Schwertkampf im europäischen Mittelalter – Fiktion und Realität

Wohl kaum eine  andere Waffe steht derart als Symbol für das Mittelalter als das Schwert. Jedes Kind kennt es und die meisten werden es in Form von Holzschwertern schon in einem jungen Alter in der Hand gehalten haben. Ein Ritter ohne Schwert wird für die meisten kaum vorstellbar sein – und war es übrigens auch im Mittelalter nicht. Bei einer derart hohen Bekanntheit ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Mythen um das Schwert ranken. Dabei handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen. Bereits in den Liedern und Geschichten des Mittelalters tauchen Schwerter mit auch heute noch bekannten Namen auf: Siegfrieds „Gram“, Dietrich von Berns „Mimung“, Rolands „Durendal“ und selbstverständlich „Excalibur“, das Schwert König Arturs (um nur einige zu nennen). Alle diese Schwerter tragen nicht nur Namen, sondern zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie allen anderen Waffen überlegen sind und ihren Trägern zu Ruhm und Ehre verhelfen. Geschmiedet werden sie in den Sagen entweder durch legendäre Schmiede oder gelangen durch göttliche Vorsehung oder gar Magie in die Hände ihres für sie vorgesehenen Helden. In der modernen Rezeption finden sich spektakuläre Choreographien, wie man sie aus Film, Theater oder Schaukämpfen kennt. Doch wie nahe kommen diese der mittelalterlichen Realität?

Tatsächlich besaßen gute Schwerter bereits im Mittelalter einen unschätzbaren Wert. Zu dieser Zeit gab es in Europa bereits eine Schmiedetradition, die viele Jahrhunderte in die Geschichte zurück reichte. Schon die alten Hochkulturen waren in der Lage, qualitativ hochwertige Waffen zu fertigen. Im Frühmittelalter waren Schwerter mit dem Schriftzug +VLFBERHT+ sehr begehrt, zunehmend auch bei den aus dem Norden in das Frankenreich einfallenden Wikingern. Interessant ist, dass sich immer wieder qualitativ schlechtere Fälschungen finden lassen, die wesentlich schneller brachen. Bei Ulfberht könnte es sich um einen bekannten Schmied handeln, der im Frankenreich tätig war und vielleicht als Vorbild für die legendären Schmiede aus den Geschichten diente.

Die Schwerter dieser Zeit waren in erster Linie für das Zuschlagen gedacht. Sie wurden mit einer Hand geführt, dazu verwendete man in der Regel einen Schild. Wurde zu Fuß gekämpft, bildeten die Krieger meist einen Schildwall. Dieser musste in einer Schlacht unbedingt geschlossen bleiben, wie sich am Beispiel der Schlacht von Hastings 1066 eindrücklich zeigte. Sobald die Angelsachsen ihre dichte Formation auflösten, wurden sie anfällig für gegnerischen Beschuss und Reiterangriffe. Da es sich beim Schwert um eine sehr teure Waffe handelte, wurde sie wahrscheinlich nur von reichen und hochrangigen Kriegern verwendet. Äxte und Speere waren weit günstiger und schneller zu produzieren. Allerdings spielt hier auch die Tradition eine Rolle. Die angelsächsischen Elitekrieger, die „húskarlar“, verwendeten beispielsweise mannshohe Äxte.

Im Hochmittelalter war das Schwert in erster Linie ein Symbol der Ritterschaft. Es wurden meist Einhänder verwendet, die stets am Gürtel getragen wurden. Zusätzlich zu den Schilden wurden ab dem 13. Jahrhundert Buckler verwendet. Hierbei handelt es sich um Faustschilde, die einen Durchmesser von ca. 30-35 cm besaßen. Das älteste bekannte Fechtbuch, das I.33, behandelt ausschließlich den Kampf mit dem einhändigen Schwert und dem Buckler.[1] Bei diesem Kampfstil kommen neben den Schlägen auch Stiche zum Einsatz. Zudem ist er nicht mehr primär auf den Kampf in einer Schlachtreihe ausgerichtet, sondern auf das Duell. Das einhändige Schwert war alles andere als plump und schwerfällig. Das durchschnittliche Gewicht lag bei unter einem Kilogramm. Somit sind hiermit schnelle und präzise Aktionen möglich.

Buckler

Buckler

Aus dem 14. Jahrhundert stammt das Fechtbuch, das heute als maßgeblich für die deutsche Schule gilt – die Aufzeichnungen des Fechtmeisters Johannes Liechtenauer. Er widmete sich in erster Linie dem Kampf mit dem langen Schwert. Diese Waffe ist ca. 120 cm lang, besitzt ein Parier und einen Griff, der für zwei Hände geeignet ist. Der Knauf kann verschiedene Formen haben. In alten Aufzeichnungen sind teilweise sogar Dornen erkennbar. Auch konnte das Parier angeschliffen sein. Bei den angewandten Techniken kommt nicht nur die Klinge zum Einsatz – insbesondere dann nicht, wenn gegen gepanzerte Gegner gekämpft wird. Das Gewicht der Schwerter variiert, beträgt im Regelfall aber ca. 1200-1800 Gramm. Die richtige Balance ist bei diesen spezialisierten Waffen ungemein wichtig. Im Gegensatz zum japanischen Katana, dass eher frontlastig ist, ist das europäische Langschwert um einen Punkt einige Zentimeter hinter dem Parier ausbalanciert. So lassen sich eine Vielzahl an Hieb- und Stichtechniken kontrolliert und schnell ausführen. Der Mythos vom schweren, kaum führbaren und langsamen Schwert ist also durchweg falsch. Auch die Schärfe weicht nicht von der des Katana ab. Im Gegensatz zu den Waffen der Samurai ist es mit dem europäischen Langschwert möglich, im sogenannten Halbschwert zu kämpfen. Der Fechter greift das Schwert am Griff und in der Mitte der Klinge. So ist es ihm möglich, sehr gezielte Stiche auszuführen oder auch Parier und Knauf einzusetzen. Diese Technik eignet sich somit vor allem für den Kampf gegen einen Gegner in Rüstung, die man mit einfachen Schwertschlägen nicht durchdringen konnte. Ring- und Wurftechniken runden das Repertoire des mittelalterlichen Kämpfers ab. Unzerstörbar waren weder das Langschwert noch das Katana. Beide waren wesentlich empfindlicher, als uns das die Geschichten und Filme glauben lassen möchten. Aus diesem Grund musste beim Parieren eines Schlages darauf geachtet werden, diesen mit der flachen Seite der Klinge aufzufangen, nicht mit der Schneide.

Halbschwert und Mordhau Augsburg Cod.I.6.4º.2 (Codex Wallerstein) 107v

Halbschwert und Mordhau
Augsburg Cod.I.6.4º.2 (Codex Wallerstein) 107v

 

 

Darstellung aus Talhoffers Fechtbuch

Darstellung aus Talhoffers Fechtbuch

Der große Unterschied zum Schaukampf ist, dass in einem richtigen Kampf der Gegner so schnell wie möglich bezwungen werden muss. Mit jeder Sekunde steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst getroffen zu werden. Schaukämpfe sind aber darauf ausgelegt, ein Publikum zu unterhalten. Stellen Sie sich einen Film vor, in dem die Kontrahenten nicht miteinander reden und sich Beleidigungen zurufen sondern der Kampf innerhalb von Sekunden zu Ende gebracht wird und auch die Bewegungen der Kämpfer nur in der Zeitlupe klar erkennbar wären – aus dramaturgischer Sicht meistens wohl problematisch, wenn auch realistisch. Auch der Schaukampf auf Mittelaltermärkten folgt diesem Prinzip. Aufzeichnungen über den Schaukampf sind schon aus dem 14. Jahrhundert bekannt.[2] Mit dem richtigen Schwertkampf hatte er aber damals schon wenig zu tun. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass man nicht zwischen gutem und schlechtem Schaukampf unterscheiden könnte. Es gibt viele sehr ansehnliche Choreographien und Shows.

Im Endeffekt verhält es sich mit dem Mythen rund um das Schwert und seine Verwendung wie mit allen anderen Verklärungen, die sich in der Welt finden lassen. Schwerter waren hochspezialisierte Waffen, die aufwendig und teuer herzustellen waren. Dabei waren sie nicht die unzerstörbaren Superwaffen, die man in den Geschichten so häufig findet. Kettenhemde und Rüstungen lassen sich durch Schnitte nicht durchdringen, Paraden mit der Schneide konnten schnell zu Scharten führen. Die Wirkung gegen ungepanzerte Ziele war allerdings verheerend. Das Schwert war zu jeder Zeit eine Waffe mit hohem Symbolwert. Neben den gebrauchstauglichen Schwertern gab es immer auch Zeremonialschwerter, die zu besonderen Anlässen verwendet wurden. Besonders hochwertige Schwerter waren anderen Waffen qualitativ deutlich überlegen. Gut möglich, dass so die Geschichten von den „Wunderschwertern“ entstanden. Die angewandten Techniken setzten auf eine routinierte, präzise und schnelle Ausführung. Weite Ausholbewegungen und langsame Schwünge sind in den Fechtbüchern nicht beschrieben. Das heißt nicht, dass so niemals gekämpft wurde. Die erhaltenen Fechtbücher wurden von Fechtmeistern verfasst. Es ist anzunehmen, dass es auch eine ganze Reihe weniger geübter Kämpfer gab. Die Kämpfe, die man in Filmen, im Theater oder bei Schaukämpfen sieht, zeigen meistens nicht die Techniken, die sich in den Fechtbüchern finden lassen. Sie sind nicht dazu gedacht, einen Kampf zu gewinnen, sondern zu unterhalten. So gut sie auch aussehen mögen, so nutzlos wären die meisten von ihnen in einem richtigen Kampf.

Die folgenden Videos sollen zeigen, wie die richtigen Techniken in der Praxis angewendet werden:

[1] Vgl. Schmidt, Herbert (2011). S. 16.

[2] Vgl. Ebd. S. 11.

Literatur:

Schmidt, Herbert. Schwertkampf. Der Kampf mit dem langen Schwert nach der deutschen Schule. 2. Auflage. Bad Aibling, 2011.

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Die Bedeutung der Emotionen in der Geschichte

Wir alle wissen, welchen hohen Stellenwert die Bewertung von Ereignissen, Menschen und vielen anderen Aspekten im alltäglichen Leben einnimmt. Was wir dabei häufig aus den Augen verlieren ist, dass diese Bewertungen sehr stark von dem abhängen, was wir in der Kindheit gelernt haben – sei es durch Eltern, Erzieher, Lehrer und unsere Mitmenschen. In diesem kurzen Artikel soll es darum gehen, was diese Tatsache für die Geschichte und ihre Wahrnehmung bedeutet.

Wenn wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen haben wir mehrere Möglichkeiten, Erkenntnisse darüber zu gewinnen. Das Studium von Quellen ist hierbei die wichtigste Herangehensweise. Erhaltene Schriftstücke und archäologische Fundstücke stellen hierbei die bedeutendsten Quellenarten dar.  Liegt ein Ereignis noch nicht zu lange in der Vergangenheit, sind  meist Zeitzeugen verfügbar. Dieses Glück haben Historiker, die sich mit der Antike oder dem Mittelalter beschäftigen, selbstredend nicht.

Bereits bei der Befragung von Zeitzeugen ist allerdings eine vorsichtige Herangehensweise zu empfehlen. Menschen tendieren generell dazu, die eigene Vergangenheit im Nachhinein positiver zu sehen, als sie es tatsächlich war – jeder kennt das Märchen von der guten, alten Zeit. Das trifft noch mehr auf das Selbstbild zu. Auch hatten die Zeitzeugen in den meisten Fällen keinen Überblick über das große Ganze, sondern lediglich über einen sehr begrenzten Bereich. Daher ist es wichtig, ihre Aussagen immer im Zusammenhang mit anderen Äußerungen, schriftlichen Quellen und materiellen Hinterlassenschaften zu sehen und zu bewerten.

Desto weiter die untersuchte Epoche zeitlich zurück liegt, desto schwieriger kann es werden, die Geschehnisse und die Menschen der Zeit zu verstehen. In der Geschichtswissenschaft wird aus diesem Grund stets streng an den Quellen gearbeitet, Spekulationen oder gar Aussagen zu den Gefühlen der Menschen sind in der Regel kein Bestandteil der wissenschaftlichen Literatur. Denn hierzu kann zunächst einmal nur dann eine Aussage getroffen werden, wenn ein Autor die emotionalen Äußerungen schriftlich festgehalten hatte. Wie fühlte sich Karl der Große, als er zum Kaiser gekrönt wurde? Was empfand Heinrich IV., als er den Gang nach Canossa antrat?

Selbst wenn Gefühlsäußerungen schriftlich festgehalten wurden, muss dies nicht zwangsläufig bedeuten, dass hier die wahren Gefühle zutage traten. Das Mittelalter war eine Zeit, in der symbolische Handlungen von zentraler Bedeutung waren. Dazu gehörte beispielsweise das Vergießen von Tränen. Diese Gesten finden sich zum Teil auch noch in der modernen Politik. Würden Sie von dem Verhalten eines Politikers während einer Rede auf seine wahren, innersten Gefühle schließen wollen?

Noch schwieriger ist die Bewertung der Emotionen der normalen Bevölkerung. Umso mehr, da diese auf den ersten Blick gar nicht so kompliziert erscheinen mag. Wir gehen oft automatisch von einer bestimmten emotionalen Reaktion aus, wenn wir an ein bestimmtes Ereignis denken. Ein Mensch wird getötet, seine Mitmenschen werden geschockt und traurig reagieren. Eine Hungersnot droht, Verzweiflung und Angst werden die Menschen im Griff haben. Was hier wirklich passiert ist, dass wir unseren persönlichen Filter über die historischen Ereignisse legen.

Aufschlussreich für die Eindrücke der einfachen Menschen sind bestimmte Chroniken des Spätmittelalters. Christian Wierstraet[1] geht in seiner „Dye hystorij des beleegs van Nuys“ explizit auf die emotionalen Belastungen ein, denen die belagerten Neusser während der Verteidigung gegen das Heer Karls des Kühnen 1474/75 ausgesetzt sind. Doch auch wenn wir dort lesen, wie stark diese Eindrücke auf die Menschen gewirkt haben – wirklich vorstellen und genau nachfühlen können wir diese nicht.

Noch aufschlussreicher sind die privaten Briefe, die sich aus dem späten Mittelalter erhalten haben. Die Korrespondenzen von Adligen lassen sich teilweise sehr gut rekonstruieren und bieten einen erstaunlich privaten Einblick in die Welt des Adels im Spätmittelalter.

Jeder Mensch nimmt die gleiche Umwelt unterschiedlich war, auch wenn es bei einigen grundlegenden Emotionen Parallelen gibt. Dieses Prinzip gilt nicht nur für unsere Mitmenschen, sondern auch für diejenigen, die in anderen Epochen lebten. Dazu kommt, dass sich Wertesysteme stets unterscheiden können. Doch sollten diese Themen ausgeklammert werden, wo es doch so schwierig ist, sich ihnen wissenschaftlich zu nähern?

Meiner Meinung nach wäre es eine gute Idee, dies nicht zu tun. Wie beschrieben gibt es durchaus Aufzeichnungen, die sich auf Gefühle von Menschen beziehen. Auch wenn man bei der Auswertung und Bewertung sehr vorsichtig vorgehen sollte, können diese ausgesprochen bereichernd wirken. Schließlich geht es in der Geschichte immer um die Menschen. Das große Interesse an historischen Romanen belegt eindrücklich, dass heute ein großes Bedürfnis nach einer emotionalen Beschäftigung mit der Geschichte besteht. Im Reenactment wird versucht, historische Ereignisse möglichst akkurat nachzustellen und die jeweilige Epoche für eine kurze Zeit  lebendig werden zu lassen. Dabei kennen sich die Darsteller inzwischen weit besser in den praktischen Dingen der jeweiligen Epoche aus, als es die Historiker tun würden. Serien und Filme mit geschichtlichem Hintergrund erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Zugang zum Publikum gibt es hier meist über die Emotionen. Ein Ausklammern derselben ist in der reinen Geschichtswissenschaft sehr gut möglich und häufig notwendig, für das Erreichen eines gewissen Publikums aber sehr kontraproduktiv. Es wäre meiner Meinung nach für alle Seiten von Vorteil, beides besser in Einklang zu bringen.

 

[1] Stadtschreiber der Stadt Neuss 1466-1475.

Ein Leben als Ritter

Hartmann von Aue im Codex Manesse - Idealbild eines Ritters

Hartmann von Aue im Codex Manesse – Idealbild eines Ritters

Ein Traum vieler Jungen: Als Ritter in glänzender Rüstung in einer prächtigen Burg leben, von allen bewundert oder gefürchtet, unverwundbar und wehrhaft. Ein schöner Traum, der durch eine ganze Reihe von Rittergeschichten, Filme und Spiele weitere Nahrung erhält. Wirklich enden tut diese Vorstellung nicht, auch wenn man das Kindesalter längst hinter sich gelassen hat. Beim Ritter, seiner Burg und seinem Burgfräulein handelt es sich um Bilder, die sich auch bei vielen Erwachsenen finden lassen. Viele Filme greifen dies auf und kreieren Bilder, die den Zuschauern gefallen. Kaum ein Film oder Serie, der die wirklichen Lebensverhältnisse des Mittelalters darstellt. Wie würden Sie dazu stehen, als Ritter im Mittelalter zu leben?

Die Romantisierung des Mittelalters ist kein Phänomen allein unserer modernen Zeit. Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Romantiker damit, ein übertrieben schönes Bild vom Mittelalter zu zeichnen, meist als Gegenentwurf zu den Lebensbedingungen ihrer eigenen Epoche. Untersuchungen an mittelalterlichen Skeletten liefern uns weit realistischere Eindrücke aus dieser Zeit.

Ein besonders bekanntes Beispiel hierfür stellt der Ritter Sir John de Stricheley dar. Er starb am 10. Oktober 1341 im Alter von 25 Jahren.  Sein Skelett zeigt heute noch die Spuren seines kurzen aber zweifellos harten Lebens. Ihm waren im Kampf bereits mehrere Zähne ausgeschlagen worden, außerdem hatte er einen Treffer einer Schlachtaxt überlebt, wie uns sein Schädelknochen verrät.

Bei älteren Rittern stellte man außerdem diverse Verschleißerscheinungen fest. Besonders betroffen war die Wirbelsäule, die durch das jahrelange Reiten und das Tragen der schweren Ausrüstung verschlissen war. Darüber hinaus findet man auch immer wieder Hinweise auf schlechte Zähne. Kein Wunder wenn man bedenkt, welche Schäden diese im Kampf davontragen konnten. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, welche Schmerzen damit verbunden gewesen sein müssen.

Auf Feldzügen wurde das Überleben noch schwieriger. Otto von Linn, ein niedriger Adliger aus dem Rheinland, nahm am Kreuzzug Friedrich Barbarossas ins Heilige Land teil. Es ist überliefert, dass das Heer bei seinem Zug durch Anatolien sehr unter Hunger zu leiden hatte. Das Skelett Ottos zeigt deutliche Spuren dieser Hungersnot. An seinen Schienbeinen sind die sogenannten Harris’schen Linien zu erkennen. Diese treten vor allem dann auf, wenn ein Mensch in seiner Wachstumsphase eine Zeit lang unter starkem Hunger zu leiden hat. Zudem sind ihm die oberen Backenzähne ausgefallen, was auf Skorbut schließen lässt. Er überlebte aber und kehrte auf seine Burg zurück.

Auch Geschlechtskrankheiten spielten eine Rolle. Das berühmteste Beispiel hierfür ist mit Sicherheit der englische König Heinrich VIII. Wenn man seine Rüstung im Tower of London besichtigt fällt schnell eine spezielle Wölbung im Bereich der Genitalien auf. Diese war extra gefertigt worden, da der König unter der Syphilis litt. Den Frauen wird es nicht besser gegangen sein. Keine besonders romantischen Lebensumstände.

Das Leben auf der Burg war zwar auch nicht besonders bequem, allerdings immer noch etwas besser als das des Bauern in seiner Hütte. Wirklich zu beneiden war der Ritter allerdings nicht. Ganz im Gegenteil, ein Brief des Ritters Ulrich von Hutten an den Patrizier Willibald Pirckheimer aus dem Jahr 1518 verrät uns sehr gut, was ein Ritter dieser Zeit über seine Lebenssituation dachte:

„In den Städten könnt ihr nicht nur friedlich, sondern auch bequem leben, wenn ihr es euch vornehmt. Aber glaubst du, dass ich unter meinen Rittern jemals Ruhe finden werde? […] Man lebt auf dem Feld, im Wald und in den bekannten Burgen auf dem Berg. Die uns ernähren, sind bettelarme Bauern, […]. Der einkommende Ertrag ist, gemessen an der aufgewandten Mühe, geringfügig […]. Unterdessen gehen wir nicht einmal im Umkreis von zwei Joch ohne Waffen aus. Kein Dorf können wir unbewaffnet besuchen, auf Jagd und Fischfang nur in Eisen gehen.[…] Die Burg selbst […] ist nicht als angenehmer Aufenthalt, sondern als Festung gebaut. Sie ist von Mauer und Gräben umgeben, innen ist sie eng und durch Stallungen für Vieh und Pferde zusammengedrängt. Daneben liegen dunkle Kammern, vollgepfropft mit Geschützen, Pech, Schwefel und sonstigem Zubehör für Waffen und Kriegsgerät. […], und dann die Hunde und ihr Dreck, auch das – […] ein lieblicher Duft! Reiter kommen und gehen, darunter Räuber, Diebe und Wegelagerer.“ (Ulrichs von Hutten Schriften, hrsg. von Eduard Böcking, Bd. 1, Leipzig 1859, S. 201-203 Brief Nr. 90; Deutsche Schriften , übers. von Peter Ukena und Dietrich Kurze, München 1970).

Wie wir sehen, bewertete selbst ein mittelalterliche Ritter sein Leben recht kritisch als nicht besonders romantisch oder heroisch. Selbst die gewaltsamen Auseinandersetzungen sorgen anscheinend eher für Ungemach als für heroische Höhenflüge. Man sollte aber beachten, dass sich das Rittertum zu Beginn des 16. Jahrhunderts in einer anderen Phase befand als im Hochmittelalter. Die generellen Lebensumstände sahen aber sehr ähnlich aus.

Ich denke es ist deutlich geworden, dass ein Leben als mittelalterlicher Ritter so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was wir uns heute häufig darunter vorstellen. Aber würde sich ein Film, der dies wirklich realistisch darstellt, die Massen in die Kinos locken? Die historischen Romane scheinen sich hier zumindest leichter zu tun. Letzten Endes wollen wir unserer Realität einfach für eine gewisse Zeit entfliehen, ohne mit einer n0ch viel raueren Realität konfrontiert zu werden. Im realen Mittelalter leben würde wohl kaum jemand wollen.

Quellen:

 Ulrichs von Hutten Schriften, hrsg. von Eduard Böcking, Bd. 1, Leipzig 1859, S. 201-203 Brief Nr. 90; Deutsche Schriften , übers. von Peter Ukena und Dietrich Kurze, München 1970.

Internet:

http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-72327452.html (28.02.2013).

Literatur:

Borst, Arno. Lebensformen im Mittelalter. 5. Auflage 2010. Berlin, 2004.

 

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Samurai gegen europäischen Ritter – ein (sinnvoller?) Vergleich

So scheint es zumindest, wenn man sich im deutschen Fernsehen umschaut. Dabei wird abwechselnd der Ritter und der Samurai und das europäische Langschwert und das japanische Katana miteinander verglichen, meistens die Typen aus der Zeit des 15. Jahrhunderts. Wer hätte in einem Kampf die Oberhand behalten?

Um es kurz zu machen: Ein solcher Vergleich ist wenig sinnvoll. Auch wenn beide Typen des adligen Kriegers zur gleichen Zeit existierten, so kam es nie zu einem Aufeinandertreffen beider. Es gab nur einen Gegner, gegen den beide zunächst den Kürzeren zogen, die Mongolen. Dies war aber einige Zeit vor dem 15. Jahrhundert der Fall. Es stimmt, das beide Kriegerklassen gewisse Parallelen aufwiesen. Bei beiden handelte es sich um eine höhergestellte Kriegerklasse, deren Leben meistens mit Herrschaft, Kampf und einer gewissen Philosophie verknüpft war. Japan kannte ebenfalls das Feudalsystem. Die Samurai übten Herrschaft aus, zogen in den Krieg und trafen sich auch zu Zweikämpfen, die nach genauen Regeln ablaufen sollten. Wie aber auch bei den europäischen Rittern, hielten sich nicht alle daran. Der berühmteste Samurai, Myamoto Musashi, ist der bekannteste von ihnen. Er gewann über 60 Zweikämpfe und vertrat die Philosophie, dass nicht die Waffe, sondern der Kämpfer den Kampf gewann. Er hielt sich nicht an die üblichen Richtlinien und überraschte seinen Gegner auf diese Art häufig. Über die nötige Philosophie und Techniken hat er ein Buch geschrieben, welches sich auch heute noch verkauft: Das Buch der Fünf Ringe.

An diesem Punkt möchte ich schon auf den ersten Punkt eingehen, den ich bei den Vergleichen in den Medien kritisch sehe. Den Vergleich zwischen dem europäischen Langschwert und dem Katana. Beides sind hochqualitative Schwerter, jedoch für unterschiedliche Fechtstile gefertigt. Beim Langschwert wird häufig bemängelt, dass es in der Mitte etwas zu stumpf sei. Dies erklärt sich aber schnell dadurch, dass die Kampftechnik vorsah, dass der Ritter das Schwert in der Mitte greifen können sollte, um den Gegner mit der Parierstange zu attackieren. Insgesamt war der europäische Ritter eher für eine Mischung aus Schwert- und Ringkampf ausgebildet, in den das Fechten häufig überging. Das Katana dagegen ist eine Waffe, die den Kampf mit einem Schlag beenden sollte. Hier ist auch der Unterschied zwischen den europäischen Rüstungen aus Stahl und den japanischen aus Metall und Textilien zu beachten. Mit einer Vorgängerform von Ju-Jutsu waren aber auch die Samurai für den waffenlosen Nahkampf ausgebildet. Das Buch der Fünf Ringe ist eindeutig: Musashi vertritt hier die These, dass man sich bei der Waffenwahl auf den Gegner einstellen sollte, um zu siegen. Als beispielsweise einer seiner Gegner mit einem 1,20 m langen Schwert antrat, erschlug er ihn einfach mit einem Bootsruder, welches lang genug war.

Es lässt sich nicht pauschal sagen, welcher Kämpfer der bessere war. Dafür gab es sicherlich auch viel zu viele individuelle Unterschiede. Ritter und Samurai gab es viele. Ein Myamoto Musashi hätte sicherlich auch einen Ritter aus Europa besiegen können, während ein unerfahrener Samurai vielleicht Schwierigkeiten bekommen hätte. Dies gilt ebenfalls für einen unerfahreren europäischen Ritter. Auf jeden Fall wären die Kampfstile dem Gegner zunächst gewöhnungsbedürftig vorgekommen.

Letzen Endes ist diese Frage, wie ich anfangs geschrieben habe, relativ sinnlos. Wäre es zu einem Krieg zwischen Japan und dem mittelalterlichen Europa gekommen, was alleine wegen der Geographie nahezu ausgeschlossen war, wären noch andere Aspekte kriegsentscheidend gewesen, beispielsweise die Frage der Logistik. Sicherlich macht diese Tatsache den Vergleich auch so interessant, eine wirkliche Antwort wird sich hier aber nicht finden lassen. Deutlich wird dies auch immer wieder bei den verschiedenen Medienberichten: Mal gewinnt der Ritter, mal der Samurai.


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Das Verhältnis von Muslimen und Christen im Mittelalter

Ab dem 7. Jahrhundert breitete sich, ausgehend von Mekka und Medina, der Islam immer weiter aus. Das gesamte islamische Gebiet nahm eine gewaltige Fläche ein. Es reichte von Spanien, wo die Muslime das Westgotenreich vernichteten, bis nach Indien. Ausgenommen blieben vorerst die christlichen Gebiete Nordeuropas und Italien. Im Osten kämpfte das byzantinische Reich zunächst gegen das Reich der Sassaniden und später gegen die Nachfolgedynastien dieser Machthaber. Im Westen schaffte es Karl Martell (der Großvater von Karl dem Großen) mit Hilfe der Langobarden, eine aus dem muslimischen Spanien vorrückende islamische Invasionsarmee 732 in der Schlacht bei Tours und Poitiers zu besiegen. Während in den folgenden Jahrhunderten Spanien im Rahmen der Reconquista (1085-1492) von den Christen erobert wurde, ging Byzanz schließlich unter (1453). In der Zwischenzeit gab es eine ganze Reihe bewaffneter Konflikte zwischen Christen und Muslimen. Am bekanntesten sind hier sicherlich die Kreuzzüge in das Heilige Land (die Kreuzzugszeit wird in der Regel von 1095-1291 datiert).

Es scheint manchmal verlockend zu sein, Vergleiche zwischen damals und heute zu ziehen. Einerseits ist das verständlich, da sich viele religiöse Institutionen auf beiden Seiten auch heute noch auf ihre mittelalterlichen Vorgänger beziehen. Auf der anderen Seite sollte man aber bedenken, dass die Voraussetzungen im Mittelalter gänzlich andere waren. Um es prägnant zu formulieren, waren sich Christen und Muslime zur Zeit des Mittelalters wesentlich näher, als dies heute der Fall ist. Warum? Um dies zu beantworten, lohnt ein näherer Blick auf beide Religionen im Mittelalter.

Es handelt sich um zwei monotheistische Religionen. Beide glauben an einen wahren Gott. Es gibt gewisse Richtlinien die festlegen, wie sich ein guter Gläubiger verhalten sollte. Im Christentum sind dies vor allem die zehn Gebote, im Islam die „Fünf Säulen“. Gemeinsam haben beide, dass es im Kern darum geht, ein friedliches Zusammenleben zwischen allen Gläubigen zu gewährleisten, den Armen zu helfen und seinem Glauben durch bestimmte Rituale Ausdruck zu verleihen. Beide Religionen schreiben vor, die eigene Gemeinschaft gegen äußere Feinde zu verteidigen und den eigenen Glauben weiter zu verbreiten. Auch sehen beide Glaubensrichtungen ein Leben nach dem Tod vor, in dem man für seine Taten zu Lebzeiten bewertet und gerichtet wird.
Staat und Kirche waren sowohl in den christlichen als auch in den islamischen Ländern miteinandern verbunden. Dies rührte vor allem daher, dass die Herrschergeschlechter ihre Herrschaft durch die Religion legitimierten. Aus diesem Grund kam es immer wieder zu einer Überschneidung von politischen und religiösen Interessen.

An dieser Stelle kann man auch schon erahnen, was der große Unterschied zu heute ist. Während im heutigen Europa (die USA lasse ich an dieser Stelle bewusst aus) der christliche Glauben als Basis des alltäglichen Lebens und der politischen Entscheidungen immer mehr an Bedeutung verliert, ist er den Muslimen weiterhin sehr wichtig und ein zentraler Lebensinhalt. Aus diesem Grund reagieren Europäer häufig relativ verständnislos auf Äußerungen und Handlungen in der islamischen Welt. Wichtige Information am Rande: In der modernen Türkei sind Staat und Kirche voneinander getrennt, ähnlich wie dies bei uns der Fall ist. Auch wenn Traditionen und althergebrachte Denkweisen auch heute noch in Entscheidungen hineinwirken, so standen sich die Menschen des Mittelalters auf dem Bereich des Glaubens und der Vorstellung von der Welt weit näher, als dies moderne Christen und Muslime tun.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Jerusalemreise von Heinrich dem Löwen im Jahr 1172. Auf der Rückreise traf er sich mit  dem Sultan Kılıç Arslan II., einem der Herrscher der Seldschuken. Dieser fühlte sich gar teilweise als Deutscher, da eine Reihe seiner Familie von dort abstammte. Obwohl es beim anschließenden Gespräch auch um religiöse Fragen ging, trennten sich beide friedlich unter der Gabe von Geschenken. Bedenken Sie, dass es zwischen Seldschuken und Kreuzfahrern in den Jahren zuvor zu heftigen Kriegen gekommen war. Diese waren aber auch mit einem Invasionsheer in die Landstriche eingefallen, was eine Abwehrreaktion provozieren musste.

In den verschiedenen Liedern über die Kämpfe zwischen Franken und Muslimen in Spanien und Südfrankreich wird sehr schön deutlich, dass es bei allen religiösen Differenzen auf beiden Seiten das Konzept des Rittertums und Respekt für den Gegner gab. Die christlichen Autoren beschreiben beispielsweise im Willehalm des Wolfram von Eschenbach die prachtvolle Ausstattung der muslimischen Ritter. Auch im Rolandslied des Pfaffen Konrad fällt diese Bezeichnung für die sarazenischen Krieger. Bei den Konflikten des Mittelalters ging es zwar auch immer um Religion, aber spielten beispielsweise bei den Kreuzzügen genauso häufig politische und wirtschaftliche Interessen eine wichtige Rolle. Auch wurden die Kreuzfahrer von den Muslimen anfangs keineswegs als Glaubenskrieger wahrgenommen, sondern sogar mit den üblichen Piraten gleichgesetzt, welche immer wieder die Küste Palästinas überfielen. Auch der Kampf zwischen dem englischen König Richard Löwenherz und Sultan Saladin ist ein hervorragendes Beispiel für die Parallelen, die zwischen beiden Parteien vorhanden war. Beide galten als ritterlich und ehrenhaft. Der Krieg wurde hier häufig, bei aller Brutalität mittelalterlicher Kriegsführung, nicht grausamer geführt als dies bei Kriegen zwischen christlichen Heeren der Fall war. Da keine Seite einen entscheidenden Vorteil erringen konnte, wurde schließlich ein Friedensvertrag geschlossen. Saladin gilt bis heute als beispielhaft im Bereich der Ritterlichkeit.

Trotz aller Parallelen waren Christen und Muslime Anhänger zweier verschiedener Glaubensrichtungen, die aus diesem Grund häufig in Konflikte gerieten. Sowohl in christlichen als auch in muslimischen Quellen finden sich Abschnitte, in denen ein Sieg auf die Unterstützung Gottes zurückgeführt wird, der so die jeweils andere Religion von seiner Überlegenheit überzeugen möchte. Das Außmaß dieses Unterschiedes sollte auch nicht unterschätzt werden. Dennoch waren sich die Glaubens- und Vorstellungswelten damals nicht allzu unähnlich. Gerade im islamischen Raum gab es auch immer christliche Gemeinden, die der muslimischen Bevölkerung untergeordnet waren und spezielle Abgaben zahlen mussten.

Alles in allem haben Christen und Muslime eine sehr intensive gemeinsame Geschichte. Es gab sowohl friedliche als auch kriegerische Kontakte. Handel und Diplomatie spielten eine ebenso wichtige Rolle wie der Krieg. Dass sich zwei Religionen mit dem Anspruch auf die einzige Wahrheit und der Anweisung auf deren Verbreitung nicht nur auf dem diplomatischen Parkett begegneten, ist dabei nicht überraschend. Überraschend ist, dass es eben so viele Beispiele für Kooperation und dem Erweisen von Respekt gibt. Eine Urfeindschaft nur aufgrund des Glaubens, losgelöst von weltlichen Angelegenheiten, hat es nie gegeben.

Quellen:

Kartschoke, Dieter (Hg. und Übers.). Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Stuttgart, 1993.

Kartschoke, Dieter (Hg. und Übers.). Wolfram von Eschenbach. Willehalm. Berlin, 1989.

Sekundärliteratur:

dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 1. Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. 33. Auflage 1999. München, 1964.

Hourani, Albert. A History of the Arab Peoples. Auflage 2005. London, 1991.


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Das Mittelalter, der Moment und Emotionalität

Das Leben im Augenblick gehört nicht gerade zu den Dingen, die in unserer modernen Zeit selbstverständlich sind. Wir leben entweder dauerhaft in der Vergangenheit, grübeln darüber nach, was wir anders hätten machen können. Oder wir denken ständig darüber nach, was wir in der Zukunft noch alles zu erledigen haben und machen uns dementsprechende Sorgen.

So ärgerlich diese Vorgehensweise für uns heute auch sein mag (immerhin verpassen wir beständig unser Leben, wenn wir nicht den Moment geniessen können), so unmöglich war sie für die Menschen des Mittelalters. Zwar mussten durchaus Planungen getroffen werden. Ob in der Landwirtschaft, dem Handwerk, der Kirche oder der Politik, überall war es wichtig, planvoll vorzugehen. Dennoch war es weit üblicher, im Moment zu leben. Der Tod war sehr viel allgegenwärtiger als heute. Theoretisch konnte man jeden Tag oder jede Nacht sterben und das an den unterschiedlichsten Ursachen. Auch die Religiosität und das damit verbundene Vertrauen in das Urteil Gottes spielte hier eine wichtige Rolle.

In den Quellen finden sich häufiger Stellen, in denen beispielsweise Heerführer zu Verhaltensweisen neigen, die heute nur noch schwer nachvollziehbar sind. So wird der Adlige Simon von Montfort unter anderem dadurch zum Anführer der Kreuzfahrer, indem er sich bei mehreren Gelegenheiten als furchtloser Kämpfer beweist, der auch nicht davor zurückschreckt, als erster die Bresche bei einer Belagerung zu erstürmen. Und das, obwohl sich noch kein verbündeter Krieger in seiner Nähe befindet. Die Schlacht von Beziers ist sogar noch interessanter. Peter von Aragon, der nach Südfrankreich gekommen war, um gegen die Kreuzfahrer zu kämpfen, stellte sich mit seinem Schlachtross in einer ungekennzeichneten Rüstung in eine der vorderen Schlachtreihen. Die Kreuzfahrer, belagert und in der Unterzahl, wagten einen Ausfall. 1.000 Ritter schafften es tatsächlich, in einem geschlossenen Sturmangriff das Heer von Peter von Aragon zu schlagen. Unter anderem deshalb, weil der König in der ersten Angriffswelle getötet wurde, was den Großteil seiner Truppen in die Flucht schlug. Auf der einen Seite haben wir also einen Herrscher, der in vollkommenem Vertrauen auf Gott und seine eigenen Fähigkeiten rasch den Tod findet, auf der anderen Seite die eigentlich hoffnungslos unterlegenen Belagerten, die trotz allem das feindliche Heer frontal angreifen. In allen diesen Fällen sind die Beteiligten nicht durch Zukunftsängste gehemmt, sondern handeln sofort. Entweder die Aktionen sind erfolgreich, oder nicht. Sind sie es nicht, so war es eben auch Gottes Wille und nicht zu ändern.

Auch die Emotionalität war eine ganz andere. Es ist beispielsweise mehrfach überliefert, dass Herrscher öffentlich weinten, wenn es einen entsprechenden Anlass gab. Dies lässt sich nicht mit den Tränen moderner Politiker vergleichen, die sich dadurch Stimmen sichern wollen. Vielmehr galt ein offenes Ausleben der Emotionen als vollkommen natürlich.

Wir sollten uns dies vielleicht das ein oder andere Mal vor Augen führen, wenn wir uns einen Mittelalterfilm anschauen. Gerade Hollywood will uns oft Glauben machen, dass sich das Denken der damaligen Menschen von unserem nicht unterschied. Das Gegenteil ist der Fall. Um es einfach zu sagen, ein mittelalterlicher Ritter wird sich kaum Gedanken über sein Leben im Alter gemacht haben. Und dies galt auch für andere Menschen dieser Zeit. Sie konnten innerhalb der nächsten Stunden bereits den Tod finden. Auch sehen wir in den Filmen sehr häufig in sich gekehrte Menschen, die ihre Emotionen verbergen. Auch hier war genau das Gegenteil der Fall. Meistens lebten die Menschen in Gemeinschaften, die auch ihre Gefühle offen untereinander mitteilten. Das gesamte Gemeinschaftsleben spielte sich ganz anders ab als dargestellt. Alles in allem haben wir hier eine sehr viel natürlichere und ursprünglichere Gesellschaft vor uns, als sie in unserer modernen Welt existiert. Das bedeutete auch, dass die Menschen impulsiver und in manchen Fällen naiver handelten, als wir das heute tun würden. Ob es eine Reflektion über das eigene Leben gab, ist uns leider nicht überliefert.


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Spätantike und Mittelalter – Bruch oder Übergang? Das Beispiel Niederrhein.

Wie schon im letzten Kapitel beschrieben, wird das Mittelalter häufig als eine dunkle Epoche angesehen, voller Gewalt, Tod, Krankheit und Armut. Ihm gegenüber steht dann die Antike, eine Zeit voller fortschrittlicher Entwicklungen und dementsprechenden zivilisatorischen Errungenschaften. Am Beispiel Niederrhein und speziell an der Region um Linn im heutigen Krefeld lässt sich aber wunderbar zeigen, dass dieses Bild nicht unbedingt der Wahrheit entspricht. Es gibt eine Menge Parallelen und viele neue Entwicklungen. Wie schon zur Zeit der römischen Herrschaft erfolgte die erste Entwicklung geschlossener Siedlungen zur Zeit des Mittelalters im Umfeld der befestigten Plätze. Von dort weiteten sie sich dann aus. Die Landwirtschaft, die Viehzucht, die Fischerei und die Forstwirtschaft spielten sowohl in der Antike als auch im Mittelalter eine entscheidende Rolle und produzierten fast die gleichen Güter. Sie wurde im Mittelalter durch das Einführen der Dreifelderwirtschaft bzw. dann der Zweifelderwirtschaft entscheidend verbessert. Geldwirtschaft gab es auch nach dem Abzug der Römer, sie wurde sogar weiterentwickelt. Märkte florierten in allen Epochen, ebenso der Handel. Es gab Rechtssysteme, Bündnisse wurden geschlossen. Dies waren Maßnahmen zur Friedenssicherung, wie man sie auch schon in der Antike vorfinden konnte. Der Unterschied war nur, dass es jetzt wesentlich mehr Machthaber auf engerem Raum gab. Das gemeinsame Vorgehen gegen den Raubritter von Strünkede zeigt dies sehr eindrücklich. Es schien auch im Mittelalter eine gewisse Infrastruktur gegeben zu haben, ansonsten wäre der Handel nicht möglich gewesen. Die römischen Straßen und auch die Wasserwege wurden weiterhin genutzt.

Auch die Bauwerke entwickelten sich. Das Kastell Gelduba verfügte zwar bereits über Steinmauern, Türme und Tore, ist aber der Burg Linn ab dem 12. Jahrhundert wehrtechnisch deutlich unterlegen. Man sollte sich vor Augen führen, dass übrig gebliebene römische Befestigungen im 10. Jahrhundert keinen wirklichen Schutz gegen die Normanneneinfälle bieten konnten.Es war allerdings, wie bereits erwähnt, nie als defensive Festung sondern als Garnisonslager erbaut worden. Das Prinzip der Burg wurde aus der Spätantike übernommen. Die Römer kannten damals bereits den Typ des „Burgus“, der bereits auf Belagerungen ausgerichtet war. Hier lässt sich also eine Weiterentwicklung feststellen. Die Ingenieure des Mittelalters bedienten sich gerne antiker Vorbilder, auch aus dem Mittelmeerraum und dem Orient, und verbanden diese Bauweisen mit örtlichen Gegebenheiten, Anforderungen und Traditionen. Es war allerdings neu, dass sich der Adel Burgen oder sogar Städte baute, um seine Herrschaft zu symbolisieren. Die alten Städte hörten aber in vielen Fällen keineswegs auf zu existieren, ganz im Gegenteil. Köln beispielsweise wurde zu einer sehr mächtigen und reichen Stadt, wenn auch nicht mehr unter römischer Herrschaft. Durch Handel und Wirtschaft wurden die Städte sogar so reich, dass sie letzten Endes den Adelsburgen den Rang abliefen. Neu gegründete Städte waren denen der Antike nicht so unähnlich. Auch sie wurden nach einem genau geplanten Muster errichtet, man parzellierte das Land, verteilte es und errichtete darauf dann Bauwerke. Auch die Stadtbefestigung wurde genau geplant und dann errichtet. In Sachen Wirtschaft und Handel erfüllten sie haargenau die Aufgaben, die sie auch schon in der Antike hatten.

Auch in sozialer Hinsicht änderte sich praktisch nicht allzu viel. Die Region war weiterhin dicht besiedelt. Die Romanen wichen nicht einfach, aber es finden sich schon vor Beginn des frühen Mittelalters neben ihnen Franken und Angehörige anderer Stämme. Der aktuelle Fund eines wohl fränkischen Hofes in der Nähe des ehemaligen Kastells Gelduba aus dem 5. Jahrhundert, einer Zeit, in der es sich hier eigentlich noch um militärisches Sperrgebiet handelte, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Provinzgrenze alles andere als undurchlässig war. Fränkische Siedlungen ziviler Art finden sich bereits beiderseits des Rheins, scheinbar unbehelligt durch das römische Militär. Es scheint so, als hätten beide Seiten eine relativ lange Zeit friedlich miteinander gelebt. Es ist demnach nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung nach und nach verschmolzen ist und mit ihr Sitten, Gebräuche, Technologien und Organisationsformen. Wie wir gesehen haben, kam es bereits sehr früh zu mehr oder weniger engen Kontakten zwischen Römern und Germanen auf Basis des wechselseitigen Handels. Einige Funde von Keramik niederer Qualität zeigen aber auch, dass hier selbst produziert wurde und nicht, wie in der ehemaligen römischen Provinz üblich, Keramik von Manufakturen bezogen wurde.

Wie wir gesehen haben spielte die Kirche eine nicht unwesentliche Rolle bei der Bewahrung von Kultur und sozialem Zusammenhalt, auf regionaler und überregionaler Ebene. Der christliche Glaube verbreitete sich auch unter den Germanen und sorgte für eine wichtige Gemeinsamkeit. Dieser Glaube wurde bald sogar zum Zentrum allen Lebens, Herrschens und Kriegführens. Da die Kirche in der Antike entstanden war und die antiken Denkweisen weiterhin in sich trug, wurden diese zwangsläufig auch in das Mittelalter übernommen und führen dazu, dass von einer gewissen Kontinuität beim Übergang von Spätantike zu frühem Mittelalter ausgegangen werden kann. Dies wurde noch dadurch gefördert, dass die Kirche viele Werke antiker Autoren nicht nur aufbewahrte, sondern auch kopierte und so verbreitete. Aber auch in anderen Bereichen wird deutlich, dass die Kirche einer der deutlichsten Unterschiede zur antiken Welt darstellt. Die Landerschließung wurde nicht unwesentlich durch Klöster betrieben, insbesondere bei Neugründungen. Die Mönche machten dann das Land erst urbar, bewirtschafteten es und verkauften Überschüsse auf den Märkten. Besonders bekannt hierfür ist der Zisterzienserorden, dessen Laienbrüder sehr effektiv Landwirtschaft betrieben.

Alles in allem lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass das Mittelalter am Niederrhein alles andere als finster war. Vielmehr gab es eine Neuordnung und gleichzeitig einen neuen Aufbruch. Altes wurde, sofern es nützlich war, gerne weiter verwendet und neues wurde dort erfunden, wo die Notwendigkeit den Ausschlag dazu gab. Die Dinge veränderten sich in dieser Übergangsphase, zu einem Verfall oder einem verschwinden der Zivilisation kam es aber nicht.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel von Linn. An diesem Ort lassen sich Hinterlassenschaften aus allen Epochen finden. Auf die eisenzeitliche Besiedlung folgte das römische Kastell Gelduba, welches gleichzeitig auch Siedlungs- und Handelsplatz war. Nach dem Abzug der römischen Truppen siedelten hier die Franken am Beginn des Frühmittelalters. Der Bau von Burg Linn und die damit einhergehende Siedlungsentwicklung inklusive ertragreicher Landwirtschaft bis hin zur Stadtgründung zeigt sehr schön, dass es auch nach dem Ende der Römerzeit eine lebendige Zivilisation am Niederrhein gab. Es gab keinen Bruch, vielmehr kann man von einer gewissen Kontinuität ausgehen.


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