Der Klosterplan von St. Gallen – ein Ideal wird Wirklichkeit

Der Klosterplan von St. Gallen ist der Plan des idealen Klosters. Entstanden ist er zur Zeit des Frühmittelalter (im 9. Jahrhundert) im Kloster Reichenau. Seinen heutigen Namen hat er erhalten, weil er in der Klosterbibliothek St. Gallen aufbewahrt wird. Der Plan beschreibt dabei aber nur die ideale Form. Es ist genau zu erkennen, wo welche Gebäude stehen sollen und welche Zwecke sie zu erfüllen haben.

Im Zentrum befindet sich die Klosterkirche mit den daran anschließenden Klostergebäuden, die rund um den Kreuzgang angeordnet sind. Dazu zählen Scriptorium, Sakristei, Refektorium, Kellarium und Dormitorium. Hier sollten die Mönche arbeiten, essen und schlafen. Die Novizen sollten nicht direkt mit den Mönchen zusammenwohnen. Aus diesem Grund war für sie ein eigener Komplex inklusive einer eigenen Kapelle vorgesehen. All dies befindet sich nahe dem Chor der Klosterkirche, die wie bei Kirchen üblich mit dem Chor in Richtung Osten (Richtung Jerusalem) ausgerichtet ist. Auch für durchreisende Mönche sowie für Gäste des Abtes samt deren Begleitung sollte es gesonderte Häuser geben. Die Idee dahinter war, dass sie so das streng geregelte Klosterleben nicht stören konnten. Für den Abt war eine eigene Pfalz inklusive eigener Küche vorgesehen, in der er auch hochrangige Gäste empfangen können sollte. Da die Bildung eine zentrale Rolle für die Mönchsorden spielte, ist in diesem Klosterplan auch eine eigene Schule vorhanden.

Das Kloster sollte auch über ein eigenes Krankenhaus verfügen, in dem ebenfalls eine Kapelle eingerichtet werden sollte. Nur auf die heilende Kraft von Gebeten und Aderlass vertraute man hier aber wohl nicht, es sollte einen speziellen Garten für Arzneikräuter geben. Diese Gärten finden sich in vielen Klosteranlagen, die Verwendung von Heilkräutern war wohl übliche Praxis. Da die meisten Klöster autarke Einheiten bildeten, fehlen auf dem Klosterplan von St. Gallen nicht die für die Verarbeitung der aus den Gärten, Wäldern und von den Feldern gewonnen Erzeugnisse. Es sind Kornspeicher, Mühlen, Bäckereien (davon eine speziell für das Backen der Hostien), Brauereien und verschiedene Werkstätten eingezeichnet. Zudem sind Ställe für Kühe, Ziegen, Geflügel, Pferde und Schweine zu erkennen. Alles in allem schätzt man, dass in diesem Kloster ca. 100 Mönche und noch einmal doppelt so viele Arbeiter hätten leben können. Insgesamt gibt es 50 Gebäude. So hätte es aussehen können:

Aus diesem Ideal soll nun Wirklichkeit werden. Ca. 1194 Jahre nach seiner mutmaßlichen Entstehung soll der St. Galler Klosterplan in die Wirklichkeit umgesetzt werden, und zwar in der Nähe der Stadt Meßkirch in Baden-Württemberg.  Bert M. Geurten hat den Verein „karolingische klosterstadt e.V.“ gegründet und möchte das Kloster streng mit mittelalterlichen Baumethoden aus einem Waldstück heraus entstehen lassen. Das bedeutet auch, dass sämtliche Baumaterialien vor Ort gewonnen werden, auch nach den Methoden der damaligen Zeit. Dies ist besonders insofern interessant, als dass die Klöster damals immer in sehr unwirtlichen Gegenden entstanden und diese durch die Mönche erst urbar gemacht werden mussten. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass weitere Kenntnisse über die Baumethoden des Mittelalters gewonnen werden können. Der Verein folgt damit einem Trend, den man auch sehr schön beim Bau der Burg Guidelon in Frankreich beobachten kann. Allerdings ist dieses Projekt ungleich größer und deswegen so wichtig, weil ein komplettes Kloster in der Form heute nicht mehr existiert und in dieser idealen Form auch im Mittelalter nicht vorhanden war. Die Baustelle kann ab dem Frühjahr 2013 besichtigt werden.

Bildquellen:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Codex_Sangallensis_1092_recto.jpg&filetimestamp=20090716000744 (25.11.2012)

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Rahn_Kloster_Sanct_Gallen_nach_Lasius.jpg&filetimestamp=20090301125729 (25.11.2012)

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Die Klosterstadt.

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Ausstellung: Otto der Grosse und das Römische Reich

Noch bis zum 09. Dezember 2012 läuft die Ausstellung „Otto der Grosse und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter“ im Kulturhistorischen Museum Magdeburg. Interessierte können sich hier Einblicke gewinnen in die Zeit des deutschen Kaisers Otto I. Es soll hier die Brücke geschlagen werden zwischen dem antiken und dem mittelalterlichen Kaisertum.