Martin Luther – Kindheit, Jugend und der Eintritt ins Kloster

christian-1296370_1280Vor einem halben Jahrtausend veränderte ein Mann mit der Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache die Welt nachhaltig: Martin Luther. Er ist vor allem als Reformator bekannt. Als mutiger Mönch, der der mächtigen römischen Kirche und dem Kaiser Karl V. mutig die Stirn bot. Doch nur wer Luthers Herkunft kennt kann beurteilen, warum er tat, was er tat – und wie aus einem einfachen Mönch der größte Widersacher des mächtigen Papstes werden konnte.

Lesen Sie im ersten Teil der Reihe, wie Martin Luthers Kindheit und Jugend aussahen, wie er an die Universität ging und sich anschließend für ein entbehrungsreiches Leben im Kloster entschied.

Vom Jungen aus einfachen Verhältnissen zum Mönch

Anfangs deutete kaum etwas darauf hin, dass aus dem Jungen aus einfachen Verhältnissen eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte werden sollte. Geboren wurde Martin Luther am 10. November 1483 im thüringischen Eisleben. Sein Vater war Bergmann, seine Mutter einfache Hausfrau. Doch trotz ihrer einfachen Verhältnisse lernte der junge Luther Lesen und Schreiben. Sein Alltag war, wie auch der seiner Altersgenossen, von Gewalt geprägt. Schläge waren sowohl im Elternhaus als auch in der Schule an der Tagesordnung. Mit 14 Jahren ging er auf eine Schule in Magdeburg, wo er allerdings nur ein Jahr lang blieb.Von dort ging es nach Eisenach. Geld besaß er meistens nicht. Was er zum Leben brauchte, musst er erbetteln. Einzig eine gewisse Ursula Cotta sorgte einige Jahre etwas besser für ihn. Sein Vater schickte in 1501 schließlich auf die Universität von Erfurt, wo er 1502 den Bakkalaureus und 1505 den Magister erwarb. Doch sollte er geglaubt haben, nun eine ruhigere Lebensphase erreicht zu haben, hätte er sich getäuscht. Mehrere Krankheiten, eine Pestwelle und der Einschlag eines Blitzes in seiner unmittelbaren Nähe sorgten dafür, dass sich Martin Luther ins Augustiner-Kloster in Erfurt begab und sich für ein Leben als einfacher Mönch entschied. Dort befolgte er für viele Jahre pflichtbewusst die strengen Klosterregeln.1

Folgen für sein weiteres Leben

Leid, Schmerz, Krankheiten und Mangel prägten Luthers Kindheit und Jugend. Erfahrungen, die sein späteres Leben ebenso prägen sollten wie seinen Umgang mit Herausforderungen und Problemen. Er lernte früh, sich durchzusetzen und sein (Über)leben auch in Notlagen zu sichern. Gleichzeitig werden ihn die harschen Bedingungen kaum unbeeindruckt gelassen haben. Dafür spricht auch, dass er sich schließlich in ein Kloster begab und sich zunächst von der Welt außerhalb der Klostermauern abwandte. Doch auch hier sollte er keineswegs eine heile Welt vorfinden.

Was ihn schließlich dazu bewegte, sich gegen die Kirche zu stellen, dazu mehr im nächsten Artikel dieser Serie.

Literatur: Febvre, Lucien. Martin Luther. Herausgegeben und übersetzt von Peter Schöttler. Frankfurt am Main, 1996.

1Vgl. Febvre, Lucien (1996). S. 25-27.

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William Marshal – Der größte aller Ritter

Ritter, Turnierchampion, Berater von fünf englischen Königen, schließlich einer der mächtigsten Barone Englands – und nicht zuletzt ein Ritter, der trotz zahlreicher Kämpfe und Schlachten erst im stolzen Alter von 72 Jahren eines natürlichen Todes starb. Wer war dieser Mann, der in einer brutalen und unsicheren Zeit nicht nur überlebte, sondern einen beachtlichen sozialen Aufstieg schaffte?

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Wappen William Marshals

Eine traumatische Kindheit

Die Startbedingungen waren alles andere als vielversprechend. Sein Vater, John Marshal, war ein berüchtigter Warlord, der im englischen Bürgerkrieg auf der Seite der Kaiserin Matilda gegen König Stephan ins Feld zog. Seine väterliche Liebe schien nicht allzu groß gewesen zu sein. Im Alter von nur fünf Jahren wurde William dem König als Garant für einen Waffenstillstand im Zuge der Belagerung von Newbury übergeben. John dachte jedoch nicht daran, sich an seine Zusagen zu halten. William wurde mehrmals vor die Mauern geführt und an den Galgen gestellt, um seinen Vater unter Druck zu setzen. Einmal sollte er gar mit einem Katapult in die Burg geschleudert werden. Auch wenn letztlich keines dieser schrecklichen Vorhaben in die Tat umgesetzt wurde, so müssen diese Erlebnisse für den kleinen Jungen traumatisch gewesen sein.1

Der junge Ritter

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Chateau de Tancarville

Als Zweitgeborener hatte William Marshal nur geringe Aussichten auf das väterliche Erbe. 1160, im Alter von 13 Jahren, reiste er daher nach Tancarville in der Normandie, um dort seine Ausbildung zum Ritter abzuschließen. 1166 wurde er zum Ritter geschlagen und hatte auch gleich Gelegenheit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Bei Neufchatel kam es zu einem durch Grenzstreitigkeiten ausgelösten Kampf, in dessen Verlauf sich der junge Ritter tapfer schlug. Doch Marshal musste lernen, dass ein Ritter nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen wurde. Er versäumte es, Gefangene zu machen, für die er Lösegeld hätte verlangen können. Außer Spott und Witzeleien seitens seiner Kampfgefährten musste er sich nun einem viel größeren Problem stellen: Obwohl den Tancarvilles verwandtschaftlich verbunden, wurde er aus dem Haushalt ausgeschlossen. Ein Ritter wurde eben nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen. Sein Besitz bestimmte letztlich, wer er war.2 Die „History of William Marshal“ vermerkt dazu: „You are what you have got, and no more than that.“3

Das Turnier als letzter Ausweg

Als mittelloser Ritter hatte William Marshal nur wenige Optionen. Er besaß noch keinen großen Namen, konnte also nicht darauf hoffen, von einem anderen Fürsten ohne weiteres in seine Dienste übernommen zu werden. Ihm blieb nur eine andere, wenn auch hochriskante Möglichkeit: Die Teilnahme an einem Turnier. Die Turniere dieser Zeit lassen sich nicht mit denen des späten Mittelalters oder der frühen Neuzeit vergleichen. Dies waren keine repräsentativen Veranstaltungen, auf denen sich der Adel in all seiner Pracht präsentierte. Im Grunde handelte es sich um Übungen für den Krieg. Verschiedene Gruppen kämpften mit scharfen Waffen auf einem Terrain, das nicht klar begrenzt war. Das Ganze konnte dabei durchaus länger dauern als nur einen Tag. Es ging jedoch nicht darum, den Gegner zu töten. Gefangene zu machen war das Ziel. Marshal kämpfte in seinem ersten Turnier bei Sainte Jamme ausgerechnet mit dem Aufgebot der Tancarvilles. Und er zeigte, dass er dazu gelernt hatte. Er machte zwei Ritter zu seinen Gefangenen, was ihm neben vier Schlachtrössern, diversen Packpferden und mehreren Rüstungen vor allem Respekt und Ansehen einbrachte.4

Im Dienst des Königshauses

Williams Erfolge machten ihn mit einem Schlag für die Fürsten interessant, die stets nach bekannten Rittern Ausschau hielten. So wurde er Teil des Gefolges des Patrick von Salisbury. Mit diesem begleitete er 1168 die englische Königin, Eleonore von Aquitanien, auf ihrer Reise nach Poitou. Die Gegend war berüchtigt für die dort schwelenden Konflikte. Und tatsächlich wurde die Gruppe von Rittern unter der Führung der Brüder Geoffrey und Guy von Lusignan5 angegriffen. William und der Rest der Ritter um Patrick von Salisbury stellten sich trotz ihrer geringen Zahl und nicht angelegten Rüstungen den Angreifern entgegen, um der Königin die Flucht zu ermöglichen. Patrick wurde getötet, Marshal geriet schwer verwundet in Gefangenschaft. Ausgelöst wurde er schließlich durch die Königin, die ihn kurz darauf in ihr persönliches Gefolge aufnahm.6

1170 wurde William Marshal zum „Tutor in Arms“ des jungen Königs Heinrich ernannt. Mit diesem sollte ihn letztlich eine langjährige und innige Freundschaft verbinden. Marshal war nicht nur Mentor des Königs, sondern nahm mit ihm überaus erfolgreich an einer Vielzahl von Turnieren teil. Er unterstützte ihn zudem in seinen zwei Rebellionen gegen seinen Vater, die jedoch scheiterten. Nach dem Tod Heinrichs 1183 reiste Marshal ins heilige Land, um den Mantel seines Herrn und Freundes nach Jerusalem zu bringen. Nach seiner Rückkehr trat er 1186 in den Haushalt König Heinrichs II. ein.7

Richard the Lionheart

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Richard Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jhd.

Richard, Sohn Heinrichs II., rebellierte ebenfalls gegen seinen Vater. Anders als sein Bruder Heinrich war Richard ein erfahrener Kommandeur. Er schaffte es schließlich, die Oberhand im Krieg zu gewinnen. 1189 nahm er Le Mans ein, die letzte Stadt des alten Königs. Dieser musste fliehen, um der Gefangennahme zu entgehen. William Marshal und William des Roches deckten den Rückzug ihres Herrn, der von seinem Sohn Richard verfolgt wurde. So kam es, dass Marshal und Richard Löwenherz direkt aufeinander trafen. William durchbohrte das Pferd Richards mit seiner Lanze, verschonte aber wohlweislich das Leben seines nur leicht gepanzerten Gegenübers. Heinrich II. entkam nach Chinon, wo er schließlich starb. William Marshal harrte bis zuletzt an seiner Seite aus.8

Richard Löwenherz nahm William noch im selben Jahr in seine Dienste auf und stimmte dessen Heirat mit Isabel von Clare zu. Dieser wurde somit der Herr von Striguil und damit ein Baron Englands. Mehr noch: Während Richards Kreuzzug ins Heilige Land diente William als Co-Justiciar Englands. Der einst mittellose Ritter hatte damit bereits jetzt einen sagenhaften Aufstieg erreicht.

William Marshal und König John

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König John, Darstellung aus dem 13. Jhd.

Richard wurde 1199 bei der Belagerung von Chalus von einem Armbrustbolzen tödlich getroffen. Sein Nachfolger wurde sein jüngerer Bruder John. Marshal wurde zum Earl von Pembroke ernannt. Der Titel des Earl besaß eine besondere Bedeutung. Er stammte noch aus angelsächsischer Zeit und hob Marshal auf eine deutlich höhere gesellschaftliche Stufe.

Die nächsten Jahre waren bestimmt durch die wachsenden Ambitionen des französischen Königs Philipp Augustus. Nach und nach vielen immer mehr Gebiete an Frankreich. 1202 führte Marshal die Verteidigung der Normandie an. Trotz aller Bemühungen vielen 1204 Rouen, Chateau Gaillard und die Normandie an die Franzosen. 1205 kam es zu Uneinigkeiten zwischen König John und William Marshal, der sich zunächst aus dem Umfeld des Hofes zurückziehen musste. Erst 1212 kehrte er an die Seite Johns zurück. 1215 begann die Rebellion der Barone gegen die als ungerecht empfundene Herrschaft des Königs. Diese erreichten noch im selben Jahr die Unterzeichnung der Magna Carta, die die Macht des Herrschers einschränken sollte.

1216 starteten die Franzosen unter ihrem König Louis eine Invasion Englands. Zu allem Überfluss starb der König noch im selben Jahr. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Heinrich III. William Marshal blieb auch dieses Mal dem Thron treu. Er wurde zum Wächter des Reiches ernannt und übernahm im Alter von 70 Jahren die Führung der englischen Armee.

Die letzte Schlacht

1217 war ein schicksalhaftes Jahr für England. Die Franzosen standen mit ihren Truppen fest auf englischem Boden. Unterstützt wurden sie von einigen Baronen, die sich auf die Seite des französischen Königs gestellt hatten. Doch die Engländer um William Marshal waren fest entschlossen, sie zu vertreiben. Bei Lincoln sollte es zur Entscheidung kommen. Durch eine geschickte Ablenkungstaktik war es den Engländern möglich, sich einen Weg in die Stadt zu bahnen. In der Folge kam es innerhalb der Mauern zu einer fürchterlichen Schlacht. Angeführt wurden die englischen Truppen von William Marshal höchstpersönlich, der mit seinem Sohn an der Spitze ritt. Zwischen Burg und Kathedrale kam es zu einem erbitterten Kampf. Die Schlacht entschied sich schließlich dadurch, dass die Franzosen in Panik gerieten und die Flucht antraten. Nur 200 französische Ritter sollen der anschließenden Verfolgung entkommen sein. Am 13. Juni wurde ein Friedensvertrag geschlossen und König Louis wurde gestattet, das Land mit seinen restlichen Truppen zu verlassen.9

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Die Schlacht von Lincoln, Illustration aus dem 13. Jhd.

Das Ende

William Marshal starb 1219, nur zwei Jahre nach der Schlacht von Lincoln, in Caversham Manor. Zuvor löste er ein Versprechen ein, dass er bereits 1180 gegeben hatte: Er trat dem Templerorden bei. Sein Freund und der Templermeister von England, Aimery von St. Maur, führte die notwendigen Riten durch. Nach seinem Tod wurde sein Körper zur Reading Abbey gebracht, wo eine erste Messe abgehalten wurde. Am 18. Mai wurde er in einer feierlichen Prozession in London zur Westminster Abbey überführt. Seine letzte Ruhe fand er schließlich am 20. Mai 1219 in der Temple Church in London. Seine Frau Isabel starb nur ein Jahr später. Sie wurde nicht älter als 45 Jahre.10

Die Karriere von William Marshal war beispiellos. Die Bezeichnung als der „größte aller Ritter“ bezieht sich dabei nicht nur auf seine Taten im Kampf, sondern auch auf seine Erfolge im politischen und materiellen Bereich. Seine Körpergröße, Kraft, Mut und sehr stabile Konstitution machten ihn zu einem geborenen Kämpfer in einer Zeit, in der dem bewaffneten Kampf eine große Bedeutung zukam. Seine Intelligenz und sein Verständnis für politische Zusammenhänge ermöglichtem ihm, auch auf der politischen Bühne eine erfolgreiche Rolle zu spielen. Er stand stets fest an der Seite derjenigen, denen er Treue und Freundschaft geschworen hatte. Eine Tatsache, die selbst von seinen Feinden respektiert wurde. Er besaß damit eine Kombination aus Eigenschaften, die so bei kaum einem anderen Menschen seiner Zeit vorhanden waren. Dazu kam, dass ihm bei mehreren Gelegenheiten das Glück unter die Arme griff. So kam es, dass ihn bereits seine Zeitgenossen als den größten aller Ritter in Erinnerung behielten.

Literatur:

Asbridge, Thomas: The Greatest Knight. The Remarkable Life of William Marshal, the Power behind five English Thrones. London, 2015.

1Vgl. Asbridge, Thomas (2015). S. 24-28.

2Vgl. Ebd. S. 54-58.

3Vgl. Ebd. S. 69.

4Vgl. Ebd. S. 63-69.

5Eben der Guy von Lusignan, der König von Jerusalem werden sollte und von Sultan Saladin in der Schlacht von Hattin besiegt wurde.

6Vgl. Ebd. S. 82-84.

7Vgl. Ebd. S. 384-385.

8Vgl. Ebd. S. 198-204.

9Vgl. Ebd. S. 353-361.

10Vgl. Ebd. S. 373-375.

800 Jahre Magna Carta – Jubiläum einer legendären Urkunde

Die Geschichte von Robin Hood gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Geschichten aus der Zeit des Mittelalters. Ein Gesetzloser wider Willen, der mit Pfeil und Bogen gegen die Tyrannei König Johanns und die Willkürherrschaft des Sheriffs von Nottingham kämpft und für die Gleichheit der Menschen vor Gericht und eine gerechtere Verteilung der Reichtümer eintritt. Wie viele Sagen besitzt auch diese populäre Geschichte einen wahren Kern. Im England des 12. und 13. Jahrhunderts herrschten lange Zeit Zustände, die ein selbstbestimmtes Leben in Frieden beinahe unmöglich machten. Krieg und Willkür waren im England an der Tagesordnung. Niemand konnte sicher sein, sein Leben, seinen Besitz oder gar seine Angehörigen und Freunde vor dem mächtigen Arm eines Königs schützen zu können, dem es vor allem um Geld und Macht ging.

Am 15. Juni 1215 trat mit der Magna Carta in England ein Dokument in Kraft, dass auch 800 Jahre später noch große Beachtung findet. Weltweit wird sie immer wieder im Zusammenhang mit Bürgerrechten und dem Schutz vor Tyrannei zitiert. Kein Wunder, dass auch Hollywood diese Urkunde für sich entdeckt hat.. Auch die Verbindung mit der westlichen Demokratie findet sich immer wieder. Wie sie zustande kam, wie der Inhalt aussieht und inwiefern sie wirklich ein Dokument der Freiheit und Demokratie darstellt, soll in diesem Artikel näher beleuchtet werden.

Das Haus Anjou

Die Carta entstammt einer Zeit zahlreicher nationaler und internationaler Konflikte. In England war seit 1154 das Haus Anjou an der Macht. Heinrich II. war der Herrscher eines Reiches, das nicht nur England, sondern auch große Teile Frankreichs umfasste. Doch schon bald kam es zu Konflikten innerhalb dieser Herrschaft. Zum einen führte der König Krieg gegen seinen ehemaligen Kanzler und den Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket. Es ging vor allem um die geplante Einschränkung kirchlicher Privilegien. Becket wurde 1170 im Namen Heinrichs in seiner Kathedrale von Rittern des Königs ermordet. Ein ungeheuerlicher Vorgang, der dem Image des Königs nicht zuträglich war. Zu allem Überfluss musste sich Heinrich mit Rebellionen seiner Söhne sowie seiner Frau Eleonore von Aquitanien auseinandersetzen. Am 4. Juli 1189 musste er kapitulieren und seinen Sohn Richard als Alleinerben einsetzen. Zwei Tage später starb Heinrich II. in Chinon.1

Richard I. Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jahrhundert.

Richard I. Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jahrhundert.

Richard I. Löwenherz ist einer der bekanntesten englischen Könige – und einer der am meisten verehrten. Noch heute steht sein Reiterstandbild vor dem britischen Parlament. Dies ist erstaunlich, da sich Löwenherz kaum in England aufhielt. Das Land war für ihn vor allem Mittel zur Finanzierung seines Kreuzzugs in Heilige Land (1190-1192). Als Richard auf dem Rückweg von Leopold von Österreich gefangen genommen und an den deutschen Kaiser Heinrich VI. ausgeliefert worden war, betrug das Lösegeld 100.000 Pfund. Dieses musste durch die Erhebung einer Sondersteuer aufgebracht werden.

Nach einem kurzen Aufenthalt in England zog es Löwenherz daraufhin nach Frankreich, wo er gegen den französischen König Philipp Augustus zu Felde zog. Während der Belagerung der Burg Chalus wurde Richard von einem Armbrustbolzen getroffen und starb am 6. April an einer Wundinfektion.2 Sein jüngerer Bruder Johann Ohneland war nun der einzig verbliebene Sohn von Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien. Er begab sich 1206 mit einem Heer nach Frankreich, um die durch König Philipp eroberten Gebiete zurückzuerobern. Nach seiner Niederlage bei La Roche-aux-Moines musste Johann allerdings aufgeben und nach England zurückkehren. Die Ländereien auf dem Kontinent waren nun beinahe vollständig verloren. In seiner Heimat kam es bald zu einem Aufstand der Barone, ausgelöst durch eine als zu hoch angesehene Besteuerung und Eingriffe in die Machtbereiche der lokalen Herrscher. Auch mit der Kirche hatte sich Johann überworfen, war zeitweise sogar exkommuniziert – bis er sich letztlich in ein Lehnsverhältnis zu Papst Innozenz III. begab, um dessen Unterstützung zu erhalten. Nach langen und verlustreichen Kämpfen wurde am 15. Juni 1215 bei Runnymede ein Dokument aufgesetzt, dass Geschichte schreiben sollte.3

König Johann auf der Hirschjagd.

König Johann auf der Hirschjagd.

Magna Carta – die wichtigsten Inhalte

Die Magna Carta von 1215 (London, British Library, Cotton MS. Augustus II. 106).

Die Magna Carta von 1215 (London, British Library, Cotton MS. Augustus II. 106).

Die Carta besteht insgesamt aus 63 Abschnitten. Bereits im ersten wird sichtbar, dass Stephen Langton, der Erzbischof von Canterbury, maßgeblich an der Carta beteiligt war: Die Garantie der Freiheit der Kirche findet sich gleich zu Beginn der Urkunde. Besonders hervorgehoben wird, dass sich niemand in die Wahlen innerhalb der Kirche einmischen darf. Die nächsten Abschnitte beschäftigen sich mit den Erbschaftssteuern und den Regelungen die Vererbung von Land betreffend. Diese waren immer wieder Anlass für Auseinandersetzungen, da der König Erbschaften willkürlich besteuert hatte. Nun wurden genaue Grenzen festgelegt. Wenn der Erbe noch minderjährig war und einen Vormund besaß, sollte er zum Zeitpunkt der Volljährigkeit sein Erbe ohne Zahlungen an die Krone antreten dürfen. Besagter Vormund sollte außerdem dem zu vererbenden Land nicht mehr entziehen, als „vernünftig“ war. Auf diese Art sollte verhindert werden, dass ein Vormund einen Herrschaftsbereich ausbluten ließ, um sich selbst zu bereichern. Auch sollten Minderjährige nicht ohne das Wissen ihrer noch lebenden Verwandten verheiratet werden.

Auch die Problematik der Witwen wird behandelt. Nach dem Tod des Mannes sollte die Frau sowohl ihre Mitgift als auch ihr Erbe unverzüglich erhalten und nicht gegen ihren Willen neu verheiratet werden. Dieser Absatz richtete sich deutlich gegen die bisherige Willkür im Umgang mit Frauen, die ihre Männer im Krieg verloren hatten, plötzlich mittellos in Abhängigkeiten gerieten und so zum Spielball machthungriger Lords wurden.

Auch der Umgang mit Schuldnern hatte immer wieder zu Auseinandersetzungen geführt. Ehemals einflussreiche Familien waren verarmt und hatten ihre Ländereien verloren. So konnte der König Schulden der Krone gegenüber nach belieben als Druckmittel einsetzen. Das sollte nun eingeschränkt werden. So durfte seitens der Krone nicht einfach Land konfisziert werden, so lange das darauf befindliche Vieh zur Tilgung der Schulden ausreichte. Konnte der Schuldner tatsächlich nicht zahlen, mussten zunächst die Bürgen einspringen. Diese durften ihrerseits das Land so lange beschlagnahmen, bis sie ihr Geld vom Schuldner zurück erhalten hatten.

Schulden entstanden im England des 13. Jahrhunderts vor allem durch die hohe Besteuerung durch die Krone. Es verwundert daher nicht, dass die Barone auf Einschränkungen drängten. „Nullum scutagium vel auxiliium ponatur in regno nostro, nisi per commune consilium regni nostri“ – Keine Abgaben sollen erhoben werden ohne einen gemeinsamen Beschluss aller Mächtigen des Reiches. Ausnahmen sollte es nur für einen eventuell notwendig werdenden Freikauf des Königs aus Gefangenschaft geben sowie für den Ritterschlag des erstgeborenen Sohnes und die Hochzeit der erstgeborenen Tochter.

Auch der Einfluss der Händler Londons ist in der Carta sichtbar. So sollen Händler das gesamte Land sicher bereisen können, ohne übermäßig hohe Gebühren zahlen zu müssen. Dies sollte auch für Kriegszeiten gelten. Die Barone und Städte sollten zudem wieder Nutzungsrechte für Wälder und Gewässer erhalten.

Neben den Steuern und dem Handel war es vor allem die Rechtsprechung, die für Konflikte sorgte. In diesem Segment ist es vor allem ein Abschnitt der heraus sticht und ein wichtiger Grund für die spätere Berühmtheit der Carta werden sollte: Kein Mensch soll verhaftet, eingesperrt, für vogelfrei erklärt oder verbannt werden ohne dass ein Urteil seiner Standesgenossen in Übereinstimmung mit dem Gesetz über ihn gefällt worden ist. Auch sollte von nun an jede Anklage durch glaubwürdige Zeugen gestützt werden. In erster Linie ging es den Baronen ganz praktisch darum, der Willkür König Johanns und seiner Sheriffs einen Riegel vorzuschieben. Dazu zählte auch, dass die Dienstmänner des Königs nicht einfach Vieh und/oder Getreide konfiszieren durften, ohne dafür zu bezahlen. Ähnliches gilt für die willkürliche Nutzung von Transportmitteln, die sich nicht in ihrem Besitz befanden. Dies zeigt deutlich das Ausmaß an Willkür, das damals herrschte.

Es überrascht nicht, dass es den Baronen zusätzlich um Sicherheiten ging. Sie konnten sich keinesfalls sicher sein, dass der König oder seine Nachfolger die Carta wirklich beachten würden. Es wurden 25 Barone bestimmt, die über die Einhaltung der Bestimmungen wachen sollten. Ihnen wurde sogar das Recht eingeräumt, im Notfall gewaltsam gegen den König vorzugehen sowie Ländereien und Burgen einzunehmen.4 Dieser Passus wurde allerdings bereits in den neueren Ausgaben von 1216 und 1217 wieder gestrichen.5 Kein Wunder, legitimierten sie doch unter gewissen Umständen einen Bürgerkrieg und einen Aufstand gegen den König.

Fortführung und Ende des Bürgerkrieges

König Johann hatte sich mit der Kirche in der Vergangenheit zwar heftige Auseinandersetzungen geliefert, sich aber schließlich mit Papst Innozenz III. versöhnt und der Kirche sogar das Königreich England als Lehen übertragen. Johann bat den Papst nun, die Magna Carta für ungültig zu erklären. Eine Bitte, die der Papst unverzüglich nachkam. Er erklärte außerdem die Barone für Verräter und exkommunizierte einige von ihnen. Dieses Schicksal erwartete auch sämtliche Bürger Londons, die maßgeblich am Widerstand und der Verfassung der Magna Carta beteiligt waren. Der Bürgerkrieg tobte danach weiter. Selbst ausländische Machthaber versuchten, die Situation auszunutzen und ihrerseits König von England zu werden – allen voran die Könige von Frankreich und Schottland, die von englischen Baronen um Beistand ersucht worden waren. Die Waliser nutzten die Gelegenheit zu einem Aufstand. Johann bekämpfte seine Gegner zwar erfolgreich, starb aber am 18. Oktober 1216 am Dysenterie. Nachfolger wurde sein neunjähriger Sohn Heinrich III. Kurz nach seiner Krönung am 28. Oktober 1216 wurde die Magna Carta neu aufgesetzt sowie jedem aufständischen Baron Vergebung zugesichert, der sich dem neuen König anschloss. Am 20. Mai 1217 vernichtete eine englische Armee unter William Marshal Rebellen und französische Truppen bei Lincoln. Im August des selben Jahres wurde die französische Flotte in der Schlacht von Sandwich zerstört. Die Franzosen verließen schließlich gegen Zahlung einer Summe von 10.000 Mark England und der Frieden konnte wiederhergestellt werden.6

Papst Innozenz III. - Lehnsherr König Johanns und Gegner der Magna Carta.

Papst Innozenz III. – Lehnsherr König Johanns und Gegner der Magna Carta.

Die Bedeutung der Magna Carta für die Nachwelt

Was als Friedensvertrag begann, wurde nach Johanns Tod zu einer symbolischen Vereinbarung zwischen dem König und seinen Untertanen. Mit dem Wegfall der Kontrollfunktion der 25 Barone erlangte das Herrscherhaus nicht nur seine volle Souveränität zurück, es wurde auch die Gefahr eines neuerlichen Bürgerkrieges deutlich reduziert. Im Gegenzug wurde die Carta insbesondere in Krisenzeiten neu ausgestellt, um den guten Willen des Königs und seine Verbindung zum Volk zu symbolisieren. Tatsächlich in Gebrauch bleiben sollte das Dokument bis ins späte 15. Jahrhundert. Danach war es vor allem ein Symbol, dass bei Auseinandersetzungen zwischen König und Volk immer wieder wichtig wurde. Es stellte im Grunde einen Vertrag da. Der König erklärte sich damit einverstanden, bestimmte Grundsätze und Freiheiten zu achten und zu respektieren – wenn ihm das Volk ihm Gefolgschaft leistete und seine Steuern zahlte. Auch international fand und findet sie immer wieder große Beachtung, so beispielsweise im Rahmen der Unabhängigkeitsbestrebung der Vereinigten Staaten von Amerika im späten 18. Jahrhundert. Heutzutage wird die Magna Carta meist mit Freiheitsstreben, dem Kampf gegen Tyrannei und den Einsatz für demokratische Prozesse verbunden.7

Das Siegel des US-amerikanischen Bundesstaats Massachusetts 1775 - inklusive der Carta.

Das Siegel des US-amerikanischen Bundesstaats Massachusetts 1775.

Dabei war die Carta zu keiner Zeit ein Dokument, deren Verfasser sich jemals für eine Form der Demokratie ausgesprochen hätten. Diese Idee war zur Zeit ihrer Entstehung nicht einmal bekannt. Zudem hätten sich die Barone und Kleriker niemals für eine Demokratisierung ausgesprochen, hätten sie so doch so ihre eigene Machtgrundlage in Frage gestellt. Damals ging es vor allem um die Machtkämpfe innerhalb des Adels, der sich nicht von einem König über alle Maßen gängeln oder gar ruinieren lassen wollte. Sicherlich trafen die hohen Besteuerungen seit Heinrich II. das gesamte Volk, aber der mit Abstand größte Teil der Carta beschäftigt sich eindeutig mit Regelungen, die konkret den Adel und seine Lebensweise betreffen. Ihre Wirkung in den nachfolgenden Jahrhunderten war vor allem symbolischer und vorbildhafter Natur, ein Zeichen für die Hoffnungen der Menschen auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Sie ist aber auch ein Vertrag zwischen König und Volk, der die Grundlage bilden sollte für unser modernes Gesellschaftsverständnis. Kein Wunder also, dass die Magna Carta die Menschen auch nach 800 Jahren noch bewegt und fasziniert.

1Vgl. Aurell (2009). S. 76-77.

2Vgl. Ebd. S. 79-80.

3Vgl. Ebd. S. 81.

4Vgl. Ebd. S. 120-145.

5Vgl. Ebd. S. 103.

6Vgl. Ebd. S. 93-104.

7Vgl. Ebd. S. 101-116.

Literatur:

Aurell, Martin: Die ersten Könige aus dem Hause Anjou (1154-1216). In: Vollrath, Hanna; Fryde, Natalie (Hrsg.): Die englischen Könige im Mittelalter. Von Wilhelm dem Eroberer bis Richard III. 2., durchgesehene Auflage 2009. München, 2004.

Jones, Dan: Magna Carta. The Making and Legacy of the Great Charter. London, 2014.

Konrad Kyesers Ideen für den Krieg – Die Darstellungen aus dem Bellifortis in Talhoffers Fechtbuch

Die am weitesten verbreiteten Vorstellungen über den Krieg im Mittelalter entstammen dem Frühmittelalter. Häufig wird dazu tendiert, diese einfach auf die Zeit des Spätmittelalters anzuwenden. Die aus dieser Zeit erhaltenden Kriegsbücher und Quellen zu Schlachten und Belagerungen zeigen aber, dass sich die Strategie im Krieg und die Waffentechnik zu dieser Zeit bereits wesentlich weiterentwickelt hatten. Insbesondere die Bücher zur Kriegs- und Kampftechnik sind ausgesprochen interessant und zeigen bisweilen Gerätschaften, die seltsam modern und exotisch anmuten.

In diesem Artikel sollen einige der Geräte und Ideen aus dem Fechtbuch von Hans Talhoffer vorgestellt werden. Talhoffer wurde 1410-15 in Schwaben geboren.[1] Er war ein versierter Kämpfer, der anfangs als Schirmmeister für adligen Nachwuchs tätig war. Von 1443 bis 1467 entstanden seine bis heute bekannten Fechtbücher, die er von zwei Schreibern sowie mehreren Malern herstellen ließ.[2] Hier soll es konkret um das Werk mit der Bezeichnung MS Thott.290.2º gehen. Es wurden 1459 fertig gestellt und befindet sich heute im Bestand der Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen, Dänemark.[3] Talhoffer gehörte den Marxbrüdern an, einer Bruderschaft aus Fechtern, die sich jährlich in Frankfurt traf.[4] Für diesen Artikel sind allerdings weniger seine Anleitungen für das Fechten von Bedeutung sondern die bildlichen Darstellungen Konrad Kyesers, die in das Fechtbuch übernommen wurden. Diese stammen aus dem „Bellifortis“, dass Kyeser am Ende des 14. Jahrhunderts verfasst hatte und die Hans Talhoffer in sein Fechtbuch übernahm.[5]

Das Überqueren von Gewässern

Viele mittelalterliche Befestigungen waren nicht nur durch Mauern, sondern auch durch Wassergräben geschützt. Diese zu überwinden war daher unumgänglich, wenn man einen Angriff ausführen wollte. Auch auf dem Marsch war es für Armeen notwendig, Wasserläufe schnell überqueren zu können. Nicht immer existierte eine Brücke und wenn doch, befand sie sich unter Umständen unter der Kontrolle des Feindes.

Folio 14v - Die Überwindung von Gewässern für einzelne Personen

Folio 14v – Die Überwindung von Gewässern für einzelne Personen

Folio 14v zeigt mehrere Möglichkeiten, ein Gewässer zu überqueren. Ein an einem Kran befestigter Korb ermöglicht es, immer einen Menschen hinüber zu heben. Auch wird eine ausfahrbare Schwimmbrücke gezeigt, die durch luftgefüllte Säcke über Wasser gehalten wird. Im Vordergrund ist eine Person zu sehen, die einen Schwimmring um die Hüften trägt und ihn ständig aufpusten muss, um nicht unterzugehen. Dieser Ring wird im Detail auf Folio 26r dargestellt. Auch die Idee der Schwimmflügel gab es schon im ausgehenden 14. Jahrhundert, wie Folio 27r beweist.

In der Tat wurden im Spätmittelalter Schwimmbrücken verwendet. Der burgundische Geschichtsschreiber Jean Molinet beschreibt in seinen „Chroniques“ eindrucksvoll, wie die Burgunder unter Karl dem Kühnen sie bei der Belagerung von Neuss 1474/75 einsetzten und mit ihrer Hilfe sogar ganze Wasserwege absperren konnten.[6]

Besonders interessant sind die dargestellten Möglichkeiten, zu tauchen. Folio 43v, 44r sowie 45r zeigen uns Schnorchel und Taucheranzüge. Laut Beschreibung sollten sie aus Leder hergestellt sein und mit Harz abgedichtet. Die Sauerstoffversorgung erfolgt durch mit Luft gefüllte Säcke oder Schnorchel. Diese Anzüge sind laut Beschreibung ausdrücklich dazu gedacht, unter Wasser laufen zu können.

Folio 44r - Ein Taucheranzug aus dem Mittelalter

Folio 44r – Ein Taucheranzug aus dem Mittelalter

Das Erstürmen von Befestigungen

Nach dem Überwinden der Wassergräben wollten noch die Mauern erklommen oder zum Einsturz gebracht werden. Hierfür wird zunächst die Blide empfohlen.[7] Neben diesem altbekannten Katapult finden sich modernere Büchsen.[8] Auch gibt es verschiedene Schutzschirme und fahrbare Tunnel, um am Fuß der Mauer geschützt arbeiten zu können.[9] Auch diverse Leitern und Rampen finden sich unter den Abbildungen.[10] Spannend sind diverse Aufzugskonstruktionen. Auf 33v wird ein Aufzug zum Teil durch Muskel- zum Teil durch Windkraft betrieben. Beim Modell auf 34r werden eine oder mehrere Personen mit Hilfe von zwei Flaschenzügen nach oben befördert. 35r zeigt einen auf einem Boot aufgebauten Aufzug, der durch Wasserkraft betrieben werden soll. Um sich dem Mauern zu nähern werden zudem große Körbe aus gehärtetem Leder empfohlen, unter denen mehrere Männer Platz finden sollen.[11]

Folio 34r - Aufzug mit Flaschenzügen

Folio 34r – Aufzug mit Flaschenzügen

Verteidigung von Burg, Stadt und Feldlager

Nicht nur für die Belagerer, auch für die Belagerten werden Vorschläge gemacht. Besonders interessant ist die auf Folio 24v gezeigte Idee, an der höchsten Stelle der Befestigung ein Feuer unter einer roten Kuppel aus Glas brennen zu lassen und so alles in ein unheimliches rotes Licht zu tauchen. Dies soll dazu dienen, den Feind in Angst zu versetzen. Ob dies tatsächlich so umgesetzt wurde und ob es funktionierte, lässt sich allerdings nicht nachweisen.

Folio 24v - Oben auf dem Turm ist die rote Glaskuppel zu sehen.

Folio 24v – Oben auf dem Turm ist die rote Glaskuppel zu sehen.

Weniger ungewöhnlich erscheint da der Vorschlag, die Tore mit Polstern zu schützen oder Zelte mit angespitzten Holzpfählen zu umgeben, um nächtlichen Überraschungen vorzubeugen.[12]

Gerätschaften für die Schlacht

Die offene Feldschlacht stellte in der Regel ein kaum kalkulierbares Risiko dar. Kein Wunder also, dass es zahlreiche Überlegungen gab, die Kämpfer bestmöglich zu schützen. Kriegswägen wurden erstmals von den Böhmen im 15. Jahrhundert im großen Stil eingesetzt. In Talhoffers Fechtbuch finden sie sich ebenfalls. So ist auf Folio 15v zu sehen, wie mehrere Kämpfer auf einem rollenden Fort in die Schlacht gezogen werden. 37v zeigt eine Art mittelalterlichen Panzerkampfwagen. An der Seite angebrachte Speere sollen Gegner fernhalten, während die zu beiden Seiten zeigenden Büchsen den Fernkampf ermöglichen.

Folio 37v - Der Kriegswagen ist zweidimensional dargestellt.

Folio 37v – Der Kriegswagen ist zweidimensional dargestellt.

Zudem werden mehrere mit stählernen Dornen und Klingen versehene Wägen gezeigt, die von einer erhöhten Stellung aus in die gegnerischen Reihen geschickt werden sollten, um diese aufzubrechen.[13] Sehr exotisch mutet der sogenannte Krebs auf Folio 38r an. Der Beschreibung nach soll dieser geschmiedet sein und an einem Ende über einen Ring verfügen. Ich nehme an, dass dieser dazu dienen sollte, den schweren Krebs mit Hilfe eines Zugtieres in Bewegung zu setzen. Über die Einsatzmöglichkeiten lässt sich aber nur spekulieren. So könnte versucht worden sein, den Krebs in die gegnerische Formation fahren zu lassen. Es wäre auch möglich gewesen, ihn gegen einen berittenen Angriff einzusetzen und die gegnerischen Pferde zum Stürzen zu bringen. Ob er überhaupt zum Einsatz kam, bleibt jedoch fraglich – nicht zuletzt aufgrund der riesigen Menge an Eisen, dass zur Herstellung nötig gewesen wäre. Auch wäre sein Einsatz unnötig kompliziert gewesen.

Folio 38r - Der Krebs

Folio 38r – Der Krebs

Die mittelalterliche Sauna

Die Idee, Räume zu beheizen, ist sehr alt. Jeder kennt sicherlich die komplexen Heizungsanlagen der Römer. Dieses Wissen verschwand nicht mit dem Untergang des weströmischen Reiches. Einige mittelalterliche Klöster, wie beispielsweise das Kloster Ebstorf in Niedersachsen, verfügten über eine Heizung. Luft wurde mit Hilfe von Feuer erhitzt und über ein Leitungssystem in den Fußboden geleitet. Auch Wasser konnte so erhitzt werden, wie Folio 41r zeigt. Sogar die Sauna war im Mittelalter bekannt. 31v zeigt eine Holzhütte, die durch einen Ofen beheizt wird. Zusätzlich wird die Verwendung von den Heilkräutern Baldrian, Bertram und Eindorn empfohlen. Helfen soll die Sauna gegen die „Gebrechen der Glieder und des Fusses“ sowie gegen das „Zittern der Glieder“.

Folio 31v

Folio 31v

Das Mittelalter – eine dunkle Zeit?

Wir sehen in diesem Werk eine Vielzahl von Erfindungen, die bereits eine hohe Komplexität bei gleichzeitiger Praxisorientiertheit aufweisen. Es fällt auf, dass die meisten von ihnen sich auf den Krieg beziehen. Dies verwundert nicht, immerhin waren sowohl Konrad Kyeser als auch Hans Talhoffer in erster Linie Soldaten. Sie wussten sehr gut, was im Krieg funktionierte. Kyeser hatte aber auch viele neue Ideen, die er in seinem Werk aufzeichnen ließ und die später von Talhoffer bereitwillig übernommen wurden. Dementsprechend finden sich alte und neue Ideen Seite an Seite. Die Konzepte von Kyeser muten an einigen Stellen ungewöhnlich modern an. Erstaunlich wenn man ihre Entstehungszeit, das Ende des 14. Jahrhunderts, bedenkt. Allerdings war die Technik im 14. und 15. Jahrhundert tatsächlich weit fortschrittlicher, als sie häufig dargestellt wird. Die angewandten Prinzipien nutzen sehr intelligent die Energie von Mensch und Tier, die Kraft von Wasser, Feuer, Luft und Erde. Schwarzpulver war bereits seit dem späten 14. Jahrhundert bekannt und wurde häufig eingesetzt. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei einigen der dargestellten Gerätschaften um Konzeptzeichnungen handelte, deren tatsächliche Existenz sich nicht sicher nachweisen lässt.

[1] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer (02.01.2015).

[2] Vgl. elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2008/3604/pdf/Fechtbuch.pdf (02.01.2015). S. 140.

[3] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Talhoffer_Fechtbuch_%28MS_Thott.290.2%C2%BA%29 (02.01.2015).

[4] Vgl. wiktenauer.com/wiki/Marxbr%C3%BCder (02.01.2015).

[5] Vgl. commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bellifortis (03.01.2015).

[6] Vgl. Ossenkop, Daniel (2014). S. 66.

[7] Vgl. Folio 16v.

[8] Vgl. Folio 42v, 43r.

[9] Vgl. Folio 19v, 20r, 20v, 22v, 34v.

[10] Vgl. Folio 17r, 18r, 18v, 21v, 27v, 28r, 40v.

[11] Vgl. Foto 23v.

[12] Vgl. Folio 24r, 25r.

Quelle:

wiktenauer.com/wiki/Talhoffer_Fechtbuch_%28MS_Thott.290.2%C2%BA%29 (02.01.2015).

 

Internet:

commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bellifortis (03.01.2015).

wiktenauer.com/wiki/Hans_Talhoffer (02.01.2015).

wiktenauer.com/wiki/Marxbr%C3%BCder (02.01.2015).

 

Literatur:

elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2008/3604/pdf/Fechtbuch.pdf (02.01.2015).

Ossenkop, Daniel. Die Belagerung von Neuss im 15. Jahrhundert. Die Verteidigung der Stadtrechte gegen einen Herzog. Hamburg, 2014.

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[13] Vgl. Folio 23r, 36v, 38v, 39r.

Die Armee Karls des Kühnen von Burgund

Karl der Kühne schien dem Soldatenleben und der Armee gegenüber sehr zugetan gewesen zu sein.[1] Mit großer Liebe zum Detail verfasste er mehrere Schriften, die die Organisation der Armee regeln sollten. Von 1468-1476 verfasste er insgesamt sechs Dokumente, in denen er versuchte, genaue Regeln zur Herstellung und Aufrechterhaltung der Disziplin in seiner Armee. Diese teilte er in mehrere Kompanien auf, die wiederrum aus mehreren Schwadronen bestanden. Die verschiedenen Truppenteile sollten durch regelmäßiges Exerzieren und durch Manöver daran gewöhnt werden, im Verbund zu operieren und zu kämpfen.[2] Bei diesen Übungen ging es vor allem darum, eine geschlossene Schlachtlinie zu halten. Auch mussten die Bogenschützen trainieren, von ihren Pferden zu steigen und sich anschließend zu formieren. Währenddessen sollten sich die Pikeniere zwischen sie stellen, um sie vor Nahkampfangriffen zu schützen.[3] Von Übungen Belagerungen betreffend ist der Forschung allerdings nichts bekannt.

Karl der Kühne; Gemälde um 1460

Karl der Kühne; Gemälde um 1460

1469 begann Karl der Kühne, Söldner in seinen Dienst zu nehmen und zu dauerhaft bestehenden Einheiten zusammen zu fassen. Die Bezahlung erfolgte monatlich.[4] Die Rekrutierung dieser Söldner war keine einfache Angelegenheit. Karl war ein großer Bewunderer der italienischen Condottieri, der mächtigen Söldnerkapitäne Italiens. Ab 1472 bemühte er sich verstärkt, diese in seinen Dienst zu nehmen. Hilfe erhielt er vor allem durch Venedig.[5] Zusätzlich warb Karl auch Söldner aus England an, vor allem die im Hundertjährigen Krieg berühmt gewordenen Langbogenschützen. Deutsche Söldner soll es zwar auch gegeben haben, allerdings lediglich in sehr geringer Zahl. Zusätzlich zu den Söldnern konnte Karl auf die Lehnsaufgebote seiner Ländereien zurückgreifen.[6]

Die Kriegsknechte jeder Kompanie unterteilte er in vier Staffeln gleicher Größe, von denen jede von einem Hauptmann angeführt wurde. Jede Staffel war unterteilt in vier „chambres“, die je aus einem „chief de chambre“ und fünf Kriegsknechten bestanden. Die Offiziere waren gekennzeichnet durch bestimmte Abzeichen.

Fluchen, Blasphemie und Würfelspiel waren generell verboten, auch durften die Frauen der Soldaten diese nicht in den Krieg begleiten. Stattdessen sollte jede Kompanie 30 Prostituierte mitführen, um den Männern zu Diensten zu sein.[7]

Artillerieeinheiten waren zahlreich vertreten in der burgundischen Armee, sowohl schwere Belagerungs- als auch bewegliche Feldgeschütze. Sehr effektiv waren diese allerdings nicht, da sie noch eine recht geringe Schussfrequenz aufwiesen.[8]

Die Gesamtstärke der burgundischen Armee zur Zeit der Belagerung von Neuss 1474/75 lässt sich dank der günstigen Quellenlage recht gut nachvollziehen. Laut der  „Cronica van der hilliger Stat va(n) Coelle(n)“ umfassten die Truppen Karls folgende Einheiten:

  • Balduin von Lannaw mit 800 Reitern und 700 Kriegsknechten zu Fuß
  • Reymer von Broichhusen mit 700 Reitern und 300 Kriegsknechten zu Fuß
  • Die Lombarden mit insgesamt 3.000 Reitern und Kriegsknechten zu Fuß
  • Der Herr von Montfort und der Herr von Allcyn mit insgesamt 700 Reitern und 600 Kriegsknechten zu Fuß
  • Die Engländer mit insgesamt 2.000 Reitern und Kriegsknechten zu Fuß
  • Büchsenmeister mit ihren Knechten, insgesamt 200 Personen
  • Zur breiten Masse des Volkes gehörend, wahrscheinlich Trossknechte, 2.000 Personen
  • 1.000 Frauen
  • 400 Geistliche

In seinem persönlichen Umfeld befunden haben sich der Herr von Symay, der Herr von Hemenfort, der Herr von Vermaile, Herr Jakob von Lutzenburg, Herr Engelbrecht von Nassanwe, der junge Herr von Kleve und der Junker Friedrich von Segemont, außerdem seien in seiner Nähe 3.000 Reiter und 8.000 Kriegsknechte zu Fuß untergebracht gewesen.[9] Insgesamt umfasste Karls Heer der Quelle nach 23.400 Personen, davon 19.800 Kämpfer.

Video: Reenactor zeigen Taktiken aus der burgundischen Armee des 15. Jahrhunderts.

Dies stellt für das Spätmittelalter eine sehr hohe Zahl da. Ich gehe aber davon aus, dass die Aufzeichnungen nicht wesentlich übertrieben wurden. Zur Zeit Karls des Kühnen wurde sehr genau Buch darüber geführt, welche Personen mit welcher Ausrüstung sich in der Armee befanden. Nicht zuletzt, um die genauen Kosten zu kalkulieren und jeden Söldner rechtzeitig bezahlen zu können.

Die Belagerung von Neuss 1474/75

Die Belagerung von Neuss 1474/75

Karl der Kühne verfügte zwar über eine der größten und bestorganisierten Armeen seiner Zeit, konnte aber dennoch keine entscheidende Schlacht für sich entscheiden. Das von wesentlich weniger Verteidigern gehaltene Neuss hielt ein volles Jahr stand (bevor es entsetzt wurde) und gegen das anrückende Reichsaufgebot unter Friedrich III. konnte Karl zwar einen kleinen Sieg verbuchen, musste aber letztlich dem Druck der Fürsten weichen. Gegen ein Heer der Eidgenossen unterlag die burgundische Armee am 13. November 1474 bei Héricourt. Am 2. März 1476 wurde sie wiederrum von eidgenössischen Truppen bei Grandson vernichtend geschlagen, wobei wertvolle Zelte und Artillerie verloren gingen. Am 22. Juli wurde Karl mit einer neu aufgestellten Armee bei Murten überraschend von einem weiteren eidgenössischen Heer angegriffen und erneut besiegt.

Nun erhob sich auch Lothringen gegen den Burgunderherzog. Angeführt wurde dieser Aufstand von Herzog René von Lothringen, der sein Herzogtum zurück gewinnen wollte. Am 22. Oktober 1476 begann Karl die Belagerung des durch Lothringer eingenommenen Nancy, wo er allerdings am 5. Januar 1477 von einer zahlenmäßig überlegenen Armee unter René von Lothringen angegriffen wurde. Die burgundische Armee unterlag erneut, Karl der Kühne wurde getötet.

Die Auffindung des Leichnams Karls des Kühnen. Gemälde von Auguste Feyen-Perrin (1826-1888)

Die Auffindung des Leichnams Karls des Kühnen. Gemälde von Auguste Feyen-Perrin (1826-1888)


[1] Vgl. Vaughan, Richard (2002). S. 197/198.

[2] Vgl. Ebd. S. 204/205.

[3] Vgl. Ebd. S. 210.

[4] Vgl. Ebd. S. 211.

[5] Vgl. Ebd. S. 214.

[6] Vgl. Ebd. S. 217/218.

[7] Vgl. Ebd. S. 209.

[8] Vgl. Ebd. S. 222.

[9] Vgl. http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=inkunabeln/131-2-hist-2f&distype=thumbs (06.01.2014).

Literatur:

Vaughan, Richard. Charles the Bold. The last Valois Duke of Burgundy. (The Dukes of Burgundy; 1). Woodbridge, 2002.

 

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Bekannte Personen des Mittelalters: Stephan Harding

Stephan Harding gilt als eigentlicher Gründer des Zisterzienserordens. Anders als häufig angenommen wurde er nicht offiziell heilig gesprochen. Dennoch handelt es sich bei ihm um eine Person mit entscheidender Bedeutung für die Kirchengeschichte. Geboren wurde er 1059 im englischen Merriott in Somerset. Augebildet wurde er bereits als Kind in einem Kloster in Wessex. Es folgten Aufenthalte in Schottland, Irland, Italien und Frankreich. Dies ist insofern beeindruckend, als dass er damit alle Länder besuchte, die einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Klosterlebens in Europa hatten. Dies wird seine Persönlichkeit entscheidend geprägt haben.

Im Jahr 1085 trat er in das Kloster Molesme ein. Er verließ es aber 1098 wieder, im Gefolge von Robert von Molesme und Alberich von Citeaux, welche in Citeaux ein neues Kloster gründeten (den Ausgangspunkt des Zisterzienserordens). Hier wurde er 1109 zum Abt ernannt. Unter Hardings Regie erfuhr das Kloster in Citeaux ein großes Wachstum und einen großen Aufschwung, was die Schriftlichkeit anging. Der neue Abt sandte Mönche aus, um in berühmtem Bibliotheken Abschriften anzufertigen.

Seine wohl wichtigste Handlung für den Zisterzienserorden war die Einführung der „charta Caritatis“ 1119, in der die Struktur des Ordens festgelegt wurde, mit Citeaux als Normkloster für alle Tochtergründungen. Auch die Gründung des ersten zisterziensischen Frauenklosters in Le Tart im Jahr 1125 wird Stephan Harding zugeschrieben.

1133 legte Harding sein Amt nieder, 1134 starb er in Citeaux.

Sekundärliteratur:

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienS/Stephan_Harding.htm (Aufruf: 29.07.2012).


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Bekannte Personen des Mittelalters: Bernhard von Clairvaux

Bernhard von Claivaux gilt als einer der bedeutendsten Geistlichen des Mittelalters. Bereits von einigen seiner Zeitgenossen wurde er als ungekrönter Papst und Kaiser seiner Zeit bezeichnet. Dies liegt vor allem daran, dass er durch seine Reden und vor allem durch seine Schriften einen großen Einfluss sowohl auf das einfache Volk als auch auf Adel und Klerus hatte.

Er stammte aus einer adligen Familie, sein Vater war Tescelin le Saur. Geboren wurde er im Jahr 1090 in Fontaine-les-Dijon. Passend zu seiner hohen Abstammung erhielt er bereits früh eine umfassende Ausbildung, in der Klosterschule in St. Vorles. 1113 trat er mit 30 Begleitern in das Kloster Citeaux ein, das Hauptkloster des späteren Zisterzienserordens. Hier trat er in Konkurrenz mit dem Abt Stephan Harding. Dieser war zwar von Bernhards Glauben begeistert, allerdings wird vermutet, dass die Ernennung Bernhards zum Abt von Clairvaux und seine Priesterweihe 1115 das ungestörte Arbeiten beider Persönlichkeiten gewährleisten sollte. Bernhard gelangte zwar nie zu höheren Würden, allerdings gingen von Clairvaux sehr viele Tochtergründungen aus, die entsprechend der Struktur des Ordens im Filiationsprinzip an das Kloster Clairvaux gebunden waren. So berfügte Bernhard über ein großes Netzwerk, zusätzlich zu seinen Verbindungen zum Adel.

Bernhard nahm auch Einfluss auf andere Orden, die ihn um Rat fragten. Dazu gehörten Kartäuser, Gilbertiner und Prämonstratenser. Auch unterstützte er den neuen Templerorden durch seine Schrift „Lob der neuen Miliz“. Weitere wichtige Schriften sind „De gradibus humilitatis et superbiae“ und „De diligendo Deo“, wichtige Werke der Mystik. Auch verfasste er verschiedene Bibelkommentare.

Er war ein großer Gegner der Katharer, die  zu seinen Lebzeiten in Südfrankreich großen Zulauf hatten. Diese Bewegung, von der Kirche offiziell als sich ausbreitene Krankheit angesehen, war auch Bernhard ein Dorn im Auge. Auch predigte er gegen Petrus Waldus und Pierre Abelard. Hier zeigte sich deutlich, dass Bernhard treu zur Kirche und zum Papst stand. Dies verwundert nicht, da die Zisterzienser von Anfang an die Anerkennung des Papstes hatten.

Ein Hinweis auf sein hohes Ansehen ist, dass er in der Lage war, Kritik am Lebenswandel der Päpste zu üben, der so gar nicht zum besonders von den Zisterziensern gelebten Armutsideal passte. Sein Ansehen nahm allerdings Schaden, als der von ihm anfangs propagierte zweite Kreuzzug in einem Desaster endete. Er war ein charismatischer Prediger, der in der Lage war, Menschen schnell für sich zu gewinnen. Da er in diesem Fall aber falsch lag, war das Vertrauen in ihn erschüttert. Seiner Wirkung für die Nachwelt, bis heute, tat dies aber keinen Abbruch. Seine oben genannten Werke werden heute noch verwendet. Bernhard starb am 20.08.1153 in Clairvaux. Bereits 1174 wurde er durch Papst Alexander III. heilig gesprochen.

Bildquelle:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Bernard_of_Clairvaux_-_Gutenburg_-_13206.jpg&filetimestamp=20050610201203 (29.07.2012).

Sekundärliteratur:

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienB/Bernhard_von_Clairvaux.htm (Aufruf: 27.07.2012).


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