Haithabu – Aufstieg und Fall einer nordeuropäischen Stadt

„Manche unserer Besucher wollen in diesem Museum die Welt von Haithabu als eine Abfolge bunter Bilder betrachten können, auf denen womöglich prachtvolle Wikingerhelden, hehre Frauen und viel Wikingervolk in effektvollen Szenen eines phantastischen Geschehens agieren.“1

Was Hildegard Elsner in ihrem Buch über das Museum Haithabu (dän./schwed. Hedeby) im heutigen Schleswig bereits in den frühen 90er Jahren geschrieben hat kann unverändert für alle Epochen gelten, in denen sich die Menschen mit den Völkern aus dem Norden beschäftigt haben. Auch moderne Darstellungen, wenngleich vordergründig um Authentizität bemüht, folgen zumeist den publikumswirksameren Präsentationsformen und Vorstellungen. Haithabu ist ein interessantes Beispiel dafür, wie die Menschen damals tatsächlich gelebt haben.

Gründung und erste Bautätigkeit

Ein genaues Gründungsdatum für die Siedlung lässt sich nicht ausmachen. Für 737 können erste Bautätigkeiten am Danewerk in der Region nachgewiesen werden, einem 30 km langen Wall- und Grabensystem zum Schutz vor Feinden aus dem Süden. 808 wurden Händler auf Befehl des dänischen Königs Göttrik nach Haithabu umgesiedelt. Ab 811 kann dann von einer geplanten Bautätigkeit in der Siedlung selbst sprechen.2 Das gesamte Stadtgebiet umfasste 24 ha.3

Blick auf das ehemalige Siedlungsgelände

Blick auf das ehemalige Siedlungsgelände

Wirtschaftliche Bedeutung

Aufgrund seiner Lage war Haithabu sowohl ein bedeutender Handels- als auch Militärstützpunkt. Regiert wurde es von einem sogenannten Wikgrafen, der vom König bestimmt wurde.4 Ihr Wachstum verdankt die Stadt vor allem dem Handel. Die Handelsrouten reichten bereits damals sehr weit, von Island im Nordosten bis Konstantinopel im Südwesten. Auch stießen die Händler aus dem Norden weit in den Osten vor, weit über Kiew hinaus. Transportiert wurden die Waren in großen Fässern. Entgegen mancher Vorstellungen wurde bereits mit Münzen bezahlt, die entweder gezählt (West- und Mitteleuropa) oder abgewogen (Ostseeraum) wurden. Sehr interessant sind die Preisverhältnisse. Während für ein Schwert 126 Gramm Silber fällig wurden, kostete eines mit Scheide bereits 478 Gramm. Für einen Schild mit Lanze wurde 137 Gramm gezahlt. Wer sich besser schützen wollte, musste tiefer in den Geldbeutel greifen: Ein Helm kostete 410 Gramm Silber, ein Kettenhemd 820. Eine solche Ausrüstung konnten sich nur die Reichsten leiten, zumeist Angehörige der Oberschicht. Neben Waren wurden auch Sklaven gehandelt, die entweder auf Raubzügen entführt wurden oder die Stadt auf Handelswegen erreichten.5

Handwerk und Alltag

Die Häuser in Haithabu wurden vor allem aus Holz und Lehm gebaut. Der Bau erfolgte entweder in Flecht- oder in Bohlenbauweise. Fenster gab es keine, dafür eine Feuerstelle und eine Aufteilung in mehrere Räume. Die Haushaltsgegenstände waren zum größte Teil aus Holz, Leder und gebranntem Ton gefertigt. Metalle finden sich fast ausschließlich bei Schmuck und Waffen, die sich nur die reicheren Einwohner leisten konnten.6 Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Schadstoffbelastung der Luft innerhalb eines solchen Hauses sehr hoch war – trotz des stetigen Luftzuges innerhalb der Räumlichkeiten.

Die Wege innerhalb der Stadt waren mit Holzbohlen gepflastert, auf denen die Einwohner auch bei nassem Wetter (was in dieser Region häufig vorkommt) relativ trockenen Fußes zu ihrem Ziel gelangen konnten.

Die Dinge des täglichen Lebens wurden in der Regel direkt vor Ort hergestellt. Garn wurde mit Hilfe von handbetriebenen und hängenden Spindeln hergestellt. Aus dem Garn wurden anschließend mittels Hoch- und Trittwebstühlen Stoffe gewebt. So aufwendig diese Arbeit auch war, sie verblasst noch im Vergleich zu den Leistungen der Kunst- und Waffenschmiede. Schmuckstücke wurden von Männern und Frauen getragen. Hergestellt wurden sie zumeist aus Bronze, die in entsprechende Formen gegossen und anschließend geschliffen wurde. Wirft man einen Blick auf die vielen kleinen Details auf den Stücken bekommt man einen Eindruck von dem für die Herstellung nötigen Geschick. Nicht weniger eindrucksvoll sind die Prunkschwerter, die in Gräbern entdeckt wurden. Neben den kunstvollen Einlegearbeiten an Griff und Parier sind auch die Klingen beeindruckend, die in aufwendigen Schmiedeverfahren hergestellt wurden. Der Stahl musste viele Male gefaltet werden, um vorhandene Verunreinigungen zu entfernen.7

Ernährung

Gegessen wurde in erster Linie das, was in der Region angebaut bzw. gefischt werden konnte. Die Jagd spielte nach archäologischen Erkenntnissen keine bedeutende Rolle mehr. In Haithabu gehörte dazu viel Fisch, der in den Gewässern um die Siedlung (insbesondere der Schlei) gefangen wurde. Funde deuten darauf hin, dass vor allem Hornhecht, Hering, Scholle und Dorsch verzehrt wurden. Milch und Fleisch lieferten Rinder, die damals allerdings kleiner waren als heute. Eine Kuh wog ca. 600 kg und konnte im Jahr in etwa 500 Liter Milch geben.8 Auch die Schafe waren kleiner als ihre heutigen Verwandten, allerdings auch deutlich widerstandsfähiger. Neben Fisch und Fleisch waren Roggen, Hirse und Lein die wichtigsten Nahrungsquellen. Als Ergänzung des Speiseplans wurden Beeren, Pilze, Haselnüsse und Bucheckern gesammelt. Als Getränk konnte Bier nachgewiesen werden.9

Religion und Missionierung

Entgegen einiger gängiger Vorstellungen erfolgte die Christianisierung Skandinaviens recht schnell. Dies galt insbesondere für Haithabu, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den christlichen Gebieten weiter im Süden befand. Bereits 850 wurde eine Kirche in der Siedlung gebaut. 934 wurde König Chnuba von Heinrich I. besiegt und zur Taufe gezwungen. 948 erfolgte schließlich die Gründung der Bistümer Haithabu, Ribe und Arhus.10 Interessant ist, dass trotz der Christianisierung alte und neue Religion eine Zeit lang friedlich nebeneinander existierten. So wurden Gussformen für christliche Kreuze gefunden, die auf der Rückseite Formen für Thorshämmer besaßen.11

Entsprechend des Glaubens gestalteten sich auch die Begräbnisse. So wurde sowohl ein eindrucksvolles Bootkammergrab inklusive prunkvoller Grabbeigaben entdeckt als auch christliche Gräber.12

Verteidigung

Es versteht sich von selbst, dass sich eine reiche Siedlung verteidigen können musste. Haithabu war von einem halbkreisförmigen Wall mit einer Länge von 1.300 Metern umgeben, auf dem sich eine Palisade befand.13 Wie schon die Preise für Waffen und Rüstung deutlich machen, dürfen wir uns die Ausrüstung der Krieger als recht spartanisch vorstellen. Eine komplette Ausrüstung dürfte nur von Mitgliedern der Oberschicht getragen worden sein. Dies gilt ebenso für Schwerter. Der normale Krieger zog eher leicht gerüstet in die Schlacht, mit Axt, Speer und Schild. Auch Bögen wurden effektiv eingesetzt.

Das Ende Haithabus

Nach und nach verlor die Siedlung immer weiter an Bedeutung. Im späten 10. Jahrhundert war die Region vor allem Austragungsort von Schlachten der deutschen Könige gegen die Dänen. Für 1020 können letzte Neubauten in Haithabu nachgewiesen werden. 1050 wurde es durch den norwegischen König Harald Hardrade zerstört, 1066 erneut durch westslawische Truppen. Es wurde nicht wieder neu errichtet. Stattdessen begann man mit dem Aufbau der Stadt Schleswig.14 Dort kann heute im Wikingermuseum Haithabu Einblick genommen werden in eine faszinierende Epoche nordeuropäischer Geschichte.

Was bleibt?

Letztlich zeigt die Geschichte Haithabus den wahren Charakter des mittelalterlichen Nordens. Eine Gesellschaft, in der sich friedlicher Handel und Eroberungszüge nicht ausschlossen, der Krieg aber nicht der allein bestimmende Faktor war. Ein großer Teil der Bevölkerung lebte vor allem von Landwirtschaft, Handel und Handwerk. Die oft so romantisch-rustikal dargestellten Häuser des Nordens waren dunkel, zugig und schadstoffbelastet. Das Christentum wurde recht schnell übernommen, ohne den alten Glauben an Odin und Thor sofort aufzugeben. Stattdessen gab es eine zeitweise Koexistenz der Religionen. Ressourcen waren stets knapp, insbesondere für die Herstellung von Waffen und Rüstungen. Das Bild des Drachenbootes, aus dem zahlreiche Krieger in voller Rüstung springen, kann also nicht stimmen. Vielmehr zogen die Wikinger mit relativ einfacher Ausrüstung in den Kampf. Genauso ist das Bild der unbesiegbaren Elitekrieger in den Bereich der Mythen und Legenden einzuordnen.

Dennoch ist es bemerkenswert, wie gut die Menschen in der rauen Umgebung überleben konnten. Auch zeugen die weitreichenden Handelsbeziehungen von einer Globalisierung, die bereits sehr modern anmutet. Auch die Existenz eines Münzsystems zeigt die Modernität des Handels.

Rekonstruierte Häuser im Wikingermuseum Haithabu

1cf. Elsner (1992). S. 7.

2Vgl. Ebd. S. 14.

3Vgl. Ebd. S. 13.

4Vgl. Ebd. S. 16.

5Vgl. Ebd. S. 96.

6Vgl. Ebd. 25ff.

7Vgl. Ebd. S. 39-66.

8Vgl. Ebd. S. 70-71.

9Vgl. Ebd. S. 69.

10Vgl. Ebd. S. 14.

11Vgl. Ebd. S. 86.

12Vgl. Ebd. S. 74-75.

13Vgl. Ebd. S. 13.

14Vgl. Ebd. S. 14.

Literatur:

Elsner, Hildegard. Wikinger Museum Haithabu: Schaufenster einer frühen Stadt. Neumünster, 1992.

In eigener Sache:“Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

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Ein Kommentar zu “Haithabu – Aufstieg und Fall einer nordeuropäischen Stadt

  1. […] “Das Mittelalter – der Blog” findet sich diese Woche ein Beitrag über Haithabu und das zugehörige […]

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