Die Bedeutung der Wappen für die Welt des Mittelalters

Jeder kennt sie: Die farbenprächtigen und kunstvollen Wappen, die nicht nur im Mittelalter von den Reichen und Mächtigen geführt wurden. Sie kennzeichnen nicht nur einzelne Mitglieder einer Dynastie, sie dienen in Form der  eindrucksvollen Wappenrollen auch als Nachweis einer gehobenen Abstammung. Was heute wie selbstverständlich mit dem Mittelalter verbunden wird, entwickelte sich bereits sehr viel früher. Eine Entwicklung, die keineswegs zusammen mit der Epoche ihr Ende fand. Woher kamen die Wappen? Welchem Zweck dienten sie? Welche Bedeutung besaßen sie für die Menschen des Mittelalters?

Farben im grauen Schlachtgetümmel

Schlachten stellten die Feldherren jeder Epoche vor große Herausforderungen. Sobald zwei Armeen aufeinandertrafen wurde es fast unmöglich, einzelne Truppenteile voneinander zu unterscheiden. Bereits in der Antike griffen die Befehlshaber daher auf gewisse Hilfsmittel zurück. Die Soldaten einfarbig einzukleiden war dabei nur eine Methode. Flaggen und Standarten erwiesen sich als noch wirkungsvoller. So war immerhin ersichtlich, wo sich der Standartenträger und damit hoffentlich auch der Rest seiner Einheit befand.

Diese Notwendigkeit zur Kennzeichnung war auch für die Krieger des Mittelalters vorhanden. Nachdem die Ritter komplett geschlossene Rüstungen verwendeten, wurde es umso wichtiger, anhand eines genau bestimmten Symbols erkannt werden zu können. Dies spielte sowohl dann eine Rolle, wenn es zu der Zurechnung bestimmter Heldentaten kam als auch dann, wenn es um die Gefangennahme und damit verbundenen Lösegelder ging. Zudem war es für die Kämpfer außerordentlich wichtig, Feinde und Verbündete klar voneinander unterscheiden zu können.

Besondere Bedeutung besaßen die Wappen im Zusammenhang mit dem Turnier. Vor der Teilnahme musste der Ritter seine Abstammung anhand der bereits erwähnten Wappenrolle nachweisen. Diese wurde von Herolden genau geprüft. Während der Turniere dienten die Wappen, wie auch in der realen Schlacht, zur Identifizierung der einzelnen Teilnehmer.

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Wappenrolle aus dem 15. Jahrhundert

Die Wappen des Mittelalters

Da es wesentlich mehr Adelsfamilien gab als Heere in der Antike, wurden auch die Wappen immer ausgefallener. Wenn zwei Familien das selbe Wappentier verwenden wollten, musste es sich eben farblich unterscheiden. War auch die Farbe dieselbe, griff man auf weitere Bildelemente oder Schildformen zurück. Nach und nach wurden die Wappen immer komplexer und kunstvoller. Während sie zu Beginn noch vorwiegend aus geometrischen Mustern bestanden, fanden immer mehr Tiere, Fabelwesen und sogar ganze Szenen aus bekannten Sagen ihren Weg auf die ritterlichen Schilde. Und nicht nur dorthin. Auch die Rüstung und die Waffen wurden mit Kennzeichnungen versehen. Besonders eindrucksvoll kamen die Helmzieren daher, die vor allem auf Turnieren beeindrucken sollten. Über der Rüstung trugen viele Ritter zur Zeit des Hochmittelalters zudem ein mit dem Wappen versehenes Gewand. Auch die Pferde wurden häufig mit einem farbenprächtigen Wappenrock bekleidet.

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Hartmann von Aue im Codex Manesse – Idealbild eines Ritters

Herrschaftszeichen

Wappen kennzeichneten nicht nur einen Adligen, sie zeigten auch Besitzansprüche an. Wehte ein Banner über einer Burg oder auf einem bestimmten Teil Land, zeigte dies eindeutig an, wer hier Besitz beanspruchte. Daher auch die Geste, das Banner eines Feindes zu Boden zu werfen und sein eigenes an dessen Stelle zu setzen. Könige und Kaiser konnten das Recht verleihen, ihr jeweiliges Banner zu verwenden, um die Zugehörigkeit zum Herrscher zu symbolisieren. So erlaubte Kaiser Friedrich III. der Stadt Neuss 1474, das kaiserliche Banner zu verwenden – eine deutliche Geste in Richtung des burgundischen Herzogs Karl dem Kühnen, der die Stadt belagern wollte.

Das Führen eines Wappens

Es ist kaum erstaunlich, dass schon bald bestimmte Regeln gefunden werden mussten, um der immer größer werdenden Welt der Heraldik eine gewisse Ordnung zu geben. Zunächst war wichtig festzustellen, wer überhaupt ein Wappen führen durfte. Die Regelungen gingen dabei in den verschiedenen Reichen auseinander. In einigen Ländern waren Wappen dem Adel vorbehalten, anderswo durften sogar Bauern eines führen. Im Heiligen Römischen Reich konnten der Hofpfalzgraf das Recht zum Führen eines Wappens verleihen. In England und Wales war es streng verboten, ein Wappen ohne Erlaubnis zu führen. Innerhalb eines Landes durfte es zudem kein Wappen zweimal geben. Anders sah dies bei Mitgliedern zweier verschiedener Reiche aus. In diesem Fall war es zwar ärgerlich aber durchaus möglich, dass das selbe Wappen mehrmals vorhanden war.

Erkennungszeichen und Statussymbol

Das Wappen bis in unsere heutige Zeit wichtige Funktionen erfüllen und nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben spricht deutlich für ihre Funktionalität. Gleichzeitig stellen sie eine eigene Kunstform dar, die mit ihren prachtvollen Farben und einer Vielzahl von Symbolen, Fabelwesen, Tieren und sogar Figuren den Betrachter immer wieder in Erstaunen versetzen. Im Mittelalter, einer Zeit, in der nur die wenigsten Menschen Lesen und Schreiben konnten, stellten die Wappen meist die einfachste und effektivste Methode dar, Dynastien und ihre Mitglieder schnell identifizieren zu können. Dies wurde umso wichtiger, wenn es zu Versammlungen, Kriegszügen oder Belagerungen kam. Zudem konnten Wappen als Herrschaftszeichen Verwendung finden. Ihre Bedeutung für die höfische Welt des Mittelalters kann somit gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Literatur:

Slater, Stephen: Wappen, Schilde, Helme. Eine farbig illustrierte Einführung in die Heraldik. Wien, 2004.

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