Tolkien und „Die wirkliche Mittelerde“

Über kaum ein anderes Buch ist soviel geschrieben worden wie über J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Kein Wunder, gilt dieses epochale Werk doch zurecht als Grundlage einer ganzen Literaturgattung. Tolkien schuf aber weit mehr als eine spannende Fantasygeschichte. „Der Herr der Ringe“ strotzt nur so vor Parallelen zum Westeuropa der Antike und des frühen Mittelalters. Arnulf Krause hat hierzu bereits 2012 ein interessantes Buch geschrieben: „Die wirkliche Mittelerde. Tolkiens Mythologie und ihre Wurzeln im Mittelalter“.

Die Geschichten des frühen Mittelalters als Quelle

Krause geht in seinem Buch auf die verschiedenen sagenhaften Elemente ein, die dem Leser auf seiner Reise durch Mittelerde begegnen. Er nähert sich dem Thema zunächst über die Sagenwelt Nord- und Westeuropas. Dazu zählen sowohl die Eddas und Sagas Skandinaviens als auch die Geschichten der Angelsachsen und Kelten. Kein Wunder, hat sich Tolkien hier doch wesentlich inspirieren lassen. Insbesondere der altenglische „Beowulf“ (entstanden ca. 1000) hatte es dem Oxforder Professor angetan. In diesen Geschichten finden sich Zwerge, Elben (Alben), Drachen und streitbare Götter. Wer einen genauen Blick in die alten Schriften wirft, wird zudem eine ganze Reihe von Namen wiedererkennen, die ihren Weg in den Herrn der Ringe gefunden haben.

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Die erste Seite des „Beowulf“

 

Fiktion und Realität

Geschichten entstehen immer in einem Umfeld. Dieses beleuchtet Arnulf Krause sehr detailliert. Er schlägt dabei den Bogen von den Tagen des mächtigen Imperium Romanum sowie seiner barbarischen Nachbarn bis hin zum Zeitalter der Wikinger und ihrer Eroberungen auf den britischen Inseln. Die Beschreibungen der Wanderungszüge, Siedlungs- und Herrschaftsgebiete zeigen sehr schön, woher Tolkien die Inspiration bezogen hat. So geht es beim Herrn der Ringe zunächst um eine Wanderung – wenn auch eine sehr gefährliche. Doch auch die Wanderer des frühen Mittelalters waren nach dem Untergang der Ordnungsmacht Rom zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Die Gefährten rund um den Ringträger treffen dabei auf die Relikte längst untergegangener Reiche. Krause vergleicht diesen Punkt sehr passend mit den Ruinen römischer Herrschaft, die von den neuen Bewohnern bestenfalls als Steinbruch genutzt werden. Der Verfall ist überall sichtbar, die Natur gefährlich und geheimnisvoll. Wer sich aus den festen Siedlungen hinaus bewegt, muss sehr wehrhaft sein – oder sich gut verstecken können.

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Die Siedlung – Zufluchtsort vor der unerbittlichen Natur

Brauchtümer und Heldentum

Wo viel Ungewissheit und Verfall herrscht, gewinnen Brauchtümer und mutige Menschen eine ganz besondere Bedeutung. Im Herrn der Ringe treffen viele unterschiedliche Vorstellungen und Traditionen aufeinander. Die friedlichen Hobbits treffen in rascher Folge auf bäuerlich lebende Menschen, geheimnisvolle und edle Elben, bösartige Orks, Trolle und schließlich auf die mutigen Menschen Rohans und Gondors. Diese sehen sich wiederum mit wilden Kriegern aus der südlichen Wüste und ihren furchterregenden, elefantenähnlichen Kreaturen konfrontiert. Hier treffen nicht nur Krieger aufeinander, sondern ganze Kulturen. Schließlich ist da noch das Böse an sich – Sauron und seine unzähligen Heerscharen, die aus dem Schatten zu kommen scheinen und eigentlich nicht zu besiegen sind. Letztlich triumphieren die Menschen des Westens. Arnulf Krause geht in seinem Buch mehrmals auf den Kampf zwischen dem Helden und dem Bösen ein. Ob nun Beowulf gegen Grendel oder gegen einen Drachen kämpft, immer geht es um Mut im Angesicht eines hoffnungslos überlegen erscheinenden Widersachers.

Die Welt der Fabelwesen

Besonders intensiv beschäftige sich Arnulf Krause mit den Ursprüngen der zahlreichen Fabelwesen im Herrn der Ringe. Ob friedfertige Hobbits, gefährliche Orks, zauberhafte Elben oder Grabwichte in ihren Grabhügeln – die Liste ist zu lang, um sie hier komplett aufzuzählen. Krause beschreibt, wie diese Wesen ihren Weg aus der Sagenwelt des Mittelalters in die Geschichte rund um den Einen Ring gefunden haben. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Krause auch auf die Ableitung der Namen eingeht. So sei beispielsweise bei den Elben der Ursprung bei den Alben zu suchen, die in den alten Sagen alles andere als einen guten Ruf genossen. Diese Tatsache lasse sich letztlich auch im Herrn der Ringe finden, wo die bösen Orks letztlich aus einer Pervertierung gefangener Elben zustande kamen.

Der Hobbit und die Drachen

Krause macht dann auch einen kleinen Ausflug in die Welt des Buches „Der kleine Hobbit“. Hier interessieren ihn besonders die Drachen.Während diese im Herrn der Ringe nicht vorkommen, spielt der Drache Smaug in Tolkiens Geschichte rund um Bilbo und die Zwerge eine sehr bedeutende Rolle. Der Autor geht hier vor allem auf Beowulfs Kampf mit dem Drachen und die Sagen rund um Thor und die Midgardschlange ein. Eine besondere Rolle kommt dem Drachentöter Siegfried zu, der durch seine Heldentat nicht nur den Drachen tötet, sondern letztlich einen Teil von ihm in sich aufnimmt und den berühmten Nibelungenschatz gewinnt. Krause zieht hier eine spannende Parallele zu Gollum und dem Ring, die beide erste durch das Erscheinen eines Helden wieder ans Tageslicht kommen. Er erzählt aber auch von den Ursprüngen der Drachen, die von der Bibel bis hin zu bildlichen Darstellungen reichen.

Nicht nur für Tolkien-Fans

„Die wirkliche Mittelerde“ erzählt nicht die Geschichte des Herrn der Ringe neu. Arnulf Krause führt den Leser vielmehr in die Grundlagen der Mythologie und Glaubenswelt des realen Mittelalters und der Antike ein. Sehr schön auch, dass er nicht nur die Unterschieden, sondern vor allem die Gemeinsamkeiten beschreibt und so zeigt, wie eng die Glaubenswelten Europas letztlich verknüpft waren und Grenzen spielend leicht überwanden. Krause zeigt auch auf, wie sich auf der Grundlage dieser Welten Geschichten bildeten, die in leicht veränderter Form immer wieder erzählt wurden und dabei doch immer wieder die gleichen Themen aufgriffen. Ein Aspekt, der letztlich auch für den Herrn der Ringe gilt. Fantasy-Literatur ist eben weit mehr als einfache Unterhaltung – ihre Ursprünge reichen sehr weit zurück. Ich kann dieses Buch all jenen wärmstens empfehlen, die sich mit der europäischen Mythologie beschäftigen möchten und sich für die Ursprünge unserer modernen Erzählungen interessieren.

Arnulf Krause: Die wirkliche Mittelerde. Tolkiens Mythologie und ihre Wurzeln im Mittelalter. Konrad Theiss Verlag GmbH, 2012.

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Ein Kommentar zu “Tolkien und „Die wirkliche Mittelerde“

  1. […] Daniel Ossenkop hat sich in dieser Woche mit den frühmittelalterlichen Quellen J.R.R. Tolkiens befasst. […]

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