Die „Great Heathen Army“ – oder wie die Wikinger um ein Haar ganz England eroberten

„A.D. 865. This year sat the heathen army in the isle of Thanet,

and made peace with the men of Kent, who promised money

therewith; but under the security of peace, and the promise of

money, the army in the night stole up the country, and overran

all Kent eastward.1

Mit diesen Worten wird in der Anglo-Saxon Chronicle der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen beschrieben, die weitreichende Folgen sowohl für England als auch für Skandinavien haben sollten. Im Jahr 865 erreichte die sogenannte „Great Heathen Army“ England. Erleben Sie in dieser Serie hautnah mit, wie die Wikinger durch mehrere englische Königreiche zogen, Tribute einforderten und Könige zu Fall brachten, bevor ihnen schließlich doch noch Einhalt geboten werden konnte.

Wikinger

Frühe Darstellung dänischer Krieger auf ihren Langbooten.

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit der Frage, woher die „Great Heathen Army“ wahrscheinlich stammte, wer sie anführte und zeigt auf, wie sie in kurzer Zeit mehrere Königreiche zu Fall brachte.

Der Ursprung der „Great Heathen Army“

Über die genaue Herkunft und Zusammensetzung der Armee besteht in der Forschung bis heute keine Einigkeit. Einige meinen, es handelte sich um eine aus Dänemark stammende Armee. Andere Forscher vertreten die Ansicht, dass es sich um einen Zusammenschluss von Wikingern handelte, die zuvor im Frankenreich und in Irland aktiv waren. Als gesichert gilt nur, dass es sich um ein relativ großes Aufgebot gehandelt haben muss. Zum jetzigen Zeitpunkt wird von zwei- bis dreitausend Kriegern, Männern wie Frauen, ausgegangen. Angeführt wurde das Heer von mehreren, hochrangigen Wikingern. Dazu zählten Halfdan und Ivar der Knochenlose, beides Söhne des legendären Ragnar Lodbrok.

Kent, East-Anglia und Northumbria werden überrannt

Der Ansturm der Wikingerarmee scheint die englischen Herrscher gänzlich unvorbereitet getroffen zu haben. Zwar waren zuvor bereits Angriffe von Plünderern abgewehrt worden. Auf eine derart große Zahl von Angreifern war man aber offensichtlich nicht vorbereitet.

Nur ein Jahr nach der Eroberung von Kent befand sich das Heer bereits in East-Anglia, dass sich den Angreifern ergeben hatte. Strategisch besonders bedeutsam ist die Textstelle „they were soon horsed“. Sie besaßen nun Pferde für den Transport, für Aufklärung und den Einsatz im Kampf.

Die Wikinger blieben nicht in East-Anglia. 867 überschritten sie den Humber und begannen die Invasion von Northumbria. Begünstigt durch die Thronstreitigkeiten zwischen den Königen Osbert und Aella machten sie schnell Fortschritte und standen schließlich vor den Toren Yorks. Doch obwohl sich beide Herrscher im Angesicht der großen Bedrohung zusammenschlossen, konnten sie die Wikinger nicht bezwingen. Beide Könige fielen in der Schlacht und York wurde eingenommen.2

Mercia, Hilfe aus Wessex und eine überraschende Kapitulation

868 stießen die Wikinger weiter in Richtung Süden vor und fielen in Mercia ein. Ihr Winterlager schlugen sie bei Nottingham auf. König Burhred von Mercia wusste, dass er die Angreifer alleine nicht würde besiegen können. Er wandte sich hilfesuchend an Ethelred, den König von Wessex und dessen Sohn Alfred. Diese erklärten sich einverstanden. Doch schon kurz nachdem das englische Heer nach Mercia gezogen war stellte sich heraus, dass sich die Einwohner des Landes bereits unterworfen hatten. So kam es zunächst zu keinen größeren Kämpfen zwischen den beiden Heeren.3

Eine (vorläufige) Verschnaufpause

Wie die Wikinger konkret auf die Armee aus Wessex reagiert haben, wird in der Anglo-Saxon Chronicle nicht erwähnt. Überliefert ist aber Folgendes: Im Jahr 869, ein Jahr nach der Eroberung von Mercia, begab sich das Wikingerheer zurück nach York. Es sollte ein Jahr dauern, bis sich die Wikinger auf weitere Eroberungszüge begaben.

Es ist durchaus beachtlich, wie schnell und mühelos die Wikinger gleich mehrere englische Königreiche in die Knie zwangen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen zeigt der Zusammenschluss zu einem großen Heer (zumindest auf Zeit), dass sich die Wikinger der Bedeutung zahlenmäßiger Überlegenheit bewusst waren und sie zu nutzen wussten. Sie passten sich zudem flexibel neuen Gegebenheiten an. So besorgten sie sich kurzerhand Pferde und waren in der Lage, befestigte Stellungen zu belagern und einzunehmen. Ihr schnelles Vorgehen ließ den Herrschern dabei kaum Zeit für Vorbereitungen. Die englischen Armeen dieser Zeit, die sog. Fyrd, setzten sich aus der wehrpflichtigen Bevölkerung der jeweiligen Landesteile zusammen. Das waren weder professionelle Krieger, noch konnte man sie in kurzer Zeit versammeln. Dazu kam, dass den Wikingern in dieser Zeit ein schrecklicher Ruf vorauseilte. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit angesehen. Kein Wunder, dass die Kampfkraft der angelsächsischen Aufgebote zu dieser Zeit nicht wirklich gut war.

All dies sollte sich jedoch schon bald ändern. Insbesondere Alfred, der junge Thronfolger aus Wessex, sollte den Wikingern einiges mehr an Widerstand entgegensetzen.

 

2Vgl. Ebd.

3Vgl. Ebd.

Quelle:

http://omacl.org/Anglo/

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3 Kommentare zu “Die „Great Heathen Army“ – oder wie die Wikinger um ein Haar ganz England eroberten

  1. sbkurz sagt:

    Oh, das Thema ist ja gerade so aktuell für mich! – Ich bitte vielmals um Verzeihung, wenn ich hier ausnahmsweise mal auf reinem TV-Serien-Unterhaltungsniveau daherkomme, aber das stammt aus dem Bereich meiner Freizeitgestaltung, wo ich es nicht so genau nehme. Es tut mir leid, das kann ich mir jetzt nicht verkneifen, und vielleicht findet es der eine oder die andere ja unterhaltsam (wenn’s zu sehr auf Abwege führt, einfach nicht freischalten):

    Vor ein paar Wochen sind die letzten Folgen der vierten Staffel der Serie „Vikings“ herausgekommen, und ich habe sie mir gerade letzte Woche in der deutschen Synchronfassung angeschaut und mache jetzt nochmal einen Durchlauf im Originalton. Ich habe mich nicht sehr intensiv mit der historischen Verortung der Handlung beschäftigt, aber wie es scheint, verbindet die Serie Sagen um den hier auch genannten Ragnar Lodbrok und seine Söhne mit historischen Tatsachen und einer gewissen künstlerischen Freiheit zu einer für meine Begriffe ziemlich ansprechenden Fernsehserie (es gibt auch andere Ansichten). Jedenfalls war „The Great Heathen Army“ gerade das zentrale Thema der letzten Folgen von Staffel 4, in denen es um den Rachefeldzug von Ragnars Söhnen geht. König Aella (in der Serie, meine ich, in der Schreibweise Aelle) ist als derjenige, der nach der Saga Ragnar getötet haben soll, in der Serie natürlich von Staffel 1 an als Antagonist aufgebaut worden und erlebt gegen Ende von Staffel 4 eine ziemlich unappetitliche, aber schauspielerisch beeindruckend umgesetzte Hinrichtung (finde ich jedenfalls). Nach meiner äußerst kurzen und oberflächlichen Internetrecherche geht die Szene wohl auf eine Passage in den Sagen-Überlieferungen zurück, die wahrscheinlich fälschlicherweise als „Blutadler“ verstanden wurde, den Ivar der Knochenlose an Aella habe vollziehen lassen. Ausgehend von diesem Ende wirken rückblickend manche vorausgegangenen Szenen recht amüsant. Insbesondere machen sich die Fans dieser Tage immer mal über die in der Serie dargestellte massive (und fatale) Fehleinschätzung eines ebenso arroganten wie ignoranten Aella lustig (unter dem Stichwort „fully prepared“).

    Hier ein Link zu einem verkürzten (und daher nicht besonders unappetitlichen) Zusammenschnitt der relevanten Szenen unter dem Titel „King Aelle was NOT fully prepared“ (der Witz erschließt sich aus dem Filmchen; bessere Bildqualität gibt’s in anderen Clips): https://www.youtube.com/watch?v=VaZW36QH7c0

    Was man da am Ende hängen sieht, ist übrigens eine ziemlich detailliert gestaltete komplette Attrappe (falls es jemand nicht so genau erkennen kann).

    Da ich jetzt gerade auf meinem privaten Twitteraccount ziemlich viel zu „Vikings“ zwitschere, werde ich Leuten, die Deutsch lesen, auf jeden Fall mal diese Serie hier auf dem Blog empfehlen. Und sie natürlich selbst verfolgen. Eigentlich hatte ich es bisher in diesem Fall ja vermieden, mich zu genau über die wirklichen historischen Gegebenheiten zu informieren, weil einem das manchmal ganz schön den Spaß verderben kann (wenn ich nur an den „Medicus“ denke!). Aber wenn sich das so anbietet, bin ich einfach zu neugierig, um nicht weiterzulesen. Man will ja auch was lernen. 😉

    Vielen Dank jedenfalls schon mal für diesen ersten Teil!

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  2. […] Wie die Wikinger einmal fast ganz England erobert hätten beschreibt Daniel Ossenkop auf Das Mittelalter – Der Blog. […]

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  3. […] ersten Artikel dieser zweiteiligen Serie haben wir gesehen, wie die „Great Heathen Army“ beinahe ganz England […]

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