Buchvorstellung: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter

9783849811525Wand-Wittkowski, Christine: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter. Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 2016.

Umrankt von Mythen, Legenden und in zahlreichen Filmproduktionen fantasievoll ausgeschmückt stellt das Leben an den Höfen des Mittelalters seit jeher einen wesentlichen Aspekt der Beschäftigung mit der Epoche dar. Ob Prinzessin, Burgfräulein oder tapferer Ritter – an Stereotypen mangelt es in dieser Hinsicht wirklich nicht. Christine Wand-Wittkowski widmet sich in ihrem neuesten Buch diesem Thema auf der Grundlage eines bemerkenswert umfangreichen Fundus zeitgenössischer Quellen.

Thematisch deckt die Autorin so ziemlich jeden Aspekt des höfischen Lebens ab. Liebe, Leidenschaft, Mode, Bildung und Dichtung, aber auch Intrigen, Prostitution, Gier und niedere Gelüste werden im Detail behandelt. Der dichterischen Idealvorstellung entsprach die höfische Gesellschaft eben gerade nicht, genauso wenig wie sie aber jederzeit die höllische Schlangengrube gewesen wäre, als die sie in einer aktuellen Fernsehserie dargestellt wird. Apropos höllisch: Die Rolle der Kirche wird ebenfalls ausführlich behandelt. Und diese war durchaus gespalten, wenn es beispielsweise um die Frage der Liebe und die Ausübung der ehelichen Pflichten ging.

Interessant ist insbesondere, dass sich die Autorin neben den bereits im Mittelalter existierenden Idealvorstellungen über das Leben am Hof mit der persönlichen Wirklichkeit der mittelalterlichen Menschen befasst. Wie sah die Realität aus? Wie fühlten und benahmen sich die Adligen des Mittelalters? Aufschluss darüber geben die zahlreichen Briefe und persönliche Aufzeichnungen aus dieser Zeit, die die Autorin den Idealen aus der Dichtung gegenüberstellt. Die Ergebnisse sind durchaus erhellend. Wer würde gerade vom englischen König Heinrich VIII. erwarten, dass er seinen Frauen tausende Liebesbriefe schrieb, um so dem Ideal des leidenden Liebhabers gerecht zu werden? Wer hätte gedacht, dass die Adligen anscheinend sogar Bauern ob ihres zwanglosen gesellschaftlichen Lebens beneideten? Diese interessanten Anekdoten (und noch viele mehr) lassen die Lektüre sehr kurzweilig werden und sorgen immer wieder für Aha-Erlebnisse.

Das Buch ist jedem zu empfehlen, der einen Einstieg in die faszinierende Welt höfischer Vorstellungs- und Lebenswelten sucht. Das Buch nimmt den Leser mit in eine Welt, die ebenso faszinierend wie fremdartig anmutet und gleichzeitig die Grundlage für das gehobene gesellschaftliche Leben in den nachfolgenden Jahrhunderten legte. Es ist dabei jederzeit sehr angenehm und unterhaltsam zu lesen und bietet dank seiner umfangreichen Literaturliste zahlreiche Möglichkeiten, tiefer in die Materie einzutauchen.

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