Süße Düfte und sündhafter Gestank – Hygiene im Mittelalter

Hätten Sie gedacht, dass die Menschen des Mittelalters großen Wert auf Reinlichkeit gelegt haben? Dass üble Gerüche gar in Verdacht standen, tödliche Krankheiten auszulösen? Das Mittelalter wird nicht allzu häufig mit strengen Hygienestandards in Verbindung gebracht. Dabei waren Sauberkeit und ein gepflegtes Auftreten damals mindestens genauso wichtig wie heute.

Hygiene im Mittelalter und ihre Bedeutung für die Gesellschaft

„Die Beziehung zwischen Sauberkeit, Identität, Stolz und Achtsamkeit“1 war es, die das Thema Hygiene bereits im Mittelalter zu einem wichtigen Bestandteil des Alltagslebens machte. In einer Welt, in der die Menschen nichts von Keimen als Auslöser von Krankheiten wussten, spielten Gerüche eine umso bedeutendere Rolle. Zwar waren üble Gerüche in den meisten Bereichen nicht zu vermeiden. Doch wurden sie, so gut es ging, bekämpft. Es war den Menschen des Mittelalters überaus wichtig, ihre Häuser und ihr Erscheinungsbild in Ordnung zu halten.

Wie penibel auf Sauberkeit geachtet wurde

Die Häuser und ihr Interieur wurden sorgfältig sauber gehalten. Die Böden wurden regelmäßig gefegt, die Arbeitsplatten abgewischt. Die Textilien wurden in harter Handarbeit gewaschen und anschließend zum Trocknen ausgelegt. Das Geschirr wurde nach jedem Gebrauch gereinigt. Grundsätzlich galt: Aus wessen Haus üble Gerüche drangen, der war gesellschaftlich unten durch. Das galt ebenso für das persönliche Erscheinungsbild. Körper und Kleidung mussten nach Möglichkeit in bestem Zustand sein. Und beides sollte gut riechen, sofern die Menschen nicht gerade körperlich arbeiteten.

Die Badekultur des Mittelalters

Für die persönliche Hygiene spielte vor allem das Waschen von Händen und Füßen eine bedeutende Rolle. Gebadet wurde in Flüssen und Seen. Vollbäder in Bottichen waren möglich, aber relativ teuer. Der Besuch von speziellen Badehäusern war ebenfalls eine beliebte Variante, wobei diese häufig im Bereich der Bordelle anzusiedeln waren.

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Szene aus einem Badehaus. (Abbildung aus dem Factorum Dictorumque Memorabilium des Valerius Maximus, 15. Jahrhundert).

Mehrmals pro Jahr in einem eigenen Becken zu baden war vor allem den Adligen vorbehalten. Der Einsatz von Duftstoffen und speziellen Kräutern machte diese Bäder zu etwas ganz besonderem. Einige Königspaläste besaßen sogar bereits im Mittelalter eigene Badezimmer, die gerne und oft genutzt wurden.

Neben der allgemeinen Körperhygiene spielte das Waschen der Haare mittels spezieller Kräutermixturen eine wichtige Rolle. Hierfür wurden ebenfalls Becken und Schüsseln verwendet. Außerdem war regelmäßiges Kämmen unerlässlich. Denn nur wenn das Haar ordentlich lag, konnten daraus überhaupt erst Frisuren geformt werden.

Wurden im Mittelalter die Zähne geputzt?

Durchaus! Allerdings erfolgte die Zahnreinigung etwas anders, als dies heute der Fall ist. Das Kauen von Süßholz und frisch riechenden Gewürzen war durchaus üblich. Da die Menschen des Mittelalters allerdings nichts über Kariesbakterien wussten, ging es hier in erster Linie um den frischen Atem. Immerhin etwas, oder?

Wie wurde die Wäsche gewaschen?

Ein sauberer Körper braucht saubere Wäsche. Zu diesem Zweck waren in den Städten Wäschereien angesiedelt, die die Reinigung im großen Stil übernahmen. Neben dem Walken der Stoffe mit Urin wurden bereits verschiedene Seifen verwendet. Diese waren allerdings sehr aggressiv und für die Haut nicht besonders gut verträglich. Der Beruf des Wäschers war somit ein hartes, der Gesundheit nicht gerade zuträgliches Geschäft.

Das Mittelalter – eine schmutzige Epoche?

Die Menschen des Mittelalters waren nicht weniger auf Hygiene bedacht, als wir das heute sind. Dass nicht das gleiche Hygienelevel erreicht werden konnte wie dies in den römischen Städten der Antike der Fall war lag vor allem daran, dass häufig keine flächendeckende Infrastruktur an Abwasserkanälen und Wasserleitungen vorhanden war. Die Technologie war zwar bekannt und wurde in den Palästen teilweise angewandt. Für den einfachen Bürger war sie aber zu aufwendig und zu teuer. Eine wichtige Rolle spielte auch, dass die Menschen nichts von Viren und Bakterien wussten. Die Ausbreitung von Krankheiten wurde noch bis in das 18. Jahrhundert hinein an bestimmten Gerüchen festgemacht.

Dennoch: Für das gesellschaftliche Ansehen eines Menschen war ein gepflegtes und sauberes Auftreten bereits damals außerordentlich wichtig. Das galt gleichermaßen für den Körper, die Kleidung und das traute Heim. Der Mythos vom „dreckigen Mittelalter“ lässt sich also keineswegs bestätigen.

1cf. Mortimer, Ian (2015). S. 259.

Literatur:

Mortimer, Ian. Im Mittelalter. Handbuch für Zeitreisende. München, 2015.

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Die Schlacht im Mittelalter – häufiges Ereignis oder Ausnahmeerscheinung?

Die offene Feldschlacht ist eines der beliebtesten Motive in der Geschichtsschreibung. Kein Wunder, bietet sie doch sowohl dem Autor als auch dem Leser eine ganze Reihe von interessanten und zum Teil beeindruckenden als auch furchteinflößenden Motiven. Auch Heldendarstellungen lassen sich vorzüglich in die Erzählung einer großen Schlacht integrieren. Da überrascht es nicht, dass auch die modernen Autoren und Filmemacher immer wieder gerne auf die Darstellung von großen Schlachten zurückgreifen. Nicht selten entsteht dann der Eindruck, dass derartige Ereignisse zum Alltag des mittelalterlichen Kriegers gehörten. Doch waren große Schlachten zwischen verschiedenen Heeren tatsächlich eine derart häufige Erscheinung im Mittelalter? Oder wurde und wird hier regelmäßig übertrieben?

Die Realität einer mittelalterlichen Schlacht

Um diese Frage zu beantworten ist es sinnvoll, sich ein wenig mit der Realität einer solchen Schlacht zu beschäftigen. Eröffnet wurde sie meist mit Fernwaffen, also Bögen, Armbrüsten, Wurfmaschinen und später den ersten Kanonen. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich als Fußsoldat in einer der vorderen Schlachtreihen. Im Idealfall wissen Sie durch ein entsprechendes Kommando, dass gerade eine Salve abgefeuert wurde. Während sie den Kopf gesenkt halten prasseln bereits die ersten Pfeile auf Ihren Helm und ihre Schulterpanzer. Vereinzelt sind Schreie zu hören, wenn ein Projektil die Lücke in einer Rüstung findet. Von weiter weg werden Kommandos gebrüllt. Da Sie sowieso keinerlei Überblick über das Geschehen haben, konzentrieren Sie sich aber lediglich auf die nächste Umgebung. Sie sind derart eng von Kämpfern umgeben, dass Sie sich nur noch im Verband bewegen können. Plötzlich ertönt der Befehl, sich auf einen unmittelbar bevorstehenden Reiterangriff vorzubereiten. Kurz darauf bebt die Erde. Am anderen Ende des Schlachtfeldes haben sich die gegnerischen Ritter in Bewegung gesetzt, eine eng geschlossene Reihe aus Pferden und schwer gepanzerten Elitekämpfern, die Lanzen auf Ihre Reihen gerichtet. Die erste Reihe hält den Schildwall geschlossen, aber der Aufprall ist dennoch schrecklich. Die Männer vor Ihnen werden von Lanzen durchbohrt oder von den großen Streitrössern zu Boden geworfen. Die Pferde sind darauf trainiert, um sich zu beißen und ihre Hufe bestmöglich als Waffen einzusetzen. Am liebsten würden Sie fliehen, aber die Männer hinter Ihnen drängen sie immer weiter nach vorne. Sie beißen die Zähne derart fest aufeinander, dass der Zahnschmelz der Belastung nicht mehr standhalten kann. Es ist heiß, der Boden ist schlüpfrig von Blut und Schlamm. Sollten sie zu Boden gehen, werden Sie entweder die Pferde der Ritter oder Ihre Kameraden zu Tode trampeln. Sie bekämpfen den Gegner erbittert, aber langsam erlahmt ihr Schwertarm und Sie können den Schild kaum noch oben halten. Die Ritter lassen sich nicht stoppen, immer mehr Kämpfer fallen. Plötzlich bricht Panik aus. Die Formation löst sich auf und Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich der Flucht anzuschließen. Egal wie viele Ihrer Kameraden bis zu diesem Zeitpunkt gefallen sind, jetzt nimmt die Tragödie erst richtig ihren Lauf. Mit dem Rücken zum Feind ist Ihre Einheit leichte Beute für die Berittenen, die die fliehende Armee nun vor sich her treiben und bis auf wenige Ausnahmen vernichten.

Ein derartiges Szenario hätte sich beispielsweise bei der Schlacht von Muret 1213 abspielen können, in der eine zahlenmäßig weit überlegene Armee durch die Wucht eines Reiterangriffes vernichtend geschlagen wurde. Der beschriebene Verlauf ist nur ein Beispiel einer mittelalterlichen Schlacht. Es verdeutlicht aber insbesondere die Schlagkraft der Ritter im hohen Mittelalter. Doch auch auf diese konnten sich die Feldherren des Mittelalters nicht immer verlassen. In vielen Schlachten, insbesondere im 100-jährigen Krieg zwischen England und Frankreich, unterlagen diese hervorragend ausgerüsteten und ausgebildeten Kämpfer gegen zu Fuß kämpfende Armeen.

Warum waren Schlachten gerade im Mittelalter so unberechenbar?

Im Grunde war eine offene Feldschlacht im Mittelalter ein Glücksspiel. Es gab derart viele Unwägbarkeiten, dass der Ausgang weder zu Beginn noch im weiteren Verlauf feststand. Diese Tatsache macht bereits deutlich, dass die kriegführenden Parteien nur in Ausnahmesituationen das Risiko einer solchen Schlacht eingingen. Dies konnte sowohl eine besonders aussichtslose Lage sein, in der keine andere Wahl blieb, als auch die Vermutung, auf jeden Fall siegen zu können. In der Regel verlegte man sich darauf, Landstriche zu verwüsten und Städte zu belagern. Dabei konnte es zwar immer zu Scharmützeln kommen, die ganz großen Schlachten blieben allerdings aus.

Darstellung der Schlacht von Grandson: Es ist bereits der Versuch zu erkennen, einheitliche Formationen beizubehalten.

Darstellung der Schlacht von Grandson: Es ist bereits der Versuch zu erkennen, einheitliche Formationen beizubehalten.

Das Feldschlachten derart unberechenbar und relativ waren, steht in einem nicht unerheblichen Gegensatz zu der Kriegführung in Antike und Neuzeit. In beiden Epochen schreckten die Feldherren in der Regel nicht davor zurück, mit ihren Armeen offen gegeneinander anzutreten. Der Grund hierfür ist wohl in der besseren Organisation und Ausbildung der Armeen zu suchen. Ob griechische bzw. makedonische Phalanx, römische Legion oder napoleonische Armee, sie alle hatten einen jahrelangen und strengen Drill gemeinsam. Es handelte sich um einheitliche Systeme, die perfekt funktionierten und bei denen sich der Feldherr vor allem auf einen gewissen Standard an Disziplin verlassen konnte. Dazu kommt eine einheitliche Kommandostruktur, samt Offizieren und Unteroffizieren. Die Lehnsaufgebote des Mittelalters und auch die Söldnerkompanien des späten Mittelalters waren im direkten Vergleich sehr viel uneinheitlicher ausgebildet, ausgerüstet und besaßen sehr unterschiedliche Gründe, überhaupt in den Krieg zu ziehen. Erst gegen Ende des Mittelalters gab es ernsthafte Versuche, einheitliche Grundsätze zu schaffen. Hier war es vor allem der burgundische Herzog Karl der Kühne, der für seine Söldnerarmee detaillierte Vorschriften verfasste. Was im Training wohl gut funktionierte, konnte allerdings auf dem Schlachtfeld noch nicht optimal umgesetzt werden. Karl begab sich im Vertrauen auf seine Armee bei mehreren Gelegenheiten in Feldschlachten, die allesamt katastrophal endeten.

Eugene Burnand - Die Flucht Karls des Kühnen (nach der Schlacht von Grandson am 2. März 1476)

Eugene Burnand – Die Flucht Karls des Kühnen (nach der Schlacht von Grandson am 2. März 1476)

Fazit

Letztlich ist die Anzahl der Schlachten im Mittelalter weit geringer, als uns das bestimmte Darstellungen glauben lassen wollen. Kein Herrscher war gerne dazu bereit, sein Heer leichtfertig zu riskieren. Es war weit sinnvoller, den Feind durch Raubzüge und Verwüstungen zu Zugeständnissen zu zwingen. Zu großen Kämpfen kam es vor allem dann, wenn es keine andere Möglichkeit gab oder wenn die Befehlshaber überzeugt davon waren, gewinnen zu können. Hier spielte häufig das Vertrauen auf Gott eine entscheidende Rolle. Nicht selten wurde der Ausgang einer Schlacht zudem als Gottesurteil gewertet. Dass sich gerade in der Historiographie viele Darstellungen von Schlachten finden lassen ist ein weiteres Zeichen dafür, dass es jeweils besondere Ereignisse waren. Im Mittelalter wurde grundsätzlich nur das aufgeschrieben, was als besonders wichtig erachtet wurde. Auch sollte bedacht werden, dass zwischen den einzelnen Schlachten zum Teil relativ große Zeitabschnitte liegen.

Konrad Kyesers Ideen für den Krieg – Die Darstellungen aus dem Bellifortis in Talhoffers Fechtbuch

Die am weitesten verbreiteten Vorstellungen über den Krieg im Mittelalter entstammen dem Frühmittelalter. Häufig wird dazu tendiert, diese einfach auf die Zeit des Spätmittelalters anzuwenden. Die aus dieser Zeit erhaltenden Kriegsbücher und Quellen zu Schlachten und Belagerungen zeigen aber, dass sich die Strategie im Krieg und die Waffentechnik zu dieser Zeit bereits wesentlich weiterentwickelt hatten. Insbesondere die Bücher zur Kriegs- und Kampftechnik sind ausgesprochen interessant und zeigen bisweilen Gerätschaften, die seltsam modern und exotisch anmuten.

In diesem Artikel sollen einige der Geräte und Ideen aus dem Fechtbuch von Hans Talhoffer vorgestellt werden. Talhoffer wurde 1410-15 in Schwaben geboren.[1] Er war ein versierter Kämpfer, der anfangs als Schirmmeister für adligen Nachwuchs tätig war. Von 1443 bis 1467 entstanden seine bis heute bekannten Fechtbücher, die er von zwei Schreibern sowie mehreren Malern herstellen ließ.[2] Hier soll es konkret um das Werk mit der Bezeichnung MS Thott.290.2º gehen. Es wurden 1459 fertig gestellt und befindet sich heute im Bestand der Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen, Dänemark.[3] Talhoffer gehörte den Marxbrüdern an, einer Bruderschaft aus Fechtern, die sich jährlich in Frankfurt traf.[4] Für diesen Artikel sind allerdings weniger seine Anleitungen für das Fechten von Bedeutung sondern die bildlichen Darstellungen Konrad Kyesers, die in das Fechtbuch übernommen wurden. Diese stammen aus dem „Bellifortis“, dass Kyeser am Ende des 14. Jahrhunderts verfasst hatte und die Hans Talhoffer in sein Fechtbuch übernahm.[5]

Das Überqueren von Gewässern

Viele mittelalterliche Befestigungen waren nicht nur durch Mauern, sondern auch durch Wassergräben geschützt. Diese zu überwinden war daher unumgänglich, wenn man einen Angriff ausführen wollte. Auch auf dem Marsch war es für Armeen notwendig, Wasserläufe schnell überqueren zu können. Nicht immer existierte eine Brücke und wenn doch, befand sie sich unter Umständen unter der Kontrolle des Feindes.

Folio 14v - Die Überwindung von Gewässern für einzelne Personen

Folio 14v – Die Überwindung von Gewässern für einzelne Personen

Folio 14v zeigt mehrere Möglichkeiten, ein Gewässer zu überqueren. Ein an einem Kran befestigter Korb ermöglicht es, immer einen Menschen hinüber zu heben. Auch wird eine ausfahrbare Schwimmbrücke gezeigt, die durch luftgefüllte Säcke über Wasser gehalten wird. Im Vordergrund ist eine Person zu sehen, die einen Schwimmring um die Hüften trägt und ihn ständig aufpusten muss, um nicht unterzugehen. Dieser Ring wird im Detail auf Folio 26r dargestellt. Auch die Idee der Schwimmflügel gab es schon im ausgehenden 14. Jahrhundert, wie Folio 27r beweist.

In der Tat wurden im Spätmittelalter Schwimmbrücken verwendet. Der burgundische Geschichtsschreiber Jean Molinet beschreibt in seinen „Chroniques“ eindrucksvoll, wie die Burgunder unter Karl dem Kühnen sie bei der Belagerung von Neuss 1474/75 einsetzten und mit ihrer Hilfe sogar ganze Wasserwege absperren konnten.[6]

Besonders interessant sind die dargestellten Möglichkeiten, zu tauchen. Folio 43v, 44r sowie 45r zeigen uns Schnorchel und Taucheranzüge. Laut Beschreibung sollten sie aus Leder hergestellt sein und mit Harz abgedichtet. Die Sauerstoffversorgung erfolgt durch mit Luft gefüllte Säcke oder Schnorchel. Diese Anzüge sind laut Beschreibung ausdrücklich dazu gedacht, unter Wasser laufen zu können.

Folio 44r - Ein Taucheranzug aus dem Mittelalter

Folio 44r – Ein Taucheranzug aus dem Mittelalter

Das Erstürmen von Befestigungen

Nach dem Überwinden der Wassergräben wollten noch die Mauern erklommen oder zum Einsturz gebracht werden. Hierfür wird zunächst die Blide empfohlen.[7] Neben diesem altbekannten Katapult finden sich modernere Büchsen.[8] Auch gibt es verschiedene Schutzschirme und fahrbare Tunnel, um am Fuß der Mauer geschützt arbeiten zu können.[9] Auch diverse Leitern und Rampen finden sich unter den Abbildungen.[10] Spannend sind diverse Aufzugskonstruktionen. Auf 33v wird ein Aufzug zum Teil durch Muskel- zum Teil durch Windkraft betrieben. Beim Modell auf 34r werden eine oder mehrere Personen mit Hilfe von zwei Flaschenzügen nach oben befördert. 35r zeigt einen auf einem Boot aufgebauten Aufzug, der durch Wasserkraft betrieben werden soll. Um sich dem Mauern zu nähern werden zudem große Körbe aus gehärtetem Leder empfohlen, unter denen mehrere Männer Platz finden sollen.[11]

Folio 34r - Aufzug mit Flaschenzügen

Folio 34r – Aufzug mit Flaschenzügen

Verteidigung von Burg, Stadt und Feldlager

Nicht nur für die Belagerer, auch für die Belagerten werden Vorschläge gemacht. Besonders interessant ist die auf Folio 24v gezeigte Idee, an der höchsten Stelle der Befestigung ein Feuer unter einer roten Kuppel aus Glas brennen zu lassen und so alles in ein unheimliches rotes Licht zu tauchen. Dies soll dazu dienen, den Feind in Angst zu versetzen. Ob dies tatsächlich so umgesetzt wurde und ob es funktionierte, lässt sich allerdings nicht nachweisen.

Folio 24v - Oben auf dem Turm ist die rote Glaskuppel zu sehen.

Folio 24v – Oben auf dem Turm ist die rote Glaskuppel zu sehen.

Weniger ungewöhnlich erscheint da der Vorschlag, die Tore mit Polstern zu schützen oder Zelte mit angespitzten Holzpfählen zu umgeben, um nächtlichen Überraschungen vorzubeugen.[12]

Gerätschaften für die Schlacht

Die offene Feldschlacht stellte in der Regel ein kaum kalkulierbares Risiko dar. Kein Wunder also, dass es zahlreiche Überlegungen gab, die Kämpfer bestmöglich zu schützen. Kriegswägen wurden erstmals von den Böhmen im 15. Jahrhundert im großen Stil eingesetzt. In Talhoffers Fechtbuch finden sie sich ebenfalls. So ist auf Folio 15v zu sehen, wie mehrere Kämpfer auf einem rollenden Fort in die Schlacht gezogen werden. 37v zeigt eine Art mittelalterlichen Panzerkampfwagen. An der Seite angebrachte Speere sollen Gegner fernhalten, während die zu beiden Seiten zeigenden Büchsen den Fernkampf ermöglichen.

Folio 37v - Der Kriegswagen ist zweidimensional dargestellt.

Folio 37v – Der Kriegswagen ist zweidimensional dargestellt.

Zudem werden mehrere mit stählernen Dornen und Klingen versehene Wägen gezeigt, die von einer erhöhten Stellung aus in die gegnerischen Reihen geschickt werden sollten, um diese aufzubrechen.[13] Sehr exotisch mutet der sogenannte Krebs auf Folio 38r an. Der Beschreibung nach soll dieser geschmiedet sein und an einem Ende über einen Ring verfügen. Ich nehme an, dass dieser dazu dienen sollte, den schweren Krebs mit Hilfe eines Zugtieres in Bewegung zu setzen. Über die Einsatzmöglichkeiten lässt sich aber nur spekulieren. So könnte versucht worden sein, den Krebs in die gegnerische Formation fahren zu lassen. Es wäre auch möglich gewesen, ihn gegen einen berittenen Angriff einzusetzen und die gegnerischen Pferde zum Stürzen zu bringen. Ob er überhaupt zum Einsatz kam, bleibt jedoch fraglich – nicht zuletzt aufgrund der riesigen Menge an Eisen, dass zur Herstellung nötig gewesen wäre. Auch wäre sein Einsatz unnötig kompliziert gewesen.

Folio 38r - Der Krebs

Folio 38r – Der Krebs

Die mittelalterliche Sauna

Die Idee, Räume zu beheizen, ist sehr alt. Jeder kennt sicherlich die komplexen Heizungsanlagen der Römer. Dieses Wissen verschwand nicht mit dem Untergang des weströmischen Reiches. Einige mittelalterliche Klöster, wie beispielsweise das Kloster Ebstorf in Niedersachsen, verfügten über eine Heizung. Luft wurde mit Hilfe von Feuer erhitzt und über ein Leitungssystem in den Fußboden geleitet. Auch Wasser konnte so erhitzt werden, wie Folio 41r zeigt. Sogar die Sauna war im Mittelalter bekannt. 31v zeigt eine Holzhütte, die durch einen Ofen beheizt wird. Zusätzlich wird die Verwendung von den Heilkräutern Baldrian, Bertram und Eindorn empfohlen. Helfen soll die Sauna gegen die „Gebrechen der Glieder und des Fusses“ sowie gegen das „Zittern der Glieder“.

Folio 31v

Folio 31v

Das Mittelalter – eine dunkle Zeit?

Wir sehen in diesem Werk eine Vielzahl von Erfindungen, die bereits eine hohe Komplexität bei gleichzeitiger Praxisorientiertheit aufweisen. Es fällt auf, dass die meisten von ihnen sich auf den Krieg beziehen. Dies verwundert nicht, immerhin waren sowohl Konrad Kyeser als auch Hans Talhoffer in erster Linie Soldaten. Sie wussten sehr gut, was im Krieg funktionierte. Kyeser hatte aber auch viele neue Ideen, die er in seinem Werk aufzeichnen ließ und die später von Talhoffer bereitwillig übernommen wurden. Dementsprechend finden sich alte und neue Ideen Seite an Seite. Die Konzepte von Kyeser muten an einigen Stellen ungewöhnlich modern an. Erstaunlich wenn man ihre Entstehungszeit, das Ende des 14. Jahrhunderts, bedenkt. Allerdings war die Technik im 14. und 15. Jahrhundert tatsächlich weit fortschrittlicher, als sie häufig dargestellt wird. Die angewandten Prinzipien nutzen sehr intelligent die Energie von Mensch und Tier, die Kraft von Wasser, Feuer, Luft und Erde. Schwarzpulver war bereits seit dem späten 14. Jahrhundert bekannt und wurde häufig eingesetzt. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei einigen der dargestellten Gerätschaften um Konzeptzeichnungen handelte, deren tatsächliche Existenz sich nicht sicher nachweisen lässt.

[1] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer (02.01.2015).

[2] Vgl. elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2008/3604/pdf/Fechtbuch.pdf (02.01.2015). S. 140.

[3] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Talhoffer_Fechtbuch_%28MS_Thott.290.2%C2%BA%29 (02.01.2015).

[4] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Marxbr%C3%BCder (02.01.2015).

[5] Vgl. commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bellifortis (03.01.2015).

[6] Vgl. Ossenkop, Daniel (2014). S. 66.

[7] Vgl. Folio 16v.

[8] Vgl. Folio 42v, 43r.

[9] Vgl. Folio 19v, 20r, 20v, 22v, 34v.

[10] Vgl. Folio 17r, 18r, 18v, 21v, 27v, 28r, 40v.

[11] Vgl. Foto 23v.

[12] Vgl. Folio 24r, 25r.

Quelle:

wiktenauer.com/wiki/Talhoffer_Fechtbuch_%28MS_Thott.290.2%C2%BA%29 (02.01.2015).

 

Internet:

commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bellifortis (03.01.2015).

wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer (02.01.2015).

wiktenauer.com/wiki/Marxbr%C3%BCder (02.01.2015).

 

Literatur:

elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2008/3604/pdf/Fechtbuch.pdf (02.01.2015).

Ossenkop, Daniel. Die Belagerung von Neuss im 15. Jahrhundert. Die Verteidigung der Stadtrechte gegen einen Herzog. Hamburg, 2014.

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[13] Vgl. Folio 23r, 36v, 38v, 39r.

Schwertkampf im europäischen Mittelalter – Fiktion und Realität

Wohl kaum eine  andere Waffe steht derart als Symbol für das Mittelalter als das Schwert. Jedes Kind kennt es und die meisten werden es in Form von Holzschwertern schon in einem jungen Alter in der Hand gehalten haben. Ein Ritter ohne Schwert wird für die meisten kaum vorstellbar sein – und war es übrigens auch im Mittelalter nicht. Bei einer derart hohen Bekanntheit ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Mythen um das Schwert ranken. Dabei handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen. Bereits in den Liedern und Geschichten des Mittelalters tauchen Schwerter mit auch heute noch bekannten Namen auf: Siegfrieds „Gram“, Dietrich von Berns „Mimung“, Rolands „Durendal“ und selbstverständlich „Excalibur“, das Schwert König Arturs (um nur einige zu nennen). Alle diese Schwerter tragen nicht nur Namen, sondern zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie allen anderen Waffen überlegen sind und ihren Trägern zu Ruhm und Ehre verhelfen. Geschmiedet werden sie in den Sagen entweder durch legendäre Schmiede oder gelangen durch göttliche Vorsehung oder gar Magie in die Hände ihres für sie vorgesehenen Helden. In der modernen Rezeption finden sich spektakuläre Choreographien, wie man sie aus Film, Theater oder Schaukämpfen kennt. Doch wie nahe kommen diese der mittelalterlichen Realität?

Tatsächlich besaßen gute Schwerter bereits im Mittelalter einen unschätzbaren Wert. Zu dieser Zeit gab es in Europa bereits eine Schmiedetradition, die viele Jahrhunderte in die Geschichte zurück reichte. Schon die alten Hochkulturen waren in der Lage, qualitativ hochwertige Waffen zu fertigen. Im Frühmittelalter waren Schwerter mit dem Schriftzug +VLFBERHT+ sehr begehrt, zunehmend auch bei den aus dem Norden in das Frankenreich einfallenden Wikingern. Interessant ist, dass sich immer wieder qualitativ schlechtere Fälschungen finden lassen, die wesentlich schneller brachen. Bei Ulfberht könnte es sich um einen bekannten Schmied handeln, der im Frankenreich tätig war und vielleicht als Vorbild für die legendären Schmiede aus den Geschichten diente.

Die Schwerter dieser Zeit waren in erster Linie für das Zuschlagen gedacht. Sie wurden mit einer Hand geführt, dazu verwendete man in der Regel einen Schild. Wurde zu Fuß gekämpft, bildeten die Krieger meist einen Schildwall. Dieser musste in einer Schlacht unbedingt geschlossen bleiben, wie sich am Beispiel der Schlacht von Hastings 1066 eindrücklich zeigte. Sobald die Angelsachsen ihre dichte Formation auflösten, wurden sie anfällig für gegnerischen Beschuss und Reiterangriffe. Da es sich beim Schwert um eine sehr teure Waffe handelte, wurde sie wahrscheinlich nur von reichen und hochrangigen Kriegern verwendet. Äxte und Speere waren weit günstiger und schneller zu produzieren. Allerdings spielt hier auch die Tradition eine Rolle. Die angelsächsischen Elitekrieger, die „húskarlar“, verwendeten beispielsweise mannshohe Äxte.

Im Hochmittelalter war das Schwert in erster Linie ein Symbol der Ritterschaft. Es wurden meist Einhänder verwendet, die stets am Gürtel getragen wurden. Zusätzlich zu den Schilden wurden ab dem 13. Jahrhundert Buckler verwendet. Hierbei handelt es sich um Faustschilde, die einen Durchmesser von ca. 30-35 cm besaßen. Das älteste bekannte Fechtbuch, das I.33, behandelt ausschließlich den Kampf mit dem einhändigen Schwert und dem Buckler.[1] Bei diesem Kampfstil kommen neben den Schlägen auch Stiche zum Einsatz. Zudem ist er nicht mehr primär auf den Kampf in einer Schlachtreihe ausgerichtet, sondern auf das Duell. Das einhändige Schwert war alles andere als plump und schwerfällig. Das durchschnittliche Gewicht lag bei unter einem Kilogramm. Somit sind hiermit schnelle und präzise Aktionen möglich.

Buckler

Buckler

Aus dem 14. Jahrhundert stammt das Fechtbuch, das heute als maßgeblich für die deutsche Schule gilt – die Aufzeichnungen des Fechtmeisters Johannes Liechtenauer. Er widmete sich in erster Linie dem Kampf mit dem langen Schwert. Diese Waffe ist ca. 120 cm lang, besitzt ein Parier und einen Griff, der für zwei Hände geeignet ist. Der Knauf kann verschiedene Formen haben. In alten Aufzeichnungen sind teilweise sogar Dornen erkennbar. Auch konnte das Parier angeschliffen sein. Bei den angewandten Techniken kommt nicht nur die Klinge zum Einsatz – insbesondere dann nicht, wenn gegen gepanzerte Gegner gekämpft wird. Das Gewicht der Schwerter variiert, beträgt im Regelfall aber ca. 1200-1800 Gramm. Die richtige Balance ist bei diesen spezialisierten Waffen ungemein wichtig. Im Gegensatz zum japanischen Katana, dass eher frontlastig ist, ist das europäische Langschwert um einen Punkt einige Zentimeter hinter dem Parier ausbalanciert. So lassen sich eine Vielzahl an Hieb- und Stichtechniken kontrolliert und schnell ausführen. Der Mythos vom schweren, kaum führbaren und langsamen Schwert ist also durchweg falsch. Auch die Schärfe weicht nicht von der des Katana ab. Im Gegensatz zu den Waffen der Samurai ist es mit dem europäischen Langschwert möglich, im sogenannten Halbschwert zu kämpfen. Der Fechter greift das Schwert am Griff und in der Mitte der Klinge. So ist es ihm möglich, sehr gezielte Stiche auszuführen oder auch Parier und Knauf einzusetzen. Diese Technik eignet sich somit vor allem für den Kampf gegen einen Gegner in Rüstung, die man mit einfachen Schwertschlägen nicht durchdringen konnte. Ring- und Wurftechniken runden das Repertoire des mittelalterlichen Kämpfers ab. Unzerstörbar waren weder das Langschwert noch das Katana. Beide waren wesentlich empfindlicher, als uns das die Geschichten und Filme glauben lassen möchten. Aus diesem Grund musste beim Parieren eines Schlages darauf geachtet werden, diesen mit der flachen Seite der Klinge aufzufangen, nicht mit der Schneide.

Halbschwert und Mordhau Augsburg Cod.I.6.4º.2 (Codex Wallerstein) 107v

Halbschwert und Mordhau
Augsburg Cod.I.6.4º.2 (Codex Wallerstein) 107v

 

 

Darstellung aus Talhoffers Fechtbuch

Darstellung aus Talhoffers Fechtbuch

Der große Unterschied zum Schaukampf ist, dass in einem richtigen Kampf der Gegner so schnell wie möglich bezwungen werden muss. Mit jeder Sekunde steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst getroffen zu werden. Schaukämpfe sind aber darauf ausgelegt, ein Publikum zu unterhalten. Stellen Sie sich einen Film vor, in dem die Kontrahenten nicht miteinander reden und sich Beleidigungen zurufen sondern der Kampf innerhalb von Sekunden zu Ende gebracht wird und auch die Bewegungen der Kämpfer nur in der Zeitlupe klar erkennbar wären – aus dramaturgischer Sicht meistens wohl problematisch, wenn auch realistisch. Auch der Schaukampf auf Mittelaltermärkten folgt diesem Prinzip. Aufzeichnungen über den Schaukampf sind schon aus dem 14. Jahrhundert bekannt.[2] Mit dem richtigen Schwertkampf hatte er aber damals schon wenig zu tun. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass man nicht zwischen gutem und schlechtem Schaukampf unterscheiden könnte. Es gibt viele sehr ansehnliche Choreographien und Shows.

Im Endeffekt verhält es sich mit dem Mythen rund um das Schwert und seine Verwendung wie mit allen anderen Verklärungen, die sich in der Welt finden lassen. Schwerter waren hochspezialisierte Waffen, die aufwendig und teuer herzustellen waren. Dabei waren sie nicht die unzerstörbaren Superwaffen, die man in den Geschichten so häufig findet. Kettenhemde und Rüstungen lassen sich durch Schnitte nicht durchdringen, Paraden mit der Schneide konnten schnell zu Scharten führen. Die Wirkung gegen ungepanzerte Ziele war allerdings verheerend. Das Schwert war zu jeder Zeit eine Waffe mit hohem Symbolwert. Neben den gebrauchstauglichen Schwertern gab es immer auch Zeremonialschwerter, die zu besonderen Anlässen verwendet wurden. Besonders hochwertige Schwerter waren anderen Waffen qualitativ deutlich überlegen. Gut möglich, dass so die Geschichten von den „Wunderschwertern“ entstanden. Die angewandten Techniken setzten auf eine routinierte, präzise und schnelle Ausführung. Weite Ausholbewegungen und langsame Schwünge sind in den Fechtbüchern nicht beschrieben. Das heißt nicht, dass so niemals gekämpft wurde. Die erhaltenen Fechtbücher wurden von Fechtmeistern verfasst. Es ist anzunehmen, dass es auch eine ganze Reihe weniger geübter Kämpfer gab. Die Kämpfe, die man in Filmen, im Theater oder bei Schaukämpfen sieht, zeigen meistens nicht die Techniken, die sich in den Fechtbüchern finden lassen. Sie sind nicht dazu gedacht, einen Kampf zu gewinnen, sondern zu unterhalten. So gut sie auch aussehen mögen, so nutzlos wären die meisten von ihnen in einem richtigen Kampf.

Die folgenden Videos sollen zeigen, wie die richtigen Techniken in der Praxis angewendet werden:

[1] Vgl. Schmidt, Herbert (2011). S. 16.

[2] Vgl. Ebd. S. 11.

Literatur:

Schmidt, Herbert. Schwertkampf. Der Kampf mit dem langen Schwert nach der deutschen Schule. 2. Auflage. Bad Aibling, 2011.

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Hexenverfolgung – wirklich ein Phänomen des Mittelalters?

Wohl kaum ein Mythos über das Mittelalter hält sich so hartnäckig wie die Hexenverfolgung. Viele Menschen scheinen die erschreckenden Hexenpaniken und die damit verbundene Folter und Hinrichtungen in den Flammen des Scheiterhaufens zeitlich in das Mittelalter einzuordnen. Ob dies wirklich zutrifft und um was es bei den Hexenverfolgungen eigentlich ging, soll in diesem Artikel dargestellt werden.

Tatsächlich begann die Hexenverfolgung auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches erst am Ende des Mittelalters, im späten 15. Jahrhundert. Ihren Höhepunkt erreichte sie aber  erst in der Epoche des Barocks. Die letzten Hexen wurden noch im 18. Jahrhundert verfolgt.[1] Auffällig ist, dass in den deutschen Gebieten weltweit mit Abstand die meisten Menschen den Hexereiprozessen zum Opfer fielen. Dabei waren nicht nur Frauen betroffen, auch wenn sie deutlich in der Mehrheit waren.[2]

Besonders in der Epoche des Barock war der Aberglaube innerhalb der Gemeinden sehr stark. Man glaubte nicht nur vage an bestimmte Leitsätze – man war davon überzeugt, dass mitten unter den Menschen der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Himmel und Hölle ausgetragen wurde.[3] Bestärkt wurde die allgemeine Angst durch die Wirren der Reformation und später der Gegenreformation und die damit einhergehenden Kriege. Insbesondere der Dreißigjährige Krieg sollte dazu führen, dass ganze Landstriche entvölkert wurden.[4] Kein Wunder also, dass die existenziellen Ängste der Menschen wuchsen und nach Mitteln und Wegen gesucht wurden, mit ihnen umzugehen.

Hexendarstellung bei Albrecht Dürer, um 1500

Darstellung einer alten Hexe bei Albrecht Dürer, um 1500

Passend dazu entwickelten sich dann auch die grundsätzlichen Vorwürfe, die den Hexen und Hexern gemacht wurden. Immer ging es darum, dass Kinder verhext und getötet worden seien, die Fruchtbarkeit von jungen Frauen und Männern angegriffen werde und Vieh und Ernten durch die Hexen bedroht werden.[5] Dies beschreibt in seiner Gesamtheit die Hauptsorgen, die die Menschen der Zeit umtrieben. Immer ging es darum, dass die gegenwärtige Existenz und/oder der Fortbestand der Familie bedroht waren.

Titelseite des Hexenhammers, Lyon 1669

Titelseite des Hexenhammers, Lyon 1669

Die Hexenjäger waren dann auch mehr als einfache Verrückte, die ziellos vor sich hin morden und foltern ließen. Mit dieser Darstellung würde man die Komplexität der Hexenverfolgungen bei weitem nicht gerecht werden.  Zunächst einmal lassen die Werke dieser Jäger darauf schließen, dass sie ihre Aufgabe sehr ernst nahmen. So entwickelten sie durchdachte Verhör- und Untersuchungsmethoden, um den potentiellen Hexen auf die Schliche zu kommen.[6] Auch hatten die Verhörenden und Richter durchaus Angst vor den Kräften des durch die Hexe wirkenden Teufels. Das von Heinrich Kramer herausgegebene „Malleus Maleficarum“(besser bekannt als „Hexenhammer“) enthält beispielsweise mehrere Hinweise, wie sich die Richter vor Schadenszauber schützen können. So sollte die Hexe zum Beispiel mit dem Rücken zuerst in den Gerichtssaal geführt oder bestimmte Kräuter am Körper getragen werden.[7]

Interessant ist, dass sich nicht alle Angeklagten auf Dauer den Vorwürfen widersetzten. Auch sie waren Teil der Glaubenswelt der Zeit, die fest von der Wirklichkeit des Teufels und seiner Dämonen ausging. Sie fürchteten um ihre Seele und die ihrer Angehörigen, wenn sie in Verdacht standen, mit dem Teufel zu paktieren. [8] So gab es also durchaus die Vorstellung, der Hexe durch ein unter Folter erpresstes Geständnis und der anschließenden Verbrennung einen Gefallen zu tun – immerhin rettete man so ihre Seele, die ansonsten in der Hölle hätte leiden müssen. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Hexenverfolgung für einige Hexenjäger ein Karrieresprungbrett und deren Motivation bei weitem nicht so edel war, wie sie es oft vorgaben.[9] Wichtig zu beachten ist, dass die hier behandelten Verfolgungen nicht durch die Kirche eingeleitet wurden, auch wenn der Glauben eine zentrale Rolle spielte.. Es handelte sich um die weltlichen Obrigkeiten, die mit den Ermittlungen begannen, die Verdächtigen folterten und schließlich hinrichten ließen.

Die Fantasie, die sich im Laufe des mehrere Tage andauernden Verhöres bei den Angeklagten und den Verhörenden entwickelte, ist erschreckend und faszinierend zugleich. Insbesondere die Tatsache, dass die Angeklagten zum großen Teil irgendwann selbst fest daran glaubten und umfangreiche Geständnisse ablegten. Durch die regelmäßige Folter und das ständige Wiederholen von Anschuldigungen schien es dazu zu kommen, dass sich im Zusammenspiel zwischen beiden Parteien die besagten Geschichten entwickelten.[10] Ein zentraler Bestandteil der Vorwürfe war der Kannibalismus. Angeblich sollten Hexen Kinderleichen vom Friedhof stehlen, im diese zu Kochen und anschließend zu verspeisen oder Hexensalbe aus ihnen herzustellen. Zusätzlich sollten sie Geschlechtsverkehr mit dem Teufel haben und am Hexensabbat teilnehmen. Auch warf man ihnen vor, mit Hilfe von sogenannter Hexensalbe Menschen und Tiere zu töten. Besonders gefährdet waren Hebammen. Vielen wurde zur Last gelegt, dass sie Mutter und/oder Kind Tod oder Krankheiten brachten. Hier sollte vor allem Neid eine Rolle spielen.[11]

Einen besonderen Schwerpunkt bei der Verfolgung legte man auf alte Frauen, insbesondere, wenn diese unverheiratet und kinderlos waren. Man ging häufig davon aus, dass diese neidisch auf die Fruchtbarkeit der jüngeren Frauen seien. Auch sagte man ihnen Lüsternheit und die Sehnsucht nach jungen Männern nach, die sie zu verführen trachteten. In bildlichen Darstellungen sind sie häufig nackt, mit hängenden Brüsten und wehendem Haar (einem Symbol der Unzucht) dargestellt. Sie sollten auf Besen oder auf Ziegen reiten. Das Reiten auf dem Stab eines Besens oder der Ziege, einem als unzüchtig angesehenen Tier, sind eindeutig sexuelle Motive (siehe auch Abb.1).[12]

Hexentanzplatz, Flugblatt von 1594

Hexentanzplatz, Flugblatt von 1594

Besonders erschreckend ist, dass auch vor Kindern und Jugendlichen nicht Halt gemacht wurde. Diese wurden zum großen Teil sogar von den eigenen Eltern vor Gericht gebracht. Man ging davon aus, dass sie von alten Frauen zur Hexerei verführt worden waren und nun durch Schadenszauber versuchten, ihre Eltern zu verfluchen. Sie benahmen sich aufsässig, spielten Streiche und beschrieben sexuelle Fantasien. Insbesondere die Masturbation stand dabei im Mittelpunkt des Interesses. Anscheinend waren die Eltern mit dem Verhalten ihrer Kinder überfordert und hatten große Angst, dass sich in ihnen eine böse Macht befand. Dass sie oft mir Prügelstrafen reagierten, machte die Angelegenheit mit Sicherheit nicht einfacher. Diese Geschichte fand keineswegs im Mittelalter statt, sondern im 18. Jahrhundert. Hingerichtet wurden die Kinder immerhin nicht, sondern geprügelt und wieder ihren Eltern übergeben, damit diese sie gottgefällig erziehen konnten.[13]

Darstellung einer Hexe um 1700

Darstellung einer Hexe um 1700

Ein Ende fanden die Hexenverfolgungen erst mit der aufkommenden Aufklärung und der damit einhergehenden Bekämpfung des Aberglaubens. Man ging nun dazu über, Dinge zu hinterfragen und logische Beweise zu fordern. Auch wenn sich viele Denkweisen noch lange halten sollten und dies teilweise bis heute tun, wurde den Hexenpaniken nun ein Riegel vorgeschoben.

Bei den Hexenverfolgungen handelte es sich demnach nicht um ein mittelalterliches Phänomen. Vielmehr bildeten die Glaubenskriege des 16. – 17. Jahrhunderts im Zusammenspiel mit der Glaubenswelt des Barock die Basis für die grauenvollen Hexenpaniken, die Tausenden das Leben kosten sollten. Ihre Ursprünge können durchaus im Mittelalter gesucht werden. Die Glaubenswelt und die verwendeten Praktiken bei Gericht waren keine vollkommen neue Erfindung des Barocks, sondern hatten sie im Laufe des Mittelalters langsam entwickelt. Insbesondere die Inquisition, ursprünglich von der Kirche zur Überzeugung von Ketzern entwickelt, zeigte bereits Eigenschaften, die auch in den Hexenverfolgungen zu Tage traten. Auch die Angst vor dem Teufel lässt sich in großem Maße bereits im Mittelalter finden. Wie aber bereits erwähnt, war es zur Zeit der Hexenpaniken nicht die Kirche, die den Verdachtsfällen nachging, sondern die weltlichen Machthaber der jeweiligen Gemeinde. Es sollte daher davon abgesehen werden, die mittelalterliche Inquisition und die Hexenverfolgungen nach Ende des Mittelalters gleichzusetzen.

Luis Ricardo Falero 1880: Die Hexe auf dem Sabbath

Luis Ricardo Falero 1880: Die Hexe auf dem Sabbath

 

[1] Vgl. Roper, Lyndal (2007). S. 33.

[2] Vgl. Ebd. S. 34.

[3] Vgl. Ebd. S. 37.

[4] Vgl. Ebd. S. 33.

[5] Vgl. Ebd. S. 34 ff.

[6] Vgl. Ebd. S. 39 ff.

[7] Vgl. Ebd. S. 39-40.

[8] Vgl. Ebd. S. 41.

[9] Vgl. Ebd. S. 42 ff.

[10] Vgl. Ebd. S. 70 ff.

[11] Vgl. Ebd. S. 103-148.

[12] Vgl. Ebd. S. 220 ff.

[13] Vgl. Ebd. S. 278 ff.

 

Literatur:

Roper, Lyndal. Hexenwahn. Geschichte einer Verfolgung. München, 2007.

 

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Die Entwicklung der Feuerwaffen im Mittelalter

Hakenbuechse

Mit Pulver betriebene Waffen sind keine Erfindung des späten 15. Jahrhunderts. Verschiedene Rezepte für Schießpulver gab es in Europa seit dem 13. Jahrhundert, auch wenn es zunächst nur für den Antrieb von Raketen verwendet wurde. Roger Bacon (1214 – 1292)[1] beschrieb bereits, welch großer Schrecken durch den Krach und die Lichtblitze durch das Pulver ausgelöst werden konnte. Einige Zeit später ging man dazu über, Bolzen mit Hilfe des Schießpulvers aus vasenförmigen Gefäßen zu verschießen.

Diese Waffen erfreuten sich bereits früh großer Beliebtheit und sie befanden sich recht bald auch in Besitz verschiedener Städte. Die Leistungsfähigkeit und Präzision dieser Handfeuerwaffen waren wohl wesentlich höher, als häufig vermutet. In Tests wurde ermittelt, dass bereits eine effektive Kampfentfernung von 200-300 Meter möglich war und auf 20 Metern mühelos 1,5 mm starker Stahl durchschlagen werden konnte. Das 15. Jahrhundert brachte weitere, leistungsfördernde Weiterentwicklungen wie Haken, bessere Schäfte und Luntenschlösser.[2]

Die rasante Weiterentwicklung der verschiedenen Techniken, ob nun zum Angriff oder zur Abwehr bestimmt, war vor allem ein Ergebnis der ständig schwelenden Rivalitäten zwischen den Mächten Europas. Insbesondere der vermehrte Einsatz von schweren Kanonen führte dazu, dass die Mauern der Burgen und Städte verstärkt werden mussten.[3]

Bombarden aus dem Jahr 1434; mit Steinkugeln

Bombarden aus dem Jahr 1434; mit Steinkugeln

Die verschiedenen Weiterentwicklungen führten nach und nach zu einer Professionalisierung des Krieges. Das Schießpulver musste im richtigen Verhältnis gemischt werden, beim Aufbau der Kanonen auf den richtigen Winkel, die Windrichtung und die Entfernung geachtet werden. Zu diesem Zweck war es immer stärker notwendig, im Kriegsfall Spezialisten anzuwerben, die den steigenden Anforderungen gewachsen waren.[4]

Das Mischverhältnis des Schwarzpulvers unterlag immer wieder Veränderungen. Während das von Roger Bacon Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelte Pulver eher zum Anzünden geeignet war als zum Explodieren. 25 Jahre später erst wurde das Mischverhältnis von Albertus Magnus entscheidend verbessert. Das optimale Verhältnis beträgt 75% Salpeter, 10% Schwefel und 15% Kohle. Das burgundische Schwarzpulver bestand im 15. Jahrhundert aus 71,4% Salpeter, 21,4% Schwefel und 7,1% Kohle.[5]

Die Verbreitung der Feuerwaffen nahm einen rasanten Verlauf. 1326/27 wurden sie in Italien und England erstmals verwendet, 1338/39 in Frankreich, 1342 in Spanien und 1346 im Norden des Reiches. Im späten 15. Jahrhundert wurden besonders große Kanonen, die Bombarden, in Frankreich, Spanien, Italien und den Niederlanden entwickelt und gebaut. Auch wenn diese Geschütze bei optimalem Gebrauch und perfekt gemischtem Pulver bereits weiter als 1.000 Meter schießen konnten, so verwendeten die Kanoniere häufig wesentlich weniger Pulver als möglich, um einer Explosion des Geschützes vorzubeugen. Daher wurden sie häufig 200-250 Meter vor der belagerten Befestigung aufgebaut und durch spezielle Schilde von feindlichem Beschuss abgeschirmt. Als Geschosse wurden steinerne Kugeln verwendet. Die Schussfrequenz war allerdings gering, für die großen Geschütze kann man mit maximal sieben Schuss pro Tag rechnen.[6]

Die Belagerungsartillerie war zu Anfang demnach noch nicht allzu effektiv, so dass parallel weiterhin Katapulte eingesetzt wurden.[7] Eine Verbesserung erfolgte erst am Ende des 14. Jahrhunderts. Im 15. Jahrhundert wurden erstmals große Bombarden und Mörser eingesetzt, für deren Produktion vor allem die Eisenverarbeitung grundlegend war. Von nun an lösten sie die Katapulte endgültig ab.

Doch nicht nur bei Belagerungen, auch in der Feldschlacht wurden in dieser Zeit Geschütze eingesetzt. Die burgundische Armee setzte im 15. Jahrhundert Feld- und Salvengeschütze ein. Im gleichen Zuge wurden die bereits angesprochenen Handfeuerwaffen in immer größeren Stückzahlen hergestellt.


[1] Erfinder des Schwarzpulvers in Europa; vgl. Nossov, Konstantin (2012), S. 205.

[2] Vgl. Strickhausen, Gerd (2006). S. 47-57.

[3] Vgl. Ohler, Norbert (2000). S. 4.

[4] Vgl. Ebd. S. 5.

[5] Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 205-206.

[6] Vgl. Ebd. S. 209-222.

[7] Vgl. Prestwich, Michael (2010). S. 185.

 

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Wer waren die „Raubritter“?

Raubritter

Insbesondere im 18. und 19.  Jahrhundert, einer Zeit des besonders romantischen Blicks auf das deutsche Mittelalter, entstanden eine ganze Reihe von Geschichten über Raubritter. Hier waren es die Anführer von Räuberbanden, die in verfallenen Burgen im Wald hausten und von dort aus Überfälle auf Reisende, Dörfer oder gar Städte durchführten. Doch wer waren diese Ritter wirklich?

Um das Phänomen des Raubritter verstehen zu können muss man sich die mittelalterliche Fehde in Erinnerung rufen. Es gab ein Fehderecht, in dem genau festgelegt war, wann eine Fehde erlaubt war, wie sie einzuleiten war und welche Regeln man im allgemeinen befolgen musste. So eine Fehde wurde meist durch das Überbringen eines Fehdebriefes eröffnet und war im Grunde dazu da, eine Vermittlung in einem bestimmten Konflikt zu erreichen. Im Vorfeld war eine friedliche Einigung in der Regel gescheitert oder einer der Fehdeführer sah keine Möglichkeit, in einem bestimmten Gebiet ein gerechtes Urteil zu erreichen. Das war meistens dann der Fall, wenn die Gerichte unter der Kontrolle von demjenigen standen, gegen den prozessiert werden sollte. So wurde eine Fehde in vielen Fällen von ärmeren und/oder weniger mächtigen Adligen erklärt, die keine andere Möglichkeit sahen, sich gegen ein vermeintliches Unrecht zur Wehr zu setzen. Im gleichen Zuge bot eine Fehde immer auch die Aussicht auf mehr oder weniger reiche Beute, beispielsweise wenn ein Adliger eine Fehde gegen eine Stadt führte und die Händler auf dem Weg in die Stadt überfielen. So nutzten viele verarmte Adlige diese Möglichkeit, um vielleicht wieder zu Geld zu kommen. Dennoch, sich in einer Fehde befindenden Ritter sind keineswegs mit Räuberbanden gleichzusetzen.

Gut und Böse hingen in diesem Fall, wie meistens, vom jeweiligen Standpunkt ab. Auch wenn der Adlige unter Umständen im Recht war, so sah die Stadt dies mit Sicherheit ganz anders. Wenn der fehdeführende Adlige in die Hände der Stadt geriet, konnte er nicht immer mit Verständnis rechnen, zu Hinrichtungen kam es in mehreren Fällen.

So konnte sich also der Adlige durchaus im Recht fühlen, während er aus Sicht der Bürger lediglich ein übler Räuber, Plünderer und Mörder war. Auf der anderen Seite gab es aber auch durchaus Adlige, auf die diese Bezeichnungen durchaus zu trafen.

Schon im frühen Mittelalter gab es bald Probleme mit Rittern, die in Friedenszeiten immer wieder Fehden begannen. Auch wenn das Fehderecht diese vorsah, wurden sie schnell zu einem wirklichen Problem für die Zivilbevölkerung und letztlich auch für die Herrschenden. Nicht zufällig versuchte die Kirche, diese Konflikte u.a. durch den Kirchenfrieden zu begrenzen und christliche Ritter zum Kampf gegen Muslime in Spanien oder im Heiligen Land zu bewegen.

Es sollte deutlich geworden sein, dass es keine einheitliche Definition, ja nicht einmal eine genaue zeitliche Eingrenzung des Begriffes „Raubritter“ gibt. Und tatsächlich gab es ihn zur Zeit des Mittelalters nicht. Fehden und die damit verbundene Verwüstung der Landstriche des Gegners sind die Grundlage für die Legenden, in denen diese raubenden Ritter die Hauptrolle spielen.

 

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