Belagerungsmaschinen des Mittelalters – Der Trebuchet

Beim Angriff auf befestigte Stellungen bieten sich meist mehrere Möglichkeiten, diese zu überwinden. Bereits die Armeen der Antike verfügten hierfür über eine Vielzahl an Hilfsmitteln. Neben Leitern, Rammböcken, Rampen und Stollen stellten vor allem Wurfmaschinen wirksame Mittel dar, um entweder Bauwerke zu Fall zu bringen oder die feindliche Armee mit Geschossen auf dem Schlachtfeld zu begrüßen. Sie waren in der Lage schwere Projektile über weite Entfernungen zu schleudern und sollten für lange Zeit auf den Schlachtfeldern zu finden sein. Grund genug, einen genaueren Blick auf diese technisch hoch komplexen Maschinen zu werfen.

Die ersten „Trebuchets“ – noch per Hand betrieben

Unter den verschiedenen Wurfmaschinen nimmt der Trebuchet eine besonders prominente Stellung ein. Die ersten Maschinen dieser Art wurden in Byzanz und im nahen Osten gebaut und verwendet, bevor sie ihren Weg nach West- und Nordeuropa fanden. In Byzanz wurden die Katapulte „petraboles“ genannt. Diese funktionierten zunächst noch nicht durch Gegengewichte. Stattdessen wurde der Wurfarm durch Muskelkraft an am vorderen Teil des Wurfarmes angebrachte Seile nach unten gezogen und das Geschoss somit auf seinen unheilvollen Weg gebracht. Dabei spielte es eine wichtige Rolle, ob die Seile an der Vorderseite des Wurfarmes horizontal oder vertikal befestigt waren. Im ersten Fall war eine höhere Genauigkeit möglich, da die Kraft aller Seile gleichzeitig den Wurfarm erreichte. Bei einer vertikalen Befestigung war dagegen die Verwendung schwererer Projektile möglich – oder eine höhere Schussweite. Die beim Ziehen entwickelte Kraft wurde später noch durch erste, kleinere Gegengewichte erhöht. Das Gewicht eines einzelnen Projektils stieg von max. 30 kg auf 50 kg. Ab dem 12. Jahrhundert wurden fast nur noch Maschinen verwendet, die ausschließlich über Gegengewichte betrieben wurden. (Vgl. Nossov 2012, S. 164-169)

Der Trebuchet in Europa – Aufbau und Funktionsweise

Die Wurfmaschinen kamen erst im späten 12. Jahrhundert nach Europa. Diese Maschinen beeindrucken noch heute durch ihre geschickte Konstruktion, die mit Sicherheit von Experten vorgenommen werden musste. Ein stabiler Stand war unerlässlich. Zu diesem Zweck erhielt jeder Trebuchet ein solides hölzernes Fundament in Form einer Raute, aus der nach vorne und hinten noch einmal Pfosten herausragten. Mehrere Pfosten stützten nach oben hin die zwei Pfähle, zwischen denen der Wurfarm montiert wurde, wobei sich der längere Teil nach hinten erstreckte. Während vorne ein großes Gegengewicht angebracht wurde, befand sich am hinteren Ende des Arms die Schlinge für die Geschosse. Mit Hilfe von Flaschenzügen und Hebeln konnte der Wurfarm nach erfolgreichem Schuss wieder nach unten gezogen werden. In schussbereiter Position lag die Schlinge mit dem Geschoss in einer Schiene die dafür sorgte, dass der Schuss in möglichst gerader Linie nach vorne erfolgte. Löste die Geschützmannschaft den Wurfarm, zog das Gegengewicht den Wurfarm schnell nach oben. Die Schlinge mit dem Geschoss glitt durch ihre Schiene, schwang über den Wurfarm und entließ ihre tödliche Fracht hoffentlich in Richtung Feind. Der Wurfarm pendelte durch und war bereit für den nächsten Durchgang. (Vgl. Nossov 2012, S. 170/175)

Trebuchet (Rekonstruktion)

Trebuchet (Rekonstruktion)

Schussweite

Ähnlich beeindruckend wie das Erscheinungsbild sind die Abmessungen, Gewichte sowie die Schussleistung des Trebuchets. Im besten Fall konnten Geschosse mit einem Gewicht von 100 kg verschossen werden. In diesem Fall musste das Gegengewicht vier Tonnen schwer sein, um eine maximale Entfernung von 154 Metern zu erreichen. Neben dem Gegengewicht waren aber auch die Länge des Wurfarmes sowie die Form von Schlinge und Projektil entscheidend. (Vgl. Nossov 2012, S. 176-177)

Arten von Geschossen

Grundsätzlich konnte alles verschossen werden, was sich am Wurfarm anbringen ließ. Felsen, bearbeitete Steine, Brandbomben, Kadaver und auch Bienenkörbe lassen sich in den Quellen finden. Entscheiden war in erster Linie was durch den Beschuss erreicht werden sollte und was vor Ort vorhanden war oder herangeschafft werden konnte. Für die Zerstörung von Mauern waren runde Geschosse sinnvoll. Beim Beschuss einer Armee dagegen waren flächendeckende Methoden eine gute Idee, wobei auch hier Steine sehr effektiv sein konnten.

Ablösung durch Kanonen und Bombarden

Auch nach der Entdeckung des Schwarzpulvers in Europa im 14. Jahrhundert blieben die hölzernen Wurfmaschinen noch bis ins 15. Jahrhundert in Gebrauch, am Ende sogar Seite an Seite mit den Kanonen. Die effektive Schussentfernung der neuen Artillerie betrug allerdings im 15. Jahrhundert bereits 200 Meter und mehr. Außerdem wurde sie immer durchschlagskräftiger. Doch insbesondere in Sachen Schussfrequenz blieb der Trebuchet den Bombarden zunächst überlegen. Mit ihnen waren nur wenige Schuss pro Tag möglich. Darüber hinaus benötigte der Trebuchet kein Pulver, dass bei Belagerungen im Spätmittelalter regelmäßig knapp wurde. Letzten Endes war zu dieser Zeit aber bereits klar, welcher Waffe die Zukunft gehören würde. Ständige Weiterentwicklungen sorgten schließlich dafür, dass die Pulverwaffen ihre mittelalterlichen Vorgänger verdrängten.

Bombarden aus dem Jahr 1434; mit Steinkugeln

Bombarden aus dem Jahr 1434; mit Steinkugeln

 

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.

 

In eigener Sache:“Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

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3 Kommentare zu “Belagerungsmaschinen des Mittelalters – Der Trebuchet

  1. […] “Das Mittelalter – Der Blog” widmete sich Daniel Ossenkop einer Belagerungsmaschine des Mittelalters, dem Tribok oder […]

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  2. […] Im Hoch- und Spätmittelalter, bis zum Aufkommen zuverlässiger, großkalibriger Kanonen, war der Tribok oder die Blide (engl./frz. trebuchet) die effektivste und am meisten gefürchtete Belagerungswaffe. Heutzutage beeindrucken Vorführungen mit Nachbauten in Originalgröße noch immer, und dass die Schleudern nichts von ihrer Gefährlickhkeit eingebüßt haben, bewies in dieser Woche die Zerstörung eines Bootshauses bei Warwick Castle durch ein brennendes Geschoss aus einer solchen Blide. Engl. Beschreibung mit Video, Links etc. auf medievalhistories.com. Siehe auch den bereits früher schon verlinkten Beitrag auf Das Mittelalter- Der Blog von Daniel Oss…. […]

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  3. […] Feuer wurde außerdem mit der Hilfe von Trebuchets auf Befestigungen geschleudert. Zu diesem Zweck wurde es in zerbrechliche Kugeln gefüllt, […]

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