Vorurteile und Selbstbewusstsein – Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter

Frauen „wie im Mittelalter“ zu behandeln klingt nicht gerade erstrebenswert. Dass es sich bei dieser Aussage oft um eine relativ inhaltsleere Floskel handelt, dürfte den meisten klar sein. Wie war es um die soziale Stellung der Frau im Mittelalter wirklich bestellt?

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter – wann und wo genau?

Zunächst muss der geographische und zeitliche Rahmen genauer definiert werden. Das mittelalterliche Europa gliederte sich in zahlreiche Gebiete mit durchaus unterschiedlichen Gebräuchen und Rechtsordnungen. Ich möchte mich in erster Linie auf das England des 14. Jahrhunderts konzentrieren.

Wie wurde die soziale Stellung im Mittelalter definiert?

Ein Mann war nicht einfach ein Mann. Er war Schmied, Ritter oder König. Die Frau dagegen wurde nicht ihrer Tätigkeit nach definiert, sondern ihrem Personenstand nach. War sie verheiratet, verwitwet oder noch unverheiratet? Gehörte sie vielleicht einem Nonnenkonvent an?

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Das Klosterleben bot Frauen ohne Ehemann eine weitere Perspektive. Millais – Das Tal der Stille. Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Stand innerhalb der Gesellschaft. Dieser richtete sich einzig und allein nach dem ihres Ehemannes. War sie unverheiratet, war die soziale Stellung des Vaters ausschlaggebend.

Die Wurzel allen Übels und der Ungleichheit…..

lag, wenig überraschend, in der Bibel. Das Naschen von der verbotenen Frucht und das Verführen von Adam bildeten nach christlicher Vorstellung den Ausgangspunkt allen Übels, dem die Menschheit seit der Vertreibung aus dem Paradies ausgesetzt ist. Frauen wurden dementsprechend nicht nur als schuldig angesehen, sondern ihnen wurde unterstellt, den Männer in so gut wie allen Bereichen deutlich unterlegen zu sein.

Die Sexualität trägt nicht gerade zum Verständnis bei

Vielmehr wird sie nicht oder nur unzureichend verstanden. Vor allem von den Männern nicht. Die Liste der überlieferten Vorurteile zu diesem Thema ist ebenso lang wie haarsträubend. So wurde davon ausgegangen, dass eine Frau ohne einen Orgasmus kein Kind bekommen konnte. Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, was diese Annahme für schwangere Vergewaltigungsopfer bedeutete. Noch schlimmer war es, wenn die Täter einer höheren Gesellschaftsschicht entstammten. Diese anzuklagen, hatte so gut wie nie eine Erfolgsaussicht.

Das Leiden der Leibeigenen

Das Wohlergehen der Frauen hing ganz wesentlich davon ab, in welche soziale Schicht sie einheirateten. Leibeigene führten im Mittelalter meist ein elendes Leben. Frauen erging es hier ganz besonders schlecht. Starb ihr Ehemann, wurde die Frau nicht selten von ihrem Herren weiter verheiratet. Diese Zwangshochzeiten fanden nicht nur willkürlich statt, die Frauen hatten auch kaum die Möglichkeit, sich gegen gewalttätige Ehemänner zu wehren. Sie mussten ihren Männern sexuell jederzeit gefügig sein. Sie konnten sich von ihnen trennen, allerdings verloren sie in diesem Fall all ihren Besitz und besaßen kaum die Möglichkeit, anderswo Anschluss zu finden.

Die soziale Stellung der Frau brachte dennoch nicht nur Nachteile mit sich

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Christina de Pisan, wurde nach dem Tod ihres Ehemannes 1390 eine berühmte Schreiberin.

So hart die Lebensbedingungen für Frauen im Mittelalter auch waren: Es konnte unter bestimmten Umständen durchaus von Vorteil sein, eine Frau zu sein. Auch wenn sie den Männern untergeordnet waren, konnten Frauen im Mittelalter durchaus Eigenständigkeit erreichen. Witwen durften beispielsweise das Handwerk oder das Geschäft ihres verstorbenen Gatten weiterführen. Zudem war es misshandelten Frauen möglich, ihre gewalttätigen Ehemänner vor dem Kirchengericht anzuklagen. Ein wichtiges Detail für kriminelle Paare: Wurden die Missetaten aufgedeckt, musste einzig der Mann dafür büßen. Die Frau konnte sich darauf berufen, nur auf Anweisung des Mannes gehandelt zu haben.

Frauen an den Herd?

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter wird heute oft abfällig damit kommentiert, dass sie sowieso nur für den Haushalt zuständig gewesen ist. Dieses Bild stammt allerdings vor allem aus den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Im Mittelalter bedeutete die Verantwortlichkeit für den Haushalt weit mehr, als dem müden Ehemann Abends ein schmackhaftes Essen zuzubereiten. Die Frau kümmerte sich häufig um alle Abläufe, die den Haushalt betrafen. Die Kontrolle der Vorratshaltung, der Bediensteten und des gesamten Hauses und eventuell vorhandener Außengebäude lag in den Händen der Ehefrau. Sie trug damit für nicht weniger die Verantwortung als für das langfristige Überleben des gesamten Personenverbandes.

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter – ein differenziertes Thema

Wir wir sehen, gibt es nicht den einen Umgang mit Frauen im Mittelalter. Vieles hing davon ab, in welcher sozialen Schicht sich die Frau befand. Einer Königin erging es meist wesentlich besser als einer Leibeigenen. Die Frauen des Mittelstandes hatten oft keine allzu üblen Aussichten, auch wenn Gleichberechtigung weder bekannt war noch angestrebt wurde. Gleichzeitig war es möglich, dass Frauen unter bestimmten Voraussetzungen eigenständig agierten und wichtige Positionen innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft einnahmen.

Wie so oft kommt es eben auf den Einzelfall an. Generell lässt sich aber sagen, dass die Menschen des Mittelalters von einem gleichberechtigten Leben weit entfernt waren. Wichtiger war die vorgegebene, göttliche Ordnung, die um jeden Preis beibehalten werden musste.

Literatur:

Mortimer, Ian. Im Mittelalter. Handbuch für Zeitreisende. München, 2015.

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Die Bedeutung der Gemeinschaft im Mittelalter

So lange es Menschen gibt, so lange leben sie in Gemeinschaften zusammen. Alleine dauerhaft zu überleben ist nur den wenigsten Überlebenskünstlern wirklich geglückt. Die Bedeutung der Gemeinschaft für den Einzelnen ist daher auch für das Verständnis des Mittelalters von ausgesprochener Relevanz. Denn gerade in harten Zeiten kann es sehr von Vorteil sein, sich auf die Unterstützung einer Gruppe verlassen zu können.

Die Familie

Die mittelalterliche Familie konnte sehr unterschiedlich aussehen, je nachdem, in welcher sozialen Schicht sie sich befand. Im Gegensatz zur modernen Kleinfamilie umfasste der mittelalterliche Familienverband eine weit größere Zahl an Personen. Neben Vater, Mutter und Kindern lebten auch Großeltern, Diener und Knechte in einem Haushalt zusammen. Wer dabei wen heiratete, lag meist im Ermessen einer bestimmten Autorität. Bei Freien war dies in der Regel der Vater, der Verhandlungen über die Verheiratung seiner Töchter führte. Bei Unfreien wurde dies häufig vom jeweiligen Lehnsherr übernommen. Diese Verhandlungen waren enorm wichtig. Durch eine geschickte Heiratspolitik war es möglich, den eigenen sozialen Stand deutlich zu verbessern. Davon profitierten dann wiederum die Kinder, die aus der Verbindung hervorgingen. Die Eltern konnten sich hingegen auf die Unterstützung durch ihre erwachsenen Kinder verlassen. Der Fortbestand der Familie wurde entscheidend dadurch bestimmt, wo sie sich im Gesellschaftsverband verortete und natürlich davon, dass genug Nachkommen gezeugt wurden, die das Kindesalter überlebten.

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Dorf und Stadt

Das Mittelalter war eine agrarisch geprägte Epoche. Die meisten Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft. In Ermangelung modernen Maschinen war hier, neben der Zugkraft der Ochsen, die menschliche Arbeitskraft entscheidend. Hiervon waren auch die Kinder nicht ausgenommen. Sie lernten bereits früh, wie die Felder bewirtschaftet und Vieh gehalten wurde.

In der Stadt waren vor allem Handwerk und Handel Triebkräfte des wirtschaftlichen Erfolges. Doch auch hier wurden die Kinder bereits frühzeitig zur Arbeit herangezogen. Die Städte waren im Hochmittelalter auf ständigen Zuzug und möglichst hohe Geburtenraten angewiesen, um die durch Krankheiten verursachten Verluste auszugleichen. Dies gilt insbesondere für die Zeit der Pest, die Millionen von Menschen das Leben kostete. Im Spätmittelalter griffen viele Städte bzw. ihre Herren hingegen auf Geburtenkontrolle zurück. Es wurde genau bestimmt, wer Kinder bekommen durfte und wer nicht. So sollte die Bevölkerungszahl auf einem Niveau gehalten werden, dass aus dem Umland versorgt werden konnte.

Die Hanse - Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Die Hanse – Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Innerhalb der Städte bildeten sich wiederum kleinere Gemeinschaften. Handwerksbetriebe schlossen sich zu Zünften zusammen, um die Interessen eines bestimmten Handwerkszweiges besser vertreten zu können. Händler verbanden sich neben ihren Gilden sogar über die Grenzen der Stadt hinweg, um ihre Geschäfte schnellerer und sicherer abwickeln zu können. Die Ebene der Kooperation orientierte sich dabei an den einzelnen Interessen und den Vorteilen, die sie ihren Mitgliedern bringen konnte.

Der Gemeinschaft kam stets die größte Bedeutung zu. Der Einzelne hatte sich dem Wohl dieser unterzuordnen. Es war ein schwerwiegendes Verbrechen, die Sicherheit der Gemeinschaft in Gefahr zu bringen. Wer in einer Siedlung Brände legte oder einen Aufstand gegen die bestehende Ordnung anzettelte, machte sich aus der Sicht der damaligen Zeit schwerer Verbrechen gegen die gottgegebene Ordnung schuldig. Die Strafen vielen entsprechend drakonisch aus. Letztlich konnten diese Gemeinschaften nur durch eine klare Ordnung und funktionierende Sicherheitssysteme überleben. Die Menschen wussten, dass der Zusammenhalt das Überleben ihrer Familien sicherte.

Die Stände

Die drei Stände des Mittelalters – Beter, Kämpfer und Bauern – waren ebenfalls Gemeinschaften. Es gab bestimmte Insignien, die die Zugehörigkeit anzeigten. Der Umgang der Standesgenossen miteinander und das Verhalten gegenüber den anderen Ständen waren klar geregelt. So sollte sichergestellt werden, dass jeder Stand die ihm zugedachten Aufgaben erfüllte und Konflikte zwischen den Ständen vermieden wurden. Jeder sollte seinen Platz kennen und sich dementsprechend in die Gemeinschaft einbringen. Es ist hinlänglich bekannt, dass dieses ideale Bild nicht immer der Realität entsprach. Dennoch gab es klare Regeln, die zu einem großen Teil auch so angewandt wurden.

Die Verteidigung der Gemeinschaft und der Schutz durch die Gemeinschaft

Kam es zu Angriffen von außen, war jedes wehrfähige Mitglied einer Gemeinschaft dazu verpflichtet, sich an der Verteidigung zu beteiligen. Letztlich waren alle vom Angriff betroffen, daher war es nur konsequent, dass alle zusammen hielten um ihr Leben und ihre Besitztümer zu verteidigen. Hierbei machte es in der Praxis kaum einen Unterschied, ob es sich um Bauern oder um Adlige handelte. So ist aus dem Neusser Krieg von 1474/75 überliefert, dass burgundische Söldner beim Plündern durch wütende Bauern vertrieben wurden. Auch die Frauen beteiligten sich an der Verteidigung. Wenn sie nicht selbst zu den Waffen griffen (was sie durchaus taten), versorgten sie die Kämpfenden und Verwundeten oder bezahlten Söldner, die für sie kämpften.

Die Städte verteidigten sich aber nicht nur gegen angreifende Feinde. Sie schützten auch ihre Mitglieder. Beispielsweise, indem sie in Gefangenschaft oder Sklaverei geratene Bürger freikauften. Auch konnte sich ein Bürger stets darauf berufen, einer bestimmten Stadt zugehören. Das konnte seinem Wort ein gewisses Gewicht verleihen. Umso schlimmer wog die Verbannung. Der Einzelne war plötzlich schutzlos und musste sich schnellstmöglich ein neues soziales Umfeld suchen, um zu überleben.

Dieses Umfeld konnte der Einzelne unter Umständen bei anderen Ausgestoßenen finden, die sich ihrerseits organisiert hatten. Bekannte Beispiele sind die Geächteten, die gar keine andere Wahl hatten, als sich gegenseitig zu unterstützen. Im späten Mittelalter bestand auch die Möglichkeit, sich einer der Söldnerkompanien anzuschließen und im Krieg sein Glück zu suchen.

Die Bedeutung einer effektiven Führung

Wie wir gesehen haben, ist für das Funktionieren jeder Gemeinschaft eine entsprechende Führung unerlässlich. Ohne klare Regeln und ein System, dass für deren Einhaltung sorgt, wäre jede Form der Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt gewesen. Dies ist ein Grund dafür, dass ein Aufbegehren gegen die bestehende Ordnung als schweres Verbrechen gewertet wurde. Gleichzeitig waren auch die Anführer stets in der Pflicht, gute Entscheidungen zu treffen. Idealerweise sollten sie die gesamte Gemeinschaft nicht nur erhalten, sondern auch zum Heil führen. Herrscher, die aus purem Eigennutz handelten, wurden in der Literatur daher häufig negativ beurteilt. So konnte auch ein König oder Kaiser nicht einfach das tun, was er wollte. Er musste sich stets auch der Interessen seiner Vasallen bewusst sein und sie in seine Entscheidungen einbeziehen. Tat er dies nicht, riskierte er Widerstand, Ablehnung und die Verweigerung von Unterstützung ihm wichtiger Vorhaben. Untergebene und Herren befanden sich also in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, auch wenn eine Hierarchie für das Funktionieren der mittelalterlichen Welt unabdingbar war.

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Wie wichtig war die Gemeinschaft für die Menschen?

Kein Mensch kann ganz alleine überleben. Das galt zu allen Zeiten. Umso weniger überrascht ist, dass auch das Mittelalter eine ganze Reihe von Organisationsformen kannte, die den Menschen das Überleben sicherten und ihnen half, sich bestimmte Vorteile zu verschaffen. Wer seine Gemeinschaft verlor, schwebte in großer Gefahr. Ohne Unterstützung hatte er es außerordentlich schwer, in der harten Welt des Mittelalters zu überleben. Auch die höheren Stände waren auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. Auffällig ist, dass der Einhaltung bestehender Regeln und Gesetze großer Wert beigemessen wurde. Das Zusammenleben der Gemeinschaft musste geregelt sein, um zu funktionieren. Geriet diese in Unruhe oder nahmen Regelbrüche zu, geriet das gesamte Gemeinschaftsgefüge in Gefahr. Dass das den schnellen Untergang bedeuten konnte, war den Menschen also durchaus klar. Die Gemeinschaften waren dabei nicht unbedingt nach außen abgeschlossen. Sie funktionierten immer in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt.

Der gerichtliche Zweikampf im Mittelalter

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Gerichtlicher Zweikampf 1544

Ein sehr bekanntes mittelalterliches Motiv stellen die Gottesurteile dar, insbesondere der gerichtliche Zweikampf. Dabei handelt es sich hierbei keineswegs um eine Erfindung des Mittelalters. Gottesurteile gab es bereits in der Antike und dort in verschiedenen Kulturen. Auch bei Völkern Mittel- und Südamerikas gab es die Vorstellung, dass man durch Wettkämpfe den Willen der Götter ablesen könnte.

Man kann daraus schließen, dass diese Methode nicht allein durch Überlieferung und Tradition zu Stande kam. Vielmehr lohnt ein Blick auf die religiösen Vorstellungen von der Welt. Alle Kulturen gingen von einer allem zu Grunde liegenden Ordnungskraft aus. Ohne Ordnung war kein Leben möglich, von Zivilisationen ganz zu schweigen.  Nicht ohne Grund basieren auch die Religionen auf einem Ordnungsprinzip mit klaren Regeln.

Verstieß ein Mensch gegen diese Ordnung, stellte er gleichzeitig eine Bedrohung derselben dar. Im Grunde gilt dies auch heute noch. Ein Einbrecher beispielsweise bedroht das sicher geglaubte Heim anderer Menschen, die sich bei ihrer Existenzplanung auf ein Mindestmaß an Sicherheit verlassen.

Eide auf Reliquien

Eide auf Reliquien (Sachsenspiegel)

Beim Gottesurteil verließ man sich darauf, dass die Kräfte der Ordnung immer die Oberhand gewinnen würden. Im Falle des europäischen Mittelalters würde Gott demjenigen zum Sieg verhelfen, der im Recht war. Denn es wäre unvorstellbar, dass Er die Kräfte des Bösen triumphieren lassen würde. Doch es musste nicht sofort ein Kampf erfolgen. Zunächst einmal gab es den Eid, der sich bis in unser modernes Rechtssystem erhalten hat. Zur Zeit der Germanen gewann hier allerdings vor allem derjenige, der die meisten Eideshelfer für sich gewinnen konnte, also Menschen, die ihn in seiner Aussage unterstützten.[1]

Wenn dies von vorneherein klar war, konnte einer der Streitenden dem anderen im Vorfeld die Schwurhand entziehen, womit ein Zweikampf notwendig wurde. Auch das jeweilige Gericht konnte diesen anordnen. Dieser Kampf hatte genauen Regeln zu folgen, die vom Gericht festgelegt wurden. Wichtig war vor allem, dass die Chancengleichheit gewahrt wurde. So gab es beispielsweise beim Zweikampf zwischen Mann und Frau die Variante, dass der Mann bis zur Hüfte in einem Loch stand, dass er nicht verlassen durfte. Auch der Kampfplatz war genau abgesteckt.[2] Frauen wie Männer hatten aber auch das Recht, jemanden an ihrer Stelle für sich kämpfen zu lassen oder eine andere Art des Gottesurteils zu verlangen. Als Vertreter kamen entweder Kämpfer in Frage, die ihre Dienste für Geld anboten, oder Ritter, die sich bereit erklärten, anzutreten. So konnte es auch zu einem Kampf zwischen einem Adligen und einem Bauern kommen.[3]

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Zweikampf zwischen Mann und Frau

Im Mittelalter waren nicht nur die Adligen im Kampf ausgebildet. Die Bürger einer Stadt mussten diese im Krieg selbst verteidigen. Das galt ebenfalls für die Bauern auf ihren Höfen und in den Dörfern, die sich im Ernstfall zunächst alleine gegen Räuber wehren mussten. Insgesamt lag zu dieser Zeit die Selbstverteidigung in erster Linie bei einem selbst und erst dann bei den Ordnungskräften. Denn bis diese vor Ort waren, falls sie überhaupt verfügbar waren, konnte es dauern. So trugen auch die einfachen Menschen Waffen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das sogenannte Lange Messer, das mit einer Schneide auch von Nichtadligen geführt werden durfte. So war der Sieg des Ritters im Zweikampf nicht vollkommen sicher.

Insbesondere in den Städten wurde der gerichtliche Zweikampf zunehmend unbeliebt, insbesondere unter den Kaufleuten. So wurde sich zunehmend darum bemüht, von dieser Regelung befreit zu werden. Ganz besonders schlecht für das Geschäft war es, wenn sich ein auswärtiger Kaufmann Gottesurteilen unterziehen musste und der Stadt zukünftig fernblieb oder gar getötet wurde. Aus diesem Grund entwickelte sich nun die Zeugenbefragung, um den wahren Hergang eines Verbrechens nachvollziehen zu können. Dazu kam, dass nun auch die Folter als gängiges Verfahren zur Wahrheitsfindung Anwendung fand.[4]

Gänzlich verschwunden war das Gottesurteil damit allerdings nicht, was die Hexenprozesse zeigen sollten, von denen die letzten noch im 18. Jahrhundert stattfanden. Und auch heute noch existiert die Vorstellung, dass derjenige, der auf der richtigen Seite steht, siegen wird. Auch das Vertrauen darauf, dass das Gute letztlich über das Böse triumphieren wird, geht auf die Denkweisen der Antike und  des Mittelalters zurück. Die Idee des Gottesurteils ist somit sehr viel aktueller, als man es auf den ersten Blick vermuten könnte.

 

[1] Vgl. Schild, Wolfgang (1989). S. 226.

[2] Vgl. Ebd. S. 226-229.

[3] Vgl. Ebd, S, 232-233.

[4] Vgl. Ebd. S. 236-237.

Literatur:

Schild, Wolfgang: Die Gottesurteile. In: Justiz in alter Zeit (Schriftenreihe des Mittelalterlichen Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber; 6). Rothenburg o. d. T. 1989. S. 225-240.

 

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Straftatbestände des Mittelalters und ihre Bestrafung

Unsere heutigen Gesetze sind keineswegs eine reine Erfindung der Neuzeit. Ihre Ursprünge reichen bis in die Antike zurück. Ihre Bewertung und die Bestrafungen änderten sich aber über die Zeit. Während über Folter in diesem Blog bereits geschrieben wurde, soll an dieser Stelle auf die Einzelheiten der als bestrafungswürdig angesehenen Vergehen eingegangen und auch die angewandten Strafen kurz vorgestellt werden.

Die Tötung eines anderen Menschen Hier wurde im Mittelalter unterschieden zwischen Mord, Totschlag und Kindesmord. Mord war bei den Germanen noch durch die Zahlung des sogenannten Wergeldes sühnbar. Ab den 12. Jahrhundert änderte sich dies. Als Mord galt, wenn man einen anderen Menschen geplant tötete. Die Tötung musste zudem im Geheimen passieren und der Mörder musste versuchen, die Leiche vor Entdeckung zu verbergen. Außerdem wurde das Töten nach Auftrag, aus Streben nach Gewinn, eines Wehr- oder Ahnungslosen als Mord angesehen.

Rädern

Rädern

Die Strafen für Mord muten aus unserer heutigen Sicht außerordentlich brutal an. Oft wird das Rädern als Strafe genannt. Der Verurteilte wurde zur Richtstätte geschleift, am Boden fixiert und ihm anschließend mit einem Wagenrad Gelenke und Knochen gebrochen, bevor man ihn tötete. War das Gericht gnädig gestimmt, wurden die Verurteilten mit dem Richtschwert enthauptet. Frauen wurden lebendig begraben, gehängt oder verbrannt. Wichtig zu erwähnen ist, dass es bei schweren Fällen zu einer Kumulierung der Strafen kommen konnte. In der Praxis bedeutete dies, dass vor der eigentlichen Hinrichtung noch Strafen für andere Vergehen vor oder während dem Mord hinzukommen konnten. Vom Mord wurde der Totschlag unterschieden, wenn diese Trennung auch nicht immer scharf gezogen wurde. Auch dieses Vergehen wurde in der Regel mit einer Hinrichtung geahndet, es sei denn, der Beschuldigte hatte in Notwehr gehandelt, dies unter Eid ausgesagt und den Richter davon überzeugt – in diesem Fall war er frei. Die Tötung eines Kinds war ein schwerer Fall der Tötung eines Wehrlosen. Als Strafen wurden Ertränken, Lebendig begraben oder Pfählen des Täters angewandt. Mütter, die unehelich gezeugte Neugeborene umbrachten, wurden allerdings nur sehr selten bestraft – vor allem deswegen, weil es keine lebenden Menschen gab, die hierdurch einen Nachteil erlitten. Wie wir sehen, war das weltliche Recht im Mittelalter eher pragmatisch ausgerichtet.[1]

Brandstiftung Hier wurde unterschieden in das Absichtliche Legen von Feuer und die fahrlässige Brandstiftung, wenn man also ein Feuer nicht ausreichend beaufsichtigte oder sicherte. Legte man absichtlich Feuer, konnte man nicht mit Gnade rechnen – das Feuer, insbesondere solche, die Nachts ausbrachen, waren stets eine existenzielle Bedrohung für jede Siedlung. Als Strafen waren Rädern, Enthauptung, Verbrennen, Erwürgen und Erhängen vorgesehen.[2]

Diebstahl Diebstahl gab es, wenig überraschend, in jeder Epoche. Man verstand darunter den Vorgang, eine bewegliche Sache widerrechtlich an sich zu bringen. Bereits die Nutzung fremden Besitztums galt als Diebstahl, auch wenn man es nicht im eigentlichen Sinne entwendete. Dabei wurde unterschieden zwischen leichtem und schwerem Diebstahl. Bei leichtem Diebstahl konnte man im mildesten Fall mit einer Geldstrafe belegt werden. Nach der Einführung der Landfriedensordnungen konnte man aber auch mit Prügel, Ohren – und Daumenabschneiden, dem Pranger, der Verbannung oder dem Brandmarken bestraft werden. Handelte es sich um schweren Diebstahl, waren auch die Strafen härter. Dazu zählten Blenden, Handabschlagen oder auch das Erhängen. Interessant ist, dass der Einbruchdiebstahl härter bestraft wurde, als öffentlicher Diebstahl. Den Einbrecher erwartete in der Regel der Galgen. Mit der Todesstrafe musste auch der rechnen, der mehrfach beim Beutelschneiden erwischt wurde. Beim ersten Mal verlor man bei 30 Pfennig oder weniger den Daumen, ab 60 Pfennig die Hand.[3]

Herstellen und/oder Besitz von Falschgeld Auch dieses Vergehen ist kein Phänomen unserer Zeit. Die Bestrafung war hier sogar härter als beim Diebstahl. Befand man sich in Besitz von 60 Pfennig oder mehr und konnte nicht nachweisen, dass man das Geld nicht selbst gefälscht hatte, konnte man mit dem Galgen rechnen. War es weniger, konnte man mit einem Brandzeichen und der Verbannung rechnen. Ab dem 13. Jahrhundert wurden Sieden und Verbrennen als zusätzliche Strafen eingeführt.[4]

Urkundenfälschung Dies war im Mittelalter eines der am weitest verbreiteten Verbrechen. Die Könige und Fürsten führten häufig keine Archive und konnten so oft nicht nachvollziehen, ob eine bestimmte Urkunde in der vorgelegten Form so auch ausgestellt wurde. Auch wenn der Nachweis nicht einfach war, die Strafen waren eindeutig: der Verlust einer Hand oder Sieden oder Verbrennen waren nicht unüblich.[5]

Raub Dieser wurde meist mit dem Tod durch das Schwert geahndet, wenn der Wert des geraubten Gutes drei Pfennig überstieg. Als besonders ernst war der Straßenraub, da hier noch der Straftatbestand des Friedbruches dazu kam. Dies lag darin begründet, dass die Straßen unter dem Schutz des Königs standen.[6]

Vergewaltigung Hier fällt zunächst auf, dass lediglich die Vergewaltigung von Frauen erwähnt wird, nicht aber die von Männern. Und auch bei Frauen mussten bestimmte Kriterien erfüllt sein. Das Opfer musste direkt nach der Tat mit gerafftem Kleid und offenem Haar bezeugen, was sich zugetragen hatte. In manchen mittelalterlichen Rechtssystemen wurde der Fall auch nur dann verfolgt, wenn es sich um eine Einwohnerin der jeweiligen Siedlung bzw. des Gebietes handelte und nicht um eine fahrende Frau. Der Schwabenspiegel unterscheidet hier wiederrum nicht. Als Bestrafung konnte sowohl der Pranger als auch Todesstrafen wie Enthauptung oder Pfählen in Frage kommen.[7]

Inzest Die Forschung geht davon aus, dass Inzest vor Einführung des Christentums nicht unbedingt strafbar war. Zumindest lasse sich erst in christlich geprägten Gesetzeswerken nachweisen, dass er verfolgt wurde. Eine deutliche Zunahme der Strafverfolgung fand ab dem 15. Jahrhundert statt, die Verurteilten wurden mit dem Tod durch Enthaupten bestraft.

Gleichgeschlechtliche Liebe und Sodomie Beides wurde im Mittelalter als Verbrechen angesehen und mit dem Verbrennen bestraft, manchmal auch nur mit dem Auspeitschen und der Verbannung. Die Härte der Strafen lässt sich mit dem Glauben erklären. Die Kirche sah beides als Ketzerei an, die allerdings vor einem weltlichen Gericht verhandelt wurde.[8]

Ehebruch Während bei den Germanen bei einem Ehebruch lediglich die Ehefrau belangt wurde, die sich zu dieser Zeit quasi im Besitz des Mannes befand, sah die Kirche im Mittelalter beide Ehepartner als verantwortlich für ihre Ehe an. Ab dem 14. Jahrhundert spiegelt sich dies auch in den weltlichen Rechten der Städte wieder.

Gotteslästerung Diese lag vor, wenn man sich negativ über Gott und/oder Heilige äußerte oder auch nur fluchte. Während sie anfangs nur durch geistliche Gerichte geahndet wurde, befassten sich später auch weltliche Richter damit. Gotteslästerung wurde vor allem deshalb als so schwerwiegend angesehen, weil die Menschen glaubten, dass man mit entsprechenden Äußerungen den Zorn Gottes auf eine Stadt oder ein bestimmtes Gebiet ziehen könnte. Die Strafen reichten von Geldbußen über das Herausreißen der Zunge bis hin zur Enthauptung oder dem Verbrennen.[9]

Nachbildung einer Folterkammer

Nachbildung einer Folterkammer

Ketzerei Ein Ketzer war jeder, der religiöse Lehren verbreitete, die von denen der Kirche abwichen. Auch wenn es in erster Linie ein kirchliches Verbrechen darstellte, benötigte die Kirche oft weltliche Hilfe, um gegen die Ketzer vorzugehen. Gleichzeitig bildete sie Geistliche ab dem 13. Jahrhundert Inquisitoren aus, die Ketzer zunächst durch eine öffentliche Debatte wiederlegen sollten. Erst später entwickelte sich die Inquisition, die auch auf drastischere Mittel zurückgriff. Die Strafe für Ketzerei war die Verbrennung.

Hexerei

Flugblatt einer Hexenverbrennung 1531

Flugblatt einer Hexenverbrennung 1531

Anders als häufig angenommen fand eine Großzahl der Hexenverfolgungen nicht im Mittelalter statt, sondern vom 15. – 18. Jahrhundert. Die meisten Hexenprozesse finden sich im 17. Jahrhundert. Die Beschuldigten wurden nicht nur verbrannt, sondern immer auch gefoltert – um den Dämon, der in der Person vermutet wurde, auszutreiben. Auch wenn die staatlichen Stellen insbesondere im 18. Jahrhundert begannen, diese Verfolgungen einzustellen, blieb der Glaube an Hexen noch erhalten. Die letzte Verbrennung in deutschen Gebieten fand 1775 in Kempten statt.[10]

Verbrechen gegen den Staat Ein besonders streng geartetes Verbrechen war der Verrat, der meist mit dem Tode bestraft wurde. Im 14. Jahrhundert kam das Vierteilen in Mode. Ein weiteres, schwerwiegendes Vergehen war das Majestätsverbrechen. Auch dieses wurde mit dem Tod, zumindest aber mit Verstümmelung, Haft oder Verbannung bestraft.[11] Wie zu sehen ist, gab es im Mittelalter bereits einen umfangreichen Katalog darüber, welche Verbrechen wie bestraft werden sollte. Dieser existierte zwar auch in geschriebener Form, häufig handelte es sich aber um das Gewohnheitsrecht. Dieses besaß eine sehr lange Tradition, die bis in die Antike zurück reichte. Viele der Verbrechen wurden im Mittelalter strenger bestraft, als dies noch in den germanischen Rechten der Fall war. In vielen Fällen lässt sich beobachten, dass insbesondere das Christentum einen entscheidenden Einfluss auch auf das weltliche Recht hatte. In einigen Bereichen sorgte die Kirche auch dafür, dass neue Straftatbestände in das weltliche Recht aufgenommen wurden.

Folter 1577

Folter der Frau und der Tochter eines Fuhrmannes, 1577

Die damals als Straftaten angesehenen Handlungen finden sich auch in unseren modernen Gesetzen. Andere sind hinzugekommen, auch wurde mehr und mehr präzisiert und differenziert. Die Strafen sind heute meist sehr viel milder und schonender als im Mittelalter – zumindest in Deutschland. Die Todesstrafe existiert in unserer heutigen Welt nach wie vor, ebenso das lebenslange Einsperren von Straftätern. Und auch die Folter findet sich heute genauso wie vor Jahrhunderten, ohne das ein Ende dieser Praktiken in Aussicht stehen würde. Ebenso finden sich auch heute noch Aberglaube und die Verfolgung Andersdenkender. Ob sich die Menschheit letzten Endes weiter entwickeln oder in alten Muster verharren oder gar in noch ältere zurück fallen wird, bleibt abzuwarten.

 [1] Vgl. Schild, Wolfgang (1989). S. 297-299.
[2] Vgl. Ebd. S. 299-300.
[3] Vgl. Ebd. S. 300-302.
[4] Vgl. Ebd. S. 303.
[5] Vgl. Ebd. S. 304.
[6] Vgl. Ebd. S. 304.
[7] Vgl. Ebd. S. 321.
[8] Vgl. Ebd. S. 321-322.
[9] Vgl. Ebd. S. 322-324.
[10] Vgl. Ebd. S. 324-325.
[11] Vgl. Ebd. S. 325-326.
Literatur: Schild, Wolfgang: Der Katalog der Missetaten. In: Justiz in alter Zeit (Schriftenreihe des Mittelalterlichen Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber; 6). Rothenburg o. d. T. 1989. S. 297-326.
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Die mittelalterliche Stadt und das Stadtrecht

Die Stadt als Siedlungsform war keine Erfindung des Mittelalters. Die Städte in Europa entwickelten sich auf der Grundlage der griechischen polis und der römischen colonia bzw. castra. Die Stadt unterlag aber während des Mittelalters einer Vielzahl wichtiger Entwicklungen und wies bestimmte Charakteristika auf. Städte konnten verschiedene Funktionen und Formen besitzen. Monofunktionale Städte waren auf eine einzige Funktion ausgerichtet, beispielsweise den Bergbau. Diese Städte hatten meist nur wenige oder gar keine Verbindungen mit ihrem Umland. Polyfunktionale Siedlungen dagegen besaßen vielschichtige Bedeutungen. Diese Städte hatten nicht nur mit ihrem Umland zu tun, sondern je nach Größe und Bedeutung auch mit weiter entfernten Gebieten, anderen Städten und Herrschern. Wichtig waren hier vor allem der Handel und das Gewerbe, wobei der Handel die wichtigere Rolle einnahm. Für den Handel war vor allem die Lage der Stadt wichtig, beispielsweise die Anbindung an die Handelswege über Land und Wasser.

Darüber hinaus dienten bedeutende Städte als Verwaltungs- und Regierungssitze eines Landes oder auch einer bestimmten Region, abhängig von den jeweiligen politischen Entscheidungen der Herrscher. Neben Wirtschaft und Politik spielten Städte wichtige Rollen in Bildung und Religion, wenn sie geistliche Sitze, Bibliotheken und Universitäten beherbergten. Sie konnten auch Wallfahrtsorte sein, wenn sie Reliquien von Heiligen aufbewahrten oder an einem religiös bedeutendem Ort lagen.[1]

Die Städte im mittelalterlichen Europa unterschieden sich deutlich von den Siedlungen auf dem Land. Sie besaßen das Stadtrecht, was ihnen eine ganze Reihe von Rechten einräumte. Dieses Recht erhielten sie entweder direkt bei ihrer Gründung oder nach einiger Entwicklungszeit, wenn eine Siedlung zur Stadt erhoben wurde. Zentraler Aspekt des Stadtrechts waren die Freiheit ihrer Bürger sowie deren Recht auf Grundbesitz und die Vererbung ihrer Besitztümer. Auch die Gerichtsbarkeit lag bei den Bürgern.[2]

Für die Zukunft sollte das Stadtrecht des Mittelalters entscheidende Entwicklungen anstoßen. Das Recht auf Handel und Kredit, das Arbeitsrecht, Strafrecht sowie Prozessrecht haben ihren Ursprung im mittelalterlichen Stadtrecht.[3]


[1] Vgl. LexMA. Bd. 8, Sp. 29-32.

[2] Vgl. LexMA. Bd. 8, Sp. 24.

[3] Vgl. LexMA. Bd. 8, Sp. 26.

Ratssitzung aus dem Codex Monacensis

Ratssitzung aus dem Codex Monacensis

 

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Folter und Hinrichtung im Mittelalter – wirklich ein freudiges Spektakel für das Volk?

Zumindest existiert heute häufig diese Vorstellung. Eine Menschenmenge, die johlend um einen Richtplatz herumsteht und die Folter und den Tod des Angeklagten kaum noch erwarten kann. Wenn man sich die Sensationsgier des Menschen an sich vor Augen führt, überrascht dies nicht. Und sicherlich war diese auch im Mittelalter schon genauso vorhanden wie heute. Allerdings gab es auch damals schon die Gruppendynamik. Und diese konnte sehr schnell umschlagen.

Die Foltermethoden des Mittelalters hatten ihren Ursprung in der Antike und waren definitiv nicht für Menschen mit schwachen Nerven geeignet. Je nach Vergehen und dem gemäß dem Recht festgelegten Strafmaß waren diese Strafen mehr oder weniger drakonisch und nicht unbedingt darauf ausgelegt, den Täter zu resozialisieren. Ich werde an dieser Stelle nicht alle Methoden auflisten, da derartige Listen im Internet häufig zu finden sind. Im Grundsatz gab es aber zwei verschiedene Möglichkeiten, Folter einzusetzen. Zum einen diente sie der Erzwingung von Geständnissen. Zu diesem Zweck wurde sie meistens nicht öffentlich vollzogen, sonder hinter verschlossenen Türen. So erging es beispielsweise den Templern, die in den Kerkern des französischen Königs Philipp IV. landeten. Darüber hinaus wurde auch öffentlich gefoltert, dies diente dann in erster Linie der Abschreckung oder dazu, einem Gegner eine deutliche Warnung zu schicken. Verstümmelungen waren hier sehr häufig vertreten und wurden meistens im militärischen Kontext eingesetzt. Augen, Hände und Füße waren hier meistens die in Mitleidenschaft gezogenen Körperteile, also alles, was zum Kämpfen notwendig war. Hinrichtungen waren in der Regel öffentlich und sollten zum einen den Geschädigten Genugtuung verschaffen und mögliche zukünftige Täter abschrecken.

Die Form der Hinrichtung konnte dabei varrieren. Ketzer wurden meistens verbrannt, damit ihre Seelen durch das Feuer gereinigt werden konnten. Normales Volk oder Unfreie wurde in der Regel gehängt. Das Enthaupten mittels eines Schwertes oder einer Axt war eine Strafe, die dem Adel vorbehalten war. Angehörige dieses Standes sollten einen schnellen und „würdevollen“ Tod sterben. Der Tod am Galgen war dies unter Umständen ganz und gar nicht, da das Genick beim Fallen häufig nicht sofort brach und der Todeskampf mit all seinen unschönen Nebeneffekten bis zu einer halben Stunde dauern konnte. Ein Henker, der beim Enthaupten einen Fehler machte, bekam nicht selten ernste Schwierigkeiten und konnte dann sogar selbst verurteilt werden.

Bei einer öffentlichen Hinrichtung und/oder Folterung konnte es durchaus dazu kommen, dass die anfangs euphorische und gegen den Verurteilten gerichtete Stimmung umschlug. Ein deutlicher Hinweis hierauf ist die häufig nachgewiesene Befestigung der Richtplätze, die das Volk fernhalten sollte und eher an militärische Befestigungsanlage erinnert als an einfache Absperrungen. Es ist durchaus denkbar, dass die Gruppendynamik beim Anblick brutalter Folterungen dafür sorgte, dass die Menschen dem Gefolterten zu Hilfe kommen wollten. Wenn es sich bei ihm um eine besondere Persönlichkeit handelte, mussten darüber hinaus besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Die überall vorhandene Antipathie gegen den Henker ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Menschen in den Folterungen und Hinrichtungen kein besonders spaßiges Vergnügen sahen. So war es seinen Söhnen sogar verboten, in der Stadt einen Beruf zu erlernen.

Richtplatz Lutzern 15. Jhd.

Richtplatz Lutzern 15. Jhd.

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Richtplatz_Luzern.jpg&filetimestamp=20080409154412 (03.12.2012)

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Der Sachsenspiegel des Eike von Repgow

Beim Sachsenspiegel handelt es sich um ein mittelalterliches Rechtsbuch, verfasst von dem Adligen Eike von Repgow in der Zeit zwischen 1220 und 1235. Das Recht im Mittelalter war immer erst einmal Gewohnheitsrecht. Wenn eine Sache über eine lange Zeit auf eine bestimmte Art und Weise gehandhabt wurde, galt eben diese Art und Weise als die rechtmäßige. Und genau dieses Recht hat Eike von Repgow im Sachsenspiegel niedergeschrieben. Es handelt sich also nicht um ein Gesetzbuch, welches neue Gesetze enthält. Hier wurde nur festgehalten, was in der Rechtstradition schon lange galt. Es handelt sich also eher um eine Sammlung, nicht um eine Neuschöpfung.

Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt, das Landrecht und das Lehnrecht. Als Landrecht bezeichnet man hier das Recht der freien Menschen, inklusive dem Strafrecht. Das Lehnrecht bezieht sich auf die Beziehungen der verschiedenen Stände im Lehnssystem zueinander. Das Stadtrecht taucht im Sachsenspiegel nicht auf, genausowenig das Hof- und das Dienstrecht.

Besonders wichtig ist die Entwicklung der sieben sogenannten Heerschilde: König, geistliche Fürsten, weltliche Fürsten, freie Herren, Ministeriale, deren Lehnsleute und ein siebter Heerschild, der nicht näher benannt ist. Auch hier fällt auf, dass Bauern und Städter ausgespart wurden.

Die Rechtsprechung erfolgte durch die im jeweiligen Gebiet zuständigen Herren. Gerichtssitze waren häufig auch Sitze des Adels, mussten dies aber nicht zwangsläufig sein. Das Gericht konnte aber auch durch Vertreter der Adligen erfolgen, beispielsweise dem Vogt einer Burg. Diese Gerichte richteten sich dann nach den Rechtsbräuchen, die in der jeweiligen Region üblich waren. Es gab also mehrere verschiedenen Gewohnheitsrechte.

Der Sachsenspiegel blieb sehr lange in Gebrauch. In Preußen wurde er bis 1794, in Sachsen bis 1865 verwendet. Im Privatrecht kam es auch nach 1900 in Einzelfällen vor, dass sich Gerichte auf den Sachsenspiegel beriefen. Er nahm sogar einen gewissen Einfluss auf das BGB, seine Bedeutung reicht also bis in unsere moderne Zeit.

Diese Rechtssammlung ist ein schönes Beispiel dafür, wie stark das Mittelalter die Neuzeit beeinflusst hat und zum Teil immer noch beeinflusst. Das gilt in besonderem Maße für das Rechtsdenken. Das Gewohnheitsrecht stammte noch aus germanischen Zeiten und wurde im Mittelalter weiterhin verwendet. Erst lange Zeit nachdem es schriftlich festgehalten wurde, entwickelte sich das Verfahren der systematischen Schaffung neuer Gesetze.

 

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Sachsenspiegel.jpg&filetimestamp=20090809080010 (02.12.2012).

 

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