War die mittelalterliche Technik des Burgenbaus römischen Ursprungs?

Bereits die Römer errichteten beeindruckende Befestigungsanlagen. Ob der Hadrianswall, der obergermanisch-raetische Limes oder die Stadtmauern römischer Siedlungen – es könnte nahe liegen, hier den Ursprung für die Burgen und Mauern des Mittelalters zu suchen. Ganz so einfach ist die Sache freilich nicht.

Zunächst einmal sind Befestigungsanlagen keine Erfindung der Römer. Man baute sie lange, bevor das kleine Dorf am Tiber zur Weltmacht aufstieg. Und sie wurden lange nach dem Ende des Imperium Romanum erbaut. Die Grundprinzipien blieben dabei immer gleich. Orte mit natürlichen Hindernissen boten sich für den Bau von Befestigungen genauso an wie die Lage an Flüssen, wichtigen Straßen, Bergpässen und in Städten. Dabei erwies sich eine rechteckige Grundform meist als besonders effektiv – sofern die natürlichen Gegebenheiten dies zuließen. Diese Grundprinzipien sollten auch das Mittelalter hindurch Bestand haben.

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Die Saalburg – im 19. Jahrhundert rekonstruiert.

Unterschiedliche Strategien

Schützende Mauern besaßen für die Römer eine etwas andere Bedeutung als für die Menschen des Mittelalters. Sie dienten zwar bereits in der Antike dazu, Feinden das Vorankommen zu erschweren. Nicht umsonst war es in der Legion üblich, befestigte Marschlager für die sichere Übernachtung zu errichten. Und die große Stadtmauer Roms entstand durchaus als direkte Folge der Plünderung durch die Gallier im 4. Jhd. v.Chr. Die gesamte Taktik der römischen Armee war allerdings auf die offene Feldschlacht ausgerichtet.

Die Heerführer des Mittelalters mieden offene Schlachten aufgrund ihrer Unberechenbarkeit in den meisten Fällen. Belagerungen waren dementsprechend häufiger. Damit besaßen Burgen und Stadtmauern eine weit größere Bedeutung. Sie entschieden nun direkt über Sieg und Niederlage. Die Verteidiger mussten zudem in der Lage sein, lange Zeit ohne die Rettung durch ein Ersatzheer auszuharren.

Weiternutzung römischer Bauten

Doch auch, wenn die Anforderungen inzwischen andere waren: An verschiedenen Orten wurden die römischen Bauten zunächst weiterhin genutzt und später ausgebaut. So behielt Köln seine römische Stadtmauer, bis sie durch zeitgemäße Bauten Stück für Stück ersetzt wurde. Auch Burgen wurden teilweise auf den Ruinen früherer Kastelle errichtet – nicht zuletzt, weil die von den Römern gewählten Standorte strategisch immer noch sinnvoll waren. Wenn die baulichen Hinterlassenschaften des Weltreiches nicht mehr aktiv genutzt wurden, dienten sie meist als Steinbruch. So erging es auch der Colonia Ulpia Traiana, die das Baumaterial für das mittelalterliche Xanten lieferte.

Die Mauern der Antike = Die Mauern des Mittelalters?

Es wäre also nicht richtig, den römischen Befestigungen jeglichen Einfluss auf den Burgenbau des Mittelalters abzusprechen. Allerdings sollte bedacht werden, dass sich die Strategien des antiken Roms und der Reiche des Mittelalters deutlich voneinander unterschieden. Während die Römer ihre Feinde gerne im Feld stellten und über ein gut erschlossenes Hinterland verfügten, befanden sich die Burgen des Mittelalters häufig in einer deutlich abgelegeneren Lage. Es konnte bisweilen lange dauern, bis Verstärkung eintraf. Sie mussten also deutlich stärker befestigt und wesentlich autarker sein, als dies beispielsweise bei römischen Kastellen der Fall war. Ein gutes Beispiel ist die Schildmauer, die die Burgen vor Beschuss schützen sollte – nachgewiesenermaßen eine Erfindung des Mittelalters. Also: Römische Einflüsse gab es. Direktes Vorbild für den Burgenbau waren die römischen Befestigungen jedoch in den meisten Fällen eher nicht.

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Hohensalzburg

Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 1 von 3

Eine Stadt musste im Mittelalter jederzeit mit Belagerungen rechnen. Insgesamt spielten sich die meisten bewaffneten Auseinandersetzungen dieser Zeit in diesem Rahmen ab. Die Belagerten befanden sich meist in einer sehr vorteilhaften Situation. Denn die Befestigungen und die strategisch günstige Lage vieler Städte verschaffte ihnen in der Regel einen deutlichen Vorteil. Zumindest dann, wenn die Vorbereitung stimmte.

Lesen Sie im ersten Teil dieser Serie, wie sich die Städter des Mittelalters auf eine drohende Belagerung vorbereiteten und welche Maßnahmen gegen Verräter ergriffen wurden.

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Belagerung von Orleans 1429

1. Die richtige Vorratshaltung

Um sich auf eine größere Belagerung vorbereiten zu können war es notwendig, rechtzeitig Bescheid zu wissen. Es lohnte sich also, die politische Lage und das Umland ständig im Auge zu behalten. Zeichnete sich dann eine Belagerung ab, konnten rechtzeitig alle notwendigen Vorräte eingelagert werden. Was sich dazu am besten eignet, schildert der Neusser Stadtschreiber Christian Wierstraet im 15. Jahrhundert:

  • Waffen, vor allem Armbrüste, Büchsen, Geschütze, Schwerter, Äxte und Spieße
  • im Spätmittelalter: Kohle, Salpeter und Schwefel zur Herstellung von Schwarzpulver
  • Viel Holz in unterschiedlichen Formaten – zum Bauen, Reparieren und für Pfeile
  • Ausreichend Arzneikräuter
  • Schaufeln – sehr wichtig, denn gegraben werden musste bei Belagerungen immer wieder
  • Wein, gesalzenes Fleisch und Speck, Butter und Käse, Erbsen, Honig, Öl, Kornfrucht, Trockenfisch und Salz; um „alle die wackeren und getreuen Gesellen auf Bollwerk und Wällen bei Kampfesmut [zu] halten“
  • Viel Brennholz
  • Steinkohle und Eisen
  • Leder1

Die Wasserversorgung war im Idealfall durch Brunnen oder Zisternen auf längere Zeit gesichert. Gleichzeitig empfehlen antike Autoren, alle Wasserquellen vor der Stadt zu vergiften – zumindest, wenn sich die zu verteidigende Stadt in einer generell wasserarmen Region befand.

Neben dem Anlegen von Vorräten empfahl es sich zudem, die hoffentlich vorhandenen Gräben um die Stadt in Stand zu setzen und idealerweise kleine Überraschungen für die anrückenden Feinde vorzubereiten.

2. Eigene Wurfmaschinen bauen oder reparieren

Diese Maschinen waren nicht nur für die Belagerer wichtig. Es konnte eine durchaus beachtliche psychologische Wirkung haben, zurückschießen zu können. Darüber hinaus konnten so Angriffe empfindlich gestört und feindliche Ausrüstung zerstört werden. Kleinere Wurfmaschinen oder später auch Kanonen wurden sogar auf Türmen aufgestellt.

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Trebuchet (Rekonstruktion)

3. Die Spreu vom Weizen trennen – oder der Umgang mit möglichen Verrätern

Keine Bedrohung war wohl während einer Belagerung größer als der oder die Verräter in den eigenen Reihen. Dabei musste es sich nicht zwangsläufig um einen geplanten Verrat handeln. Die psychologischen Belastungen einer Belagerung waren enorm. Da gab es immer mal wieder den ein oder anderen, der entkommen wollte – auch wenn das bedeutete, die Stadt aufzugeben oder in Gefahr zu bringen. Um mit dieser Bedrohung umgehen zu können, waren zwei Faktoren ausschlaggebend:

  • Die Verteidigung brauchte einen charismatischen, beliebten Anführer mit eigenen Kämpfern, die ihm unerschütterlich treu ergeben waren.
  • Zu Beginn einer Belagerung wurden meist Galgen und Rad öffentlich aufgestellt – eine deutliche Drohung an diejenigen, die die öffentliche Ordnung stören könnten.

Es handelte sich also um eine Kombination aus Abschreckung und positiver Motivation. Es war wichtig, in Panik geratene Menschen rechtzeitig zu isolieren. Ansonsten bestand die Gefahr, dass sich die Panik wie ein Lauffeuer ausbreitete. Wenn das geschah, war die Stadt so gut wie verloren. Daher war eine stete Achtsamkeit innerhalb der Bevölkerung notwendig, um eventuelle Warnzeichen rechtzeitig zu erkennen.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie der Proviant rationiert wurde, welche Maßnahmen gegen Mineure ergriffen werden konnten und warum es für die Verteidiger so wichtig war, regelmäßige Ausfälle zu unternehmen.

Quelle:

Wierstraet, Christian: Die Geschichte der Belagerung von Neuss. Faksimile der Erstausgabe bei Arnold ther Hoernen. Köln, 1476.

1Vgl. Wierstraet, Christian (1476). Z. 3130-4157.

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Die Bedeutung der Gemeinschaft im Mittelalter

So lange es Menschen gibt, so lange leben sie in Gemeinschaften zusammen. Alleine dauerhaft zu überleben ist nur den wenigsten Überlebenskünstlern wirklich geglückt. Die Bedeutung der Gemeinschaft für den Einzelnen ist daher auch für das Verständnis des Mittelalters von ausgesprochener Relevanz. Denn gerade in harten Zeiten kann es sehr von Vorteil sein, sich auf die Unterstützung einer Gruppe verlassen zu können.

Die Familie

Die mittelalterliche Familie konnte sehr unterschiedlich aussehen, je nachdem, in welcher sozialen Schicht sie sich befand. Im Gegensatz zur modernen Kleinfamilie umfasste der mittelalterliche Familienverband eine weit größere Zahl an Personen. Neben Vater, Mutter und Kindern lebten auch Großeltern, Diener und Knechte in einem Haushalt zusammen. Wer dabei wen heiratete, lag meist im Ermessen einer bestimmten Autorität. Bei Freien war dies in der Regel der Vater, der Verhandlungen über die Verheiratung seiner Töchter führte. Bei Unfreien wurde dies häufig vom jeweiligen Lehnsherr übernommen. Diese Verhandlungen waren enorm wichtig. Durch eine geschickte Heiratspolitik war es möglich, den eigenen sozialen Stand deutlich zu verbessern. Davon profitierten dann wiederum die Kinder, die aus der Verbindung hervorgingen. Die Eltern konnten sich hingegen auf die Unterstützung durch ihre erwachsenen Kinder verlassen. Der Fortbestand der Familie wurde entscheidend dadurch bestimmt, wo sie sich im Gesellschaftsverband verortete und natürlich davon, dass genug Nachkommen gezeugt wurden, die das Kindesalter überlebten.

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Dorf und Stadt

Das Mittelalter war eine agrarisch geprägte Epoche. Die meisten Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft. In Ermangelung modernen Maschinen war hier, neben der Zugkraft der Ochsen, die menschliche Arbeitskraft entscheidend. Hiervon waren auch die Kinder nicht ausgenommen. Sie lernten bereits früh, wie die Felder bewirtschaftet und Vieh gehalten wurde.

In der Stadt waren vor allem Handwerk und Handel Triebkräfte des wirtschaftlichen Erfolges. Doch auch hier wurden die Kinder bereits frühzeitig zur Arbeit herangezogen. Die Städte waren im Hochmittelalter auf ständigen Zuzug und möglichst hohe Geburtenraten angewiesen, um die durch Krankheiten verursachten Verluste auszugleichen. Dies gilt insbesondere für die Zeit der Pest, die Millionen von Menschen das Leben kostete. Im Spätmittelalter griffen viele Städte bzw. ihre Herren hingegen auf Geburtenkontrolle zurück. Es wurde genau bestimmt, wer Kinder bekommen durfte und wer nicht. So sollte die Bevölkerungszahl auf einem Niveau gehalten werden, dass aus dem Umland versorgt werden konnte.

Die Hanse - Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Die Hanse – Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Innerhalb der Städte bildeten sich wiederum kleinere Gemeinschaften. Handwerksbetriebe schlossen sich zu Zünften zusammen, um die Interessen eines bestimmten Handwerkszweiges besser vertreten zu können. Händler verbanden sich neben ihren Gilden sogar über die Grenzen der Stadt hinweg, um ihre Geschäfte schnellerer und sicherer abwickeln zu können. Die Ebene der Kooperation orientierte sich dabei an den einzelnen Interessen und den Vorteilen, die sie ihren Mitgliedern bringen konnte.

Der Gemeinschaft kam stets die größte Bedeutung zu. Der Einzelne hatte sich dem Wohl dieser unterzuordnen. Es war ein schwerwiegendes Verbrechen, die Sicherheit der Gemeinschaft in Gefahr zu bringen. Wer in einer Siedlung Brände legte oder einen Aufstand gegen die bestehende Ordnung anzettelte, machte sich aus der Sicht der damaligen Zeit schwerer Verbrechen gegen die gottgegebene Ordnung schuldig. Die Strafen vielen entsprechend drakonisch aus. Letztlich konnten diese Gemeinschaften nur durch eine klare Ordnung und funktionierende Sicherheitssysteme überleben. Die Menschen wussten, dass der Zusammenhalt das Überleben ihrer Familien sicherte.

Die Stände

Die drei Stände des Mittelalters – Beter, Kämpfer und Bauern – waren ebenfalls Gemeinschaften. Es gab bestimmte Insignien, die die Zugehörigkeit anzeigten. Der Umgang der Standesgenossen miteinander und das Verhalten gegenüber den anderen Ständen waren klar geregelt. So sollte sichergestellt werden, dass jeder Stand die ihm zugedachten Aufgaben erfüllte und Konflikte zwischen den Ständen vermieden wurden. Jeder sollte seinen Platz kennen und sich dementsprechend in die Gemeinschaft einbringen. Es ist hinlänglich bekannt, dass dieses ideale Bild nicht immer der Realität entsprach. Dennoch gab es klare Regeln, die zu einem großen Teil auch so angewandt wurden.

Die Verteidigung der Gemeinschaft und der Schutz durch die Gemeinschaft

Kam es zu Angriffen von außen, war jedes wehrfähige Mitglied einer Gemeinschaft dazu verpflichtet, sich an der Verteidigung zu beteiligen. Letztlich waren alle vom Angriff betroffen, daher war es nur konsequent, dass alle zusammen hielten um ihr Leben und ihre Besitztümer zu verteidigen. Hierbei machte es in der Praxis kaum einen Unterschied, ob es sich um Bauern oder um Adlige handelte. So ist aus dem Neusser Krieg von 1474/75 überliefert, dass burgundische Söldner beim Plündern durch wütende Bauern vertrieben wurden. Auch die Frauen beteiligten sich an der Verteidigung. Wenn sie nicht selbst zu den Waffen griffen (was sie durchaus taten), versorgten sie die Kämpfenden und Verwundeten oder bezahlten Söldner, die für sie kämpften.

Die Städte verteidigten sich aber nicht nur gegen angreifende Feinde. Sie schützten auch ihre Mitglieder. Beispielsweise, indem sie in Gefangenschaft oder Sklaverei geratene Bürger freikauften. Auch konnte sich ein Bürger stets darauf berufen, einer bestimmten Stadt zugehören. Das konnte seinem Wort ein gewisses Gewicht verleihen. Umso schlimmer wog die Verbannung. Der Einzelne war plötzlich schutzlos und musste sich schnellstmöglich ein neues soziales Umfeld suchen, um zu überleben.

Dieses Umfeld konnte der Einzelne unter Umständen bei anderen Ausgestoßenen finden, die sich ihrerseits organisiert hatten. Bekannte Beispiele sind die Geächteten, die gar keine andere Wahl hatten, als sich gegenseitig zu unterstützen. Im späten Mittelalter bestand auch die Möglichkeit, sich einer der Söldnerkompanien anzuschließen und im Krieg sein Glück zu suchen.

Die Bedeutung einer effektiven Führung

Wie wir gesehen haben, ist für das Funktionieren jeder Gemeinschaft eine entsprechende Führung unerlässlich. Ohne klare Regeln und ein System, dass für deren Einhaltung sorgt, wäre jede Form der Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt gewesen. Dies ist ein Grund dafür, dass ein Aufbegehren gegen die bestehende Ordnung als schweres Verbrechen gewertet wurde. Gleichzeitig waren auch die Anführer stets in der Pflicht, gute Entscheidungen zu treffen. Idealerweise sollten sie die gesamte Gemeinschaft nicht nur erhalten, sondern auch zum Heil führen. Herrscher, die aus purem Eigennutz handelten, wurden in der Literatur daher häufig negativ beurteilt. So konnte auch ein König oder Kaiser nicht einfach das tun, was er wollte. Er musste sich stets auch der Interessen seiner Vasallen bewusst sein und sie in seine Entscheidungen einbeziehen. Tat er dies nicht, riskierte er Widerstand, Ablehnung und die Verweigerung von Unterstützung ihm wichtiger Vorhaben. Untergebene und Herren befanden sich also in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, auch wenn eine Hierarchie für das Funktionieren der mittelalterlichen Welt unabdingbar war.

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Wie wichtig war die Gemeinschaft für die Menschen?

Kein Mensch kann ganz alleine überleben. Das galt zu allen Zeiten. Umso weniger überrascht ist, dass auch das Mittelalter eine ganze Reihe von Organisationsformen kannte, die den Menschen das Überleben sicherten und ihnen half, sich bestimmte Vorteile zu verschaffen. Wer seine Gemeinschaft verlor, schwebte in großer Gefahr. Ohne Unterstützung hatte er es außerordentlich schwer, in der harten Welt des Mittelalters zu überleben. Auch die höheren Stände waren auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. Auffällig ist, dass der Einhaltung bestehender Regeln und Gesetze großer Wert beigemessen wurde. Das Zusammenleben der Gemeinschaft musste geregelt sein, um zu funktionieren. Geriet diese in Unruhe oder nahmen Regelbrüche zu, geriet das gesamte Gemeinschaftsgefüge in Gefahr. Dass das den schnellen Untergang bedeuten konnte, war den Menschen also durchaus klar. Die Gemeinschaften waren dabei nicht unbedingt nach außen abgeschlossen. Sie funktionierten immer in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt.

Die Wikinger in Russland – Wegbereiter eines Weltreiches

Wenn man an die Wikinger denkt, hat man meist die Plünderung der Kirchen und Klöster Englands und des Frankenreichs vor Augen, die Fahrten nach Island, Grönland und Neufundland. Vor allem die Wikinger aus Dänemark und Norwegen waren es, die weit nach Westen vorstießen – Jahrhunderte vor Christoph Kolumbus. Doch wagten sich die Nordmänner – vor allem solche aus Schweden – von ca. 750 – 1050 weit nach Osten und Südosten vor.

Die Reisen der Wikinger

Die Reisen der Wikinger

Hier wurden sie zusammenfassend als „Rus“ bezeichnet, das sich wohl aus der finnischen Bezeichnung für die Schweden, „Ruotsi“, ableitete. Die Ostslawen sollen es zu „Rus“ verändert haben.[1]

Die in den Osten vordringenden Skandinavier hatten es im Gegensatz zu ihren Landsleuten im Western weniger mit offenem Meer und mehr mit Flüssen, Wäldern und vor allem den muslimischen Chazaren zu tun. Im Schwarzen Meer trafen sie zudem auf die Byzantiner, deren Schiffe durch den Einsatz des griechischen Feuers überaus gefährliche Gegner darstellten. Doch im Gegensatz zum Westen stellte sich der Handel im Osten als weit lukrativer heraus als Raubzüge. Dies führte dazu, dass neue Handelsposten und –wege entstanden. Langfristig entstanden so nach und nach neue Städte.[2] So wurde 750 in Staraja Ladoga am linken Wolgaufer eine Siedlung gegründet, die zunächst vor allem von Pelzhändlern aufgesucht wurde. Die in der umliegenden Wildnis erbeuteten Pelze wurden vor allem in die Chazaren-Hauptstadt Itil verkauft.[3]

Beispiel einer Wikingersiedlung

Beispiel einer Wikingersiedlung

Ab der Mitte des 9. Jahrhunderts gab es eine neue Welle neuer Entwicklungen auf dem Gebiet der Handelswege. Am Nordufer des Ilmensees entstand die Siedlung Rurikowo Gorodische. Die nähere Umgebung war gut für den Ackerbau geeignet. In der gleichen Zeit drangen Skandinavier weiter ins Innere Russlands vor, was sich vor allem anhand von Grabbeigaben belegen lässt. Bei Pskow entstand eine Siedlung, die in den 860ern zerstört wurde. Ab dem späten 9. Jahrhundert entstand hier eine größere Stadt mit einer multikulturellen Bevölkerung. Südlich des Bjelojesees wuchsen zwei weitere Handelszentren. Bei Krutik siedelten sich im 9. und 10. Jahrhundert Grobschmiede an. 40 Kilometer entfernt entstand im 10. Jahrhundert die Ansiedlung Bjeloseero.[4] An der Wolga war vor allem Sarskoje von Bedeutung. Gehandelt wurde sowohl im Westen als auch im Osten. Über Chazarien wurde in erster Linie mit der islamischen Welt gehandelt. Ein weiterer wichtiger Handelspartner war Byzanz. Im späten 9. Jahrhundert wurden die mittelasiatischen Samaniden bedeutsam, die zu dieser Zeit noch über große Silbervorkommen verfügen konnten. Auch handelte man mit dem Irak und den Iran.[5]

Zu einer besonders wichtigen Siedlung entwickelte sich Kiew im 9. Jahrhundert. Unter der Rurikiden-Dynastie wurde es zum Zentrum des Rus-Staates. Das Wachstum gründete sich vor allem auf den Handel mit dem Osten. Entscheidend war zudem die Kooperation mit den Chazaren, von denen sie Kiew quasi übernahmen. Von ca. 907-912 zwangen sie die Byzantiner durch einen Angriff auf Konstantinopel zum Zugeständnis, dort Handel treiben zu dürfen. Von 941-945 kam es zu Angriffen von Schiffen aus Kiew auf byzantinische Städte, die aber durch die byzantinischen Schiffe abgewehrt werden konnten. Dennoch wurde ein neuer Handelsvertrag unterzeichnet.[6]

Währenddessen entwickelte sich im Nordosten Russlands Nowgorod zu einem bedeutsamen Machtzentrum. Der Handel mit den Samaniden kam immer mehr zum Erliegen, da die Silberminen Mittelasiens zunehmend erschöpft waren. So wurde wieder einmal der Pelzhandel wichtig, außerdem Silber in Form angelsächsischer und deutscher Münzen. Der Handel lief nun in erster Linie über Schweden, aber auch Norddeutschland und Polen waren wichtig. Insgesamt wurde der Ostseehandel zu einem Stützpfeiler des Rus-Reiches. Die dort lebenden Skandinavier drangen sogar in das Weiße Meer und bis zur Kola-Halbinsel vor.[7]

Das „Ende“ der Skandinavier in Russland wird meistens im 11. Jahrhundert lokalisiert. Die Anfangs eingewanderten Nordmänner hatten sich längst mit den verschiedenen Völkern der jeweiligen Gebiete vermischt. Die jetzt noch neu hinzukommenden Skandinavier verdingten sich häufig als Söldner. Doch auch diese verloren zunehmend ihre Bedeutung, nachdem in der Schlacht von Listwen 1024 ein Söldnerkontingent durch berittene nomadische Hilfstruppen vernichtend geschlagen wurde. Die Zeit, in der Fußtruppen die Schlachtfelder beherrschten, war zunächst vorbei.[8]

Die in die Gebiete des heutigen Russlands einwandernden Skandinavier haben entscheidend dazu beigetragen, dem russischen Reich den Weg zu bereiten. Sie verschwanden dabei nicht plötzlich aus diesen Regionen, sondern vermischten sich mit den zahlreichen Kulturen, die bereits ansässig waren oder auch später dazu kamen. Auch wenn die Handelsbeziehungen nach Skandinavien bestehen blieben, war die große Einwanderung aus diesen Gebieten ab dem 11. Jahrhundert vorbei. Es waren neue Strukturen entstanden, die sich über die Zeit noch mehrmals wandeln sollten. Insgesamt ist die Besiedlung des Ostens durch die Seefahrer des Nordens ein beeindruckendes Beispiel für deren Willen und Fähigkeit, lange Distanzen zu überbrücken, neue Kontakte zu knüpfen und sich Gegebenheiten vor Ort zu Nutzen zu machen. Dabei setzten sie auf eine Kombination aus Handelsgeschick, Diplomatie und  Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen. Mittel, die auch nach ihrer Herrschaft von Bedeutung bleiben sollten – bis in die heutige Zeit.

Die Ausdehnung des Rus-Reiches im 11. Jhd. (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/da/KiewerRus.jpg, 20.02.2014).

Die Ausdehnung des Rus-Reiches im 11. Jhd.
(http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/da/KiewerRus.jpg, 20.02.2014).


[1] Vgl. Noonan, Thomas S. (2001). S. 144-145.

[2] Vgl. Ebd. S. 145.

[3] Vgl. Ebd. S. 151-152.

[4] Vgl. Ebd. S. 153.

[5] Vgl. Ebd. S. 154-157.

[6] Vgl. Ebd. S. 157-160.

[7] Vgl. Ebd. S. 160-163.

[8] Vgl. Ebd. S. 163-165.

Literatur:

Noonan, Thomas S. Skandinavier im europäischen Teil Rußlands. In: Peter Sawyer (Hg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000.

 

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Stadt und Burg Linn im Mittelalter – Geschichte einer mittelalterlichen Siedlung

Burg Linn

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Diese Burg war zunächst der Adelsfamilie derer von Linn. Sie wurde in mehreren Ausbaustufen errichtet. Um 1150 wurde eine Motte aufgeschüttet und auf ihr ein steinerner Wohnturm errichtet. Dieser wurde dann, wie es üblich war, mit einer Holzpalisade umgeben. Um 1190 ersetzte die Familie von Linn die Palisade durch eine sechseckige Ringmauer mit Türmen, eine Konstruktion, wie sie für den Niederrhein eigentlich ungewöhnlich ist. Man geht davon aus, dass Otto von Linn sich im Zuge seiner Teilnahme am Kreuzzug Friedrich Barbarossas von byzantinischen Vorbildern inspirieren ließ. 1290, jetzt in der Hand der Grafen von Kleve, erfolgte ein frühgotischer Ausbau der Burg. 1480 folgte schließlich der spätgotische Ausbau und der Bau der Außenmauer. Der Burg kamen dabei im Laufe der Zeit unterschiedliche Aufgaben zu. Sie diente als Adels- und Gerichtssitz, als Witwensitz für Mechthild von Geldern, als Verwaltungszentrum und als Gefängnis.[1]

Die Zehntscheune der Burg

Die Zehntscheune der Burg

Die Burg befand sich von bis 1188 in Besitz der Herren von Linn, bis sie von diesen für 100 Mark an den Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg (1167-1191) verkauft wurde, der sie ihnen als Lehen verlieh. Urkundlich sind die Herren von Linn erwähnt. Nach dem Aussterben des Adelsgeschlechtes ging das Lehen nach 1245 an die Grafen von Kleve. Es umfasste neben der Burg noch den Drenkerhof, den Beeckerhof und den Borgerhof in Ossum. Die Burg diente jetzt einem Amtmann der Klever Grafen als Sitz, der hier auch zu Gericht saß. 1270 befanden sich hier zusätzlich 16 Landschöffen. Zusätzlich wurden die Einkünfte aus der Grundherrschaft hier verwaltet. Als der letzte Graf von Kleve, Johann, 1368 starb, fiel das Lehen zurück an Kurköln. Die Witwe des Grafen, Mechthild von Geldern, wollte die Burg und ihre Ländereien aber nicht kampflos aufgeben und wurde hierbei vom Herrn von Strünkede tatkräftig unterstützt. Da dieser hierdurch in Geldnöte geriet begann er, von Burg Linn aus Kaufleute und Kirchengüter zu überfallen. Als Reaktion hierauf begannen am 7.8.1377 der Erzbischof Friedrich von Köln, Herzog Wenzel von Luxemburg, Brabant und Limburg, Herzog Wilhelm II. von Jülich und Geldern, Graf Adolf von Kleve-Mark und die Städte Köln und Aachen die Burg zu belagern. Ihr Aufgebot umfasste  240 Reiter und 48 Schützen, außerdem sollten drei Belagerungstürme errichtet werden. Es kam allerdings nicht zum Angriff, da es zu einer friedlichen Einigung kam. Im Jahr 1377 kam es allerdings erneut zu Konflikten, als der deutsche Kaiser am 29.11.1377 Wilhelm II. von Jülich mit Geldern und Zutphen belehnte. Mechthild, abermals mit der Unterstützung durch von Strünkede, wehrte sich mit kriegerischen Mitteln. Zur Finanzierung von Strünkedes Einsatz verpfändete Mechthild die Burg, Stadt und das Land am 7.3.1378 für 6000 Goldschilde, später die Linner Objekte mit allen Hoheitsrechten für 45.000 Goldschilde an den Kölner Erzbischof (mit dem dieses Mal kein Konflikt bestand). Nach langen und brutalen Auseinandersetzungen wurde von Strünkede von Wilhelm II. besiegt und gefangen genommen. Mechthild musste daher am 24.3.1379 auf das Herzogtum Geldern und die Grafschaft Zutphen verzichten. Linn fiel letztlich an den Kölner Erzbischof, nachdem  Graf Adolf von Kleve darauf verzichtet hatte.[2]

Es fällt auf, dass es sich bei Burg Linn anscheinend keineswegs um ein rein repräsentatives Bauwerk handelt. Die sorgfältigen Belagerungsvorbereitungen zeigen deutlich, dass sie auch wehrtechnisch ein bedeutendes Bauwerk war. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle kurz auf die Bauweise eingehen, die man auch heute noch sehr schön im Museum Burg Linn betrachten kann. In ihrer frühesten Form bestand sie, wie bereits erwähnt, lediglich aus einem Wohnturm, der mit einer Palisade umgeben war. Zur Abwehr eines organisierten Angriffs war diese Konstruktion nur bedingt geeignet. Die sechseckige Mauer mit ihrem Schalentürmen an den Ecken dagegen war eine ausgereifte Wehrkonstruktion. Die Mauer war sehr viel höher und stabiler als die Palisade. Außerdem konnte der Fuß der Mauer von den Ecktürmen aus unter Beschuss genommen werden. Im Zuge des gotischen Ausbaus erhielt die Burg neben dem Palas vor allem Bergfried und Zwinger. Diese Ausbauten erhöhten ihre Wirksamkeit deutlich. Das Tor war jetzt wesentlich besser geschützt und der Bergfried ermöglichte neben einer guten Rundumsicht auf das Land auch einen letzten Rückzugsort. Die im Zuge des spätgotischen Ausbaus hinzugekommene Ringmauer fügte der Burg eine vorgelagerte Verteidigungsebene hinzu. Dass Burg Linn später, sogar zur Zeit der Schwarzpulverwaffen, mit Schanzen versehen und weiter genutzt wurde zeigt deutlich, dass sie ihre Wehrhaftigkeit über einen langen Zeitraum hinweg bewahren konnte.[3]

Zugang zur Vorburg

Zugang zur Vorburg

Die Ortschaft Linn

Neben der militärstrategischen Bedeutung ist, wie bei Burgen allgemein, die wirtschaftliche und soziale Seite der Entwicklung interessant. Schon in ihrer frühesten Entwicklungsstufe hatte die Burg einen entscheidenden Einfluss auf die Urbarmachung des umliegenden Landes. Landausbau, Rodung und Siedlung gingen von Burg Linn aus.  Eine wichtige Voraussetzung für die Gründung von Wasserburgen wie Burg Linn war ein geschlossener Besitz von Feldern und Weiden, die für die Versorgung herangezogen werden konnten. Auch  Wirtschaftshöfe und Wirtschaftsgebäude gehörten dazu. Angebaut wurden Hafer, Hirse, Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel, Erbsen, Lein sowie Buchweizen; Kirsche, Pflaume, Pfirsich, Schlehe, Zwetschge, Birne, Apfel, Edelkastanie und Traube. Allgemein üblich war Dreifelderwirtschaft, davon abweichend die rheinische Zweifelderwirtschaft als Zwischenschritt zur neuzeitlichen Fruchtwechselwirtschaft. Auch die Viehzucht spielte eine wichtige Rolle: vor allem Schwein, danach Rind, Schaf und Ziege. Fischteiche erweiterten das Nahrungsangebot weiter. All diese Besitzungen waren nicht nur für die Versorgung essentiell, sie warfen auch gute Gewinne ab. Es gab Einnahmen aus Waldbewirtschaftung (Holz und Wild) sowie  aus Pacht, dem Zehnten und von Halfenhöfen. Außerdem konnten überschüssige Waren auf dem Kölner Markt verkauft werden. Für die Herren der rheinischen Wasserburgen entwickelte sich bald eine überregionale Geldwirtschaft, anders als für viele Adlige auf Höhenburgen. Erst als es ab dem 13. Jahrhundert zu einer Abwanderung in die Städte kam, eine Klimaveränderung einsetzte und zahlreiche Kriege manche Landstriche verwüsteten wurden viele ländliche Siedlungen aufgegeben.[4]

Die Stadt Linn entstand planmäßig, d.h. ihre Anlage erfolgte nach einem bestimmten Plan. Dies war alleine schon deswegen sinnvoll, da Baugrund, Verkehrs- und Schutzlage berücksichtigt werden mussten. Die Burg war schon vorhanden und musste integriert werden. Die Lage von Kirche und Rathaus wurde im Vorfeld festgelegt, das gesamt Stadtareal parzelliert. Im Fall von Linn war ein quadratisches Areal von 7,6 ha vorgesehen, wobei die Bebauung erst nach und nach erfolgte. Zu Verteidigungszwecken wurden zunächst Gräben und Wälle errichtet, die Stadtmauer aus Stein wurde erst im 14. Jahrhundert erbaut.[5]  Die Burg wurde in die Stadtbefestigung von Anfang an mit einbezogen.[6]

Linn befand sich damit in guter Gesellschaft. Die Städte des Mittelalters waren keine kompletten Neuentwicklungen sondern eine Mischung aus der antiken Stadt und neuen Ideen als Reaktion auf neue Erfordernisse. Die Germanen siedelten und gründeten häufig dort, wo es bereits Strukturen gab und es ist bekannt, dass die vor Ort lebenden Menschen sich häufig mit den Neuankömmlingen arrangierten und mit ihnen zusammenarbeiteten.[7]

Auch im Bereich der Geldwirtschaft fanden Entwicklungen statt. Diese war absolut unverzichtbar, um einen effektiven Handel zu ermöglichen. Bereits zur Merowingerzeit gab es verschiedene Münzen. Im 8. – 11. Jahrhundert wurde mit Denar oder Pfennig bezahlt. Im 12. Jahrhundert verlor das Geld an Bedeutung und der Tauschhandel mit Waren verbreitete sich, zumindest im Auslandshandel. In der Region selbst wurde weiterhin mit Geld bezahlt. Hierbei wurden häufig Teilstücke verwendet, genannt Hälbling (Obolus) und Vierling (Quadrans). Die Münzen wurden in den Städten geprägt, die das Recht hierzu besaßen. Die Geltung dieser war jedoch örtlich und zeitlich begrenzt. Für Köln und Berg galt folgende Umrechnung:

 

144 schwere Pfennige = 12 Schillinge = 1 Mark Silber; 240 leichte Pfennige = 20 Schillinge = 1 Pfund Silber

 

Im 14. Jahrhundert entstand eine neue Währung. Aus Italien und Frankreich wurde die Großmünze Groschen (nummus grossus) übernommen und der französische tournois (grossus turonensis) ab 1266 nachgeahmt. Außerdem kam es zur Eingliederung der Goldgroschen in das Geldsystem am Rhein.[8]

Passend zum Geldsystem gab es ein sehr umständliches Zollsystem. Aufgrund der zahlreichen Herrschaftsgebiete gab es eine Vielzahl an Zöllen. Dies behinderte den Handel, tat ihm aber keinen Abbruch.[9]

 


[1]    Vgl. Klümpen Hegmans, Johanna (1993) S. 36-45.

[2]    Vgl. Feinendegen, Reinhard; Vogt, Hans (1998). S. 423-432.

[3]    Vgl. Klümpen Hegmans, Johanna (1993) S. 36-38.

[4]    Vgl. Ott, Hanns (1984) S. 62-66.

[5]    Vgl. Klümpen Hegmans, Johanna (1993) S. 58-59.

[6]    Vgl. Friedrich, Reinhard (2010) S. 258.

[7]    Vgl. Ennen, Edith (1972) S. 32-80.

[8]    Vgl. Heppe, Karl Bernd (1984) S. 119-124.

[9]    Vgl. Walz, Rainer (1984) S. 109-118.

 

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Köln: Die militärische Organisation einer spätmittelalterlichen Stadt

In diesem Artikel möchte ich mich damit befassen, wie eine Stadt im Spätmittelalter für ihre Sicherheit und ihren Fortbestand sorgte. Viele Städte bildeten bereits seit dem Hochmittelalter eigene politische Einheiten oder waren Zentren der Herrschaftsbereiche mächtiger Fürsten. Aus diesem Grund war es für sie unverzichtbar, militärisch unabhängig vom Kaiser handeln zu können. Mehr noch, es war absolut notwendig, wenn man auf der politischen Bühne eine Rolle spielen wollte. So war auch Köln immer wieder in politische Ränkespiele und militärische Aktionen verwickelt und mehr als einmal wurde das Erzstift Köln und auch die Stadt selbst durch äußere Feinde bedroht.

Holzschnitt aus der Chronica van der hilligen stat van Cöllen. Cöllen 1499

Holzschnitt aus der Chronica van der hilligen stat van Cöllen 1499.

Die Gemeinde der Stadt Köln war in 22 Gaffeln gegliedert, die auch die Grundlage der Wehrverfassung bildeten. Es war die Pflicht jeden Bürgers der Stadt, einen Harnisch zu besitzen. Zusätzlich zu den Gaffeln gab es eine Einteilung in die sogenannten Kirchspiele, die die Flexibilität im Ernstfall deutlich erhöhten.[1] Die Bürger waren aber nicht nur wehrpflichtig im Falle eines Angriffes, sie mussten auch beim Bau und später beim Erhalt der städtischen Wehranlagen mithelfen. Kam es zum Krieg, konnte von ihnen darüber hinaus eine Kriegssteuer erhoben werden. Mitte des 15. Jahrhunderts bestand die vorgeschriebene Mindestausrüstung aus Harnisch, Eisenhut, Armbrust und einem Paar Handschuhe. Dennoch war das Aufgebot an Bürgern wohl wenig diszipliniert, was immer wieder zu Problemen führte. So geht Wübbeke davon aus, dass die Entsendung des Bürgeraufgebots zu den Steinen bei Neuss der dringenden Notlage der Stadt geschuldet war und nicht davon ausgegangen werden konnte, dem Heer Karls des Kühnen ernsthaft etwas entgegen setzen zu können. Um die Schlagkraft des Bürgeraufgebots zu erhöhen, wurden zusätzlich bestimmte Fachleute eingestellt. So waren es vor allem die finanziellen Möglichkeiten der Bürger, die die Stadt Köln zu einer militärisch durchaus ernst zu nehmenden Einheit machte. Dazu trugen auch die Frauen bei, die das volle Bürgerrecht besaßen.[2] Aus den Reihen der Bürger wurden auch verschiedene Ämter besetzt. Es gab zwei Rentmeister, die für vor allem Befestigungen und Geschütze betreffende Ausgaben zuständig waren. Zwei Wachtmeister zeichneten sich verantwortlich für Wachwesen und Verteidigung. Zwei Stimmmeister schätzten den Wert der Pferde der Söldner (was für eventuelle Schadensersatzforderungen dieser wichtig war) und kümmerten sich ebenfalls um die Bewachung der Stadt.[3]

Die militärische Führung oblag dem Rat der Stadt. Dieser konnte grundsätzlich alleine Entscheidungen treffen, es sei denn es handelte sich um eine Heerfahrt, Bündnisse, Verträge, Kreditaufnahmen und Ausgaben, die 1.000 Gulden überschritten. In diesen Dingen mussten je zwei Vertreter der Gaffeln hinzugezogen werden.[4]

Die Stadt unterhielt seit dem 13. Jahrhundert eine Truppe aus berittenen Söldnern, Büchsenmeistern, Armbrust-, Pulver- und Windenmachern. Eine weitere, sehr wichtige und angesehene Gruppe, stellten die städtischen Schützen dar. Ihre Aufgabe war die Sicherung der Stadt in Krisenzeiten sowie die Bewachung der Stadtmauern und des Rheins.[5] Diese Fachleute waren sehr bedeutend. Die Büchsenmeister hatten sich aus dem Schmiede- und Glockengießerhandwerk entwickelt. Köln verfügte im späten Mittelalter über ein größeres Arsenal an Geschützen. Im Dienst der Stadt stehende Büchsenmeister sind erstmals in den Jahren 1365-1382 belegt, erste Pulvergeschütze seit dem 13. März 1370. Diese wurden im Belagerungsfall auf den Stadtbefestigungen in Stellung gebracht. Die Büchsenmeister mussten Pulver herstellen können, Bollwerke errichten und mit ihren Büchsen zielen und feuern können. Zum Schutz der Geschütze wurden von Zimmerleuten spezielle Schutzschirme hergestellt.[6]

In Dienst gestellt wurden seit 1380 auch die Hauptleute, die diese Truppen anführen sollten. Ab 1425 war dies immer nur ein Hauptmann, der einen befristeten Dienstvertrag bekam.[7] Während des Neusser Krieges wurde dieser Posten mit Johann van Elsich besetzt, der aus einer angesehenen Kölner Familie stammte und mehrfach Ratsherr war. 1474 erhielt er die Aufgabe, alle von der Kriegskommission genannten Personen der Stadt zu verweisen oder gefangen zu nehmen, eine durchaus übliche Praxis. Am 01. Januar 1475 wurde er offiziell als Rittmeister mit drei Berittenen in Dienst genommen. Auch wenn darauf geachtet wurde, diese wichtige Position nur mit Personen zu besetzen, denen man vertrauen konnte, so führte van Elsich während des Neusser Krieges ein sehr eigenmächtiges Regiment und musste mehrfach vom Rat aufgrund von Plünderungen ermahnt werden.[8]

Über die stehende Truppe hinausgehenden Söldner wurden immer für einen bestimmten Einsatzzweck und Zeitraum unter Vertrag genommen. Eingeteilt wurden diese in Gleven, wobei eine Gleve aus einem schweren Reiter und seiner Mannschaft bestand. Köln hatte durch seine weitreichenden Kontakte und seine hohe Finanzkraft die Möglichkeit, sehr schnell und in hoher Zahl Söldner anzuwerben.[9] Eine Besonderheit war, dass die Stadt in den Soldverträgen festlegen ließ, dass sie im Nachhinein nicht für Schäden an Leib und Ausrüstung der Söldner haftbar gemacht werden konnte. Weiterhin wurden die Pflichten der Söldner vertraglich festgehalten. Neben der Beistandspflicht mussten sie auch bei der Bekämpfung von Feuer helfen, Geleit geben und Wachdienste übernehmen. Dafür wurde ihnen eine regelmäßige Bezahlung versprochen, sie durften einen bestimmten Teil der Beute behalten und erhielten außerdem Prämien für Gefangene.

Versorgt wurden die Söldner zum Teil durch die Stadt, zum Teil mussten sie sich selbst versorgen. Zu diesem Zweck wurde ein zusätzlicher Sold gezahlt und dafür gesorgt, dass in der Nähe des Lagers ein Markt zugänglich war.

Ihre Ausrüstung mussten die Söldner selbst stellen. Sie sollte aus Panzer, Hose, Beinschienen, Handschuhen, Gürtel, Armbrust und Schwert bestehen.[10]

Die Ursprünge Kölns: Die Colonia Claudia Ara Agrippinensium

Die Ursprünge Kölns: Die Colonia Claudia Ara Agrippinensium

Insgesamt war die Stadt Köln also eine sehr wehrhafte Stadt. Sie war seit der Zeit unter den Römern, als sie noch als Colonia Claudia Ara Agrippinensium bekannt war, befestigt. Im späten 12. Jahrhundert maß das Stadtgebiet auf der Nordsüdachse 3.075 Meter und auf der Ostwestachse 1.575 Meter. Die verschiedenen Torbauten stellten mächtige Bollwerke dar, die mit Geschützen versehen werden konnten und auch die Rheinseite war befestigt.[11]


[1] Vgl. Wübbeke, Brigitte Maria (1991). S. 53-57.

[2] Vgl. Ebd. S. 58-67.

[3] Vgl. Ebd. S. 75-79.

[4] Vgl. Ebd. S. 73.

[5] Vgl. Ebd. S. 68-71.

[6] Vgl. Ebd. S. 160-163.

[7] Vgl. Ebd. S. 94-96.

[8] Vgl. Ebd. S. 104-110.

[9] Vgl. Ebd. S. 122-127.

[10] Vgl. Ebd. S. 143-151.

[11] Vgl. Ebd. S. 195-198.

Literatur:

Wübbecke, Brigitte Maria. Das Militärwesen der Stadt Köln im 15. Jahrhundert. (Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte; 91). Stuttgart, 1991.

 

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Die mittelalterliche Stadt und das Stadtrecht

Die Stadt als Siedlungsform war keine Erfindung des Mittelalters. Die Städte in Europa entwickelten sich auf der Grundlage der griechischen polis und der römischen colonia bzw. castra. Die Stadt unterlag aber während des Mittelalters einer Vielzahl wichtiger Entwicklungen und wies bestimmte Charakteristika auf. Städte konnten verschiedene Funktionen und Formen besitzen. Monofunktionale Städte waren auf eine einzige Funktion ausgerichtet, beispielsweise den Bergbau. Diese Städte hatten meist nur wenige oder gar keine Verbindungen mit ihrem Umland. Polyfunktionale Siedlungen dagegen besaßen vielschichtige Bedeutungen. Diese Städte hatten nicht nur mit ihrem Umland zu tun, sondern je nach Größe und Bedeutung auch mit weiter entfernten Gebieten, anderen Städten und Herrschern. Wichtig waren hier vor allem der Handel und das Gewerbe, wobei der Handel die wichtigere Rolle einnahm. Für den Handel war vor allem die Lage der Stadt wichtig, beispielsweise die Anbindung an die Handelswege über Land und Wasser.

Darüber hinaus dienten bedeutende Städte als Verwaltungs- und Regierungssitze eines Landes oder auch einer bestimmten Region, abhängig von den jeweiligen politischen Entscheidungen der Herrscher. Neben Wirtschaft und Politik spielten Städte wichtige Rollen in Bildung und Religion, wenn sie geistliche Sitze, Bibliotheken und Universitäten beherbergten. Sie konnten auch Wallfahrtsorte sein, wenn sie Reliquien von Heiligen aufbewahrten oder an einem religiös bedeutendem Ort lagen.[1]

Die Städte im mittelalterlichen Europa unterschieden sich deutlich von den Siedlungen auf dem Land. Sie besaßen das Stadtrecht, was ihnen eine ganze Reihe von Rechten einräumte. Dieses Recht erhielten sie entweder direkt bei ihrer Gründung oder nach einiger Entwicklungszeit, wenn eine Siedlung zur Stadt erhoben wurde. Zentraler Aspekt des Stadtrechts waren die Freiheit ihrer Bürger sowie deren Recht auf Grundbesitz und die Vererbung ihrer Besitztümer. Auch die Gerichtsbarkeit lag bei den Bürgern.[2]

Für die Zukunft sollte das Stadtrecht des Mittelalters entscheidende Entwicklungen anstoßen. Das Recht auf Handel und Kredit, das Arbeitsrecht, Strafrecht sowie Prozessrecht haben ihren Ursprung im mittelalterlichen Stadtrecht.[3]


[1] Vgl. LexMA. Bd. 8, Sp. 29-32.

[2] Vgl. LexMA. Bd. 8, Sp. 24.

[3] Vgl. LexMA. Bd. 8, Sp. 26.

Ratssitzung aus dem Codex Monacensis

Ratssitzung aus dem Codex Monacensis

 

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