Wikingerbegräbnisse – Met und Kampf nach dem Tod?

Die Frage danach, was den Menschen nach dem Tod erwartet, ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Antwort darauf unterscheidet sich jedoch häufig, ist nach Religion und Kulturkreis verschieden. Noch schwieriger wird es, wenn sich im Laufe der Jahrhunderte religiöse Vorstellungen vermischen und den Blick auf die ursprüngliche Version erschweren. Wenn es um die Begräbnisse im vorchristlichen Skandinavien geht, tritt dieser Fall häufig ein. Heute begegnet dem Interessierten häufig das gängige Vorurteil, dass sich alle toten Wikinger in der Halle Odins in Walhalla wiederfinden werden, um immerwährend zu kämpfen und sich den Met aus riesigen Trinkhörnern in den Rachen zu schütten.

"Walhall" von Emil Doepler, 1905.

„Walhall“ von Emil Doepler, 1905.

In der Realität des Frühmittelalters sahen die Vorstellungen allerdings ein klein wenig anders aus. Nicht ein Leben nach dem Tod erschien wichtig, sondern die zu Lebzeiten vollbrachten Taten:

„Besitz stirbt, Sippen sterben,

Du selbst stirbst wie sie;

Eins weiß ich, Das ewig lebt;

Des Toten Tatenruhm.“1

Dies bedeutete jedoch nicht, dass es keinen Glauben an ein Leben nach dem Tod gegeben hätte. Es heißt aber, dass längst nicht alle darauf hoffen konnten, in Odins Methalle auf Ragnarök warten zu dürfen. Dieses Privileg war den ruhmreich im Kampf gefallenen Kriegern vorbehalten.2 Kein Wunder, schließlich waren für den Kampf am Ende der Welt die besten gerade gut genug. Dies stellte nebenbei bemerkt keine Diskriminierung von Frauen dar, die bei den Skandinaviern durchaus mit in den Kampf zogen.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Der Eingang nach Walhall, bewacht von Heimdall, 17. Jhd.

Neben Walhalla existierte noch „Hel“, ein dunkler Ort, an dem die restlichen Toten ein ewiges Dasein fristen müssen.3 Auch wenn Hel sehr an das englische „Hell“ erinnert, handelte es sich nicht um eine Hölle nach christlichem Verständnis. Vielmehr geht es dort relativ unspektakulär zu, die Toten erwarten hier das Ende aller Zeiten. Einem stolzen Krieger wäre aber der Aufenthalt in Hel wohl ähnlich unerträglich vorgekommen.

Die frühen Skandinavier glaubten außerdem daran, dass sie in körperlicher Form ihr neues Leben antreten würden. Dies steht im Gegensatz zu christlichen Vorstellungen, die von einem Weiterleben der Seele ohne den Körper ausgehen. Als Konsequenz fanden sich in Wikingergräbern Grabbeigaben, wie man sie auch aus anderen Kulturkreisen kennt. Je höher der soziale Stand, desto besser waren die Gräber ausgestattet. Fürsten und Könige wurden in großen Grabhügeln bestattet, inklusive Langschiff, Pferden, Waffen, Schmuck, Hunden, Vieh, Dingen des alltäglichen Lebens und sogar von einigen Dienern begleitet.4 Diese wurden im Rahmen des Begräbnisses getötet. Dabei musste dies nicht immer unter Zwang geschehen. In vielen Fällen begleiteten sie ihre Herren freiwillig ins nächste Leben. Eine Entscheidung, die die Tiere freilich nicht treffen konnten.

Das Schiff musste nicht zwangsläufig in einen Grabhügel eingebettet werden. Der islamische Schreiber Ahmed ibn Fadlan beschreibt, dass das Schiff nach der entsprechenden Ausstattung mit Beigaben in Brand gesetzt wurde.

Es wurden aber nicht immer Grabhügel aufgeschüttet oder gar ganze Schiffe eingegraben bzw. verbrannt. Es gab auch den Brauch, aus großen Steinen Schiffsformen um ein Grab herum zu formen. Symbolisch sollten aber sowohl die richtigen Langschiffe als auch ihre Entsprechungen aus Stein den oder die Toten ins Jenseits bringen, wo es ihnen an nichts mangeln sollte.5 Die tapferen Krieger benötigten insbesondere ihre Waffen, um Odin an Ragnarök im letzten Kampf beistehen zu können.

"Kampf der untergehenden Götter" von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

„Kampf der untergehenden Götter“ von Friedrich Wilhelm Heine, 1882.

Die alten Bräuche verschwanden, nachdem sich das Christentum mehr und mehr in Skandinavien ausbreitete. Interessant sind die zahlreichen Parallelen, die es zu Kulturen des Altertums gibt. Schiffe für die Seelen finden sich beispielsweise auch bei den alten Pharaonen. Darstellungen von sogenannten Totenschiffen finden sich sogar später noch in der christlichen Mythologie. Die Ausstattung der Toten für das nächste Leben begegnet den Archäologen bei einer Vielzahl von Kulturen, wenn auch hier die alten Ägypter eines der bekanntesten Beispiele sind. Und auch beeindruckende Grabmonumente lassen sich überall auf der Welt finden. Das Führen des richtigen Lebens, das Vollbringen ruhmreicher und guter Taten war ebenso universell wichtig. Dennoch scheint insbesondere das Christentum eine große Faszination auf die Skandinavier ausgeübt zu haben. Die Verheißung eines ewigen Lebens in Seligkeit für alle Menschen, nicht nur für die tapferen Krieger, sowie die Abkehr von einer nicht unwesentlich durch Gewalt geprägten Glaubenswelt scheinen für die Skandinavier ähnlich reizvoll gewesen zu sein wie für die germanischen Stämme vor ihnen.

1cf. Sörensen (2001). S. 226.

2Vgl. Ebd. S. 226-227.

3Vgl. Ebd. S. 226.

4Vgl. Ebd. S. 227.

5Vgl. Ebd. S. 227-228.

Literatur:

Sörensen, Preben Meulengracht. Alte und neue Religion. In: Peter Sawyer (Hg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 212-234.

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