Martin Luther – Kindheit, Jugend und der Eintritt ins Kloster

christian-1296370_1280Vor einem halben Jahrtausend veränderte ein Mann mit der Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache die Welt nachhaltig: Martin Luther. Er ist vor allem als Reformator bekannt. Als mutiger Mönch, der der mächtigen römischen Kirche und dem Kaiser Karl V. mutig die Stirn bot. Doch nur wer Luthers Herkunft kennt kann beurteilen, warum er tat, was er tat – und wie aus einem einfachen Mönch der größte Widersacher des mächtigen Papstes werden konnte.

Lesen Sie im ersten Teil der Reihe, wie Martin Luthers Kindheit und Jugend aussahen, wie er an die Universität ging und sich anschließend für ein entbehrungsreiches Leben im Kloster entschied.

Vom Jungen aus einfachen Verhältnissen zum Mönch

Anfangs deutete kaum etwas darauf hin, dass aus dem Jungen aus einfachen Verhältnissen eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte werden sollte. Geboren wurde Martin Luther am 10. November 1483 im thüringischen Eisleben. Sein Vater war Bergmann, seine Mutter einfache Hausfrau. Doch trotz ihrer einfachen Verhältnisse lernte der junge Luther Lesen und Schreiben. Sein Alltag war, wie auch der seiner Altersgenossen, von Gewalt geprägt. Schläge waren sowohl im Elternhaus als auch in der Schule an der Tagesordnung. Mit 14 Jahren ging er auf eine Schule in Magdeburg, wo er allerdings nur ein Jahr lang blieb.Von dort ging es nach Eisenach. Geld besaß er meistens nicht. Was er zum Leben brauchte, musst er erbetteln. Einzig eine gewisse Ursula Cotta sorgte einige Jahre etwas besser für ihn. Sein Vater schickte in 1501 schließlich auf die Universität von Erfurt, wo er 1502 den Bakkalaureus und 1505 den Magister erwarb. Doch sollte er geglaubt haben, nun eine ruhigere Lebensphase erreicht zu haben, hätte er sich getäuscht. Mehrere Krankheiten, eine Pestwelle und der Einschlag eines Blitzes in seiner unmittelbaren Nähe sorgten dafür, dass sich Martin Luther ins Augustiner-Kloster in Erfurt begab und sich für ein Leben als einfacher Mönch entschied. Dort befolgte er für viele Jahre pflichtbewusst die strengen Klosterregeln.1

Folgen für sein weiteres Leben

Leid, Schmerz, Krankheiten und Mangel prägten Luthers Kindheit und Jugend. Erfahrungen, die sein späteres Leben ebenso prägen sollten wie seinen Umgang mit Herausforderungen und Problemen. Er lernte früh, sich durchzusetzen und sein (Über)leben auch in Notlagen zu sichern. Gleichzeitig werden ihn die harschen Bedingungen kaum unbeeindruckt gelassen haben. Dafür spricht auch, dass er sich schließlich in ein Kloster begab und sich zunächst von der Welt außerhalb der Klostermauern abwandte. Doch auch hier sollte er keineswegs eine heile Welt vorfinden.

Was ihn schließlich dazu bewegte, sich gegen die Kirche zu stellen, dazu mehr im nächsten Artikel dieser Serie.

Literatur: Febvre, Lucien. Martin Luther. Herausgegeben und übersetzt von Peter Schöttler. Frankfurt am Main, 1996.

1Vgl. Febvre, Lucien (1996). S. 25-27.

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Die Namen der Wochentage im Mittelalter – Ein Ausflug in die Chronologie

Montag bis Sonntag – dass die Namen der heutigen Wochentage ihre Ursprünge in der Antike haben, ist recht bekannt. Doch wie wurden die Wochentage im Einzelnen genannt? Die Kenntnis hierüber ist zentraler Bestandteil der Chronologie und unverzichtbar für die richtige zeitliche Einordnung von Schriftquellen. Unternehmen wir also eine kleine Zeitreise und werfen einen Blick auf die Wochentage der Menschen im Mittelalter.

Wer hat den Kalender eigentlich erfunden?

Eine genaue Einteilung der verschiedenen Tage des Jahres war nicht grundsätzlich neu. Die Menschen begannen sehr früh damit, den Lauf der Gestirne zu beobachten. Mit Hilfe ihrer Beobachtungen konnten sie bestimmte Gesetzmäßigkeiten erkennen und nutzbar machen. Der erste richtige Kalender wurde von den alten Ägyptern im vierten vorchristlichen Jahrtausend entwickelt. Hier lässt sich bereits die Einteilung in 365 Tage erkennen. Aber erst mit der Einführung des Julianischen Kalenders 46 v.Chr. entstand die Grundform, wie wir sie heute noch kennen. Juli und August erhielten 31 Tage, der Februar 28. Die Schaltjahre führte allerdings erst Papst Gregor XIII. 1582 ein, um die Länge des Kalenders an die des Sonnenjahres anzugleichen.1 Doch damit befinden wir uns bereits in der Frühen Neuzeit – lassen Sie uns also schnell wieder einige Jahre zurückreisen.

Die Namen der Wochentage im Mittelalter

Die Bezeichnungen der Tage richteten sich meist nach den Namen für bestimmte Fest- und Feiertage. Beachten Sie, dass die Woche im Mittelalter in der Regel mit dem Sonntag begann. Zudem wurden an unterschiedlichen Regionen bisweilen verschiedene Bezeichnungen verwendet.

Hier eine kurze Übersicht der Wochentage mit den uns überlieferten Bezeichnungen:

Sonntag: dominica, dies dominicus, dies Solis, sonnentag, lux domini

Montag: feria secunda, dies lune, mentag

Dienstag: feria tertia, dies Martis, Eritag, Irchtag, Zinstag, Cistag

Mittwoch: feria quarta, dies Mercurii, Wodenstag, Gudenstag, media septimana

Donnerstag: feria quinta, dies Jovis, durnstag

Freitag: feria sexta, dies Veneris, fridach

Samstag: feria septima, dies sabbatinus, sabbatum, sambestag, dies saturni, Satertag2

Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem sei das Taschenbuch der Zeitrechnung von Hermann Grotefend sehr ans Herz gelegt. Mit seiner Hilfe ist die genaue Bestimmung historischer Daten möglich – ein unverzichtbares Werkzeug für jeden Historiker und Geschichtsinteressierten.

Literatur:

Grotefend, Hermann. Taschenbuch der Zeitrechnung. 14. Auflage. Hannover, 2007.

2Vgl. Grotefend, Hermann. Taschenbuch der Zeitrechnung. 14. Auflage. Hannover, 2007.

Die Wikinger und Alfred der Große

Im Jahr 871 n. Chr. beherrschten die Wikinger beinahe ganz England. Die „Great Heathen Army“, angeführt von Ivar dem Knochenlosen und seinem Bruder Halfdan, hatte seit 865 n. Chr. weite Teile der britischen Inseln gewaltsam unter ihre Kontrolle gebracht. König Aelle, der König von Northumbria, war von ihnen 869 getötet worden. Edmund, der Herrscher von East-Anglia nur ein Jahr später. An ihrer Stelle waren englische Vasallenkönige eingesetzt worden, die vollständig unter der Kontrolle der Sieger standen. Das Königreich Wessex, angeführt von Alfred dem Großen, leistete ihnen jedoch erbitterten und schließlich erfolgreichen Widerstand.

Im ersten Artikel dieser zweiteiligen Serie haben wir gesehen, wie die „Great Heathen Army“ beinahe ganz England erobern konnte. Lesen Sie nun im zweiten und letzten Teil, wie es dem legendären englischen König Alfred dem Großen gelang, der als unbesiegbar geltenden Streitmacht aus Skandinavien Einhalt zu gebieten.

Die Wikinger greifen wieder an

Nach ihren ersten Erfolgen konnten die Wikinger relativ gefahrlos auf englischem Boden überwintern. Angespornt durch die Siegesmeldungen fanden sich immer mehr abenteuerlustige und beutehungrige Nordmänner, die die zweitägige Überfahrt von Dänemark nur zu gerne auf sich nahmen um sich ihren Landsleuten anzuschließen. Es gelang ihnen nach einer kurzen, aber heftigen Offensive im Jahr 871, Wessex zu einem Friedensvertrag zu zwingen.1 Die vollständige Eroberung des Königreiches musste jedoch auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Das Wikingerheer schlug sein Lager vorerst in Repton auf. Von dort aus eroberte es 874 Mercia, bevor sie sich in zwei Gruppen teilte. Halfdan zog mit seinen Männern Richtung Norden, wo sie Land eroberten und damit begannen, Landwirtschaft zu betreiben..2 Die dort gegründeten Siedlungen sollten noch lange Zeit Bestand haben und die Grundlage für das sogenannte „Danelag“ werden sollte – ein Gebiet, das für lange Zeit immer neuen Siedlern aus Skandinavien als Heimat dienen sollte.

Rekonstruierte Häuser im Wikingermuseum Haithabu

Haithabu in Schleswig – Rekonstruierte Wikinger-Häuser

Neue Invasionen von Wessex

Wessex war nun wieder in ernsthafter Gefahr. Ein großes Wikingerheer begann 875 eine zwei Jahre dauernde Invasion. Im Laufe dieses Ereignisses entschieden sich jedoch immer mehr Nordmänner dazu, Höfe zu errichten und zu Siedlern zu werden.3 Kein Wunder: In ihrer Heimat mussten die Skandinavier mit kargen Böden und einem unbarmherzigen Klima zurechtkommen. Hier, auf der britischen Hauptinsel, lagen die Verhältnisse gänzlich anders. Die Zustände hier mussten den Männern aus dem rauen Norden geradezu paradiesisch erschienen sein. Und wer Land bestellte, musste nicht immer und immer wieder sein Leben in der Schlacht riskieren. Deutliche Vorteile für die Familiengründung hatte diese Lebensweise außerdem.

Im Jahr 878 startete eine so deutlich verringerte Streitmacht eine dritte Invasion von Wessex. Dieses Mal konnten sie König Alfred sogar ins Exil in die Sümpfe von Somerset treiben. Dort sollte er jedoch nicht lange bleiben.

Alfred erobert sein Königreich zurück

Der englische König war keineswegs dazu bereit, sich mit seinen anfänglichen Niederlagen abzufinden. In nur wenigen Wochen sammelte er ein beeindruckendes Heer um sich und stellte die Wikinger bei Edington in Wiltshire zur Schlacht. Dieses Mal triumphierten die verbissen kämpfenden Engländer. Die Wikinger mussten sich in ihr befestigtes Lager zurückziehen, wo sie belagert wurden. Schließlich mussten sie ausgehungert aufgeben. Die Anführer der Nordmänner ließen sich daraufhin Taufen und die Kämpfe fanden (vorerst) ihr Ende.4 Es ist anzunehmen, dass viele Angehörige des Heeres dem Vorbild ihrer Anführer folgten – eine wichtige Voraussetzung für die nun stattfindende Integration der Skandinavier, die in den meisten Fällen zu Siedlern wurden.

Alfred war das gelungen, was für viele seiner Vorgänger tödlich oder im Exil geendet hatte: Die Wikinger aufzuhalten. Er war der letzte König, der einer vollständigen Eroberung Englands durch die Nordmänner noch im Weg stand. Durch sein entschlossenes Handeln konnte er verhindern, dass sich sein Heer vollständig auflöste. Stattdessen vermochte er es, neue Hoffnung und neuen Kampfgeist in den Herzen seiner Männer zu erwecken.

Die Skandinavier hatten dem Land dennoch dauerhaft ihren Stempel aufgedrückt. Mit ihren zahlreichen Siedlungen sollten sie großen kulturellen Einfluss auf die englische Geschichte nehmen. Viele vermischten sich schließlich mit der einheimischen Bevölkerung. Und noch heute lassen die nordisch klingenden Ortsnamen (endend auf -by) auf dem Gebiet des ehemaligen Danelags den Einfluss der Wikinger erkennen.

Literatur:

Keynes, Simon: Die Wikinger in England (um 790-1016). In: Sawyer, Peter (Hrsg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. Hamburg, 2008.

1Vgl. Keynes, Simon (2008). S. 64.

2Vgl. Ebd. S. 65.

3Vgl. Ebd., S. 65-66.

4Vgl. Ebd. S. 67.

War die mittelalterliche Technik des Burgenbaus römischen Ursprungs?

Bereits die Römer errichteten beeindruckende Befestigungsanlagen. Ob der Hadrianswall, der obergermanisch-raetische Limes oder die Stadtmauern römischer Siedlungen – es könnte nahe liegen, hier den Ursprung für die Burgen und Mauern des Mittelalters zu suchen. Ganz so einfach ist die Sache freilich nicht.

Zunächst einmal sind Befestigungsanlagen keine Erfindung der Römer. Man baute sie lange, bevor das kleine Dorf am Tiber zur Weltmacht aufstieg. Und sie wurden lange nach dem Ende des Imperium Romanum erbaut. Die Grundprinzipien blieben dabei immer gleich. Orte mit natürlichen Hindernissen boten sich für den Bau von Befestigungen genauso an wie die Lage an Flüssen, wichtigen Straßen, Bergpässen und in Städten. Dabei erwies sich eine rechteckige Grundform meist als besonders effektiv – sofern die natürlichen Gegebenheiten dies zuließen. Diese Grundprinzipien sollten auch das Mittelalter hindurch Bestand haben.

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Die Saalburg – im 19. Jahrhundert rekonstruiert.

Unterschiedliche Strategien

Schützende Mauern besaßen für die Römer eine etwas andere Bedeutung als für die Menschen des Mittelalters. Sie dienten zwar bereits in der Antike dazu, Feinden das Vorankommen zu erschweren. Nicht umsonst war es in der Legion üblich, befestigte Marschlager für die sichere Übernachtung zu errichten. Und die große Stadtmauer Roms entstand durchaus als direkte Folge der Plünderung durch die Gallier im 4. Jhd. v.Chr. Die gesamte Taktik der römischen Armee war allerdings auf die offene Feldschlacht ausgerichtet.

Die Heerführer des Mittelalters mieden offene Schlachten aufgrund ihrer Unberechenbarkeit in den meisten Fällen. Belagerungen waren dementsprechend häufiger. Damit besaßen Burgen und Stadtmauern eine weit größere Bedeutung. Sie entschieden nun direkt über Sieg und Niederlage. Die Verteidiger mussten zudem in der Lage sein, lange Zeit ohne die Rettung durch ein Ersatzheer auszuharren.

Weiternutzung römischer Bauten

Doch auch, wenn die Anforderungen inzwischen andere waren: An verschiedenen Orten wurden die römischen Bauten zunächst weiterhin genutzt und später ausgebaut. So behielt Köln seine römische Stadtmauer, bis sie durch zeitgemäße Bauten Stück für Stück ersetzt wurde. Auch Burgen wurden teilweise auf den Ruinen früherer Kastelle errichtet – nicht zuletzt, weil die von den Römern gewählten Standorte strategisch immer noch sinnvoll waren. Wenn die baulichen Hinterlassenschaften des Weltreiches nicht mehr aktiv genutzt wurden, dienten sie meist als Steinbruch. So erging es auch der Colonia Ulpia Traiana, die das Baumaterial für das mittelalterliche Xanten lieferte.

Die Mauern der Antike = Die Mauern des Mittelalters?

Es wäre also nicht richtig, den römischen Befestigungen jeglichen Einfluss auf den Burgenbau des Mittelalters abzusprechen. Allerdings sollte bedacht werden, dass sich die Strategien des antiken Roms und der Reiche des Mittelalters deutlich voneinander unterschieden. Während die Römer ihre Feinde gerne im Feld stellten und über ein gut erschlossenes Hinterland verfügten, befanden sich die Burgen des Mittelalters häufig in einer deutlich abgelegeneren Lage. Es konnte bisweilen lange dauern, bis Verstärkung eintraf. Sie mussten also deutlich stärker befestigt und wesentlich autarker sein, als dies beispielsweise bei römischen Kastellen der Fall war. Ein gutes Beispiel ist die Schildmauer, die die Burgen vor Beschuss schützen sollte – nachgewiesenermaßen eine Erfindung des Mittelalters. Also: Römische Einflüsse gab es. Direktes Vorbild für den Burgenbau waren die römischen Befestigungen jedoch in den meisten Fällen eher nicht.

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Hohensalzburg

Die „Great Heathen Army“ – oder wie die Wikinger um ein Haar ganz England eroberten

„A.D. 865. This year sat the heathen army in the isle of Thanet,

and made peace with the men of Kent, who promised money

therewith; but under the security of peace, and the promise of

money, the army in the night stole up the country, and overran

all Kent eastward.1

Mit diesen Worten wird in der Anglo-Saxon Chronicle der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen beschrieben, die weitreichende Folgen sowohl für England als auch für Skandinavien haben sollten. Im Jahr 865 erreichte die sogenannte „Great Heathen Army“ England. Erleben Sie in dieser Serie hautnah mit, wie die Wikinger durch mehrere englische Königreiche zogen, Tribute einforderten und Könige zu Fall brachten, bevor ihnen schließlich doch noch Einhalt geboten werden konnte.

Wikinger

Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langbooten.

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit der Frage, woher die „Great Heathen Army“ wahrscheinlich stammte, wer sie anführte und zeigt auf, wie sie in kurzer Zeit mehrere Königreiche zu Fall brachte.

Der Ursprung der „Great Heathen Army“

Über die genaue Herkunft und Zusammensetzung der Armee besteht in der Forschung bis heute keine Einigkeit. Einige meinen, es handelte sich um eine aus Dänemark stammende Armee. Andere Forscher vertreten die Ansicht, dass es sich um einen Zusammenschluss von Wikingern handelte, die zuvor im Frankenreich und in Irland aktiv waren. Als gesichert gilt nur, dass es sich um ein relativ großes Aufgebot gehandelt haben muss. Zum jetzigen Zeitpunkt wird von zwei- bis dreitausend Kriegern, Männern wie Frauen, ausgegangen. Angeführt wurde das Heer von mehreren, hochrangigen Wikingern. Dazu zählten Halfdan und Ivar der Knochenlose, beides Söhne des legendären Ragnar Lodbrok.

Kent, East-Anglia und Northumbria werden überrannt

Der Ansturm der Wikingerarmee scheint die englischen Herrscher gänzlich unvorbereitet getroffen zu haben. Zwar waren zuvor bereits Angriffe von Plünderern abgewehrt worden. Auf eine derart große Zahl von Angreifern war man aber offensichtlich nicht vorbereitet.

Nur ein Jahr nach der Eroberung von Kent befand sich das Heer bereits in East-Anglia, dass sich den Angreifern ergeben hatte. Strategisch besonders bedeutsam ist die Textstelle „they were soon horsed“. Sie besaßen nun Pferde für den Transport, für Aufklärung und den Einsatz im Kampf.

Die Wikinger blieben nicht in East-Anglia. 867 überschritten sie den Humber und begannen die Invasion von Northumbria. Begünstigt durch die Thronstreitigkeiten zwischen den Königen Osbert und Aella machten sie schnell Fortschritte und standen schließlich vor den Toren Yorks. Doch obwohl sich beide Herrscher im Angesicht der großen Bedrohung zusammenschlossen, konnten sie die Wikinger nicht bezwingen. Beide Könige fielen in der Schlacht und York wurde eingenommen.2

Mercia, Hilfe aus Wessex und eine überraschende Kapitulation

868 stießen die Wikinger weiter in Richtung Süden vor und fielen in Mercia ein. Ihr Winterlager schlugen sie bei Nottingham auf. König Burhred von Mercia wusste, dass er die Angreifer alleine nicht würde besiegen können. Er wandte sich hilfesuchend an Ethelred, den König von Wessex und dessen Sohn Alfred. Diese erklärten sich einverstanden. Doch schon kurz nachdem das englische Heer nach Mercia gezogen war stellte sich heraus, dass sich die Einwohner des Landes bereits unterworfen hatten. So kam es zunächst zu keinen größeren Kämpfen zwischen den beiden Heeren.3

Eine (vorläufige) Verschnaufpause

Wie die Wikinger konkret auf die Armee aus Wessex reagiert haben, wird in der Anglo-Saxon Chronicle nicht erwähnt. Überliefert ist aber Folgendes: Im Jahr 869, ein Jahr nach der Eroberung von Mercia, begab sich das Wikingerheer zurück nach York. Es sollte ein Jahr dauern, bis sich die Wikinger auf weitere Eroberungszüge begaben.

Es ist durchaus beachtlich, wie schnell und mühelos die Wikinger gleich mehrere englische Königreiche in die Knie zwangen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen zeigt der Zusammenschluss zu einem großen Heer (zumindest auf Zeit), dass sich die Wikinger der Bedeutung zahlenmäßiger Überlegenheit bewusst waren und sie zu nutzen wussten. Sie passten sich zudem flexibel neuen Gegebenheiten an. So besorgten sie sich kurzerhand Pferde und waren in der Lage, befestigte Stellungen zu belagern und einzunehmen. Ihr schnelles Vorgehen ließ den Herrschern dabei kaum Zeit für Vorbereitungen. Die englischen Armeen dieser Zeit, die sog. Fyrd, setzten sich aus der wehrpflichtigen Bevölkerung der jeweiligen Landesteile zusammen. Das waren weder professionelle Krieger, noch konnte man sie in kurzer Zeit versammeln. Dazu kam, dass den Wikingern in dieser Zeit ein schrecklicher Ruf vorauseilte. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit angesehen. Kein Wunder, dass die Kampfkraft der angelsächsischen Aufgebote zu dieser Zeit nicht wirklich gut war.

All dies sollte sich jedoch schon bald ändern. Insbesondere Alfred, der junge Thronfolger aus Wessex, sollte den Wikingern einiges mehr an Widerstand entgegensetzen.

 

2Vgl. Ebd.

3Vgl. Ebd.

Quelle:

http://omacl.org/Anglo/

Buchvorstellung: „Willehalm und Arabel“ – nach Wolfram von Eschenbach

51jscvtkswl-_sx326_bo1204203200_Opladen, Gudrun: Willehalm und Arabel – nach Wolfram von Eschenbach. rethink verlag, Friedberg, 2015.

Eine ungewöhnliche Liebe gerät in das machtpolitische Räderwerk ihrer Zeit: Es ist die Liebe zwischen der sarazenischen Königin Arabel und dem christlichen Ritter und Markgrafen Willehalm, der in Arabien gefangen gehalten wird. Gemeinsam fliehen sie an die rettende Küste der Provence. Arabel tritt zum Christentum über und wird Willehalms rechtmäßige Frau. Doch die Rache ihres ersten Ehemanns Tibalt sowie ihres Vaters, des mächtigen Großkönigs Terramer, zieht ein Meer aus Flammen, Tränen und Blut nach sich.

Willehalm und Arabel ist die spannend zu lesende Neuerzählung des Willehalm von Wolfram von Eschenbach. Der große Dichter des Parzival schuf damit ein Werk, das zugleich Ritterepos, Heldenroman, Heiligenlegende, Liebesgeschichte und Schlachtengemälde ist: alt und doch modern, brutal und doch zärtlich, fremd und doch vertraut, märchenhaft und doch real – kurz, eine durch und durch menschliche Erzählung.

(Klappentext aus: „Willehalm und Arabel“)

  1. Altes Thema der Weltgeschichte und Literatur: Islam versus Christentum

    Der Kampf Orient gegen Okzident, Morgen- gegen Abendland, Islam gegen Christentum war und ist eines der großen Themen der Weltgeschichte und Literatur. Mit ihm beschäftigt sich auch das Ritterepos Willehalm des berühmten Parzival-Dichters Wolfram von Eschenbach (* um 1160-80; † um/nach 1220). Es erzählt von der Liebe zwischen dem christlichen Ritter Willehalm und der sarazenischen Königin Arabel – eine tragische Liebe, ein blutiger „Minnesang“, der zu zwei großen Schlachten und zu mit ihnen verbundenen riesigen und letztlich unbewältigten Verlusten führt. Dabei geht die Figur des Helden Willehalm (Guillaume d’Orange) auf den 1066 heilig gesprochenen Wilhelm von Aquitanien (* um 754; † 28. Mai 812) zurück, den Grafen von Toulouse und Herzog von Aquitanien. Wie sein literarisches Pendant kämpfte auch der historische Wilhelm im Auftrag Karls des Großen gegen die Sarazenen (793).

  2. Vergessene Perle aus der Schatzkiste der Höfischen Literatur

    Der Willehalm, der schon in seiner Entstehungszeit literarisch eine eher ungewöhnliche Mischung aus Ritterepos, Heldenroman, Heiligenlegende, Liebesgeschichte und Schlachtengemälde darstellte, wurde vor über 800 Jahren im Auftrag des Landgrafen Hermann I. von Thüringen (*1190; † 1217) verfasst. Für sein Werk übersetzte Wolfram eine alt-französische Vorlage (La Bataille d’Aliscans ) ins Deutsche und erzählte sie für sein höfisches Publikum in der damals üblichen Vortrags-Reimform neu – so erfolgreich, dass der Willehalm zu einem der beliebtesten Erzähltexte des Hochmittelalters, oder, modern ausgedrückt, zu einem echten Bestseller in Form vieler schöner Handschriften wurde. Im Unterschied zu Parzival ist das Werk jedoch inzwischen allgemein in Vergessenheit geraten, von seiner nach wie vor bestehenden Bedeutung innerhalb der Mediävistik einmal abgesehen.

  3. Weniger Kreuzzugsideologie als frühes humanistisches Dokument

    Eine mögliche Vernachlässigung des Stoffes könnte darin liegen, dass er offiziell als unvollendetes Fragment gilt, es also kein klassisches „Happy End“ im Willehalm gibt – im Unterschied zum Parzival bietet der Willehalm keine homogen christliche Ritterromantik, sondern stellt das Geschehen schonungslos als eine „Schlächterei“ dar, die man nur mit „Sterben und Ruin des Glücks“ bezahlen könne. Vor allem aber bezieht das Werk erstmals auch die Lebens- und Gefühlswelt der muslimischen „Heiden“ mit ein und wird dadurch zu einem frühen, aufklärerischen und humanistischen Dokument, das sich von der einseitig feindlich gesinnten Kreuzzugsideologie eines Rolandslieds wohltuend unterscheidet.

Willehalm und Arabel: Romanhafte Wiederentdeckung des Willehalm

Für mich als Autorin bildeten gerade das Fragmentarische des Willehalm und sein fehlendes Happy End den passenden Anknüpfungspunkt, um das Wolfram’sche Original mit seinen knapp 14.000 Verszeilen für den heutigen Leser wieder zugänglich zu machen. Willehalm und Arabel hält sich werktreu an die Vorlage, reduziert das umfangreiche Epos aber auf die Handlung, die ich in eine verständliche, romanhafte Form gegossen habe. Die Erzählung wurde 2016 vom „Leseforum Bayern“ deshalb auch als Schulbuch empfohlen. Versbeispiele aus den neun Büchern der mittelhochdeutschen Originalvorlage ergänzen die Neuerzählung, ein Nachwort, ein Anmerkungs-, Begriffs- und Namensverzeichnis erleichtern darüber hinaus die Orientierung. Vor allem aber kann ich den Lesern von „Willehalm und Arabel“ eines versprechen: eine authentische, ungewöhnliche und bestürzend aktuelle Reise in die Welt des Mittelalters zu erleben.

Gudrun Opladen

Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 3 von 3

Sie haben in Teil eins und zwei dieser Serie erfahren, wie man sich im Mittelalter im Idealfall auf eine anstehende Belagerung vorbereitet hat. Sie wissen nun auch, wie der Proviant rationiert wurde und was getan werden musste, um die eigene Burg oder Stadt erfolgreich gegen Angriffe zu verteidigen. Doch was wurde getan, um der Angst, dem Terror und der ständigen Lebensgefahr zu begegnen?

Lesen Sie im dritten und letzten Teil dieser Serie, wie mit den enormen psychologischen Belastungen einer Belagerung umgegangen wurde.

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Belagerung einer Stadt, Holzschnitt von 1502

 

Überleben auf engstem Raum

Angst, Panik und Verzweiflung sind nur einige Beispiele für die extremen emotionalen Belastungen, die mit einer Belagerung einhergehen konnten. Die Verteidiger waren über einen relativ langen Zeitraum auf engstem Raum eingeschlossen. Ständig drohte Lebensgefahr. Zum einen durch immer neue Angriffe auf die Mauern, zum anderen durch den Beschuss durch die feindlichen Belagerungsmaschinen. Innerhalb der Befestigungen kursierten häufig Krankheiten. Verwundete und Kranke konnten meist nur notdürftig versorgt werden. Dazu kam, dass vieles von dem, was man sich lange Zeit aufgebaut hatte, jederzeit von der vollständigen Zerstörung bedroht war. Das schlimmste jedoch war die große Zahl der geliebten Menschen, die bereits Tod waren oder jederzeit den Tod finden konnten.

Wie Menschen auf derartige Belastungen reagieren, ist individuell verschieden. Dementsprechend gab es gleich mehrere Strategien, mit denen versucht wurde, das Ausbrechen von Panik oder Verrat von innen heraus zu verhindern.

Strategie 1 Abschreckung

Ein einziger Verräter innerhalb der Befestigung konnte diese bereits zu Fall bringen. Besonders dann, wenn er andere mit seinen Ideen ansteckte. Dementsprechend drakonisch waren die Strafen, die Verräter zu erwarten hatten. Folterinstrumente wurden noch vor Beginn der Belagerung öffentlich aufgestellt, um hier von vorneherein keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen.

Strategie 2 Ablenkung

Niemand kann über einen langen Zeitraum rund um die Uhr mit schrecklichen Eindrücken umgehen, ohne sich zumindest ab und zu davon abzulenken. Das wussten auch die Verteidiger des mittelalterlichen Neuss 1474/75. Obwohl sie bereits einige Zeit von der berüchtigten Armee des Burgunderherzogs Karl dem Kühnen belagert und beschossen wurden, richteten die Verteidiger inmitten des tödlichen Chaos fröhliche Reiterspiele aus. Das freudige Getöse wurde in der Stadt schließlich so laut, dass es auch einem englischen Söldner vor den Stadtmauern nicht verborgen blieb. Auf seine erstaunte Frage, wie die Neusser im Angesicht einer derartigen Bedrohung die Nerven für so etwas haben könnten, antworteten ihm die Wachen auf dem Mauern gelassen, dass man schließlich nicht die ganze Zeit in Angst leben könne. Dies habe auch der hartgesottene Söldner eingesehen und verstanden.

Strategie 3 Religion

Wohl kaum etwas kann Menschen stärker motivieren, als der Glaube an höhere Mächte. Wer einen Heiligen oder gar Gott auf seiner Seite glaubt, wird auch im Angesicht jeder noch so großen irdischen Bedrohung standhaft bleiben. Das galt in besonderem Masse für das Mittelalter. Kein Wunder also, dass religiösen Symbolen, Prozessionen und Gottesdiensten stets eine besondere Bedeutung zukam. Nicht selten war die Burgkapelle an der Stelle der Befestigung untergebracht, die der größten Gefahr ausgesetzt war. Reliquien wurden zu besonders hart umkämpften Mauerabschnitten getragen, um die Hilfe des Heiligen zu erflehen. Und besondere Reliquien, wie die heilige Lanze, dienten ganzen Heeren als Ankerpunkt im blutigen Chaos der Schlacht.

Strategie 4 Ein fähiger und angesehener Anführer

Jede Verteidigung stand und fiel mit den Fähigkeiten ihres Anführers. Eine charismatische Persönlichkeit, ausgestattet mit einer ausreichenden Machtfülle und einer entsprechenden Anzahl an loyalen Mitstreitern, konnte in schwierigen Situationen die Verteidiger motivieren und sie davon abhalten, aufzugeben. Denn immer verführerischer mutete einigen irgendwann der Gedanke an, das Leid und das Elend auf einen Schlag beenden zu können.

Der menschliche Faktor war entscheidend

Wie wir sehen, hing der Erfolg der Verteidigung von befestigten Stellungen maßgeblich von der Moral der Verteidiger ab. Neben einer ausreichenden Verpflegung und Ausrüstung spielte die psychologische Verfassung eine entscheidende Rolle. Diese in einem guten Zustand zu erhalten, stellte eine der größten Herausforderungen dar. Nicht immer fruchteten die getroffenen Maßnahmen. Viele Burgen und Städte fielen nicht, weil sie sich nicht mehr hätten halten können. Sie fielen, weil ihren Verteidigern die Lage ab einem gewissen Zeitpunkt als zu aussichtslos erschien.

Hiermit endet die dreiteile Serie über die erfolgreiche Verteidigung im Mittelalter. Sie wissen nun über die zentralen Aspekte der mittelalterlichen Verteidigungsstrategien Bescheid. Ich freue mich, dass Sie so interessiert mitgelesen haben. Wie hat es Ihnen gefallen? Haben Sie Fragen? Ich freue mich auf Ihre Anregungen!