Vorurteile und Selbstbewusstsein – Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter

Frauen „wie im Mittelalter“ zu behandeln klingt nicht gerade erstrebenswert. Dass es sich bei dieser Aussage oft um eine relativ inhaltsleere Floskel handelt, dürfte den meisten klar sein. Wie war es um die soziale Stellung der Frau im Mittelalter wirklich bestellt?

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter – wann und wo genau?

Zunächst muss der geographische und zeitliche Rahmen genauer definiert werden. Das mittelalterliche Europa gliederte sich in zahlreiche Gebiete mit durchaus unterschiedlichen Gebräuchen und Rechtsordnungen. Ich möchte mich in erster Linie auf das England des 14. Jahrhunderts konzentrieren.

Wie wurde die soziale Stellung im Mittelalter definiert?

Ein Mann war nicht einfach ein Mann. Er war Schmied, Ritter oder König. Die Frau dagegen wurde nicht ihrer Tätigkeit nach definiert, sondern ihrem Personenstand nach. War sie verheiratet, verwitwet oder noch unverheiratet? Gehörte sie vielleicht einem Nonnenkonvent an?

Millais_-_Das_Tal_der_Stille

Das Klosterleben bot Frauen ohne Ehemann eine weitere Perspektive. Millais – Das Tal der Stille. Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Stand innerhalb der Gesellschaft. Dieser richtete sich einzig und allein nach dem ihres Ehemannes. War sie unverheiratet, war die soziale Stellung des Vaters ausschlaggebend.

Die Wurzel allen Übels und der Ungleichheit…..

lag, wenig überraschend, in der Bibel. Das Naschen von der verbotenen Frucht und das Verführen von Adam bildeten nach christlicher Vorstellung den Ausgangspunkt allen Übels, dem die Menschheit seit der Vertreibung aus dem Paradies ausgesetzt ist. Frauen wurden dementsprechend nicht nur als schuldig angesehen, sondern ihnen wurde unterstellt, den Männer in so gut wie allen Bereichen deutlich unterlegen zu sein.

Die Sexualität trägt nicht gerade zum Verständnis bei

Vielmehr wird sie nicht oder nur unzureichend verstanden. Vor allem von den Männern nicht. Die Liste der überlieferten Vorurteile zu diesem Thema ist ebenso lang wie haarsträubend. So wurde davon ausgegangen, dass eine Frau ohne einen Orgasmus kein Kind bekommen konnte. Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, was diese Annahme für schwangere Vergewaltigungsopfer bedeutete. Noch schlimmer war es, wenn die Täter einer höheren Gesellschaftsschicht entstammten. Diese anzuklagen, hatte so gut wie nie eine Erfolgsaussicht.

Das Leiden der Leibeigenen

Das Wohlergehen der Frauen hing ganz wesentlich davon ab, in welche soziale Schicht sie einheirateten. Leibeigene führten im Mittelalter meist ein elendes Leben. Frauen erging es hier ganz besonders schlecht. Starb ihr Ehemann, wurde die Frau nicht selten von ihrem Herren weiter verheiratet. Diese Zwangshochzeiten fanden nicht nur willkürlich statt, die Frauen hatten auch kaum die Möglichkeit, sich gegen gewalttätige Ehemänner zu wehren. Sie mussten ihren Männern sexuell jederzeit gefügig sein. Sie konnten sich von ihnen trennen, allerdings verloren sie in diesem Fall all ihren Besitz und besaßen kaum die Möglichkeit, anderswo Anschluss zu finden.

Die soziale Stellung der Frau brachte dennoch nicht nur Nachteile mit sich

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Christina de Pisan, wurde nach dem Tod ihres Ehemannes 1390 eine berühmte Schreiberin.

So hart die Lebensbedingungen für Frauen im Mittelalter auch waren: Es konnte unter bestimmten Umständen durchaus von Vorteil sein, eine Frau zu sein. Auch wenn sie den Männern untergeordnet waren, konnten Frauen im Mittelalter durchaus Eigenständigkeit erreichen. Witwen durften beispielsweise das Handwerk oder das Geschäft ihres verstorbenen Gatten weiterführen. Zudem war es misshandelten Frauen möglich, ihre gewalttätigen Ehemänner vor dem Kirchengericht anzuklagen. Ein wichtiges Detail für kriminelle Paare: Wurden die Missetaten aufgedeckt, musste einzig der Mann dafür büßen. Die Frau konnte sich darauf berufen, nur auf Anweisung des Mannes gehandelt zu haben.

Frauen an den Herd?

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter wird heute oft abfällig damit kommentiert, dass sie sowieso nur für den Haushalt zuständig gewesen ist. Dieses Bild stammt allerdings vor allem aus den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Im Mittelalter bedeutete die Verantwortlichkeit für den Haushalt weit mehr, als dem müden Ehemann Abends ein schmackhaftes Essen zuzubereiten. Die Frau kümmerte sich häufig um alle Abläufe, die den Haushalt betrafen. Die Kontrolle der Vorratshaltung, der Bediensteten und des gesamten Hauses und eventuell vorhandener Außengebäude lag in den Händen der Ehefrau. Sie trug damit für nicht weniger die Verantwortung als für das langfristige Überleben des gesamten Personenverbandes.

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter – ein differenziertes Thema

Wir wir sehen, gibt es nicht den einen Umgang mit Frauen im Mittelalter. Vieles hing davon ab, in welcher sozialen Schicht sich die Frau befand. Einer Königin erging es meist wesentlich besser als einer Leibeigenen. Die Frauen des Mittelstandes hatten oft keine allzu üblen Aussichten, auch wenn Gleichberechtigung weder bekannt war noch angestrebt wurde. Gleichzeitig war es möglich, dass Frauen unter bestimmten Voraussetzungen eigenständig agierten und wichtige Positionen innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft einnahmen.

Wie so oft kommt es eben auf den Einzelfall an. Generell lässt sich aber sagen, dass die Menschen des Mittelalters von einem gleichberechtigten Leben weit entfernt waren. Wichtiger war die vorgegebene, göttliche Ordnung, die um jeden Preis beibehalten werden musste.

Literatur:

Mortimer, Ian. Im Mittelalter. Handbuch für Zeitreisende. München, 2015.

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9 Kommentare zu “Vorurteile und Selbstbewusstsein – Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter

  1. Marlene sagt:

    Das sind schöne Bilder! Wo sind die denn her? Viele Grüße, Marlene

    Gefällt mir

  2. Wurzelweib sagt:

    Hallo

    Ich denke, man sollte bei solchen Themen immer mit berücksichtigen, dass die Menschen damals ihre Zeit ganz anders empfunden haben als wir sie beurteilen. Vieles wird für sie ganz normal gewesen sein, was wir kaum nachvollziehen können. Und würden sie uns sehen, wie wir Jahre unseres Lebens mit Lernen und Ausbildung verschwenden anstatt richtig zu arbeiten, wir wir in unseren stickigen Büros sitzen, in unseren Singlehaushalten Fertiggerichte in die Mikrowelle schieben, unsere Alten in Pflegeheime stecken, damit sie dort allein dahinsiechen … sie würden die Hände über ihren Köpfen zusammenschlagen. Im Mittelalter hatte jeder seinen Platz, seine Aufgaben, die Alten wurden gewürdigt und man kümmerte sich um einander. Die Leibeigenen gehörten aufs Feld, die Wöchnerinnen ins Wochenbett, die Nonnen ins Kloster. Jeder wurde gebraucht. Jahrhunderte lang kümmerten sich die Frauen um den Fortbestand ihrer Art, gebaren Kinder, bestellten das Feld, kümmerten sich um die Kinder, die Alten und das Kleinvieh, sponnen, woben und nähten, Kochten und wuschen Wäsche. Und plötzlich kam die Technik: Waschmaschine, Elektroherd, Mikrowelle, Massenware. Den Frauen wurde der Sinn ihres Lebens genommen. Was haben wir davon? Schwanger werden ist scheiße, alt werden ist scheiße, also gehen wir vorwiegend sinnlosen Arbeiten nach und wissen gar nicht mehr, was es bedeutet Frau zu sein. Burn-Out und Depressionen sind die Folge …

    Ich habe mich selbstständig gemacht, bin mit meiner Familie (Mutter, Bruder und sine Freundin) zusammengezogen und wir bauen unser Gemüse selbst an, halten Tiere und ich spinne, färbe und stricke den ganzen Tag, jäte Unkraut, koche ein … und dieses Leben, fast so wie im Mittelalter (wie wir schon oft gehört haben), gibt mir mehr Sinn als meine 12 Jahre Schulbildung, meine zwei Ausbildungen, mein damaliger Job und alles andere, womit ich meine Lebenszeit bisher verschwendet habe.

    Oh weh, eigentlich sollte der Kommentar gar nicht so lang werden … dabei wollte ich eigentlich nur sagen, wie gern ich hier lese und nach 12 Jahren Mittelalterfanatismus jedes Mal etwas Neues lerne. Vielen Dank dafür. Ich freu mich schon auf die Kommenden Beiträge 🙂

    Liebe Grüße
    Wurzelweib

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Wurzelweib,

      ich habe fasziniert deinen schönen Kommentar gelesen und kann dir nur zustimmen. Viele Erfahrungen, die du dort beschreibst, kenne ich aus eigenem Erleben. Ich denke es hat durchaus gute Gründe, dass gerade das Mittelalter so viele treue „Fans“ hat.
      Ich freue mich auf jeden Fall, dass es dir hier so gut gefällt und du etwas für dich mitnehmen kannst!

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  3. […] Ossenkop widmet sich in einem Beitrag der sozialen Stellung der Frau im […]

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