Die Armee Karls des Kühnen von Burgund

Karl der Kühne schien dem Soldatenleben und der Armee gegenüber sehr zugetan gewesen zu sein.[1] Mit großer Liebe zum Detail verfasste er mehrere Schriften, die die Organisation der Armee regeln sollten. Von 1468-1476 verfasste er insgesamt sechs Dokumente, in denen er versuchte, genaue Regeln zur Herstellung und Aufrechterhaltung der Disziplin in seiner Armee. Diese teilte er in mehrere Kompanien auf, die wiederrum aus mehreren Schwadronen bestanden. Die verschiedenen Truppenteile sollten durch regelmäßiges Exerzieren und durch Manöver daran gewöhnt werden, im Verbund zu operieren und zu kämpfen.[2] Bei diesen Übungen ging es vor allem darum, eine geschlossene Schlachtlinie zu halten. Auch mussten die Bogenschützen trainieren, von ihren Pferden zu steigen und sich anschließend zu formieren. Währenddessen sollten sich die Pikeniere zwischen sie stellen, um sie vor Nahkampfangriffen zu schützen.[3] Von Übungen Belagerungen betreffend ist der Forschung allerdings nichts bekannt.

Karl der Kühne; Gemälde um 1460

Karl der Kühne; Gemälde um 1460

1469 begann Karl der Kühne, Söldner in seinen Dienst zu nehmen und zu dauerhaft bestehenden Einheiten zusammen zu fassen. Die Bezahlung erfolgte monatlich.[4] Die Rekrutierung dieser Söldner war keine einfache Angelegenheit. Karl war ein großer Bewunderer der italienischen Condottieri, der mächtigen Söldnerkapitäne Italiens. Ab 1472 bemühte er sich verstärkt, diese in seinen Dienst zu nehmen. Hilfe erhielt er vor allem durch Venedig.[5] Zusätzlich warb Karl auch Söldner aus England an, vor allem die im Hundertjährigen Krieg berühmt gewordenen Langbogenschützen. Deutsche Söldner soll es zwar auch gegeben haben, allerdings lediglich in sehr geringer Zahl. Zusätzlich zu den Söldnern konnte Karl auf die Lehnsaufgebote seiner Ländereien zurückgreifen.[6]

Die Kriegsknechte jeder Kompanie unterteilte er in vier Staffeln gleicher Größe, von denen jede von einem Hauptmann angeführt wurde. Jede Staffel war unterteilt in vier „chambres“, die je aus einem „chief de chambre“ und fünf Kriegsknechten bestanden. Die Offiziere waren gekennzeichnet durch bestimmte Abzeichen.

Fluchen, Blasphemie und Würfelspiel waren generell verboten, auch durften die Frauen der Soldaten diese nicht in den Krieg begleiten. Stattdessen sollte jede Kompanie 30 Prostituierte mitführen, um den Männern zu Diensten zu sein.[7]

Artillerieeinheiten waren zahlreich vertreten in der burgundischen Armee, sowohl schwere Belagerungs- als auch bewegliche Feldgeschütze. Sehr effektiv waren diese allerdings nicht, da sie noch eine recht geringe Schussfrequenz aufwiesen.[8]

Die Gesamtstärke der burgundischen Armee zur Zeit der Belagerung von Neuss 1474/75 lässt sich dank der günstigen Quellenlage recht gut nachvollziehen. Laut der  „Cronica van der hilliger Stat va(n) Coelle(n)“ umfassten die Truppen Karls folgende Einheiten:

  • Balduin von Lannaw mit 800 Reitern und 700 Kriegsknechten zu Fuß
  • Reymer von Broichhusen mit 700 Reitern und 300 Kriegsknechten zu Fuß
  • Die Lombarden mit insgesamt 3.000 Reitern und Kriegsknechten zu Fuß
  • Der Herr von Montfort und der Herr von Allcyn mit insgesamt 700 Reitern und 600 Kriegsknechten zu Fuß
  • Die Engländer mit insgesamt 2.000 Reitern und Kriegsknechten zu Fuß
  • Büchsenmeister mit ihren Knechten, insgesamt 200 Personen
  • Zur breiten Masse des Volkes gehörend, wahrscheinlich Trossknechte, 2.000 Personen
  • 1.000 Frauen
  • 400 Geistliche

In seinem persönlichen Umfeld befunden haben sich der Herr von Symay, der Herr von Hemenfort, der Herr von Vermaile, Herr Jakob von Lutzenburg, Herr Engelbrecht von Nassanwe, der junge Herr von Kleve und der Junker Friedrich von Segemont, außerdem seien in seiner Nähe 3.000 Reiter und 8.000 Kriegsknechte zu Fuß untergebracht gewesen.[9] Insgesamt umfasste Karls Heer der Quelle nach 23.400 Personen, davon 19.800 Kämpfer.

Video: Reenactor zeigen Taktiken aus der burgundischen Armee des 15. Jahrhunderts.

Dies stellt für das Spätmittelalter eine sehr hohe Zahl da. Ich gehe aber davon aus, dass die Aufzeichnungen nicht wesentlich übertrieben wurden. Zur Zeit Karls des Kühnen wurde sehr genau Buch darüber geführt, welche Personen mit welcher Ausrüstung sich in der Armee befanden. Nicht zuletzt, um die genauen Kosten zu kalkulieren und jeden Söldner rechtzeitig bezahlen zu können.

Die Belagerung von Neuss 1474/75

Die Belagerung von Neuss 1474/75

Karl der Kühne verfügte zwar über eine der größten und bestorganisierten Armeen seiner Zeit, konnte aber dennoch keine entscheidende Schlacht für sich entscheiden. Das von wesentlich weniger Verteidigern gehaltene Neuss hielt ein volles Jahr stand (bevor es entsetzt wurde) und gegen das anrückende Reichsaufgebot unter Friedrich III. konnte Karl zwar einen kleinen Sieg verbuchen, musste aber letztlich dem Druck der Fürsten weichen. Gegen ein Heer der Eidgenossen unterlag die burgundische Armee am 13. November 1474 bei Héricourt. Am 2. März 1476 wurde sie wiederrum von eidgenössischen Truppen bei Grandson vernichtend geschlagen, wobei wertvolle Zelte und Artillerie verloren gingen. Am 22. Juli wurde Karl mit einer neu aufgestellten Armee bei Murten überraschend von einem weiteren eidgenössischen Heer angegriffen und erneut besiegt.

Nun erhob sich auch Lothringen gegen den Burgunderherzog. Angeführt wurde dieser Aufstand von Herzog René von Lothringen, der sein Herzogtum zurück gewinnen wollte. Am 22. Oktober 1476 begann Karl die Belagerung des durch Lothringer eingenommenen Nancy, wo er allerdings am 5. Januar 1477 von einer zahlenmäßig überlegenen Armee unter René von Lothringen angegriffen wurde. Die burgundische Armee unterlag erneut, Karl der Kühne wurde getötet.

Die Auffindung des Leichnams Karls des Kühnen. Gemälde von Auguste Feyen-Perrin (1826-1888)

Die Auffindung des Leichnams Karls des Kühnen. Gemälde von Auguste Feyen-Perrin (1826-1888)


[1] Vgl. Vaughan, Richard (2002). S. 197/198.

[2] Vgl. Ebd. S. 204/205.

[3] Vgl. Ebd. S. 210.

[4] Vgl. Ebd. S. 211.

[5] Vgl. Ebd. S. 214.

[6] Vgl. Ebd. S. 217/218.

[7] Vgl. Ebd. S. 209.

[8] Vgl. Ebd. S. 222.

[9] Vgl. http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=inkunabeln/131-2-hist-2f&distype=thumbs (06.01.2014).

Literatur:

Vaughan, Richard. Charles the Bold. The last Valois Duke of Burgundy. (The Dukes of Burgundy; 1). Woodbridge, 2002.

 

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Das Herzogtum Burgund und das Heilige Römische Reich: Die Soester Fehde 1444-1449

Das Herzogtum Burgund entwickelte sich im späten Mittelalter zu einer bedeutenden Macht in Westeuropa. Besonders bedeutend wurde es unter Herzog Philipp dem Guten, der es zu einem der reichsten und einflussreichsten Mächte werden lassen sollte, wenn auch nur für eine relativ kurze Zeit. Aufgrund seiner dennoch nicht unwesentlichen Bedeutung möchte ich mich in einigen Artikeln näher mit diesem interessanten Reich und seinen nicht minder faszinierenden Herrschern etwas näher befassen.

Eine wichtige Episode in den Beziehungen zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Burgund stellt die Soester Fehde dar. Auslöser für diesen Konflikt war der Übertritt der Stadt Soest vom Erzstift Köln in die Herrschaft des Herzogs Johann von Kleve. Aus diesem Grund verhängte der deutsche Kaiser Friedrich III. am 15. Januar 1445 die Acht über die Stadt. Philipp von Burgund griff zunächst nicht aktiv in die Auseinandersetzung ein, sondern beschränkte sich bewusst auf die Rolle als neutraler Vermittler. Als Leiter der Verhandlungen zwischen dem Erzstift und dem Klever Herzog nahm er allerdings eine Position ein, die eigentlich lediglich einem deutschen König zugestanden hätte. Nach dem Scheitern der Verhandlungen änderte sich Philipps neutrale Haltung merklich. Insbesondere, als sich eine Koalition aus Köln, Trier und Frankreich unter sächsischer Beteiligung im Jahr 1445 formierte. Damit war erstmals burgundisches Territorium in Gefahr. Dies hatte zum Ergebnis, dass Johann von Kleve erstmals mit aktiver burgundischer Hilfe rechnen konnte.

Johann I. von Kleve (1419-1481)

Johann I. von Kleve (1419-1481)

Doch auch jetzt noch versuchte Philipp, den Kölner Erzbischof zum Einlenken zu bewegen, indem er ihm 1446 die volle erzbischöfliche Titulatur zustand. 1448 sandte der Papst schließlich die Kardinallegaten Nikolaus von Kues und Johann Carvajal, um einen Frieden zu vermitteln.

Die Folgen der Soester Fehde sollten entscheidend für die weitere Entwicklung im niederrheinischen Raum sein. Da der Kölner Erzbischof und seinen Verbündeten Soest nicht erobern konnten, blieben sie auf den Kosten für ihre zahlreichen Söldner sitzen. Dies führte zu einer finanziellen Schwächung des Erzstiftes. Zudem festigte sich das klevisch-burgundische Bündnis.[1]

Die hier zum Einsatz kommenden Söldner waren eigentlich angeworben worden, um auf der Seite Herzog Wilhelms III. von Sachsen gegen seinen Bruder Friedrich II. zu kämpfen. Doch bereits am 12. Mai 1447 kam es zu einem Waffenstillstand. Der Kölner Erzbischof Dietrich hatte bereits 1445 versucht, die Kurfürsten von Sachsen mit ihren böhmischen Söldnern zu einem Eingreifen in die Soester Fehde zu bewegen. Nach dem Abschluss des Waffenstillstandes unternahm er einen weiteren Versuch. Der Kölner beabsichtigte, die Söldner in seine Dienste zu nehmen und gegen seine Feinde einzusetzen. Wilhelm sollte insgesamt 12.000 Mann nach Westfalen bringen. Dietrich verpflichtete sich vertraglich, pro Söldner und Woche einen Gulden zu zahlen. Herzog Wilhelm verlangte 50.000 Gulden, einen Drittel der Beute und der Gefangenen. Auch musste ihm der Erzbischof zusichern, ihm in einem Streit mit dem Herzog Philipp von Burgund um 120.000 ungarische Gulden beizustehen. Herzog Wilhelm hätte sogar noch einen höheren Gewinn gemacht, da er von Dietrich für jeden einzelnen Söldner mehr erhielt, als er wiederrum diesem zu zahlen verpflichtet war. Allerdings musste Wilhelm zunächst zusätzlich zu den 6.000 böhmischen Söldnern weitere 6.000 Männer im Thüringen rekrutieren.[2]

Die Überführung des Heeres nach Westfalen war kein einfaches Unterfangen, zum einen aufgrund der zahlreichen verschiedenen Herrschaftsgebiete, zum anderen aufgrund der schwierigen Versorgungslage. Schnelle Erfolge waren dementsprechend wichtig. Am 14. Juni 1447 eroberte Dietrich Blomberg vom Grafen von Lippe, was weitere Städte dazu bewegte, Verhandlungen Vorzug vor Widerstand zu geben. Die hier erzwungenen Zahlungen und Proviantlieferungen sicherten schließlich die weitere Versorgung des Heeres. Vom 20. bis zum 29. Juni 1447 wurde Lippstadt mit 15.000 Mann belagert, allerdings erfolglos. Hierfür waren wohl u.a. Versorgungsschwierigkeiten verantwortlich, das Heer konnte aus der Umgebung nicht allzu lange versorgt werden. Doch trotz allem schaffte es der Erzbischof, mit seinen Truppen am 30. Juni vor Soest zu erscheinen. Doch obwohl ein erster Ausfall der Soester Reiter erfolgreich abgewehrt und das vor den Toren der Stadt gelegene Walburgis-Kloster eingenommen wurde, konnte Soest nicht erobert werden. Dies war für die Heerführer insofern besonders problematisch, als sie aufgrund der erwarteten aber nie erlangten reichen Beute aus der Hansestadt den Söldnern diverse große Versprechungen gemacht hatten. Ein Scheitern der Belagerung war nie eine Option gewesen. Dies war ein entscheidender Grund dafür, dass der Kölner Erzbischof und damit das Erzstift eine entscheidende finanzielle Schwächung erfuhr, nachdem die Belagerung am 21. Juli abgebrochen werden musste.[3]

Herzog Philipp der Gute von Burgund (1396-1467)

Herzog Philipp der Gute von Burgund (1396-1467)


[1] Vgl. Ehm-Schnocks, Petra (2002). S. 38-43.

[2] Vgl. Tresp, Uwe (2004). S. 139-143.

[3] Vgl. Ebd. S. 145-150.

Literatur:

Ehm-Schnocks, Petra. Burgund und das Reich. Spätmittelalterliche Außenpolitik am Beispiel der Regierung Karls des Kühnen (1465 – 1477). (Pariser historische Studien; 61). München, 2002.

Tresp, Uwe. Söldner aus Böhmen. Im Dienst deutscher Fürsten: Kriegsgeschäft und Heeresorganisation im 15. Jahrhundert. (Krieg in der Geschichte (KRiG); 19). Paderborn, 2004.

 

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