Grabhügel – Übergänge in die Anderswelt

Bestattungsriten sind so alt wie die Menschheit selbst. Schon die frühesten Menschen beerdigten ihre Toten und es gibt deutlich Hinweise darauf, dass auch der Glaube an ein Leben nach dem Tod seine Wurzeln in der Frühzeit der menschlichen Gesellschaften hat. Ein solcher Glaube ist nicht ohne Bedeutung für die Art der Bestattung. Insbesondere dann nicht, wenn ein physisches Weiterleben in der nächsten Welt erwartet wird. In einem solchen Fall macht es durchaus Sinn, dem Verstorbenen all die Dinge mit auf den Weg zu geben, die er auch im nächsten Leben benötigen wird. Auch im frühen Mittelalter lebten diese Traditionen in Europa fort.

Übergänge in die andere Welt

Bei den alten Religionen Nord- und Westeuropas spielten die Natur und insbesondere Naturphänomene besondere Rollen. Bäume, Flüsse, Seen, Wiesen – alles besaß eine spirituelle Bedeutung. Übergänge in die jenseitige Feld konnten sich an vielen Orten befinden. Besonders baten sich hier Höhlen an, die auch als Wohnorte von göttlichen Wesen dienen konnten. Mit Nebel bedeckte Wiesen konnten den Übergang in die Anderswelt kennzeichnen. Die Verbindung der Menschen dieser Zeit zur Natur war also eine ganz besondere. Es verwundert daher nicht, dass sich die Grabstätten dieser Zeit häufig innerhalb der Natur befanden. Ein deutlicher Unterschied zu den christlichen Gräbern des Mittelalters, die sich in der Regel in der direkten Nachbarschaft einer Kirche befanden. Eines haben aber beide Begräbnisformen gemeinsam: Es geht darum, sich in der Nähe besonderer, spiritueller Orte zu befinden um in das Leben nach dem Tod gelangen zu können.

Die Grabstätten der alten Welt

Monumentale Grabstätten lassen sich in allen Epochen der Menschheitsgeschichte und in allen Erdteilen finden. Im Bereich Nordeuropas wurden die Toten seit der Steinzeit häufig in Steingräbern oder unter Grabhügeln bestattet. Diese Tradition fand auch im frühen Mittelalter noch weite Verbreitung. Grabhügel war jedoch nicht gleich Grabhügel. Tacitus schreibt über die Germanen, sie hätten ihre Toten verbrannt und die Asche anschließend unter einem Hügel beigesetzt. Es sind aber auch beeindruckende Grabkammern aus Holz und Stein entdeckt worden, die neben dem unverbrannten Leichnam zahlreiche Grabbeigaben enthielten. Neben kostbaren Schmuckstücken, Waffen, Haushaltsgegenständen und sogar kompletten Streitwagen fanden die Archäologen auch geopferte Tiere und sogar Sklaven, die ihrem Herren mehr oder weniger freiwillig ins nächste Leben folgen sollten. Die Innenseiten der Grabkammern waren in besonderen Fällen mit kunstvollen Schnitzereien oder Gravuren verziert. Es wurde davon ausgegangen, dass der Tote körperlich wieder auferstehen wird und dann all das brauchen wird, was ihm bereits in seinem alten Leben lieb und teuer war. Dementsprechend richtete sich Umfang und Wert der Beigaben nach dem jeweiligen Status des Verstorbenen. Diese Form der Bestattung war dabei nicht für die Männer reserviert. Es wurden auch Gräber bedeutender Frauen gefunden, deren Grabbeigaben denen der Männer in nichts nachstanden. Die bedeutendsten Gräber konnten wahrlich beeindruckende Ausmaße annehmen. Es wurden Hügel mit bis zu 100 Meter Durchmesser und über 10 Meter Höhe gefunden.

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Ausgrabung des Sutton Hoo-Schiffs, 1939

Besondere Formen der Grabhügel wurden für besonders bedeutende Wikingerherrscher und -herrscherinnen errichtet. Diese wichtigen Persönlichkeiten wurden mitsamt kompletter Langschiffe bestattet. Schiffe gehörten zu den wertvollsten Besitztümern eines Herrschers. Kein Wunder dass davon ausgegangen wurde, dass er dieses auch im nächsten Leben benötigen wird. Insbesondere den Ausgrabungen von Sutton Hoo in England und Oseberg in Norwegen ist zu verdanken, dass wir einen Einblick in dieses Bestattungsritual nehmen können. In einigen Fällen wurde das Schiff samt seiner wertvollen Ladung auch verbrannt, bevor es mit Erde überhäuft wurde. Die archäologischen Befunde decken sich dabei weitgehend mit den Überlieferungen von Augenzeugen wie Saxo Grammaticus und dem islamischen Gelehrten Ibn Fadlan.

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Ausgrabung des Oseberg-Schiffs

Die Angst vor den lebenden Toten

Tod und Sterben waren seit jeher Themen, die nicht nur Anlass zur Trauer gaben, sondern auch Furcht auslösten. Insbesondere die Angst vor lebenden Toten spielte hier eine bedeutende Rolle. Insbesondere die Christen sahen in den alten Grabstätten Orte des Bösen. Besonders verbreitet war die Angst vor Grabunholden, die „draugr“ genannt wurden, was sich als „schädlicher Geist“ übersetzen lässt.

Vor Grabräubern schützten aber auch dieser Aberglauben nicht – viele Gräber wurden geplündert. Wohl auch einer der Gründe dafür, den Toten und seine Wertgegenstände zu verbrennen.

Die Christen und das Verschwinden der Grabhügel

Die Verbreitung des christlichen Glaubens bedeutete letztlich das Ende der alten Bestattungsriten. Die Toten wurden nun nur mit einem Totenhemd bekleidet in der Nähe der christlichen Kirchen begraben. Irdische Besitztümer konnten sie im Leben nach dem Tod ohnehin nicht gebrauchen. Das dennoch auch in christlichen Gräbern dieser Zeit teilweise noch Grabbeigaben gefunden wurden lässt aber darauf schließen, dass sich die alten Traditionen nicht sofort aus den Köpfen verbannen ließen und es einer gewissen Übergangszeit bedurfte, bevor die neuen Riten voll akzeptiert wurden.

Was blieb, sind beeindruckende Monumente einer Kultur, die fest von einem Leben nach dem Tod ausging. Diese Welt war nicht die letzte Station, sondern der Ausgangspunkt für eine Reise, die erst beginnt. Eine Vorstellung, die die Menschen bis in die heutige Zeit begleitet und im Umfeld der Religionen heute genauso aktuell ist wie in allen vergangenen Epochen der Menschheitsgeschichte.

Literatur:

Arnulf Krause: Die wirkliche Mittelerde. Tolkiens Mythologie und ihre Wurzeln im Mittelalter. Konrad Theiss Verlag GmbH, 2012.

al-Andalus – Ort des Fortschritts und der Toleranz

Der Islam erfuhr nach seiner Entstehung, ca. 622 nach christlicher Zeitrechnung, eine rasante Ausbreitung. Bereits 710 erreichten die ersten muslimischen Truppen Spanien, siegten über die Westgoten und errichteten hier eine Provinz des Kalifats der Umayyaden – eine alte Familie, die ursprünglich aus Mekka stammte und ihre Abstammung auf den Propheten zurückführen konnte. Die Herrscher der neuen Provinz sollte sich selbst allerdings erst ab Mitte des 10. Jahrhunderts als Kalifen bezeichnen.1

Die islamische Welt im frühen Mittelalter.

Die islamische Welt im frühen Mittelalter.

Die Ausbreitung des Islam bedeutete nicht automatisch, dass der Großteil der Bevölkerung gleich zu Beginn konvertierte. Es fanden keine Zwangskonvertierungen statt. Stattdessen herrschte Zunächst eine kleine Gruppe von Muslimen über Christen und Juden, unterstützt von ausländischen Söldnern. Einwanderung gab es in den folgenden Jahrhunderten vor allem von nordafrikanischen Berbern, aber auch aus Syrien. Nach und nach konvertierten auch viele Alteingesessene zur neuen Religion.2 Dies dürfte sicherlich auch daran gelegen haben, dass die Annahme des muslimischen Glaubens vor allem gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile mit sich gebracht haben dürfte. Aber auch aufrichtige Überzeugung sollte nicht komplett außer Acht gelassen werden. Nach und nach entwickelte sich durch Einwanderung und Konvertierung eine vorwiegend muslimische Gemeinschaft. Dies bedeutete jedoch nicht, dass sich im gleichen Zuge Intoleranz gegenüber Andersgläubigen entwickeln sollte. Ganz im Gegenteil: Andere Glaubensrichtungen wurden toleriert. Auch Sunniten und Schiiten lebten in al-Andalus friedlich nebeneinander.3

Als Hauptstadt entwickelte sich nach und nach Cordoba. Der Kalif lebte in der königlichen Stadt Madinat al-Zahra, umgeben von einem engen Kreis an Beratern, der sich größtenteils aus Arabern rekrutierte. Das Land florierte, insbesondere durch neue Anbautechniken, die aus dem nahen Osten importiert wurden. Im Umland wurden vor allem Berber angesiedelt.4 Wissenschaft, Literatur, Medizin und Kunst erreichten bis dahin ungeahnte Höhepunkte. Für die Zeit seines Bestehens sollte al-Andalus, wie die muslimisch beherrschten Teile Spaniens auch genannt wurden, ein Ort der Toleranz und des Fortschritts sein. Die hier gewonnenen Erkenntnisse waren maßgeblich für die weitere Entwicklung auch Nordeuropas – insbesondere für die Scholastik.

Doch konnte sich auch al-Andalus nicht den Strömungen seiner Zeit verschließen. Schon im 8. Jahrhundert gab es Konflikte mit den christlichen Königreichen im Norden, insbesondere mit den Franken unter Karl dem Großen. Der Kriegszug des Kaisers nach Spanien konnte allerdings abgewehrt werden. Nach und nach entfernten sich die spanischen Muslime außerdem von den Lehren, die vor allem im nahen Osten praktiziert wurden und sehr viel radikaler waren. Im Laufe der Reconquista, der christlichen Rückeroberung Spaniens, geriet Cordoba letztlich genau zwischen Christen und Muslime, die jeweils einen Alleinvertretungsanspruch vertraten. Bereits in den Jahrzehnten zuvor war das Kalifat in Einzelstaaten zerfallen, die nach und nach durch die Kreuzfahrer erobert wurden. 1236 fiel schließlich Cordoba an die Christen. Abgeschlossen wurde die Reconquista aber erst 1492, als Emir Muhammad XII. Granada an Ferdinand II. von Aragon und Isabella I. übergab.

Übergabe Granadas 1492, Darstellung von 1882.

Übergabe Granadas 1492, Darstellung von 1882.

Al-Andalus dient als ein außergewöhnliches Beispiel für ein tolerantes Miteinander der Religionen in einer Zeit, mit der meist genau das Gegenteil verbunden wird. Es zeigt auch, welch großen Einfluss die sehr fortschrittliche islamische Welt im Mittelalter auf Europa hatte. Viele Entwicklungen wären ohne diesen Einfluss entweder nicht möglich gewesen oder erst sehr viel später erfolgt. Insbesondere das tolerante Klima in al-Andalus führte zu einer produktiven Kooperation zwischen allen Glaubensrichtungen, die es seitdem in dieser Form nicht mehr gegeben hat.

1Vgl. Hourani Albert (2005). S. 41.

2Vgl. Ebd. S. 41-42.

3Vgl. Ebd. S. 42.

4Vgl. Ebd. S. 42.

Literatur:

Hourani, Albert. A History of the Arap Peoples. London, 2005.

Wikingerbegräbnisse – Met und Kampf nach dem Tod?

Die Frage danach, was den Menschen nach dem Tod erwartet, ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Antwort darauf unterscheidet sich jedoch häufig, ist nach Religion und Kulturkreis verschieden. Noch schwieriger wird es, wenn sich im Laufe der Jahrhunderte religiöse Vorstellungen vermischen und den Blick auf die ursprüngliche Version erschweren. Wenn es um die Begräbnisse im vorchristlichen Skandinavien geht, tritt dieser Fall häufig ein. Heute begegnet dem Interessierten häufig das gängige Vorurteil, dass sich alle toten Wikinger in der Halle Odins in Walhalla wiederfinden werden, um immerwährend zu kämpfen und sich den Met aus riesigen Trinkhörnern in den Rachen zu schütten.

"Walhall" von Emil Doepler, 1905.

„Walhall“ von Emil Doepler, 1905.

In der Realität des Frühmittelalters sahen die Vorstellungen allerdings ein klein wenig anders aus. Nicht ein Leben nach dem Tod erschien wichtig, sondern die zu Lebzeiten vollbrachten Taten:

„Besitz stirbt, Sippen sterben,

Du selbst stirbst wie sie;

Eins weiß ich, Das ewig lebt;

Des Toten Tatenruhm.“1

Dies bedeutete jedoch nicht, dass es keinen Glauben an ein Leben nach dem Tod gegeben hätte. Es heißt aber, dass längst nicht alle darauf hoffen konnten, in Odins Methalle auf Ragnarök warten zu dürfen. Dieses Privileg war den ruhmreich im Kampf gefallenen Kriegern vorbehalten.2 Kein Wunder, schließlich waren für den Kampf am Ende der Welt die besten gerade gut genug. Dies stellte nebenbei bemerkt keine Diskriminierung von Frauen dar, die bei den Skandinaviern durchaus mit in den Kampf zogen.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Neben Walhalla existierte noch „Hel“, ein dunkler Ort, an dem die restlichen Toten ein ewiges Dasein fristen müssen.3 Auch wenn Hel sehr an das englische „Hell“ erinnert, handelte es sich nicht um eine Hölle nach christlichem Verständnis. Vielmehr geht es dort relativ unspektakulär zu, die Toten erwarten hier das Ende aller Zeiten. Einem stolzen Krieger wäre aber der Aufenthalt in Hel wohl ähnlich unerträglich vorgekommen.

Die frühen Skandinavier glaubten außerdem daran, dass sie in körperlicher Form ihr neues Leben antreten würden. Dies steht im Gegensatz zu christlichen Vorstellungen, die von einem Weiterleben der Seele ohne den Körper ausgehen. Als Konsequenz fanden sich in Wikingergräbern Grabbeigaben, wie man sie auch aus anderen Kulturkreisen kennt. Je höher der soziale Stand, desto besser waren die Gräber ausgestattet. Fürsten und Könige wurden in großen Grabhügeln bestattet, inklusive Langschiff, Pferden, Waffen, Schmuck, Hunden, Vieh, Dingen des alltäglichen Lebens und sogar von einigen Dienern begleitet.4 Diese wurden im Rahmen des Begräbnisses getötet. Dabei musste dies nicht immer unter Zwang geschehen. In vielen Fällen begleiteten sie ihre Herren freiwillig ins nächste Leben. Eine Entscheidung, die die Tiere freilich nicht treffen konnten.

Das Schiff musste nicht zwangsläufig in einen Grabhügel eingebettet werden. Der islamische Schreiber Ahmed ibn Fadlan beschreibt, dass das Schiff nach der entsprechenden Ausstattung mit Beigaben in Brand gesetzt wurde.

Es wurden aber nicht immer Grabhügel aufgeschüttet oder gar ganze Schiffe eingegraben bzw. verbrannt. Es gab auch den Brauch, aus großen Steinen Schiffsformen um ein Grab herum zu formen. Symbolisch sollten aber sowohl die richtigen Langschiffe als auch ihre Entsprechungen aus Stein den oder die Toten ins Jenseits bringen, wo es ihnen an nichts mangeln sollte.5 Die tapferen Krieger benötigten insbesondere ihre Waffen, um Odin an Ragnarök im letzten Kampf beistehen zu können.

"Kampf der untergehenden Götter" von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

„Kampf der untergehenden Götter“ von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

Die alten Bräuche verschwanden, nachdem sich das Christentum mehr und mehr in Skandinavien ausbreitete. Interessant sind die zahlreichen Parallelen, die es zu Kulturen des Altertums gibt. Schiffe für die Seelen finden sich beispielsweise auch bei den alten Pharaonen. Darstellungen von sogenannten Totenschiffen finden sich sogar später noch in der christlichen Mythologie. Die Ausstattung der Toten für das nächste Leben begegnet den Archäologen bei einer Vielzahl von Kulturen, wenn auch hier die alten Ägypter eines der bekanntesten Beispiele sind. Und auch beeindruckende Grabmonumente lassen sich überall auf der Welt finden. Das Führen des richtigen Lebens, das Vollbringen ruhmreicher und guter Taten war ebenso universell wichtig. Dennoch scheint insbesondere das Christentum eine große Faszination auf die Skandinavier ausgeübt zu haben. Die Verheißung eines ewigen Lebens in Seligkeit für alle Menschen, nicht nur für die tapferen Krieger, sowie die Abkehr von einer nicht unwesentlich durch Gewalt geprägten Glaubenswelt scheinen für die Skandinavier ähnlich reizvoll gewesen zu sein wie für die germanischen Stämme vor ihnen.

1cf. Sörensen (2001). S. 226.

2Vgl. Ebd. S. 226-227.

3Vgl. Ebd. S. 226.

4Vgl. Ebd. S. 227.

5Vgl. Ebd. S. 227-228.

Literatur:

Sörensen, Preben Meulengracht. Alte und neue Religion. In: Peter Sawyer (Hg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 212-234.

Grundlagen der nordischen Mythologie im Mittelalter

Die Religion der skandinavischen Völker im frühen Mittelalter ist ein immer wieder behandeltes Thema. Dies gilt nicht nur für wissenschaftliche Texte, sondern in besonderem Maße für die Populärkultur, die die überlieferten Geschichten dieser Zeit immer wieder aufgreift. Dieser Artikel soll einen kurzen Überblick über die Grundzüge der nordischen Mythologie liefern, ohne dabei die skaldische und eddische Dichtung im Detail wiederzugeben. Dementsprechend wird auch nicht auf alle Charaktere dieser faszinierenden Geschichte eingegangen, die in ihrer Gesamtheit den Rahmen eines Blogeintrages sprengen würde.

Schriftliche Überlieferungen aus der Welt des mittelalterlichen Skandinaviens sind vor allem (wenn auch nicht ausschließlich) von schriftkundigen Christen erhalten. Der wichtigste Autor ist hier Adam von Bremen, der in seinem Werk „Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificium“ (1070) über die heidnischen und barbarischen Völker im hohen Norden berichtet. Bereits 832 war die Erzdiözese Hamburg gegründet worden, um die Missionierung in Norden und Osten voranzutreiben.[1] Dementsprechend kamen Bewohner des Nordens recht frühzeitig mit dem Christentum in Kontakt. Dies bedeutete aber keineswegs, dass sie die neue Religion sofort übernahmen. Vielmehr gab es eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz.[2]

Trotz ihrer vorwiegend mündlichen Tradition waren die Nordmänner und -frauen des Schreibens mächtig. Seit dem 1. oder 2. Jahrtausend n.Chr. verfügten sie über die Runenschrift.[3] Mit ihr wurden die Lieder und Sagas festgehalten, die erst später in lateinische Schrift übertragen wurden.

Die gegenwärtige Welt

Der von den Menschen bewohnte Teil der Welt wird als Midgard bezeichnet. Die Götter oder Asen leben in Asgard, wobei den Göttern bestimmte Wohnsitze zugeordnet sind:

Thor: Thrudheim (Welt der Macht)

Odin: Valhall (Halle der gefallenen Krieger)

Freyja: Folkvangr (Schlachtfelder)

Frigg: Fensalier (Sumpfhallen)

Baldr: Breidablik (starker Glanz)

Heimdall: Himinbjörg (himmlische Berge)

Loki: Er ist ein ausgesprochener Sonderfall. Sein Vater war ein Riese, seine Mutter eine Göttin. Er ist zwar auf der einen Seite Verbündeter Odins. Auf der anderen Seite zeugt er u.a. die Weltenschlange, die einst Thor töten wird. Auch kämpft er an Ragnarök auf der Seite der Kräfte des Chaos.

Yggdrasil, die Weltenesche

Yggdrasil, die Weltenesche (aus einer isländischen Schrift aus dem 17. Jhd.)

In der Mitte von Asgard wächst Yggdrasil, die Weltenesche. Ihr Stamm bildet die Achse von Zeit und Raum. Ihre drei Äste berühren den Himmel, ihre drei Wurzeln umspannen die Erde. Eine Wurzel durchläuft die Welt der Menschen, eine die der Riesen (Jotonheimr), unter einer liegt die Unterwelt. Neben der Esche befindet sich der Brunnen Urdrs. Diese entscheidet zusammen mit Verdandi und Skuld über das Schicksal. Diese Frauen werden auch als die drei Nornen bezeichnet.[4]

Der Schöpfungsmythos, der Kosmos und Ragnarök

Zeit spielt eine zentrale Rolle in der nordischen Mythologie. Alles ist vergänglich, insbesondere die Weltenesche, an der Würmer und Hirsche kontinuierlich fressen. Die Völuspá, das erste Götterlied aus dem „Codex Regius“, erzählt uns von den vier Phasen der Existenz.

  • Schöpfung
  • Zeit bis zum Weltenende
  • Ragnarök
  • Neue Welt

Vor der Schöpfung existierte nur Chaos, das Ginnungagap. Aus diesem Chaos entstand das Wesen Ymir (das Tosen). Unter seinem Arm entstanden Mann und Frau, seine beiden Füße zeugten Kinder. So wurde die Familie der Riesen erschaffen. Außer Ymir existierte eine Kuh namens Audhumbla, aus deren Euter sich Ymir ernährte. Sie leckte an einem Salzstein und erschuf so eine menschenähnliche Frau. Diese bekam einen Sohn namens Borr. Er heiratete die Riesin Bestla. Dieses Paar zeugte drei Söhne:

  • Odin (Intellekt)
  • Vili (Wille)
  • Vé (das Heilige)

Dies waren die ersten Asen. Sie töteten Ymir und erschufen aus seinem Leichnam den Kosmos. Sein Fleisch wurde die Erde, sein Blut die Meere, seine Knochen die Berge, sein Schädel das Firmament und sein Gehirn die Wolken. Durch seine Ermordung machten sich die Asen allerdings seine Familie, die Riesen, zum Feind. Hierin liegt ihre andauernde Feindschaft begründet.

Auf diese Art erschufen die Asen eine Idealwelt nach ihren Wünschen. Dann wurde diese von drei Riesinnen angegriffen, die das Schicksal und den Tod in die Welt brachten. Doch erweckten sie auch eine schöpferische Kraft, die die Menschheit hervor brachte. Doch beginnt nun auch die Zeit zu laufen und Ragnarök kommt unaufhaltsam näher.

Thor kämpft gegen die Weltenschlange (Emil Doepler, ca. 1905).

Thor kämpft gegen die Weltenschlange (Emil Doepler, ca. 1905).

An Ragnarök zerfällt alles. Die Götter fallen im Kampf gegen verschiedenen Ungeheuer (Thor wird beispielsweise durch die Weltenschlange getötet). Die Welt geht in Flammen auf und versinkt schließlich in den Meeren. Doch ist dies nicht das Ende. Es entsteht eine neue Welt mit einer neuen Genration von Göttern und Menschen, die nun endlich in Glückseligkeit leben können.[5]

Die neue Welt (Emil Doepler, ca. 1905).

Die neue Welt (Emil Doepler, ca. 1905).

[1] Vgl. Meulengracht Sørensen, Preben (2001). S. 212.

[2] Vgl. Ebd. S. 213.

[3] Vgl. Ebd. S. 214.

[4] Vgl. Ebd. S. 220.

[5] Vgl. Ebd. S.221-222.

Literatur:

Meulengracht Sørensen, Preben: Alte und neue Religion. In: Sawyer, Peter (Hrsg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 212-234.

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Die Schlacht von Muret 1213

1209 begann auf Drängen des Papstes Innozenz III. ein Kreuzzug, der nicht das Heilige Land als Ziel haben sollte. In Südfrankreich hatte sich die religiöse Bewegung der Katharer entwickelt. Sie sahen sich selbst als die wahren Christen, hatten aber keine komplett einheitliche Lehre, da sie in verschiedene Gruppen aufgespalten waren. Gemeinsam war ihnen, dass sie die materielle Welt grundsätzlich als Böse ansahen. Die Seelen waren demnach auf der Erde gefangen und die Katharer strebten danach, diese zu erlösen und den Himmel zu erreichen. Das Alte Testament lehnten sie ab, da sie im dort beschriebenen Gott ein in der materiellen Welt verhaftetes und damit böses Wesen sahen. Interessant ist zudem, dass Frauen bei den Katharern geistliche Ämter ausüben konnten – ein starker Gegensatz zur römischen Kirche.

Papst Innozenz III.

Papst Innozenz III.

Anhänger dieser Glaubensrichtung fanden sich in allen gesellschaftlichen Schichten.  Dazu gehörten auch hochrangige Adlige, wie der Graf von Toulouse, Raimund VI. Obwohl die Bewegung von der Kirche als ketzerisch eingestuft wurde, konnten die Geistlichen vor Ort nicht auf die Unterstützung der weltlichen Obrigkeit zählen. Aus diesem Grund war die Kirche gezwungen, zu einem bewaffneten Kreuzzug aufzurufen. Aus ihrer Sicht handelte es sich bei jeder Form um eine Krankheit, die die Christenheit ernsthaft bedrohte. Wir können hier also durchaus von ernst gemeinter Besorgnis ausgehen, nicht von reinem Streben nach Machterhaltung.

Der geistliche Autor Peter von les Vaux-de-Cernay hat einen detaillierten Bericht des gesamten Albigenserkreuzzugs verfasst. In diesem Artikel soll es um eine bedeutsame Schlacht gehen, die für den weiteren Verlauf des Kreuzzuges nicht ohne Bedeutung sein sollte und einige interessante Einblicke in die Kriegführung des hohen Mittelalters möglich macht – die Schlacht von Muret.

Alles habe damit begonnen, dass der spanische König Peter von Aragon mit einem Heer in die Gascogne einmarschiert sei, um dem Grafen von Toulouse zu Hilfe zu kommen. Er habe sein Heer mit den Truppen der Grafen von Toulouse, des Comminges und von Foix vereinigt und mit der Belagerung der Stadt Muret begonnen, welche sich am Fluss Garonne befindet. Eine vorgelagerte Befestigungsanlage haben die Angreifer schnell einnehmen können, woraufhin sich die Verteidiger zurückziehen mussten. Dies habe vor allem daran gelegen, dass sie deutlich in der Unterzahl gewesen seien. [1] Zur selben Zeit habe sich der Anführer der Kreuzfahrer, der Graf Simon von Montfort, 65 Kilometer von Muret entfernt befunden, um Kämpfer und Vorräte zur Verstärkung der Stadt zu sammeln – er sei bereits davon ausgegangen, dass es bald belagert würde.[2]

Kurz nachdem der Graf von der Belagerung erfahren habe, sei seine Frau nach Carcassonne aufgebrochen. Dort habe sie so viele Ritter um sich gesammelt, wie es ihr möglich gewesen sei. Zusätzlich habe sie den Vicomte von Payen überzeugen können, sich ihr anzuschließen – obwohl sein 40 tägiger Dienst eigentlich schon zu Ende war und er ohne Konsequenzen in die Heimat hätte abziehen können. Diese Truppen haben sich nun nach Fanjeaux begeben, während Simon von Montfort mit seinen Begleitern in die Nähe von Boulbonne gezogen sei, wo er in einem Zisterzienserkloster die Hilfe des Herrn erbeten habe. Bei ihm haben sich sieben Bischöfe und drei Äbte befunden, die der Erzbischof von Narbonne ausgewählt habe, um mit dem König von Aragon zu verhandeln. Außerdem habe er 30 französische Ritter bei sich gehabt.[3]

Am nächsten Morgen sei die Messe gefeiert und gebeichtet  worden. Danach seien die Kreuzfahrer aufgebrochen, um Muret zu Hilfe zu kommen. Zudem seien die Anführer des gegnerischen Heeres durch die Bischöfe exkommuniziert worden. Während der Annäherung an das feindliche Heer seien die Truppen in drei Abteilungen aufgeteilt worden, entsprechend der Heiligen Dreifaltigkeit. So habe man sich Auterive genähert, einer befestigten Stellung zwischen dem alten Standort und Muret. Obwohl Wetter und Terrain günstig für einen Überraschungsangriff der Belagerer gewesen seien, habe man das Gebiet ohne Gegenwehr durchqueren können.[4]

Schließlich habe man sich Muret genähert. Die Belagerer haben sich auf der anderen Flussseite befunden. Da es bereits Abend gewesen sei und die Truppen des Grafen von Montfort vom Marsch ermüdet gewesen seien, habe der Graf nicht sofort angreifen lassen, sondern stattdessen Gesandte zu den Belagerern geschickt, um sie zum Aufgeben zu bewegen.[5] Am nächsten Morgen haben die Kreuzfahrer Muret betreten. Es seien lediglich noch für einen Tag Vorräte in der Stadt gewesen. Daher sei es nicht länger möglich gewesen, sich zu verschanzen.[6]

Am Morgen des nächsten Tages habe man die Messe abgehalten und sich anschließend beraten, wie man den Feind am besten angreifen könne. Die sich deutlich in der Unterzahl befindenden Verteidiger haben sich daraufhin gerüstet und ihre Pferde bestiegen. Auf Anweisung des Grafen seien für den Angriff nur Berittene vorgesehen gewesen. [7] Bevor die Ritter Muret verlassen haben, seien sie durch den Bischof von Comminges gesegnet worden. Auch ihre Sünden seien ihnen komplett vergeben worden.[8]

Während die Verteidiger das Schlachtfeld betreten haben, seien sie von den Geistlichen in der Kirche durch Gebete unterstützt worden. Trotz der deutlichen Überzahl der Feinde habe die erste Schlachtreihe der Ritter mit großer Zuversicht frontal angegriffen, dicht gefolgt von der zweiten Reihe. Während dieses Angriffes sei der König von Aragon gefallen. Der Autor merkt kritisch an, dass er sich in einem nicht gekennzeichneten Harnisch in der zweiten Schlachtreihe der Belagerer befunden habe.

Der Graf von Montfort habe inzwischen bemerkt, dass seine ersten beiden Schlachtreihen bereits außer Sicht gewesen seien, da sie sich weit innerhalb des gegnerischen Heeres befunden haben. Daraufhin habe er mit seinen Truppen die linke Flanke der Belagerer angegriffen. Er sei allerdings durch einen Graben von diesen getrennt gewesen. So habe er erst angreifen können, nachdem er einen Durchgang durch diesen gefunden habe. Obwohl er sofort von mehreren harten Schlägen getroffen worden sei, habe er sich mit seinen Truppen langsam voran gekämpft und viele Feinde getötet.[9] In der Zwischenzeit haben die Bürger von Toulouse versucht, Muret einzunehmen. Dies sei ihnen aber nicht gelungen, da die siegreichen Ritter rechtzeitig wieder zurückgekehrt seien und viele von ihnen getötet haben.[10] Nach der Schlacht habe sich Graf Simon von Montfort zu dem inzwischen vollständig geplünderten Körper des Peter von Aragon führen lassen, um den Tod des Monarchen zu betrauern.[11]

Dieser Bericht enthält einige interessante Details, auf die an dieser Stelle näher eingegangen werden soll. Zunächst einmal scheint die Sicherung bereits eroberter Städte nicht einfach gewesen zu sein. Obwohl eine Belagerung Murets wahrscheinlich erschien, mussten in relativ weiter Entfernung zunächst neue Truppen ausgehoben und Vorräte beschafft werden. Interessant ist, dass dies nicht nur durch männliche Adlige möglich war. Auch die Gräfin von Montfort hatte die Befugnis, eine Armee aufzustellen und dieser Befehle zu erteilen. Wir können aber davon ausgehen, dass sich ihre Autorität auf die ihres Mannes stützte. Dennoch, die mittelalterliche Frau war weit davon entfernt, nur den Haushalt zu führen.

Das Vertrauen auf Gott war einer der zentralen Aspekte in der Kriegführung des Mittelalters. Die starke Betonung bei Peter von les Vaux-de-Cernay liegt aber vor allem darin begründet, dass es sich um einen geistlichen Autor handelt, der einen Kreuzzugsbericht verfasste. Gerade, weil dieser in einem christlichen Gebiet durchgeführt wurde, bedurfte es immer wieder besonderer Rechtfertigungen.

Die Strategie der Kreuzfahrer entsprach dem, was im 13. Jahrhundert üblich war. Zunächst musste man sich der belagerten Stadt nähern. Sie hatten Glück, dass sie im Sumpfland vor Auterive nicht  durch feindliche Kämpfer aufgehalten wurden. Da sich die Belagerer deutlich in der Überzahl befanden, hätte eine Entdeckung dem Rettungsversuch schnell ein Ende machen können. Auch konnten die Truppen des Grafen relativ ungehindert Muret betreten. Da die Vorräte aber aufgebraucht waren, konnte man keiner langen Belagerung mehr standhalten. Ein Ausfall war die letzte Möglichkeit eine Entscheidung herbei zu führen, bevor die Verteidiger vor Hunger zu sehr geschwächt waren.

Die Staffelung der Armee in drei Abteilungen war typisch für das hohe Mittelalter. Ebenso üblich war der gefürchtete Sturmangriff der schwer gepanzerten Ritter, gegen den die Belagerer anscheinend kein Gegenmittel parat hatte. Außergewöhnlich ist der Tod Peters von Aragon. Normalerweise befanden sich die Anführer nicht in den vorderen Schlachtreihen – trotz allen Gottvertrauens. Auch waren sie in der Regel durch das Wappen und die Farben an ihren Harnischen deutlich erkennbar und wurden eher gefangen genommen als getötet. Entsprechend kritisch wird das Verhalten des Königs gesehen.

Der Angriff der Ritter scheint sehr effektiv gewesen zu sein. So schnell durchbrachen sie die feindlichen Linien, dass sie bald aus dem Blickfeld des Grafen verschwanden. Er griff mit seinen Begleitern an, um eine Umzingelung zu verhindern. Die schweren Treffer, die er unverletzt überstand, sind ein deutliches Zeichen für den guten Schutz, den die Rüstungen des 13. Jahrhunderts boten. Auch sehen wir am Beispiel der Bürger von Toulouse, dass auch Stadtbürger in den Krieg zogen.

Die Schlacht von Muret ist vor allem deswegen so interessant, weil hier ein sich deutlich in der Unterzahl befindendes aber sehr gut ausgebildetes, ausgerüstetes und diszipliniertes Heer,bestehend ausschließlich aus Rittern, ein weit größeres Aufgebot an gemischten Truppen deutlich besiegte. Dies lag vor allem am ersten Schockmoment des Aufpralls der dicht geschlossenen Reihen der Kreuzfahrer, die nicht aufgehalten werden konnten. Zudem wird auch der frühe Tod des Königs von Aragon eine demoralisierende Wirkung gehabt haben.  Letzten Endes war es wohl eine Mischung aus Ausbildung, Gottvertrauen und Mut bei gleichzeitiger Überraschung des Gegners und taktischem Geschick, die zum Sieg verhalf.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

Schlacht von Muret, Grandes Chroniques de France, 14. Jhd.

 

[1] Vgl. Peter von les Vaux-de-Cernay. 446-448.

[2] Vgl. Ebd. 449.

[3] Vgl. Ebd. 450-451.

[4] Vgl. Ebd. 453-454.

[5] Vgl. Ebd. 455.

[6] Vgl. Ebd. 456.

[7] Vgl. Ebd. 458-460.

[8] Vgl. Ebd. 461.

[9] Vgl. Ebd. 463.

[10] Vgl. Ebd. 464.

[11] Vgl. Ebd. 465.

Quelle: Peter von les Vaux-de-Cernay: The History of the Albigensian Crusade, übers. von Tr. W.A. Sibly und M.D. Sibly, Woodbridge 2002.

 

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Der Klosterplan von St. Gallen – ein Ideal wird Wirklichkeit

Der Klosterplan von St. Gallen ist der Plan des idealen Klosters. Entstanden ist er zur Zeit des Frühmittelalter (im 9. Jahrhundert) im Kloster Reichenau. Seinen heutigen Namen hat er erhalten, weil er in der Klosterbibliothek St. Gallen aufbewahrt wird. Der Plan beschreibt dabei aber nur die ideale Form. Es ist genau zu erkennen, wo welche Gebäude stehen sollen und welche Zwecke sie zu erfüllen haben.

Im Zentrum befindet sich die Klosterkirche mit den daran anschließenden Klostergebäuden, die rund um den Kreuzgang angeordnet sind. Dazu zählen Scriptorium, Sakristei, Refektorium, Kellarium und Dormitorium. Hier sollten die Mönche arbeiten, essen und schlafen. Die Novizen sollten nicht direkt mit den Mönchen zusammenwohnen. Aus diesem Grund war für sie ein eigener Komplex inklusive einer eigenen Kapelle vorgesehen. All dies befindet sich nahe dem Chor der Klosterkirche, die wie bei Kirchen üblich mit dem Chor in Richtung Osten (Richtung Jerusalem) ausgerichtet ist. Auch für durchreisende Mönche sowie für Gäste des Abtes samt deren Begleitung sollte es gesonderte Häuser geben. Die Idee dahinter war, dass sie so das streng geregelte Klosterleben nicht stören konnten. Für den Abt war eine eigene Pfalz inklusive eigener Küche vorgesehen, in der er auch hochrangige Gäste empfangen können sollte. Da die Bildung eine zentrale Rolle für die Mönchsorden spielte, ist in diesem Klosterplan auch eine eigene Schule vorhanden.

Das Kloster sollte auch über ein eigenes Krankenhaus verfügen, in dem ebenfalls eine Kapelle eingerichtet werden sollte. Nur auf die heilende Kraft von Gebeten und Aderlass vertraute man hier aber wohl nicht, es sollte einen speziellen Garten für Arzneikräuter geben. Diese Gärten finden sich in vielen Klosteranlagen, die Verwendung von Heilkräutern war wohl übliche Praxis. Da die meisten Klöster autarke Einheiten bildeten, fehlen auf dem Klosterplan von St. Gallen nicht die für die Verarbeitung der aus den Gärten, Wäldern und von den Feldern gewonnen Erzeugnisse. Es sind Kornspeicher, Mühlen, Bäckereien (davon eine speziell für das Backen der Hostien), Brauereien und verschiedene Werkstätten eingezeichnet. Zudem sind Ställe für Kühe, Ziegen, Geflügel, Pferde und Schweine zu erkennen. Alles in allem schätzt man, dass in diesem Kloster ca. 100 Mönche und noch einmal doppelt so viele Arbeiter hätten leben können. Insgesamt gibt es 50 Gebäude. So hätte es aussehen können:

Aus diesem Ideal soll nun Wirklichkeit werden. Ca. 1194 Jahre nach seiner mutmaßlichen Entstehung soll der St. Galler Klosterplan in die Wirklichkeit umgesetzt werden, und zwar in der Nähe der Stadt Meßkirch in Baden-Württemberg.  Bert M. Geurten hat den Verein „karolingische klosterstadt e.V.“ gegründet und möchte das Kloster streng mit mittelalterlichen Baumethoden aus einem Waldstück heraus entstehen lassen. Das bedeutet auch, dass sämtliche Baumaterialien vor Ort gewonnen werden, auch nach den Methoden der damaligen Zeit. Dies ist besonders insofern interessant, als dass die Klöster damals immer in sehr unwirtlichen Gegenden entstanden und diese durch die Mönche erst urbar gemacht werden mussten. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass weitere Kenntnisse über die Baumethoden des Mittelalters gewonnen werden können. Der Verein folgt damit einem Trend, den man auch sehr schön beim Bau der Burg Guidelon in Frankreich beobachten kann. Allerdings ist dieses Projekt ungleich größer und deswegen so wichtig, weil ein komplettes Kloster in der Form heute nicht mehr existiert und in dieser idealen Form auch im Mittelalter nicht vorhanden war. Die Baustelle kann ab dem Frühjahr 2013 besichtigt werden.

Bildquellen:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Codex_Sangallensis_1092_recto.jpg&filetimestamp=20090716000744 (25.11.2012)

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Rahn_Kloster_Sanct_Gallen_nach_Lasius.jpg&filetimestamp=20090301125729 (25.11.2012)

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Die Klosterstadt.

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Das Verhältnis von Muslimen und Christen im Mittelalter

Ab dem 7. Jahrhundert breitete sich, ausgehend von Mekka und Medina, der Islam immer weiter aus. Das gesamte islamische Gebiet nahm eine gewaltige Fläche ein. Es reichte von Spanien, wo die Muslime das Westgotenreich vernichteten, bis nach Indien. Ausgenommen blieben vorerst die christlichen Gebiete Nordeuropas und Italien. Im Osten kämpfte das byzantinische Reich zunächst gegen das Reich der Sassaniden und später gegen die Nachfolgedynastien dieser Machthaber. Im Westen schaffte es Karl Martell (der Großvater von Karl dem Großen) mit Hilfe der Langobarden, eine aus dem muslimischen Spanien vorrückende islamische Invasionsarmee 732 in der Schlacht bei Tours und Poitiers zu besiegen. Während in den folgenden Jahrhunderten Spanien im Rahmen der Reconquista (1085-1492) von den Christen erobert wurde, ging Byzanz schließlich unter (1453). In der Zwischenzeit gab es eine ganze Reihe bewaffneter Konflikte zwischen Christen und Muslimen. Am bekanntesten sind hier sicherlich die Kreuzzüge in das Heilige Land (die Kreuzzugszeit wird in der Regel von 1095-1291 datiert).

Es scheint manchmal verlockend zu sein, Vergleiche zwischen damals und heute zu ziehen. Einerseits ist das verständlich, da sich viele religiöse Institutionen auf beiden Seiten auch heute noch auf ihre mittelalterlichen Vorgänger beziehen. Auf der anderen Seite sollte man aber bedenken, dass die Voraussetzungen im Mittelalter gänzlich andere waren. Um es prägnant zu formulieren, waren sich Christen und Muslime zur Zeit des Mittelalters wesentlich näher, als dies heute der Fall ist. Warum? Um dies zu beantworten, lohnt ein näherer Blick auf beide Religionen im Mittelalter.

Es handelt sich um zwei monotheistische Religionen. Beide glauben an einen wahren Gott. Es gibt gewisse Richtlinien die festlegen, wie sich ein guter Gläubiger verhalten sollte. Im Christentum sind dies vor allem die zehn Gebote, im Islam die „Fünf Säulen“. Gemeinsam haben beide, dass es im Kern darum geht, ein friedliches Zusammenleben zwischen allen Gläubigen zu gewährleisten, den Armen zu helfen und seinem Glauben durch bestimmte Rituale Ausdruck zu verleihen. Beide Religionen schreiben vor, die eigene Gemeinschaft gegen äußere Feinde zu verteidigen und den eigenen Glauben weiter zu verbreiten. Auch sehen beide Glaubensrichtungen ein Leben nach dem Tod vor, in dem man für seine Taten zu Lebzeiten bewertet und gerichtet wird.
Staat und Kirche waren sowohl in den christlichen als auch in den islamischen Ländern miteinandern verbunden. Dies rührte vor allem daher, dass die Herrschergeschlechter ihre Herrschaft durch die Religion legitimierten. Aus diesem Grund kam es immer wieder zu einer Überschneidung von politischen und religiösen Interessen.

An dieser Stelle kann man auch schon erahnen, was der große Unterschied zu heute ist. Während im heutigen Europa (die USA lasse ich an dieser Stelle bewusst aus) der christliche Glauben als Basis des alltäglichen Lebens und der politischen Entscheidungen immer mehr an Bedeutung verliert, ist er den Muslimen weiterhin sehr wichtig und ein zentraler Lebensinhalt. Aus diesem Grund reagieren Europäer häufig relativ verständnislos auf Äußerungen und Handlungen in der islamischen Welt. Wichtige Information am Rande: In der modernen Türkei sind Staat und Kirche voneinander getrennt, ähnlich wie dies bei uns der Fall ist. Auch wenn Traditionen und althergebrachte Denkweisen auch heute noch in Entscheidungen hineinwirken, so standen sich die Menschen des Mittelalters auf dem Bereich des Glaubens und der Vorstellung von der Welt weit näher, als dies moderne Christen und Muslime tun.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Jerusalemreise von Heinrich dem Löwen im Jahr 1172. Auf der Rückreise traf er sich mit  dem Sultan Kılıç Arslan II., einem der Herrscher der Seldschuken. Dieser fühlte sich gar teilweise als Deutscher, da eine Reihe seiner Familie von dort abstammte. Obwohl es beim anschließenden Gespräch auch um religiöse Fragen ging, trennten sich beide friedlich unter der Gabe von Geschenken. Bedenken Sie, dass es zwischen Seldschuken und Kreuzfahrern in den Jahren zuvor zu heftigen Kriegen gekommen war. Diese waren aber auch mit einem Invasionsheer in die Landstriche eingefallen, was eine Abwehrreaktion provozieren musste.

In den verschiedenen Liedern über die Kämpfe zwischen Franken und Muslimen in Spanien und Südfrankreich wird sehr schön deutlich, dass es bei allen religiösen Differenzen auf beiden Seiten das Konzept des Rittertums und Respekt für den Gegner gab. Die christlichen Autoren beschreiben beispielsweise im Willehalm des Wolfram von Eschenbach die prachtvolle Ausstattung der muslimischen Ritter. Auch im Rolandslied des Pfaffen Konrad fällt diese Bezeichnung für die sarazenischen Krieger. Bei den Konflikten des Mittelalters ging es zwar auch immer um Religion, aber spielten beispielsweise bei den Kreuzzügen genauso häufig politische und wirtschaftliche Interessen eine wichtige Rolle. Auch wurden die Kreuzfahrer von den Muslimen anfangs keineswegs als Glaubenskrieger wahrgenommen, sondern sogar mit den üblichen Piraten gleichgesetzt, welche immer wieder die Küste Palästinas überfielen. Auch der Kampf zwischen dem englischen König Richard Löwenherz und Sultan Saladin ist ein hervorragendes Beispiel für die Parallelen, die zwischen beiden Parteien vorhanden war. Beide galten als ritterlich und ehrenhaft. Der Krieg wurde hier häufig, bei aller Brutalität mittelalterlicher Kriegsführung, nicht grausamer geführt als dies bei Kriegen zwischen christlichen Heeren der Fall war. Da keine Seite einen entscheidenden Vorteil erringen konnte, wurde schließlich ein Friedensvertrag geschlossen. Saladin gilt bis heute als beispielhaft im Bereich der Ritterlichkeit.

Trotz aller Parallelen waren Christen und Muslime Anhänger zweier verschiedener Glaubensrichtungen, die aus diesem Grund häufig in Konflikte gerieten. Sowohl in christlichen als auch in muslimischen Quellen finden sich Abschnitte, in denen ein Sieg auf die Unterstützung Gottes zurückgeführt wird, der so die jeweils andere Religion von seiner Überlegenheit überzeugen möchte. Das Außmaß dieses Unterschiedes sollte auch nicht unterschätzt werden. Dennoch waren sich die Glaubens- und Vorstellungswelten damals nicht allzu unähnlich. Gerade im islamischen Raum gab es auch immer christliche Gemeinden, die der muslimischen Bevölkerung untergeordnet waren und spezielle Abgaben zahlen mussten.

Alles in allem haben Christen und Muslime eine sehr intensive gemeinsame Geschichte. Es gab sowohl friedliche als auch kriegerische Kontakte. Handel und Diplomatie spielten eine ebenso wichtige Rolle wie der Krieg. Dass sich zwei Religionen mit dem Anspruch auf die einzige Wahrheit und der Anweisung auf deren Verbreitung nicht nur auf dem diplomatischen Parkett begegneten, ist dabei nicht überraschend. Überraschend ist, dass es eben so viele Beispiele für Kooperation und dem Erweisen von Respekt gibt. Eine Urfeindschaft nur aufgrund des Glaubens, losgelöst von weltlichen Angelegenheiten, hat es nie gegeben.

Quellen:

Kartschoke, Dieter (Hg. und Übers.). Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Stuttgart, 1993.

Kartschoke, Dieter (Hg. und Übers.). Wolfram von Eschenbach. Willehalm. Berlin, 1989.

Sekundärliteratur:

dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 1. Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. 33. Auflage 1999. München, 1964.

Hourani, Albert. A History of the Arab Peoples. Auflage 2005. London, 1991.


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