Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 3 von 3

Sie haben in Teil eins und zwei dieser Serie erfahren, wie man sich im Mittelalter im Idealfall auf eine anstehende Belagerung vorbereitet hat. Sie wissen nun auch, wie der Proviant rationiert wurde und was getan werden musste, um die eigene Burg oder Stadt erfolgreich gegen Angriffe zu verteidigen. Doch was wurde getan, um der Angst, dem Terror und der ständigen Lebensgefahr zu begegnen?

Lesen Sie im dritten und letzten Teil dieser Serie, wie mit den enormen psychologischen Belastungen einer Belagerung umgegangen wurde.

belagerung_holzschnitt_1502

Belagerung einer Stadt, Holzschnitt von 1502

 

Überleben auf engstem Raum

Angst, Panik und Verzweiflung sind nur einige Beispiele für die extremen emotionalen Belastungen, die mit einer Belagerung einhergehen konnten. Die Verteidiger waren über einen relativ langen Zeitraum auf engstem Raum eingeschlossen. Ständig drohte Lebensgefahr. Zum einen durch immer neue Angriffe auf die Mauern, zum anderen durch den Beschuss durch die feindlichen Belagerungsmaschinen. Innerhalb der Befestigungen kursierten häufig Krankheiten. Verwundete und Kranke konnten meist nur notdürftig versorgt werden. Dazu kam, dass vieles von dem, was man sich lange Zeit aufgebaut hatte, jederzeit von der vollständigen Zerstörung bedroht war. Das schlimmste jedoch war die große Zahl der geliebten Menschen, die bereits Tod waren oder jederzeit den Tod finden konnten.

Wie Menschen auf derartige Belastungen reagieren, ist individuell verschieden. Dementsprechend gab es gleich mehrere Strategien, mit denen versucht wurde, das Ausbrechen von Panik oder Verrat von innen heraus zu verhindern.

Strategie 1 Abschreckung

Ein einziger Verräter innerhalb der Befestigung konnte diese bereits zu Fall bringen. Besonders dann, wenn er andere mit seinen Ideen ansteckte. Dementsprechend drakonisch waren die Strafen, die Verräter zu erwarten hatten. Folterinstrumente wurden noch vor Beginn der Belagerung öffentlich aufgestellt, um hier von vorneherein keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen.

Strategie 2 Ablenkung

Niemand kann über einen langen Zeitraum rund um die Uhr mit schrecklichen Eindrücken umgehen, ohne sich zumindest ab und zu davon abzulenken. Das wussten auch die Verteidiger des mittelalterlichen Neuss 1474/75. Obwohl sie bereits einige Zeit von der berüchtigten Armee des Burgunderherzogs Karl dem Kühnen belagert und beschossen wurden, richteten die Verteidiger inmitten des tödlichen Chaos fröhliche Reiterspiele aus. Das freudige Getöse wurde in der Stadt schließlich so laut, dass es auch einem englischen Söldner vor den Stadtmauern nicht verborgen blieb. Auf seine erstaunte Frage, wie die Neusser im Angesicht einer derartigen Bedrohung die Nerven für so etwas haben könnten, antworteten ihm die Wachen auf dem Mauern gelassen, dass man schließlich nicht die ganze Zeit in Angst leben könne. Dies habe auch der hartgesottene Söldner eingesehen und verstanden.

Strategie 3 Religion

Wohl kaum etwas kann Menschen stärker motivieren, als der Glaube an höhere Mächte. Wer einen Heiligen oder gar Gott auf seiner Seite glaubt, wird auch im Angesicht jeder noch so großen irdischen Bedrohung standhaft bleiben. Das galt in besonderem Masse für das Mittelalter. Kein Wunder also, dass religiösen Symbolen, Prozessionen und Gottesdiensten stets eine besondere Bedeutung zukam. Nicht selten war die Burgkapelle an der Stelle der Befestigung untergebracht, die der größten Gefahr ausgesetzt war. Reliquien wurden zu besonders hart umkämpften Mauerabschnitten getragen, um die Hilfe des Heiligen zu erflehen. Und besondere Reliquien, wie die heilige Lanze, dienten ganzen Heeren als Ankerpunkt im blutigen Chaos der Schlacht.

Strategie 4 Ein fähiger und angesehener Anführer

Jede Verteidigung stand und fiel mit den Fähigkeiten ihres Anführers. Eine charismatische Persönlichkeit, ausgestattet mit einer ausreichenden Machtfülle und einer entsprechenden Anzahl an loyalen Mitstreitern, konnte in schwierigen Situationen die Verteidiger motivieren und sie davon abhalten, aufzugeben. Denn immer verführerischer mutete einigen irgendwann der Gedanke an, das Leid und das Elend auf einen Schlag beenden zu können.

Der menschliche Faktor war entscheidend

Wie wir sehen, hing der Erfolg der Verteidigung von befestigten Stellungen maßgeblich von der Moral der Verteidiger ab. Neben einer ausreichenden Verpflegung und Ausrüstung spielte die psychologische Verfassung eine entscheidende Rolle. Diese in einem guten Zustand zu erhalten, stellte eine der größten Herausforderungen dar. Nicht immer fruchteten die getroffenen Maßnahmen. Viele Burgen und Städte fielen nicht, weil sie sich nicht mehr hätten halten können. Sie fielen, weil ihren Verteidigern die Lage ab einem gewissen Zeitpunkt als zu aussichtslos erschien.

Hiermit endet die dreiteile Serie über die erfolgreiche Verteidigung im Mittelalter. Sie wissen nun über die zentralen Aspekte der mittelalterlichen Verteidigungsstrategien Bescheid. Ich freue mich, dass Sie so interessiert mitgelesen haben. Wie hat es Ihnen gefallen? Haben Sie Fragen? Ich freue mich auf Ihre Anregungen!

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Ein Kommentar zu “Die erfolgreiche Verteidigung einer mittelalterlichen Stadt – Teil 3 von 3

  1. […] Daniel Ossenkop schließt auf seinem Blog die Reihe über die erfolgreiche Verteidigung einer Stadt im MIttelalter mit dem 3. Teil ab. […]

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