War die mittelalterliche Technik des Burgenbaus römischen Ursprungs?

Bereits die Römer errichteten beeindruckende Befestigungsanlagen. Ob der Hadrianswall, der obergermanisch-raetische Limes oder die Stadtmauern römischer Siedlungen – es könnte nahe liegen, hier den Ursprung für die Burgen und Mauern des Mittelalters zu suchen. Ganz so einfach ist die Sache freilich nicht.

Zunächst einmal sind Befestigungsanlagen keine Erfindung der Römer. Man baute sie lange, bevor das kleine Dorf am Tiber zur Weltmacht aufstieg. Und sie wurden lange nach dem Ende des Imperium Romanum erbaut. Die Grundprinzipien blieben dabei immer gleich. Orte mit natürlichen Hindernissen boten sich für den Bau von Befestigungen genauso an wie die Lage an Flüssen, wichtigen Straßen, Bergpässen und in Städten. Dabei erwies sich eine rechteckige Grundform meist als besonders effektiv – sofern die natürlichen Gegebenheiten dies zuließen. Diese Grundprinzipien sollten auch das Mittelalter hindurch Bestand haben.

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Die Saalburg – im 19. Jahrhundert rekonstruiert.

Unterschiedliche Strategien

Schützende Mauern besaßen für die Römer eine etwas andere Bedeutung als für die Menschen des Mittelalters. Sie dienten zwar bereits in der Antike dazu, Feinden das Vorankommen zu erschweren. Nicht umsonst war es in der Legion üblich, befestigte Marschlager für die sichere Übernachtung zu errichten. Und die große Stadtmauer Roms entstand durchaus als direkte Folge der Plünderung durch die Gallier im 4. Jhd. v.Chr. Die gesamte Taktik der römischen Armee war allerdings auf die offene Feldschlacht ausgerichtet.

Die Heerführer des Mittelalters mieden offene Schlachten aufgrund ihrer Unberechenbarkeit in den meisten Fällen. Belagerungen waren dementsprechend häufiger. Damit besaßen Burgen und Stadtmauern eine weit größere Bedeutung. Sie entschieden nun direkt über Sieg und Niederlage. Die Verteidiger mussten zudem in der Lage sein, lange Zeit ohne die Rettung durch ein Ersatzheer auszuharren.

Weiternutzung römischer Bauten

Doch auch, wenn die Anforderungen inzwischen andere waren: An verschiedenen Orten wurden die römischen Bauten zunächst weiterhin genutzt und später ausgebaut. So behielt Köln seine römische Stadtmauer, bis sie durch zeitgemäße Bauten Stück für Stück ersetzt wurde. Auch Burgen wurden teilweise auf den Ruinen früherer Kastelle errichtet – nicht zuletzt, weil die von den Römern gewählten Standorte strategisch immer noch sinnvoll waren. Wenn die baulichen Hinterlassenschaften des Weltreiches nicht mehr aktiv genutzt wurden, dienten sie meist als Steinbruch. So erging es auch der Colonia Ulpia Traiana, die das Baumaterial für das mittelalterliche Xanten lieferte.

Die Mauern der Antike = Die Mauern des Mittelalters?

Es wäre also nicht richtig, den römischen Befestigungen jeglichen Einfluss auf den Burgenbau des Mittelalters abzusprechen. Allerdings sollte bedacht werden, dass sich die Strategien des antiken Roms und der Reiche des Mittelalters deutlich voneinander unterschieden. Während die Römer ihre Feinde gerne im Feld stellten und über ein gut erschlossenes Hinterland verfügten, befanden sich die Burgen des Mittelalters häufig in einer deutlich abgelegeneren Lage. Es konnte bisweilen lange dauern, bis Verstärkung eintraf. Sie mussten also deutlich stärker befestigt und wesentlich autarker sein, als dies beispielsweise bei römischen Kastellen der Fall war. Ein gutes Beispiel ist die Schildmauer, die die Burgen vor Beschuss schützen sollte – nachgewiesenermaßen eine Erfindung des Mittelalters. Also: Römische Einflüsse gab es. Direktes Vorbild für den Burgenbau waren die römischen Befestigungen jedoch in den meisten Fällen eher nicht.

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Hohensalzburg

Die „Great Heathen Army“ – oder wie die Wikinger um ein Haar ganz England eroberten

„A.D. 865. This year sat the heathen army in the isle of Thanet,

and made peace with the men of Kent, who promised money

therewith; but under the security of peace, and the promise of

money, the army in the night stole up the country, and overran

all Kent eastward.1

Mit diesen Worten wird in der Anglo-Saxon Chronicle der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen beschrieben, die weitreichende Folgen sowohl für England als auch für Skandinavien haben sollten. Im Jahr 865 erreichte die sogenannte „Great Heathen Army“ England. Erleben Sie in dieser Serie hautnah mit, wie die Wikinger durch mehrere englische Königreiche zogen, Tribute einforderten und Könige zu Fall brachten, bevor ihnen schließlich doch noch Einhalt geboten werden konnte.

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Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langbooten.

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit der Frage, woher die „Great Heathen Army“ wahrscheinlich stammte, wer sie anführte und zeigt auf, wie sie in kurzer Zeit mehrere Königreiche zu Fall brachte.

Der Ursprung der „Great Heathen Army“

Über die genaue Herkunft und Zusammensetzung der Armee besteht in der Forschung bis heute keine Einigkeit. Einige meinen, es handelte sich um eine aus Dänemark stammende Armee. Andere Forscher vertreten die Ansicht, dass es sich um einen Zusammenschluss von Wikingern handelte, die zuvor im Frankenreich und in Irland aktiv waren. Als gesichert gilt nur, dass es sich um ein relativ großes Aufgebot gehandelt haben muss. Zum jetzigen Zeitpunkt wird von zwei- bis dreitausend Kriegern, Männern wie Frauen, ausgegangen. Angeführt wurde das Heer von mehreren, hochrangigen Wikingern. Dazu zählten Halfdan und Ivar der Knochenlose, beides Söhne des legendären Ragnar Lodbrok.

Kent, East-Anglia und Northumbria werden überrannt

Der Ansturm der Wikingerarmee scheint die englischen Herrscher gänzlich unvorbereitet getroffen zu haben. Zwar waren zuvor bereits Angriffe von Plünderern abgewehrt worden. Auf eine derart große Zahl von Angreifern war man aber offensichtlich nicht vorbereitet.

Nur ein Jahr nach der Eroberung von Kent befand sich das Heer bereits in East-Anglia, dass sich den Angreifern ergeben hatte. Strategisch besonders bedeutsam ist die Textstelle „they were soon horsed“. Sie besaßen nun Pferde für den Transport, für Aufklärung und den Einsatz im Kampf.

Die Wikinger blieben nicht in East-Anglia. 867 überschritten sie den Humber und begannen die Invasion von Northumbria. Begünstigt durch die Thronstreitigkeiten zwischen den Königen Osbert und Aella machten sie schnell Fortschritte und standen schließlich vor den Toren Yorks. Doch obwohl sich beide Herrscher im Angesicht der großen Bedrohung zusammenschlossen, konnten sie die Wikinger nicht bezwingen. Beide Könige fielen in der Schlacht und York wurde eingenommen.2

Mercia, Hilfe aus Wessex und eine überraschende Kapitulation

868 stießen die Wikinger weiter in Richtung Süden vor und fielen in Mercia ein. Ihr Winterlager schlugen sie bei Nottingham auf. König Burhred von Mercia wusste, dass er die Angreifer alleine nicht würde besiegen können. Er wandte sich hilfesuchend an Ethelred, den König von Wessex und dessen Sohn Alfred. Diese erklärten sich einverstanden. Doch schon kurz nachdem das englische Heer nach Mercia gezogen war stellte sich heraus, dass sich die Einwohner des Landes bereits unterworfen hatten. So kam es zunächst zu keinen größeren Kämpfen zwischen den beiden Heeren.3

Eine (vorläufige) Verschnaufpause

Wie die Wikinger konkret auf die Armee aus Wessex reagiert haben, wird in der Anglo-Saxon Chronicle nicht erwähnt. Überliefert ist aber Folgendes: Im Jahr 869, ein Jahr nach der Eroberung von Mercia, begab sich das Wikingerheer zurück nach York. Es sollte ein Jahr dauern, bis sich die Wikinger auf weitere Eroberungszüge begaben.

Es ist durchaus beachtlich, wie schnell und mühelos die Wikinger gleich mehrere englische Königreiche in die Knie zwangen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen zeigt der Zusammenschluss zu einem großen Heer (zumindest auf Zeit), dass sich die Wikinger der Bedeutung zahlenmäßiger Überlegenheit bewusst waren und sie zu nutzen wussten. Sie passten sich zudem flexibel neuen Gegebenheiten an. So besorgten sie sich kurzerhand Pferde und waren in der Lage, befestigte Stellungen zu belagern und einzunehmen. Ihr schnelles Vorgehen ließ den Herrschern dabei kaum Zeit für Vorbereitungen. Die englischen Armeen dieser Zeit, die sog. Fyrd, setzten sich aus der wehrpflichtigen Bevölkerung der jeweiligen Landesteile zusammen. Das waren weder professionelle Krieger, noch konnte man sie in kurzer Zeit versammeln. Dazu kam, dass den Wikingern in dieser Zeit ein schrecklicher Ruf vorauseilte. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit angesehen. Kein Wunder, dass die Kampfkraft der angelsächsischen Aufgebote zu dieser Zeit nicht wirklich gut war.

All dies sollte sich jedoch schon bald ändern. Insbesondere Alfred, der junge Thronfolger aus Wessex, sollte den Wikingern einiges mehr an Widerstand entgegensetzen.

 

2Vgl. Ebd.

3Vgl. Ebd.

Quelle:

http://omacl.org/Anglo/

Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 3 von 3

Sie haben in Teil eins und zwei dieser Serie erfahren, wie man sich im Mittelalter im Idealfall auf eine anstehende Belagerung vorbereitet hat. Sie wissen nun auch, wie der Proviant rationiert wurde und was getan werden musste, um die eigene Burg oder Stadt erfolgreich gegen Angriffe zu verteidigen. Doch was wurde getan, um der Angst, dem Terror und der ständigen Lebensgefahr zu begegnen?

Lesen Sie im dritten und letzten Teil dieser Serie, wie mit den enormen psychologischen Belastungen einer Belagerung umgegangen wurde.

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Belagerung einer Stadt, Holzschnitt von 1502

 

Überleben auf engstem Raum

Angst, Panik und Verzweiflung sind nur einige Beispiele für die extremen emotionalen Belastungen, die mit einer Belagerung einhergehen konnten. Die Verteidiger waren über einen relativ langen Zeitraum auf engstem Raum eingeschlossen. Ständig drohte Lebensgefahr. Zum einen durch immer neue Angriffe auf die Mauern, zum anderen durch den Beschuss durch die feindlichen Belagerungsmaschinen. Innerhalb der Befestigungen kursierten häufig Krankheiten. Verwundete und Kranke konnten meist nur notdürftig versorgt werden. Dazu kam, dass vieles von dem, was man sich lange Zeit aufgebaut hatte, jederzeit von der vollständigen Zerstörung bedroht war. Das schlimmste jedoch war die große Zahl der geliebten Menschen, die bereits Tod waren oder jederzeit den Tod finden konnten.

Wie Menschen auf derartige Belastungen reagieren, ist individuell verschieden. Dementsprechend gab es gleich mehrere Strategien, mit denen versucht wurde, das Ausbrechen von Panik oder Verrat von innen heraus zu verhindern.

Strategie 1 Abschreckung

Ein einziger Verräter innerhalb der Befestigung konnte diese bereits zu Fall bringen. Besonders dann, wenn er andere mit seinen Ideen ansteckte. Dementsprechend drakonisch waren die Strafen, die Verräter zu erwarten hatten. Folterinstrumente wurden noch vor Beginn der Belagerung öffentlich aufgestellt, um hier von vorneherein keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen.

Strategie 2 Ablenkung

Niemand kann über einen langen Zeitraum rund um die Uhr mit schrecklichen Eindrücken umgehen, ohne sich zumindest ab und zu davon abzulenken. Das wussten auch die Verteidiger des mittelalterlichen Neuss 1474/75. Obwohl sie bereits einige Zeit von der berüchtigten Armee des Burgunderherzogs Karl dem Kühnen belagert und beschossen wurden, richteten die Verteidiger inmitten des tödlichen Chaos fröhliche Reiterspiele aus. Das freudige Getöse wurde in der Stadt schließlich so laut, dass es auch einem englischen Söldner vor den Stadtmauern nicht verborgen blieb. Auf seine erstaunte Frage, wie die Neusser im Angesicht einer derartigen Bedrohung die Nerven für so etwas haben könnten, antworteten ihm die Wachen auf dem Mauern gelassen, dass man schließlich nicht die ganze Zeit in Angst leben könne. Dies habe auch der hartgesottene Söldner eingesehen und verstanden.

Strategie 3 Religion

Wohl kaum etwas kann Menschen stärker motivieren, als der Glaube an höhere Mächte. Wer einen Heiligen oder gar Gott auf seiner Seite glaubt, wird auch im Angesicht jeder noch so großen irdischen Bedrohung standhaft bleiben. Das galt in besonderem Masse für das Mittelalter. Kein Wunder also, dass religiösen Symbolen, Prozessionen und Gottesdiensten stets eine besondere Bedeutung zukam. Nicht selten war die Burgkapelle an der Stelle der Befestigung untergebracht, die der größten Gefahr ausgesetzt war. Reliquien wurden zu besonders hart umkämpften Mauerabschnitten getragen, um die Hilfe des Heiligen zu erflehen. Und besondere Reliquien, wie die heilige Lanze, dienten ganzen Heeren als Ankerpunkt im blutigen Chaos der Schlacht.

Strategie 4 Ein fähiger und angesehener Anführer

Jede Verteidigung stand und fiel mit den Fähigkeiten ihres Anführers. Eine charismatische Persönlichkeit, ausgestattet mit einer ausreichenden Machtfülle und einer entsprechenden Anzahl an loyalen Mitstreitern, konnte in schwierigen Situationen die Verteidiger motivieren und sie davon abhalten, aufzugeben. Denn immer verführerischer mutete einigen irgendwann der Gedanke an, das Leid und das Elend auf einen Schlag beenden zu können.

Der menschliche Faktor war entscheidend

Wie wir sehen, hing der Erfolg der Verteidigung von befestigten Stellungen maßgeblich von der Moral der Verteidiger ab. Neben einer ausreichenden Verpflegung und Ausrüstung spielte die psychologische Verfassung eine entscheidende Rolle. Diese in einem guten Zustand zu erhalten, stellte eine der größten Herausforderungen dar. Nicht immer fruchteten die getroffenen Maßnahmen. Viele Burgen und Städte fielen nicht, weil sie sich nicht mehr hätten halten können. Sie fielen, weil ihren Verteidigern die Lage ab einem gewissen Zeitpunkt als zu aussichtslos erschien.

Hiermit endet die dreiteile Serie über die erfolgreiche Verteidigung im Mittelalter. Sie wissen nun über die zentralen Aspekte der mittelalterlichen Verteidigungsstrategien Bescheid. Ich freue mich, dass Sie so interessiert mitgelesen haben. Wie hat es Ihnen gefallen? Haben Sie Fragen? Ich freue mich auf Ihre Anregungen!

Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 2 von 3

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Belagerung von Orleans 1429

Selbst wenn sich eine Stadt im Mittelalter optimal auf eine drohende Belagerung vorbereitet hatte, war eine erfolgreiche Verteidigung keineswegs garantiert. Nun ging es darum, die Stadtmauern zu halten. Dies gelang aber nur dann, wenn die Verteidiger ausreichend mit Nahrung versorgt wurden und die Mauern weitgehend intakt blieben.

Lesen Sie im zweiten Teil dieser Serie, wie der Proviant rationiert wurde, welche Maßnahmen gegen Mineure ergriffen werden konnten und warum es für die Verteidiger so wichtig war, regelmäßige Ausfälle zu unternehmen.

1. Die Vorräte mussten reichen – oder wie Proviant rationiert wurde

Da man im Vorfeld bestenfalls erahnen konnte, wie lange eine Belagerung dauern würde, kam der strengen Rationierung der Vorräte eine entscheidende Bedeutung zu. Es war daher empfehlenswert, den gesamten Proviant an einem zentralen Ort zu lagern. Dieser war einfacher zu bewachen und vor Brandanschlägen zu schützen. Von hier aus konnten jeden Tag genau festgelegte Rationen an die eingeschlossenen Menschen verteilt werden.

Diese Vorgehensweise war insbesondere deswegen so wichtig, da im Falle von extremem Hunger der vernünftige Umgang mit den Vorräten kaum noch gewährleistet werden konnte. Nach einigen Wochen bei kleinsten Rationen und großen körperlichen und seelischen Anstrengungen wuchs der Hunger ins Unermessliche. Eine geplünderte Vorratskammer aber wäre das Ende jeder noch so gut vorbereiteten Verteidigung gewesen.

Der Neusser Stadtschreiber Christian Wierstraet schildert die Folgen mangelnder Verpflegung während der Belagerung von Neuss 1474/75 durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen sehr eindrücklich. Man sei schließlich dazu übergegangen, sogar die Schlachtrösser zu essen. In Anbetracht deren immensen Wertes lässt sich nur erahnen, wie sehr die Verteidiger unter Hunger gelitten haben müssen.

2. Mineure unter den Mauern – und wie man sie bekämpfte

Das Untergraben von Mauern stellte seit der Antike eine gängige Methode dar, diese zum Einsturz zu bringen. Dazu grub man einen Gang, den man direkt unter den Mauern zu einer Kammer erweiterte. Ließ man diese einstürzen oder entzündete hier ein Feuer, konnte dies die darüber liegenden Mauern kollabieren lassen. Allerdings waren die Verteidiger dieser Methode nicht schutzlos ausgeliefert. Zumindest dann nicht, wenn sie ebenfalls über fähige Mineure verfügten.

Zunächst kam es darauf an, Tunnel des Gegners rechtzeitig und einigermaßen präzise orten zu können. Dies gelang meist, indem die durch das Graben verursachten Erschütterungen erkannt wurden. Dies konnte beispielsweise durch kleine Glocken geschehen, die an der Mauer aufgestellt wurden. Einfacher war es, wenn sich der Feind beim Tarnen der Arbeiten keine besondere Mühe gab und die Erdarbeiten von der Mauer aus deutlich sichtbar waren.

War ein Tunnel erst einmal geortet, gruben die eigenen Mineure einen Gegenstollen. Sobald der feindliche Gang erreicht war, leitete man entweder Rauch hinein oder stellte den Gegner im Kampf. Ein Kampf unter Tage musste eine schreckliche Erfahrung gewesen sein. In der stickigen Enge der Stollen waren ausladende Bewegungen so gut wie unmöglich. Dafür konnte im Falle eines Sieges der Stollen zerstört und die Mauer vorerst gerettet werden.

3. Darum waren Ausfälle so wichtig

Alleine die Erfahrung, in einer Befestigung eingeschlossen zu sein, kann psychologisch ungeheuer belastend sein. So war es nicht nur aus strategischer Sicht wichtig, die Initiative zu behalten oder wiederzugewinnen. Diesem Zweck dienten Ausfälle. Die Verteidiger unternahmen immer wieder Angriffe aus der Befestigung heraus. Besonders bei nicht befestigten Lagern der Belagerer führten diese Überfälle immer wieder zu Erfolgen. Belagerungsmaschinen und Zelte konnten zerstört und manchmal sogar Beute gemacht werden. Für die Moral der Verteidiger unglaublich wichtige Faktoren. Immerhin machte man so immer wieder die Erfahrung, der Situation nicht komplett hilflos ausgeliefert zu sein.

Außerdem übten die Ausfälle Druck auf die Belagerer aus. Sie konnten sich eben nicht in ihrem Lager ausruhen und sicher fühlen. Ganz im Gegenteil: Stete Wachsamkeit war auch hier unerlässlich. Der Verlust von teuren Belagerungsmaschinen und Ausrüstung konnte zudem den Erfolg der ganzen Unternehmung ernsthaft gefährden. Noch schlimmer wurde es, wenn der Proviant betroffen war.

Lesen Sie im dritten und letzten Teil der Serie über den Umgang mit den Belastungen einer langen Belagerung und die Bewältigungsstrategien der Verteidiger.

Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 1 von 3

Eine Stadt musste im Mittelalter jederzeit mit Belagerungen rechnen. Insgesamt spielten sich die meisten bewaffneten Auseinandersetzungen dieser Zeit in diesem Rahmen ab. Die Belagerten befanden sich meist in einer sehr vorteilhaften Situation. Denn die Befestigungen und die strategisch günstige Lage vieler Städte verschaffte ihnen in der Regel einen deutlichen Vorteil. Zumindest dann, wenn die Vorbereitung stimmte.

Lesen Sie im ersten Teil dieser Serie, wie sich die Städter des Mittelalters auf eine drohende Belagerung vorbereiteten und welche Maßnahmen gegen Verräter ergriffen wurden.

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Belagerung von Orleans 1429

1. Die richtige Vorratshaltung

Um sich auf eine größere Belagerung vorbereiten zu können war es notwendig, rechtzeitig Bescheid zu wissen. Es lohnte sich also, die politische Lage und das Umland ständig im Auge zu behalten. Zeichnete sich dann eine Belagerung ab, konnten rechtzeitig alle notwendigen Vorräte eingelagert werden. Was sich dazu am besten eignet, schildert der Neusser Stadtschreiber Christian Wierstraet im 15. Jahrhundert:

  • Waffen, vor allem Armbrüste, Büchsen, Geschütze, Schwerter, Äxte und Spieße
  • im Spätmittelalter: Kohle, Salpeter und Schwefel zur Herstellung von Schwarzpulver
  • Viel Holz in unterschiedlichen Formaten – zum Bauen, Reparieren und für Pfeile
  • Ausreichend Arzneikräuter
  • Schaufeln – sehr wichtig, denn gegraben werden musste bei Belagerungen immer wieder
  • Wein, gesalzenes Fleisch und Speck, Butter und Käse, Erbsen, Honig, Öl, Kornfrucht, Trockenfisch und Salz; um „alle die wackeren und getreuen Gesellen auf Bollwerk und Wällen bei Kampfesmut [zu] halten“
  • Viel Brennholz
  • Steinkohle und Eisen
  • Leder1

Die Wasserversorgung war im Idealfall durch Brunnen oder Zisternen auf längere Zeit gesichert. Gleichzeitig empfehlen antike Autoren, alle Wasserquellen vor der Stadt zu vergiften – zumindest, wenn sich die zu verteidigende Stadt in einer generell wasserarmen Region befand.

Neben dem Anlegen von Vorräten empfahl es sich zudem, die hoffentlich vorhandenen Gräben um die Stadt in Stand zu setzen und idealerweise kleine Überraschungen für die anrückenden Feinde vorzubereiten.

2. Eigene Wurfmaschinen bauen oder reparieren

Diese Maschinen waren nicht nur für die Belagerer wichtig. Es konnte eine durchaus beachtliche psychologische Wirkung haben, zurückschießen zu können. Darüber hinaus konnten so Angriffe empfindlich gestört und feindliche Ausrüstung zerstört werden. Kleinere Wurfmaschinen oder später auch Kanonen wurden sogar auf Türmen aufgestellt.

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Trebuchet (Rekonstruktion)

3. Die Spreu vom Weizen trennen – oder der Umgang mit möglichen Verrätern

Keine Bedrohung war wohl während einer Belagerung größer als der oder die Verräter in den eigenen Reihen. Dabei musste es sich nicht zwangsläufig um einen geplanten Verrat handeln. Die psychologischen Belastungen einer Belagerung waren enorm. Da gab es immer mal wieder den ein oder anderen, der entkommen wollte – auch wenn das bedeutete, die Stadt aufzugeben oder in Gefahr zu bringen. Um mit dieser Bedrohung umgehen zu können, waren zwei Faktoren ausschlaggebend:

  • Die Verteidigung brauchte einen charismatischen, beliebten Anführer mit eigenen Kämpfern, die ihm unerschütterlich treu ergeben waren.
  • Zu Beginn einer Belagerung wurden meist Galgen und Rad öffentlich aufgestellt – eine deutliche Drohung an diejenigen, die die öffentliche Ordnung stören könnten.

Es handelte sich also um eine Kombination aus Abschreckung und positiver Motivation. Es war wichtig, in Panik geratene Menschen rechtzeitig zu isolieren. Ansonsten bestand die Gefahr, dass sich die Panik wie ein Lauffeuer ausbreitete. Wenn das geschah, war die Stadt so gut wie verloren. Daher war eine stete Achtsamkeit innerhalb der Bevölkerung notwendig, um eventuelle Warnzeichen rechtzeitig zu erkennen.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie der Proviant rationiert wurde, welche Maßnahmen gegen Mineure ergriffen werden konnten und warum es für die Verteidiger so wichtig war, regelmäßige Ausfälle zu unternehmen.

Quelle:

Wierstraet, Christian: Die Geschichte der Belagerung von Neuss. Faksimile der Erstausgabe bei Arnold ther Hoernen. Köln, 1476.

1Vgl. Wierstraet, Christian (1476). Z. 3130-4157.

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Die fida’i – Assassinen des Mittelalters

Spionage und Mord waren ihr Geschäft. Und sie waren so berühmt und berüchtigt, dass alleine die Erwähnung ihres Namens ausreichte, um politische Gegner in Angst und Schrecken zu versetzen. Um die Meuchelmörder des Mittelalters ranken sich dementsprechend zahlreiche Mythen und Legenden. Doch wer waren sie wirklich?

Die Assassinen aus dem Nahen Osten

Die Meuchelmörder entstanden aus der schiitischen Glaubensgemeinschaft der Nizari-Ismailiten. Diese existierte im 11. Jahrhundert in Syrien und Persien und war ein erklärter Feind der sunnitischen Seldschuken-Dynastie, die das byzantinische Reich in Atem hielt. Dank taktischem und kämpferischem Geschick gelang es ihnen, mehrere Bergfestungen zu erobern und zu halten. Im Gebirgszug des Dschebel Aansariye konnten sie sogar so etwas wie ein eigenes Herrschaftsgebiet aufbauen. Nun verfügten sie über eine Basis, von der aus sie ihre Operationen durchführen konnten.

Der Alte vom Berg

Der erste Anführer der Assassinen war Hasan-i Sabbah. Er führte die Attentäter von der Burg Alamut aus, die sich im Nordwesten des heutigen Iran befindet. Nach ihm übernahmen immer wieder Imame die Führung der Gruppe.

Sir John Mandeville berichtet in einem Text aus dem 13. Jahrhundert detailliert über die Methoden, mit denen Sabbah Anhänger für die sehr riskanten Attentatsversuche gewann. Er würde ihnen „einen gewissen Trunk“ verabreichen, der den Trinkenden in einen wundervollen Rausch versetzen würde. Nun würde er ihnen eröffnen, dass sie im Falle des Todes „in einem Paradies erwache[n]“ würden, „das hundertmal schöner sei als die Bergfestung, voll mit willigen Jungfrauen, mit denen er nach Belieben Sex haben werde, ohne dass sie ihre Jungfräulichkeit verlören“1.

Gezielte Attentate

Die Assassinen operierten nicht nur im Verborgenen. Sie legten außerdem Wert auf absolute Präzision. Es sollte stets nur die Zielperson getötet werden. Unbeteiligte sollten verschont bleiben. Diese Vorgehensweise spricht für ein überaus professionelles Vorgehen, dass sicherlich eine ganze Reihe von besonderen Techniken und Taktiken erforderte.

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Ermordung von Nizam al-Mulk durch einen Assassinen; 14. Jhd.; Topkapi Palace Museum, Cami Al Tebari TSMK, Inv. No. H. 1653, folio 360b

Die meisten Opfer waren sunnitische Muslime. Der englische König Richard Löwenherz bediente sich mehrmals der Dienste der Assassinen. Raimund II., Graf von Tripolis war eines der prominenten Opfer. Selbst Sultan Saladin war mehrmals Ziel von Attentaten, die jedoch allesamt scheiterten.

Das Bild der schrecklichen, orientalischen Assassinen

Es war auch die Unerschrockenheit der Attentäter, die sie so furchterregend machte. Wenn es der Auftrag erforderte, nahmen sie bereitwillig und jederzeit den Tod in Kauf. So erschienen sie ihren Gegnern und Opfern bald als weit größer und gefährlicher, als sie es tatsächlich waren. Schon bald reichte alleine die Drohung, ein in ein Kissen gestochener Dolch, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Es ist umstritten, ob es den gezielten Einsatz von Drogen wirklich gegeben hat. Ich halte dies jedoch durchaus für denkbar.

Das Ende

Dass auch die Assassinen nicht unbesiegbar waren, wurde schon bald deutlich. 1256 wurde Alamut durch die Mongolen zerstört, die in Syrien, Persien und Palästina einfielen. Der letzte Anführer, Imam Rukn al-Din Khurshah, wurde nach dem Sieg der Mongolen von Hülegü Khan hingerichtet. Die Assassinen in Syrien existierten jedoch noch bis ins 14. Jahrhundert und arbeiteten für den ägyptischen Sultan.

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Die Belagerung von Alamut 1256

Auch wenn die Legenden sie zu mehr machen, als sie tatsächlich waren: Die Assassinen waren durchaus eine professionell geführte Gruppe von Meuchelmördern, die ihren schrecklichen Ruf nicht zu Unrecht trug. Ihr fielen zahlreiche Menschen zum Opfer, bei denen es sich vor allem um wichtige Persönlichkeiten ihrer Zeit handelte. Die Assassinen überlebten die Wirren des Krieges in der umkämpften Region nicht allzu lange. Ihre Geschichten, Mythen und Legenden aber bestehen bis heute fort und dienen immer wieder als Vorbild in der modernen Pop-Kultur.

Literatur:

Larringtion, Carolyne. Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones. Darmstadt, 2016.

1cf. Larrington, Carolyne (2016). S. 199.

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Waffen des Mittelalters: Brandsätze und Griechisches Feuer

Feuer: Lebenserhaltend und zerstörerisch zugleich. Ein Element, dass in der mittelalterlichen Kriegführung auf immer erfinderische Art und Weise Anwendung fand und mindestens so furchterregend war wie Schwerter und Äxte.

Der Ursprung des Feuers in der Kriegführung

Feuer wurde von der Menschheit seit jeher als Waffe eingesetzt. In der Antike kamen bereits sehr raffinierte Anwendungen zum Einsatz. Brennbare Pfeile und Katapultgeschosse waren gängige Praxis. Nicht nur gegen Armeen im Feld, selbst gegen mächtige Befestigungsanlagen entfaltete das Feuer seine zerstörerische Wirkung. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass auch die Krieger des Mittelalters auf das Feuer und verschiedene, brennbare Substanzen zurückgriffen.

Der Einsatz von Feuer gegen Befestigungen

Es gab mehrere Möglichkeiten, eine Mauer zum Einsturz zu bringen. Bestand sie aus Holz, konnte sie im Idealfall recht einfach in Brand gesteckt werden. Das galt ebenso für hölzerne Türen und Tore. Wurde Feuer in das Innere einer befestigten Siedlung geschleudert, konnten außerdem hölzerne Gebäude in Flammen aufgehen. Feuer stellte für jede Siedlung im Mittelalter die allergrößte Gefahr dar. Umso mehr wird deutlich, wie groß die Angst im Kriegsfall gewesen sein muss.

Tapisserie de Bayeux - Scène 19 : le siège de Dinan

Der Einsatz von Feuer gegen die hölzerne Mauer von Dinan, 1064. Darstellung auf dem Teppich von Bayeux.

Selbst Mauern aus Stein konnten einem Feuer zum Opfer fallen. Wurden Gänge unter die Mauern gegraben und dort ein großes Feuer entzündet, stürzte die Mauer nach einer Zeit in sich zusammen. Eine andere Methode sah vor, Löcher in die Wand zu bohren und heiße Luft hinein zu leiten. Zu diesem Zweck wurden Kohlen in tönernen Töpfen entzündet und die Hitze mit Hilfe von Eisenrohren in zuvor in die Mauer gebohrte Löcher geleitet. Dies führte schließlich dazu, dass die Steine platzten.1

Brennende Vögel und Katzen

Wie bereits erwähnt stellte ein Feuer innerhalb einer Siedlung stets eine große Gefahr dar. Die Quellen berichten in diesem Zusammenhang mit einigen sehr trickreichen, wenn auch brutalen Methoden, um eine Burg oder Stadt in Brand zu stecken.

Katzen und Vögel seien eingefangen und mit brennenden Materialien versehen worden. Die Autoren berichten weiterhin, dass die Tiere in Panik in ihre in der jeweiligen Befestigung befindlichen Unterschlüpfe fliehen würden und das Feuer sich dort ausbreiten könne.

Ob dies wirklich eine effektive Methode darstellte, kann heute nicht mehr eindeutig bewiesen werden.

Griechisches Feuer, arabische Naphta-Truppen und mongolische Granaten

Im 13. und 14. Jahrhundert tauchte in Europa das „Liber ignium ad comburendos hostes“ auf, verfasst von Marcus Graecus. In diesem Buch wird das berüchtigte Griechische Feuers erwähnt. Erfunden wurde diese extrem heiße und kaum zu löschende Substanz im siebten Jahrhundert von einem gewissen Callicinus und zunächst vor allem durch Byzanz verwendet. Die Byzantiner hüteten das Geheimnis der Herstellung mit allen Mitteln. Aus gutem Grund: Die Quellen berichten, dass Griechisches Feuer Stein und Eisen zu Staub werden lasse und selbst auf dem Wasser brennen würde. Zum Einsatz kam es vor allem auf den Schiffen der byzantinischen Marine. Aus einem bronzenen Rohr am Bug wurde das Feuer auf das feindliche Schiff gegossen.

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Einsatz des Griechischen Feuers zur See (12. Jhd.).

Es lassen sich außerdem Belege für kleinere Vorrichtungen finden, mit deren Hilfe griechisches Feuer von Soldaten im Nahkampf eingesetzt werden konnte. Diese sogenannte Hand-Siphons wurden ähnlich den modernen Flammenwerfern eingesetzt.

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 Darstellung aus dem Codex Vaticanus Graecus, 1605.

Hierfür waren neben den Byzantinern vor allem die Araber berüchtigt. In ihren Armeen kamen die sogenannten Naphta-Truppen zum Einsatz. Diese Spezialeinheiten waren in feuerfeste Kleidung gehüllt und schleuderten das Feuer in zerbrechlichen Gefäßen aus Ton, Glas oder Metall auf den Gegner. Sie wurden häufig zusammen mit Bogenschützen eingesetzt.2 Die Westeuropäer kamen mit dem Griechischen Feuer buchstäblich erstmals im Rahmen der Kreuzzüge in Berührung. Sie waren es, die es anschließend nach Europa importierten.

Griechisches Feuer wurde außerdem mit der Hilfe von Trebuchets auf Befestigungen geschleudert. Zu diesem Zweck wurde es in zerbrechliche Kugeln gefüllt, angezündet und verschossen. Diese Technik wurde u.a. von den Mongolen verwendet, die im 13.Jahrhundert große Teile Europas und Asiens eroberten.

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Ein Trebuchet schleudert ein brennendes Geschoss. Harper’s New Monthly Magazine, No. 2229, Juni, 1869.

Die Herstellung des Griechischen Feuers

Die Zusammensetzung des Griechischen Feuers ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Als Bestandteile von brennbaren Substanzen wurden im Mittelalter in erster Linie Teer, Terpentin, Petroleum, Öle, Schwefel, Wachs, Pech sowie die Fäkalien von Tauben und Schafen.3 Laut Marcus Graecus bestand das Griechische Feuer aus Schwefel, Pech, Petroleum, gewöhnlichem Öl, Sarcocolla und Sal Coctum. Letzteres ist besonders umstritten. Während die einen meinen, es würde sich um Salpeter handeln, halten es die anderen für normales Salz. Marcus Graecus erwähnt nicht, in welchem Mischverhältnis die Zutaten stehen müssen. Dafür nennt er die drei Wege, wie das Griechische Feuer gelöscht werden kann: Mit Urin, Essig und Sand.4 Es empfahl sich also im Vorfeld einer Belagerung, die entsprechenden Stoffe bereit zu halten und besonders gefährdete Stellen rechtzeitig zu imprägnieren.

Chemische Kriegführung im Mittelalter

Neben der Hitze stellten die giftigen Gase des Feuers eine ernstzunehmende Gefahr dar. Im 13. Jahrhundert wurden mit einer Mischung aus Schwefel und schwelender Kohle hochgiftige Gase erzeugt. Konrad Kyeser empfahl im 15. Jahrhundert Schwefel, Teer und zerstoßene Pferdehufe.5 Wurden diese Gase in eine Befestigung oder ein Lager geleitet, waren die Auswirkungen meist fatal.

Feuer und Schwarzpulver

Schwarzpulver wird aus Salpeter, Schwefel und Kohle hergestellt. Zutaten, die bereits bei der Herstellung der verschiedenen, brennbaren Substanzen verwendet wurden. Roger Bacon entdeckte die Mischung Mitte des 13. Jahrhunderts in Europa. Albertus Magnus entwickelte das Schwarzpulver 25 Jahre später dann noch einmal entscheidend weiter. Die neue Waffe war derart vielseitig einsetzbar, dass sie das Griechische Feuer in Europa weitgehend verdrängte. Neben der einfacheren Herstellung stellte vor allem die Explosivität des Pulvers einen bedeutenden Vorteil dar.

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Feuer und Explosionen – gängige Waffen des Mittelalters

Der Einsatz brennbarer und explosiver Substanzen auf den Schlachtfeldern des Mittelalters war nicht weniger ungewöhnlich als der von Schwertern und Bögen. Die Menschen nutzen das Feuer seid tausenden von Jahren. Seine Nutzung im Kampf war stets so naheliegend wie schrecklich für den Gegner. Letzten Endes verwendeten die Krieger des Mittelalters alles, was ihnen einen Vorteil und damit hoffentlich den Sieg verschaffte. Eine Strategie, die zur Entwicklung immer neuer Taktiken und Feuerwaffen führen sollte. Die Folgen sind heute nur zu gut bekannt.

1Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 191-192).

2Vgl. Ebd. S. 193-197.

3Vgl. Ebd. S. 192-193.

4Vgl. Ebd. S. 199.

5Vgl. Ebd. S. 202.

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.