern und Nostalgikern noch lange Zeit bestritten wurde. Es zeigte sich immer deutlicher, dass die Reiter den modernen Feuerwaffen und befestigten Stellungen nicht mehr viel entgegensetzen konnten. Trauriger Höhepunkt dieser Verkennung militärischer Realität stellte der erste Weltkrieg dar. Es kam zu absurden Szenen, als Kavalleristen mit Lanzen und Säbeln Maschinengewehrstellungen angriffen. Die Verluste unter Reitern und Pferden stiegen in nie für möglich gehaltene Höhen.

 

Das Erbe der Ritter

Die romantische Verklärung ritterlicher Ideale lässt sich in beinahe allen Epochen nach dem Mittelalter finden. Nicht geringen Anteil daran haben die Sagen über die Ritter, die bereits im Mittelalter zu den Bestsellern zählten. Sie wurden immer wieder neu aufgeschrieben und ausgeschmückt. Diese waren wiederum beeinflusst von den Kardinaltugenden, deren Einhaltung den Rittern von der Kirche nahegelegt wurde. So entstand nach und nach ein Bild des Ritters, das nur noch wenig mit der Realität zu tun hatte. Es gab tatsächlich Regeln, die eingehalten werden sollten. In der Realität des Mittelalters wurden viele dieser Punkte aber immer wieder flexibel ausgelegt oder sogar missachtet. Es sollte zudem beachtet werden, dass der ritterliche Kodex vor allem innerhalb des Ritterstandes Anwendung fand. Nichtadlige konnten nicht darauf hoffen, von einem Ritter im Kampf geschont zu werden. Auch musste der Ritter ihnen gegenüber keine Versprechungen abgeben. Dementsprechend wenig Hemmungen legten wiederum die Nichtadligen im Kampf gegen Ritter an den Tag. Die verlustreichsten und brutalsten Schlachten fanden zumeist zwischen Adel und gewöhnlichen Kämpfern statt. Der Hundertjährige Krieg legt hierfür erschütternde Zeugnisse ab.

Herolde – Diplomaten des Mittelalters

Wappen und Symbole spielten schon früh eine wichtige Rolle in der Welt des Adels. Sie dienten nicht nur zu Repräsentationszwecken, sondern waren für die Identifikation einzelner Adliger im Getümmel einer Schlacht oder auf einem Turnier unerlässlich. Dies galt umso mehr für die Zeit des hohen und des späten Mittelalters, in der geschlossene Helme getragen wurden. Wie wichtig eine klare Kennzeichnung war wird am Beispiel des Königs von Aragon deutlich. Dieser kämpfte in der Schlacht von Muret 1213 in einer fremden Rüstung und war so als König nicht erkennbar. In der Hitze des Gefechts wurde er getötet.

Herolde präsentieren die Helmzier ihrer Herren vor dem Turnier, 1483

Herolde präsentieren die Helmzier ihrer Herren vor dem Turnier, 1483

Mit zunehmender Komplexität der Wappen, Farben und Banner wuchs der Bedarf an Experten der Heraldik. Herolde gab es schon vorher. Sie waren vor allem als Kuriere und Botschafter tätig. Diese Aufgaben setzten eine genaue Kenntnis der einzelnen Adelshäuser und ihrer Wappen voraus. Jedes Adelshaus hatte daher Bedarf an Herolden. Ihre Aufgaben wurden dabei immer vielschichtiger. Sie erstellten Wappenbücher, in denen alle Generationen eines oder mehrerer Häuser samt ihrer Wappen aufgeführt waren. Die Bedeutung dieser Aufzeichnungen war immens – die Frage der richtigen Abstammung entschied schließlich direkt über den Platz in der mittelalterlichen Gesellschaft. Dementsprechend hatte ein Herold stets die Aufgabe, seinen Herrn in einem möglichst günstigen Licht erscheinen zu lassen. Außerdem waren sie als Diplomaten tätig, die an andere Höfe entsandt wurden. Dabei besaßen sie diplomatische Immunität – eine Tatsache, die auch im Kriegsfall Verhandlungen ermöglichen sollte. Am Hof gab es eine klare Rangordnung unter den Herolden: An der Spitze stand der Wappenkönig, darunter kamen die Persevanten.

Herolden kamen auch organisatorische Aufgaben zu. Dies galt für das Turnier wie auch für den Kriegsfall. Sie organisierten die Turniere und überprüften die Wappenrollen der einzelnen Teilnehmer auf ihre Authentizität. Im Krieg waren sie für die Organisation der Armee zuständig und führten Verhandlungen, beispielsweise über den Freikauf von Gefangenen oder die Kapitulation einer Armee. Nach der Schlacht kam ihnen die Aufgabe zu, die Gefallenen zu identifizieren. Dies musste nicht zwangsläufig anhand von Wappen erfolgen. Oft genug wussten die Herolde über bestimmte körperliche Merkmale ihres Herren.1

Wappenrolle aus dem 15. Jahrhundert

Wappenrolle aus dem 15. Jahrhundert

Die Herolde spielten eine zentrale Rolle im Gesellschaftsgefüge des Mittelalters. Ohne sie wäre das System des Adels in seiner damaligen Form nicht praktikabel gewesen. Auch wäre es weit schwieriger gewesen, diplomatische Beziehungen zu unterhalten oder Verhandlungen zu führen. In einer Gesellschaft, in der die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stand und der eigene Ruf alles bedeuteten, konnten gute Herolde entscheidende Bedeutung für den Erfolg eines Adelshauses haben. Es handelte sich bei den Herolden also bereits um professionelle Diplomaten. Doch waren sie weit mehr als das. Sie standen ihren Herren sehr nah, fungierte als ständige Berater und kümmerten sich um die professionelle Vermarktung des jeweiligen Adelshauses.

1Vgl. Slater, Stephen (2004). S. 32-33.

Literatur:

Slater, Stephen. Wappen, Schilde, Helme. Eine farbig illustrierte Einführung in die Heraldik. Wien, 2004.

Der Reiterkrieger – Entstehung, Bedeutung und Mythos

Kaum ein Ideal war derart prägend für Europa wie das des edlen und tapferen Ritters. Noch heute begegnet uns dieses Bild in vielerlei Gestalt. Wissenschaft und Pop-Kultur beschäftigen sich gleichermaßen mit einem Ideal, dass sich über viele Jahrhunderte erhalten hat und heute, genau wie damals, Menschen in seinen Bann zieht.

Den Ritterstand gab es bereits in der Antike, auch wenn es sich hierbei nicht um Ritter im mittelalterlichen Sinne handelte. Doch bereits in Rom handelte es sich hierbei um Menschen, die besondere Privilegien genossen, über ein gewisses Vermögen verfügten und vor allem beritten waren.  Die Meister der Reiterei waren aber zu dieser Zeit andere. Vor allem die verschiedenen Reitervölker der östlichen Steppen, in der Spätantike allen voran die Hunnen, sind hier zu nennen. Pferde spielten außerdem für Kelten und Germanen eine wichtige Rolle. Insbesondere die Gallier verfügten über eine schlagkräftige Reiterei, während die Kelten Britanniens Streitwagen einsetzten. Die germanischen Ubier dienten bereits unter Gaius Julius Cäsar als berittene Hilfstruppen. Insbesondere die Römer waren auf derartige Hilfe angewiesen, da sie selbst über keine schlagkräftige Kavallerie verfügten. Diese frühe Kavallerie war allerdings noch nicht in der Lage, wuchtige Frontalangriffe auszuführen. Sie war in erster Linie für die Aufklärung, schnelle Überfälle und die Verfolgung fliehender Gegner zuständig. Auch diente sie als Plattform für Fernkampfangriffe. Die Germanen hatten die Technik perfektioniert, Speere vom Rücken der Pferde zu werfen. Sie ritten im Kreis, warfen ihre Speere und nahmen am anderen Ende des Kreises neue auf. So konnte ein kontinuierlicher Speerhagel aufrechterhalten werden.

Im Osten stießen die zu Fuß kämpfenden Legionen Roms an ihre Grenzen, als sie unter der Führung von Marcus Licinius Crassus 53 v.Chr. in das Partherreich einmarschierten und von berittenen Bogenschützen und schwer gepanzerten Reitern vernichtet wurden, obwohl sich diese in der Unterzahl befanden. Hier offenbarte sich bereits der deutliche strategische Vorteil, der sich in offenem Terrain durch Kavallerie erreichen ließ.

Kataphrakt der Sassaniden

Kataphrakt der Sassaniden, Spätantike

Die gepanzerten Reiter, auch Kataphrakte genannt, wurden zunächst von Parthern und Sarmaten eingesetzt. Diese wurden in der Spätantike auch von den Römern als Hilfstruppen angeworben. Später wurden sie insbesondere im oströmischen Reich und danach in Byzanz weiterentwickelt. Diese Reiter und ihre Pferde waren komplett in Schuppenpanzer gehüllt. Gekämpft wurde mit Lanze, Reiterschwert und  Schild. Aufgrund des hohen Gewichts der Ausrüstung waren sie allerdings nicht so schnell wie die leicht gepanzerten und wendigen leichten Reiter.

Römischer Kataphrakt

Römischer Kataphrakt

In Europa waren es vor allem die Hunnen, die mit einer gefährlichen Reiterei große Gebiete erobern konnten. Sie führten vor allem eine wichtige Neuerung ein: Den Steigbügel. Durch ihn wurde es möglich, sich auch ohne Hilfe der Hände auf dem Pferd zu halten. Auch gab er Angriffen mit der Lanze eine größere Wucht. Nach und nach entwickelten auch die germanischen Stämme ihre Reiterei weiter. Mit ihr war es möglich, weite Raubzüge in die römischen Provinzen zu unternehmen, die nur noch unzureichend durch schwache Grenzgarnisonen verteidigt wurden. Als Reaktion darauf nahmen die römischen Kaiser immer mehr germanische Verbände als Hilfstruppen in ihre Dienste und siedelten ganze Stämme auf römischem Gebiet an. Fürsten der Germanen übernahmen bald wichtige militärische Posten in der römischen Armee und damit in der Politik. Entgegen der Erwartungen der Kaiser führte dies jedoch nicht dazu, dass diese Anführer persönliche Feindschaften gegenüber anderen Stämmen vergaßen oder sich den Prämissen der römischen Politik komplett unterordneten.

Nach dem Fall des römischen Reiches übernahmen die einstigen Barbaren die Kontrolle über die ehemaligen Provinzen. Im Westen entstand das Frankenreich. Das Westgotenreich in Spanien war zu dieser Zeit bereits zusammengebrochen und von nordafrikanischen Muslimen in Besitz genommen worden. Nachdem Spanien unter ihrer Kontrolle stand, überquerten sie im 8. Jahrhundert die Pyrenäen und fielen im Frankenreich ein. Unter der Führung des fränkischen Hausmeiers Karl Martell stellten sich ihnen in drei verschiedenen Schlachten (Tour und Poitiers, Avignon, Fluss Berre) Truppen der Franken, Friesen, Sachsen und Langobarden entgegen. Sie waren letztlich in der Lage, die islamische Expansion in Westeuropa zu stoppen. Karl der Große unternahm 778 einen Feldzug nach Spanien. Zu bedeutenden Ergebnissen führte dieser nicht. Karl musste abziehen. Auf dem Rückweg wurde seine Nachhut von Basken eingekesselt und vernichtet – die Vorlage für das berühmte Rolandslied, dass die Schlacht zu einem heroischen Kampf gegen die Ungläubigen stilisiert. Interessanterweise werden aber auch die muslimischen Krieger zu einem nicht unerheblichen Teil als ritterliche Kämpfer dargestellt, die prachtvoll ausgestattet auf Pferden in die Schlacht ziehen.

Fränkische Reiter

Fränkische Reiter

Die Franken verfügten zu dieser Zeit bereits über die bekannten Panzerreiter. Dies waren Adlige, die in Kettenhemd und Helm mit Lanze, Schwert und Schild als Reiter in die Schlacht zogen. Diese Ausrüstung war sehr teuer. Zudem war ein hohes Maß an Können notwendig, um auf diese Weise effektiv kämpfen zu können. Das Feudalsystem ermöglichte es den Adligen, diesen Lebensstil zu finanzieren. Ihre jeweiligen Ländereien samt den dort arbeitenden Leibeigenen machten die Ausrüstung verschieden großer Kontingente möglich.

Bei der Eroberung Englands durch Wilhelm I. 1066 spielten die Panzerreiter eine wichtige strategische Rolle, wenngleich in der Schlacht von Hastings ihre Grenzen offenkundig wurden. Ihre direkten Angriffe auf den angelsächsischen Schildwall waren nicht erfolgreich. Dennoch, als sich die Formation des Feindes auflöste, brachte ihr Einsatz den Sieg über die zu Fuß kämpfenden Angelsachsen. Auf dem Teppich von Bayeux ist sehr schön zu sehen, wie die Reiter ausgerüstet waren und wie sie angriffen. Sie trugen ein knielanges Kettenhemd, einen Nasalhelm, bis zu den Knien reichende Langschilde sowie einhändige Schwerter und Lanzen, die zu dieser Zeit noch über dem Kopf gehalten wurden. Die Pferde selbst waren nicht gepanzert. Dies führte in der Schlacht zu Problemen. Oft wurden nicht die Kämpfer selbst verwundet, sondern deren Pferde getötet – mit unangenehmen Folgen für ihre Reiter.

Angriff der normannischen Panzerreiter

Angriff der normannischen Panzerreiter

Nach und nach entwickelte sich die Waffentechnik weiter. Die Rüstungen wurden immer umfangreicher. Zunächst wurde damit begonnen, exponierte Körperstellen mit Eisenplatten zu schützen. Aus der Antike war bereits der Schuppenpanzer bekannt. Im 13. Jahrhundert kam der Plattenrock in Gebrauch. Hier wurden Eisenplatten an der Innenseite eines Überwurfs angebracht, die den Torso schützen sollten. Zu dieser Zeit wurden zudem mehr und mehr geschlossene Helme verwendet. Nun begann sich auch die Entwicklung der Heraldik, um sich auch in voller Rüstung beim Turnier oder auf dem Schlachtfeld erkennen zu können. Die Entwicklung der Rüstungstechnik gipfelte in den herausragend gearbeiteten Plattenrüstungen des Spätmittelalters. Besonders Stücke aus Augsburg und Mailand waren bekannt und beliebt. Diese Rüstungen waren nicht nur ein hervorragender Schutz, sie waren auch sehr kunstvoll gearbeitet. Schließlich wollte der Ritter auch in der Schlacht gut aussehen. Diese Rüstungen waren nicht schwer zu tragen. Sie wurden auf Maß gefertigt und schränkten die Bewegungen nur unwesentlich ein.

Neben der Ausrüstung änderte sich auch die Strategie und Kampfesweise. Die Ritter entwickelten sich zu schweren Reitern, die in geschlossenen Reihen mit angelegten Lanzen angriffen. Wichtig war, dass die Reihen komplett geschlossen waren. Dies war die Hochzeit des Ritters im Krieg. Es gab zwar weiterhin Fußsoldaten und Bogenschützen, allerdings war der Ausgang der Schlacht in vielen Fällen vom Erfolg des Reiterangriffs abhängig. Die Wucht dieses Angriffs konnte die gegnerischen Reihen aufbrechen und eine Panik auslösen. Die Niederlage war dann meist nur noch eine Frage der Zeit. Dennoch sollte die Wirkung dieser Kampfweise nicht überbewertet werden. Klug agierenden Gegnern gelang es immer wieder, diese Sturmangriffe zu stoppen oder sie ins Leere laufen zu lassen. Ein bekanntes Beispiel für die Überschätzung der ritterlichen Schlagkraft stellt die Schlacht von Hattin dar. Sultan Saladin lockte die Armee der schwer gepanzerten Kreuzritter in die Wüste, machte die Wasserstellen unbrauchbar und ließ Hitze und Durst das gegnerische Heer schwächen. Danach war es für die leichten und wendigen Sarazenen ein leichtes, es zu vernichten.

Bereits im hohen Mittelalter kam es zu bedeutenden Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Infanteriewaffen. Die Entdeckung des Schwarzpulvers im 14. Jahrhundert führte zum Bau von Waffen, gegen die auch die besten Rüstungen wirkungslos waren. Armbrustschützen waren schon vorher die gefährlichsten Feinde für die Ritterschaft. Auch wenn sie eine geringe Schussfrequenz besaßen, waren die Bolzen dieser Waffe in der Lage, so gut wie jede Rüstung zu durchschlagen. Die Armbrust wurde also nicht zufällig im 12. Jahrhundert von kirchlicher Seite für den Einsatz gegen Christen verboten. Dies bedeutete jedoch nicht, dass sie daraufhin auch wirklich verschwand. Im Hundertjährigen Krieg erschien mit dem englischen Langbogen eine Waffe, die auf den ersten Blick nicht wirklich neu war. Bögen gehören zu den ältesten Waffen der Menschheit. Die Art, wie sie von den Engländern eingesetzt wurde sowie die besondere Spannkraft der Langbögen ermöglichten Siege über zahlenmäßig überlegende Armeen. Kriegsbögen verfügten in den meisten Fällen über eine Stärke von über 100 Pfund. Ein geübter Schütze war nicht nur zielsicher über weite Entfernungen, sondern konnte ca. 11 Pfeile pro Minute verschießen. In der Schlacht von Azincourt 1415 standen dem englischen König Heinrich V. 7.632 Langbogenschützen zur Verfügung.[1] Die französische Armee, die größtenteils zu Fuß über ein schlammiges Feld vorrückte, wurde also theoretisch in einer Minute mit 83.952 Pfeilen überschüttet. Diese Zahl wurde lediglich durch die nicht allzu reichhaltigen Vorräte an Munition begrenzt. Für die berittenen Franzosen kam erschwerend hinzu, dass die Bogenschützen angespitzte Pfähle vor sich in den Boden getrieben hatten, die den ersten und entscheidenden Aufprall der Reiter abwehren konnten.

Wagenburg, 15. Jahrhundert

Wagenburg, 15. Jahrhundert

So kam es zur sogenannten Infanterierevolution. Die Bedeutung des berittenen Kämpfers nahm ab, da die Fußsoldaten immer effektive Mittel und Wege fanden, die wuchtigen Angriffe der Ritter zu stoppen. Im Spätmittelalter wurden mit Pulver betriebene Schusswaffen in großem Stil verwendet. Die Böhmen erfanden die Wagenburg und spezielle Kriegswagen, die Schutz vor den Reitern boten. Im Boden verankerbare Pavesen ermöglichte es, schnell und jederzeit einen Schutzwall aufbauen zu können. Die Schweizer setzten auf eine Kombination aus langen Spießen und Hellebarden, mit denen Rüstungen durchschlagen und Reiter vom Pferd geholt werden konnten. Kriegshämmer waren eine weitere effektive Waffe gegen die Plattenrüstung. Auch die Kombination aus Pikenieren und Schützen stellte eine effektive Kombination dar, die auch nach dem Mittelalter noch Verwendung finden sollte.

Während die Schlachtfelder des späten Mittelalters mehr und mehr von Infanterie beherrscht wurden, nahm die Bedeutung der Turniere für den Adel deutlich zu. Die Tjoste im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert sind berühmt für ihre außergewöhnliche Pracht. Hier konnten die Ritter weiterhin ihren Traditionen nachgehen und sich als die Krieger darstellen, als die sie seit jeher in der Literatur dargestellt wurden.

Turnier in München, um 1500

Turnier in München, um 1500

Auch wenn die militärische Bedeutung der Ritter abnahm, sozial bildeten sie weiterhin eine elitäre Gruppe. Doch auch hier bekamen sie Konkurrenz, meist durch reiche Kaufleute. Selbst diese begannen nun, sich wie Ritter zu kleiden und eigenen Turniere abzuhalten Was sich aber erhielt und bis heute besteht ist der Mythos des Rittertums. Der oft zitierte Ehrenkodex der Ritter stellt Ehre, Pflichtgefühl, Minne und gottgefälliges Verhalten an erste Stelle. Auch wenn es diese Werte durchaus gegeben hat, sind sie durch die Literatur seit dem Mittelalter überhöht worden. Die Ritter des Mittelalters waren in erster Linie Krieger, die Menschen töteten und sich entsprechend ihres hohen Standes prachtvoll in Szene setzten. Interessant ist, dass sich der Mythos bis heute fast unverändert erhalten konnte und begeisterte Anhänger findet. Es scheint zu allen Zeiten ein großes Bedürfnis nach Menschen gegeben zu haben, die über dem Schlechten und den Abgründen der menschlichen Zivilisation stehen und dem Bösen mutig und entschlossen entgegen treten.

[1] Vgl. Ossenkop, Daniel (2011). S. 10.

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Die Schlacht von Muret 1213

1209 begann auf Drängen des Papstes Innozenz III. ein Kreuzzug, der nicht das Heilige Land als Ziel haben sollte. In Südfrankreich hatte sich die religiöse Bewegung der Katharer entwickelt. Sie sahen sich selbst als die wahren Christen, hatten aber keine komplett einheitliche Lehre, da sie in verschiedene Gruppen aufgespalten waren. Gemeinsam war ihnen, dass sie die materielle Welt grundsätzlich als Böse ansahen. Die Seelen waren demnach auf der Erde gefangen und die Katharer strebten danach, diese zu erlösen und den Himmel zu erreichen. Das Alte Testament lehnten sie ab, da sie im dort beschriebenen Gott ein in der materiellen Welt verhaftetes und damit böses Wesen sahen. Interessant ist zudem, dass Frauen bei den Katharern geistliche Ämter ausüben konnten – ein starker Gegensatz zur römischen Kirche.

Papst Innozenz III.

Papst Innozenz III.

Anhänger dieser Glaubensrichtung fanden sich in allen gesellschaftlichen Schichten.  Dazu gehörten auch hochrangige Adlige, wie der Graf von Toulouse, Raimund VI. Obwohl die Bewegung von der Kirche als ketzerisch eingestuft wurde, konnten die Geistlichen vor Ort nicht auf die Unterstützung der weltlichen Obrigkeit zählen. Aus diesem Grund war die Kirche gezwungen, zu einem bewaffneten Kreuzzug aufzurufen. Aus ihrer Sicht handelte es sich bei jeder Form um eine Krankheit, die die Christenheit ernsthaft bedrohte. Wir können hier also durchaus von ernst gemeinter Besorgnis ausgehen, nicht von reinem Streben nach Machterhaltung.

Der geistliche Autor Peter von les Vaux-de-Cernay hat einen detaillierten Bericht des gesamten Albigenserkreuzzugs verfasst. In diesem Artikel soll es um eine bedeutsame Schlacht gehen, die für den weiteren Verlauf des Kreuzzuges nicht ohne Bedeutung sein sollte und einige interessante Einblicke in die Kriegführung des hohen Mittelalters möglich macht – die Schlacht von Muret.

Alles habe damit begonnen, dass der spanische König Peter von Aragon mit einem Heer in die Gascogne einmarschiert sei, um dem Grafen von Toulouse zu Hilfe zu kommen. Er habe sein Heer mit den Truppen der Grafen von Toulouse, des Comminges und von Foix vereinigt und mit der Belagerung der Stadt Muret begonnen, welche sich am Fluss Garonne befindet. Eine vorgelagerte Befestigungsanlage haben die Angreifer schnell einnehmen können, woraufhin sich die Verteidiger zurückziehen mussten. Dies habe vor allem daran gelegen, dass sie deutlich in der Unterzahl gewesen seien. [1] Zur selben Zeit habe sich der Anführer der Kreuzfahrer, der Graf Simon von Montfort, 65 Kilometer von Muret entfernt befunden, um Kämpfer und Vorräte zur Verstärkung der Stadt zu sammeln – er sei bereits davon ausgegangen, dass es bald belagert würde.[2]

Kurz nachdem der Graf von der Belagerung erfahren habe, sei seine Frau nach Carcassonne aufgebrochen. Dort habe sie so viele Ritter um sich gesammelt, wie es ihr möglich gewesen sei. Zusätzlich habe sie den Vicomte von Payen überzeugen können, sich ihr anzuschließen – obwohl sein 40 tägiger Dienst eigentlich schon zu Ende war und er ohne Konsequenzen in die Heimat hätte abziehen können. Diese Truppen haben sich nun nach Fanjeaux begeben, während Simon von Montfort mit seinen Begleitern in die Nähe von Boulbonne gezogen sei, wo er in einem Zisterzienserkloster die Hilfe des Herrn erbeten habe. Bei ihm haben sich sieben Bischöfe und drei Äbte befunden, die der Erzbischof von Narbonne ausgewählt habe, um mit dem König von Aragon zu verhandeln. Außerdem habe er 30 französische Ritter bei sich gehabt.[3]

Am nächsten Morgen sei die Messe gefeiert und gebeichtet  worden. Danach seien die Kreuzfahrer aufgebrochen, um Muret zu Hilfe zu kommen. Zudem seien die Anführer des gegnerischen Heeres durch die Bischöfe exkommuniziert worden. Während der Annäherung an das feindliche Heer seien die Truppen in drei Abteilungen aufgeteilt worden, entsprechend der Heiligen Dreifaltigkeit. So habe man sich Auterive genähert, einer befestigten Stellung zwischen dem alten Standort und Muret. Obwohl Wetter und Terrain günstig für einen Überraschungsangriff der Belagerer gewesen seien, habe man das Gebiet ohne Gegenwehr durchqueren können.[4]

Schließlich habe man sich Muret genähert. Die Belagerer haben sich auf der anderen Flussseite befunden. Da es bereits Abend gewesen sei und die Truppen des Grafen von Montfort vom Marsch ermüdet gewesen seien, habe der Graf nicht sofort angreifen lassen, sondern stattdessen Gesandte zu den Belagerern geschickt, um sie zum Aufgeben zu bewegen.[5] Am nächsten Morgen haben die Kreuzfahrer Muret betreten. Es seien lediglich noch für einen Tag Vorräte in der Stadt gewesen. Daher sei es nicht länger möglich gewesen, sich zu verschanzen.[6]

Am Morgen des nächsten Tages habe man die Messe abgehalten und sich anschließend beraten, wie man den Feind am besten angreifen könne. Die sich deutlich in der Unterzahl befindenden Verteidiger haben sich daraufhin gerüstet und ihre Pferde bestiegen. Auf Anweisung des Grafen seien für den Angriff nur Berittene vorgesehen gewesen. [7] Bevor die Ritter Muret verlassen haben, seien sie durch den Bischof von Comminges gesegnet worden. Auch ihre Sünden seien ihnen komplett vergeben worden.[8]

Während die Verteidiger das Schlachtfeld betreten haben, seien sie von den Geistlichen in der Kirche durch Gebete unterstützt worden. Trotz der deutlichen Überzahl der Feinde habe die erste Schlachtreihe der Ritter mit großer Zuversicht frontal angegriffen, dicht gefolgt von der zweiten Reihe. Während dieses Angriffes sei der König von Aragon gefallen. Der Autor merkt kritisch an, dass er sich in einem nicht gekennzeichneten Harnisch in der zweiten Schlachtreihe der Belagerer befunden habe.

Der Graf von Montfort habe inzwischen bemerkt, dass seine ersten beiden Schlachtreihen bereits außer Sicht gewesen seien, da sie sich weit innerhalb des gegnerischen Heeres befunden haben. Daraufhin habe er mit seinen Truppen die linke Flanke der Belagerer angegriffen. Er sei allerdings durch einen Graben von diesen getrennt gewesen. So habe er erst angreifen können, nachdem er einen Durchgang durch diesen gefunden habe. Obwohl er sofort von mehreren harten Schlägen getroffen worden sei, habe er sich mit seinen Truppen langsam voran gekämpft und viele Feinde getötet.[9] In der Zwischenzeit haben die Bürger von Toulouse versucht, Muret einzunehmen. Dies sei ihnen aber nicht gelungen, da die siegreichen Ritter rechtzeitig wieder zurückgekehrt seien und viele von ihnen getötet haben.[10] Nach der Schlacht habe sich Graf Simon von Montfort zu dem inzwischen vollständig geplünderten Körper des Peter von Aragon führen lassen, um den Tod des Monarchen zu betrauern.[11]

Dieser Bericht enthält einige interessante Details, auf die an dieser Stelle näher eingegangen werden soll. Zunächst einmal scheint die Sicherung bereits eroberter Städte nicht einfach gewesen zu sein. Obwohl eine Belagerung Murets wahrscheinlich erschien, mussten in relativ weiter Entfernung zunächst neue Truppen ausgehoben und Vorräte beschafft werden. Interessant ist, dass dies nicht nur durch männliche Adlige möglich war. Auch die Gräfin von Montfort hatte die Befugnis, eine Armee aufzustellen und dieser Befehle zu erteilen. Wir können aber davon ausgehen, dass sich ihre Autorität auf die ihres Mannes stützte. Dennoch, die mittelalterliche Frau war weit davon entfernt, nur den Haushalt zu führen.

Das Vertrauen auf Gott war einer der zentralen Aspekte in der Kriegführung des Mittelalters. Die starke Betonung bei Peter von les Vaux-de-Cernay liegt aber vor allem darin begründet, dass es sich um einen geistlichen Autor handelt, der einen Kreuzzugsbericht verfasste. Gerade, weil dieser in einem christlichen Gebiet durchgeführt wurde, bedurfte es immer wieder besonderer Rechtfertigungen.

Die Strategie der Kreuzfahrer entsprach dem, was im 13. Jahrhundert üblich war. Zunächst musste man sich der belagerten Stadt nähern. Sie hatten Glück, dass sie im Sumpfland vor Auterive nicht  durch feindliche Kämpfer aufgehalten wurden. Da sich die Belagerer deutlich in der Überzahl befanden, hätte eine Entdeckung dem Rettungsversuch schnell ein Ende machen können. Auch konnten die Truppen des Grafen relativ ungehindert Muret betreten. Da die Vorräte aber aufgebraucht waren, konnte man keiner langen Belagerung mehr standhalten. Ein Ausfall war die letzte Möglichkeit eine Entscheidung herbei zu führen, bevor die Verteidiger vor Hunger zu sehr geschwächt waren.

Die Staffelung der Armee in drei Abteilungen war typisch für das hohe Mittelalter. Ebenso üblich war der gefürchtete Sturmangriff der schwer gepanzerten Ritter, gegen den die Belagerer anscheinend kein Gegenmittel parat hatte. Außergewöhnlich ist der Tod Peters von Aragon. Normalerweise befanden sich die Anführer nicht in den vorderen Schlachtreihen – trotz allen Gottvertrauens. Auch waren sie in der Regel durch das Wappen und die Farben an ihren Harnischen deutlich erkennbar und wurden eher gefangen genommen als getötet. Entsprechend kritisch wird das Verhalten des Königs gesehen.

Der Angriff der Ritter scheint sehr effektiv gewesen zu sein. So schnell durchbrachen sie die feindlichen Linien, dass sie bald aus dem Blickfeld des Grafen verschwanden. Er griff mit seinen Begleitern an, um eine Umzingelung zu verhindern. Die schweren Treffer, die er unverletzt überstand, sind ein deutliches Zeichen für den guten Schutz, den die Rüstungen des 13. Jahrhunderts boten. Auch sehen wir am Beispiel der Bürger von Toulouse, dass auch Stadtbürger in den Krieg zogen.

Die Schlacht von Muret ist vor allem deswegen so interessant, weil hier ein sich deutlich in der Unterzahl befindendes aber sehr gut ausgebildetes, ausgerüstetes und diszipliniertes Heer,bestehend ausschließlich aus Rittern, ein weit größeres Aufgebot an gemischten Truppen deutlich besiegte. Dies lag vor allem am ersten Schockmoment des Aufpralls der dicht geschlossenen Reihen der Kreuzfahrer, die nicht aufgehalten werden konnten. Zudem wird auch der frühe Tod des Königs von Aragon eine demoralisierende Wirkung gehabt haben.  Letzten Endes war es wohl eine Mischung aus Ausbildung, Gottvertrauen und Mut bei gleichzeitiger Überraschung des Gegners und taktischem Geschick, die zum Sieg verhalf.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

 

[1] Vgl. Peter von les Vaux-de-Cernay. 446-448.

[2] Vgl. Ebd. 449.

[3] Vgl. Ebd. 450-451.

[4] Vgl. Ebd. 453-454.

[5] Vgl. Ebd. 455.

[6] Vgl. Ebd. 456.

[7] Vgl. Ebd. 458-460.

[8] Vgl. Ebd. 461.

[9] Vgl. Ebd. 463.

[10] Vgl. Ebd. 464.

[11] Vgl. Ebd. 465.

Quelle: Peter von les Vaux-de-Cernay: The History of the Albigensian Crusade, übers. von Tr. W.A. Sibly und M.D. Sibly, Woodbridge 2002.

 

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Wer waren die „Raubritter“?

Raubritter

Insbesondere im 18. und 19.  Jahrhundert, einer Zeit des besonders romantischen Blicks auf das deutsche Mittelalter, entstanden eine ganze Reihe von Geschichten über Raubritter. Hier waren es die Anführer von Räuberbanden, die in verfallenen Burgen im Wald hausten und von dort aus Überfälle auf Reisende, Dörfer oder gar Städte durchführten. Doch wer waren diese Ritter wirklich?

Um das Phänomen des Raubritter verstehen zu können muss man sich die mittelalterliche Fehde in Erinnerung rufen. Es gab ein Fehderecht, in dem genau festgelegt war, wann eine Fehde erlaubt war, wie sie einzuleiten war und welche Regeln man im allgemeinen befolgen musste. So eine Fehde wurde meist durch das Überbringen eines Fehdebriefes eröffnet und war im Grunde dazu da, eine Vermittlung in einem bestimmten Konflikt zu erreichen. Im Vorfeld war eine friedliche Einigung in der Regel gescheitert oder einer der Fehdeführer sah keine Möglichkeit, in einem bestimmten Gebiet ein gerechtes Urteil zu erreichen. Das war meistens dann der Fall, wenn die Gerichte unter der Kontrolle von demjenigen standen, gegen den prozessiert werden sollte. So wurde eine Fehde in vielen Fällen von ärmeren und/oder weniger mächtigen Adligen erklärt, die keine andere Möglichkeit sahen, sich gegen ein vermeintliches Unrecht zur Wehr zu setzen. Im gleichen Zuge bot eine Fehde immer auch die Aussicht auf mehr oder weniger reiche Beute, beispielsweise wenn ein Adliger eine Fehde gegen eine Stadt führte und die Händler auf dem Weg in die Stadt überfielen. So nutzten viele verarmte Adlige diese Möglichkeit, um vielleicht wieder zu Geld zu kommen. Dennoch, sich in einer Fehde befindenden Ritter sind keineswegs mit Räuberbanden gleichzusetzen.

Gut und Böse hingen in diesem Fall, wie meistens, vom jeweiligen Standpunkt ab. Auch wenn der Adlige unter Umständen im Recht war, so sah die Stadt dies mit Sicherheit ganz anders. Wenn der fehdeführende Adlige in die Hände der Stadt geriet, konnte er nicht immer mit Verständnis rechnen, zu Hinrichtungen kam es in mehreren Fällen.

So konnte sich also der Adlige durchaus im Recht fühlen, während er aus Sicht der Bürger lediglich ein übler Räuber, Plünderer und Mörder war. Auf der anderen Seite gab es aber auch durchaus Adlige, auf die diese Bezeichnungen durchaus zu trafen.

Schon im frühen Mittelalter gab es bald Probleme mit Rittern, die in Friedenszeiten immer wieder Fehden begannen. Auch wenn das Fehderecht diese vorsah, wurden sie schnell zu einem wirklichen Problem für die Zivilbevölkerung und letztlich auch für die Herrschenden. Nicht zufällig versuchte die Kirche, diese Konflikte u.a. durch den Kirchenfrieden zu begrenzen und christliche Ritter zum Kampf gegen Muslime in Spanien oder im Heiligen Land zu bewegen.

Es sollte deutlich geworden sein, dass es keine einheitliche Definition, ja nicht einmal eine genaue zeitliche Eingrenzung des Begriffes „Raubritter“ gibt. Und tatsächlich gab es ihn zur Zeit des Mittelalters nicht. Fehden und die damit verbundene Verwüstung der Landstriche des Gegners sind die Grundlage für die Legenden, in denen diese raubenden Ritter die Hauptrolle spielen.

 

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Ein Leben als Ritter

Hartmann von Aue im Codex Manesse - Idealbild eines Ritters

Hartmann von Aue im Codex Manesse – Idealbild eines Ritters

Ein Traum vieler Jungen: Als Ritter in glänzender Rüstung in einer prächtigen Burg leben, von allen bewundert oder gefürchtet, unverwundbar und wehrhaft. Ein schöner Traum, der durch eine ganze Reihe von Rittergeschichten, Filme und Spiele weitere Nahrung erhält. Wirklich enden tut diese Vorstellung nicht, auch wenn man das Kindesalter längst hinter sich gelassen hat. Beim Ritter, seiner Burg und seinem Burgfräulein handelt es sich um Bilder, die sich auch bei vielen Erwachsenen finden lassen. Viele Filme greifen dies auf und kreieren Bilder, die den Zuschauern gefallen. Kaum ein Film oder Serie, der die wirklichen Lebensverhältnisse des Mittelalters darstellt. Wie würden Sie dazu stehen, als Ritter im Mittelalter zu leben?

Die Romantisierung des Mittelalters ist kein Phänomen allein unserer modernen Zeit. Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Romantiker damit, ein übertrieben schönes Bild vom Mittelalter zu zeichnen, meist als Gegenentwurf zu den Lebensbedingungen ihrer eigenen Epoche. Untersuchungen an mittelalterlichen Skeletten liefern uns weit realistischere Eindrücke aus dieser Zeit.

Ein besonders bekanntes Beispiel hierfür stellt der Ritter Sir John de Stricheley dar. Er starb am 10. Oktober 1341 im Alter von 25 Jahren.  Sein Skelett zeigt heute noch die Spuren seines kurzen aber zweifellos harten Lebens. Ihm waren im Kampf bereits mehrere Zähne ausgeschlagen worden, außerdem hatte er einen Treffer einer Schlachtaxt überlebt, wie uns sein Schädelknochen verrät.

Bei älteren Rittern stellte man außerdem diverse Verschleißerscheinungen fest. Besonders betroffen war die Wirbelsäule, die durch das jahrelange Reiten und das Tragen der schweren Ausrüstung verschlissen war. Darüber hinaus findet man auch immer wieder Hinweise auf schlechte Zähne. Kein Wunder wenn man bedenkt, welche Schäden diese im Kampf davontragen konnten. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, welche Schmerzen damit verbunden gewesen sein müssen.

Auf Feldzügen wurde das Überleben noch schwieriger. Otto von Linn, ein niedriger Adliger aus dem Rheinland, nahm am Kreuzzug Friedrich Barbarossas ins Heilige Land teil. Es ist überliefert, dass das Heer bei seinem Zug durch Anatolien sehr unter Hunger zu leiden hatte. Das Skelett Ottos zeigt deutliche Spuren dieser Hungersnot. An seinen Schienbeinen sind die sogenannten Harris’schen Linien zu erkennen. Diese treten vor allem dann auf, wenn ein Mensch in seiner Wachstumsphase eine Zeit lang unter starkem Hunger zu leiden hat. Zudem sind ihm die oberen Backenzähne ausgefallen, was auf Skorbut schließen lässt. Er überlebte aber und kehrte auf seine Burg zurück.

Auch Geschlechtskrankheiten spielten eine Rolle. Das berühmteste Beispiel hierfür ist mit Sicherheit der englische König Heinrich VIII. Wenn man seine Rüstung im Tower of London besichtigt fällt schnell eine spezielle Wölbung im Bereich der Genitalien auf. Diese war extra gefertigt worden, da der König unter der Syphilis litt. Den Frauen wird es nicht besser gegangen sein. Keine besonders romantischen Lebensumstände.

Das Leben auf der Burg war zwar auch nicht besonders bequem, allerdings immer noch etwas besser als das des Bauern in seiner Hütte. Wirklich zu beneiden war der Ritter allerdings nicht. Ganz im Gegenteil, ein Brief des Ritters Ulrich von Hutten an den Patrizier Willibald Pirckheimer aus dem Jahr 1518 verrät uns sehr gut, was ein Ritter dieser Zeit über seine Lebenssituation dachte:

„In den Städten könnt ihr nicht nur friedlich, sondern auch bequem leben, wenn ihr es euch vornehmt. Aber glaubst du, dass ich unter meinen Rittern jemals Ruhe finden werde? […] Man lebt auf dem Feld, im Wald und in den bekannten Burgen auf dem Berg. Die uns ernähren, sind bettelarme Bauern, […]. Der einkommende Ertrag ist, gemessen an der aufgewandten Mühe, geringfügig […]. Unterdessen gehen wir nicht einmal im Umkreis von zwei Joch ohne Waffen aus. Kein Dorf können wir unbewaffnet besuchen, auf Jagd und Fischfang nur in Eisen gehen.[…] Die Burg selbst […] ist nicht als angenehmer Aufenthalt, sondern als Festung gebaut. Sie ist von Mauer und Gräben umgeben, innen ist sie eng und durch Stallungen für Vieh und Pferde zusammengedrängt. Daneben liegen dunkle Kammern, vollgepfropft mit Geschützen, Pech, Schwefel und sonstigem Zubehör für Waffen und Kriegsgerät. […], und dann die Hunde und ihr Dreck, auch das – […] ein lieblicher Duft! Reiter kommen und gehen, darunter Räuber, Diebe und Wegelagerer.“ (Ulrichs von Hutten Schriften, hrsg. von Eduard Böcking, Bd. 1, Leipzig 1859, S. 201-203 Brief Nr. 90; Deutsche Schriften , übers. von Peter Ukena und Dietrich Kurze, München 1970).

Wie wir sehen, bewertete selbst ein mittelalterliche Ritter sein Leben recht kritisch als nicht besonders romantisch oder heroisch. Selbst die gewaltsamen Auseinandersetzungen sorgen anscheinend eher für Ungemach als für heroische Höhenflüge. Man sollte aber beachten, dass sich das Rittertum zu Beginn des 16. Jahrhunderts in einer anderen Phase befand als im Hochmittelalter. Die generellen Lebensumstände sahen aber sehr ähnlich aus.

Ich denke es ist deutlich geworden, dass ein Leben als mittelalterlicher Ritter so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was wir uns heute häufig darunter vorstellen. Aber würde sich ein Film, der dies wirklich realistisch darstellt, die Massen in die Kinos locken? Die historischen Romane scheinen sich hier zumindest leichter zu tun. Letzten Endes wollen wir unserer Realität einfach für eine gewisse Zeit entfliehen, ohne mit einer n0ch viel raueren Realität konfrontiert zu werden. Im realen Mittelalter leben würde wohl kaum jemand wollen.

Quellen:

 Ulrichs von Hutten Schriften, hrsg. von Eduard Böcking, Bd. 1, Leipzig 1859, S. 201-203 Brief Nr. 90; Deutsche Schriften , übers. von Peter Ukena und Dietrich Kurze, München 1970.

Internet:

http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-72327452.html (28.02.2013).

Literatur:

Borst, Arno. Lebensformen im Mittelalter. 5. Auflage 2010. Berlin, 2004.

 

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