Grundlagen der nordischen Mythologie im Mittelalter

Die Religion der skandinavischen Völker im frühen Mittelalter ist ein immer wieder behandeltes Thema. Dies gilt nicht nur für wissenschaftliche Texte, sondern in besonderem Maße für die Populärkultur, die die überlieferten Geschichten dieser Zeit immer wieder aufgreift. Dieser Artikel soll einen kurzen Überblick über die Grundzüge der nordischen Mythologie liefern, ohne dabei die skaldische und eddische Dichtung im Detail wiederzugeben. Dementsprechend wird auch nicht auf alle Charaktere dieser faszinierenden Geschichte eingegangen, die in ihrer Gesamtheit den Rahmen eines Blogeintrages sprengen würde.

Schriftliche Überlieferungen aus der Welt des mittelalterlichen Skandinaviens sind vor allem (wenn auch nicht ausschließlich) von schriftkundigen Christen erhalten. Der wichtigste Autor ist hier Adam von Bremen, der in seinem Werk „Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificium“ (1070) über die heidnischen und barbarischen Völker im hohen Norden berichtet. Bereits 832 war die Erzdiözese Hamburg gegründet worden, um die Missionierung in Norden und Osten voranzutreiben.[1] Dementsprechend kamen Bewohner des Nordens recht frühzeitig mit dem Christentum in Kontakt. Dies bedeutete aber keineswegs, dass sie die neue Religion sofort übernahmen. Vielmehr gab es eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz.[2]

Trotz ihrer vorwiegend mündlichen Tradition waren die Nordmänner und -frauen des Schreibens mächtig. Seit dem 1. oder 2. Jahrtausend n.Chr. verfügten sie über die Runenschrift.[3] Mit ihr wurden die Lieder und Sagas festgehalten, die erst später in lateinische Schrift übertragen wurden.

Die gegenwärtige Welt

Der von den Menschen bewohnte Teil der Welt wird als Midgard bezeichnet. Die Götter oder Asen leben in Asgard, wobei den Göttern bestimmte Wohnsitze zugeordnet sind:

Thor: Thrudheim (Welt der Macht)

Odin: Valhall (Halle der gefallenen Krieger)

Freyja: Folkvangr (Schlachtfelder)

Frigg: Fensalier (Sumpfhallen)

Baldr: Breidablik (starker Glanz)

Heimdall: Himinbjörg (himmlische Berge)

Loki: Er ist ein ausgesprochener Sonderfall. Sein Vater war ein Riese, seine Mutter eine Göttin. Er ist zwar auf der einen Seite Verbündeter Odins. Auf der anderen Seite zeugt er u.a. die Weltenschlange, die einst Thor töten wird. Auch kämpft er an Ragnarök auf der Seite der Kräfte des Chaos.

Yggdrasil, die Weltenesche

Yggdrasil, die Weltenesche (aus einer isländischen Schrift aus dem 17. Jhd.)

In der Mitte von Asgard wächst Yggdrasil, die Weltenesche. Ihr Stamm bildet die Achse von Zeit und Raum. Ihre drei Äste berühren den Himmel, ihre drei Wurzeln umspannen die Erde. Eine Wurzel durchläuft die Welt der Menschen, eine die der Riesen (Jotonheimr), unter einer liegt die Unterwelt. Neben der Esche befindet sich der Brunnen Urdrs. Diese entscheidet zusammen mit Verdandi und Skuld über das Schicksal. Diese Frauen werden auch als die drei Nornen bezeichnet.[4]

Der Schöpfungsmythos, der Kosmos und Ragnarök

Zeit spielt eine zentrale Rolle in der nordischen Mythologie. Alles ist vergänglich, insbesondere die Weltenesche, an der Würmer und Hirsche kontinuierlich fressen. Die Völuspá, das erste Götterlied aus dem „Codex Regius“, erzählt uns von den vier Phasen der Existenz.

  • Schöpfung
  • Zeit bis zum Weltenende
  • Ragnarök
  • Neue Welt

Vor der Schöpfung existierte nur Chaos, das Ginnungagap. Aus diesem Chaos entstand das Wesen Ymir (das Tosen). Unter seinem Arm entstanden Mann und Frau, seine beiden Füße zeugten Kinder. So wurde die Familie der Riesen erschaffen. Außer Ymir existierte eine Kuh namens Audhumbla, aus deren Euter sich Ymir ernährte. Sie leckte an einem Salzstein und erschuf so eine menschenähnliche Frau. Diese bekam einen Sohn namens Borr. Er heiratete die Riesin Bestla. Dieses Paar zeugte drei Söhne:

  • Odin (Intellekt)
  • Vili (Wille)
  • Vé (das Heilige)

Dies waren die ersten Asen. Sie töteten Ymir und erschufen aus seinem Leichnam den Kosmos. Sein Fleisch wurde die Erde, sein Blut die Meere, seine Knochen die Berge, sein Schädel das Firmament und sein Gehirn die Wolken. Durch seine Ermordung machten sich die Asen allerdings seine Familie, die Riesen, zum Feind. Hierin liegt ihre andauernde Feindschaft begründet.

Auf diese Art erschufen die Asen eine Idealwelt nach ihren Wünschen. Dann wurde diese von drei Riesinnen angegriffen, die das Schicksal und den Tod in die Welt brachten. Doch erweckten sie auch eine schöpferische Kraft, die die Menschheit hervor brachte. Doch beginnt nun auch die Zeit zu laufen und Ragnarök kommt unaufhaltsam näher.

Thor kämpft gegen die Weltenschlange (Emil Doepler, ca. 1905).

Thor kämpft gegen die Weltenschlange (Emil Doepler, ca. 1905).

An Ragnarök zerfällt alles. Die Götter fallen im Kampf gegen verschiedenen Ungeheuer (Thor wird beispielsweise durch die Weltenschlange getötet). Die Welt geht in Flammen auf und versinkt schließlich in den Meeren. Doch ist dies nicht das Ende. Es entsteht eine neue Welt mit einer neuen Genration von Göttern und Menschen, die nun endlich in Glückseligkeit leben können.[5]

Die neue Welt (Emil Doepler, ca. 1905).

Die neue Welt (Emil Doepler, ca. 1905).

[1] Vgl. Meulengracht Sørensen, Preben (2001). S. 212.

[2] Vgl. Ebd. S. 213.

[3] Vgl. Ebd. S. 214.

[4] Vgl. Ebd. S. 220.

[5] Vgl. Ebd. S.221-222.

Literatur:

Meulengracht Sørensen, Preben: Alte und neue Religion. In: Sawyer, Peter (Hrsg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 212-234.

In eigener Sache: “Das Mittelalter – Der Blog” ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

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Ein Kommentar zu “Grundlagen der nordischen Mythologie im Mittelalter

  1. andigehe sagt:

    Sehr sehr schöner Grundlagentext, hoffe damit einige Leute ein bisschen aufklären zu können, die ihr ganzes Wissen nur aus Marvelverfilmungen haben. Dankeschön!

    Gefällt mir

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