Die 12 Artikel von Memmingen

1525 – ein Schicksalsjahr für die Bauern im Heiligen Römischen Reich. In Schwaben, am Ober- und Mittelrhein, Franken, Thüringen, Salzburg und Tirol erhoben sich mehrere hunderttausend Bauern gegen ihre Herren. In Memmingen formulieren sie die sogenannten 12 Artikel – die erste Proklamation der Menschenrechte in Europa, über 200 Jahre vor der französischen Revolution. Doch wie sahen die Forderungen im einzelnen aus?

Die Forderungen der Bauern

Das Ziel der Bauern war eine gerechtere Lebensordnung nach dem Vorbild der Bibel. Es sollte Schluss sein mit dem Willkür des Adels, unter dem besonders die Leibeigenen zu leiden hatten. In Memmingen legten sie 1525 12 Artikel vor, in denen sie ihre Forderungen auf den Punkt brachten:

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Flugschrift von 1525, aus: Otto Henne am Rhyn: Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Zweiter Band, Berlin 1897, S.21

 

  1. Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu wählen und ihn zu entsetzen (abzusetzen), wenn er sich ungebührlich verhält. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können.

    Die Bauern beziehen sich hier klar und deutlich auf die Reformation. Das Heil könne nur durch den wahren Glauben erlangt werden, zu dem man nur durch die Befolgung der Schrift gelangen könne. Zudem sollte hier der Bevormundung durch die hohe Geistlichkeit Einhalt geboten werden.

  2. Von dem großen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger Überschuss soll für die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll abgetan (aufgegeben) werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.

    Hierbei handelt es sich um die Forderung nach Entlastung übertriebener Abgaben. Zudem sollte der große Zehnt in Gänze dem Dorf zugute kommen. Vorher wurden die Abgaben häufig zweckentfremdet.

  3. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Eigenleute (Leibeigene) gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.

    Leibeigenschaft und Freiheit im christlichen Sinne passten aus Sicht der Bauern nicht zusammen. Ganz anders formulierte dies übrigens Dr. Martin Luther. Seiner Meinung nach sei zu unterscheiden zwischen dem Geist des Menschen und dessen leiblicher Gestalt. Nur für den christlichen Geist sei die Freiheit vorgesehen, von der in der Bibel die Rede ist. Der irdische Mensch müsse sich aber der göttlichen Ordnung beugen.

  4. Ist es unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.

    Nur wer sich selbst versorgen kann, ist auch wirklich frei. Andernfalls bliebe er stets in Abhängigkeit von anderen Menschen. Kein Wunder also, dass diesem Artikel eine sehr hohe Bedeutung zukommt.

  1. Haben sich die Herrschaften die Hölzer (Wälder) alleine angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher alle Hölzer, die nicht erkauft sind (gemeint sind ehemalige Gemeindewälder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten), der Gemeinde wieder heimfallen (zurückgegeben werden), damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.

    Auch hier: Die Versorgung der Bauern müsse aus eigener Kraft möglich sein.

  2. Soll man der Dienste (Frondienste) wegen, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, ein ziemliches Einsehen haben (sie ziemlich reduzieren), wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.

  3. Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht über das bei der Verleihung festgesetzte Maß hinaus erhöhen. (Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war durchaus üblich.)

    Die Bauern litten sehr unter der harten, körperlichen Arbeit. Ihre Herren setzten sie in vielen Fällen über die Leistungsgrenze hinaus ein. Dies sollte nun ein Ende haben.

  4. Können viele Güter die Pachtabgabe nicht ertragen. Ehrbare Leute sollen diese Güter besichtigen und die Gült nach Billigkeit neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.

    Gerechter Lohn für harte Arbeit: Diese Forderung ist heute noch so aktuell wie damals!

  5. Werden der große Frevel (Gerichtsbußen) wegen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben (Erhöhungen von Strafen und Willkür bei der Verurteilung waren üblich). Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe zu strafen, darnach die Sache gehandelt ist, und nicht nach Gunst.

    Die Bauern forderten hier das Recht auf einen fairen Prozess. Im 16. Jahrhundert entschied häufig die Qualität der Kontakte darüber über das Strafmaß. Das Vertrauen in das Rechtssystem wurde so zerstört.

  6. Haben etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören (Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen.

  7. Soll der Todfall (eine Art Erbschaftssteuer) ganz und gar abgetan werden, und nimmermehr sollen Witwen und Waisen also schändlich wider Gott und Ehre beraubt werden.

    Starb ein Leibeigener, stand dem Lehnsherren die Hälfte des Besitzes zu. Für die ohnehin schon armen Hinterbliebenen war dies nicht nur eine unerträgliche Ungerechtigkeit, sondern eine direkte Bedrohung ihrer Existenz.

  8. Ist unser Beschluss und endliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären …, von denen wollen wir abstehen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und es befände sich hernach, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von Stund an tot und ab sein. Desgleichen wollen wir uns aber auch vorbehalten haben, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären.

Was die Bauern hier forderten war nicht weniger als die Abschaffung der alten Ordnung zugunsten einer neuen, gerechteren Verteilung der Güter und einer gerechteren Behandlung. Wahrhaft revolutionäre Gedanken! Umso bedrohlicher musste sie von den Herrschern wahrgenommen werden. Dies erklärt das schnelle und brutale Vorgehen gegen die Aufständischen.

Erreichten die Bauern ihre Ziele?

Der deutsche Bauernkrieg endete 1525 mit vernichtenden Niederlagen mehrerer Bauernheere auf deutschem Boden. Gegen die erfahrenen und hervorragend ausgerüsteten Söldner der Fürsten konnten die Bauern nichts ausrichten. Die Folgen der Niederlage waren verheerend. Über 100.000 Bauern waren getötet worden. Die Anführer wurde öffentlich gefoltert, verurteilt und hingerichtet. Wer nicht gefasst wurde, wurde für vogelfrei erklärt. Die Vertreter der alten Ordnung hatten triumphiert. Sie sollte noch über 300 Jahre Bestand haben – bis zur deutschen Revolution von 1848/49.

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Süße Düfte und sündhafter Gestank – Hygiene im Mittelalter

Hätten Sie gedacht, dass die Menschen des Mittelalters großen Wert auf Reinlichkeit gelegt haben? Dass üble Gerüche gar in Verdacht standen, tödliche Krankheiten auszulösen? Das Mittelalter wird nicht allzu häufig mit strengen Hygienestandards in Verbindung gebracht. Dabei waren Sauberkeit und ein gepflegtes Auftreten damals mindestens genauso wichtig wie heute.

Hygiene im Mittelalter und ihre Bedeutung für die Gesellschaft

„Die Beziehung zwischen Sauberkeit, Identität, Stolz und Achtsamkeit“1 war es, die das Thema Hygiene bereits im Mittelalter zu einem wichtigen Bestandteil des Alltagslebens machte. In einer Welt, in der die Menschen nichts von Keimen als Auslöser von Krankheiten wussten, spielten Gerüche eine umso bedeutendere Rolle. Zwar waren üble Gerüche in den meisten Bereichen nicht zu vermeiden. Doch wurden sie, so gut es ging, bekämpft. Es war den Menschen des Mittelalters überaus wichtig, ihre Häuser und ihr Erscheinungsbild in Ordnung zu halten.

Wie penibel auf Sauberkeit geachtet wurde

Die Häuser und ihr Interieur wurden sorgfältig sauber gehalten. Die Böden wurden regelmäßig gefegt, die Arbeitsplatten abgewischt. Die Textilien wurden in harter Handarbeit gewaschen und anschließend zum Trocknen ausgelegt. Das Geschirr wurde nach jedem Gebrauch gereinigt. Grundsätzlich galt: Aus wessen Haus üble Gerüche drangen, der war gesellschaftlich unten durch. Das galt ebenso für das persönliche Erscheinungsbild. Körper und Kleidung mussten nach Möglichkeit in bestem Zustand sein. Und beides sollte gut riechen, sofern die Menschen nicht gerade körperlich arbeiteten.

Die Badekultur des Mittelalters

Für die persönliche Hygiene spielte vor allem das Waschen von Händen und Füßen eine bedeutende Rolle. Gebadet wurde in Flüssen und Seen. Vollbäder in Bottichen waren möglich, aber relativ teuer. Der Besuch von speziellen Badehäusern war ebenfalls eine beliebte Variante, wobei diese häufig im Bereich der Bordelle anzusiedeln waren.

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Szene aus einem Badehaus. (Abbildung aus dem Factorum Dictorumque Memorabilium des Valerius Maximus, 15. Jahrhundert).

Mehrmals pro Jahr in einem eigenen Becken zu baden war vor allem den Adligen vorbehalten. Der Einsatz von Duftstoffen und speziellen Kräutern machte diese Bäder zu etwas ganz besonderem. Einige Königspaläste besaßen sogar bereits im Mittelalter eigene Badezimmer, die gerne und oft genutzt wurden.

Neben der allgemeinen Körperhygiene spielte das Waschen der Haare mittels spezieller Kräutermixturen eine wichtige Rolle. Hierfür wurden ebenfalls Becken und Schüsseln verwendet. Außerdem war regelmäßiges Kämmen unerlässlich. Denn nur wenn das Haar ordentlich lag, konnten daraus überhaupt erst Frisuren geformt werden.

Wurden im Mittelalter die Zähne geputzt?

Durchaus! Allerdings erfolgte die Zahnreinigung etwas anders, als dies heute der Fall ist. Das Kauen von Süßholz und frisch riechenden Gewürzen war durchaus üblich. Da die Menschen des Mittelalters allerdings nichts über Kariesbakterien wussten, ging es hier in erster Linie um den frischen Atem. Immerhin etwas, oder?

Wie wurde die Wäsche gewaschen?

Ein sauberer Körper braucht saubere Wäsche. Zu diesem Zweck waren in den Städten Wäschereien angesiedelt, die die Reinigung im großen Stil übernahmen. Neben dem Walken der Stoffe mit Urin wurden bereits verschiedene Seifen verwendet. Diese waren allerdings sehr aggressiv und für die Haut nicht besonders gut verträglich. Der Beruf des Wäschers war somit ein hartes, der Gesundheit nicht gerade zuträgliches Geschäft.

Das Mittelalter – eine schmutzige Epoche?

Die Menschen des Mittelalters waren nicht weniger auf Hygiene bedacht, als wir das heute sind. Dass nicht das gleiche Hygienelevel erreicht werden konnte wie dies in den römischen Städten der Antike der Fall war lag vor allem daran, dass häufig keine flächendeckende Infrastruktur an Abwasserkanälen und Wasserleitungen vorhanden war. Die Technologie war zwar bekannt und wurde in den Palästen teilweise angewandt. Für den einfachen Bürger war sie aber zu aufwendig und zu teuer. Eine wichtige Rolle spielte auch, dass die Menschen nichts von Viren und Bakterien wussten. Die Ausbreitung von Krankheiten wurde noch bis in das 18. Jahrhundert hinein an bestimmten Gerüchen festgemacht.

Dennoch: Für das gesellschaftliche Ansehen eines Menschen war ein gepflegtes und sauberes Auftreten bereits damals außerordentlich wichtig. Das galt gleichermaßen für den Körper, die Kleidung und das traute Heim. Der Mythos vom „dreckigen Mittelalter“ lässt sich also keineswegs bestätigen.

1cf. Mortimer, Ian (2015). S. 259.

Literatur:

Mortimer, Ian. Im Mittelalter. Handbuch für Zeitreisende. München, 2015.

Die Bedeutung der Gemeinschaft im Mittelalter

So lange es Menschen gibt, so lange leben sie in Gemeinschaften zusammen. Alleine dauerhaft zu überleben ist nur den wenigsten Überlebenskünstlern wirklich geglückt. Die Bedeutung der Gemeinschaft für den Einzelnen ist daher auch für das Verständnis des Mittelalters von ausgesprochener Relevanz. Denn gerade in harten Zeiten kann es sehr von Vorteil sein, sich auf die Unterstützung einer Gruppe verlassen zu können.

Die Familie

Die mittelalterliche Familie konnte sehr unterschiedlich aussehen, je nachdem, in welcher sozialen Schicht sie sich befand. Im Gegensatz zur modernen Kleinfamilie umfasste der mittelalterliche Familienverband eine weit größere Zahl an Personen. Neben Vater, Mutter und Kindern lebten auch Großeltern, Diener und Knechte in einem Haushalt zusammen. Wer dabei wen heiratete, lag meist im Ermessen einer bestimmten Autorität. Bei Freien war dies in der Regel der Vater, der Verhandlungen über die Verheiratung seiner Töchter führte. Bei Unfreien wurde dies häufig vom jeweiligen Lehnsherr übernommen. Diese Verhandlungen waren enorm wichtig. Durch eine geschickte Heiratspolitik war es möglich, den eigenen sozialen Stand deutlich zu verbessern. Davon profitierten dann wiederum die Kinder, die aus der Verbindung hervorgingen. Die Eltern konnten sich hingegen auf die Unterstützung durch ihre erwachsenen Kinder verlassen. Der Fortbestand der Familie wurde entscheidend dadurch bestimmt, wo sie sich im Gesellschaftsverband verortete und natürlich davon, dass genug Nachkommen gezeugt wurden, die das Kindesalter überlebten.

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Gerade im Winter war das Leben hart. Brevarium Grimani, fol. 3v , 1510

Dorf und Stadt

Das Mittelalter war eine agrarisch geprägte Epoche. Die meisten Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft. In Ermangelung modernen Maschinen war hier, neben der Zugkraft der Ochsen, die menschliche Arbeitskraft entscheidend. Hiervon waren auch die Kinder nicht ausgenommen. Sie lernten bereits früh, wie die Felder bewirtschaftet und Vieh gehalten wurde.

In der Stadt waren vor allem Handwerk und Handel Triebkräfte des wirtschaftlichen Erfolges. Doch auch hier wurden die Kinder bereits frühzeitig zur Arbeit herangezogen. Die Städte waren im Hochmittelalter auf ständigen Zuzug und möglichst hohe Geburtenraten angewiesen, um die durch Krankheiten verursachten Verluste auszugleichen. Dies gilt insbesondere für die Zeit der Pest, die Millionen von Menschen das Leben kostete. Im Spätmittelalter griffen viele Städte bzw. ihre Herren hingegen auf Geburtenkontrolle zurück. Es wurde genau bestimmt, wer Kinder bekommen durfte und wer nicht. So sollte die Bevölkerungszahl auf einem Niveau gehalten werden, dass aus dem Umland versorgt werden konnte.

Die Hanse - Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Die Hanse – Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497

Innerhalb der Städte bildeten sich wiederum kleinere Gemeinschaften. Handwerksbetriebe schlossen sich zu Zünften zusammen, um die Interessen eines bestimmten Handwerkszweiges besser vertreten zu können. Händler verbanden sich neben ihren Gilden sogar über die Grenzen der Stadt hinweg, um ihre Geschäfte schnellerer und sicherer abwickeln zu können. Die Ebene der Kooperation orientierte sich dabei an den einzelnen Interessen und den Vorteilen, die sie ihren Mitgliedern bringen konnte.

Der Gemeinschaft kam stets die größte Bedeutung zu. Der Einzelne hatte sich dem Wohl dieser unterzuordnen. Es war ein schwerwiegendes Verbrechen, die Sicherheit der Gemeinschaft in Gefahr zu bringen. Wer in einer Siedlung Brände legte oder einen Aufstand gegen die bestehende Ordnung anzettelte, machte sich aus der Sicht der damaligen Zeit schwerer Verbrechen gegen die gottgegebene Ordnung schuldig. Die Strafen vielen entsprechend drakonisch aus. Letztlich konnten diese Gemeinschaften nur durch eine klare Ordnung und funktionierende Sicherheitssysteme überleben. Die Menschen wussten, dass der Zusammenhalt das Überleben ihrer Familien sicherte.

Die Stände

Die drei Stände des Mittelalters – Beter, Kämpfer und Bauern – waren ebenfalls Gemeinschaften. Es gab bestimmte Insignien, die die Zugehörigkeit anzeigten. Der Umgang der Standesgenossen miteinander und das Verhalten gegenüber den anderen Ständen waren klar geregelt. So sollte sichergestellt werden, dass jeder Stand die ihm zugedachten Aufgaben erfüllte und Konflikte zwischen den Ständen vermieden wurden. Jeder sollte seinen Platz kennen und sich dementsprechend in die Gemeinschaft einbringen. Es ist hinlänglich bekannt, dass dieses ideale Bild nicht immer der Realität entsprach. Dennoch gab es klare Regeln, die zu einem großen Teil auch so angewandt wurden.

Die Verteidigung der Gemeinschaft und der Schutz durch die Gemeinschaft

Kam es zu Angriffen von außen, war jedes wehrfähige Mitglied einer Gemeinschaft dazu verpflichtet, sich an der Verteidigung zu beteiligen. Letztlich waren alle vom Angriff betroffen, daher war es nur konsequent, dass alle zusammen hielten um ihr Leben und ihre Besitztümer zu verteidigen. Hierbei machte es in der Praxis kaum einen Unterschied, ob es sich um Bauern oder um Adlige handelte. So ist aus dem Neusser Krieg von 1474/75 überliefert, dass burgundische Söldner beim Plündern durch wütende Bauern vertrieben wurden. Auch die Frauen beteiligten sich an der Verteidigung. Wenn sie nicht selbst zu den Waffen griffen (was sie durchaus taten), versorgten sie die Kämpfenden und Verwundeten oder bezahlten Söldner, die für sie kämpften.

Die Städte verteidigten sich aber nicht nur gegen angreifende Feinde. Sie schützten auch ihre Mitglieder. Beispielsweise, indem sie in Gefangenschaft oder Sklaverei geratene Bürger freikauften. Auch konnte sich ein Bürger stets darauf berufen, einer bestimmten Stadt zugehören. Das konnte seinem Wort ein gewisses Gewicht verleihen. Umso schlimmer wog die Verbannung. Der Einzelne war plötzlich schutzlos und musste sich schnellstmöglich ein neues soziales Umfeld suchen, um zu überleben.

Dieses Umfeld konnte der Einzelne unter Umständen bei anderen Ausgestoßenen finden, die sich ihrerseits organisiert hatten. Bekannte Beispiele sind die Geächteten, die gar keine andere Wahl hatten, als sich gegenseitig zu unterstützen. Im späten Mittelalter bestand auch die Möglichkeit, sich einer der Söldnerkompanien anzuschließen und im Krieg sein Glück zu suchen.

Die Bedeutung einer effektiven Führung

Wie wir gesehen haben, ist für das Funktionieren jeder Gemeinschaft eine entsprechende Führung unerlässlich. Ohne klare Regeln und ein System, dass für deren Einhaltung sorgt, wäre jede Form der Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt gewesen. Dies ist ein Grund dafür, dass ein Aufbegehren gegen die bestehende Ordnung als schweres Verbrechen gewertet wurde. Gleichzeitig waren auch die Anführer stets in der Pflicht, gute Entscheidungen zu treffen. Idealerweise sollten sie die gesamte Gemeinschaft nicht nur erhalten, sondern auch zum Heil führen. Herrscher, die aus purem Eigennutz handelten, wurden in der Literatur daher häufig negativ beurteilt. So konnte auch ein König oder Kaiser nicht einfach das tun, was er wollte. Er musste sich stets auch der Interessen seiner Vasallen bewusst sein und sie in seine Entscheidungen einbeziehen. Tat er dies nicht, riskierte er Widerstand, Ablehnung und die Verweigerung von Unterstützung ihm wichtiger Vorhaben. Untergebene und Herren befanden sich also in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, auch wenn eine Hierarchie für das Funktionieren der mittelalterlichen Welt unabdingbar war.

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Der König wurde im Heiligen Römischen Reich von den Kurfürsten gewählt. (um 1340)

Wie wichtig war die Gemeinschaft für die Menschen?

Kein Mensch kann ganz alleine überleben. Das galt zu allen Zeiten. Umso weniger überrascht ist, dass auch das Mittelalter eine ganze Reihe von Organisationsformen kannte, die den Menschen das Überleben sicherten und ihnen half, sich bestimmte Vorteile zu verschaffen. Wer seine Gemeinschaft verlor, schwebte in großer Gefahr. Ohne Unterstützung hatte er es außerordentlich schwer, in der harten Welt des Mittelalters zu überleben. Auch die höheren Stände waren auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. Auffällig ist, dass der Einhaltung bestehender Regeln und Gesetze großer Wert beigemessen wurde. Das Zusammenleben der Gemeinschaft musste geregelt sein, um zu funktionieren. Geriet diese in Unruhe oder nahmen Regelbrüche zu, geriet das gesamte Gemeinschaftsgefüge in Gefahr. Dass das den schnellen Untergang bedeuten konnte, war den Menschen also durchaus klar. Die Gemeinschaften waren dabei nicht unbedingt nach außen abgeschlossen. Sie funktionierten immer in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt.

Schwertkampf im europäischen Mittelalter – Fiktion und Realität

Wohl kaum eine  andere Waffe steht derart als Symbol für das Mittelalter als das Schwert. Jedes Kind kennt es und die meisten werden es in Form von Holzschwertern schon in einem jungen Alter in der Hand gehalten haben. Ein Ritter ohne Schwert wird für die meisten kaum vorstellbar sein – und war es übrigens auch im Mittelalter nicht. Bei einer derart hohen Bekanntheit ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Mythen um das Schwert ranken. Dabei handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen. Bereits in den Liedern und Geschichten des Mittelalters tauchen Schwerter mit auch heute noch bekannten Namen auf: Siegfrieds „Gram“, Dietrich von Berns „Mimung“, Rolands „Durendal“ und selbstverständlich „Excalibur“, das Schwert König Arturs (um nur einige zu nennen). Alle diese Schwerter tragen nicht nur Namen, sondern zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie allen anderen Waffen überlegen sind und ihren Trägern zu Ruhm und Ehre verhelfen. Geschmiedet werden sie in den Sagen entweder durch legendäre Schmiede oder gelangen durch göttliche Vorsehung oder gar Magie in die Hände ihres für sie vorgesehenen Helden. In der modernen Rezeption finden sich spektakuläre Choreographien, wie man sie aus Film, Theater oder Schaukämpfen kennt. Doch wie nahe kommen diese der mittelalterlichen Realität?

Tatsächlich besaßen gute Schwerter bereits im Mittelalter einen unschätzbaren Wert. Zu dieser Zeit gab es in Europa bereits eine Schmiedetradition, die viele Jahrhunderte in die Geschichte zurück reichte. Schon die alten Hochkulturen waren in der Lage, qualitativ hochwertige Waffen zu fertigen. Im Frühmittelalter waren Schwerter mit dem Schriftzug +VLFBERHT+ sehr begehrt, zunehmend auch bei den aus dem Norden in das Frankenreich einfallenden Wikingern. Interessant ist, dass sich immer wieder qualitativ schlechtere Fälschungen finden lassen, die wesentlich schneller brachen. Bei Ulfberht könnte es sich um einen bekannten Schmied handeln, der im Frankenreich tätig war und vielleicht als Vorbild für die legendären Schmiede aus den Geschichten diente.

Die Schwerter dieser Zeit waren in erster Linie für das Zuschlagen gedacht. Sie wurden mit einer Hand geführt, dazu verwendete man in der Regel einen Schild. Wurde zu Fuß gekämpft, bildeten die Krieger meist einen Schildwall. Dieser musste in einer Schlacht unbedingt geschlossen bleiben, wie sich am Beispiel der Schlacht von Hastings 1066 eindrücklich zeigte. Sobald die Angelsachsen ihre dichte Formation auflösten, wurden sie anfällig für gegnerischen Beschuss und Reiterangriffe. Da es sich beim Schwert um eine sehr teure Waffe handelte, wurde sie wahrscheinlich nur von reichen und hochrangigen Kriegern verwendet. Äxte und Speere waren weit günstiger und schneller zu produzieren. Allerdings spielt hier auch die Tradition eine Rolle. Die angelsächsischen Elitekrieger, die „húskarlar“, verwendeten beispielsweise mannshohe Äxte.

Im Hochmittelalter war das Schwert in erster Linie ein Symbol der Ritterschaft. Es wurden meist Einhänder verwendet, die stets am Gürtel getragen wurden. Zusätzlich zu den Schilden wurden ab dem 13. Jahrhundert Buckler verwendet. Hierbei handelt es sich um Faustschilde, die einen Durchmesser von ca. 30-35 cm besaßen. Das älteste bekannte Fechtbuch, das I.33, behandelt ausschließlich den Kampf mit dem einhändigen Schwert und dem Buckler.[1] Bei diesem Kampfstil kommen neben den Schlägen auch Stiche zum Einsatz. Zudem ist er nicht mehr primär auf den Kampf in einer Schlachtreihe ausgerichtet, sondern auf das Duell. Das einhändige Schwert war alles andere als plump und schwerfällig. Das durchschnittliche Gewicht lag bei unter einem Kilogramm. Somit sind hiermit schnelle und präzise Aktionen möglich.

Buckler

Buckler

Aus dem 14. Jahrhundert stammt das Fechtbuch, das heute als maßgeblich für die deutsche Schule gilt – die Aufzeichnungen des Fechtmeisters Johannes Liechtenauer. Er widmete sich in erster Linie dem Kampf mit dem langen Schwert. Diese Waffe ist ca. 120 cm lang, besitzt ein Parier und einen Griff, der für zwei Hände geeignet ist. Der Knauf kann verschiedene Formen haben. In alten Aufzeichnungen sind teilweise sogar Dornen erkennbar. Auch konnte das Parier angeschliffen sein. Bei den angewandten Techniken kommt nicht nur die Klinge zum Einsatz – insbesondere dann nicht, wenn gegen gepanzerte Gegner gekämpft wird. Das Gewicht der Schwerter variiert, beträgt im Regelfall aber ca. 1200-1800 Gramm. Die richtige Balance ist bei diesen spezialisierten Waffen ungemein wichtig. Im Gegensatz zum japanischen Katana, dass eher frontlastig ist, ist das europäische Langschwert um einen Punkt einige Zentimeter hinter dem Parier ausbalanciert. So lassen sich eine Vielzahl an Hieb- und Stichtechniken kontrolliert und schnell ausführen. Der Mythos vom schweren, kaum führbaren und langsamen Schwert ist also durchweg falsch. Auch die Schärfe weicht nicht von der des Katana ab. Im Gegensatz zu den Waffen der Samurai ist es mit dem europäischen Langschwert möglich, im sogenannten Halbschwert zu kämpfen. Der Fechter greift das Schwert am Griff und in der Mitte der Klinge. So ist es ihm möglich, sehr gezielte Stiche auszuführen oder auch Parier und Knauf einzusetzen. Diese Technik eignet sich somit vor allem für den Kampf gegen einen Gegner in Rüstung, die man mit einfachen Schwertschlägen nicht durchdringen konnte. Ring- und Wurftechniken runden das Repertoire des mittelalterlichen Kämpfers ab. Unzerstörbar waren weder das Langschwert noch das Katana. Beide waren wesentlich empfindlicher, als uns das die Geschichten und Filme glauben lassen möchten. Aus diesem Grund musste beim Parieren eines Schlages darauf geachtet werden, diesen mit der flachen Seite der Klinge aufzufangen, nicht mit der Schneide.

Halbschwert und Mordhau Augsburg Cod.I.6.4º.2 (Codex Wallerstein) 107v

Halbschwert und Mordhau
Augsburg Cod.I.6.4º.2 (Codex Wallerstein) 107v

 

 

Darstellung aus Talhoffers Fechtbuch

Darstellung aus Talhoffers Fechtbuch

Der große Unterschied zum Schaukampf ist, dass in einem richtigen Kampf der Gegner so schnell wie möglich bezwungen werden muss. Mit jeder Sekunde steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst getroffen zu werden. Schaukämpfe sind aber darauf ausgelegt, ein Publikum zu unterhalten. Stellen Sie sich einen Film vor, in dem die Kontrahenten nicht miteinander reden und sich Beleidigungen zurufen sondern der Kampf innerhalb von Sekunden zu Ende gebracht wird und auch die Bewegungen der Kämpfer nur in der Zeitlupe klar erkennbar wären – aus dramaturgischer Sicht meistens wohl problematisch, wenn auch realistisch. Auch der Schaukampf auf Mittelaltermärkten folgt diesem Prinzip. Aufzeichnungen über den Schaukampf sind schon aus dem 14. Jahrhundert bekannt.[2] Mit dem richtigen Schwertkampf hatte er aber damals schon wenig zu tun. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass man nicht zwischen gutem und schlechtem Schaukampf unterscheiden könnte. Es gibt viele sehr ansehnliche Choreographien und Shows.

Im Endeffekt verhält es sich mit dem Mythen rund um das Schwert und seine Verwendung wie mit allen anderen Verklärungen, die sich in der Welt finden lassen. Schwerter waren hochspezialisierte Waffen, die aufwendig und teuer herzustellen waren. Dabei waren sie nicht die unzerstörbaren Superwaffen, die man in den Geschichten so häufig findet. Kettenhemde und Rüstungen lassen sich durch Schnitte nicht durchdringen, Paraden mit der Schneide konnten schnell zu Scharten führen. Die Wirkung gegen ungepanzerte Ziele war allerdings verheerend. Das Schwert war zu jeder Zeit eine Waffe mit hohem Symbolwert. Neben den gebrauchstauglichen Schwertern gab es immer auch Zeremonialschwerter, die zu besonderen Anlässen verwendet wurden. Besonders hochwertige Schwerter waren anderen Waffen qualitativ deutlich überlegen. Gut möglich, dass so die Geschichten von den „Wunderschwertern“ entstanden. Die angewandten Techniken setzten auf eine routinierte, präzise und schnelle Ausführung. Weite Ausholbewegungen und langsame Schwünge sind in den Fechtbüchern nicht beschrieben. Das heißt nicht, dass so niemals gekämpft wurde. Die erhaltenen Fechtbücher wurden von Fechtmeistern verfasst. Es ist anzunehmen, dass es auch eine ganze Reihe weniger geübter Kämpfer gab. Die Kämpfe, die man in Filmen, im Theater oder bei Schaukämpfen sieht, zeigen meistens nicht die Techniken, die sich in den Fechtbüchern finden lassen. Sie sind nicht dazu gedacht, einen Kampf zu gewinnen, sondern zu unterhalten. So gut sie auch aussehen mögen, so nutzlos wären die meisten von ihnen in einem richtigen Kampf.

Die folgenden Videos sollen zeigen, wie die richtigen Techniken in der Praxis angewendet werden:

[1] Vgl. Schmidt, Herbert (2011). S. 16.

[2] Vgl. Ebd. S. 11.

Literatur:

Schmidt, Herbert. Schwertkampf. Der Kampf mit dem langen Schwert nach der deutschen Schule. 2. Auflage. Bad Aibling, 2011.

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Belagerungstechniken des Mittelalters : Der Krieg unter der Erde

 

Diese Methode zur Überwindung feindlicher Befestigungsanlagen stellte gleichzeitig eine der effektivsten als auch eine der gefährlichsten Strategien beim Angriff auf befestigte Orte dar. Das Graben von Stollen unter die Mauern war weniger anfällig für Beschuss von den Mauern, dafür war es alles andere als einfach, diese so anzulegen, dass man genau an die gewünschte Stelle gelangte. Zudem existierten einige Abwehrtechniken, die die Arbeit unter Tage lebensgefährlich machten.

Eine Vorstufe zu den Stollen unter der Erde stellte das Aushöhlen der Mauer dar. Dies geschah meist im Schutz von speziellen Schutzschilden, die hierzu am Fuß der Mauer aufgebaut wurden. Ziel war dabei nicht, eine Öffnung in die Mauer zu arbeiten. Stattdessen wurde in dem entstandenen Loch Feuer entzündet, um eine Bresche zu schlagen.[1]

Das tatsächliche Unterminieren von Wällen und Fundamenten war etwas komplizierter und konnte zu zwei verschiedenen Zwecken erfolgen. Man konnte entweder versuchen, einen Gang unter der Mauer zu graben, durch den die Angreifer in die Befestigung eindringen konnten oder es darauf anlegen, Gebäudeteile zum Einsturz zu bringen.

In beiden Fällen durften die Belagerten nicht bemerken, dass ein Stollen gegraben wurde. Geschah dies war nicht nur der Überraschungseffekt dahin, es konnten auch Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Bereits in der Antike konnten Gegenstollen gegraben werden. Erreichte man den Stollen des Feindes konnte man versuchen, diesen im Kampf Mann gegen Mann zu erobern und anschließend zu zerstören. Die Kämpfe unter der Erde müssen ganz besonders grausam gewesen sein. Man konnte oft nicht aufrecht stehen, es war dunkel, stickig und jederzeit konnten Teile des Ganges einstürzen oder zum Einsturz gebracht werden. Da die Gänge sehr schmal waren, konnten sich die Kämpfer nur hintereinander bewegen. Der vorderste von ihnen hatte im schlechtesten Fall einen bewaffneten Gegner vor sich und gleichzeitig den Rest seiner Truppe direkt hinter sich, immer nach vorne drängend. Bessere Chancen bestanden dann, wenn die Grabungsmannschaft des Feindes nichts vom Gegenstollen wusste. Dann konnte man überraschend einbrechen und die als Tunnelbauer eingesetzten Bergleute töten, bevor der Gegner eigenen Truppen in den Tunnel bringen konnte. Um den riskanten Kampf unter der Erde zu vermeiden, wurde häufig auf andere Mittel zurückgegriffen. Das Einleiten von heißem Öl, Wasser oder auch Rauch in das Tunnelsystem hatte meist tödliche Folgen.[2] Während der Belagerung von Neuss 1474/75 durch die burgundische Armee unter Karl dem Kühnen setzten die Verteidiger auch Sprengrohre und in kochendem Wasser erhitzte Fäkalien ein, um die Belagerer aus ihren Gräben zu vertreiben. Insbesondere letzteres erwies sich als außerordentlich effektiv.

Das Aufspüren der Tunnel war allerdings nicht einfach. Die Eingänge wurden durch hölzerne Bauwerke verdeckt, beispielsweise durch Palisaden oder auch Belagerungstürme. Die ausgehobene Erde musste unauffällig weggeschafft werden, um keinen Verdacht zu erregen. Manchmal wurde sie auch auf dem Boden des Tunnels festgestampft.[3] Dennoch gab es einige Methoden, die den Quellen nach zu urteilen häufig zum Erfolg führten. In der Antike legte man bronzene Schilde auf den Boden, um die Tunnelarbeiten akustisch zu orten. Hierzu eigneten sich auch Kupfergefäße. Im Mittelalter verwendete man mit Wasser gefüllte Schüsseln und/oder kleine Glocken. Doch auch diese Methoden waren nicht immer zuverlässig. Insbesondere dann nicht, wenn die Belagerer mehrere Tunnel gruben – von denen aber nicht alle in die Befestigung führten, sondern lediglich vom Hauptstollen ablenken sollten.[4]

Konnte der Stollen nicht rechtzeitig aufgespürt und zerstört werden, befand sich die belagerte Befestigung in größter Gefahr. Es konnten entweder Belagerer unbemerkt in die Stadt oder Burg gelangen und die Tore von innen öffnen oder die Fundamente der Mauern zerstört und diese damit zu Fall gebracht werden. Dies erreichte man dadurch, dass man den neu geschaffenen Hohlraum zunächst mit Holzbalken abstützte, ihn mit brennbarem Material füllte und dieses anzündete. Im späten Mittelalter konnte auch Schwarzpulver eingesetzt werden. Die Balken und der Hohlraum brachen ein und schufen im Idealfall eine breite Bresche, durch die man die Befestigungsanlagen stürmen konnte.[5] Schafften es die Verteidiger nicht, den ersten Angriff abzuwehren und die Bresche provisorisch mit Holz und Steinen zu verschließen, war die Einnahme nur noch eine Frage der Zeit.

Dieser Gefahr konnte man bereits beim Planen und Anlegen der Befestigungsanlagen vorbeugen. Reichten die Fundamente der Mauern zu tief, konnten sie nicht untergraben werden. Wassergräben stellten ebenfalls einen guten Schutz dar, wenn man sie nicht abgraben konnte.

Die Technik des Unterminierens feindlicher Stellungen sollte weit über das Mittelalter hinaus Anwendung finden. Sie wurde in größerem Stil im amerikanischen Sezessionskrieg und in den beiden Weltkriegen verwendet. Die Weiterentwicklung der Sprengstoffe und Waffen sollte hier noch zu weit schrecklicheren Ergebnissen führen, als sie im Mittelalter möglich waren.

 

[1] Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 123.

[2] Vgl. Ebd. S. 131.

[3] Vgl. Ebd. S. 124-125.

[4] Vgl. Ebd. S. 129.

[5] Vgl. Ebd. S. 127/130.

 

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A fully illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics, Guilford, 2012.

 

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Hexenverfolgung – wirklich ein Phänomen des Mittelalters?

Wohl kaum ein Mythos über das Mittelalter hält sich so hartnäckig wie die Hexenverfolgung. Viele Menschen scheinen die erschreckenden Hexenpaniken und die damit verbundene Folter und Hinrichtungen in den Flammen des Scheiterhaufens zeitlich in das Mittelalter einzuordnen. Ob dies wirklich zutrifft und um was es bei den Hexenverfolgungen eigentlich ging, soll in diesem Artikel dargestellt werden.

Tatsächlich begann die Hexenverfolgung auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches erst am Ende des Mittelalters, im späten 15. Jahrhundert. Ihren Höhepunkt erreichte sie aber  erst in der Epoche des Barocks. Die letzten Hexen wurden noch im 18. Jahrhundert verfolgt.[1] Auffällig ist, dass in den deutschen Gebieten weltweit mit Abstand die meisten Menschen den Hexereiprozessen zum Opfer fielen. Dabei waren nicht nur Frauen betroffen, auch wenn sie deutlich in der Mehrheit waren.[2]

Besonders in der Epoche des Barock war der Aberglaube innerhalb der Gemeinden sehr stark. Man glaubte nicht nur vage an bestimmte Leitsätze – man war davon überzeugt, dass mitten unter den Menschen der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Himmel und Hölle ausgetragen wurde.[3] Bestärkt wurde die allgemeine Angst durch die Wirren der Reformation und später der Gegenreformation und die damit einhergehenden Kriege. Insbesondere der Dreißigjährige Krieg sollte dazu führen, dass ganze Landstriche entvölkert wurden.[4] Kein Wunder also, dass die existenziellen Ängste der Menschen wuchsen und nach Mitteln und Wegen gesucht wurden, mit ihnen umzugehen.

Hexendarstellung bei Albrecht Dürer, um 1500

Darstellung einer alten Hexe bei Albrecht Dürer, um 1500

Passend dazu entwickelten sich dann auch die grundsätzlichen Vorwürfe, die den Hexen und Hexern gemacht wurden. Immer ging es darum, dass Kinder verhext und getötet worden seien, die Fruchtbarkeit von jungen Frauen und Männern angegriffen werde und Vieh und Ernten durch die Hexen bedroht werden.[5] Dies beschreibt in seiner Gesamtheit die Hauptsorgen, die die Menschen der Zeit umtrieben. Immer ging es darum, dass die gegenwärtige Existenz und/oder der Fortbestand der Familie bedroht waren.

Titelseite des Hexenhammers, Lyon 1669

Titelseite des Hexenhammers, Lyon 1669

Die Hexenjäger waren dann auch mehr als einfache Verrückte, die ziellos vor sich hin morden und foltern ließen. Mit dieser Darstellung würde man die Komplexität der Hexenverfolgungen bei weitem nicht gerecht werden.  Zunächst einmal lassen die Werke dieser Jäger darauf schließen, dass sie ihre Aufgabe sehr ernst nahmen. So entwickelten sie durchdachte Verhör- und Untersuchungsmethoden, um den potentiellen Hexen auf die Schliche zu kommen.[6] Auch hatten die Verhörenden und Richter durchaus Angst vor den Kräften des durch die Hexe wirkenden Teufels. Das von Heinrich Kramer herausgegebene „Malleus Maleficarum“(besser bekannt als „Hexenhammer“) enthält beispielsweise mehrere Hinweise, wie sich die Richter vor Schadenszauber schützen können. So sollte die Hexe zum Beispiel mit dem Rücken zuerst in den Gerichtssaal geführt oder bestimmte Kräuter am Körper getragen werden.[7]

Interessant ist, dass sich nicht alle Angeklagten auf Dauer den Vorwürfen widersetzten. Auch sie waren Teil der Glaubenswelt der Zeit, die fest von der Wirklichkeit des Teufels und seiner Dämonen ausging. Sie fürchteten um ihre Seele und die ihrer Angehörigen, wenn sie in Verdacht standen, mit dem Teufel zu paktieren. [8] So gab es also durchaus die Vorstellung, der Hexe durch ein unter Folter erpresstes Geständnis und der anschließenden Verbrennung einen Gefallen zu tun – immerhin rettete man so ihre Seele, die ansonsten in der Hölle hätte leiden müssen. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Hexenverfolgung für einige Hexenjäger ein Karrieresprungbrett und deren Motivation bei weitem nicht so edel war, wie sie es oft vorgaben.[9] Wichtig zu beachten ist, dass die hier behandelten Verfolgungen nicht durch die Kirche eingeleitet wurden, auch wenn der Glauben eine zentrale Rolle spielte.. Es handelte sich um die weltlichen Obrigkeiten, die mit den Ermittlungen begannen, die Verdächtigen folterten und schließlich hinrichten ließen.

Die Fantasie, die sich im Laufe des mehrere Tage andauernden Verhöres bei den Angeklagten und den Verhörenden entwickelte, ist erschreckend und faszinierend zugleich. Insbesondere die Tatsache, dass die Angeklagten zum großen Teil irgendwann selbst fest daran glaubten und umfangreiche Geständnisse ablegten. Durch die regelmäßige Folter und das ständige Wiederholen von Anschuldigungen schien es dazu zu kommen, dass sich im Zusammenspiel zwischen beiden Parteien die besagten Geschichten entwickelten.[10] Ein zentraler Bestandteil der Vorwürfe war der Kannibalismus. Angeblich sollten Hexen Kinderleichen vom Friedhof stehlen, im diese zu Kochen und anschließend zu verspeisen oder Hexensalbe aus ihnen herzustellen. Zusätzlich sollten sie Geschlechtsverkehr mit dem Teufel haben und am Hexensabbat teilnehmen. Auch warf man ihnen vor, mit Hilfe von sogenannter Hexensalbe Menschen und Tiere zu töten. Besonders gefährdet waren Hebammen. Vielen wurde zur Last gelegt, dass sie Mutter und/oder Kind Tod oder Krankheiten brachten. Hier sollte vor allem Neid eine Rolle spielen.[11]

Einen besonderen Schwerpunkt bei der Verfolgung legte man auf alte Frauen, insbesondere, wenn diese unverheiratet und kinderlos waren. Man ging häufig davon aus, dass diese neidisch auf die Fruchtbarkeit der jüngeren Frauen seien. Auch sagte man ihnen Lüsternheit und die Sehnsucht nach jungen Männern nach, die sie zu verführen trachteten. In bildlichen Darstellungen sind sie häufig nackt, mit hängenden Brüsten und wehendem Haar (einem Symbol der Unzucht) dargestellt. Sie sollten auf Besen oder auf Ziegen reiten. Das Reiten auf dem Stab eines Besens oder der Ziege, einem als unzüchtig angesehenen Tier, sind eindeutig sexuelle Motive (siehe auch Abb.1).[12]

Hexentanzplatz, Flugblatt von 1594

Hexentanzplatz, Flugblatt von 1594

Besonders erschreckend ist, dass auch vor Kindern und Jugendlichen nicht Halt gemacht wurde. Diese wurden zum großen Teil sogar von den eigenen Eltern vor Gericht gebracht. Man ging davon aus, dass sie von alten Frauen zur Hexerei verführt worden waren und nun durch Schadenszauber versuchten, ihre Eltern zu verfluchen. Sie benahmen sich aufsässig, spielten Streiche und beschrieben sexuelle Fantasien. Insbesondere die Masturbation stand dabei im Mittelpunkt des Interesses. Anscheinend waren die Eltern mit dem Verhalten ihrer Kinder überfordert und hatten große Angst, dass sich in ihnen eine böse Macht befand. Dass sie oft mir Prügelstrafen reagierten, machte die Angelegenheit mit Sicherheit nicht einfacher. Diese Geschichte fand keineswegs im Mittelalter statt, sondern im 18. Jahrhundert. Hingerichtet wurden die Kinder immerhin nicht, sondern geprügelt und wieder ihren Eltern übergeben, damit diese sie gottgefällig erziehen konnten.[13]

Darstellung einer Hexe um 1700

Darstellung einer Hexe um 1700

Ein Ende fanden die Hexenverfolgungen erst mit der aufkommenden Aufklärung und der damit einhergehenden Bekämpfung des Aberglaubens. Man ging nun dazu über, Dinge zu hinterfragen und logische Beweise zu fordern. Auch wenn sich viele Denkweisen noch lange halten sollten und dies teilweise bis heute tun, wurde den Hexenpaniken nun ein Riegel vorgeschoben.

Bei den Hexenverfolgungen handelte es sich demnach nicht um ein mittelalterliches Phänomen. Vielmehr bildeten die Glaubenskriege des 16. – 17. Jahrhunderts im Zusammenspiel mit der Glaubenswelt des Barock die Basis für die grauenvollen Hexenpaniken, die Tausenden das Leben kosten sollten. Ihre Ursprünge können durchaus im Mittelalter gesucht werden. Die Glaubenswelt und die verwendeten Praktiken bei Gericht waren keine vollkommen neue Erfindung des Barocks, sondern hatten sie im Laufe des Mittelalters langsam entwickelt. Insbesondere die Inquisition, ursprünglich von der Kirche zur Überzeugung von Ketzern entwickelt, zeigte bereits Eigenschaften, die auch in den Hexenverfolgungen zu Tage traten. Auch die Angst vor dem Teufel lässt sich in großem Maße bereits im Mittelalter finden. Wie aber bereits erwähnt, war es zur Zeit der Hexenpaniken nicht die Kirche, die den Verdachtsfällen nachging, sondern die weltlichen Machthaber der jeweiligen Gemeinde. Es sollte daher davon abgesehen werden, die mittelalterliche Inquisition und die Hexenverfolgungen nach Ende des Mittelalters gleichzusetzen.

Luis Ricardo Falero 1880: Die Hexe auf dem Sabbath

Luis Ricardo Falero 1880: Die Hexe auf dem Sabbath

 

[1] Vgl. Roper, Lyndal (2007). S. 33.

[2] Vgl. Ebd. S. 34.

[3] Vgl. Ebd. S. 37.

[4] Vgl. Ebd. S. 33.

[5] Vgl. Ebd. S. 34 ff.

[6] Vgl. Ebd. S. 39 ff.

[7] Vgl. Ebd. S. 39-40.

[8] Vgl. Ebd. S. 41.

[9] Vgl. Ebd. S. 42 ff.

[10] Vgl. Ebd. S. 70 ff.

[11] Vgl. Ebd. S. 103-148.

[12] Vgl. Ebd. S. 220 ff.

[13] Vgl. Ebd. S. 278 ff.

 

Literatur:

Roper, Lyndal. Hexenwahn. Geschichte einer Verfolgung. München, 2007.

 

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Straftatbestände des Mittelalters und ihre Bestrafung

Unsere heutigen Gesetze sind keineswegs eine reine Erfindung der Neuzeit. Ihre Ursprünge reichen bis in die Antike zurück. Ihre Bewertung und die Bestrafungen änderten sich aber über die Zeit. Während über Folter in diesem Blog bereits geschrieben wurde, soll an dieser Stelle auf die Einzelheiten der als bestrafungswürdig angesehenen Vergehen eingegangen und auch die angewandten Strafen kurz vorgestellt werden.

Die Tötung eines anderen Menschen Hier wurde im Mittelalter unterschieden zwischen Mord, Totschlag und Kindesmord. Mord war bei den Germanen noch durch die Zahlung des sogenannten Wergeldes sühnbar. Ab den 12. Jahrhundert änderte sich dies. Als Mord galt, wenn man einen anderen Menschen geplant tötete. Die Tötung musste zudem im Geheimen passieren und der Mörder musste versuchen, die Leiche vor Entdeckung zu verbergen. Außerdem wurde das Töten nach Auftrag, aus Streben nach Gewinn, eines Wehr- oder Ahnungslosen als Mord angesehen.

Rädern

Rädern

Die Strafen für Mord muten aus unserer heutigen Sicht außerordentlich brutal an. Oft wird das Rädern als Strafe genannt. Der Verurteilte wurde zur Richtstätte geschleift, am Boden fixiert und ihm anschließend mit einem Wagenrad Gelenke und Knochen gebrochen, bevor man ihn tötete. War das Gericht gnädig gestimmt, wurden die Verurteilten mit dem Richtschwert enthauptet. Frauen wurden lebendig begraben, gehängt oder verbrannt. Wichtig zu erwähnen ist, dass es bei schweren Fällen zu einer Kumulierung der Strafen kommen konnte. In der Praxis bedeutete dies, dass vor der eigentlichen Hinrichtung noch Strafen für andere Vergehen vor oder während dem Mord hinzukommen konnten. Vom Mord wurde der Totschlag unterschieden, wenn diese Trennung auch nicht immer scharf gezogen wurde. Auch dieses Vergehen wurde in der Regel mit einer Hinrichtung geahndet, es sei denn, der Beschuldigte hatte in Notwehr gehandelt, dies unter Eid ausgesagt und den Richter davon überzeugt – in diesem Fall war er frei. Die Tötung eines Kinds war ein schwerer Fall der Tötung eines Wehrlosen. Als Strafen wurden Ertränken, Lebendig begraben oder Pfählen des Täters angewandt. Mütter, die unehelich gezeugte Neugeborene umbrachten, wurden allerdings nur sehr selten bestraft – vor allem deswegen, weil es keine lebenden Menschen gab, die hierdurch einen Nachteil erlitten. Wie wir sehen, war das weltliche Recht im Mittelalter eher pragmatisch ausgerichtet.[1]

Brandstiftung Hier wurde unterschieden in das Absichtliche Legen von Feuer und die fahrlässige Brandstiftung, wenn man also ein Feuer nicht ausreichend beaufsichtigte oder sicherte. Legte man absichtlich Feuer, konnte man nicht mit Gnade rechnen – das Feuer, insbesondere solche, die Nachts ausbrachen, waren stets eine existenzielle Bedrohung für jede Siedlung. Als Strafen waren Rädern, Enthauptung, Verbrennen, Erwürgen und Erhängen vorgesehen.[2]

Diebstahl Diebstahl gab es, wenig überraschend, in jeder Epoche. Man verstand darunter den Vorgang, eine bewegliche Sache widerrechtlich an sich zu bringen. Bereits die Nutzung fremden Besitztums galt als Diebstahl, auch wenn man es nicht im eigentlichen Sinne entwendete. Dabei wurde unterschieden zwischen leichtem und schwerem Diebstahl. Bei leichtem Diebstahl konnte man im mildesten Fall mit einer Geldstrafe belegt werden. Nach der Einführung der Landfriedensordnungen konnte man aber auch mit Prügel, Ohren – und Daumenabschneiden, dem Pranger, der Verbannung oder dem Brandmarken bestraft werden. Handelte es sich um schweren Diebstahl, waren auch die Strafen härter. Dazu zählten Blenden, Handabschlagen oder auch das Erhängen. Interessant ist, dass der Einbruchdiebstahl härter bestraft wurde, als öffentlicher Diebstahl. Den Einbrecher erwartete in der Regel der Galgen. Mit der Todesstrafe musste auch der rechnen, der mehrfach beim Beutelschneiden erwischt wurde. Beim ersten Mal verlor man bei 30 Pfennig oder weniger den Daumen, ab 60 Pfennig die Hand.[3]

Herstellen und/oder Besitz von Falschgeld Auch dieses Vergehen ist kein Phänomen unserer Zeit. Die Bestrafung war hier sogar härter als beim Diebstahl. Befand man sich in Besitz von 60 Pfennig oder mehr und konnte nicht nachweisen, dass man das Geld nicht selbst gefälscht hatte, konnte man mit dem Galgen rechnen. War es weniger, konnte man mit einem Brandzeichen und der Verbannung rechnen. Ab dem 13. Jahrhundert wurden Sieden und Verbrennen als zusätzliche Strafen eingeführt.[4]

Urkundenfälschung Dies war im Mittelalter eines der am weitest verbreiteten Verbrechen. Die Könige und Fürsten führten häufig keine Archive und konnten so oft nicht nachvollziehen, ob eine bestimmte Urkunde in der vorgelegten Form so auch ausgestellt wurde. Auch wenn der Nachweis nicht einfach war, die Strafen waren eindeutig: der Verlust einer Hand oder Sieden oder Verbrennen waren nicht unüblich.[5]

Raub Dieser wurde meist mit dem Tod durch das Schwert geahndet, wenn der Wert des geraubten Gutes drei Pfennig überstieg. Als besonders ernst war der Straßenraub, da hier noch der Straftatbestand des Friedbruches dazu kam. Dies lag darin begründet, dass die Straßen unter dem Schutz des Königs standen.[6]

Vergewaltigung Hier fällt zunächst auf, dass lediglich die Vergewaltigung von Frauen erwähnt wird, nicht aber die von Männern. Und auch bei Frauen mussten bestimmte Kriterien erfüllt sein. Das Opfer musste direkt nach der Tat mit gerafftem Kleid und offenem Haar bezeugen, was sich zugetragen hatte. In manchen mittelalterlichen Rechtssystemen wurde der Fall auch nur dann verfolgt, wenn es sich um eine Einwohnerin der jeweiligen Siedlung bzw. des Gebietes handelte und nicht um eine fahrende Frau. Der Schwabenspiegel unterscheidet hier wiederrum nicht. Als Bestrafung konnte sowohl der Pranger als auch Todesstrafen wie Enthauptung oder Pfählen in Frage kommen.[7]

Inzest Die Forschung geht davon aus, dass Inzest vor Einführung des Christentums nicht unbedingt strafbar war. Zumindest lasse sich erst in christlich geprägten Gesetzeswerken nachweisen, dass er verfolgt wurde. Eine deutliche Zunahme der Strafverfolgung fand ab dem 15. Jahrhundert statt, die Verurteilten wurden mit dem Tod durch Enthaupten bestraft.

Gleichgeschlechtliche Liebe und Sodomie Beides wurde im Mittelalter als Verbrechen angesehen und mit dem Verbrennen bestraft, manchmal auch nur mit dem Auspeitschen und der Verbannung. Die Härte der Strafen lässt sich mit dem Glauben erklären. Die Kirche sah beides als Ketzerei an, die allerdings vor einem weltlichen Gericht verhandelt wurde.[8]

Ehebruch Während bei den Germanen bei einem Ehebruch lediglich die Ehefrau belangt wurde, die sich zu dieser Zeit quasi im Besitz des Mannes befand, sah die Kirche im Mittelalter beide Ehepartner als verantwortlich für ihre Ehe an. Ab dem 14. Jahrhundert spiegelt sich dies auch in den weltlichen Rechten der Städte wieder.

Gotteslästerung Diese lag vor, wenn man sich negativ über Gott und/oder Heilige äußerte oder auch nur fluchte. Während sie anfangs nur durch geistliche Gerichte geahndet wurde, befassten sich später auch weltliche Richter damit. Gotteslästerung wurde vor allem deshalb als so schwerwiegend angesehen, weil die Menschen glaubten, dass man mit entsprechenden Äußerungen den Zorn Gottes auf eine Stadt oder ein bestimmtes Gebiet ziehen könnte. Die Strafen reichten von Geldbußen über das Herausreißen der Zunge bis hin zur Enthauptung oder dem Verbrennen.[9]

Nachbildung einer Folterkammer

Nachbildung einer Folterkammer

Ketzerei Ein Ketzer war jeder, der religiöse Lehren verbreitete, die von denen der Kirche abwichen. Auch wenn es in erster Linie ein kirchliches Verbrechen darstellte, benötigte die Kirche oft weltliche Hilfe, um gegen die Ketzer vorzugehen. Gleichzeitig bildete sie Geistliche ab dem 13. Jahrhundert Inquisitoren aus, die Ketzer zunächst durch eine öffentliche Debatte wiederlegen sollten. Erst später entwickelte sich die Inquisition, die auch auf drastischere Mittel zurückgriff. Die Strafe für Ketzerei war die Verbrennung.

Hexerei

Flugblatt einer Hexenverbrennung 1531

Flugblatt einer Hexenverbrennung 1531

Anders als häufig angenommen fand eine Großzahl der Hexenverfolgungen nicht im Mittelalter statt, sondern vom 15. – 18. Jahrhundert. Die meisten Hexenprozesse finden sich im 17. Jahrhundert. Die Beschuldigten wurden nicht nur verbrannt, sondern immer auch gefoltert – um den Dämon, der in der Person vermutet wurde, auszutreiben. Auch wenn die staatlichen Stellen insbesondere im 18. Jahrhundert begannen, diese Verfolgungen einzustellen, blieb der Glaube an Hexen noch erhalten. Die letzte Verbrennung in deutschen Gebieten fand 1775 in Kempten statt.[10]

Verbrechen gegen den Staat Ein besonders streng geartetes Verbrechen war der Verrat, der meist mit dem Tode bestraft wurde. Im 14. Jahrhundert kam das Vierteilen in Mode. Ein weiteres, schwerwiegendes Vergehen war das Majestätsverbrechen. Auch dieses wurde mit dem Tod, zumindest aber mit Verstümmelung, Haft oder Verbannung bestraft.[11] Wie zu sehen ist, gab es im Mittelalter bereits einen umfangreichen Katalog darüber, welche Verbrechen wie bestraft werden sollte. Dieser existierte zwar auch in geschriebener Form, häufig handelte es sich aber um das Gewohnheitsrecht. Dieses besaß eine sehr lange Tradition, die bis in die Antike zurück reichte. Viele der Verbrechen wurden im Mittelalter strenger bestraft, als dies noch in den germanischen Rechten der Fall war. In vielen Fällen lässt sich beobachten, dass insbesondere das Christentum einen entscheidenden Einfluss auch auf das weltliche Recht hatte. In einigen Bereichen sorgte die Kirche auch dafür, dass neue Straftatbestände in das weltliche Recht aufgenommen wurden.

Folter 1577

Folter der Frau und der Tochter eines Fuhrmannes, 1577

Die damals als Straftaten angesehenen Handlungen finden sich auch in unseren modernen Gesetzen. Andere sind hinzugekommen, auch wurde mehr und mehr präzisiert und differenziert. Die Strafen sind heute meist sehr viel milder und schonender als im Mittelalter – zumindest in Deutschland. Die Todesstrafe existiert in unserer heutigen Welt nach wie vor, ebenso das lebenslange Einsperren von Straftätern. Und auch die Folter findet sich heute genauso wie vor Jahrhunderten, ohne das ein Ende dieser Praktiken in Aussicht stehen würde. Ebenso finden sich auch heute noch Aberglaube und die Verfolgung Andersdenkender. Ob sich die Menschheit letzten Endes weiter entwickeln oder in alten Muster verharren oder gar in noch ältere zurück fallen wird, bleibt abzuwarten.

 [1] Vgl. Schild, Wolfgang (1989). S. 297-299.
[2] Vgl. Ebd. S. 299-300.
[3] Vgl. Ebd. S. 300-302.
[4] Vgl. Ebd. S. 303.
[5] Vgl. Ebd. S. 304.
[6] Vgl. Ebd. S. 304.
[7] Vgl. Ebd. S. 321.
[8] Vgl. Ebd. S. 321-322.
[9] Vgl. Ebd. S. 322-324.
[10] Vgl. Ebd. S. 324-325.
[11] Vgl. Ebd. S. 325-326.
Literatur: Schild, Wolfgang: Der Katalog der Missetaten. In: Justiz in alter Zeit (Schriftenreihe des Mittelalterlichen Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber; 6). Rothenburg o. d. T. 1989. S. 297-326.
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