Die 12 Artikel von Memmingen

1525 – ein Schicksalsjahr für die Bauern im Heiligen Römischen Reich. In Schwaben, am Ober- und Mittelrhein, Franken, Thüringen, Salzburg und Tirol erhoben sich mehrere hunderttausend Bauern gegen ihre Herren. In Memmingen formulieren sie die sogenannten 12 Artikel – die erste Proklamation der Menschenrechte in Europa, über 200 Jahre vor der französischen Revolution. Doch wie sahen die Forderungen im einzelnen aus?

Die Forderungen der Bauern

Das Ziel der Bauern war eine gerechtere Lebensordnung nach dem Vorbild der Bibel. Es sollte Schluss sein mit dem Willkür des Adels, unter dem besonders die Leibeigenen zu leiden hatten. In Memmingen legten sie 1525 12 Artikel vor, in denen sie ihre Forderungen auf den Punkt brachten:

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Flugschrift von 1525, aus: Otto Henne am Rhyn: Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Zweiter Band, Berlin 1897, S.21

 

  1. Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu wählen und ihn zu entsetzen (abzusetzen), wenn er sich ungebührlich verhält. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können.

    Die Bauern beziehen sich hier klar und deutlich auf die Reformation. Das Heil könne nur durch den wahren Glauben erlangt werden, zu dem man nur durch die Befolgung der Schrift gelangen könne. Zudem sollte hier der Bevormundung durch die hohe Geistlichkeit Einhalt geboten werden.

  2. Von dem großen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger Überschuss soll für die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll abgetan (aufgegeben) werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.

    Hierbei handelt es sich um die Forderung nach Entlastung übertriebener Abgaben. Zudem sollte der große Zehnt in Gänze dem Dorf zugute kommen. Vorher wurden die Abgaben häufig zweckentfremdet.

  3. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Eigenleute (Leibeigene) gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.

    Leibeigenschaft und Freiheit im christlichen Sinne passten aus Sicht der Bauern nicht zusammen. Ganz anders formulierte dies übrigens Dr. Martin Luther. Seiner Meinung nach sei zu unterscheiden zwischen dem Geist des Menschen und dessen leiblicher Gestalt. Nur für den christlichen Geist sei die Freiheit vorgesehen, von der in der Bibel die Rede ist. Der irdische Mensch müsse sich aber der göttlichen Ordnung beugen.

  4. Ist es unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.

    Nur wer sich selbst versorgen kann, ist auch wirklich frei. Andernfalls bliebe er stets in Abhängigkeit von anderen Menschen. Kein Wunder also, dass diesem Artikel eine sehr hohe Bedeutung zukommt.

  1. Haben sich die Herrschaften die Hölzer (Wälder) alleine angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher alle Hölzer, die nicht erkauft sind (gemeint sind ehemalige Gemeindewälder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten), der Gemeinde wieder heimfallen (zurückgegeben werden), damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.

    Auch hier: Die Versorgung der Bauern müsse aus eigener Kraft möglich sein.

  2. Soll man der Dienste (Frondienste) wegen, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, ein ziemliches Einsehen haben (sie ziemlich reduzieren), wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.

  3. Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht über das bei der Verleihung festgesetzte Maß hinaus erhöhen. (Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war durchaus üblich.)

    Die Bauern litten sehr unter der harten, körperlichen Arbeit. Ihre Herren setzten sie in vielen Fällen über die Leistungsgrenze hinaus ein. Dies sollte nun ein Ende haben.

  4. Können viele Güter die Pachtabgabe nicht ertragen. Ehrbare Leute sollen diese Güter besichtigen und die Gült nach Billigkeit neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.

    Gerechter Lohn für harte Arbeit: Diese Forderung ist heute noch so aktuell wie damals!

  5. Werden der große Frevel (Gerichtsbußen) wegen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben (Erhöhungen von Strafen und Willkür bei der Verurteilung waren üblich). Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe zu strafen, darnach die Sache gehandelt ist, und nicht nach Gunst.

    Die Bauern forderten hier das Recht auf einen fairen Prozess. Im 16. Jahrhundert entschied häufig die Qualität der Kontakte darüber über das Strafmaß. Das Vertrauen in das Rechtssystem wurde so zerstört.

  6. Haben etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören (Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen.

  7. Soll der Todfall (eine Art Erbschaftssteuer) ganz und gar abgetan werden, und nimmermehr sollen Witwen und Waisen also schändlich wider Gott und Ehre beraubt werden.

    Starb ein Leibeigener, stand dem Lehnsherren die Hälfte des Besitzes zu. Für die ohnehin schon armen Hinterbliebenen war dies nicht nur eine unerträgliche Ungerechtigkeit, sondern eine direkte Bedrohung ihrer Existenz.

  8. Ist unser Beschluss und endliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären …, von denen wollen wir abstehen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und es befände sich hernach, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von Stund an tot und ab sein. Desgleichen wollen wir uns aber auch vorbehalten haben, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären.

Was die Bauern hier forderten war nicht weniger als die Abschaffung der alten Ordnung zugunsten einer neuen, gerechteren Verteilung der Güter und einer gerechteren Behandlung. Wahrhaft revolutionäre Gedanken! Umso bedrohlicher musste sie von den Herrschern wahrgenommen werden. Dies erklärt das schnelle und brutale Vorgehen gegen die Aufständischen.

Erreichten die Bauern ihre Ziele?

Der deutsche Bauernkrieg endete 1525 mit vernichtenden Niederlagen mehrerer Bauernheere auf deutschem Boden. Gegen die erfahrenen und hervorragend ausgerüsteten Söldner der Fürsten konnten die Bauern nichts ausrichten. Die Folgen der Niederlage waren verheerend. Über 100.000 Bauern waren getötet worden. Die Anführer wurde öffentlich gefoltert, verurteilt und hingerichtet. Wer nicht gefasst wurde, wurde für vogelfrei erklärt. Die Vertreter der alten Ordnung hatten triumphiert. Sie sollte noch über 300 Jahre Bestand haben – bis zur deutschen Revolution von 1848/49.

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War die mittelalterliche Technik des Burgenbaus römischen Ursprungs?

Bereits die Römer errichteten beeindruckende Befestigungsanlagen. Ob der Hadrianswall, der obergermanisch-raetische Limes oder die Stadtmauern römischer Siedlungen – es könnte nahe liegen, hier den Ursprung für die Burgen und Mauern des Mittelalters zu suchen. Ganz so einfach ist die Sache freilich nicht.

Zunächst einmal sind Befestigungsanlagen keine Erfindung der Römer. Man baute sie lange, bevor das kleine Dorf am Tiber zur Weltmacht aufstieg. Und sie wurden lange nach dem Ende des Imperium Romanum erbaut. Die Grundprinzipien blieben dabei immer gleich. Orte mit natürlichen Hindernissen boten sich für den Bau von Befestigungen genauso an wie die Lage an Flüssen, wichtigen Straßen, Bergpässen und in Städten. Dabei erwies sich eine rechteckige Grundform meist als besonders effektiv – sofern die natürlichen Gegebenheiten dies zuließen. Diese Grundprinzipien sollten auch das Mittelalter hindurch Bestand haben.

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Die Saalburg – im 19. Jahrhundert rekonstruiert.

Unterschiedliche Strategien

Schützende Mauern besaßen für die Römer eine etwas andere Bedeutung als für die Menschen des Mittelalters. Sie dienten zwar bereits in der Antike dazu, Feinden das Vorankommen zu erschweren. Nicht umsonst war es in der Legion üblich, befestigte Marschlager für die sichere Übernachtung zu errichten. Und die große Stadtmauer Roms entstand durchaus als direkte Folge der Plünderung durch die Gallier im 4. Jhd. v.Chr. Die gesamte Taktik der römischen Armee war allerdings auf die offene Feldschlacht ausgerichtet.

Die Heerführer des Mittelalters mieden offene Schlachten aufgrund ihrer Unberechenbarkeit in den meisten Fällen. Belagerungen waren dementsprechend häufiger. Damit besaßen Burgen und Stadtmauern eine weit größere Bedeutung. Sie entschieden nun direkt über Sieg und Niederlage. Die Verteidiger mussten zudem in der Lage sein, lange Zeit ohne die Rettung durch ein Ersatzheer auszuharren.

Weiternutzung römischer Bauten

Doch auch, wenn die Anforderungen inzwischen andere waren: An verschiedenen Orten wurden die römischen Bauten zunächst weiterhin genutzt und später ausgebaut. So behielt Köln seine römische Stadtmauer, bis sie durch zeitgemäße Bauten Stück für Stück ersetzt wurde. Auch Burgen wurden teilweise auf den Ruinen früherer Kastelle errichtet – nicht zuletzt, weil die von den Römern gewählten Standorte strategisch immer noch sinnvoll waren. Wenn die baulichen Hinterlassenschaften des Weltreiches nicht mehr aktiv genutzt wurden, dienten sie meist als Steinbruch. So erging es auch der Colonia Ulpia Traiana, die das Baumaterial für das mittelalterliche Xanten lieferte.

Die Mauern der Antike = Die Mauern des Mittelalters?

Es wäre also nicht richtig, den römischen Befestigungen jeglichen Einfluss auf den Burgenbau des Mittelalters abzusprechen. Allerdings sollte bedacht werden, dass sich die Strategien des antiken Roms und der Reiche des Mittelalters deutlich voneinander unterschieden. Während die Römer ihre Feinde gerne im Feld stellten und über ein gut erschlossenes Hinterland verfügten, befanden sich die Burgen des Mittelalters häufig in einer deutlich abgelegeneren Lage. Es konnte bisweilen lange dauern, bis Verstärkung eintraf. Sie mussten also deutlich stärker befestigt und wesentlich autarker sein, als dies beispielsweise bei römischen Kastellen der Fall war. Ein gutes Beispiel ist die Schildmauer, die die Burgen vor Beschuss schützen sollte – nachgewiesenermaßen eine Erfindung des Mittelalters. Also: Römische Einflüsse gab es. Direktes Vorbild für den Burgenbau waren die römischen Befestigungen jedoch in den meisten Fällen eher nicht.

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Hohensalzburg

Waffen des Mittelalters: Brandsätze und Griechisches Feuer

Feuer: Lebenserhaltend und zerstörerisch zugleich. Ein Element, dass in der mittelalterlichen Kriegführung auf immer erfinderische Art und Weise Anwendung fand und mindestens so furchterregend war wie Schwerter und Äxte.

Der Ursprung des Feuers in der Kriegführung

Feuer wurde von der Menschheit seit jeher als Waffe eingesetzt. In der Antike kamen bereits sehr raffinierte Anwendungen zum Einsatz. Brennbare Pfeile und Katapultgeschosse waren gängige Praxis. Nicht nur gegen Armeen im Feld, selbst gegen mächtige Befestigungsanlagen entfaltete das Feuer seine zerstörerische Wirkung. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass auch die Krieger des Mittelalters auf das Feuer und verschiedene, brennbare Substanzen zurückgriffen.

Der Einsatz von Feuer gegen Befestigungen

Es gab mehrere Möglichkeiten, eine Mauer zum Einsturz zu bringen. Bestand sie aus Holz, konnte sie im Idealfall recht einfach in Brand gesteckt werden. Das galt ebenso für hölzerne Türen und Tore. Wurde Feuer in das Innere einer befestigten Siedlung geschleudert, konnten außerdem hölzerne Gebäude in Flammen aufgehen. Feuer stellte für jede Siedlung im Mittelalter die allergrößte Gefahr dar. Umso mehr wird deutlich, wie groß die Angst im Kriegsfall gewesen sein muss.

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Der Einsatz von Feuer gegen die hölzerne Mauer von Dinan, 1064. Darstellung auf dem Teppich von Bayeux.

Selbst Mauern aus Stein konnten einem Feuer zum Opfer fallen. Wurden Gänge unter die Mauern gegraben und dort ein großes Feuer entzündet, stürzte die Mauer nach einer Zeit in sich zusammen. Eine andere Methode sah vor, Löcher in die Wand zu bohren und heiße Luft hinein zu leiten. Zu diesem Zweck wurden Kohlen in tönernen Töpfen entzündet und die Hitze mit Hilfe von Eisenrohren in zuvor in die Mauer gebohrte Löcher geleitet. Dies führte schließlich dazu, dass die Steine platzten.1

Brennende Vögel und Katzen

Wie bereits erwähnt stellte ein Feuer innerhalb einer Siedlung stets eine große Gefahr dar. Die Quellen berichten in diesem Zusammenhang mit einigen sehr trickreichen, wenn auch brutalen Methoden, um eine Burg oder Stadt in Brand zu stecken.

Katzen und Vögel seien eingefangen und mit brennenden Materialien versehen worden. Die Autoren berichten weiterhin, dass die Tiere in Panik in ihre in der jeweiligen Befestigung befindlichen Unterschlüpfe fliehen würden und das Feuer sich dort ausbreiten könne.

Ob dies wirklich eine effektive Methode darstellte, kann heute nicht mehr eindeutig bewiesen werden.

Griechisches Feuer, arabische Naphta-Truppen und mongolische Granaten

Im 13. und 14. Jahrhundert tauchte in Europa das „Liber ignium ad comburendos hostes“ auf, verfasst von Marcus Graecus. In diesem Buch wird das berüchtigte Griechische Feuers erwähnt. Erfunden wurde diese extrem heiße und kaum zu löschende Substanz im siebten Jahrhundert von einem gewissen Callicinus und zunächst vor allem durch Byzanz verwendet. Die Byzantiner hüteten das Geheimnis der Herstellung mit allen Mitteln. Aus gutem Grund: Die Quellen berichten, dass Griechisches Feuer Stein und Eisen zu Staub werden lasse und selbst auf dem Wasser brennen würde. Zum Einsatz kam es vor allem auf den Schiffen der byzantinischen Marine. Aus einem bronzenen Rohr am Bug wurde das Feuer auf das feindliche Schiff gegossen.

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Einsatz des Griechischen Feuers zur See (12. Jhd.).

Es lassen sich außerdem Belege für kleinere Vorrichtungen finden, mit deren Hilfe griechisches Feuer von Soldaten im Nahkampf eingesetzt werden konnte. Diese sogenannte Hand-Siphons wurden ähnlich den modernen Flammenwerfern eingesetzt.

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 Darstellung aus dem Codex Vaticanus Graecus, 1605.

Hierfür waren neben den Byzantinern vor allem die Araber berüchtigt. In ihren Armeen kamen die sogenannten Naphta-Truppen zum Einsatz. Diese Spezialeinheiten waren in feuerfeste Kleidung gehüllt und schleuderten das Feuer in zerbrechlichen Gefäßen aus Ton, Glas oder Metall auf den Gegner. Sie wurden häufig zusammen mit Bogenschützen eingesetzt.2 Die Westeuropäer kamen mit dem Griechischen Feuer buchstäblich erstmals im Rahmen der Kreuzzüge in Berührung. Sie waren es, die es anschließend nach Europa importierten.

Griechisches Feuer wurde außerdem mit der Hilfe von Trebuchets auf Befestigungen geschleudert. Zu diesem Zweck wurde es in zerbrechliche Kugeln gefüllt, angezündet und verschossen. Diese Technik wurde u.a. von den Mongolen verwendet, die im 13.Jahrhundert große Teile Europas und Asiens eroberten.

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Ein Trebuchet schleudert ein brennendes Geschoss. Harper’s New Monthly Magazine, No. 2229, Juni, 1869.

Die Herstellung des Griechischen Feuers

Die Zusammensetzung des Griechischen Feuers ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Als Bestandteile von brennbaren Substanzen wurden im Mittelalter in erster Linie Teer, Terpentin, Petroleum, Öle, Schwefel, Wachs, Pech sowie die Fäkalien von Tauben und Schafen.3 Laut Marcus Graecus bestand das Griechische Feuer aus Schwefel, Pech, Petroleum, gewöhnlichem Öl, Sarcocolla und Sal Coctum. Letzteres ist besonders umstritten. Während die einen meinen, es würde sich um Salpeter handeln, halten es die anderen für normales Salz. Marcus Graecus erwähnt nicht, in welchem Mischverhältnis die Zutaten stehen müssen. Dafür nennt er die drei Wege, wie das Griechische Feuer gelöscht werden kann: Mit Urin, Essig und Sand.4 Es empfahl sich also im Vorfeld einer Belagerung, die entsprechenden Stoffe bereit zu halten und besonders gefährdete Stellen rechtzeitig zu imprägnieren.

Chemische Kriegführung im Mittelalter

Neben der Hitze stellten die giftigen Gase des Feuers eine ernstzunehmende Gefahr dar. Im 13. Jahrhundert wurden mit einer Mischung aus Schwefel und schwelender Kohle hochgiftige Gase erzeugt. Konrad Kyeser empfahl im 15. Jahrhundert Schwefel, Teer und zerstoßene Pferdehufe.5 Wurden diese Gase in eine Befestigung oder ein Lager geleitet, waren die Auswirkungen meist fatal.

Feuer und Schwarzpulver

Schwarzpulver wird aus Salpeter, Schwefel und Kohle hergestellt. Zutaten, die bereits bei der Herstellung der verschiedenen, brennbaren Substanzen verwendet wurden. Roger Bacon entdeckte die Mischung Mitte des 13. Jahrhunderts in Europa. Albertus Magnus entwickelte das Schwarzpulver 25 Jahre später dann noch einmal entscheidend weiter. Die neue Waffe war derart vielseitig einsetzbar, dass sie das Griechische Feuer in Europa weitgehend verdrängte. Neben der einfacheren Herstellung stellte vor allem die Explosivität des Pulvers einen bedeutenden Vorteil dar.

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Feuer und Explosionen – gängige Waffen des Mittelalters

Der Einsatz brennbarer und explosiver Substanzen auf den Schlachtfeldern des Mittelalters war nicht weniger ungewöhnlich als der von Schwertern und Bögen. Die Menschen nutzen das Feuer seid tausenden von Jahren. Seine Nutzung im Kampf war stets so naheliegend wie schrecklich für den Gegner. Letzten Endes verwendeten die Krieger des Mittelalters alles, was ihnen einen Vorteil und damit hoffentlich den Sieg verschaffte. Eine Strategie, die zur Entwicklung immer neuer Taktiken und Feuerwaffen führen sollte. Die Folgen sind heute nur zu gut bekannt.

1Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 191-192).

2Vgl. Ebd. S. 193-197.

3Vgl. Ebd. S. 192-193.

4Vgl. Ebd. S. 199.

5Vgl. Ebd. S. 202.

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.

Grabhügel – Übergänge in die Anderswelt

Bestattungsriten sind so alt wie die Menschheit selbst. Schon die frühesten Menschen beerdigten ihre Toten und es gibt deutlich Hinweise darauf, dass auch der Glaube an ein Leben nach dem Tod seine Wurzeln in der Frühzeit der menschlichen Gesellschaften hat. Ein solcher Glaube ist nicht ohne Bedeutung für die Art der Bestattung. Insbesondere dann nicht, wenn ein physisches Weiterleben in der nächsten Welt erwartet wird. In einem solchen Fall macht es durchaus Sinn, dem Verstorbenen all die Dinge mit auf den Weg zu geben, die er auch im nächsten Leben benötigen wird. Auch im frühen Mittelalter lebten diese Traditionen in Europa fort.

Übergänge in die andere Welt

Bei den alten Religionen Nord- und Westeuropas spielten die Natur und insbesondere Naturphänomene besondere Rollen. Bäume, Flüsse, Seen, Wiesen – alles besaß eine spirituelle Bedeutung. Übergänge in die jenseitige Feld konnten sich an vielen Orten befinden. Besonders baten sich hier Höhlen an, die auch als Wohnorte von göttlichen Wesen dienen konnten. Mit Nebel bedeckte Wiesen konnten den Übergang in die Anderswelt kennzeichnen. Die Verbindung der Menschen dieser Zeit zur Natur war also eine ganz besondere. Es verwundert daher nicht, dass sich die Grabstätten dieser Zeit häufig innerhalb der Natur befanden. Ein deutlicher Unterschied zu den christlichen Gräbern des Mittelalters, die sich in der Regel in der direkten Nachbarschaft einer Kirche befanden. Eines haben aber beide Begräbnisformen gemeinsam: Es geht darum, sich in der Nähe besonderer, spiritueller Orte zu befinden um in das Leben nach dem Tod gelangen zu können.

Die Grabstätten der alten Welt

Monumentale Grabstätten lassen sich in allen Epochen der Menschheitsgeschichte und in allen Erdteilen finden. Im Bereich Nordeuropas wurden die Toten seit der Steinzeit häufig in Steingräbern oder unter Grabhügeln bestattet. Diese Tradition fand auch im frühen Mittelalter noch weite Verbreitung. Grabhügel war jedoch nicht gleich Grabhügel. Tacitus schreibt über die Germanen, sie hätten ihre Toten verbrannt und die Asche anschließend unter einem Hügel beigesetzt. Es sind aber auch beeindruckende Grabkammern aus Holz und Stein entdeckt worden, die neben dem unverbrannten Leichnam zahlreiche Grabbeigaben enthielten. Neben kostbaren Schmuckstücken, Waffen, Haushaltsgegenständen und sogar kompletten Streitwagen fanden die Archäologen auch geopferte Tiere und sogar Sklaven, die ihrem Herren mehr oder weniger freiwillig ins nächste Leben folgen sollten. Die Innenseiten der Grabkammern waren in besonderen Fällen mit kunstvollen Schnitzereien oder Gravuren verziert. Es wurde davon ausgegangen, dass der Tote körperlich wieder auferstehen wird und dann all das brauchen wird, was ihm bereits in seinem alten Leben lieb und teuer war. Dementsprechend richtete sich Umfang und Wert der Beigaben nach dem jeweiligen Status des Verstorbenen. Diese Form der Bestattung war dabei nicht für die Männer reserviert. Es wurden auch Gräber bedeutender Frauen gefunden, deren Grabbeigaben denen der Männer in nichts nachstanden. Die bedeutendsten Gräber konnten wahrlich beeindruckende Ausmaße annehmen. Es wurden Hügel mit bis zu 100 Meter Durchmesser und über 10 Meter Höhe gefunden.

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Ausgrabung des Sutton Hoo-Schiffs, 1939

Besondere Formen der Grabhügel wurden für besonders bedeutende Wikingerherrscher und -herrscherinnen errichtet. Diese wichtigen Persönlichkeiten wurden mitsamt kompletter Langschiffe bestattet. Schiffe gehörten zu den wertvollsten Besitztümern eines Herrschers. Kein Wunder dass davon ausgegangen wurde, dass er dieses auch im nächsten Leben benötigen wird. Insbesondere den Ausgrabungen von Sutton Hoo in England und Oseberg in Norwegen ist zu verdanken, dass wir einen Einblick in dieses Bestattungsritual nehmen können. In einigen Fällen wurde das Schiff samt seiner wertvollen Ladung auch verbrannt, bevor es mit Erde überhäuft wurde. Die archäologischen Befunde decken sich dabei weitgehend mit den Überlieferungen von Augenzeugen wie Saxo Grammaticus und dem islamischen Gelehrten Ibn Fadlan.

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Ausgrabung des Oseberg-Schiffs

Die Angst vor den lebenden Toten

Tod und Sterben waren seit jeher Themen, die nicht nur Anlass zur Trauer gaben, sondern auch Furcht auslösten. Insbesondere die Angst vor lebenden Toten spielte hier eine bedeutende Rolle. Insbesondere die Christen sahen in den alten Grabstätten Orte des Bösen. Besonders verbreitet war die Angst vor Grabunholden, die „draugr“ genannt wurden, was sich als „schädlicher Geist“ übersetzen lässt.

Vor Grabräubern schützten aber auch dieser Aberglauben nicht – viele Gräber wurden geplündert. Wohl auch einer der Gründe dafür, den Toten und seine Wertgegenstände zu verbrennen.

Die Christen und das Verschwinden der Grabhügel

Die Verbreitung des christlichen Glaubens bedeutete letztlich das Ende der alten Bestattungsriten. Die Toten wurden nun nur mit einem Totenhemd bekleidet in der Nähe der christlichen Kirchen begraben. Irdische Besitztümer konnten sie im Leben nach dem Tod ohnehin nicht gebrauchen. Das dennoch auch in christlichen Gräbern dieser Zeit teilweise noch Grabbeigaben gefunden wurden lässt aber darauf schließen, dass sich die alten Traditionen nicht sofort aus den Köpfen verbannen ließen und es einer gewissen Übergangszeit bedurfte, bevor die neuen Riten voll akzeptiert wurden.

Was blieb, sind beeindruckende Monumente einer Kultur, die fest von einem Leben nach dem Tod ausging. Diese Welt war nicht die letzte Station, sondern der Ausgangspunkt für eine Reise, die erst beginnt. Eine Vorstellung, die die Menschen bis in die heutige Zeit begleitet und im Umfeld der Religionen heute genauso aktuell ist wie in allen vergangenen Epochen der Menschheitsgeschichte.

Literatur:

Arnulf Krause: Die wirkliche Mittelerde. Tolkiens Mythologie und ihre Wurzeln im Mittelalter. Konrad Theiss Verlag GmbH, 2012.

Der Kampf zur See im Mittelalter

Seeschlachten sind in der Militärgeschichte stets mit großem Interesse untersucht worden. Ob Antike oder Neuzeit – Aufzeichnungen über Taktik und Vorgehensweise sind zahlreich zu finden. Die Quellenlage für das Mittelalter ist weniger günstig. Dennoch möchte ich in diesem Artikel einen kleinen Überblick über die Seeschlacht im Mittelalter geben. Dabei muss unterschieden werden zwischen Früh-, Hoch- und Spätmittelalter und zudem der geografischen Region. Als Beispiel sollen hier zunächst die Wikinger dienen, erfahrene Krieger zur See und Pioniere im Schiffbau. Weiterhin ist die Zeit der Hanse von Bedeutung, hier insbesondere die Koggen und ihr Einsatz in Seegefechten. Schließlich möchte ich auf die Schiffe des späten Mittelalters eingehen, die zum Teil bereits einige Ähnlichkeiten mit den Schiffen des 18. und 19. Jahrhunderts aufwiesen.

Die Wikinger – Pioniere auf See

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Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langboote

Im frühen Mittelalter gab es in Europa kein seefahrendes Volk, das auch nur entfernt mit den Wikingern verglichen werden kann. Die Langschiffe dieser erfahrenen und überaus erfolgreichen Krieger waren Meisterwerke der Schiffsbaukunst und taktisch äußerst vielseitig einsetzbar. Sie konnten nicht nur auf dem Meer, sonder aufgrund ihres geringen Tiefgangs auch in küstennahen Gebieten und sogar auf Flüssen eingesetzt werden. Sie waren dementsprechend für schnelle Anlandungen bestens geeignet. Auch Schlachten zwischen Wikingerflotten sind überliefert. Die unterschiedlich großen Schiffe wurden dazu aneinander vertäut und bildeten so hölzerne Plattformen, auf denen gekämpft wurde. Wer den Gegner im Nahkampf bezwingen konnte, gewann das gegnerische Schiff. In diesem Kontext gewinnen auch spielerische Übungen der Wikinger an Bedeutung, beispielsweise das Laufen auf den Rudern bei voller Fahrt.

 

Die Koggen – Schwimmende Festungen

Die Koggen des Hochmittelalters waren wesentlich schwerfälliger als die schnellen Langboote. Dementsprechend unterschied sich die Taktik, in deren Rahmen sie eingesetzt wurden. Koggen verfügten über relativ hohe Bordwände. Am Bug und am Heck befanden sich hölzerne Kastelle, die Schutz vor Geschossen boten. Auch vom geschützten Mastkorb aus wurde gekämpft. Der Kampf zwischen Koggen begann in der Regel damit, dass die Schiffe aufeinander zu segelten und versuchten, eine möglichst hohe Geschwindigkeit zu erreichen. Diese war wichtig, um dem Gegner einen möglichst heftigen Rammstoß zu verpassen und im besten Fall direkt zu versenken. Passierte dies nicht, kam es zunächst zu einem Schusswechsel mit Pfeilen, Bolzen und Büchsengeschossen. Anschließend wurden die Schiffe mit der Hilfe von Enterhaken fixiert und es kam zum Kampf Mann gegen Mann. Wichtig zu beachten ist, dass es beim Koggenbau keine Einheitsgröße gab. Das bedeutet, dass es durchaus bedeutende Größenunterschiede geben konnte und ein Kampf damit unter Umständen schon im Vorfeld entschieden war.

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Galeeren – nicht nur in der Antike eingesetzt

Insbesondere im Mittelmeer bildeten die Galeeren das Rückgrat byzantinischer, italienischer, spanischer/portugiesischer und sarazenischer Flotten. Wie ihre antiken Vorbilder wurden sie sowohl durch Segel als auch durch Ruder angetrieben und verfügten über einen Rammsporn am Bug. Im späten Mittelalter wurde auf ihnen auch Kanonen eingesetzt, die allerdings nur nach vorne bzw. hinten feuern konnten. Sie waren relativ schnell und wendig, allerdings auch anfällig für raue See. Dieser Schiffstyp wurde auch im 17. Jahrhundert noch eingesetzt. Das Hauptaugenmerk im Kampf lag bei den Galeeren darin, gegnerische Schiffe zu entern. Zu diesem Zweck befanden sich neben den Ruderern und Seeleuten zahlreiche Soldaten an Bord.

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Die Schlacht von Lepanto 1571

Das Spätmittelalter und die Weiterentwicklung des Schiffbaus

Mit der Einführung der Pulverwaffen veränderte sich die Taktik zur See nach und nach. Langbögen, Armbrüste und Handbüchsen waren nur der Anfang. Mit der Erfindung der Kanone boten sich für Schiffe ganz neue Möglichkeiten der Bewaffnung. Dazu waren allerdings zunächst neue Konstruktionsarten notwendig. Während die Galeeren wie bereits erwähnt nur nach vorne und hinten feuern konnten, setzten sich im Westen bald Schiffe durch, die ganze Breitseiten abfeuern konnten. Die Kanonen wurden dazu an der Schiffswand platziert, später dann auf mehreren übereinander liegenden Decks. Das diese Art der Konstruktion anfangs noch Probleme machte, lässt sich beispielsweise am Beispiel der Mary Rose, dem Flaggschiff des englischen Königs Heinrich VIII., zeigen. Bei einem scharfen Wendemanöver während der Schlacht von Solent 1545 drang durch eine der nah an der Wasserlinie liegenden Geschützluke Wasser ein. Das Schiff kenterte vor dem Augen des Königs.

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Die Mary Rose. Darstellung von 1546.

Auch nach Ende des Mittelalters kam es noch zu Unfällen, die in direkten Zusammenhang mit einer fehlerhaften Konstruktion gebracht werden können. 1628 sank die schwedische Galeone „Vasa“ auf ihrer Jungfernfahrt (nach ca. einem Kilometer), da ihr Schwerpunkt deutlich zu hoch lag. Briten und Holländer schafften es aber im 17. Jahrhundert, hochseetaugliche und schlagkräftige Schlachtschiffe zu bauen und einzusetzen. Mit ihnen Begann eine neue Ära der Kriegführung zur See.

800 Jahre Magna Carta – Jubiläum einer legendären Urkunde

Die Geschichte von Robin Hood gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Geschichten aus der Zeit des Mittelalters. Ein Gesetzloser wider Willen, der mit Pfeil und Bogen gegen die Tyrannei König Johanns und die Willkürherrschaft des Sheriffs von Nottingham kämpft und für die Gleichheit der Menschen vor Gericht und eine gerechtere Verteilung der Reichtümer eintritt. Wie viele Sagen besitzt auch diese populäre Geschichte einen wahren Kern. Im England des 12. und 13. Jahrhunderts herrschten lange Zeit Zustände, die ein selbstbestimmtes Leben in Frieden beinahe unmöglich machten. Krieg und Willkür waren im England an der Tagesordnung. Niemand konnte sicher sein, sein Leben, seinen Besitz oder gar seine Angehörigen und Freunde vor dem mächtigen Arm eines Königs schützen zu können, dem es vor allem um Geld und Macht ging.

Am 15. Juni 1215 trat mit der Magna Carta in England ein Dokument in Kraft, dass auch 800 Jahre später noch große Beachtung findet. Weltweit wird sie immer wieder im Zusammenhang mit Bürgerrechten und dem Schutz vor Tyrannei zitiert. Kein Wunder, dass auch Hollywood diese Urkunde für sich entdeckt hat.. Auch die Verbindung mit der westlichen Demokratie findet sich immer wieder. Wie sie zustande kam, wie der Inhalt aussieht und inwiefern sie wirklich ein Dokument der Freiheit und Demokratie darstellt, soll in diesem Artikel näher beleuchtet werden.

Das Haus Anjou

Die Carta entstammt einer Zeit zahlreicher nationaler und internationaler Konflikte. In England war seit 1154 das Haus Anjou an der Macht. Heinrich II. war der Herrscher eines Reiches, das nicht nur England, sondern auch große Teile Frankreichs umfasste. Doch schon bald kam es zu Konflikten innerhalb dieser Herrschaft. Zum einen führte der König Krieg gegen seinen ehemaligen Kanzler und den Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket. Es ging vor allem um die geplante Einschränkung kirchlicher Privilegien. Becket wurde 1170 im Namen Heinrichs in seiner Kathedrale von Rittern des Königs ermordet. Ein ungeheuerlicher Vorgang, der dem Image des Königs nicht zuträglich war. Zu allem Überfluss musste sich Heinrich mit Rebellionen seiner Söhne sowie seiner Frau Eleonore von Aquitanien auseinandersetzen. Am 4. Juli 1189 musste er kapitulieren und seinen Sohn Richard als Alleinerben einsetzen. Zwei Tage später starb Heinrich II. in Chinon.1

Richard I. Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jahrhundert.

Richard I. Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jahrhundert.

Richard I. Löwenherz ist einer der bekanntesten englischen Könige – und einer der am meisten verehrten. Noch heute steht sein Reiterstandbild vor dem britischen Parlament. Dies ist erstaunlich, da sich Löwenherz kaum in England aufhielt. Das Land war für ihn vor allem Mittel zur Finanzierung seines Kreuzzugs in Heilige Land (1190-1192). Als Richard auf dem Rückweg von Leopold von Österreich gefangen genommen und an den deutschen Kaiser Heinrich VI. ausgeliefert worden war, betrug das Lösegeld 100.000 Pfund. Dieses musste durch die Erhebung einer Sondersteuer aufgebracht werden.

Nach einem kurzen Aufenthalt in England zog es Löwenherz daraufhin nach Frankreich, wo er gegen den französischen König Philipp Augustus zu Felde zog. Während der Belagerung der Burg Chalus wurde Richard von einem Armbrustbolzen getroffen und starb am 6. April an einer Wundinfektion.2 Sein jüngerer Bruder Johann Ohneland war nun der einzig verbliebene Sohn von Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien. Er begab sich 1206 mit einem Heer nach Frankreich, um die durch König Philipp eroberten Gebiete zurückzuerobern. Nach seiner Niederlage bei La Roche-aux-Moines musste Johann allerdings aufgeben und nach England zurückkehren. Die Ländereien auf dem Kontinent waren nun beinahe vollständig verloren. In seiner Heimat kam es bald zu einem Aufstand der Barone, ausgelöst durch eine als zu hoch angesehene Besteuerung und Eingriffe in die Machtbereiche der lokalen Herrscher. Auch mit der Kirche hatte sich Johann überworfen, war zeitweise sogar exkommuniziert – bis er sich letztlich in ein Lehnsverhältnis zu Papst Innozenz III. begab, um dessen Unterstützung zu erhalten. Nach langen und verlustreichen Kämpfen wurde am 15. Juni 1215 bei Runnymede ein Dokument aufgesetzt, dass Geschichte schreiben sollte.3

König Johann auf der Hirschjagd.

König Johann auf der Hirschjagd.

Magna Carta – die wichtigsten Inhalte

Die Magna Carta von 1215 (London, British Library, Cotton MS. Augustus II. 106).

Die Magna Carta von 1215 (London, British Library, Cotton MS. Augustus II. 106).

Die Carta besteht insgesamt aus 63 Abschnitten. Bereits im ersten wird sichtbar, dass Stephen Langton, der Erzbischof von Canterbury, maßgeblich an der Carta beteiligt war: Die Garantie der Freiheit der Kirche findet sich gleich zu Beginn der Urkunde. Besonders hervorgehoben wird, dass sich niemand in die Wahlen innerhalb der Kirche einmischen darf. Die nächsten Abschnitte beschäftigen sich mit den Erbschaftssteuern und den Regelungen die Vererbung von Land betreffend. Diese waren immer wieder Anlass für Auseinandersetzungen, da der König Erbschaften willkürlich besteuert hatte. Nun wurden genaue Grenzen festgelegt. Wenn der Erbe noch minderjährig war und einen Vormund besaß, sollte er zum Zeitpunkt der Volljährigkeit sein Erbe ohne Zahlungen an die Krone antreten dürfen. Besagter Vormund sollte außerdem dem zu vererbenden Land nicht mehr entziehen, als „vernünftig“ war. Auf diese Art sollte verhindert werden, dass ein Vormund einen Herrschaftsbereich ausbluten ließ, um sich selbst zu bereichern. Auch sollten Minderjährige nicht ohne das Wissen ihrer noch lebenden Verwandten verheiratet werden.

Auch die Problematik der Witwen wird behandelt. Nach dem Tod des Mannes sollte die Frau sowohl ihre Mitgift als auch ihr Erbe unverzüglich erhalten und nicht gegen ihren Willen neu verheiratet werden. Dieser Absatz richtete sich deutlich gegen die bisherige Willkür im Umgang mit Frauen, die ihre Männer im Krieg verloren hatten, plötzlich mittellos in Abhängigkeiten gerieten und so zum Spielball machthungriger Lords wurden.

Auch der Umgang mit Schuldnern hatte immer wieder zu Auseinandersetzungen geführt. Ehemals einflussreiche Familien waren verarmt und hatten ihre Ländereien verloren. So konnte der König Schulden der Krone gegenüber nach belieben als Druckmittel einsetzen. Das sollte nun eingeschränkt werden. So durfte seitens der Krone nicht einfach Land konfisziert werden, so lange das darauf befindliche Vieh zur Tilgung der Schulden ausreichte. Konnte der Schuldner tatsächlich nicht zahlen, mussten zunächst die Bürgen einspringen. Diese durften ihrerseits das Land so lange beschlagnahmen, bis sie ihr Geld vom Schuldner zurück erhalten hatten.

Schulden entstanden im England des 13. Jahrhunderts vor allem durch die hohe Besteuerung durch die Krone. Es verwundert daher nicht, dass die Barone auf Einschränkungen drängten. „Nullum scutagium vel auxiliium ponatur in regno nostro, nisi per commune consilium regni nostri“ – Keine Abgaben sollen erhoben werden ohne einen gemeinsamen Beschluss aller Mächtigen des Reiches. Ausnahmen sollte es nur für einen eventuell notwendig werdenden Freikauf des Königs aus Gefangenschaft geben sowie für den Ritterschlag des erstgeborenen Sohnes und die Hochzeit der erstgeborenen Tochter.

Auch der Einfluss der Händler Londons ist in der Carta sichtbar. So sollen Händler das gesamte Land sicher bereisen können, ohne übermäßig hohe Gebühren zahlen zu müssen. Dies sollte auch für Kriegszeiten gelten. Die Barone und Städte sollten zudem wieder Nutzungsrechte für Wälder und Gewässer erhalten.

Neben den Steuern und dem Handel war es vor allem die Rechtsprechung, die für Konflikte sorgte. In diesem Segment ist es vor allem ein Abschnitt der heraus sticht und ein wichtiger Grund für die spätere Berühmtheit der Carta werden sollte: Kein Mensch soll verhaftet, eingesperrt, für vogelfrei erklärt oder verbannt werden ohne dass ein Urteil seiner Standesgenossen in Übereinstimmung mit dem Gesetz über ihn gefällt worden ist. Auch sollte von nun an jede Anklage durch glaubwürdige Zeugen gestützt werden. In erster Linie ging es den Baronen ganz praktisch darum, der Willkür König Johanns und seiner Sheriffs einen Riegel vorzuschieben. Dazu zählte auch, dass die Dienstmänner des Königs nicht einfach Vieh und/oder Getreide konfiszieren durften, ohne dafür zu bezahlen. Ähnliches gilt für die willkürliche Nutzung von Transportmitteln, die sich nicht in ihrem Besitz befanden. Dies zeigt deutlich das Ausmaß an Willkür, das damals herrschte.

Es überrascht nicht, dass es den Baronen zusätzlich um Sicherheiten ging. Sie konnten sich keinesfalls sicher sein, dass der König oder seine Nachfolger die Carta wirklich beachten würden. Es wurden 25 Barone bestimmt, die über die Einhaltung der Bestimmungen wachen sollten. Ihnen wurde sogar das Recht eingeräumt, im Notfall gewaltsam gegen den König vorzugehen sowie Ländereien und Burgen einzunehmen.4 Dieser Passus wurde allerdings bereits in den neueren Ausgaben von 1216 und 1217 wieder gestrichen.5 Kein Wunder, legitimierten sie doch unter gewissen Umständen einen Bürgerkrieg und einen Aufstand gegen den König.

Fortführung und Ende des Bürgerkrieges

König Johann hatte sich mit der Kirche in der Vergangenheit zwar heftige Auseinandersetzungen geliefert, sich aber schließlich mit Papst Innozenz III. versöhnt und der Kirche sogar das Königreich England als Lehen übertragen. Johann bat den Papst nun, die Magna Carta für ungültig zu erklären. Eine Bitte, die der Papst unverzüglich nachkam. Er erklärte außerdem die Barone für Verräter und exkommunizierte einige von ihnen. Dieses Schicksal erwartete auch sämtliche Bürger Londons, die maßgeblich am Widerstand und der Verfassung der Magna Carta beteiligt waren. Der Bürgerkrieg tobte danach weiter. Selbst ausländische Machthaber versuchten, die Situation auszunutzen und ihrerseits König von England zu werden – allen voran die Könige von Frankreich und Schottland, die von englischen Baronen um Beistand ersucht worden waren. Die Waliser nutzten die Gelegenheit zu einem Aufstand. Johann bekämpfte seine Gegner zwar erfolgreich, starb aber am 18. Oktober 1216 am Dysenterie. Nachfolger wurde sein neunjähriger Sohn Heinrich III. Kurz nach seiner Krönung am 28. Oktober 1216 wurde die Magna Carta neu aufgesetzt sowie jedem aufständischen Baron Vergebung zugesichert, der sich dem neuen König anschloss. Am 20. Mai 1217 vernichtete eine englische Armee unter William Marshal Rebellen und französische Truppen bei Lincoln. Im August des selben Jahres wurde die französische Flotte in der Schlacht von Sandwich zerstört. Die Franzosen verließen schließlich gegen Zahlung einer Summe von 10.000 Mark England und der Frieden konnte wiederhergestellt werden.6

Papst Innozenz III. - Lehnsherr König Johanns und Gegner der Magna Carta.

Papst Innozenz III. – Lehnsherr König Johanns und Gegner der Magna Carta.

Die Bedeutung der Magna Carta für die Nachwelt

Was als Friedensvertrag begann, wurde nach Johanns Tod zu einer symbolischen Vereinbarung zwischen dem König und seinen Untertanen. Mit dem Wegfall der Kontrollfunktion der 25 Barone erlangte das Herrscherhaus nicht nur seine volle Souveränität zurück, es wurde auch die Gefahr eines neuerlichen Bürgerkrieges deutlich reduziert. Im Gegenzug wurde die Carta insbesondere in Krisenzeiten neu ausgestellt, um den guten Willen des Königs und seine Verbindung zum Volk zu symbolisieren. Tatsächlich in Gebrauch bleiben sollte das Dokument bis ins späte 15. Jahrhundert. Danach war es vor allem ein Symbol, dass bei Auseinandersetzungen zwischen König und Volk immer wieder wichtig wurde. Es stellte im Grunde einen Vertrag da. Der König erklärte sich damit einverstanden, bestimmte Grundsätze und Freiheiten zu achten und zu respektieren – wenn ihm das Volk ihm Gefolgschaft leistete und seine Steuern zahlte. Auch international fand und findet sie immer wieder große Beachtung, so beispielsweise im Rahmen der Unabhängigkeitsbestrebung der Vereinigten Staaten von Amerika im späten 18. Jahrhundert. Heutzutage wird die Magna Carta meist mit Freiheitsstreben, dem Kampf gegen Tyrannei und den Einsatz für demokratische Prozesse verbunden.7

Das Siegel des US-amerikanischen Bundesstaats Massachusetts 1775 - inklusive der Carta.

Das Siegel des US-amerikanischen Bundesstaats Massachusetts 1775.

Dabei war die Carta zu keiner Zeit ein Dokument, deren Verfasser sich jemals für eine Form der Demokratie ausgesprochen hätten. Diese Idee war zur Zeit ihrer Entstehung nicht einmal bekannt. Zudem hätten sich die Barone und Kleriker niemals für eine Demokratisierung ausgesprochen, hätten sie so doch so ihre eigene Machtgrundlage in Frage gestellt. Damals ging es vor allem um die Machtkämpfe innerhalb des Adels, der sich nicht von einem König über alle Maßen gängeln oder gar ruinieren lassen wollte. Sicherlich trafen die hohen Besteuerungen seit Heinrich II. das gesamte Volk, aber der mit Abstand größte Teil der Carta beschäftigt sich eindeutig mit Regelungen, die konkret den Adel und seine Lebensweise betreffen. Ihre Wirkung in den nachfolgenden Jahrhunderten war vor allem symbolischer und vorbildhafter Natur, ein Zeichen für die Hoffnungen der Menschen auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Sie ist aber auch ein Vertrag zwischen König und Volk, der die Grundlage bilden sollte für unser modernes Gesellschaftsverständnis. Kein Wunder also, dass die Magna Carta die Menschen auch nach 800 Jahren noch bewegt und fasziniert.

1Vgl. Aurell (2009). S. 76-77.

2Vgl. Ebd. S. 79-80.

3Vgl. Ebd. S. 81.

4Vgl. Ebd. S. 120-145.

5Vgl. Ebd. S. 103.

6Vgl. Ebd. S. 93-104.

7Vgl. Ebd. S. 101-116.

Literatur:

Aurell, Martin: Die ersten Könige aus dem Hause Anjou (1154-1216). In: Vollrath, Hanna; Fryde, Natalie (Hrsg.): Die englischen Könige im Mittelalter. Von Wilhelm dem Eroberer bis Richard III. 2., durchgesehene Auflage 2009. München, 2004.

Jones, Dan: Magna Carta. The Making and Legacy of the Great Charter. London, 2014.

Konrad Kyesers Ideen für den Krieg – Die Darstellungen aus dem Bellifortis in Talhoffers Fechtbuch

Die am weitesten verbreiteten Vorstellungen über den Krieg im Mittelalter entstammen dem Frühmittelalter. Häufig wird dazu tendiert, diese einfach auf die Zeit des Spätmittelalters anzuwenden. Die aus dieser Zeit erhaltenden Kriegsbücher und Quellen zu Schlachten und Belagerungen zeigen aber, dass sich die Strategie im Krieg und die Waffentechnik zu dieser Zeit bereits wesentlich weiterentwickelt hatten. Insbesondere die Bücher zur Kriegs- und Kampftechnik sind ausgesprochen interessant und zeigen bisweilen Gerätschaften, die seltsam modern und exotisch anmuten.

In diesem Artikel sollen einige der Geräte und Ideen aus dem Fechtbuch von Hans Talhoffer vorgestellt werden. Talhoffer wurde 1410-15 in Schwaben geboren.[1] Er war ein versierter Kämpfer, der anfangs als Schirmmeister für adligen Nachwuchs tätig war. Von 1443 bis 1467 entstanden seine bis heute bekannten Fechtbücher, die er von zwei Schreibern sowie mehreren Malern herstellen ließ.[2] Hier soll es konkret um das Werk mit der Bezeichnung MS Thott.290.2º gehen. Es wurden 1459 fertig gestellt und befindet sich heute im Bestand der Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen, Dänemark.[3] Talhoffer gehörte den Marxbrüdern an, einer Bruderschaft aus Fechtern, die sich jährlich in Frankfurt traf.[4] Für diesen Artikel sind allerdings weniger seine Anleitungen für das Fechten von Bedeutung sondern die bildlichen Darstellungen Konrad Kyesers, die in das Fechtbuch übernommen wurden. Diese stammen aus dem „Bellifortis“, dass Kyeser am Ende des 14. Jahrhunderts verfasst hatte und die Hans Talhoffer in sein Fechtbuch übernahm.[5]

Das Überqueren von Gewässern

Viele mittelalterliche Befestigungen waren nicht nur durch Mauern, sondern auch durch Wassergräben geschützt. Diese zu überwinden war daher unumgänglich, wenn man einen Angriff ausführen wollte. Auch auf dem Marsch war es für Armeen notwendig, Wasserläufe schnell überqueren zu können. Nicht immer existierte eine Brücke und wenn doch, befand sie sich unter Umständen unter der Kontrolle des Feindes.

Folio 14v - Die Überwindung von Gewässern für einzelne Personen

Folio 14v – Die Überwindung von Gewässern für einzelne Personen

Folio 14v zeigt mehrere Möglichkeiten, ein Gewässer zu überqueren. Ein an einem Kran befestigter Korb ermöglicht es, immer einen Menschen hinüber zu heben. Auch wird eine ausfahrbare Schwimmbrücke gezeigt, die durch luftgefüllte Säcke über Wasser gehalten wird. Im Vordergrund ist eine Person zu sehen, die einen Schwimmring um die Hüften trägt und ihn ständig aufpusten muss, um nicht unterzugehen. Dieser Ring wird im Detail auf Folio 26r dargestellt. Auch die Idee der Schwimmflügel gab es schon im ausgehenden 14. Jahrhundert, wie Folio 27r beweist.

In der Tat wurden im Spätmittelalter Schwimmbrücken verwendet. Der burgundische Geschichtsschreiber Jean Molinet beschreibt in seinen „Chroniques“ eindrucksvoll, wie die Burgunder unter Karl dem Kühnen sie bei der Belagerung von Neuss 1474/75 einsetzten und mit ihrer Hilfe sogar ganze Wasserwege absperren konnten.[6]

Besonders interessant sind die dargestellten Möglichkeiten, zu tauchen. Folio 43v, 44r sowie 45r zeigen uns Schnorchel und Taucheranzüge. Laut Beschreibung sollten sie aus Leder hergestellt sein und mit Harz abgedichtet. Die Sauerstoffversorgung erfolgt durch mit Luft gefüllte Säcke oder Schnorchel. Diese Anzüge sind laut Beschreibung ausdrücklich dazu gedacht, unter Wasser laufen zu können.

Folio 44r - Ein Taucheranzug aus dem Mittelalter

Folio 44r – Ein Taucheranzug aus dem Mittelalter

Das Erstürmen von Befestigungen

Nach dem Überwinden der Wassergräben wollten noch die Mauern erklommen oder zum Einsturz gebracht werden. Hierfür wird zunächst die Blide empfohlen.[7] Neben diesem altbekannten Katapult finden sich modernere Büchsen.[8] Auch gibt es verschiedene Schutzschirme und fahrbare Tunnel, um am Fuß der Mauer geschützt arbeiten zu können.[9] Auch diverse Leitern und Rampen finden sich unter den Abbildungen.[10] Spannend sind diverse Aufzugskonstruktionen. Auf 33v wird ein Aufzug zum Teil durch Muskel- zum Teil durch Windkraft betrieben. Beim Modell auf 34r werden eine oder mehrere Personen mit Hilfe von zwei Flaschenzügen nach oben befördert. 35r zeigt einen auf einem Boot aufgebauten Aufzug, der durch Wasserkraft betrieben werden soll. Um sich dem Mauern zu nähern werden zudem große Körbe aus gehärtetem Leder empfohlen, unter denen mehrere Männer Platz finden sollen.[11]

Folio 34r - Aufzug mit Flaschenzügen

Folio 34r – Aufzug mit Flaschenzügen

Verteidigung von Burg, Stadt und Feldlager

Nicht nur für die Belagerer, auch für die Belagerten werden Vorschläge gemacht. Besonders interessant ist die auf Folio 24v gezeigte Idee, an der höchsten Stelle der Befestigung ein Feuer unter einer roten Kuppel aus Glas brennen zu lassen und so alles in ein unheimliches rotes Licht zu tauchen. Dies soll dazu dienen, den Feind in Angst zu versetzen. Ob dies tatsächlich so umgesetzt wurde und ob es funktionierte, lässt sich allerdings nicht nachweisen.

Folio 24v - Oben auf dem Turm ist die rote Glaskuppel zu sehen.

Folio 24v – Oben auf dem Turm ist die rote Glaskuppel zu sehen.

Weniger ungewöhnlich erscheint da der Vorschlag, die Tore mit Polstern zu schützen oder Zelte mit angespitzten Holzpfählen zu umgeben, um nächtlichen Überraschungen vorzubeugen.[12]

Gerätschaften für die Schlacht

Die offene Feldschlacht stellte in der Regel ein kaum kalkulierbares Risiko dar. Kein Wunder also, dass es zahlreiche Überlegungen gab, die Kämpfer bestmöglich zu schützen. Kriegswägen wurden erstmals von den Böhmen im 15. Jahrhundert im großen Stil eingesetzt. In Talhoffers Fechtbuch finden sie sich ebenfalls. So ist auf Folio 15v zu sehen, wie mehrere Kämpfer auf einem rollenden Fort in die Schlacht gezogen werden. 37v zeigt eine Art mittelalterlichen Panzerkampfwagen. An der Seite angebrachte Speere sollen Gegner fernhalten, während die zu beiden Seiten zeigenden Büchsen den Fernkampf ermöglichen.

Folio 37v - Der Kriegswagen ist zweidimensional dargestellt.

Folio 37v – Der Kriegswagen ist zweidimensional dargestellt.

Zudem werden mehrere mit stählernen Dornen und Klingen versehene Wägen gezeigt, die von einer erhöhten Stellung aus in die gegnerischen Reihen geschickt werden sollten, um diese aufzubrechen.[13] Sehr exotisch mutet der sogenannte Krebs auf Folio 38r an. Der Beschreibung nach soll dieser geschmiedet sein und an einem Ende über einen Ring verfügen. Ich nehme an, dass dieser dazu dienen sollte, den schweren Krebs mit Hilfe eines Zugtieres in Bewegung zu setzen. Über die Einsatzmöglichkeiten lässt sich aber nur spekulieren. So könnte versucht worden sein, den Krebs in die gegnerische Formation fahren zu lassen. Es wäre auch möglich gewesen, ihn gegen einen berittenen Angriff einzusetzen und die gegnerischen Pferde zum Stürzen zu bringen. Ob er überhaupt zum Einsatz kam, bleibt jedoch fraglich – nicht zuletzt aufgrund der riesigen Menge an Eisen, dass zur Herstellung nötig gewesen wäre. Auch wäre sein Einsatz unnötig kompliziert gewesen.

Folio 38r - Der Krebs

Folio 38r – Der Krebs

Die mittelalterliche Sauna

Die Idee, Räume zu beheizen, ist sehr alt. Jeder kennt sicherlich die komplexen Heizungsanlagen der Römer. Dieses Wissen verschwand nicht mit dem Untergang des weströmischen Reiches. Einige mittelalterliche Klöster, wie beispielsweise das Kloster Ebstorf in Niedersachsen, verfügten über eine Heizung. Luft wurde mit Hilfe von Feuer erhitzt und über ein Leitungssystem in den Fußboden geleitet. Auch Wasser konnte so erhitzt werden, wie Folio 41r zeigt. Sogar die Sauna war im Mittelalter bekannt. 31v zeigt eine Holzhütte, die durch einen Ofen beheizt wird. Zusätzlich wird die Verwendung von den Heilkräutern Baldrian, Bertram und Eindorn empfohlen. Helfen soll die Sauna gegen die „Gebrechen der Glieder und des Fusses“ sowie gegen das „Zittern der Glieder“.

Folio 31v

Folio 31v

Das Mittelalter – eine dunkle Zeit?

Wir sehen in diesem Werk eine Vielzahl von Erfindungen, die bereits eine hohe Komplexität bei gleichzeitiger Praxisorientiertheit aufweisen. Es fällt auf, dass die meisten von ihnen sich auf den Krieg beziehen. Dies verwundert nicht, immerhin waren sowohl Konrad Kyeser als auch Hans Talhoffer in erster Linie Soldaten. Sie wussten sehr gut, was im Krieg funktionierte. Kyeser hatte aber auch viele neue Ideen, die er in seinem Werk aufzeichnen ließ und die später von Talhoffer bereitwillig übernommen wurden. Dementsprechend finden sich alte und neue Ideen Seite an Seite. Die Konzepte von Kyeser muten an einigen Stellen ungewöhnlich modern an. Erstaunlich wenn man ihre Entstehungszeit, das Ende des 14. Jahrhunderts, bedenkt. Allerdings war die Technik im 14. und 15. Jahrhundert tatsächlich weit fortschrittlicher, als sie häufig dargestellt wird. Die angewandten Prinzipien nutzen sehr intelligent die Energie von Mensch und Tier, die Kraft von Wasser, Feuer, Luft und Erde. Schwarzpulver war bereits seit dem späten 14. Jahrhundert bekannt und wurde häufig eingesetzt. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei einigen der dargestellten Gerätschaften um Konzeptzeichnungen handelte, deren tatsächliche Existenz sich nicht sicher nachweisen lässt.

[1] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer (02.01.2015).

[2] Vgl. elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2008/3604/pdf/Fechtbuch.pdf (02.01.2015). S. 140.

[3] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Talhoffer_Fechtbuch_%28MS_Thott.290.2%C2%BA%29 (02.01.2015).

[4] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Marxbr%C3%BCder (02.01.2015).

[5] Vgl. commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bellifortis (03.01.2015).

[6] Vgl. Ossenkop, Daniel (2014). S. 66.

[7] Vgl. Folio 16v.

[8] Vgl. Folio 42v, 43r.

[9] Vgl. Folio 19v, 20r, 20v, 22v, 34v.

[10] Vgl. Folio 17r, 18r, 18v, 21v, 27v, 28r, 40v.

[11] Vgl. Foto 23v.

[12] Vgl. Folio 24r, 25r.

Quelle:

wiktenauer.com/wiki/Talhoffer_Fechtbuch_%28MS_Thott.290.2%C2%BA%29 (02.01.2015).

 

Internet:

commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bellifortis (03.01.2015).

wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer (02.01.2015).

wiktenauer.com/wiki/Marxbr%C3%BCder (02.01.2015).

 

Literatur:

elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2008/3604/pdf/Fechtbuch.pdf (02.01.2015).

Ossenkop, Daniel. Die Belagerung von Neuss im 15. Jahrhundert. Die Verteidigung der Stadtrechte gegen einen Herzog. Hamburg, 2014.

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[13] Vgl. Folio 23r, 36v, 38v, 39r.