Der Reiterkrieger – Entstehung, Bedeutung und Mythos

Kaum ein Ideal war derart prägend für Europa wie das des edlen und tapferen Ritters. Noch heute begegnet uns dieses Bild in vielerlei Gestalt. Wissenschaft und Pop-Kultur beschäftigen sich gleichermaßen mit einem Ideal, dass sich über viele Jahrhunderte erhalten hat und heute, genau wie damals, Menschen in seinen Bann zieht.

Den Ritterstand gab es bereits in der Antike, auch wenn es sich hierbei nicht um Ritter im mittelalterlichen Sinne handelte. Doch bereits in Rom handelte es sich hierbei um Menschen, die besondere Privilegien genossen, über ein gewisses Vermögen verfügten und vor allem beritten waren.  Die Meister der Reiterei waren aber zu dieser Zeit andere. Vor allem die verschiedenen Reitervölker der östlichen Steppen, in der Spätantike allen voran die Hunnen, sind hier zu nennen. Pferde spielten außerdem für Kelten und Germanen eine wichtige Rolle. Insbesondere die Gallier verfügten über eine schlagkräftige Reiterei, während die Kelten Britanniens Streitwagen einsetzten. Die germanischen Ubier dienten bereits unter Gaius Julius Cäsar als berittene Hilfstruppen. Insbesondere die Römer waren auf derartige Hilfe angewiesen, da sie selbst über keine schlagkräftige Kavallerie verfügten. Diese frühe Kavallerie war allerdings noch nicht in der Lage, wuchtige Frontalangriffe auszuführen. Sie war in erster Linie für die Aufklärung, schnelle Überfälle und die Verfolgung fliehender Gegner zuständig. Auch diente sie als Plattform für Fernkampfangriffe. Die Germanen hatten die Technik perfektioniert, Speere vom Rücken der Pferde zu werfen. Sie ritten im Kreis, warfen ihre Speere und nahmen am anderen Ende des Kreises neue auf. So konnte ein kontinuierlicher Speerhagel aufrechterhalten werden.

Im Osten stießen die zu Fuß kämpfenden Legionen Roms an ihre Grenzen, als sie unter der Führung von Marcus Licinius Crassus 53 v.Chr. in das Partherreich einmarschierten und von berittenen Bogenschützen und schwer gepanzerten Reitern vernichtet wurden, obwohl sich diese in der Unterzahl befanden. Hier offenbarte sich bereits der deutliche strategische Vorteil, der sich in offenem Terrain durch Kavallerie erreichen ließ.

Kataphrakt der Sassaniden

Kataphrakt der Sassaniden, Spätantike

Die gepanzerten Reiter, auch Kataphrakte genannt, wurden zunächst von Parthern und Sarmaten eingesetzt. Diese wurden in der Spätantike auch von den Römern als Hilfstruppen angeworben. Später wurden sie insbesondere im oströmischen Reich und danach in Byzanz weiterentwickelt. Diese Reiter und ihre Pferde waren komplett in Schuppenpanzer gehüllt. Gekämpft wurde mit Lanze, Reiterschwert und  Schild. Aufgrund des hohen Gewichts der Ausrüstung waren sie allerdings nicht so schnell wie die leicht gepanzerten und wendigen leichten Reiter.

Römischer Kataphrakt

Römischer Kataphrakt

In Europa waren es vor allem die Hunnen, die mit einer gefährlichen Reiterei große Gebiete erobern konnten. Sie führten vor allem eine wichtige Neuerung ein: Den Steigbügel. Durch ihn wurde es möglich, sich auch ohne Hilfe der Hände auf dem Pferd zu halten. Auch gab er Angriffen mit der Lanze eine größere Wucht. Nach und nach entwickelten auch die germanischen Stämme ihre Reiterei weiter. Mit ihr war es möglich, weite Raubzüge in die römischen Provinzen zu unternehmen, die nur noch unzureichend durch schwache Grenzgarnisonen verteidigt wurden. Als Reaktion darauf nahmen die römischen Kaiser immer mehr germanische Verbände als Hilfstruppen in ihre Dienste und siedelten ganze Stämme auf römischem Gebiet an. Fürsten der Germanen übernahmen bald wichtige militärische Posten in der römischen Armee und damit in der Politik. Entgegen der Erwartungen der Kaiser führte dies jedoch nicht dazu, dass diese Anführer persönliche Feindschaften gegenüber anderen Stämmen vergaßen oder sich den Prämissen der römischen Politik komplett unterordneten.

Nach dem Fall des römischen Reiches übernahmen die einstigen Barbaren die Kontrolle über die ehemaligen Provinzen. Im Westen entstand das Frankenreich. Das Westgotenreich in Spanien war zu dieser Zeit bereits zusammengebrochen und von nordafrikanischen Muslimen in Besitz genommen worden. Nachdem Spanien unter ihrer Kontrolle stand, überquerten sie im 8. Jahrhundert die Pyrenäen und fielen im Frankenreich ein. Unter der Führung des fränkischen Hausmeiers Karl Martell stellten sich ihnen in drei verschiedenen Schlachten (Tour und Poitiers, Avignon, Fluss Berre) Truppen der Franken, Friesen, Sachsen und Langobarden entgegen. Sie waren letztlich in der Lage, die islamische Expansion in Westeuropa zu stoppen. Karl der Große unternahm 778 einen Feldzug nach Spanien. Zu bedeutenden Ergebnissen führte dieser nicht. Karl musste abziehen. Auf dem Rückweg wurde seine Nachhut von Basken eingekesselt und vernichtet – die Vorlage für das berühmte Rolandslied, dass die Schlacht zu einem heroischen Kampf gegen die Ungläubigen stilisiert. Interessanterweise werden aber auch die muslimischen Krieger zu einem nicht unerheblichen Teil als ritterliche Kämpfer dargestellt, die prachtvoll ausgestattet auf Pferden in die Schlacht ziehen.

Fränkische Reiter

Fränkische Reiter

Die Franken verfügten zu dieser Zeit bereits über die bekannten Panzerreiter. Dies waren Adlige, die in Kettenhemd und Helm mit Lanze, Schwert und Schild als Reiter in die Schlacht zogen. Diese Ausrüstung war sehr teuer. Zudem war ein hohes Maß an Können notwendig, um auf diese Weise effektiv kämpfen zu können. Das Feudalsystem ermöglichte es den Adligen, diesen Lebensstil zu finanzieren. Ihre jeweiligen Ländereien samt den dort arbeitenden Leibeigenen machten die Ausrüstung verschieden großer Kontingente möglich.

Bei der Eroberung Englands durch Wilhelm I. 1066 spielten die Panzerreiter eine wichtige strategische Rolle, wenngleich in der Schlacht von Hastings ihre Grenzen offenkundig wurden. Ihre direkten Angriffe auf den angelsächsischen Schildwall waren nicht erfolgreich. Dennoch, als sich die Formation des Feindes auflöste, brachte ihr Einsatz den Sieg über die zu Fuß kämpfenden Angelsachsen. Auf dem Teppich von Bayeux ist sehr schön zu sehen, wie die Reiter ausgerüstet waren und wie sie angriffen. Sie trugen ein knielanges Kettenhemd, einen Nasalhelm, bis zu den Knien reichende Langschilde sowie einhändige Schwerter und Lanzen, die zu dieser Zeit noch über dem Kopf gehalten wurden. Die Pferde selbst waren nicht gepanzert. Dies führte in der Schlacht zu Problemen. Oft wurden nicht die Kämpfer selbst verwundet, sondern deren Pferde getötet – mit unangenehmen Folgen für ihre Reiter.

Angriff der normannischen Panzerreiter

Angriff der normannischen Panzerreiter

Nach und nach entwickelte sich die Waffentechnik weiter. Die Rüstungen wurden immer umfangreicher. Zunächst wurde damit begonnen, exponierte Körperstellen mit Eisenplatten zu schützen. Aus der Antike war bereits der Schuppenpanzer bekannt. Im 13. Jahrhundert kam der Plattenrock in Gebrauch. Hier wurden Eisenplatten an der Innenseite eines Überwurfs angebracht, die den Torso schützen sollten. Zu dieser Zeit wurden zudem mehr und mehr geschlossene Helme verwendet. Nun begann sich auch die Entwicklung der Heraldik, um sich auch in voller Rüstung beim Turnier oder auf dem Schlachtfeld erkennen zu können. Die Entwicklung der Rüstungstechnik gipfelte in den herausragend gearbeiteten Plattenrüstungen des Spätmittelalters. Besonders Stücke aus Augsburg und Mailand waren bekannt und beliebt. Diese Rüstungen waren nicht nur ein hervorragender Schutz, sie waren auch sehr kunstvoll gearbeitet. Schließlich wollte der Ritter auch in der Schlacht gut aussehen. Diese Rüstungen waren nicht schwer zu tragen. Sie wurden auf Maß gefertigt und schränkten die Bewegungen nur unwesentlich ein.

Neben der Ausrüstung änderte sich auch die Strategie und Kampfesweise. Die Ritter entwickelten sich zu schweren Reitern, die in geschlossenen Reihen mit angelegten Lanzen angriffen. Wichtig war, dass die Reihen komplett geschlossen waren. Dies war die Hochzeit des Ritters im Krieg. Es gab zwar weiterhin Fußsoldaten und Bogenschützen, allerdings war der Ausgang der Schlacht in vielen Fällen vom Erfolg des Reiterangriffs abhängig. Die Wucht dieses Angriffs konnte die gegnerischen Reihen aufbrechen und eine Panik auslösen. Die Niederlage war dann meist nur noch eine Frage der Zeit. Dennoch sollte die Wirkung dieser Kampfweise nicht überbewertet werden. Klug agierenden Gegnern gelang es immer wieder, diese Sturmangriffe zu stoppen oder sie ins Leere laufen zu lassen. Ein bekanntes Beispiel für die Überschätzung der ritterlichen Schlagkraft stellt die Schlacht von Hattin dar. Sultan Saladin lockte die Armee der schwer gepanzerten Kreuzritter in die Wüste, machte die Wasserstellen unbrauchbar und ließ Hitze und Durst das gegnerische Heer schwächen. Danach war es für die leichten und wendigen Sarazenen ein leichtes, es zu vernichten.

Bereits im hohen Mittelalter kam es zu bedeutenden Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Infanteriewaffen. Die Entdeckung des Schwarzpulvers im 14. Jahrhundert führte zum Bau von Waffen, gegen die auch die besten Rüstungen wirkungslos waren. Armbrustschützen waren schon vorher die gefährlichsten Feinde für die Ritterschaft. Auch wenn sie eine geringe Schussfrequenz besaßen, waren die Bolzen dieser Waffe in der Lage, so gut wie jede Rüstung zu durchschlagen. Die Armbrust wurde also nicht zufällig im 12. Jahrhundert von kirchlicher Seite für den Einsatz gegen Christen verboten. Dies bedeutete jedoch nicht, dass sie daraufhin auch wirklich verschwand. Im Hundertjährigen Krieg erschien mit dem englischen Langbogen eine Waffe, die auf den ersten Blick nicht wirklich neu war. Bögen gehören zu den ältesten Waffen der Menschheit. Die Art, wie sie von den Engländern eingesetzt wurde sowie die besondere Spannkraft der Langbögen ermöglichten Siege über zahlenmäßig überlegende Armeen. Kriegsbögen verfügten in den meisten Fällen über eine Stärke von über 100 Pfund. Ein geübter Schütze war nicht nur zielsicher über weite Entfernungen, sondern konnte ca. 11 Pfeile pro Minute verschießen. In der Schlacht von Azincourt 1415 standen dem englischen König Heinrich V. 7.632 Langbogenschützen zur Verfügung.[1] Die französische Armee, die größtenteils zu Fuß über ein schlammiges Feld vorrückte, wurde also theoretisch in einer Minute mit 83.952 Pfeilen überschüttet. Diese Zahl wurde lediglich durch die nicht allzu reichhaltigen Vorräte an Munition begrenzt. Für die berittenen Franzosen kam erschwerend hinzu, dass die Bogenschützen angespitzte Pfähle vor sich in den Boden getrieben hatten, die den ersten und entscheidenden Aufprall der Reiter abwehren konnten.

Wagenburg, 15. Jahrhundert

Wagenburg, 15. Jahrhundert

So kam es zur sogenannten Infanterierevolution. Die Bedeutung des berittenen Kämpfers nahm ab, da die Fußsoldaten immer effektive Mittel und Wege fanden, die wuchtigen Angriffe der Ritter zu stoppen. Im Spätmittelalter wurden mit Pulver betriebene Schusswaffen in großem Stil verwendet. Die Böhmen erfanden die Wagenburg und spezielle Kriegswagen, die Schutz vor den Reitern boten. Im Boden verankerbare Pavesen ermöglichte es, schnell und jederzeit einen Schutzwall aufbauen zu können. Die Schweizer setzten auf eine Kombination aus langen Spießen und Hellebarden, mit denen Rüstungen durchschlagen und Reiter vom Pferd geholt werden konnten. Kriegshämmer waren eine weitere effektive Waffe gegen die Plattenrüstung. Auch die Kombination aus Pikenieren und Schützen stellte eine effektive Kombination dar, die auch nach dem Mittelalter noch Verwendung finden sollte.

Während die Schlachtfelder des späten Mittelalters mehr und mehr von Infanterie beherrscht wurden, nahm die Bedeutung der Turniere für den Adel deutlich zu. Die Tjoste im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert sind berühmt für ihre außergewöhnliche Pracht. Hier konnten die Ritter weiterhin ihren Traditionen nachgehen und sich als die Krieger darstellen, als die sie seit jeher in der Literatur dargestellt wurden.

Turnier in München, um 1500

Turnier in München, um 1500

Auch wenn die militärische Bedeutung der Ritter abnahm, sozial bildeten sie weiterhin eine elitäre Gruppe. Doch auch hier bekamen sie Konkurrenz, meist durch reiche Kaufleute. Selbst diese begannen nun, sich wie Ritter zu kleiden und eigenen Turniere abzuhalten Was sich aber erhielt und bis heute besteht ist der Mythos des Rittertums. Der oft zitierte Ehrenkodex der Ritter stellt Ehre, Pflichtgefühl, Minne und gottgefälliges Verhalten an erste Stelle. Auch wenn es diese Werte durchaus gegeben hat, sind sie durch die Literatur seit dem Mittelalter überhöht worden. Die Ritter des Mittelalters waren in erster Linie Krieger, die Menschen töteten und sich entsprechend ihres hohen Standes prachtvoll in Szene setzten. Interessant ist, dass sich der Mythos bis heute fast unverändert erhalten konnte und begeisterte Anhänger findet. Es scheint zu allen Zeiten ein großes Bedürfnis nach Menschen gegeben zu haben, die über dem Schlechten und den Abgründen der menschlichen Zivilisation stehen und dem Bösen mutig und entschlossen entgegen treten.

[1] Vgl. Ossenkop, Daniel (2011). S. 10.

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Ein Kommentar zu “Der Reiterkrieger – Entstehung, Bedeutung und Mythos

  1. […] Bereits am 21. Dezember veröffentlichte Daniel Ossenkamp M.A. auf “Das Mittelalter – Der Bl…. […]

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