Die fida’i – Assassinen des Mittelalters

Spionage und Mord waren ihr Geschäft. Und sie waren so berühmt und berüchtigt, dass alleine die Erwähnung ihres Namens ausreichte, um politische Gegner in Angst und Schrecken zu versetzen. Um die Meuchelmörder des Mittelalters ranken sich dementsprechend zahlreiche Mythen und Legenden. Doch wer waren sie wirklich?

Die Assassinen aus dem Nahen Osten

Die Meuchelmörder entstanden aus der schiitischen Glaubensgemeinschaft der Nizari-Ismailiten. Diese existierte im 11. Jahrhundert in Syrien und Persien und war ein erklärter Feind der sunnitischen Seldschuken-Dynastie, die das byzantinische Reich in Atem hielt. Dank taktischem und kämpferischem Geschick gelang es ihnen, mehrere Bergfestungen zu erobern und zu halten. Im Gebirgszug des Dschebel Aansariye konnten sie sogar so etwas wie ein eigenes Herrschaftsgebiet aufbauen. Nun verfügten sie über eine Basis, von der aus sie ihre Operationen durchführen konnten.

Der Alte vom Berg

Der erste Anführer der Assassinen war Hasan-i Sabbah. Er führte die Attentäter von der Burg Alamut aus, die sich im Nordwesten des heutigen Iran befindet. Nach ihm übernahmen immer wieder Imame die Führung der Gruppe.

Sir John Mandeville berichtet in einem Text aus dem 13. Jahrhundert detailliert über die Methoden, mit denen Sabbah Anhänger für die sehr riskanten Attentatsversuche gewann. Er würde ihnen „einen gewissen Trunk“ verabreichen, der den Trinkenden in einen wundervollen Rausch versetzen würde. Nun würde er ihnen eröffnen, dass sie im Falle des Todes „in einem Paradies erwache[n]“ würden, „das hundertmal schöner sei als die Bergfestung, voll mit willigen Jungfrauen, mit denen er nach Belieben Sex haben werde, ohne dass sie ihre Jungfräulichkeit verlören“1.

Gezielte Attentate

Die Assassinen operierten nicht nur im Verborgenen. Sie legten außerdem Wert auf absolute Präzision. Es sollte stets nur die Zielperson getötet werden. Unbeteiligte sollten verschont bleiben. Diese Vorgehensweise spricht für ein überaus professionelles Vorgehen, dass sicherlich eine ganze Reihe von besonderen Techniken und Taktiken erforderte.

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Ermordung von Nizam al-Mulk durch einen Assassinen; 14. Jhd.; Topkapi Palace Museum, Cami Al Tebari TSMK, Inv. No. H. 1653, folio 360b

Die meisten Opfer waren sunnitische Muslime. Der englische König Richard Löwenherz bediente sich mehrmals der Dienste der Assassinen. Raimund II., Graf von Tripolis war eines der prominenten Opfer. Selbst Sultan Saladin war mehrmals Ziel von Attentaten, die jedoch allesamt scheiterten.

Das Bild der schrecklichen, orientalischen Assassinen

Es war auch die Unerschrockenheit der Attentäter, die sie so furchterregend machte. Wenn es der Auftrag erforderte, nahmen sie bereitwillig und jederzeit den Tod in Kauf. So erschienen sie ihren Gegnern und Opfern bald als weit größer und gefährlicher, als sie es tatsächlich waren. Schon bald reichte alleine die Drohung, ein in ein Kissen gestochener Dolch, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Es ist umstritten, ob es den gezielten Einsatz von Drogen wirklich gegeben hat. Ich halte dies jedoch durchaus für denkbar.

Das Ende

Dass auch die Assassinen nicht unbesiegbar waren, wurde schon bald deutlich. 1256 wurde Alamut durch die Mongolen zerstört, die in Syrien, Persien und Palästina einfielen. Der letzte Anführer, Imam Rukn al-Din Khurshah, wurde nach dem Sieg der Mongolen von Hülegü Khan hingerichtet. Die Assassinen in Syrien existierten jedoch noch bis ins 14. Jahrhundert und arbeiteten für den ägyptischen Sultan.

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Die Belagerung von Alamut 1256

Auch wenn die Legenden sie zu mehr machen, als sie tatsächlich waren: Die Assassinen waren durchaus eine professionell geführte Gruppe von Meuchelmördern, die ihren schrecklichen Ruf nicht zu Unrecht trug. Ihr fielen zahlreiche Menschen zum Opfer, bei denen es sich vor allem um wichtige Persönlichkeiten ihrer Zeit handelte. Die Assassinen überlebten die Wirren des Krieges in der umkämpften Region nicht allzu lange. Ihre Geschichten, Mythen und Legenden aber bestehen bis heute fort und dienen immer wieder als Vorbild in der modernen Pop-Kultur.

Literatur:

Larringtion, Carolyne. Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones. Darmstadt, 2016.

1cf. Larrington, Carolyne (2016). S. 199.

Diesen Artikel auf Spanisch lesen:

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al-Andalus – Ort des Fortschritts und der Toleranz

Der Islam erfuhr nach seiner Entstehung, ca. 622 nach christlicher Zeitrechnung, eine rasante Ausbreitung. Bereits 710 erreichten die ersten muslimischen Truppen Spanien, siegten über die Westgoten und errichteten hier eine Provinz des Kalifats der Umayyaden – eine alte Familie, die ursprünglich aus Mekka stammte und ihre Abstammung auf den Propheten zurückführen konnte. Die Herrscher der neuen Provinz sollte sich selbst allerdings erst ab Mitte des 10. Jahrhunderts als Kalifen bezeichnen.1

Die islamische Welt im frühen Mittelalter.

Die islamische Welt im frühen Mittelalter.

Die Ausbreitung des Islam bedeutete nicht automatisch, dass der Großteil der Bevölkerung gleich zu Beginn konvertierte. Es fanden keine Zwangskonvertierungen statt. Stattdessen herrschte Zunächst eine kleine Gruppe von Muslimen über Christen und Juden, unterstützt von ausländischen Söldnern. Einwanderung gab es in den folgenden Jahrhunderten vor allem von nordafrikanischen Berbern, aber auch aus Syrien. Nach und nach konvertierten auch viele Alteingesessene zur neuen Religion.2 Dies dürfte sicherlich auch daran gelegen haben, dass die Annahme des muslimischen Glaubens vor allem gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile mit sich gebracht haben dürfte. Aber auch aufrichtige Überzeugung sollte nicht komplett außer Acht gelassen werden. Nach und nach entwickelte sich durch Einwanderung und Konvertierung eine vorwiegend muslimische Gemeinschaft. Dies bedeutete jedoch nicht, dass sich im gleichen Zuge Intoleranz gegenüber Andersgläubigen entwickeln sollte. Ganz im Gegenteil: Andere Glaubensrichtungen wurden toleriert. Auch Sunniten und Schiiten lebten in al-Andalus friedlich nebeneinander.3

Als Hauptstadt entwickelte sich nach und nach Cordoba. Der Kalif lebte in der königlichen Stadt Madinat al-Zahra, umgeben von einem engen Kreis an Beratern, der sich größtenteils aus Arabern rekrutierte. Das Land florierte, insbesondere durch neue Anbautechniken, die aus dem nahen Osten importiert wurden. Im Umland wurden vor allem Berber angesiedelt.4 Wissenschaft, Literatur, Medizin und Kunst erreichten bis dahin ungeahnte Höhepunkte. Für die Zeit seines Bestehens sollte al-Andalus, wie die muslimisch beherrschten Teile Spaniens auch genannt wurden, ein Ort der Toleranz und des Fortschritts sein. Die hier gewonnenen Erkenntnisse waren maßgeblich für die weitere Entwicklung auch Nordeuropas – insbesondere für die Scholastik.

Doch konnte sich auch al-Andalus nicht den Strömungen seiner Zeit verschließen. Schon im 8. Jahrhundert gab es Konflikte mit den christlichen Königreichen im Norden, insbesondere mit den Franken unter Karl dem Großen. Der Kriegszug des Kaisers nach Spanien konnte allerdings abgewehrt werden. Nach und nach entfernten sich die spanischen Muslime außerdem von den Lehren, die vor allem im nahen Osten praktiziert wurden und sehr viel radikaler waren. Im Laufe der Reconquista, der christlichen Rückeroberung Spaniens, geriet Cordoba letztlich genau zwischen Christen und Muslime, die jeweils einen Alleinvertretungsanspruch vertraten. Bereits in den Jahrzehnten zuvor war das Kalifat in Einzelstaaten zerfallen, die nach und nach durch die Kreuzfahrer erobert wurden. 1236 fiel schließlich Cordoba an die Christen. Abgeschlossen wurde die Reconquista aber erst 1492, als Emir Muhammad XII. Granada an Ferdinand II. von Aragon und Isabella I. übergab.

Übergabe Granadas 1492, Darstellung von 1882.

Übergabe Granadas 1492, Darstellung von 1882.

Al-Andalus dient als ein außergewöhnliches Beispiel für ein tolerantes Miteinander der Religionen in einer Zeit, mit der meist genau das Gegenteil verbunden wird. Es zeigt auch, welch großen Einfluss die sehr fortschrittliche islamische Welt im Mittelalter auf Europa hatte. Viele Entwicklungen wären ohne diesen Einfluss entweder nicht möglich gewesen oder erst sehr viel später erfolgt. Insbesondere das tolerante Klima in al-Andalus führte zu einer produktiven Kooperation zwischen allen Glaubensrichtungen, die es seitdem in dieser Form nicht mehr gegeben hat.

1Vgl. Hourani Albert (2005). S. 41.

2Vgl. Ebd. S. 41-42.

3Vgl. Ebd. S. 42.

4Vgl. Ebd. S. 42.

Literatur:

Hourani, Albert. A History of the Arap Peoples. London, 2005.

Die Wikinger in Russland – Wegbereiter eines Weltreiches

Wenn man an die Wikinger denkt, hat man meist die Plünderung der Kirchen und Klöster Englands und des Frankenreichs vor Augen, die Fahrten nach Island, Grönland und Neufundland. Vor allem die Wikinger aus Dänemark und Norwegen waren es, die weit nach Westen vorstießen – Jahrhunderte vor Christoph Kolumbus. Doch wagten sich die Nordmänner – vor allem solche aus Schweden – von ca. 750 – 1050 weit nach Osten und Südosten vor.

Die Reisen der Wikinger

Die Reisen der Wikinger

Hier wurden sie zusammenfassend als „Rus“ bezeichnet, das sich wohl aus der finnischen Bezeichnung für die Schweden, „Ruotsi“, ableitete. Die Ostslawen sollen es zu „Rus“ verändert haben.[1]

Die in den Osten vordringenden Skandinavier hatten es im Gegensatz zu ihren Landsleuten im Western weniger mit offenem Meer und mehr mit Flüssen, Wäldern und vor allem den muslimischen Chazaren zu tun. Im Schwarzen Meer trafen sie zudem auf die Byzantiner, deren Schiffe durch den Einsatz des griechischen Feuers überaus gefährliche Gegner darstellten. Doch im Gegensatz zum Westen stellte sich der Handel im Osten als weit lukrativer heraus als Raubzüge. Dies führte dazu, dass neue Handelsposten und –wege entstanden. Langfristig entstanden so nach und nach neue Städte.[2] So wurde 750 in Staraja Ladoga am linken Wolgaufer eine Siedlung gegründet, die zunächst vor allem von Pelzhändlern aufgesucht wurde. Die in der umliegenden Wildnis erbeuteten Pelze wurden vor allem in die Chazaren-Hauptstadt Itil verkauft.[3]

Beispiel einer Wikingersiedlung

Beispiel einer Wikingersiedlung

Ab der Mitte des 9. Jahrhunderts gab es eine neue Welle neuer Entwicklungen auf dem Gebiet der Handelswege. Am Nordufer des Ilmensees entstand die Siedlung Rurikowo Gorodische. Die nähere Umgebung war gut für den Ackerbau geeignet. In der gleichen Zeit drangen Skandinavier weiter ins Innere Russlands vor, was sich vor allem anhand von Grabbeigaben belegen lässt. Bei Pskow entstand eine Siedlung, die in den 860ern zerstört wurde. Ab dem späten 9. Jahrhundert entstand hier eine größere Stadt mit einer multikulturellen Bevölkerung. Südlich des Bjelojesees wuchsen zwei weitere Handelszentren. Bei Krutik siedelten sich im 9. und 10. Jahrhundert Grobschmiede an. 40 Kilometer entfernt entstand im 10. Jahrhundert die Ansiedlung Bjeloseero.[4] An der Wolga war vor allem Sarskoje von Bedeutung. Gehandelt wurde sowohl im Westen als auch im Osten. Über Chazarien wurde in erster Linie mit der islamischen Welt gehandelt. Ein weiterer wichtiger Handelspartner war Byzanz. Im späten 9. Jahrhundert wurden die mittelasiatischen Samaniden bedeutsam, die zu dieser Zeit noch über große Silbervorkommen verfügen konnten. Auch handelte man mit dem Irak und den Iran.[5]

Zu einer besonders wichtigen Siedlung entwickelte sich Kiew im 9. Jahrhundert. Unter der Rurikiden-Dynastie wurde es zum Zentrum des Rus-Staates. Das Wachstum gründete sich vor allem auf den Handel mit dem Osten. Entscheidend war zudem die Kooperation mit den Chazaren, von denen sie Kiew quasi übernahmen. Von ca. 907-912 zwangen sie die Byzantiner durch einen Angriff auf Konstantinopel zum Zugeständnis, dort Handel treiben zu dürfen. Von 941-945 kam es zu Angriffen von Schiffen aus Kiew auf byzantinische Städte, die aber durch die byzantinischen Schiffe abgewehrt werden konnten. Dennoch wurde ein neuer Handelsvertrag unterzeichnet.[6]

Währenddessen entwickelte sich im Nordosten Russlands Nowgorod zu einem bedeutsamen Machtzentrum. Der Handel mit den Samaniden kam immer mehr zum Erliegen, da die Silberminen Mittelasiens zunehmend erschöpft waren. So wurde wieder einmal der Pelzhandel wichtig, außerdem Silber in Form angelsächsischer und deutscher Münzen. Der Handel lief nun in erster Linie über Schweden, aber auch Norddeutschland und Polen waren wichtig. Insgesamt wurde der Ostseehandel zu einem Stützpfeiler des Rus-Reiches. Die dort lebenden Skandinavier drangen sogar in das Weiße Meer und bis zur Kola-Halbinsel vor.[7]

Das „Ende“ der Skandinavier in Russland wird meistens im 11. Jahrhundert lokalisiert. Die Anfangs eingewanderten Nordmänner hatten sich längst mit den verschiedenen Völkern der jeweiligen Gebiete vermischt. Die jetzt noch neu hinzukommenden Skandinavier verdingten sich häufig als Söldner. Doch auch diese verloren zunehmend ihre Bedeutung, nachdem in der Schlacht von Listwen 1024 ein Söldnerkontingent durch berittene nomadische Hilfstruppen vernichtend geschlagen wurde. Die Zeit, in der Fußtruppen die Schlachtfelder beherrschten, war zunächst vorbei.[8]

Die in die Gebiete des heutigen Russlands einwandernden Skandinavier haben entscheidend dazu beigetragen, dem russischen Reich den Weg zu bereiten. Sie verschwanden dabei nicht plötzlich aus diesen Regionen, sondern vermischten sich mit den zahlreichen Kulturen, die bereits ansässig waren oder auch später dazu kamen. Auch wenn die Handelsbeziehungen nach Skandinavien bestehen blieben, war die große Einwanderung aus diesen Gebieten ab dem 11. Jahrhundert vorbei. Es waren neue Strukturen entstanden, die sich über die Zeit noch mehrmals wandeln sollten. Insgesamt ist die Besiedlung des Ostens durch die Seefahrer des Nordens ein beeindruckendes Beispiel für deren Willen und Fähigkeit, lange Distanzen zu überbrücken, neue Kontakte zu knüpfen und sich Gegebenheiten vor Ort zu Nutzen zu machen. Dabei setzten sie auf eine Kombination aus Handelsgeschick, Diplomatie und  Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen. Mittel, die auch nach ihrer Herrschaft von Bedeutung bleiben sollten – bis in die heutige Zeit.

Die Ausdehnung des Rus-Reiches im 11. Jhd. (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/da/KiewerRus.jpg, 20.02.2014).

Die Ausdehnung des Rus-Reiches im 11. Jhd.
(http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/da/KiewerRus.jpg, 20.02.2014).


[1] Vgl. Noonan, Thomas S. (2001). S. 144-145.

[2] Vgl. Ebd. S. 145.

[3] Vgl. Ebd. S. 151-152.

[4] Vgl. Ebd. S. 153.

[5] Vgl. Ebd. S. 154-157.

[6] Vgl. Ebd. S. 157-160.

[7] Vgl. Ebd. S. 160-163.

[8] Vgl. Ebd. S. 163-165.

Literatur:

Noonan, Thomas S. Skandinavier im europäischen Teil Rußlands. In: Peter Sawyer (Hg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000.

 

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Der Hof Karls des Großen und sein Einfluss auf die karolingische Kultur

Wenn wir vom Hof Karls des Großen sprechen ist damit keinesfalls eine feste geographische Position gleichzusetzen. Es handelt sich vielmehr um einen mehr oder weniger festen Personenverband, der regelmäßig im Frankenreich umherzog und dabei an verschiedenen Orten Halt machte. Der Herrscher zeigte sich so seinen Untertanen und war in der Lage, lokale Probleme persönlich zu beheben. Man bezeichnet dies heute als Reisekönigtum. Die einzelnen Stationen lassen sich relativ gut anhand des jeweiligen Itinerars nachvollziehen, wo jede Station genau verzeichnet ist. Von diesem sogenannten Reisekönigtum ist relativ häufig zu lesen. Doch wer zog dort, abgesehen vom König bzw. Kaiser, eigentlich durch die Lande? Wer bildete den Königshof zur Zeit Karls des Großen?

Unabhängig vom umherziehenden Troß gab es verschiedene Hofämter. Die „mansonarii“ waren die Quartiermeister. Diese waren dafür verantwortlich, die jeweils angesteuerte Pfalz für den König/Kaiser und sein Gefolge herzurichten. Der Seneschall war für die königliche Tafel zuständig, der Mundschenk für den reibungslosen Ablauf innerhalb der Pfalz. Der Connetable war der Stallmeister und damit verantwortlich für die Unterbringung der Reit- und Lastentiere. Der Kämmerer widerrum war zuständig für die Gemächer. Ihm kam damit eine nicht zu unterschätzende Verantwortung zu, da in den Gemächern des Herrschers auch der Schatz desselben aufbewahrt wurden. Diese Positionen wurden mit den Großen des Reiches besetzt, was als große Ehre galt. Mit dem König waren seine gesamte Familie, Gesinde, die Beamten, die Hofgeistlichen und teilweise Vasallen unterwegs. Auch Krieger waren zahlreich vertreten.

Alle diese Menschen mussten in der jeweiligen Pfalz versorgt werden. Wie anspruchsvoll diese Aufgabe war wird unter anderem deutlich, wenn man die einzelnen Verordnungen Karls darüber, was im Garten einer Pfalz idealerweise angebaut werden sollte, in Augenschein nimmt. Die Jagd der Adligen steuerte dann noch etwas Fleisch bei, was aber eher bei Festen der Fall war. Sehr prunkvoll wurde es vor allem dann, wenn ausländische Herrscher am Hof empfangen wurden.

Wie man sich leicht vorstellen kann, gab es am Hofe ein enges Beziehungsgeflecht. Die Adligen waren stets darum bemüht, ihren erreichten Status zu erhalten und möglichst zu verbessern. Der König konnte einen genauen Blick auf seine Familie werfen und die Ausbildung seines Nachwuchses überwachen. Der Klerus, der gleichzeitig die königliche Kanzlei betrieb, beriet den Herrscher in religiösen Fragen und sorgte gleichzeitig für die Ausbildung. Karl der Große zog aber zusätzlich eine ganze Reihe hochgebildeter Gelehrter an seinen Hof, um sich mit ihnen über die freien Künste – also Künste, die nicht dem Gelderwerb gewidmet waren – zu diskutieren. Karl interessierte sich vor allem für Rhetorik, Dialektik, Astrologie, Theologie und Mathematik.

Besonders bekannt ist hier der Engländer Alkuin (735-804). Er hing der Tradition an, die sich vor allem auf die klassischen Studien, also den Ansichten der Antike, stütze. Er verfasste mehrere Lehrbücher auf Basis der antiken Philosophen. Er sah es als gerecht an, dass Karl der Große mit Hilfe des Schwertes die zahlreichen heidnischen Völker eroberte und bekehrte. Außerdem sah er es als sinnvoll an, dass Karl eine eigene Kirchenpolitik, unabhängig von der des Papstes, in die Tat umsetzte. Er wurde zu einem engen Berater des Kaisers in religiösen und kirchenpolitischen Fragen.

Ein anderer wichtiger Gelehrte an Karls Hof war Theodulf von Orleans. Er stammte ursprünglich aus Spanien und war zunächst bis 798 n. Chr. Kanzler von Karl. Danach stieg er zum Bischof von Orleans und Abt von Fleury auf. Seine Spezialgebiete waren die Poesie, die Theologie und die Politik. Er, zusammen mit anderen Spaniern, wurde zu einer wichtigen Persönlichkeit bei den Auseinandersetzungen zwischen Franken und Byzantinern in wichtigen Glaubens- und Legitimationsfragen.

Die Langobarden spielten ebenalls eine entscheidende Rolle am Hof. Das Langobardenreich war von Karl erobert worden und seine Gelehrten und Geistlichen versuchten nun, im Frankenreich Fuß zu fassen. Zu nennen sind hier vor allem Fardulf, Abt von St. Denis und Paulus Diaconus. Während Fardulf für Karl eine hölzerne Königshalle in Aachen erbaute, schrieb Paulus für Karl eine berühmte Tierfabel: Karl wird als Löwe dargestellt, seinen Untertanen in Gestalt anderer Tiere mit ihren ganz bestimmten Eigenschaften.

Aber nicht nur Gelehrte, auch zahlreiche Künstler zog es an den Hof Karls des Großen. Zusammengenommen bildeten alle diese Menschen einen Ort, an dem Bildung entstehen und sich Kultur verbreiten konnte. Nicht verwunderlich also, dass sich von hier aus die karolingische Renaissance ausbreitete. Man muss allerdings bedenken, dass diese Kultur den Umkreis des Hofes anfangs noch nicht verlassen konnte. Der einzelne Bauer auf dem Lande konnte hieran noch nicht teilhaben. Aus diesem Grund propagierte Karl später die Verbreitung der Schulen, um zumindest rudimentäre Kenntnisse zu vermitteln. Gerade aber für das Christentum und die Klöster waren diese Entwicklungen von großer Bedeutung.

Der karolingische Hof dieser Zeit war also eine Art Schmelztiegel, in dem Politik, Religion und Familie ineinander griffen. Er bildete daher gleichzeitig den Mittelpunkt des Reiches, das kulturelle, religiöse und soziale Zentrum. Und mit Aachen schuf Karl der Große eine Stadt, die zumindest von der Intention her dem Konzept einer festen Hauptstadt näher kam als jede fränkische Gründung zuvor.

Sekundärliteratur:

Heer, Friedrich. Karl der Große und seine Welt. Wien u.a., 1977.

Riche, Pierre. Die Welt der Karolinger. Übers. Cornelia und Ulf Dirlmeier. 3., durchgesehene Auflage. Stuttgart, 2009.

Reiche des Mittelalters – Das Frankenreich: Eine kleine Einführung

Hierbei soll es sich um eine kleine, eher allgemein gehaltene Einführung in das Frankenreich handeln. Nach dem Ende des weströmischen Reiches wurden die ehemaligen Provinzen des Imperium Romanum von verschiedenen Stämmen in Besitz genommen. In den Gebieten nördlich der Alpen waren dies vor allem Sueben, Alemannen, Burgunder, Westgoten und Franken. Obwohl sie aus verschiedenen Gebieten stammten, waren ihre Absichten sehr ähnlich. Während sie anfangs regelmäßig Angriffe auf die römische Westgrenze ausführten, ging es ihnen nun um Land, auf dem sie Herrschaft ausüben und ihr Volk ernähren konnten.

Entscheidend für ein erfolgreiches Königtum war neben militärischen Fähigkeiten vor allem der Schatz des Königs. Erst mit diesem war es ihm möglich, Krieger zu bezahlen. Es war also nicht so, dass diese ihm aus blosser Treue folgten. Der Herrscher hatte zuallererst die Aufgabe, die ,,finaziellen“ Bedürfnisse seiner Gefolgsleute zu befriedigen. Staaten im heute üblichen Sinne gab es damals noch nicht. Es gab nur Herrschaft. Die Königsherrschaft bestimmte, wo welche Gesetze galten. Dabei wurde im Frankenreich genau unterschieden, zu welchem Stamm der Angeklagte gehörte. Ein jeder wurde nach dem Gesetz seines Stammes gerichtet.

Die Franken, zunächst nur ein Stamm unter vielen, entwickelten sich unter dem König Chlodwig I. zu einer ernstzunehmenden Macht nördlich der Alpen. Das erste Königsgeschlecht waren die Merowinger. Dieses leitete seine Herkunft von einer Seeschlange ab und stellte sich damit in die Tradition antiker Herrscher. Mit der Zeit gelang es den Franken, benachbarte Stämme zu unterwerfen und ihrem Reich einzuverleiben. Auch den Sachsen blieb dieses Schicksal nicht erspart. Die Inhaber eines der Hofämter, die Hausmeier, gelangten mit der Zeit an immer mehr Macht. Letzten Endes gelang es ihnen, die Merowinger zu entmachten und sich selbst den Thron zu sichern. Damit war die Dynastie der Karolinger begründet.

Die Franken brachten einige bedeutende Herrscher hervor, auf die ich in diesem Blog noch eingehen werde. Besonders König Pippin und sein Sohn Karl, der spätere Karl der Große, verhalfen ihrem Reich zu einer Blütephase. Durch geschickte Verhandlungen mit den römischen Päpsten, welche von den Langobarden bedroht wurden und von den Franken von dieser Gefahr erettet wurden, gelangte Karl im Jahr 800 sogar an den Kaisertitel und begründete damit eine jahrhundertelange Tradition. Besonders unter Karl blühten Bildung und Wissenschaft auf. Klöster und Schulen wurden gegründet, was ganz erheblich zu einer breiten Bildung beitrug. Antike Schriften, nur noch fragmentarisch auf Papyrus erhalten, wurden auf Pergament abgeschrieben und so der Nachwelt erhalten. Aber auch eigene, neue Texte wurden von Geistlichen verfasst.

Doch bereits unter den Söhnen Karls, unter denen das Reich gemäß altem Brauch aufgeteilt wurde, schwand die Macht der Franken mit der Zeit aufgrund von inneren Konflikten. Zudem gab es ständige äußere Bedrohungen durch Muslime, Wikinger und Ungarn. Besonders gegen die schnellen Raubzüge der Wikinger und Ungarn schienen die Franken kaum geeignete Mittel zu finden. Immer wieder drangen Feinde weit in das Reich vor und fanden in Klöstern und Siedlungen lohnenswerte Beute. Bedingt durch die Reichsteilung entwickelten sich im Laufe der Zeit die Königreiche, die im hohen Mittelalter die Macht in West- und Südeuropa ausüben sollten. Aus dem Westfrankenreich wurde später Frankreich, aus dem Ostfrankenreich das Deutsche Reich. In Norditalien gewannen einzelne Städte immer mehr an Bedeutung. Gleichzeitig blieben die regionalen Gewalten in einer starken Position. Diese hielten ein gewisses Maß an Ordnung aufrecht, auch wenn die Könige durch Thronstreitigkeiten abgelenkt waren.

Wie zu sehen ist, wurde durch das Frankenreich das Fundament des mittelalterlichen Europas gelegt. Dies trifft sowohl auf die Grenzen als auch auf die Glaubenswelt der Menschen und die Wissenschaft zu. Die politische und gesellschaftliche Landkarte Europas für das Mittelalter hätte eine ganz andere Gestalt angenommen, hätten andere Mächte die Kontrolle anstatt der Franken übernommen.

Sekundärliteratur:

Schmidt, Michael: Das Mewowingerreich im Gefüge Europas (von 291-754). Artaunon-Verlag: Frankfurt am Main, 2008.

Scharff, Thomas: Die Kämpfe der Herrscher und der Heiligen: Krieg und historische Erinnerung in der Karolingerzeit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt, 2002.

Fried, Johannes: Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. Deutscher Taschenbuch Verlag: München, 2011.


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