Buchvorstellung: Die Liedersammlung Stuttgart

9783830933687Ebinger-Möll, Katrin: Die Liedersammlung Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. Don. A III 18. Edition und Kommentar. (Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit; 19). Waxmann, Münster, 2016.

Musik spielt in unserem Leben eine nicht wegzudenkende Rolle. Das war im Mittelalter nicht anders. Berühmte Lieder des Mittelalters haben ihren Weg bis in die moderne Musikwelt geschafft. Doch ging ihre Bedeutung häufig über die reine Unterhaltung hinaus. Kirchenlieder wurden nicht einfach nur gesungen, sie trugen und tragen jeweils eine ganz eigene theologische Bedeutung in sich. Viele von ihnen wurden im Laufe der Zeit inhaltlich und sprachlich immer wieder verändert. So ist es möglich, Lieder anhand ihres Inhalts oder ihrer sprachlichen Struktur zeitlich relativ genau einzuordnen. Editionen der ursprünglichen Versionen haben somit stets eine besonders wichtige Funktion. Nur durch eine genaue sprachliche und inhaltliche Analyse sowie den Vergleich unterschiedlicher Versionen wird es möglich, fundierte Aussagen über die Kirchenlieder des Mittelalters treffen zu können.

Die in der Württembergischen Landesbibliothek unter der Signatur Cod. Don. A III 18 untergebrachte Liedersammlung ist nun durch Katrin Ebinger-Möll ediert und kommentiert worden. Insgesamt hat sie 15 Lieder aus dem 16. Jahrhundert untersucht, die in einer Sammlung aus acht Pergamentseiten die Jahre überdauert haben. Es handelt sich mit einer Ausnahme um Weihnachtslieder. Geographisch stammen die Lieder aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Neben einer Transkription der einzelnen Lieder findet sich ein umfangreicher Kommentar, der auf die Bedeutung der einzelnen Elemente eingeht.Auch Überlieferungsgeschichte und eine sprachliche Analyse sind vorhanden. Interessant: Die Autorin hat die Entstehungsgeschichte untersucht und herausgefunden, dass nur das erste Drittel der Sammlung mit einer klaren Konzeption zusammengestellt wurde: Auf eine lateinische Cantio folgt stets eine volkssprachliche Version, die auf die selbe Melodie gesungen wurde. Später kamen immer neue Lieder hinzu, wobei das Weihnachtsmotiv als maßgebliches Auswahlkriterium gedient hat.Im Anhang befindet sich ein vollständiges Faksimile der Liedersammlung.

Es ist sehr erfreulich, eine so umfassende Edition dieser bisher nicht erfassten Liedersammlung in den Händen zu halten. Sie ist nicht nur für Historiker, sondern in besonderem Maße für Literatur- und Sprachwissenschaftler von Nutzen., da sie einen besonderen Schwerpunkt auf die sprachlichen Besonderheiten legt. Auch für Theologen bietet diese Edition viele nützliche Inhalte. Für jede Strophe der einzelnen Lieder erfolgt eine detaillierte Analyse und Erklärung der religiösen Motive. Durch das enthaltende Faksimile ist zudem ein Eigenstudium der einzelnen Lieder möglich.

CANTUS – Eine musikalische Datenbank des Mittelalters

Hinter CANTUS verbirgt sich eine Datenbank, in der Sie schnell und komfortabel nach Liedtexten des Mittelalters suchen können. Sie können einzelne Wörter, Zeilenfragmente oder auch Sätze eingeben. Die Seite an sich ist zwar auf Englisch, da die Texte der Kirchenlieder des Mittelalters aber in Latein geschrieben wurden, spielt dies keine besonders große Rolle. Auf diese Weise können Sie sehr schnell herausfinden, zu welchem Lied ein Abschnitt bzw. ein Wort gehört, welche Lieder zu welchen Festen gesungen wurden und welche Ordnungen es für die einzelnen Feste gab.

Bei der Suche können Sie auf mehrere Werkzeuge zurückgreifen. Sie können sich eine Gesamtliste aller gespeicherten Quellen anzeigen lassen, die Ergebnisse nach den verschiedenen Festen des Mittelalters filtern, eine Liste der Lieder anzeigen lassen oder ganz einfach den gesuchten Begriff in die Suchleiste eingeben.

Besonders interessant ist das Analysetool. Hiermit ist es möglich, in einem bestimmten Manuskript ein bestimmtes liturgisches Fest auszuwählen und die Auswahl und Ordnung der vorkommenden Lieder mit anderen in der Datenbank gespeicherten Datensätze zu vergleichen. Ähnlichkeiten werden daraufhin angezeigt.

Die Datenbank verbirgt sich hinter folgendem Link:

http://cantusdatabase.org/about

 

Das Palästinalied des Walther von der Vogelweide

Was Sie hier hören können sind die Strophen 1, 2 und 4 des Palästinaliedes von Walther von der Vogelweide. Die überlieferte Abschrift samt Noten stammt zwar aus der Zeit ca. 100 Jahre nach seinem Tod, gilt aber dennoch als recht authentisch. Auf jeden Fall aber vermittelt das Lied einen erstaunlichen Eindruck und einen Einblick in die Welt des mittelalterlichen Minnegesangs.

Dieser Gesang wurde von professionellen Minnesängern komponiert und vorgetragen, wie beispielsweise eben von Walther von der Vogelweide. Häufig waren diese Sänger adlig und auch im Rittertum war der Minnegesang weit verbreitet sowie das Streben nach der Minne einer schönen Frau ein wichtiger Teil des Lebens als Ritter. Von einigen der wichtigsten Ritter ist überliefert, dass sie hervorragende Sänger waren. Ein gutes Beispiel hierfür ist William Marshal.

Dieses Lied beschäftigt sich mit dem heiligen Land, dem Anspruch der Christen auf die heiligen Stätten  und es stammt aus dem 13. Jahrhundert. Der Text der hier gesungenen Strophen lautet folgendermaßen:

1. Nû lebe ich mir alrêrst werde,
sît mîn sündic ouge sihet
daz hêre lant und ouch die erde,
der man vil der êren gihet.
Nû ist geschehen, des ich ie bat:
ich bin komen an die stat,
dâ got mennischlîchen trat.

2. Schœniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist dûz ir aller êre.
Waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein maget ein kint gebar,
hêre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

4. Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
Dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
Wol dir, sper, kriuze unde dorn!
Wê dir, heiden, daz ist dir zorn!


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