Die Wikinger und Alfred der Große

Im Jahr 871 n. Chr. beherrschten die Wikinger beinahe ganz England. Die „Great Heathen Army“, angeführt von Ivar dem Knochenlosen und seinem Bruder Halfdan, hatte seit 865 n. Chr. weite Teile der britischen Inseln gewaltsam unter ihre Kontrolle gebracht. König Aelle, der König von Northumbria, war von ihnen 869 getötet worden. Edmund, der Herrscher von East-Anglia nur ein Jahr später. An ihrer Stelle waren englische Vasallenkönige eingesetzt worden, die vollständig unter der Kontrolle der Sieger standen. Das Königreich Wessex, angeführt von Alfred dem Großen, leistete ihnen jedoch erbitterten und schließlich erfolgreichen Widerstand.

Im ersten Artikel dieser zweiteiligen Serie haben wir gesehen, wie die „Great Heathen Army“ beinahe ganz England erobern konnte. Lesen Sie nun im zweiten und letzten Teil, wie es dem legendären englischen König Alfred dem Großen gelang, der als unbesiegbar geltenden Streitmacht aus Skandinavien Einhalt zu gebieten.

Die Wikinger greifen wieder an

Nach ihren ersten Erfolgen konnten die Wikinger relativ gefahrlos auf englischem Boden überwintern. Angespornt durch die Siegesmeldungen fanden sich immer mehr abenteuerlustige und beutehungrige Nordmänner, die die zweitägige Überfahrt von Dänemark nur zu gerne auf sich nahmen um sich ihren Landsleuten anzuschließen. Es gelang ihnen nach einer kurzen, aber heftigen Offensive im Jahr 871, Wessex zu einem Friedensvertrag zu zwingen.1 Die vollständige Eroberung des Königreiches musste jedoch auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Das Wikingerheer schlug sein Lager vorerst in Repton auf. Von dort aus eroberte es 874 Mercia, bevor sie sich in zwei Gruppen teilte. Halfdan zog mit seinen Männern Richtung Norden, wo sie Land eroberten und damit begannen, Landwirtschaft zu betreiben..2 Die dort gegründeten Siedlungen sollten noch lange Zeit Bestand haben und die Grundlage für das sogenannte „Danelag“ werden sollte – ein Gebiet, das für lange Zeit immer neuen Siedlern aus Skandinavien als Heimat dienen sollte.

Rekonstruierte Häuser im Wikingermuseum Haithabu

Haithabu in Schleswig – Rekonstruierte Wikinger-Häuser

Neue Invasionen von Wessex

Wessex war nun wieder in ernsthafter Gefahr. Ein großes Wikingerheer begann 875 eine zwei Jahre dauernde Invasion. Im Laufe dieses Ereignisses entschieden sich jedoch immer mehr Nordmänner dazu, Höfe zu errichten und zu Siedlern zu werden.3 Kein Wunder: In ihrer Heimat mussten die Skandinavier mit kargen Böden und einem unbarmherzigen Klima zurechtkommen. Hier, auf der britischen Hauptinsel, lagen die Verhältnisse gänzlich anders. Die Zustände hier mussten den Männern aus dem rauen Norden geradezu paradiesisch erschienen sein. Und wer Land bestellte, musste nicht immer und immer wieder sein Leben in der Schlacht riskieren. Deutliche Vorteile für die Familiengründung hatte diese Lebensweise außerdem.

Im Jahr 878 startete eine so deutlich verringerte Streitmacht eine dritte Invasion von Wessex. Dieses Mal konnten sie König Alfred sogar ins Exil in die Sümpfe von Somerset treiben. Dort sollte er jedoch nicht lange bleiben.

Alfred erobert sein Königreich zurück

Der englische König war keineswegs dazu bereit, sich mit seinen anfänglichen Niederlagen abzufinden. In nur wenigen Wochen sammelte er ein beeindruckendes Heer um sich und stellte die Wikinger bei Edington in Wiltshire zur Schlacht. Dieses Mal triumphierten die verbissen kämpfenden Engländer. Die Wikinger mussten sich in ihr befestigtes Lager zurückziehen, wo sie belagert wurden. Schließlich mussten sie ausgehungert aufgeben. Die Anführer der Nordmänner ließen sich daraufhin Taufen und die Kämpfe fanden (vorerst) ihr Ende.4 Es ist anzunehmen, dass viele Angehörige des Heeres dem Vorbild ihrer Anführer folgten – eine wichtige Voraussetzung für die nun stattfindende Integration der Skandinavier, die in den meisten Fällen zu Siedlern wurden.

Alfred war das gelungen, was für viele seiner Vorgänger tödlich oder im Exil geendet hatte: Die Wikinger aufzuhalten. Er war der letzte König, der einer vollständigen Eroberung Englands durch die Nordmänner noch im Weg stand. Durch sein entschlossenes Handeln konnte er verhindern, dass sich sein Heer vollständig auflöste. Stattdessen vermochte er es, neue Hoffnung und neuen Kampfgeist in den Herzen seiner Männer zu erwecken.

Die Skandinavier hatten dem Land dennoch dauerhaft ihren Stempel aufgedrückt. Mit ihren zahlreichen Siedlungen sollten sie großen kulturellen Einfluss auf die englische Geschichte nehmen. Viele vermischten sich schließlich mit der einheimischen Bevölkerung. Und noch heute lassen die nordisch klingenden Ortsnamen (endend auf -by) auf dem Gebiet des ehemaligen Danelags den Einfluss der Wikinger erkennen.

Literatur:

Keynes, Simon: Die Wikinger in England (um 790-1016). In: Sawyer, Peter (Hrsg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. Hamburg, 2008.

1Vgl. Keynes, Simon (2008). S. 64.

2Vgl. Ebd. S. 65.

3Vgl. Ebd., S. 65-66.

4Vgl. Ebd. S. 67.

Die „Great Heathen Army“ – oder wie die Wikinger um ein Haar ganz England eroberten

„A.D. 865. This year sat the heathen army in the isle of Thanet,

and made peace with the men of Kent, who promised money

therewith; but under the security of peace, and the promise of

money, the army in the night stole up the country, and overran

all Kent eastward.1

Mit diesen Worten wird in der Anglo-Saxon Chronicle der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen beschrieben, die weitreichende Folgen sowohl für England als auch für Skandinavien haben sollten. Im Jahr 865 erreichte die sogenannte „Great Heathen Army“ England. Erleben Sie in dieser Serie hautnah mit, wie die Wikinger durch mehrere englische Königreiche zogen, Tribute einforderten und Könige zu Fall brachten, bevor ihnen schließlich doch noch Einhalt geboten werden konnte.

Wikinger

Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langbooten.

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit der Frage, woher die „Great Heathen Army“ wahrscheinlich stammte, wer sie anführte und zeigt auf, wie sie in kurzer Zeit mehrere Königreiche zu Fall brachte.

Der Ursprung der „Great Heathen Army“

Über die genaue Herkunft und Zusammensetzung der Armee besteht in der Forschung bis heute keine Einigkeit. Einige meinen, es handelte sich um eine aus Dänemark stammende Armee. Andere Forscher vertreten die Ansicht, dass es sich um einen Zusammenschluss von Wikingern handelte, die zuvor im Frankenreich und in Irland aktiv waren. Als gesichert gilt nur, dass es sich um ein relativ großes Aufgebot gehandelt haben muss. Zum jetzigen Zeitpunkt wird von zwei- bis dreitausend Kriegern, Männern wie Frauen, ausgegangen. Angeführt wurde das Heer von mehreren, hochrangigen Wikingern. Dazu zählten Halfdan und Ivar der Knochenlose, beides Söhne des legendären Ragnar Lodbrok.

Kent, East-Anglia und Northumbria werden überrannt

Der Ansturm der Wikingerarmee scheint die englischen Herrscher gänzlich unvorbereitet getroffen zu haben. Zwar waren zuvor bereits Angriffe von Plünderern abgewehrt worden. Auf eine derart große Zahl von Angreifern war man aber offensichtlich nicht vorbereitet.

Nur ein Jahr nach der Eroberung von Kent befand sich das Heer bereits in East-Anglia, dass sich den Angreifern ergeben hatte. Strategisch besonders bedeutsam ist die Textstelle „they were soon horsed“. Sie besaßen nun Pferde für den Transport, für Aufklärung und den Einsatz im Kampf.

Die Wikinger blieben nicht in East-Anglia. 867 überschritten sie den Humber und begannen die Invasion von Northumbria. Begünstigt durch die Thronstreitigkeiten zwischen den Königen Osbert und Aella machten sie schnell Fortschritte und standen schließlich vor den Toren Yorks. Doch obwohl sich beide Herrscher im Angesicht der großen Bedrohung zusammenschlossen, konnten sie die Wikinger nicht bezwingen. Beide Könige fielen in der Schlacht und York wurde eingenommen.2

Mercia, Hilfe aus Wessex und eine überraschende Kapitulation

868 stießen die Wikinger weiter in Richtung Süden vor und fielen in Mercia ein. Ihr Winterlager schlugen sie bei Nottingham auf. König Burhred von Mercia wusste, dass er die Angreifer alleine nicht würde besiegen können. Er wandte sich hilfesuchend an Ethelred, den König von Wessex und dessen Sohn Alfred. Diese erklärten sich einverstanden. Doch schon kurz nachdem das englische Heer nach Mercia gezogen war stellte sich heraus, dass sich die Einwohner des Landes bereits unterworfen hatten. So kam es zunächst zu keinen größeren Kämpfen zwischen den beiden Heeren.3

Eine (vorläufige) Verschnaufpause

Wie die Wikinger konkret auf die Armee aus Wessex reagiert haben, wird in der Anglo-Saxon Chronicle nicht erwähnt. Überliefert ist aber Folgendes: Im Jahr 869, ein Jahr nach der Eroberung von Mercia, begab sich das Wikingerheer zurück nach York. Es sollte ein Jahr dauern, bis sich die Wikinger auf weitere Eroberungszüge begaben.

Es ist durchaus beachtlich, wie schnell und mühelos die Wikinger gleich mehrere englische Königreiche in die Knie zwangen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen zeigt der Zusammenschluss zu einem großen Heer (zumindest auf Zeit), dass sich die Wikinger der Bedeutung zahlenmäßiger Überlegenheit bewusst waren und sie zu nutzen wussten. Sie passten sich zudem flexibel neuen Gegebenheiten an. So besorgten sie sich kurzerhand Pferde und waren in der Lage, befestigte Stellungen zu belagern und einzunehmen. Ihr schnelles Vorgehen ließ den Herrschern dabei kaum Zeit für Vorbereitungen. Die englischen Armeen dieser Zeit, die sog. Fyrd, setzten sich aus der wehrpflichtigen Bevölkerung der jeweiligen Landesteile zusammen. Das waren weder professionelle Krieger, noch konnte man sie in kurzer Zeit versammeln. Dazu kam, dass den Wikingern in dieser Zeit ein schrecklicher Ruf vorauseilte. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit angesehen. Kein Wunder, dass die Kampfkraft der angelsächsischen Aufgebote zu dieser Zeit nicht wirklich gut war.

All dies sollte sich jedoch schon bald ändern. Insbesondere Alfred, der junge Thronfolger aus Wessex, sollte den Wikingern einiges mehr an Widerstand entgegensetzen.

 

2Vgl. Ebd.

3Vgl. Ebd.

Quelle:

http://omacl.org/Anglo/

Piraten des Mittelalters

Das drittälteste Gewerbe der Welt verhieß bereits seit der Antike all jenen ein Einkommen, die gewillt waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und anderen das ihre sowie ihre Besitztümer zu nehmen. Beute fanden die Seeräuber zu allen Zeiten reichlich, zur See wie an Land. Die grundsätzlichen Strukturen und Vorgehensweisen unterschieden sich im Mittelalter kaum von denen, die sich von 17. bis zum 18. Jahrhundert finden lassen- von der Waffentechnik einmal abgesehen.

Wikinger: Seeräuber des Nordens

Die Nordmänner waren wahre Meister der Kriegführung zur See und im Durchführen schneller Überfälle. Sogar Belagerungen und offene Schlachten fürchteten sie nicht. Ihre Unerschrockenheit brachte ihnen schnell einen furchterregenden Ruf ein. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden innerhalb der christlichen Königreiche betrachtet. Ihre Langschiffe waren allen anderen Schiffen ihrer Zeit weit voraus. Bei schneller Fahrt sorgte die Anordnung der Planken dafür, dass Luft unter den Rumpf geleitet wurde und sich dort zwischen Schiff und Wasser schob. So waren ungewöhnlich hohe Geschwindigkeiten erreichbar. Der geringe Tiefgang sorgte zudem dafür, dass die Wikinger selbst auf kleinen Flüssen Ziele erreichen konnten, die weit im Inland lagen.

Die Piratenschiffe des Mittelalters

Das Design der Langschiffe wurde von einigen Seefahrern noch lange Zeit beibehalten. Im Hoch- und Spätmittelalter wurde vor allem die Kogge verwendet, die in unterschiedlichen Größen gefertigt wurde. Dieser Schiffstyp besaß einen größeren Tiefgang als das Langschiff und konnte weit mehr Ladung aufnehmen. Es war zwar langsamer als die Langschiffe, dafür aber weit stabiler. An Bug, Heck sowie am Hauptmast befanden sich Plattformen, von denen aus gekämpft werden konnte. In einer Seeschlacht nahmen die Koggen zunächst Fahrt auf und rammten anschließend das gegnerische Schiff. Anschließend kam es zum Kampf Mann gegen Mann. In manchen Fällen wurden Koggen beim Aufprall derart beschädigt, dass sie sanken. Für die Piraten war dies, zumindest bei Kaperfahrten, jedoch nicht das gewünschte Ziel.

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Kogge auf dem Siegel von Stralsund

Eustache le Moine – ein Mönch als Pirat

Eustache war ein flämischer Mönch, der im Auftrag der englischen Krone französische Schiffe überfiel. Er operierte vor allem von der englischen Südküste sowie den Kanalinseln aus. Seine Gier nach Beute ließ ihn jedoch bald auch englische Schiffe ins Visier nehmen. 1212 musste er aus England fliehen und stellte sich sogleich in den Dienst des französischen Königs Philipp II. In seinem Auftrag sollte er die geplante Invasion Englands anführen. In der folgenden Seeschlacht unterlag die französische Flotte allerdings. Eustache wurde gefangen genommen und noch auf See enthauptet.

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Eustache in der Schlacht von Sandwich 1217. Chronica Majora des Matthäus Paris (1200–1259).

Die Vitalienbrüder

Im 14. und 15. Jahrhundert wurde der Nord- und Ostseeraum von einer Gruppe unsicher gemacht, die „Vitalienbrüder“ genannt wurde. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts taucht außerdem die Bezeichnung „Likedeeler“ auf, was so viel wie „Gleichteiler“ bedeutet. Die Beute könnte also zu gleichen Teilen unter der Besatzung aufgeteilt worden sein, ähnlich den späteren Piratengenerationen.

Ursprünglich handelte es sich bei dieser Gruppe um Söldner, die keinen Sold erhielten. Stattdessen waren sie selbst dafür verantwortlich, sich ihre Beute zu sichern. Dies war derart lohnenswert, dass sie sich dieser Beschäftigung auch außerhalb offizieller Kriegszüge widmeten. Wer nun denkt, es hätte sich hierbei ausnahmslos um namenlose Räuber gehandelt, liegt falsch. Eine nicht geringe Zahl rekrutierte sich aus dem Landadel des Nordens. Gödeke Michels, Klaus Störtebeker, Henning Wichmann, Klaus Scheld und Magister Wigbold sind nur ein paar namhafte Persönlichkeiten, die als Anführer auftraten. Zusammen mit nichtadeligen Piraten bildeten sie sogenannte Bruderschaften.

Die Vitalienbrüder operierten so gut wie immer in Kooperation mit Territorialherrschern. Sie waren sowohl im Auftrag von Mecklenburg als auch Dänemarks tätig. Im Nordseeraum arbeiteten sie vor allem mit den ostfriesischen Häuptlingen zusammen, die ebenfalls Piraterie betrieben.

Es liegt nahe, dass die Piraten immer wieder in Kontakt mit den Kaufleuten der Hanse kamen. Diese setzte zwar selbst immer mal wieder auf den Dienst der Seeräuber. Da jedoch immer mehr Schiffe der Hanse Opfer von Überfällen wurden wuchs mehr und mehr der Wunsch, dem Treiben der Piraten ein Ende zu setzen. Die Hanse setzte zu diesem Zweck immer wieder Friedensschiffe ein. Diese waren allerdings teuer, ihre Zahl dementsprechend klein. So blieb die Situation erst einmal, wie sie war.

Das Ende der Vitalienbrüder

Nur ein entschlossenes Vorgehen konnte der Piratenplage ein Ende bereiten. Dies war bekannt, doch musste erst der Leidensdruck hoch genug werden. Gotland, seit Ende des 14. Jahrhunderts eine reine Seeräuber-Insel, wurde 1398 durch eine Flotte des Deutschen Ordens eingenommen. Die Hanse übte unterdessen Druck auf die Ostfriesen aus, die schließlich ihre Unterstützung der Vitalienbrüder einstellten. Die Kaufleute rangen sich nun endlich dazu durch, eine Flotte auszurüsten. Diese stach von Lübeck aus in See und besiegte die Seeräuber auf der Osterems. Einige Anführer konnten zunächst entkommen, wurden aber später gestellt und getötet oder gefangen genommen. Am Leben gelassen wurde letztlich keiner der gefangenen Piraten. Die Städte wollten ein Exempel statuieren. Genutzt hat es freilich nichts. Auch nach dem Ende der Vitalienbrüder kam es immer wieder zu Überfällen auf Handelsschiffe.

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Klaus Störtebeker wird 1401 als Gefangener nach Hamburg gebracht. Nach einem Holzstich von Karl Gehrts (1877).

Die Ursachen der Piraterie

Die einen besitzen viel, die anderen wenig oder nichts. Wurde die Armut immer drängender, weckten offen zur Schau gestellter Reichtum und reiche Handelsverbindungen schon im Mittelalter Begehrlichkeiten. Dabei war es unerheblich, ob ein Seeräuber von adliger Abstammung war oder nicht. Ähnlich den Raubrittern zu Land sahen verarmte Adlige in der Piraterie eine Möglichkeit, mit Hilfe ihrer von Kindesbeinen an erlernten Fähigkeiten ihren Lebensunterhalt zu sichern. Eben diese Fähigkeiten sorgten dafür, dass sie die Raubzüge anführten und zur Anlaufstelle auch für viele Nichtadelige wurden, die ansonsten verhungert wären. So erklärt sich auch, warum aller Einsatz der Städte und Staaten nicht dazu führte, dass die Piraten restlos verschwanden. Es war zudem nicht besonders hilfreich, dass immer wieder Kaperbriefe vergeben wurden. All dies sollte nicht nur kein Ende finden, sondern sich viele Jahrhunderte fortsetzen – auf allen Meeren der Welt.

Grabhügel – Übergänge in die Anderswelt

Bestattungsriten sind so alt wie die Menschheit selbst. Schon die frühesten Menschen beerdigten ihre Toten und es gibt deutlich Hinweise darauf, dass auch der Glaube an ein Leben nach dem Tod seine Wurzeln in der Frühzeit der menschlichen Gesellschaften hat. Ein solcher Glaube ist nicht ohne Bedeutung für die Art der Bestattung. Insbesondere dann nicht, wenn ein physisches Weiterleben in der nächsten Welt erwartet wird. In einem solchen Fall macht es durchaus Sinn, dem Verstorbenen all die Dinge mit auf den Weg zu geben, die er auch im nächsten Leben benötigen wird. Auch im frühen Mittelalter lebten diese Traditionen in Europa fort.

Übergänge in die andere Welt

Bei den alten Religionen Nord- und Westeuropas spielten die Natur und insbesondere Naturphänomene besondere Rollen. Bäume, Flüsse, Seen, Wiesen – alles besaß eine spirituelle Bedeutung. Übergänge in die jenseitige Feld konnten sich an vielen Orten befinden. Besonders baten sich hier Höhlen an, die auch als Wohnorte von göttlichen Wesen dienen konnten. Mit Nebel bedeckte Wiesen konnten den Übergang in die Anderswelt kennzeichnen. Die Verbindung der Menschen dieser Zeit zur Natur war also eine ganz besondere. Es verwundert daher nicht, dass sich die Grabstätten dieser Zeit häufig innerhalb der Natur befanden. Ein deutlicher Unterschied zu den christlichen Gräbern des Mittelalters, die sich in der Regel in der direkten Nachbarschaft einer Kirche befanden. Eines haben aber beide Begräbnisformen gemeinsam: Es geht darum, sich in der Nähe besonderer, spiritueller Orte zu befinden um in das Leben nach dem Tod gelangen zu können.

Die Grabstätten der alten Welt

Monumentale Grabstätten lassen sich in allen Epochen der Menschheitsgeschichte und in allen Erdteilen finden. Im Bereich Nordeuropas wurden die Toten seit der Steinzeit häufig in Steingräbern oder unter Grabhügeln bestattet. Diese Tradition fand auch im frühen Mittelalter noch weite Verbreitung. Grabhügel war jedoch nicht gleich Grabhügel. Tacitus schreibt über die Germanen, sie hätten ihre Toten verbrannt und die Asche anschließend unter einem Hügel beigesetzt. Es sind aber auch beeindruckende Grabkammern aus Holz und Stein entdeckt worden, die neben dem unverbrannten Leichnam zahlreiche Grabbeigaben enthielten. Neben kostbaren Schmuckstücken, Waffen, Haushaltsgegenständen und sogar kompletten Streitwagen fanden die Archäologen auch geopferte Tiere und sogar Sklaven, die ihrem Herren mehr oder weniger freiwillig ins nächste Leben folgen sollten. Die Innenseiten der Grabkammern waren in besonderen Fällen mit kunstvollen Schnitzereien oder Gravuren verziert. Es wurde davon ausgegangen, dass der Tote körperlich wieder auferstehen wird und dann all das brauchen wird, was ihm bereits in seinem alten Leben lieb und teuer war. Dementsprechend richtete sich Umfang und Wert der Beigaben nach dem jeweiligen Status des Verstorbenen. Diese Form der Bestattung war dabei nicht für die Männer reserviert. Es wurden auch Gräber bedeutender Frauen gefunden, deren Grabbeigaben denen der Männer in nichts nachstanden. Die bedeutendsten Gräber konnten wahrlich beeindruckende Ausmaße annehmen. Es wurden Hügel mit bis zu 100 Meter Durchmesser und über 10 Meter Höhe gefunden.

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Ausgrabung des Sutton Hoo-Schiffs, 1939

Besondere Formen der Grabhügel wurden für besonders bedeutende Wikingerherrscher und -herrscherinnen errichtet. Diese wichtigen Persönlichkeiten wurden mitsamt kompletter Langschiffe bestattet. Schiffe gehörten zu den wertvollsten Besitztümern eines Herrschers. Kein Wunder dass davon ausgegangen wurde, dass er dieses auch im nächsten Leben benötigen wird. Insbesondere den Ausgrabungen von Sutton Hoo in England und Oseberg in Norwegen ist zu verdanken, dass wir einen Einblick in dieses Bestattungsritual nehmen können. In einigen Fällen wurde das Schiff samt seiner wertvollen Ladung auch verbrannt, bevor es mit Erde überhäuft wurde. Die archäologischen Befunde decken sich dabei weitgehend mit den Überlieferungen von Augenzeugen wie Saxo Grammaticus und dem islamischen Gelehrten Ibn Fadlan.

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Ausgrabung des Oseberg-Schiffs

Die Angst vor den lebenden Toten

Tod und Sterben waren seit jeher Themen, die nicht nur Anlass zur Trauer gaben, sondern auch Furcht auslösten. Insbesondere die Angst vor lebenden Toten spielte hier eine bedeutende Rolle. Insbesondere die Christen sahen in den alten Grabstätten Orte des Bösen. Besonders verbreitet war die Angst vor Grabunholden, die „draugr“ genannt wurden, was sich als „schädlicher Geist“ übersetzen lässt.

Vor Grabräubern schützten aber auch dieser Aberglauben nicht – viele Gräber wurden geplündert. Wohl auch einer der Gründe dafür, den Toten und seine Wertgegenstände zu verbrennen.

Die Christen und das Verschwinden der Grabhügel

Die Verbreitung des christlichen Glaubens bedeutete letztlich das Ende der alten Bestattungsriten. Die Toten wurden nun nur mit einem Totenhemd bekleidet in der Nähe der christlichen Kirchen begraben. Irdische Besitztümer konnten sie im Leben nach dem Tod ohnehin nicht gebrauchen. Das dennoch auch in christlichen Gräbern dieser Zeit teilweise noch Grabbeigaben gefunden wurden lässt aber darauf schließen, dass sich die alten Traditionen nicht sofort aus den Köpfen verbannen ließen und es einer gewissen Übergangszeit bedurfte, bevor die neuen Riten voll akzeptiert wurden.

Was blieb, sind beeindruckende Monumente einer Kultur, die fest von einem Leben nach dem Tod ausging. Diese Welt war nicht die letzte Station, sondern der Ausgangspunkt für eine Reise, die erst beginnt. Eine Vorstellung, die die Menschen bis in die heutige Zeit begleitet und im Umfeld der Religionen heute genauso aktuell ist wie in allen vergangenen Epochen der Menschheitsgeschichte.

Literatur:

Arnulf Krause: Die wirkliche Mittelerde. Tolkiens Mythologie und ihre Wurzeln im Mittelalter. Konrad Theiss Verlag GmbH, 2012.

Wikingerbegräbnisse – Met und Kampf nach dem Tod?

Die Frage danach, was den Menschen nach dem Tod erwartet, ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Antwort darauf unterscheidet sich jedoch häufig, ist nach Religion und Kulturkreis verschieden. Noch schwieriger wird es, wenn sich im Laufe der Jahrhunderte religiöse Vorstellungen vermischen und den Blick auf die ursprüngliche Version erschweren. Wenn es um die Begräbnisse im vorchristlichen Skandinavien geht, tritt dieser Fall häufig ein. Heute begegnet dem Interessierten häufig das gängige Vorurteil, dass sich alle toten Wikinger in der Halle Odins in Walhalla wiederfinden werden, um immerwährend zu kämpfen und sich den Met aus riesigen Trinkhörnern in den Rachen zu schütten.

"Walhall" von Emil Doepler, 1905.

„Walhall“ von Emil Doepler, 1905.

In der Realität des Frühmittelalters sahen die Vorstellungen allerdings ein klein wenig anders aus. Nicht ein Leben nach dem Tod erschien wichtig, sondern die zu Lebzeiten vollbrachten Taten:

„Besitz stirbt, Sippen sterben,

Du selbst stirbst wie sie;

Eins weiß ich, Das ewig lebt;

Des Toten Tatenruhm.“1

Dies bedeutete jedoch nicht, dass es keinen Glauben an ein Leben nach dem Tod gegeben hätte. Es heißt aber, dass längst nicht alle darauf hoffen konnten, in Odins Methalle auf Ragnarök warten zu dürfen. Dieses Privileg war den ruhmreich im Kampf gefallenen Kriegern vorbehalten.2 Kein Wunder, schließlich waren für den Kampf am Ende der Welt die besten gerade gut genug. Dies stellte nebenbei bemerkt keine Diskriminierung von Frauen dar, die bei den Skandinaviern durchaus mit in den Kampf zogen.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Neben Walhalla existierte noch „Hel“, ein dunkler Ort, an dem die restlichen Toten ein ewiges Dasein fristen müssen.3 Auch wenn Hel sehr an das englische „Hell“ erinnert, handelte es sich nicht um eine Hölle nach christlichem Verständnis. Vielmehr geht es dort relativ unspektakulär zu, die Toten erwarten hier das Ende aller Zeiten. Einem stolzen Krieger wäre aber der Aufenthalt in Hel wohl ähnlich unerträglich vorgekommen.

Die frühen Skandinavier glaubten außerdem daran, dass sie in körperlicher Form ihr neues Leben antreten würden. Dies steht im Gegensatz zu christlichen Vorstellungen, die von einem Weiterleben der Seele ohne den Körper ausgehen. Als Konsequenz fanden sich in Wikingergräbern Grabbeigaben, wie man sie auch aus anderen Kulturkreisen kennt. Je höher der soziale Stand, desto besser waren die Gräber ausgestattet. Fürsten und Könige wurden in großen Grabhügeln bestattet, inklusive Langschiff, Pferden, Waffen, Schmuck, Hunden, Vieh, Dingen des alltäglichen Lebens und sogar von einigen Dienern begleitet.4 Diese wurden im Rahmen des Begräbnisses getötet. Dabei musste dies nicht immer unter Zwang geschehen. In vielen Fällen begleiteten sie ihre Herren freiwillig ins nächste Leben. Eine Entscheidung, die die Tiere freilich nicht treffen konnten.

Das Schiff musste nicht zwangsläufig in einen Grabhügel eingebettet werden. Der islamische Schreiber Ahmed ibn Fadlan beschreibt, dass das Schiff nach der entsprechenden Ausstattung mit Beigaben in Brand gesetzt wurde.

Es wurden aber nicht immer Grabhügel aufgeschüttet oder gar ganze Schiffe eingegraben bzw. verbrannt. Es gab auch den Brauch, aus großen Steinen Schiffsformen um ein Grab herum zu formen. Symbolisch sollten aber sowohl die richtigen Langschiffe als auch ihre Entsprechungen aus Stein den oder die Toten ins Jenseits bringen, wo es ihnen an nichts mangeln sollte.5 Die tapferen Krieger benötigten insbesondere ihre Waffen, um Odin an Ragnarök im letzten Kampf beistehen zu können.

"Kampf der untergehenden Götter" von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

„Kampf der untergehenden Götter“ von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

Die alten Bräuche verschwanden, nachdem sich das Christentum mehr und mehr in Skandinavien ausbreitete. Interessant sind die zahlreichen Parallelen, die es zu Kulturen des Altertums gibt. Schiffe für die Seelen finden sich beispielsweise auch bei den alten Pharaonen. Darstellungen von sogenannten Totenschiffen finden sich sogar später noch in der christlichen Mythologie. Die Ausstattung der Toten für das nächste Leben begegnet den Archäologen bei einer Vielzahl von Kulturen, wenn auch hier die alten Ägypter eines der bekanntesten Beispiele sind. Und auch beeindruckende Grabmonumente lassen sich überall auf der Welt finden. Das Führen des richtigen Lebens, das Vollbringen ruhmreicher und guter Taten war ebenso universell wichtig. Dennoch scheint insbesondere das Christentum eine große Faszination auf die Skandinavier ausgeübt zu haben. Die Verheißung eines ewigen Lebens in Seligkeit für alle Menschen, nicht nur für die tapferen Krieger, sowie die Abkehr von einer nicht unwesentlich durch Gewalt geprägten Glaubenswelt scheinen für die Skandinavier ähnlich reizvoll gewesen zu sein wie für die germanischen Stämme vor ihnen.

1cf. Sörensen (2001). S. 226.

2Vgl. Ebd. S. 226-227.

3Vgl. Ebd. S. 226.

4Vgl. Ebd. S. 227.

5Vgl. Ebd. S. 227-228.

Literatur:

Sörensen, Preben Meulengracht. Alte und neue Religion. In: Peter Sawyer (Hg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 212-234.

Die Fahrten der Wikinger im frühen Mittelalter in das Frankenreich und nach England – Raubzüge, Invasionen oder Entdeckungsfahrten?

Als 793 n.Chr. ein skandinavisches Langschiff vor der englischen Insel Lindisfarne scheinbar aus dem Nichts auftauchte und seine Mannschaft das dort errichtete Kloster plünderte sowie seine Mönche tötete oder versklavte war für die Menschen nicht absehbar, welches Ausmaß die weiteren Kontakte mit den Nordmännern noch annehmen sollte. Die Geschichte dieser Fahrten ist wohlbekannt. Die englischen Königreiche und das Frankenreich sollten die ersten Staatengebilde sein, die mit immer stärker werdenden Angriffen der Wikinger zu kämpfen hatten. Letzten Endes sollten ihre Langschiffe die Männer und Frauen aus dem hohen Norden bis weit nach Osten, Westen und Süden führen. Die Normandie, England, Sizilien, Byzanz, Kiew, Island, Irland, Grönland und sogar Neufundland – überall lassen sich Hinterlassenschaften der Wikinger finden. Doch um was ging es den Skandinaviern in erster Linie? Gold, Sklaven, Land oder das Entdecken neuer Handelswege – was war ihr Hauptmotiv für ihre durchaus riskanten Unternehmungen? Um diese Frage zu beantworten, soll in diesem Artikel der Schwerpunkt auf England und das Frankenreich gelegt werden. Beide Gebiete hatten besonders schwer unter den Einfällen der Wikinger zu leiden.

Interessanterweise war der Überfall auf das Kloster auf Lindisfarne nicht der erste Kontakt der Engländer mit den Wikingern. Laut den Chronisten des 9. Jahrhunderts erreichten drei Schiffe mit Nordleuten die Küste von Portland irgendwann zur Zeit des Königs Beorthric (786-802) als erstes England. Schon dieser Kontakt sei nicht friedlich verlaufen. Der ansässige Vogt habe mit ihnen handeln wollen, sie aber haben ihn getötet und die Siedlung geplündert.[1] Von diesen plündernden Verbänden sind der Forschung ca. 790 bekannt, die sich allerdings nicht alle in Richtung England aufmachten und unabhängig voneinander operierten. Sie konnten sich allerdings zweitweise zusammentun, um größere Ziele angreifen zu können.[2] Die Wikinger verbündeten sich bei Gelegenheit auch mit anderen Völkern und waren in der Lage, große Armeen ins Feld zu führen. So musste sich der westsächsische König Egbert 838 in der Schlacht bei Hingston Down in Cornwall einer Armee aus Wikingern und Kelten erwehren. Im Jahr 851 griff ein Verband aus 350 Schiffen erfolgreich Canterbury und London an.[3]

In den Jahren 865/66 überwinterte ein wohl noch größeres Wikingerheer in Ost-Anglia. Es setzte sich aus den Mitgliedern verschiedener Schiffsbesatzungen sowie mehreren Earls mit ihren Gefolgschaften zusammen. Dieses Heer hielt mehrere Jahre zusammen. Die Forschung geht von einer Größe von 2-3000 Mann aus. Auch die Anführer sind bekannt: Ivar der Knochenlose und Halfdan, beides Söhne des Ragnar Lodbrok. Nachdem sie eine Zeit lang durch England gezogen und Tribute erpresst hatten, eroberten sie 870 das komplette Ost-Anglia. In den eroberten Gebieten kam es bald zur Gründung von Siedlungen.[4]

Beispiel einer Wikingersiedlung

Beispiel einer Wikingersiedlung

Ernsthafte Gegenwehr erfolgte erst durch König Alfred von Wessex. Unter ihm gelang es englischen Truppen, die Dänen zurückzudrängen. Mit König Guttrom wurde die Grenzen zwischen den englischen Gebieten und dem Danelag offiziell festgelegt.[5] Damit war dem erneuten Auftauchen von Schiffen aus Skandinavien allerdings keineswegs ein Riegel vorgeschoben.[6] Noch im 10. und frühen 11. Jahrhundert kam es immer wieder zu Überfällen. 990/91 wurden Friedensverhandlungen mit der Normandie aufgenommen, von wo aus Normannen Plünderungen starteten. Noch im gleichen Jahr erschien eine riesige Wikingerflotte bei Folkstone, bestehend aus ca. 3.000 Mann auf 90 Schiffen. Dieses Heer blieb mehrere Jahre in England, besiegte eine englische Armee bei Malden und erzwang Tribut. 993 wurde Northumbria verwüstet, bis 1004 wurden immer wieder verschiedene Städte und Landesteile angegriffen. Erst die Hungersnot von 1005 sollte die Wikinger dazu bringen, nach Dänemark zurückzukehren. Doch bereits 1006 erreichte eine weitere Flotte die englischen Inseln, die man erst 1012 nach erheblichen Tributzahlungen wieder loswurde. [7] Ruhe hatten die gebeutelten Engländer damit immer noch nicht. 1013 begann der dänische König Sven Gabelbart mit einer Invasion. Tatsächlich gelang es ihm, König Aethelred ins Exil zu treiben. Gabelbart starb 1014, sein Sohn Knut folgte ihm nach. Aethelred gelang es zunächst, ihn zu vertreiben. Knut kehrte allerdings mit einer Flotte zurück und landete bei Sandwich. Nach dem Tod Aethelreds übernahm Edmund Ironside die Organisation der Verteidigung. Knut siegte letzten Endes und wurde als König anerkannt.[8]

König Alfred der Große

König Alfred der Große

Ungefähr zur selben Zeit wie England hatte auch das Frankenreich mit Wikingereinfällen zu kämpfen. Obwohl das Frankenreich keine Insel war, so war es dennoch zu einem nicht geringen Teil vom Meer umgeben. Zudem war es von gut schiffbaren Flüssen durchzogen. Perfekte Bedingungen für die Wikinger. Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass ausgerechnet das so mächtige Frankenreich es lange Zeit nicht vermochte, die Krieger aus dem Norden in die Schranken zu weisen. Allerdings war nach dem Tod Königs Ludwig im Juni 840 der Kampf um seinen Thron entbrannt. Seine Söhne Karl der Kahle, Ludwig der Deutsche und Lothar sowie deren Neffe Pippin II. stritten um das Erbe. Lothar heuerte gar Wikinger an. Im Gegenzug für Siedlungsrecht sollten sie ihm im Kampf beistehen.[9]

Die Wikinger bemerkten schnell, dass das Frankenreich voller reicher, aber ungeschützter Stätten war. Quentowik, Rouen, das Kloster von Saint-Wandrille und Nantes wurden geplündert, zahlreiche Tribute und Lösegelder erpresst.[10] Die Raubzüge waren nicht alleine auf das Frankenreich beschränkt. 844 segelten die Wikinger weit nach Süden und griffen al-Andalus und Galicien an. Auch der marokkanische Kleinstaat Nakur wurde überfallen und die Frauen des dortigen Hofes als Geiseln genommen.[11]

Wikinger

Ähnlich wie in England begannen die Wikinger bald damit, in den Gebieten zu überwintern, in denen sie zuvor geplündert hatten. Es entstanden Stützpunkte, von denen aus weitere Raubzüge unternommen werden konnten. Wie bereits erwähnt nutzten sie die zahlreichen Wasserwege, um auch weit entfernte Ziele anzusteuern. Durch die Stützpunkte war es außerdem möglich, nach und nach größere Heere zusammenzuziehen und dementsprechend schwierigere Ziele anzugreifen. Die Belagerung von Paris 885/86 legt hiervon Zeugnis ab.

Im 10. Jahrhundert begann sich schließlich effektiver Widerstand zu organisieren. König Karl schaffte es zum einen, innerhalb des fränkischen Adels einen gemeinsamen Widerstand zu organisieren. Zum anderen warb er immer wieder Wikingerkontingente an und spielte einzelne Gruppen gegeneinander aus. Die Siedlungspolitik spielte hier eine weitere zentrale Rolle. Bedeutenden Anführern und ihrer Gefolgschaft wurden reizvolle Gebiete und Titel versprochen, wenn sie im Gegenzug die Sicherheit garantierten, nicht mehr plünderten, zum Christentum konvertierten und dem König der Franken die Treue schworen. Da das Plündern inzwischen sehr viel riskanter war als es zu Beginn der Wikingereinfälle gewesen war, gingen viele Anführer auf diese Angebote ein. So entstand beispielsweise die Normandie.[12] Hier hatten schon früher Normannen ihre Stützpunkte aufgeschlagen. Nun gliederte man sie in das Frankenreich ein und machte so Feinde zu Verbündeten und schließlich zu Vasallen.

Am Beispiel der englischen Königreiche und des Frankenreichs wird deutlich, dass die Wikinger zunächst von den leicht zu erobernden Reichtümern beider Gebiete angelockt wurden. Dazu zählten bei weitem nicht nur die Klöster und Kirchen. Auch die Gefangennahme bedeutender Personen oder deren Angehörigen konnte nicht unerhebliche Lösegelder bedeuten. Tribute, um Frieden zu erkaufen, konnten ebenfalls schnell und relativ leicht erpresst werden. Darüber hinaus stellte die Versklavung gefangener Feinde einen wichtigen Punkt dar. Diese Menschen wurden insbesondere in Skandinavien und schließlich im Osten Europas verkauft. Dementsprechend waren Siedlungsgebiete und Handelswege von großer Bedeutung.

Die Wikinger kamen aus Ländern, in denen es weder viele Rohstoffe noch große Flächen urbares Land gab. Gleichzeitig hatten sie Seefahrt und Kriegführung perfektioniert. Kombiniert mit harten Lebensbedingungen und einer Religion, die den Kampf und insbesondere den Tod darin als positiv darstellte, hatten es Franken und Engländer mit äußerst gefährlichen und skrupellosen Gegnern zu tun, die sich aber auch als Söldner anwerben ließen. Gleichzeitig waren die Wikinger gute Bauern und Händler, die auf der Suche nach neuem Land waren. Ihnen müssen die von ihnen durchquerten, fruchtbaren Landstriche paradiesisch erschienen sein. Aus diesem Grund waren sie sicherlich auch bereit, entsprechend verlockende Angebote der westlichen Herrscher anzunehmen.

Bezüglich der Religion scheint es von Seiten der Wikinger keine besonderen Vorurteile gegeben zu haben. Während die Christen sie als Strafe und Sendboten des Teufels wahrnahmen, waren sie vor allem erfreut über die relativ ungeschützten Kirchenschätze. Gleichzeitig griffen sie jüdische und islamische Gebiete an. Es ging ihnen ums Geld, nicht um religiöse Debatten oder gar Missionierung. Skrupel im Umgang mit Gläubigen und Geistlichen hatten sie dementsprechend nicht. Sie waren lediglich sichere Quellen des Reichtums.

Erst, nachdem die Menschen in den betroffenen Gebieten gelernt hatten sich gegen Überfälle und Angriffe koordiniert und gemeinsam zu verteidigen sowie reizvolle Ziele besser zu befestigen, wurden die Raubzüge nach und nach immer weniger rentabel und vor allem zu riskant. So ging das Wikingerzeitalter nach und nach seinem Ende entgegen. Die hohe Flexibilität und zahlreichen Fähigkeiten der Nordmänner und -frauen führte aber dazu, dass die Skandinavier weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollten.

 

 

[1] Vgl. Keynes, Simon (2001). S. 60.

[2] Vgl. Ebd. S. 61.

[3] Vgl. Ebd. S. 62.

[4] Vgl. Ebd. S. 65.

[5] Vgl. Ebd. S. 66-67.

[6] Vgl. Ebd. S: 71.

[7] Vgl. Ebd. S. 83-85.

[8] Vgl. Ebd. S. 85-86.

[9] Vgl. Nelson, Janet L. S. 35.

[10] Vgl. Ebd. S. 36.

[11] Vgl. Ebd. S. 39.

[12] Vgl. End. S. 40-41.

Literatur:

Keynes, Simon. Die Wikinger in England (um 790-1016). In: Peter Sawyer (Hrsg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 58-92.

Nelson, Janet L. Das Frankenreich. In: Peter Sawyer (Hrsg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 29-57.

 

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Schiffe und Seefahrt der Wikinger

Die Wikinger waren das bedeutendste seefahrende Volk des frühen Mittelalters. Ihre Fähigkeiten in Schiffbau, Seefahrt und Kriegführung zur See sollten lange Zeit unübertroffen und bis in unsere heutige Zeit hinein Vorbild bleiben. Nur so war es den Wikingern möglich, ihre berühmten Fahrten zu unternehmen oder erfolgreich Seeräuberei zu betreiben. Dabei beschränkten sich ihre Fähigkeiten längst nicht nur auf den Krieg. Viel wichtiger waren Entdeckung, Besiedlung und Handel. Nicht nur in der damals bekannten Welt erreichten sie so jeden Winkel, sie überquerten gar den Atlantik und gründeten die erste europäische Siedlung in Neufundland. Auch kamen sie lange vor Christoph Kolumbus in Kontakt mit den amerikanischen Ureinwohnern. Doch was machte ihre Schiffe derart besonders?

Die Geschichte der skandinavischen Seefahrt reicht zurück bis in die Bronzezeit, in der noch Kanus eingesetzt wurden. Diese wurden noch nicht über den Wind angetrieben, sondern durch Muskelkraft. Gedacht waren sie in erster Linie für den Einsatz auf Binnengewässern. Das früheste nachgewiesene Boot dieser Art ist das Hjortspring-Boot, das in Dänemark gefunden wurde und aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammt. Es war 19 Meter lang und zwei Meter breit. Angetrieben wurde es durch 24 Paddler. Ruder wurden erstmals bei Booten aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. nachgewiesen.[1]

Segel besaßen diese frühen Schiffe noch nicht. Diese werden zum ersten Mal in einem Bericht von Sidonius Appolinaris aus dem Jahr 743 n. Chr. erwähnt. Aufschluss über die Konstruktionsweise gibt das Oseberg-Schiff, dass aus dem Jahr 820 n. Chr.  stammen soll. Das Schiff war 21,5 Meter lang, 5,2 Meter breit und 1,4 Meter hoch. Der Mast war vor mittschiffs auf dem Kielschwein angebracht. Ein Mastpartner stützte ihn dabei zusätzlich. Als zusätzliche Sicherungen gab es zahlreiche Taue und Wanten, um den Mast auch seitlich abzustützen und so der Kraft des Windes etwas entgegen zu setzen. Von besonderer Bedeutung war die Mastfischplatte. Auf dieser saß der Mast auf. Sie hatte die Aufgabe, das Gewicht des Mastes und die Kraft des auf das Segel wirkenden Windes auf eine breite Fläche zu übertragen. Die Länge der Platte musste dabei an die Länge des Schiffes angepasst werden, um eine Überbelastung zu vermeiden.[2]

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Der Bau der Schiffe oblag erfahrenen Baumeistern, die von Anfang an nach einer klaren Vorstellung arbeiten ließen. Zunächst wurde  der Kiel angelegt. Anschließend fügte man die Planken nach und nach hinzu. Danach erst brachte man die inneren Bauelemente an. Während bei den frühen Schiffen die Planken noch mit Seilen verbunden wurden, verwendete man später Nieten. Das Bauholz wurde mit Äxten bearbeitet. Da die Wikinger keine Sägen kannten, mussten die Baumstämme zuvor mit Keilen gespalten werden. Auch wenn man Hobel verwendete, konnte man mit Hilfe der Äxte bereits eine sehr glatte Oberfläche herstellen. Zusätzlich kamen kleine Handbohrer und Schnitzwerkzeuge zum Einsatz. Man vermutet, dass zum Bestimmen von Längen Senkbleie verwendet wurden. Nieten und Anker bestanden aus Eisen und mussten in Schmieden hergestellt werden.[3]

Gebaut wurde dabei nicht nur ein Schiffstyp. Für verschiedene Aufgaben wurden unterschiedliche Schiffe eingesetzt. Aus den Kriegskanus entwickelten sich zunächst die bekannten Kriegsschiffe, die lang und schlank waren. Mit ihnen konnten große Geschwindigkeiten erreicht werden, auch konnten sie durch ihren geringen Tiefgang Flüsse und Seen befahren. Angetrieben wurden sie durch Segel und Ruder, gelenkt durch ein Steuerruder am Heck. Die Maße konnten variieren. Für den Transport von Waren und längere Reisen auf dem offenen Meer wurden später Frachtschiffe, die Knorren, entwickelt. Sie waren breiter und besaßen mehr Tiefgang.[4]

Bei der Schifffahrt ist es unerlässlich, navigieren zu können. In der Anfangszeit wurde häufig noch mit Hilfe von Landmarken navigiert. Hierzu durfte man sich aber nicht zu weit von der Küste entfernen. Wenn die Wikinger weiter vom Land entfernt waren, nutzten sie die Sonne und andere Sterne dazu, sich zu orientieren. Als Hilfe konnten auch Seevögel dienen, die sich in der Nähe von Land aufhalten. Auch führten manche Seefahrer eigene Vögel mit, die sie fliegen ließen und ihnen quasi folgten. Die Tiere folgten ihrem inneren Kompass, um an Land zu gelangen. Wichtig waren auch Erfahrungswerte über Winde und Strömungen, an denen sich die Wikinger orientieren konnten. So war es ihnen auch möglich, das Wetter für die kommenden Tage vorauszusagen. Als einzig wirklich belegtes technisches Hilfsmittel gilt das Lot, mit dem nahe der Küste Wassertiefen bestimmt werden konnten.[5]

Die wikingische Seemannschaft war in ihrer Zeit einzigartig und überaus erfolgreich. Nur durch sie gelang es den skandinavischen Völkern, ihre Heimatländer zu verlassen und in unbekannte Breiten vorzustoßen. Sie orientierten sich dabei nicht an festgeschriebenen Plänen, sondern griffen auf die mündlich überlieferten Erfahrungen anderer Seefahrer zurück. Gerade dies macht es so schwierig, die damals verwendeten Methoden zu rekonstruieren, auch wenn die experimentelle Archäologie hier bereits Großes geleistet hat. So konnte in Tests herausgefunden werden, dass durch die Anordnung der Planken bei schnellen Fahrten Luft unter das Langschiff gesogen wurde und es so ein klein wenig aus dem Wasser hob und den Widerstand verringerte. Für diese frühe Epoche eine unglaubliche Leistung.


[1] Vgl. Bill, Jan (2001). S. 193-194.

[2] Vgl. Ebd. S. 195-197.

[3] Vgl. Ebd. S. 203-206.

[4] Vgl. Ebd. S. 198-200.

[5] Vgl. Ebd. S. 207-209.

Literatur:

Bill Jan. Schiffe und Seemannschaft. In: Sawyer, Peter (Hg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 192-211.

 

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